Geschichte des Agathon, Teil 1
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Christoph Martin Wieland >> Geschichte des Agathon, Teil 1
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21 This etext was prepared by Michael Pullen, Alpharetta, GA.
Geschichte des Agathon
Christoph Martin Wieland
Erste Fassung (1766/1767)
--quid Virtus, et quid Sapientia possit Utile proposuit nobis exemplar.--
Geschichte des Agathon--Inhalt
Vorbericht
Erster Teil
Erstes Buch
Erstes Kapitel: Anfang dieser Geschichte
Zweites Kapitel: Etwas ganz Unerwartetes
Drittes Kapitel: Unvermutete Unterbrechung des
Bacchus-Festes
Viertes Kapitel: Agathon wird zu Schiffe gebracht
Fuenftes Kapitel: Eine Entdeckung
Sechstes Kapitel: Erzaehlung der Psyche
Siebentes Kapitel: Fortsetzung der Erzaehlung der Psyche
Achtes Kapitel: Psyche beschliesst ihre Erzaehlung
Neuntes Kapitel: Wie Psyche und Agathon wieder getrennt werden
Zehntes Kapitel: Ein Selbstgespraech
Eilftes Kapitel: Agathon koemmt zu Smyrna an, und wird verkauft
Zweites Buch
Erstes Kapitel: Wer der Kaeufer des Agathon gewesen
Zweites Kapitel: Absichten des weisen Hippias
Drittes Kapitel: Verwunderung, in welche Agathon gesetzt wird
Viertes Kapitel: Welches bei einigen den Verdacht erwecken wird,
dass diese Geschichte erdichtet sei
Fuenftes Kapitel: Schwaermerei des Agathon
Sechstes Kapitel: Ein Gespraech zwischen Hippias und seinem Sklaven
Siebentes Kapitel: Worin Agathon fuer einen Schwaermer ziemlich gut
raesoniert
Achtes Kapitel: Vorbereitungen zum Folgenden
Drittes Buch
Erstes Kapitel: Vorbereitung zu einem sehr interessanten Diskurs
Zweites Kapitel: Theorie der angenehmen Empfindungen
Drittes Kapitel: Die Geisterlehre eines echten Materialisten
Viertes Kapitel: Worin Hippias bessere Schluesse macht
Fuenftes Kapitel: Der Anti-Platonismus in Nuce
Sechstes Kapitel: Ungelehrigkeit des Agathon
Viertes Buch
Erstes Kapitel: Geheimer Anschlag, den Hippias gegen die Tugend
unsers Helden macht
Zweites Kapitel: Hippias stattet einer Dame einen Besuch ab
Drittes Kapitel: Geschichte der schoenen Danae
Viertes Kapitel: Wie gefaehrlich es ist, der Besitzer einer
verschoenernden Einbildungskraft zu sein
Fuenftes Kapitel: Pantomimen
Sechstes Kapitel: Geheime Nachrichten
Fuenftes Buch
Erstes Kapitel: Was die Nacht durch in den Gemuetern einiger von
unsern Personen vorgegangen
Zweites Kapitel: Eine kleine metaphysische Abschweifung
Drittes Kapitel: Worin die Absichten des Hippias einen merklichen
Schritt machen
Viertes Kapitel: Veraenderung der Szene
Fuenftes Kapitel: Natuerliche Geschichte der Platonischen Liebe
Sechstes Kapitel: Worin der Geschichtschreiber sich einiger
Indiskretion schuldig macht
Siebentes Kapitel: Magische Kraft der Musik
Achtes Kapitel: Eine Abschweifung, wodurch der Leser zum Folgenden
vorbereitet wird
Neuntes Kapitel: Nachrichten zu Verhuetung eines besorglichen
Missverstandes
Zehentes Kapitel: Welches alle unsre verheiratete Leser, wofern sie
nicht sehr gluecklich oder vollkommne Stoiker sind,
ueberschlagen koennen
Eilftes Kapitel: Eine bemerkenswuerdige Wuerkung der Liebe, oder von
der Seelenmischung
Sechstes Buch
Erstes Kapitel: Ein Besuch des Hippias
Zweites Kapitel: Eine Probe von den Talenten eines
Liebhabers
Drittes Kapitel: Konvulsivische Bewegungen der
wiederauflebenden Tugend
Viertes Kapitel: Dass Traeume nicht allemal Schaeume sind
Fuenftes Kapitel: Ein starker Schritt zu einer Katastrophe
Siebentes Buch
Erstes Kapitel: Die erste Jugend des Agathons
Zweites Kapitel: En animam & mentem cum qua Di nocte
loquantur!
