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Isabella von Aegypten

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Michael Pullen
globaltraveler5565@yahoo.com





Isabella von Aegypten
Achim von Arnim


Kaiser Karl des Fuenften erste Jugendliebe

Erzaehlung (1812)


Braka, die alte Zigeunerin im zerlumpten roten Mantel, hatte kaum ihr
drittes Vaterunser vor dem Fenster abgeschnurrt, wie sie es zum Zeichen
verabredet hatte, als Bella schon den lieben, vollen, dunkelgelockten Kopf
mit den glaenzenden, schwarzen Augen zum Schieber hinaus in den Schein des
vollen Mondes streckte, der gluehend wie ein halbgeloeschtes Eisen aus dem
Duft und den Fluten der Schelde eben hervorkam, um in der Luft immer
heller wieder aus seinem Innern heraus zu gluehen. "Ach, sieh den Engel",
sagte Bella, "wie er mich anlacht!"

"Kind", sprach die Alte und ihr schauderte, "was siehst du?"

"Den Mond", antwortete Bella, "er ist schon wieder da, aber der Vater ist
wieder nicht nach Hause gekommen. Alte, diesmal bleibt der Vater gar zu
lange aus, doch ich hatte schoene Traeume von ihm in der letzten Nacht, ich
sah ihn auf einem hohen Throne in Aegypten, und die Voegel flogen unter ihm,
das hat mich getroestet."

"Du armes Kind", sagte Braka, "wenn's nur wahr waere, hast du denn was zu
essen und zu trinken bekommen?"


"O ja", antwortete Bella, "der Nachbar hat seine Aepfelbaeume geschuettelt,
da sind viele Aepfel in den Bach gefallen, die habe ich aufgefischt, wo sie
in den Wurzeln am krummen Ufer stecken geblieben, auch hatte der Vater,
ehe er ausging, mir ein grosses Brot herausgelassen."

"Daran tat er recht", weinte die Alte, "er hat kein Brot mehr noetig, sie
haben ihn vom Brot geholfen."

"Liebe Alte, sprich", bat Bella, "mein Vater hat sich doch nicht Schaden
getan bei den starken Mannskuensten? Fuehr mich hin zu ihm, ich will ihn
pflegen. Wo ist mein Vater? Wo ist mein Herzog?"

So fragte Bella zitternd, und die Traenen fielen ihr aus den Augen durch
den Mondschein auf harte Steine nieder

waer ich ein ziehender Vogel gewesen, ich haette mich niedergelassen und
meinen Schnabel eingetunkt und sie zum Himmel getragen, so traurig und so
ergeben in seinen Willen waren diese Traenen.

"Sieh dort", schluchzte die Alte, "auf dem Berge steht ein Dreifuss,
dreibeinig, aber nicht dreieinig. Gott weiss nichts von ihm, und doch
heisst er das hohe Gericht, wer vor dem Dreifuss vorbeikommt, der kann noch
lange leben, das Fleisch, was da die Sonne kocht, das wird in keinen Topf
gesteckt, es haengt daran, bis wir es abnehmen. Sei ruhig, du armes Kind,
und schrei nur nicht, dein Vater haengt da oben, aber sei nur ruhig, wir
holen ihn diese Nacht und werden ihn in den Bach werfen mit allen Ehren,
wie ihm zukommt, dass er hinschwimme zu den Seinen nach Aegypten, denn er
ist auf frommer Wallfahrt gestorben. Nimm diesen Wein und dieses Toepfchen
mit Schmorfleisch, halte ihm ein Totenmahl in deiner Einsamkeit, wie es
sich geziemt."

