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Isabella von Aegypten

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Als dieses abgetan und alle sich entlassen glaubten, sagte Karl ernsthaft,
dass er jetzt, wo er sein eigner Herr werde, ein Strafgericht ueber seinen
gewesenen Hofmeister Adrian eroeffnen muesse, insbesondre, ob derselbe seine
geistlichen Geluebde der Keuschheit gewissenhaft erfuellt habe. Alle sahen
sich verwundert an, und Adrian, der einen solchen Ton im Erzherzoge nicht
gehoert hatte und seiner Unschuld sich bewusst glaubte, verlor so gaenzlich
sein kaltes Blut, dass er zornig ein geistliches Gericht verlangte, um sich
der strengsten Pruefung zu unterwerfen.

"Wir wollen nicht richten", sagte Karl, "sondern nur die Zeugen verhoeren,
denn diese koennte uns die geistliche List entziehen!"

Bei diesen Worten gab er das verabredete Zeichen, und Bella trat in der
Livrei des Kardinals schuechtern in die Versammlung. Der Kardinal wird im
Augenblicke sichtbar rot; die uebrigen wissen nicht, was der Knabe
vorzubringen habe, bis der Erzherzog den Kardinal auf sein Gewissen fraegt:
Ob dieses sein Diener? ob es ein Knabe? ob er es gewusst, dass es ein
Maedchen? ob dieses Maedchen nicht in seinem Bette geschlafen

Adrian hatte seine Fassung so ganz verloren, dass er kein Wort vorbringen
konnte; keine von den vielen Spitzfindigkeiten, die er in seinem Leben
durchdisputiert hatte, fiel ihm zu seinem Schutze ein. Er sagte endlich,
dass er nichts antworten wolle, es sei eine Verschwoerung gegen ihn, seine
Gutmuetigkeit werde hart bestraft. Laenger konnten weder der Erzherzog noch
Bella seine Verlegenheit ansehen. Der Erzherzog nahm Bella lachend in
seinen Arm und rechtfertigte ihn vor der Versammlung, indem er sagte, dass
er ihn angefuehrt habe, dass er ihm eine Geliebte zur Aufwartung gegeben, um
sie sich selbst naeher zu ruecken. Adrian atmete wieder nach dieser Rede;
die Versammlung ruehmte das fruehe Liebesgeschick des Erzherzogs. Chievres,
der Karl gern zum Liebhaber seiner Frau gemacht haette, um ihn desto mehr
in seine Gewalt zu bekommen, versicherte laut, er wuerde seine Frau nicht
mehr mit ihm allein lassen. Der Erzherzog bat unterdessen Bella, dass sie
zur Frau von Chievres, die im Schlosse wohnte, gehen und sich recht
kostbar moechte ankleiden lassen, dann sollte sie mit derselben in die
Versammlung zurueckkehren, noch habe er einige Akten fuer Adrians Abreise zu
unterzeichnen.

Diese Ausfertigungen waren nur ein Vorwand, sich selbst eine Zeit der
Ueberlegung zu verschaffen; streitige Wuensche teilten seine Seele: was er
der Liebe, was er seinem Stande schuldig, ob er eine Herzogin von Aegypten
heiraten duerfe, ob es nicht seinen Thron unsicher mache. Diese Beratung
in ihm war noch nicht beendigt, als Bella in einem prachtvollen, silbernen
Kleide, das mit roten Blumen bestreut zu sein schien, auf ihrem Haupte
eine kleine goldne Krone, an der Seite der Frau von Chievres ins Zimmer
trat und die Bewunderung aller durch ihren sichern Anstand gewann, so dass
Sauvage und Croy einander zufluesterten, es muesse wahrscheinlich eine
Fuerstin sein, die Karl heimlich zu heiraten beschlossen habe. Karl beugte
sich vor ihr, fuehrte sie auf seinen hohen Stuhl und versuchte zu sprechen,
aber die innere Bewegung machte es ihm unmoeglich. Chievres bemerkte diese
Unbestimmtheit und glaubte, ihm einen Gefallen zu tun, wenn er ihm Zeit
verschaffte; darum trat er zu ihm und erzaehlte, dass Adrian fortgegangen
sei, weil ihm der Schreck ueber seinen gefaehrdeten Ruf auf seinen Magen
gewirkt haette. Dieser laecherliche Erfolg seines Mutwillens loeschte fuer
einen Augenblick das tiefere Gefuehl Karls. Der Streit schien ihm
geschlichtet, er schien ihm unnuetz. Vielleicht wirkte auch die
Erschoepfung der taetigen Nacht, als er zur Versammlung sagte: "Ich erkenne
oeffentlich Isabella, die Tochter des Herzogs Michael von Aegypten, als
einzige Erbin dieses Lands, als Fuerstin aller Zigeuner in allen Laendern
diesseit und jenseit des Meeres und gebe ihr die Freiheit, sie alle nach
Aegypten zurueckzuschicken, insofern sie selbst nur unsrer Liebe bleiben
will."

