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Geschichte des Agathon, Teil 2

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Eine Erzaehlung alles dessen, was in ihrem Gemuete vorging, wuerde etliche
Bogen ausfuellen, ob es gleich weniger Zeit als sechs Minuten einnahm.--Was
fuer ein Streit! Was fuer ein Getuemmel von widerwaertigen Bewegungen! Sie
hatte ihn bis auf diesen Augenblick so zaertlich geliebt--und glaubte itzt
zu fuehlen, dass sie ihn hasse--Sie fuerchtete sich vor seinem Anblick--und
konnte ihn kaum erwarten. Was haette sie vor einer Stunde gegeben, diesen
Agathon zu sehen, der, auch undankbar, auch ungetreu, ueber ihre ganze
Seele herrschte; dessen Verlust ihr alle Vorzuege ihres ehmaligen Zustandes,
den Aufenthalt zu Smyrna, ihre Freunde, ihre Reichtuemer, unertraeglich
gemacht hatte--dessen Bild, mit allen den zauberischen Erinnerungen ihrer
ehmaligen Glueckseligkeit, das einzige Gut, das einzige Vergnuegen war,
welches sie noch zu empfinden faehig war. Aber nun da sie wusste, dass es in
ihrer Gewalt war, ihn wieder zu sehen, wachte auf einmal ihr ganzer Stolz
auf, und schien etliche Augenblicke sich nicht entschliessen zu koennen ihm
zu vergeben. Und wenn auch einen Augenblick darauf die Liebe wieder die
Oberhand erhielt; so stuerzte sie die Furcht, ihn unempfindlich zu finden,
sogleich wieder in die vorige Verlegenheit. Zu allem diesem kam noch eine
andre Betrachtung, welche vielleicht bei der schoenen Danae
allzuspitzfuendig scheinen koennte, wenn wir nicht zu ihrer Rechtfertigung
sagen muessten, dass die Flucht unsers Helden, die Entdeckung der Ursachen,
welche ihn zu einem so gewaltsamen Entschluss getrieben, der Gedanke dass
ihre eigene Fehltritte sie in den Augen des einzigen Mannes, den sie
jemals geliebt hatte, veraechtlich gemacht--eine Veraenderung in ihrer
ganzen Denkens-Art hervorgebracht hatte, wozu sie durch den Umgang mit
Agathon und jene Seelen-Mischung, wovon wir bereits im fuenften Buche
gesprochen haben, vorbereitet worden war. Danae liess sich durch die
Vorwuerfe, welche sie sich selbst zu machen hatte, und von denen vielleicht
ein guter Teil auf ihre Umstaende fiel, nicht von dem edeln Vorsatz
abschrecken, sich in einem Alter, wo dieser Vorsatz noch ein Verdienst in
sich schloss, der Tugend zu widmen. In der Tat hatte eine Art von
verliebter Verzweiflung den groessesten Anteil an dem ausserordentlichen
Schritt, sich aus einer Welt, worin sie angebetet wurde, freiwillig in
eine Einoede zu verbannen, wo die Freiheit, sich mit ihren Empfindungen zu
unterhalten, das einzige Vergnuegen war, welches sie fuer den Verlust alles
dessen, was sie aufopferte, entschaedigen musste. Aber es gehoerte doch eine
grosse, und zur Tugend gebildete Seele dazu, um in den glaenzenden Umstaenden,
worin sie lebte, einer solchen Verzweiflung faehig zu sein, und in einem
Vorsatz auszuhalten, unter welchem eine jede schwaechere Seele gar bald
haette erliegen muessen. Waere Danae nur wolluestig gewesen, so wuerde sie zu
Smyrna, und allenthalben Gelegenheit genug gefunden haben, sich wegen des
Verlusts ihres Liebhabers zu troesten. Aber ihre Liebe war, wie man sich
vielleicht noch erinnern wird, von einer edlern Art, und so nahe mit der
Liebe der Tugend selbst verwandt, dass wir Ursache haben, zu vermuten, dass
in der gaenzlichen Abgeschiedenheit, worin unsre Heldin lebte, jene sich
endlich gaenzlich in dieser verloren haben wuerde. Allein eben darum, weil
ihre Liebe zur Tugend aufrichtig war, machte sie sich ein gerechtes
Bedenken, bei dem Bewusstsein der unfreiwilligen Schwachheit ihres Herzens
fuer den allzuliebenswuerdigen Agathon, sich der Gefahr auszusetzen, durch
eine nur allzumoegliche Wiederkehr seiner ehmaligen Empfindungen mit dahin
gerissen zu werden; ein Gedanke, der ohne eine uebertriebne Meinung von
ihren Reizungen zu haben, in ihr entstehen konnte, und durch das Misstrauen
in sich selbst, womit die wahre Tugend allezeit begleitet ist, kein
geringes Gewicht erhalten musste. Solchergestalt kaempften Liebe, Stolz und
Tugend fuer und wider das Verlangen, den Agathon zu sehen, in ihrem
unschluessigen Herzen--mit welchem Erfolg laesst sich leicht erraten. Die
Liebe muesste nicht Liebe sein, wenn sie nicht Mittel faende, den Stolz und
die Tugend selbst endlich auf ihre Seite zu bringen. Sie floesste jenem die
Begierde ein, zu sehen wie sich Agathon halten wuerde, wenn er so ploetzlich
und unerwartet der einst so sehr geliebten, und so grausam beleidigten
Danae unter die Augen kaeme; und munterte diese auf, sich selbst Staerke
genug zu zutrauen, von den Entzueckungen, in welche er vielleicht bei
diesem Anblick geraten moechte, nicht zu sehr geruehrt zu werden. Kurz;
der Erfolg dieses innerlichen Streites war, dass sie eben im Begriff war,
ihre Vertraute (die einzige Person, welche sie bei ihrer Entfernung von
Smyrna mit sich genommen hatte) hereinzurufen, um ihr die noetige
Verhaltungs-Befehle zu geben; als diese Sklavin selbst hereintrat, und
ihrer Dame sagte, dass die beiden Fremden durch einen von den Sklaven, von
denen sie bedient worden waren, auf eine sehr dringende Art um die
Erlaubnis anhalten liessen, vor die Frau des Hauses gelassen zu
werden--Neue Unentschlossenheit, ueber welche sich niemand wundern wird,
der das weibliche Herz kennt. In der Tat klopfte der guten Danae das
ihrige in diesem Augenblick so stark, dass sie noetig hatte, sich vorher in
eine ruhigere Verfassung zu setzen, ehe sie es einer so schweren Probe
auszustellen sich getrauen durfte.