Bella konnte vor Schrecken kaum fassen, was sie ihr reichte. Die Alte
fuhr fort: "Halt doch fest, dass es nicht faellt, wein dir nicht die Augen
aus, denk daran, dass du jetzt unsre einzige Hoffnung bist, dass du die
Unsern, wenn unser Geluebde vollbracht, zurueckfuehren sollst; denk auch, dass
dir jetzt alles gehoert, was dein Vater besessen, sieh nur in seiner Kammer
zu, da hast du den Schluessel, da wirst du viel finden. Ja, bald haette ich
es vergessen, als er mir den Schluessel gab, sagte er, du moechtest dich vor
seinem schwarzen Simson nicht fuerchten, der Hund wuerde es schon wissen,
dass er dir gehorchen muesse und dich nicht mehr beissen duerfe; dann sagte er
noch, du solltest nicht traurig sein, er sei lange am Heimweh krank
gewesen und nun werde er gesund, da er heimkomme. Das sagte er--und da
hast du einen Hutkopf voll Milch, die habe ich einer Kuh auf der Weide
ausgemolken, die gehoert zum Totenmahle. Gute Nacht, Kind!"

Die Alte ging, und Bella sah ihr nach wie einem boesen Briefe, der ihr vor
Schrecken aus der Hand gefallen, und den sie doch gern ganz wissen moechte;
sie waere lieber mitgegangen, aber sie zauderte in ihrer Traurigkeit und
scheute das rauhe Volk, was sie da antreffen wuerde, so sehr sie es liebte.

Die Zigeuner waren damals in der Verfolgung, welche die vertriebenen Juden
ihnen zuzogen, die sich fuer Zigeuner ausgaben, um geduldet zu werden,
schon suendlich verwildert; oft hatte Herzog Michael darueber geklagt und
alle seine Klugheit angewendet, sie aus dieser Zerstreuung nach ihrem
Vaterlande zurueckzufuehren. Ihr Geluebde, so weit zu ziehen, als sie noch
Christen faenden, war geloest, denn sie waren schon aus Spanien vom
Weltmeere zurueckgekehrt; nur der Wunsch nach der neuen Welt hielt sie in
der alten, die nur Krieger, keine Pilger hinuebersetzen wollte. Das
Zurueckfuehren nach Aegypten war aber bei der zunehmenden Tuerkenmacht, bei
der Verfolgung ueberall, bei dem Mangel an Gelde unendlich schwer. Schon
hatte der Herzog, was sonst ihre Nationalbelustigung war, Proben von
Staerke und Geschicklichkeit (wie sie schwere Tische auf ihren Zaehnen im
Gleichgewichte trugen, wie sie sich springend in der Luft ueberschlugen
oder auf den Haenden gingen), alles das, was sie mit dem Namen der starken
Mannskuenste bezeichneten, zu ihrer Erhaltung zu benutzen gesucht, aber von
einem Gebiete ins andre zurueckgedraengt, erschoepften sich diese
Erwerbsquellen, und auch die Besseren, wenn selbst das Wahrsagen nicht
mehr galt, sahen sich gezwungen, ihre aermliche Nahrung zu stehlen oder mit
jagdfreien Tieren, wie Maulwuerfe und Stachelschweine, fuerlieb zu nehmen.
Da fuehlten sie erst recht innerlich die Strafe, dass sie die heilige Mutter
Gottes mit dem Jesuskinde und dem alten Joseph verstossen, als sie zu ihnen
nach Aegypten fluechteten, weil sie nicht die Augen des Herrn ansahen,
sondern mit roher Gleichgueltigkeit die Heiligen fuer Juden hielten, die in
Aegypten auf ewige Zeit nicht beherbergt werden, weil sie die geliehenen
goldnen und silbernen Gefaesse auf ihrer Auswanderung nach dem gelobten
Lande mitgenommen hatten. Als sie nun spaeter den Heiland aus seinem Tode
erkannten, den sie in seinem Leben verschmaeht hatten, da wollte die Haelfte
des Volks durch eine Wallfahrt, so weit sie Christen finden wuerden, diese
Hartherzigkeit buessen. Sie zogen durch Kleinasien nach Europa und nahmen
ihre Schaetze mit sich, und so lange diese dauerten, waren sie ueberall
willkommen; wehe aber allen Armen in der Fremde.