Bella, die von der Rede nur wenig vernommen hatte, weil sie sein
herrliches Ansehen dabei, seine Wuerde mit freundlichen Blicken bewacht
hatte, fiel ihm nach deren Ende um den Hals; das befreite Karl von aller
Sorge, dass sie eine Heirat mit ihm fordern moechte, und er kuesste sie mit
doppelter Zaertlichkeit. Die Versammelten baten um den Handkuss, und
Chievres, der gern den Neigungen seines Herrn zuvorkommen wollte,
erflehete seiner Frau die Gunst, dass die Prinzess von Aegypten kuenftig bei
ihr wohnen sollte, bis ihr ein eigner Palast geschafft worden sei. Karl
bewilligte aus Gnade, was er frueher fuer eine Gnade der Frau von Chievres
sich erbeten haette. Bella ging mit ihrer neuen Mutter nach der andern
Seite des Schlosses, Karl sprach noch einige Worte mit den Versammelten.
Es war schon spaet am Morgen, als sie auseinandergingen. Die Voegel sangen
ihr Lied, und die politischen Menschen gingen zu Bette. Karl aber
streckte sich auf eine Rasenbank im Schlossgarten, wo ihn Bella aus ihrem
Zimmer ersah und nicht einschlafen mochte. Schon war in dem Hause des
Herrn von Cornelius die groesste Verwirrung ausgebrochen; sein Toben unter
dem Ofen, nachdem er den aergsten Rausch ausgeschlafen hatte, rief alle
Bewohner in den abenteuerlichsten Nachtkleidern zusammen. Alle waren mehr
oder weniger betrunken gewesen, dass sich niemand um den Herrn bekuemmert
hatte, sogar der Baernhaeuter, dass er diese Nacht vergessen, nach seinem
Schatze im Sarge zu sehen. Der Kleine, der schwebend angebunden hing und
unter sich die Fliesen sah, die ein Meer mit Schiffen darstellten, glaubte
in seinem Halbrausche, er fliege ueber dem Meere, und wollte sich damit
sehen lassen. Als ihm aber die Bande geloest wurden und er mit der Nase
auf dieses Meer fiel, da glaubte er sich verloren. Diese Ideen verwirrten
ihn immerfort, als er schon aufgehoben und gereinigt war. Endlich sah er
alles ein und verlangte in sein Schlafzimmer; aber neue Verwirrung
entstand, als nichts von seiner Frau zu sehen war als das verwirrte Bette.
Das war allen ein Raetsel, selbst der alten Braka und der Magd, die recht
gut wussten, dass nicht alles sei, wie es sein sollte. "Sie ist wegen
ihrer Tugend gen Himmel gefahren, mein Six, das Fenster ist offen", rief
Braka, und das staunende Wurzelmaennlein sah ihr an dem Fenster nach, ob
nicht ein Paar Beine am Himmel zu sehen. Braka troestete sich mit dem
Gedanken, dass der Erzherzog fuer ihr gutes Unterkommen gesorgt haben moechte.
Das Wurzelmaennchen, dem eine Schwalbe etwas in den Mund fallen lassen,
sprang in liebender Verzweifelung vom Fenster zurueck, um in tausend
laecherlichen Spruengen wie unsinnig durchs ganze Haus zu laufen. Als er
die Tuere noch offen fand, tobte er gegen den Baernhaeuter; als er aber den
Mantel der Geliebten und darin eine Masse ordinaeren Leimen fand, da wusste
er nicht, warum, aber diese Erde gewann er so lieb, als sei es die
Verlorne; er sammelte sie sorgfaeltig, trug sie in sein Zimmer, kuesste sie
unzaehligemal und suchte sie wieder in eine Gestalt zu formen, die der
Verlornen aehnlich waere. Die Beschaeftigung troestete ihn, waehrend unzaehlige
Boten von ihm den Auftrag erhielten, das Land zu durchsuchen, um von ihrem
Aufenthalt, wenigstens von dem Wege, auf dem sie entflohen, Nachricht zu
bringen. Aber keiner wusste ihm eine Auskunft zu geben, bis endlich Braka,
die sich alles Vorteils beraubt glaubte, der ihr aus der Liebe des
Erzherzogs zur Golem Bella noch zuwachsen sollte, ihm die Nachricht
brachte, Isabella, die Fuerstin von Aegypten, welche auf dem Schlosse
angekommen und der zu Ehren alle Zigeuner Freiheit erhalten, sich
oeffentlich wieder zu zeigen und ihr Brot zu erwerben, sei seine verlorne
Frau. Der kleine Mann stand in Verwunderung wie erstarrt, dann guertete er
sich mit seinem Schwerte und eilte nach dem Schlosse, um vom Erzherzog
hierueber eine Auskunft zu fordern.