Drittes Kapitel: Die Liebe in verschiedenen Gestalten
Viertes Kapitel: Fortsetzung des Vorhergehenden
Fuenftes Kapitel: Agathon entfliehet von Delphi, und findet
seinen Vater
Sechstes Kapitel: Agathon kommt nach Athen, und widmet sich
der Republik. Eine Probe der besondern Natur
desjenigen Windes, welcher vom Horaz aura
popularis genennet wird
Siebentes Kapitel: Agathon wird von Athen verbannt
Achtes Kapitel: Agathon endigt seine Erzaehlung
Neuntes Kapitel: Ein starker Schritt zur Entzauberung unsers
Helden
Zweiter Teil
Achtes Buch
Erstes Kapitel: Vorbereitung zum Folgenden
Zweites Kapitel: Verraeterei des Hippias
Drittes Kapitel: Folgen des Vorhergehenden
Viertes Kapitel: Eine kleine Abschweifung
Fuenftes Kapitel: Schwachheit des Agathon; unverhoffter Zufall,
der seine Entschliessungen bestimmt
Sechstes Kapitel: Betrachtungen, Schluesse und Vorsaetze
Siebentes Kapitel: Eine oder zwo Digressionen
Neuntes Buch
Erstes Kapitel: Veraenderung der Szene. Charakter der Syracusaner,
des Dionysius und seines Hofes
Zweites Kapitel: Charakter des Dion. Anmerkungen ueber denselben.
Eine Digression
Drittes Kapitel: Eine Probe, dass die Philosophie so gut zaubern
koenne, als die Liebe
Viertes Kapitel: Philistus und Timocrates
Fuenftes Kapitel: Agathon wird der Guenstling des Dionysius
Zehentes Buch
Erstes Kapitel: Von Haupt--und Staats-Aktionen. Betragen Agathons
am Hofe des Koenigs Dionys
Zweites Kapitel: Beispiele, dass nicht alles, was gleisst, Gold ist
Drittes Kapitel: Grosse Fehler wider die Staats-Kunst, welche Agathon
beging--Folgen davon
Viertes Kapitel: Nachricht an den Leser
Fuenftes Kapitel: Moralischer Zustand unsers Helden
Eilftes Buch
Erstes Kapitel: Apologie des griechischen Autors
Zweites Kapitel: Die Tarentiner. Charakter eines liebenswuerdigen
alten Mannes
Drittes Kapitel: Eine unverhoffte Entdeckung
Viertes Kapitel: Etwas, das man ohne Divination vorhersehen konnte
Fuenftes Kapitel: Abdankung
VORBERICHT
Der Herausgeber der gegenwaertigen Geschichte siehet so wenig
Wahrscheinlichkeit vor sich, das Publicum ueberreden zu koennen, dass sie in
der Tat aus einem alten Griechischen Manuskript gezogen sei; dass er am
besten zu tun glaubt, ueber diesen Punkt gar nichts zu sagen, und dem Leser
zu ueberlassen, davon zu denken, was er will.
Gesetzt, dass wirklich einmal ein Agathon gewesen, (wie dann in der Tat, um
die Zeit, in welche die gegenwaertige Geschichte gesetzt worden ist, ein
komischer Dichter dieses Namens den Freunden der Schriften Platons bekannt
sein muss:) gesetzt aber auch, dass sich von diesem Agathon nichts
wichtigers sagen liesse, als wenn er geboren worden, wenn er sich
verheiratet, wie viel Kinder er gezeugt, und wenn, und an was fuer einer
Krankheit er gestorben sei: was wuerde uns bewegen koennen, seine Geschichte
zu lesen, und wenn es gleich gerichtlich erwiesen waere, dass sie in den
Archiven des alten Athens gefunden worden sei?