Das musste voraus berichtet werden, jetzt zu unsrer Geschichte zurueck. Ein
neuer Haufe, unter denen Happy und Emler, waren vor acht Tagen aus
Frankreich ohne alles Geld angekommen, der Herzog entschloss sich, zu ihrem
Unterhalt selbst seine Kuenste wieder einmal zu zeigen, er ging mit ihnen
in ein Wirtshaus, und als er eben zu aller Bewunderung acht Maenner auf Arm
und Schultern trug, kam das Geschrei, der Happy sei gefangen, er habe zwei
Haehne im Hofe gestohlen, und im Fortgehen habe ihn ihr Kraehen verraten,
und Michael, der Herzog, sei bloss darum im Zimmer geblieben, um die Leute
heranzulocken. Die Genter Buerger verziehen wegen ihres Reichtums keinen
Diebstahl; vergebens stellte sich Herzog Michael, als ob er den Happy im
Augenblicke erschiessen wollte, er selbst und Emler wurden mit dem Happy
verhaftet und als Diebe zum Strange verurteilt; damals gab es ein strenges
Recht gegen die Zigeuner, sie totzuschlagen, wo sie sich finden liessen.
Michael beteuerte umsonst seine und Emlers Unschuld vor dem Gerichte und
sprach: "Uns geht es wie den Maeusen, hat eine Maus den Kaese angenagt, so
sagt man, die Maeuse sind's gewesen, da geht's an ein Vergiften und Fangen
aller, so sind wir Zigeuner jetzt nirgends mehr sicher als am Galgen!"

Dieser sichre Ort wurde ihm durch das Gesetz, und er weinte schmerzliche
Traenen aus der Hoehe zur Erde, dass er, der letzte maennliche Erbe seines
hohen Hauses, so ehrlos und unschuldig umgebracht werde; da schloss sich
seine Kehle bis zum juengsten Tage, wo er seine Klage gegen die
Unbarmherzigkeit der Reichen vortragen wird, die ein Menschenleben gegen
die Sicherung ihrer toten Schaetze gering achten, da wird das Strick so
wenig durch ein Nadeloehr gehen wie ein Kamel, und so werden die Reichen
nicht eingehen ins Himmelreich, wo Bella ihren Vater wiederfindet.

Als Bella wieder zu sich gekommen, rief sie mehr als einmal: "Also das hat
mir der Traum bedeuten sollen, dass mein Vater erhoeht wurde, ja wohl ist er
jetzt erhoehet in den Himmel und weiss von uns nichts mehr oder alles!"

Der schwarze Hund kam jetzt gegen seine Gewohnheit von der Kammertuer,
legte sich ihr zu Fuessen und heulte. "Also du weisst es auch schon,
Simson?" fragte sie ihn, und der Hund nickte. "Willst du mir kuenftig
dienen?" Der Hund nickte wieder, lief ans Fenster und kratzte. Bella sah
hinaus, der Schieber war offen geblieben: sie sah die Gestalt ihres Vaters
fernglaenzend schweben, und ploetzlich sank er hinunter. "Jetzt haben sie
ihn heruntergenommen, jetzt halten sie ihm ein Ehrenmahl, ich muss auch
unter freien Himmel zum Totenmahl."