Der Erzherzog liess ihn gern vor sich kommen, hoerte ihn an, sprach, dass er
die Fuerstin vor seinen Richterstuhl fordern wolle, und versammelte
deswegen mehrere Herren um sich her. Der Kleine war nicht wenig eitel,
dass seinetwegen solch ein Aufsehen gemacht wuerde; er stand so ritterlich
in den Schranken, machte so stolze Augen, dass er, wie durch eine doppelte
Brille sehend, Isabella kaum erkennen konnte, als sie in einem roten
Samtkleide, mit Hermelin besetzt, Frau von Chievres in einem weissen Damast,
auf dessen vorderer Flaeche Adam und Eva unter dem Apfelbaume gewebt waren,
in das Zimmer traten und die fuer sie bestimmten Plaetze einnahmen. Der
Erzherzog verlangte jetzt von dem Herren von Cornelius Nepos, dass er seine
Klage vortrage. Dieser hatte nicht umsonst Stunden in der Rhetorik
genommen, das wollte er allen zeigen und bewaehren; sehr pathetisch ergriff
er die ehelichen Mitgefuehle der Versammelten, sprach von dem ersten Gluecke
der Vermaehlten und von der seligen, sorglosen Ruhe, in welche es alles
Streben aufloese, um in dem Erstgebornen das Herrlichste darzustellen, was
die ungeschwaechte Kraft in ungestoerter Leidenschaft hervorbringen koenne,
weswegen auch die Menschheit alles, was sie unteilbar erblich verliehe,
nicht dem zweifelhaft groesseren Talente unter den Kindern eines Vaters
ueberlassen moechte, sondern dem Erstgebornen, der in den allgemeinen
Gesetzen der Natur das Uebergewicht seines Lebens begruendet finde. Auch
diesen seinen kuenftigen Erstgebornen, die Freude des Landes Hadeln, wolle
ihm der Leichtsinn seiner entlaufenen Frau entziehen, nicht zu gedenken,
wie diese jetzige Unruhe schon seinem ersten, keimenden Leben nachteilig
sein muesse.

"Der Teufel hat aus dem kleinen Kerl gesprochen", sagte Chievres leise,
"Mich ruehrt doch sonst so leicht nichts, aber er macht einem seine Not so
plausibel."

Der Kleine fuhr fort: "Wie soll ich aber mein Unglueck beschreiben, als ich
in jener Nacht, wo das Glueck meines Lebens mir entfuehrt wurde, selbst in
bangem Bette auf weitem Ozean segelte und an einem andern Bette
Schiffbruch litt--gewiss eine Vorbedeutung der Schicksale meines Ehebettes
-, was mich dann aufweckte; worauf ich mich wie einen Adler mit
ausgebreiteten Fluegeln ueber dem Meere zur Sonne schwebend erblickte,
welches doch sicher die Herstellung meines Glueckes bezeichnet."