Die Wahrheit, welche von einem Werke, wie dasjenige, so wir den Liebhabern
hiemit vorlegen, gefodert werden kann und soll, bestehet darin, dass alles
mit dem Lauf der Welt uebereinstimme, dass die Charakter nicht willkuerlich,
und bloss nach der Phantasie, oder den Absichten des Verfassers gebildet,
sondern aus dem unerschoepflichen Vorrat der Natur selbst hergenommen; in
der Entwicklung derselben so wohl die innere als die relative Moeglichkeit,
die Beschaffenheit des menschlichen Herzens, die Natur einer jeden
Leidenschaft, mit allen den besondern Farben und Schattierungen, welche
sie durch den Individual-Charakter und die Umstaende einer jeden Person
bekommen, aufs genaueste beibehalten; daneben auch der eigene Charakter
des Landes, des Orts, der Zeit, in welche die Geschichte gesetzt wird,
niemal aus den Augen gesetzt; und also alles so gedichtet sei, dass kein
hinlaenglicher Grund angegeben werden koenne, warum es nicht eben so wie es
erzaehlt wird, haette geschehen koennen, oder noch einmal wirklich geschehen
werde. Diese Wahrheit allein kann Werke von dieser Art nuetzlich machen,
und diese Wahrheit getrauet sich der Herausgeber den Lesern der Geschichte
des Agathons zu versprechen.
Seine Hauptabsicht war, sie mit einem Charakter, welcher gekannt zu werden
wuerdig waere, in einem manchfaltigen Licht, und von allen seinen Seiten
bekannt zu machen. Ohne Zweifel gibt es wichtigere als derjenige, auf den
seine Wahl gefallen ist. Allein, da er selbst gewiss zu sein wuenschte,
dass er der Welt keine Hirngespenster fuer Wahrheit verkaufe; so waehlte er
denjenigen, den er am genauesten kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat.
Aus diesem Grunde kann er ganz zuverlaessig versichern, dass Agathon und die
meisten uebrigen Personen, welche in seine Geschichte eingeflochten sind,
wirkliche Personen sind, dergleichen es von je her viele gegeben hat, und
in dieser Stunde noch gibt, und dass (die Neben-Umstaende, die Folge und
besondere Bestimmung der zufaelligen Begebenheiten, und was sonsten nur zur
Auszierung, welche willkuerlich ist, gehoert, ausgenommen) alles, was das
Wesentliche dieser Geschichte ausmacht, eben so historisch, und vielleicht
noch um manchen Grad gewisser sei, als irgend ein Stueck der
glaubwuerdigsten politischen Geschichtschreiber, welche wir aufzuweisen
haben.
Es ist etwas bekanntes, dass oefters im menschlichen Leben weit
unwahrscheinlichere Dinge begegnen, als der Chevalier de Mouhy selbst zu
erdichten sich getrauen wuerde. Es wuerde also sehr uebereilt sein, die
Wahrheit des Charakters unsers Helden deswegen in Verdacht zu ziehen, weil
es oefters unwahrscheinlich ist, dass jemand so gedacht oder gehandelt habe,
wie er. Wenn es unmoeglich sein wird, zu beweisen, dass ein Mensch, und
ein Mensch unter den besondern Bestimmungen, unter welchen sich Agathon
von seiner Kindheit an befunden, nicht so denken oder handeln koenne, oder
wenigstens es nicht ohne Wunderwerke, Einfluesse unsichtbarer Geister, oder
uebernatuerliche Bezauberung haette tun koennen: So glaubt der Verfasser mit
Recht erwarten zu koennen, dass man ihm auf sein Wort glaube, wenn er
positiv versichert, dass Agathon wirklich so gedacht oder gehandelt habe.
Zu gutem Gluecke finden sich in den beglaubtesten Geschichtschreibern, und
schon allein in den Lebensbeschreibungen des Plutarch Beispiele genug, dass
es moeglich sei, so edel, so tugendhaft, so enthaltsam, oder, nach der
Sprache des Hippias, und einer ansehnlichen Klasse von Menschen zu reden,
so seltsam, so eigensinnig und albern zu sein als es unser Held in einigen
Gelegenheiten seines Lebens ist.
Man hat an verschiedenen Stellen des gegenwaertigen Werks die Ursachen
angegeben, warum man aus dem Agathon kein Modell eines vollkommen
tugendhaften Mannes gemacht hat. Da die Welt mit ausfuehrlichen
Lehrbuechern der Sittenlehre angefuellt ist, so steht einem jeden frei, (und
es ist nichts leichters) sich einen Menschen einzubilden, der von der
Wiege an bis ins Grab, in allen Umstaenden und Verhaeltnissen des Lebens,
allezeit und vollkommen so empfindt, denkt und handelt, wie eine Moral.