Mit dem Weinkruge und dem Brote, den schwarzen Hund zur Seite, trat sie in
den verwuesteten Garten; das Haus war schon seit zehn Jahren der Gespenster
wegen unbewohnt geblieben, denn so lange hatten die Zigeuner sich darin
eingenistet und den Besitzer, einen reichen Kaufmann der Stadt, der es
sich als Sommersitz eingerichtet hatte, daraus zurueckgeschreckt, bis er
selbst wegen eines Bankerotts eingesteckt und sein Vermoegen fuer die
Glaeubiger in bekannter Nachlaessigkeit verwaltet wurde. Jetzt hatten sie
unter dem Schwert der Gerechtigkeit vollkommene Ruhe, dort zu hausen, nur
durften sie sich am Tage nicht zeigen, waehrend ihnen nachts alle Leute aus
dem Wege gingen. So trat das bleiche, schoene Kind wie ein Gespenst zur
Haustuere hinaus, und der Waechter in den nahen Gaerten fluechtete sich bei
ihrem Anblick in eine entfernte Kapelle, um betend den heiligen Schutz des
Glaubens zu fuehlen. Bella wusste nicht, dass sie erschreckte, die Trauer um
den Verlust ihres einzigen Gedankens, ihres Vaters, ueber den sie sich ganz
vergessen hatte, machte sie stumpfsinnig, sie wusste nichts als die Regeln
der alten Braka genau zu erfuellen; es war ihr das Liebste, dass sie noch
etwas zu ihres Vaters Ehre tun konnte. Sie breitete also, wie es bei
Totenmahlen ihres Volkes gewoehnlich, ihren Schleier ueber einen Feldstein
aus, setzte zwei Becher und zwei Teller darauf, brach ihr Brot fuer beide,
goss Wein in beide Becher, stiess mit den Bechern an, leerte den ihren und
schuettete den Becher des Toten in den schwimmenden Bach, der sich in
geringer Entfernung von dem Hause in die Schelde verlor. Und wie sie dies
erste Opfer in den Fluss schuetten wollte, da rauschte es in der Flut und
tauchte empor, als ob ein grosser Fisch, der in dem Strome keinen Raum
hatte, auftauchte und emporschwaemme, der Mond trat hinter dem Hause hervor,
und sie sah ihres Vaters bleiches Angesicht, auf seinem Haupt die Krone,
welche ihm die Zigeuner aufgesetzt hatten, ehe sie ihn in das fliessende
Wasser warfen. Und wie die Welle mit dem teuren Haupte kreiste, so ging
dem armen Kinde der Kopf um; sie glaubte, er lebe noch, er suche sich aus
dem Wasser zu retten, sie sprang hinein und hielt ihn fest, der schwarze
Hund hielt aber sie am Rocke fest und stemmte sich gegen das Ufer; so
wurde sie in sinnloser Trauer festgehalten und konnte weder den Leichnam
ans Ufer bringen, noch mit ihm fortschwimmen ins Meer. Endlich kam Braka
zurueck, und da ihr an der Tuere nicht aufgemacht worden, schlich sie in den
Garten, wo sie das wunderbare Bild wie versteinert sah, den kraeftigen
Michael im Totenhemde mit der glaenzenden silbernen Krone, ueber ihm das
bleiche Maedchen, die schwarzen Locken ueber ihm hinwallend, an ihrem Kleide
gehalten von dem schwarzen Hunde mit feurigen Augen. Die Alte musste nach
ihrer Art lachen, weil es etwas so Seltsames war, ungeachtet es ihr sehr
zu Herzen ging und sie nicht von Herzen, sondern nur mit dem duerren Munde
wie ein Hungernder lachen musste; dann sprang sie hinzu, hob das Maedchen
mit Gewalt ans Ufer und sprach: "Lass ihn ziehen, er weiss seinen Weg besser
als du!"

Bei diesen Worten zog die Leiche still hinunter, und der Mond ging unter
Wolken, und Bella sank in die Arme der Alten.