"Ja, wahrhaftig", fiel hier Frau von Braka ein, die als Zeugin gerufen
worden, "es war doch ein schlechter Streich von den jungen Windbeuteln,
die ihn unterm Ofen angebunden hatten, denn sehen Sie ihn nur an, es ist
doch immer nur ein schwacher, verbogener Mensch, wie leicht haette er sich
einen Schaden tun koennen, dass ihm das Hinterste nach vorne umgedreht
worden waere."

Diese gutmuetige Rede versetzte die Versammlung in ein allgemeines
Gelaechter, und der Kleine erboste, dass er seinen Degen gegen sie zog, der
ihm aber noch fruehzeitig genug von einem Hellebardierer abgenommen wurde.
Jetzt ward er in aller Form des Gerichts von Cenrio verhoert, ebenso Braka,
bis sie eingestanden, dass sie unter einem angenommenen Namen in der Stadt
gelebt. Von den Anforderungen an Bella wollte aber keiner abgehen; sie
baten, den Priester kommen zu lassen, welcher die Vermaehlung eingesegnet
haette. Laenger konnte sich Bella nicht halten; sie fragte sie mit Unwillen,
ob sie es vergessen, wie sie von ihnen zum Hause hinausgetrieben worden,
nachdem sie von ihnen in Buik den Haenden einer verruchten Kupplerin
ueberlassen geblieben; sie fragte, ob sie das an dem Kleinen verdient, als
sie ihn aus einer unfoermlichen Wurzel zu einem kleinen Menschen
emporgetrieben?

Der Kleine und Braka gerieten in die groesste Verlegenheit; Braka hatte
indessen bald ihre Ueberlegung flott gemacht; sie setzte schnell zur Partei
der Bella ueber und sagte: was sie gesprochen, sei aus Furcht vor dem
kleinen Maennchen ihr in den Mund gekommen, sie muesse jetzt eingestehen,
dass irgendeine falsche Gestalt unter dem Namen Bella dem Alraun vermaehlt
worden sei, die jetzt, sie wuesste nicht wie, verschwunden sei; diese echte
Bella muesste sie aber als Fuerstin verehren, wie sie ihr seit fruehern Jahren
gedient habe. Dabei heulte sie wie eine Meute Hunde, die ihr Fressen
erwarten, und warf sich vor Bella nieder.

Der kleine Wurzelmann tobte jetzt wie ein Rasender, warf seinen Handschuh
hin und schwur, dass er mit jedem fechten wolle, der ihm seine Frau
streitig machen oder ihn fuer einen Alraun erklaeren wollte. Chievres
erklaerte jetzt, dass erst dieser letzte Punkt berichtigt sein muesse, ob er
ein Mensch, um ihm ritterlichen Zweikampf einzuraeumen, ferner ob er
ebenbuertig und christlicher Religion sei. Der Kleine behauptete, er habe
einen Diener, Baernhaeuter genannt, der dies alles, was ihm hier
abgestritten, bescheinigen wuerde, man moechte nur erlauben, dass er den
herbeiholte. Dies wurde ihm bewilligt.

In der Zwischenzeit kam durch Brakas Geschwaetzigkeit an den Tag, wie der
Alraun alle verborgnen Schaetze zu heben wisse und allerorten dergleichen
angetroffen habe. Chievres horchte auf und sagte zum Erzherzoge: "Gott
segnet ihre Hoheit mit einem Finanzminister in der kleinen Person dieses
Alrauns, der ihre kuenftige Groesse fest begruenden kann; unabhaengig von den
Launen der Staende schafft er Eurer Hoheit kuenftig die Mittel, jede
Taetigkeit fuer sich zu benutzen. Er wird die Seele des Staates; sein Genie
wird goettliche Rechte und menschliche Wuensche, die ewig einander
widersprechen, ausgleichen koennen. Lange lebe der Erzherzog und sein
Reichsalraun!"

Dem Erzherzoge wurde in diesem Augenblick die kuenftige Klugheit, die ihn
in allen Verhaeltnissen leitete, vorahndend; er nickte Chievres
wohlgefaellig zu und sann darauf, wie er das kleine, nuetzliche Wesen sich
verbinden koenne. Chievres stieg in seiner Gnade und in seinem Zutrauen
durch die unerschoepfliche Erfindungskraft seiner Klugheit.