Damit Agathon das Bild eines wirklichen Menschen waere, in welchem viele
ihr eigenes erkennen sollten, konnte er, wir behaupten es zuversichtlich,
nicht tugendhafter vorgestellt werden, als er ist; und wenn jemand hierin
andrer Meinung sein sollte, so wuenschten wir, dass er uns (wenn es wahr ist,
dass derjenige der Beste ist, der die besten Eigenschaften mit den
wenigsten Fehlern hat,) denjenigen nenne, der unter allen nach dem
natuerlichen Lauf Gebornen, in aehnlichen Umstaenden, und alles zusammen
genommen, tugendhafter gewesen waere, als Agathon.
Es ist moeglich, dass irgend ein junger Taugenichts, wenn er siehet, dass ein
Agathon den reizenden Verfuehrungen der Liebe und einer Danae endlich
unterliegt, eben den Gebrauch davon machen kann, welchen der junge Chaerea
beim Terenz von einem Gemaelde machte, welches eine von den Schelmereien
des Vater Jupiters vorstellte,--und dass er, wenn er mit herzlicher Freude
gelesen haben wird, dass ein so vortrefflicher Mann habe fallen koennen, zu
sich selbst sagen mag: Ego homuncio hoc non facerem? ego vero illud
faciam ac lubens.
Es ist eben so moeglich, dass ein uebelgesinnter oder ruchloser Mensch, den
Diskurs des Sophisten Hippias lesen, und sich einbilden kann, die
Rechtfertigung seines Unglaubens und seines lasterhaften Lebens darin zu
finden: Aber alle rechtschaffnen Leute werden mit uns ueberzeugt sein, dass
dieser junge Bube, und dieser ruchlose Freigeist beides gewesen und
geblieben waeren, wenn gleich keine Geschichte des Agathon in der Welt waere.
Dieses letztere Beispiel fuehrt uns auf eine Erlaeuterung, wodurch wir der
Schwachheit gewisser gutgesinnter Leute, deren Wille besser ist, als ihre
Einsichten, zu Huelfe zu kommen, und sie vor unzeitig genommenem aergernis
oder ungerechten Urteilen zu verwahren, uns verbunden glauben. Wir
gestehen gerne, dass wir in das Bewusstsein der Redlichkeit unsrer Absichten
eingehuellt, nicht daran gedacht haetten, dass diese Sorgfalt noetig waere,
wenn uns nicht die Anmerkung stutzen gemacht haette, welche einer unsrer
Freunde, ohne unser Vorwissen, auf der Seite pag. 58, unter den Text zu
setzen, gut befunden.
Diese Erlaeuterung betrifft die Einfuehrung des Sophisten Hippias in unsere
Geschichte, und den Diskurs, wodurch er den Agathon von seinem
liebenswuerdigen und tugendhaften Enthusiasmus zu heilen, und zu einer
Denkungsart zu bringen hofft, welche er nicht ohne guten Grund fuer
geschickter haelt, sein Glueck in der Welt zu machen. Leute, die aus
gesunden Augen gerade vor sich hin sehen, wuerden ohne unser Erinnern aus
dem ganzen Zusammenhang unsers Werkes, und aus der Art, wie wir bei aller
Gelegenheit von diesem Sophisten und seinen Grundsaetzen reden, ganz
deutlich eingesehen haben, wie wenig wir dem Mann und dem System guenstig
sind; und ob es sich gleich weder fuer unsere eigene Art zu denken, noch
fuer den Ton und die Absicht unsers Buches geschickt haette, mit dem
heftigen Eifer gegen ihn auszubrechen, welcher einen jungen Magister
treibt, wenn er, um sich seinem Consistorio zu einer guten Pfruende zu
empfehlen, gegen einen Tindal oder Bolingbroke zu Felde zieht: So hoffen
wir doch bei vernuenftigen und ehrlichen Lesern keinen Zweifel uebrig
gelassen zu haben, dass wir den Hippias fuer einen schlimmen und
gefaehrlichen Mann, und sein System, (in so fern es den echten Grundsaetzen
der Religion und der Rechtschaffenheit widerspricht) fuer ein Gewebe von
Trugschluessen ansehen, welche die menschliche Gesellschaft zu grunde
richten wuerden, wenn es moralisch moeglich waere, dass der groessere Teil der
Menschen damit angesteckt werden koennte. Wir glauben also vor allem
Verdacht ueber diesen Artikel sicher zu sein. Aber da unter unsern Lesern
ehrliche Leute sein koennen, welche uns wenigstens eine Unvorsichtigkeit
Schuld geben, und davor halten moechten, dass wir diesen Hippias entweder
gar nicht einfuehren, oder wenn dieses der Plan unsers Werkes ja erfodert
haette, seine Lehrsaetze ausfuehrlich haetten widerlegen sollen: So sehen wir
fuer billig an, ihnen die Ursachen zu sagen, warum wir das erste getan, und
das andere unterlassen haben.