Vier Wochen des Schmerzes waren vergangen, die Alte konnte ihrer eigenen
Sicherheit wegen nicht alle Tage kommen, und Bella langeweilte sich mit
dem Hunde, dessen Kuenste sie nicht mehr sehen mochte, der ewig schlief,
oder, wenn gegessen wurde, wedelte, sich leckte, kratzte; sie kam endlich
darauf, womit andere Erben anfangen, den Nachlass der Verstorbenen zu
durchsuchen. Sie schloss die geheime Kammer auf, nicht ohne Schrecken und
Ehrfurcht, aber ihre Erwartung war getaeuscht; da waren keine seltene
Kleider und Kostbarkeiten, meist nur Buendel von Kraeutern, Saecke mit
Wurzeln, einige Steine, lauter Dinge, von denen sie nichts verstand, weil
der Vater ihrem kindischen Wesen keine Achtsamkeit fuer das Geheime
zugetraut hatte. Endlich fand sie doch in einer Kiste alte Schriften, die
sie durchblaettern konnte, manche mit koestlichen Siegeln geziert, auf
wunderlichem Papier in fremder Sprache, die sie aber noch nicht gelernt
hatte, andre aber niederlaendisch-deutsch, das sie wohl schreiben und lesen
konnte, da ihre Mutter, aus einem alten Hause der Grafen von Hogstraaten
mit Michael entflohen, diese Liebe zur alten Sprache ihrem Manne und ihrem
Kinde zugebracht hatte. Sie nahm diese Buecher und las eben nachts, denn
bei Tage schlief sie, um alles Geraeusch zu vermeiden, als Braka ihr durch
eine zahme Ohreule, mit der sie sich seit einiger Zeit herumtrieb, ein
dreimaliges Zeichen gab, dass sie eingelassen sein wollte. Bella sprang
unwillig von ihrem Buche auf, das merkwuerdige Zauberhistorien enthielt,
und wie Braka eingetreten, setzte sie sich wieder stillschweigend dabei
nieder, dass die Alte ganz boese ihre Haende in die beiden Seiten stemmte:
"Nun, kriegt die alte Braka heut keinen Gruss, keinen Kuss? ja wenn die
Kinder klein sind, so wissen sie kaum, was sie einem alles fuer Liebes und
Gutes antun sollen, aber kaum fangen sie an, was vollstaendig zu werden, da
haben sie keine Ohren mehr fuer alles Gute, was man ihnen tun moechte; nun,
den Kuchen sollst du heute nicht bekommen, wenn du mich nicht recht darum
bittest, habe darum eine halbe Stunde beim Baecker warten muessen, der
sollte heute auf des Prinzen Tisch, die Magd wird sich schoene wundern,
wenn sie beim Baecker zum Abholen kommt und er schon fort ist."

"Wenn ich dich auch nicht bitte", sagte Bella, "du hast doch keine Ruhe,
bis ich ein Stueck davon gegessen; gib nur her und sei nicht boese. Ich bin
heute bei meines Vaters Buechern gewesen und habe da so schoene Geschichten
gefunden, dass ich gern ein Gespenst werden moechte." Die Alte sah in das
Buch hinein und sagte: "Es ist doch sonderbar, dass ich so alt bin und kann
nicht lesen, und du bist nur so ein Kuckindiewelt und kannst es schon; nun
hoer einmal, wenn du Lust hast, ein Gespenst zu werden, du kannst dazu
kommen, das faellt mir soeben ein, und wir koennen es brauchen."

"Was ist denn, du siehst ja so bedenklich aus?"

"Sieh nur, Bella", fuhr die Alte fort, "es ist auch keine Kleinigkeit, was
dir bevorsteht: denk nur, Prinz Karl ist gestern vor diesem Gartenhause
mit seinem Lehrer Cenrio vorbeigeritten und hat gefragt, wie es kaeme, dass
es so verschlossen und verfallen aussaehe. Cenrio hat ihm erzaehlt, wie die
Gespenster alle Kaeufer und Mieter abgeschreckt haetten, alles, wie du es
weisst; wie dein Vater einen, der sich durchaus hier niederlassen wollte,
mit Ruten gehauen; die vielen Eulen, die er in einer Kammer eingesperrt
hatte und sie einem andern um den Kopf fliegen liess, nun, du weisst alles;
der Prinz aber, statt dass er dadurch geschreckt worden, schwur, dass er
ganz allein eine Nacht in diesem Hause schlafen und die Geister bald
vertreiben wolle. Was fangen wir nun an? es kann jede Nacht geschehen,
dass er in dies Haus kommt, und seine Leute werden die Ausgaenge sicher so
besetzen, dass keiner von den Unsern heraus- oder hereinkann."

"Hoer, Braka", sprach Bella, "den Prinzen moechte ich doch gern sehen, ich
habe so viel von ihm gehoert, wie schoen er ist und wie edel, wie er fechten
und reiten kann."

"Du denkst nun schon wieder an den Prinzen und nicht an unsre Not", fuhr
Braka fort; "hast du wohl Geschick, das Gespenst zu spielen? Das koennte
dich retten!"