Der Erzherzog begruesste diesmal den Kleinen sehr freundlich, als er mit dem
Baernhaeuter hereintrat, der die zurueckgelassenen Kleider und das
angefangene Bild der Golem Bella trug. Der Kleine hatte dem armen Kerl
den ganzen Rest des Schatzes auf einmal zu geben versprochen, insofern er
ein recht kraeftiges Zeugnis ablegte, dass es nur eine Bella gebe, dass diese
ohne alle Veranlassung nach ihrer Verheiratung aus dem Hause entwichen und
eine Masse Leimen, von ihren Kleidern und ihrem Mantel umhuellt,
zurueckgelassen habe; zugleich solle er beschwoeren, dass er des Alrauns
Eltern gekannt, die im Lande Hadeln als gute Christen und alter Adel
bekannt gewesen. Der alte, tote geizige Baernhaeuter hatte ihm das alles
versprochen; er trat vor und begann die verabredete Luegengeschichte. Wie
aber Braka oder Bella ihn zur Rede setzten, so antwortete der
neuangefressene Teil seines Leibes, gleichsam die verbesserte Ausgabe
seiner Natur, ganz entgegengesetzt mit einer helleren Stimme:
Mensch--Nichtmensch, Bella verheiratet--Bella aus dem Haus gejagt,
durchkreuzte sich so gewaltig, dass sein Zeugnis, nachdem die Richter
mehrere Bogen beschrieben, in Null aufging. Der kleine Mann wurde fast
unsinnig aus Ungeduld, entriss dem armen, ganz in sich zerrissenen
Baernhaeuter die Kleider und das Lehmbild, jagte ihn mit Fusstritten zur Tuer
hinaus und schwur ihm, dass er den Schatz jetzt, statt ihn auszuliefern, in
alle Welt als Almosen zerstreuen wolle; dass der Baernhaeuter umsonst bis zum
Juengsten Tage von einem Herren zum andern sich verdingen solle, um ihn
zusammenzubringen; dass er umsonst fuer einen alten Taler einen Herren dem
andern verraten werde, umsonst im Kriege von einem zum andern uebergehe, um
das Werbegeld zu stehlen; seine bessere frische Natur werde das schaendlich
gewonnene Geld zur grossen Qual seines alten Leibes verschenken und
verschleudern, und so werde er am Juengsten Tage noch so arm, abgerissen
und trostlos wie im gegenwaertigen Augenblicke erscheinen(1). Nachdem der
Kleine diesen Fluch ausgesprochen, wendete er sich in trostlosem Aerger zu
der Lehmfigur. Chievres fragte ihn, wen diese Gestalt bezeichne. Der
Kleine wies auf Bella und weinte bitterlich; wer haette aber in der langen
Gurke, welche die Mitte des breiten Erdenklosses bezeichnete, die feine,
zierlich geschwungene Nase der schoenen Bella erkannt. Seiner Art Liebe
genuegte aber vorlaeufig dieses Bild; es war zum Erstaunen, wie zaertlich er
den von seinen Traenen angefeuchteten Ton beruehrte. Der arme Prometheus!
Oft sah er Bella so grimmig an, dass der Erzherzog fuerchtete, er moechte ihr
das Feuer ihrer Augen ausstechen, um es seinem Erdenklosse einzupropfen.
Dann fuerchtete wieder der Erzherzog, er moechte mit seinen Haenden in dem
Ton einwurzeln und seine geldbringende Weisheit in der Rueckkehr zur
Wurzelnatur aufgeben. Er und Bella hatten laengst erraten, dass dies der
irdische Rest des Golems sei, und ihnen graute davor(2).

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(1) Der Fluch war etwas lang, aber er gehoerte
ausfuehrlich hieher, wenn sich etwa ein solcher Bedienter oder ein solcher
Soldat, mit falschen Zeugnissen versehen, irgendwo melden sollte; ein
jeder kann ihn leicht aus der zweierlei einander widersprechenden Rede
erkennen und meiden.