Weil nach unserm Plan der Charakter unsers Helden auf verschiedene Proben
gestellt werden sollte, durch welche seine Denkensart und seine Tugend
erlaeutert, und dasjenige, was darin uebertrieben, und unecht war, nach und
nach abgesondert wuerde; so war es um so viel noetiger ihn auch dieser Probe
zu unterwerfen, da Hippias, bekannter massen, eine historische Person ist,
und mit den uebrigen Sophisten derselben Zeit sehr vieles zur Verderbnis
der Sitten unter den Griechen beigetragen hat. ueberdem diente er den
Charakter und die Grundsaetze unsers Helden durch den Kontrast, den er mit
selbigen macht, in ein desto hoeheres Licht zu setzen. Und da es mehr als
zu gewiss ist, dass der groesseste Teil derjenigen, welche die grosse Welt
ausmachen, wie Hippias denkt, oder doch nach seinen Grundsaetzen handelt;
so war es auch in dem Plan der moralischen Absichten, welche wir uns bei
diesem Werke vorgesetzt haben, zu zeigen, was fuer einen Effekt diese
Grundsaetze machen, wenn sie in den gehoerigen Zusammenhang gebracht werden.
Und dieses sind die hauptsaechlichsten Ursachen, warum wir diesen
Sophisten (welchen wir nicht schlimmer vorgestellt haben, als er wirklich
war, und als seine Brueder noch heutiges Tages sind) in die Geschichte des
Agathon eingeflochten haben.
Eine ausfuehrliche Widerlegung dessen, was in seinen Grundsaetzen irrig und
gefaehrlich ist: (Denn in der Tat hat er nicht allemal unrecht,) waere in
Absicht unsers Plans ein wahres hors d'oeuvre gewesen, und schien uns auch
in Absicht der Leser ueberfluessig; indem nicht nur die Antwort, welche ihm
Agathon gibt, das beste enthaelt, was man dagegen sagen kann; sondern auch
das ganze Werk (wie einem jeden in die Augen fallen wird, sobald man das
Ganze wird uebersehen koennen) als eine Widerlegung desselben anzusehen ist.
Agathon widerlegt den Hippias beinahe auf die naemliche Art wie Diogenes
den Sophisten, welcher leugnete, dass eine Bewegung sei: Diogenes liess den
Sophisten schwatzen, so lang er wollte; und da er fertig war, begnuegte er
sich vor seinen Augen ganz gelassen auf und ab zu gehen. Dieses war
unstreitig die einzige Widerlegung, die er verdiente.
Wir wuerden dem zweiten Teile, dessen Ausgabe von der Aufnahme des ersten
abhangen wird, den Vorteil der Neuheit und den Lesern zu gleicher Zeit ein
kuenftiges Vergnuegen rauben, wenn wir den Inhalt desselben vor der Zeit
bekannt machten. Genug, dass man unsern Helden in der Folge in eben so
sonderbaren und interessanten Umstaenden und Verwicklungen sehen wird, als
in dem ersten Teil. Alles, was wir vorlaeufig von der Entwicklung sagen
koennen, ist dieses: dass Agathon in der letzten Periode seines Lebens,
welche den Beschluss unsers Werkes macht, ein eben so weiser als
tugendhafter Mann sein wird, und (was uns hiebei das beste zu sein deucht,
) dass unsre Leser begreifen werden, wie und warum er es ist; warum
vielleicht viele unter ihnen, weder dieses noch jenes sind; und wie es
zugehen muesste, wenn sie es werden sollten.