"Warum nicht", meinte Bella, "aber wie soll ich's anfangen?" und las
weiter in ihrem Buche. "Sieh, Kind", sprach die Alte, "er kann in keinem
andern Zimmer schlafen, als in dem schwarzen mit den goldenen Leisten,
neben welchem das geheime Kaemmerlein deines Vaters versteckt ist, denn die
andern Zimmer haben alle mehr Eingaenge, da ist es ihm nicht so sicher,
auch steht nur in diesem eine Bettstelle. Nun sieh, wenn du merkst, dass
er stille, dass er eingeschlafen, so schleich aus der Kammer heraus, leg
dich zu ihm ins Bette, und ich schwoer dir, dass er vor Angst davonlaeuft und
nie wiederkommt; sollte er aber Mut behalten und dich festhalten, sieh, so
kostet es dir ja nur eine Luege, dass du aus Liebe zu ihm eingedrungen, und
dein Glueck ist vielleicht gemacht."

"Ja, Alte", sagte Bella und las weiter, "wie du meinst, du musst das
verstehen, ich weiss nichts davon."

"Aber sag mir nur, wo du das verfluchte Buch herbekommen hast", fragte die
Alte weiter, "wenn ich mit dir ernsthafte Sachen rede, denkst du an nichts
als an das Buch."

"Ich hab es aus des Vaters Kammer geholt", sagte Bella, "es liegen da noch
mehrere, nimm dir auch eins."

"Wenn du es erlaubst", sagte die Alte, "so gehe ich gern einmal herein;
ich habe mich immer gefuerchtet, es dir zu sagen, ich wusste nicht, ob dein
Vater es nicht verboten."

"Geh nur", sagte Bella, "du wirst sonst nicht viel finden."

Die Alte ging mit einer gescheiten Neugierde; an der Tuere bat sie Bella,
den schwarzen Hund wegzurufen, der immer vor der Kammertuer lag und niemand
als Bella einzulassen Befehl hatte. Bella rief ihn zu sich, und die Alte
ging ohne Aufenthalt in die Kammer. Als sie drin war, lachte Bella, wies
den Hund wieder zur Kammertuer und versteckte sich, um den Schreck der
Alten zu sehen; es war ein Prinzessinnenspass, aber sie war auch
liebenswuerdig wie eine Prinzess und war von je wie eine Prinzess verehrt
worden. Nicht lange nachher wollte die Alte mit einem grossen
Kraeuterbuendel und mit einem Sacke zur Tuere hinaustreten, aber der schwarze
Hund machte ihr ein Paar feurige Augen und zeigte die Zaehne; sie trat
erschrocken zurueck und rief nach Bella in grosser Angst. Zu gleicher Zeit
hoerten sie ein ungewohntes Getrappel von Pferden vor der Tuere, Menschen,
welche ueber den Hof kamen, und Bella fluechtete sich erschreckt mit dem
Lichte und den Speisen und mit dem Hunde zur Alten in die Kammer, die sie
verschlossen, um dort in aller Stille abzuwarten, ob dies der Prinz
gewesen sei, der seinen Kampf gegen die Gespenster ausfechten wollte. Sie
hatten sich nicht geirrt, es war Karl, der kuenftige Beherrscher einer Welt,
in der die Sonne nie untergeht, in der ersten Frische des vollendenden
Wuchses, der in das verlassene Zimmer kam. Bella konnte ihn durch ein
verstecktes Tuerloch recht deutlich sehen, ihr war nie so etwas vorgekommen;
sie hatte nur braune Zigeuner gesehen, lustig und heftig; dieser aber
trat so grossmuetig einher, so sanft in geuebter Kraft, sie wusste, dass er es
war, der kuenftige Herrscher, noch ehe ihn seine Begleiter als Prinz
gegruesst. Sein Hochmut entzueckte sie, mit dem er Cenrio zurueckwies, der
die Wette zuruecknehmen wollte, weil er behauptete, der Prinz habe durch
seine Anwesenheit bewaehrt, dass er sie wirklich ausfuehren wolle. Der Prinz
warf aber rasch sein schwarzsammetnes Barett auf den Tisch, breitete
seinen Regenmantel ueber die Bettstelle und befahl Cenrio, auf die Umgebung
des Hauses zu wachen und ihm ein paar brennende Kerzen im Zimmer
zurueckzulassen, er sei muede. Cenrio empfahl ihm, das Zeichen mit der
Pistole nicht zu vergessen, wenn er jemand beduerfte; oder im Fall diese
versagte, dabei besah er das Schloss, so wuerde sein Rufen schon genuegen, da
er einen Soldaten unter dem Fenster ausstellen und selbst in der Naehe
wachen wuerde. Der Prinz meinte, er moechte sich das Wachen und Bewachen
ersparen, in seinem Panzerhemde, mit gutem Degen bewaffnet sollte ihm so
leicht niemand gefaehrlich werden; die Ammenmaerchen von Geistern schreckten
ihn aber nicht mehr. Cenrio verliess das Zimmer. Der Prinz stuetzte sich
auf die Hand und lallte ein Lied, um wach zu bleiben; dann streckte er
sich aufs Bette und sang wieder, indem er einschlummerte; da das Bette der
Kammer gegenueberstand, konnte Bella ihn deutlich sehen und die Worte
vernehmen:

Komm, lieblich schwarze Nacht,
Und druecke schiessende Sterne,
Wie Siegel deiner Macht,
Als Zeichen meiner Ferne,
In meine mutige Brust,
Dass aller Funken Lust
Aus kuenftigen Kronen geschmiedet,
Mich wecke, den Dienen ermuedet.


Sie sitzt auf dunklem Thron,
Ihr ruhet auf wolkigem Kissen
Die ewig schimmernde Kron'.--
O moecht' ich die Liebliche kuessen!
Und machte der Venus Stern
Die einzige Nacht mich zum Herrn,
Dann koennt' ich die Erde umwallen,
Mit allen Kronen,--mit allen.


"Der ist einmal ungeduldig, dass er zur Regierung komme", sagte die Alte
mit leiser Stimme zu Bella. Seine Augen sanken nieder und sein Haupt. Er
war eingeschlafen, und Bella starrte noch immer zu ihm hin und konnte sich
nicht satt sehen; die Alte aber hatte schon ihren Anschlag gefasst. Die
Waffen, Degen und Pistole, lagen vor dem Bette des Prinzen, die sollte
Bella erst leise holen und dann den Geist spielen und sich zu ihm legen;
aber nur mit Muehe beredete sie das Maedchen dazu, Schuh und Struempfe
auszuziehen, damit sie leise gehen koenne, und ihr Kleid auszuziehen, damit
sie nirgends anstossen moege, und musste sie fast zur Kammertuer hinausstossen,
die sie vorsichtig nur anlegte, um ihr den Rueckzug zu sichern. Das alte
Weib hatte sicher eine boese Absicht bei diesem Vorschlage: das Kuppeln war
lange ihr Hauptgeschaeft, und diesmal konnte sie auf einmal das Glueck aus
dem niedern Stande emporreissen. Bella ahndete von dem allen nichts, es
war ihr lieb, den Prinzen in der Naehe zu sehen, darum untersuchte sie
nicht lange, ob der Vorschlag der Alten wirklich vernuenftig angelegt sei.
Sie trat also mit grosser Sorgfalt an das Bette des Prinzen, der so fest
schlief, dass sie mit Sicherheit seine Waffen haette forttragen koennen; die
Alte sah beide mit Freuden an. Bella nach Art der Zigeuner in eine blaue
Leinewand statt des Hemdes gewickelt, die von einem goldnen Guertel
festgehalten wurde, hatte die runden, blendenden Arme etwas scheu nach dem
Prinzen ausgestreckt, die zierlichen, leisen Tritte der schimmernden Fuesse
hinziehend zu ihm, aus ihren unzaehligen Locken tausend Glueckslose auf ihn
taumelnd in tausend suessen Blicken, bis der Mund sich nicht mehr halten
konnte und auf den Mund des Prinzen niedersank. Bis jetzt war ihr alles
gelungen, der Prinz aber, von dem Kusse erweckt, vor den erschreckten
Augen von tausend Phantomen seines Traumes wie mit gluehenden Kugeln
umstuermt, sprang mit hoechstem Ungestueme auf und stuerzte atemlos schreiend
in das Nebenzimmer; seine Pistole, seinen Degen, alles hatte er vergessen,
solch ein Grauen wohnt in der Tiefe des hochmuetigsten Menschen vor der
unnennbaren Welt, die sich nicht unsern Versuchen fuegt, sondern uns zu
ihren Versuchen und Belustigungen braucht. Bella war so entsetzt von
seinem Abscheu, dass sie sich stumm und willenlos der Alten ueberliess, die
sie rasch durch die versteckte Tapetentuere in die Kammer trug. Bald
darauf kam der Prinz mit Cenrio und einigen Soldaten zurueck, die in
Wahrheit alle groessere Lust hatten, draussen zu bleiben, als einzudringen.
Wer so etwas nicht empfunden hat, wird es nicht glauben, aber ein Gespenst
schlaegt eine ganze Armee in die Flucht, denn was einem braven Manne
uebermaechtig furchtbar ist, das ist es im Durchschnitte fuer alle. Der
Prinz zeigte noch den meisten Mut; er schwur laut: "So schrecklich die
schwarzen Schlangen an dem Haupte waren, ein schoeneres Antlitz habe ich
nie gesehen, ungeachtet der ungeheuren Groesse in dem besten Verhaeltnisse,
einen gluehenden Knopf trug es an der Brust; aber jetzt ist nichts hier bei
der heiligen Mutter Gottes, leuchtet nur unter das Bette; will keiner dran,
so muss ich's selbst tun: hier auch nichts; so war's denn doch ein
Gespenst, Cenrio, und ich habe meinen Tuerkensaebel an Euch verloren, Cenrio;
wuesste ich nur, was das liebe Gespenst verlangt haette, bei Gott, ich
bleibe hier, seht, es faellt mir erst jetzt alles wieder ein. Sind meine
Lippen nicht verbrannt? ich schwoere Euch, es hat mich gekuesst, dass mir vor
Seligkeit das Herz stieg. Cenrio, ich will hier bleiben, will es fragen,
was es von mir begehrt!"