(2) O ihr kunstschwatzenden Menschen, die ihr in alles sinnige Treiben
unserer eigentuemlichen Natur mit ewig leerem Widerhall von griechischer
Bildung hineinschreit, euch muss ich, der Erzaehler, hier anreden! Ihr
duenkt euch wohl hoch ueber die Arbeit des Alrauns erhaben, aber ich schwoere
euch, eure leeren Augen, mit denen ihr vor den alten Goetterbildern steht,
euer leeres Herz, das sich in tausend abgelebten Worten darueber auslaesst,
sieht in den herrlichsten Schoepfungen des Altertums viel weniger als der
arme Kleine in seiner halbgebildeten Masse; denn was sie ist, das wurde
sie durch ihn, und wie er bis dahin gelangt, so wird er weiter dringen.
Von euch ist aber nichts uebergegangen zu den Goettern und von den Goettern
nichts zu euch. Euch sind die kunstlebendigen Goetterbilder Golems, und
loesche ich euch die Worte aus, so sind sie euch in nichts zerfallen.
Leugnet ihr das? Auf, so schafft etwas Eigenes, das ihr zu jenen stellen
koennt, ohne dass ihr selbst darueber lacht--aber eure Haende sind stets arm
an Werken und euer Mund voll von Worten.
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Bella lachte nicht des Bemuehens im Kleinen, dies Bild ihr aehnlich zu schaffen.
Die gutmuetige Bella fuehlte Mitleiden; sie bat, diese oeffentliche
Versammlung zu endigen, denn sie muesse sich endlich doch sein Unglueck
wieder selbst vorwerfen, denn ihr Vorwitz habe ihn aus dem ruhigen Schoss
der Erde gerufen. "Den Kuckuck mag's da ruhig gewesen sein", sagte der
Kleine, indem er sich aus Widerspruchgeist verschnappte, "die Maulwuerfe,
die Reitwuermer, die Ameisen haben mich da noch viel aerger geschoren als
ihr alle zusammen."

Chievres sagte, dass diese Anerkennung hinreiche, und verliess mit den
uebrigen Herren vom Hofe das Zimmer. Der Erzherzog klopfte nun dem Kleinen
auf die Schulter und sagte ihm: er moechte jetzt an den Unterschied,
welchen die Geburt, die ihn aus einer Wurzel, Bella aus einem
Fuerstenstamme hervorgehen lassen, mit ernstem Gemuete denken; eigentlich
der Mann von Bella zu sein, waere ihm nun unmoeglich, denn wie in der Bibel
staende: und der Mann soll dein Herr sein, so wuerde das Volk, das ihr
gehorchte, ihn nie an ihrer Seite dulden; was aber moeglich waere und schon
viel wert, er sollte ihr an der linken Hand angetraut werden und mit ihr
in einem Hause unter dem Titel ihres Feldmarschalls wohnen, doch von Tisch
und Bett geschieden sein; nur muesste er geloben, um sich dieser
Auszeichnung wuerdig zu machen, mit unermuedlichem Fleisse alle verborgenen
Schaetze aufzusuchen und ihm, als dem Schuetzer des kuenftigen Zigeunerreichs,
zu ueberliefern.

Der Kleine besann sich, endlich rief er: "Bravo, so ist's mir ganz recht,
und ich moechte Eurer Hoheit um den Hals fallen, wenn Sie nicht so gross
waeren. Habe ich mein eignes Schlafzimmer, so werde ich ruhig liegen; ich
weiss so nicht, wozu das Schlafen soll. Meine verlorene Frau, wenn es
diese nicht ist, liess mir keine Ruhe und hat mir ein Paar ganz neue Augen
gekostet, die ich noch im Nacken sitzen hatte und mit denen ich
voraussehen konnte, wenn ich sie vorzubringen vermochte. Das
Zusammenessen hat mir auch bei meiner vorigen Frau, wenn es diese nicht
ist, niemals sonderlich behagt: ich mochte schreien, soviel ich wollte,
sie nahm die besten Stuecke, und wenn ich nicht ruhig sein wollte, schlug
sie mir mit den heissen Knochen, item mit dem Suppenloeffel ins Gesicht."