ERSTER TEIL
ERSTES BUCH
ERSTES KAPITEL
Anfang dieser Geschichte
Die Sonne neigte sich bereits zum Untergang, als Agathon, der sich in
einem unwegsamen Walde verirret hatte, von der vergeblichen Bemuehung einen
Ausgang zu finden abgemattet, an dem Fuss eines Berges anlangte, welchen er
noch zu ersteigen wuenschte, in Hoffnung von dem Gipfel desselben irgend
einen bewohnten Ort zu entdecken, wo er die Nacht zubringen koennte. Er
schleppte sich also mit Muehe durch einen Fussweg hinauf, den er zwischen
den Gestraeuchen gewahr ward; allein da er ungefaehr die Mitte des Berges
erreicht hatte, fuehlt er sich so entkraeftet, dass er den Mut verlor den
Gipfel erreichen zu koennen, der sich immer weiter von ihm zu entfernen
schien, je mehr er ihm naeher kam. Er warf sich also ganz Atemlos unter
einen Baum hin, der eine kleine Terrasse umschattete, auf welcher er die
einbrechende Nacht zuzubringen beschloss.
Wenn sich jemals ein Mensch in Umstaenden befunden hatte, die man
ungluecklich nennen kann, so war es dieser Juengling in denjenigen, worin
wir ihn das erstemal mit unsern Lesern bekannt machen. Vor wenigen Tagen
noch ein Guenstling des Gluecks, und der Gegenstand des Neides seiner
Mitbuerger, befand er sich, durch einen ploetzlichen Wechsel, seines
Vermoegens, seiner Freunde, seines Vaterlands beraubt, allen Zufaellen des
widrigen Gluecks, und selbst der Ungewissheit ausgesetzt, wie er das nackte
Leben, das ihm allein uebrig gelassen war, erhalten moechte. Allein
ungeachtet so vieler Widerwaertigkeiten, die sich vereinigten seinen Mut
niederzuschlagen, versichert uns doch die Geschichte, dass derjenige, der
ihn in diesem Augenblick gesehen haette, weder in seiner Miene noch in
seinen Gebaerden einige Spur von Verzweiflung, Ungeduld oder nur von
Missvergnuegen haette bemerken koennen.
Vielleicht erinnern sich einige hiebei an den Weisen der Stoiker von
welchem man ehmals versicherte, dass er in dem gluehenden Ochsen des
Phalaris zum wenigsten so gluecklich sei, als ein Morgenlaendischer Bassa in
den weichen Armen einer jungen Circasserin. Da sich aber in dem Lauf
dieser Geschichte verschiedne Proben einer nicht geringen Ungleichheit
unsers Helden mit dem Weisen des Seneca zeigen werden, so halten wir fuer
wahrscheinlicher, dass seine Seele von der Art derjenigen gewesen sei,
welche dem Vergnuegen immer offen stehen, und bei denen eine einzige
angenehme Empfindung hinlaenglich ist, sie alles vergangnen und kuenftigen
Kummers vergessen zu machen. Eine oeffnung des Waldes zwischen zween
Bergen zeigte ihm von fern die untergehende Sonne. Es brauchte nichts
mehr als diesen Anblick, um die Empfindung seiner widrigen Umstaende zu
unterbrechen. Er ueberliess sich der Begeisterung, worin dieses
majestaetische Schauspiel empfindliche Seelen zu setzen pflegt, ohne eine
lange Zeit sich seiner dringendsten Beduerfnisse zu erinnern. Endlich
weckte ihn doch das Rauschen einer Quelle, die nicht weit von ihm aus
einem Felsen hervor sprudelte, aus dem angenehmen Staunen, worin er
etliche Minuten sich selbst vergessen hatte; er stand auf, und schoepfte
mit der hohlen Hand von diesem Wasser, dessen fliessenden Kristall, seiner
Einbildung nach, eine wohltaetige Nymphe seinen Durst zu stillen, aus ihrem
Marmorkrug entgegen goss; und anstatt die von Cyprischem Wein sprudelnde
Becher der Athenischen Gastmaehler zu vermissen, deuchte ihm, dass er
niemals angenehmer getrunken habe. Er legte sich hierauf wieder nieder,
entschlief unter dem sanftbetaeubenden Gemurmel der Quelle, und traeumte,
dass er seine geliebte Psyche wieder gefunden habe, deren Verlust das
einzige war, was ihm von Zeit zu Zeit einige Seufzer auspresste.