Cenrio schwur, dass er es nach diesem Schrecke des Prinzen seiner
Gesundheit wegen nicht zugeben duerfe, der Prinz selbst liess sich nicht
lange bitten, diese harte Probe seiner Herzhaftigkeit aufzugeben. Er war
nicht beschaemt, da alle bleich und erschreckt umhersahen und beim
leisesten Geraeusch zusammenfuhren, auch konnte er jetzt noch, ohne dass
Adrian, der bei seinen Buechern sass, etwas davon gemerkt haette, nach Hause
kommen. Die Alte war nicht ganz zufrieden mit dem Entschluss, indessen
wusste sie das Gute davon doch noch vollstaendig zu nutzen, um sich und den
ihrigen das Haus zu sichern, denn kaum war die Haustuere von den rasch
auswandernden Gaesten verlassen, so sprang sie zum Schrecken der guten
Bella wie eine Rasende aus der Kammer, schlug mit allen Tueren heftig auf
und zu, warf alle Tische um, dass die Abziehenden in stiller Angst ihre
Pferde bestiegen und, ohne sich umzublicken, nach der Stadt ritten, wo sie
auf ewige Zeiten durch vergroessernde Erzaehlungen den Geisterruf des
Gartenhauses bestaerkten. Der Prinz musste noch in derselben Nacht mit
einem Fieber fuer sein Wagestueck buessen. Der liebliche Kopf der Bella
schwebte ihm darin vor, das Fieber verriet ihn, indem es ihm eine falsche
Wahrheit zeigte, und er beichtete es mit grosser Betruebnis am anderen
Morgen dem Adrian, wie er in ein Gespenst verliebt sei. Das war eine
koestliche Gelegenheit fuer diesen, dem Kaiser Maximilian die Sorge fuer das
Lateinlernen seines Enkels besonders uebertragen hatte, ihm zur Busse eine
grosse Menge Vokabeln aufzugeben, die auch der Prinz mit einigem Erfolge
gegen den naechtlichen Eindruck brauchte.

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