Als Bella sich dem Vorschlage ebenfalls gefuegt hatte, so schickte der
Erzherzog zu demselben Pfarrer, der den Alraun schon einmal getraut hatte,
und liess drohen, ihn bei Wasser und Brot wegen der heimlich vollzogenen
Einsegnung gefangen zu setzen, wenn er eine zweite feierliche Einsegnung
zu verrichten sich weigerte. Die arme Seele war zu allem bereit, und
abends in einer Versammlung von wenigen Vertrauten des Erzherzogs wurde
die Vermaehlung an der linken Hand gefeiert, welche sowohl die
untergeordneten Seelen, wie Braka, Cornelius Nepos und den geizigen
Pfarrer, als auch die Haeupter unsrer Geschichte, den Erzherzog und Bella,
miteinander in ein ruhig begruendetes Verhaeltnis zu setzen versprach. Doch
Bella weinte waehrend der Vermaehlungsfeier so heftig, so unwillkuerlich, dass
sie keine Einwilligung geben konnte; umsonst fragte Karl zaertlich nach der
Ursache ihrer Traenen, aber sie wusste keine, als dass ihr eine kleine Katze
eingefallen, die sie einmal des Alrauns wegen ersaeuft hatte: diese Suende
haette sie vergessen zu beichten. Da sie keine Einwendung gegen diese
Hochzeitzeremonien machte, so wurde die Hochzeit als beendigt angesehen,
und der Kleine bezeigte noch an dem Abend seine Dankbarkeit gegen den
Erzherzog, indem er aus einer zugemauerten Nische des Schlosses einen
Schatz an Muenzen und goldnen Ketten befreite, der ueber zweihundert Jahre
darin geruht hatte.

Der Erzherzog, als er am Abende mit Bella allein war, fuehlte sich ganz
unerwartet durch die Erinnerung an die Golem Bella, wie sie in Erde
zerfallen, so gestoert, und Bella konnte die alte, ganz hingebende
Vertraulichkeit so wenig in sich finden, dass beide froh waren, ihre Betten
einander nicht so nahe wie in Buik gestellt zu sehen. Der Erzherzog
versank in einen schoenen Traum: es war ihm, als saehe er mit den
prachtvollen Goldketten, die ihm der Alraun gefunden, die spanischen
Grossen, die selbst vor dem Koenige mit bedecktem Haupte zu erscheinen
wagten, zur Erde gedrueckt; es war ihm, als koennte er viele tausend
Soldaten mit diesen Ketten ziehen, und ueberall, wohin er mit ihnen zog,
wurde ihm gehuldigt. Sein Nebenbuhler unterdessen, der doch aus einer
Regung seines Blutes nicht schlafen konnte, fuehlte sich wieder zu dem
Leimen, der jetzt seines Wurzelherzens einziger Schatz geworden war,
zurueckgetrieben, und in der Begeisterung ueber sein Glueck gelang es ihm
diesmal besser: alles bildete sich unter seinen Haenden so aehnlich, dass er
entzueckt den Besitz dieses selbstgeschaffnen Weibes jedem von Gott
geschaffenen vorzog, das sich unmoeglich den wunderlichen Gedanken eines
solchen am Sonntage Quasimodogeniti gebornen fuegen konnte. Bella aber
genoss wohl in dieser Nacht des hoechsten Glueckes von allen, als ein
wunderbarer Klang sie in der Mitternachtsstunde ans Fenster rief. Sie
hoerte die Sprache ihres Volkes, dessen zerstreute Fuehrer, nachdem der
Erzherzog ihnen eine Freiheit des Aufenthalts in den Niederlanden gewaehrt
hatte, zu der anerkannten Fuerstin ihres Volkes geeilt waren, sie mit einem
Gesange naechtlich zu begruessen, ihr Treue und Liebe bis in den Tod zu
schwoeren. Wir wollen es versuchen, diese herzliche Begruessung in einer
Uebersetzung wiederzugeben, nachdem wir vorher noch ueber die Einrichtung
ihres Tanzes gesprochen haben. Sie hatten ihre Haende und Kleider mit
einer Phosphoraufloesung getraenkt, die in jener Zeit nur ihnen bekannt war;
sie leuchteten in Dampfwolken, und wo sie einander beruehrten oder
aneinander strichen, wurde dies Leuchten zu einem hellen Glanze, der
einige Zeit nachwaehrte und waehrenddessen der Gesang einfiel:

Gebuesst sind alle Suenden!
Wir steigen ans den Flammen
Und werden uns zusammen
Bei unsrer Fuerstin finden;
Wir wecken die Schoene
Mit leisem Getoene,
Es klinget die Krone,
Vom Szepter beruehret,
Der endlos regieret
Vom Vater zum Sohne
Im Herrschergeschlechte
Nach goettlichem Rechte.