ZWEITES KAPITEL
Etwas ganz Unerwartetes
Wenn es seine Richtigkeit hat, dass alle Dinge in der Welt in der
genauesten Beziehung auf einander stehen, so ist nicht minder gewiss, dass
diese Verbindung unter einzelnen Dingen oft ganz unmerklich ist; und daher
scheint es zu kommen, dass die Geschichte zuweilen viel seltsamere
Begebenheiten erzaehlt, als ein Romanen--Schreiber zu dichten wagen duerfte.
Dasjenige, was unserm Helden in dieser Nacht begegnete, gibt mir neue
Bekraeftigung dieser Beobachtung ab. Er genoss noch der Suessigkeit des
Schlafs, den Homer fuer ein so grosses Gut haelt, dass er ihn auch den
Unsterblichen zueignet; als er durch ein laermendes Getoese ploetzlich
aufgeschreckt wurde. Er horchte gegen die Seite, woher es zu kommen
schiene, und glaubte in dem vermischten Getuemmel ein seltsames Heulen und
Jauchzen zu unterscheiden, welches von den entgegenstehenden Felsen auf
eine fuerchterliche Art widerhallte. Agathon, der nur im Schlaf erschreckt
werden konnte, beschloss diesem Getoese mit eben dem Mut entgegen zu gehen,
womit in spaetern Zeiten der unbezwingbare Ritter von Mancha dem
naechtlichen Klappern der Walkmuehlen Trotz bot. Er bestieg also den obern
Teil des Berges mit so vieler Eilfertigkeit als er konnte, und der Mond,
dessen voller Glanz die ganze Gegend weit umher aus den daemmernden
Schatten hob, beguenstigte sein Unternehmen. Das Getuemmel nahm immer zu,
je naeher er dem Ruecken des Berges kam; er unterschied itzt den Schall von
Trummeln und das Fluestern regelloser Floeten, und fing an zu erraten, was
dieser Laerm zu bedeuten haben moechte; als sich ihm ploetzlich ein
Schauspiel darstellte, welches faehig scheinen koennte, den Weisen selbst,
dessen wir oben erwaehnet haben, seiner eingebildeten Goettlichkeit
vergessen zu machen. Ein schwaermender Haufen von jungen Thracischen
Weibern war es, welche von der Orphischen Wut begeistert, sich in dieser
Nacht versammelt hatten, die unsinnigen Gebraeuche zu begehen, die das
heidnische Altertum zum Andenken des beruehmten Zuges des Bacchus aus
Indien eingesetzt hatte. Ohne Zweifel koennte eine ausschweifende
Einbildungskraft, oder der Griffel eines la Fage von einer solchen Szene
ein ziemlich verfuehrerisches Gemaelde machen; allein die Eindruecke die der
wirkliche Anblick auf unsern jungen Helden machte, waren nichts weniger
als von der reizenden Art. Das stuermisch fliegende Haar, die rollenden
Augen, die beschaeumten Lippen und die aufgeschwollnen Muskeln, die wilden
Gebaerden und die rasende Froehlichkeit, mit der diese Unsinnigen in frechen
Stellungen, ihre mit zahmen Schlangen umwundnen Thyrsos schuettelten, ihre
Klapperbleche zusammen schlugen, oder abgebrochne Dithyramben mit
lallender Zunge stammelten; alle diese Ausbrueche einer fanatischen Wut,
die ihm nur desto schaendlicher vorkam, weil sie den Aberglauben zur Quelle
hatte, machten seine Augen unempfindlich, und erweckten ihm einen Ekel vor
Reizungen, die mit der Schamhaftigkeit alle ihre Macht auf ihn verloren
hatten. Er wollte zurueck fliehen, aber es war unmoeglich, weil er in eben
dem Augenblick, da er sie erblickte, von ihnen bemerkt worden war. Der
unerwartete Anblick eines Juengling, an einem Ort und bei einem Feste,
welches kein maennliches Aug entweihen durfte, hemmte ploetzlich den Lauf
ihrer laermenden Froehlichkeit, um alle ihre Aufmerksamkeit auf diese
Erscheinung zu wenden.
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