Es fuellt des Herbstes Odem
Das Aug' mit heissen Traenen,
Das Herz mit heil'gem Sehnen
Nach unsres Landes Boden.
Jetzt sinken die Wogen,
Die alles umzogen;
Die schaffende Stunde
Durchspielet die Felder,
und bluehende Waelder
Entsteigen dem Grunde,
Und zahllose Kinder
Besingen den Winter.


Komm, Bella, fuehr die Deinen,
Wir schwoeren dir die Treue,
Komm, eil mit uns ins Freie,
Vom Schloss aus tote Steinen;
Wie schwarz sind die Mauern,
Da wohnet das Trauern,
Wie klirren die Waffen
Der lauernden Wachen;
Wie freundlich wird lachen
Des Morgens Erschaffen,
Wir folgen in Zuge
Den Voegeln im Fluge.


Wohl gehoerte auch Bella zu einem Geschlechte der Zugvoegel, die trotz aller
zaertlichen Pflege und Liebe durch den Menschen, wenn sie die Stimme ihrer
Brueder aus den Lueften vernehmen, nicht widerstehen koennen. Gibt es doch
arme Voelker am Eispol, denen die Freuden und Erfindungen unserer Zone kein
Gefallen abgewinnen, und die beim Anblick eines Schwanes sich ins Wasser
stuerzen und mit ihm nach ihrer Heimat zu schwimmen waehnen; wieviel
maechtiger wirkt die eigentuemlich ueberlegene Natur in dem stolzen
Herrschersinne nach, aus welchem Bella hervorgegangen. Sie war doch in
Europa wie die fremde Blume, die sich naechtlich nur erschliesst, weil dann
in ihrer Heimat der Tag aufgeht. Ihre Sehnsucht, ihre Wehmut ueberstroemten
sie grenzenlos, sie konnte nicht bleiben und wusste doch nicht, warum; sie
liebte den Erzherzog, wie sie ihn jemals geliebt, aber sie fuehlte, seit er
eine andre wie sie geliebt, dass sie seine erste Liebe mit sich truege in
die Ferne, und erst jetzt gestand sie sich, dass diese scheinbare
Vermaehlung, so wenig dabei die Reinheit ihrer Sitte leiden konnte, sie
tief gekraenkt habe, weil ihr Karls Gesinnung, sich nicht heilig und
ewiglich, wie ihr fuerstlicher Sinn gemeint, mit ihr zu vermaehlen, deutlich
daraus hervorgegangen sei. Was galt ihr seine Klugheit, wie er den
Reichtum sich verbinden und benutzen wollte; sie kannte nur die
Herrlichkeit der Armut, die alles besitzt, weil sie alles verschmaehen kann:
sie kannte nur ihr Volk, das jede Bezahlung von ihren Herrschern
verschmaehte und jede Tat fuer sie als schoensten Gewinn achtete. Sie nahete
sich im innern Kampfe dem Bette des Erzherzogs, sie kuesste ihn; waere er
erwacht, sie haette nicht von ihm lassen koennen; aber er stiess sie im
Schlaf von sich: ihm traeumte, als ob die goldne Kette, worin er die Voelker
fuehrte, ihm selbst, der sie hielt, immer enger sich um den Fuss wickelte,
dass er dadurch zu fallen fuerchtete; darum stiess er sie von sich. Sie aber
fuehlte das im bewegten Gemuete anders und sprang leicht aufs Fenster und zu
den Ihren herab, ohne zu denken, ob ihr Sprung hoch oder nieder; aber das
Glueck ihres Volkes wollte sie unverletzt erhalten. Ihre Zimmer waren im
ersten Geschoss, und der fahrende Schueler, den seine Liebe und Traurigkeit,
nachdem er sie im Schlosse erkannt, des Nachts unter ihr Fenster getrieben,
fing sie in seinen Armen auf. Die Zigeuner erkannten sie, setzten ihr
die Krone auf, gaben den Szepter ihr in die Hand und zogen, ohne dass die
Wachen etwas bemerkt hatten, stillschweigend mit ihr und dem fahrenden
Schueler, dass er sie nicht verraten konnte, vors Tor, wo sie auf leichten
Pferden, auf verborgenen Pfaden aller Nachforschung entgingen.

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