Unterdessen, bis diese schoene Dame mit sich selbst einig wird, wozu sie
sich entschliessen, und wie sie sich bei einer so erwuenschten, und so
gefuerchteten Zusammenkunft verhalten wolle, kehren wir einen Augenblick zu
unserm Helden in den Saal zurueck. Je mehr Agathon die Gemaelde betrachtete,
womit die Waende desselben behaenget waren, je lebhafter wurde die
Einbildung, dass er sie in dem Landhause der Danae zu Smyrna gesehen habe.
Allein er konnte sich so wenig vorstellen, wie sie von dem Orte, wo er sie
vor zweien Jahren gesehen haette, hieher gekommen sein sollten, dass er fuer
weniger unmoeglich hielt, von seiner Einbildung betrogen zu werden. Zudem
konnte ja der naemliche Meister unterschiedliche Kopien von seinen Stuecken
gemacht haben. Aber wenn er wieder die Augen auf ein Stueck heftete,
welches die Goettin Luna vorstellte, wie sie mit Augen der Liebe den
schlafenden Endymion betrachtet--so glaubte er es so gewiss fuer das
naemliche zu erkennen, vor welchem er in einem Garten-Saal der Danae zu
Smyrna oft Viertelstunden lang in bewundernder Entzueckung gestanden, dass
es ihm unmoeglich war, seiner ueberzeugung zu widerstehen. Die Verwirrung,
in die er dadurch gesetzt wurde, ist unbeschreiblich--Sollte Danae--aber
wie koennte das moeglich sein?--Und doch schien alles das Sonderbare, was
ihm Critolaus von der Dame dieses Hauses gesagt hatte, den Gedanken zu
bekraeftigen, der in ihm aufstieg, und den er sich kaum auszudenken
getrauete. Die schoene Danae haette zufrieden sein koennen, wenn sie gesehen
haette, was in seinem Herzen vorging. Er haette nicht erschrockner sein
koennen, vor das Antlitz einer beleidigten Gottheit zu treten, als er es
vor dem Gedanken war, sich dieser Danae darzustellen, welche er seit
geraumer Zeit gewohnt war, sich wieder so unschuldig vorzustellen, als sie
ihm damals, da er sie verliess, veraechtlich und hassenswuerdig schien.
Allein das Verlangen sie zu sehen, verschlang endlich alle andre
Empfindungen, von denen sein Herz erschuettert wurde. Seine Unruhe war so
sichtbar, dass Critolaus sie bemerken musste. Agathon wuerde besser getan
haben, ihm die Ursache davon zu entdecken; aber er tat es nicht, und
behalf sich mit der allgemeinen Ausflucht, dass ihm nicht wohl sei. Dem
ungeachtet bezeugte er ein so ungeduldiges Verlangen, die Dame des Hauses
zu sehen, dass Critolaus aus allem was er an ihm wahrnahm, zu mutmassen
anfing, dass irgend ein Geheimnis darunter verborgen sein muesse, dessen
Entwicklung er begierig erwartete. Inzwischen kam der Sklave, den sie
abgeschickt hatten, sie bei seiner Gebieterin zu melden, mit der Antwort
zurueck, dass er Befehl habe sie in ihr Zimmer zufuehren. Und hier ist es,
wo wir mehr als jemals zu wuenschen versucht sind, dass dieses Buch von
niemand gelesen werden moechte, der keine schoenen Seelen glaubt. Die
Situation, worin man unsern Helden in wenigen Augenblicken sehen wird, ist
vielleicht eine von den delikatesten, in welche man in seinem Leben kommen
kann. Waere hier die Rede von solchen phantasierten Charaktern, wie
diejenige, welche aus dem Gehirn der Verfasserin der 'geheimen Geschichte
von Burgund', und der 'Koenigin von Navarra' hervorgegangen sind, so wuerden
wir uns kaum in einer kleinern Verlegenheit befinden, als Agathon selbst,
da er mit pochendem Herzen und schweratmender Brust dem Sklaven folgte,
der ihn ins Vorgemach einer Unbekannten fuehrte, von der er fast mit
gleicher Heftigkeit wuenschte und fuerchtete, dass es Danae sein moechte.
Allein da Agathon und Danae so gut historische Personen sind als Brutus,
Portia, und hundert andre, welche darum nicht weniger existiert haben,
weil sie nicht gerade so dachten, und handelten wie gewoehnliche Leute: So
bekuemmern wir uns wenig, wie dieser Agathon und diese Danae, vermoege der
moralischen Begriffe des einen oder andern, der ueber dieses Buch gut oder
uebel urteilen wird, haetten handeln sollen, oder gehandelt haben wuerden,
wenn sie nicht gewesen waeren, was sie waren. Das Recht zu urteilen kann
und soll niemandem streitig gemacht werden; unsre Pflicht ist zu erzaehlen,
nicht zu dichten; und wir koennen nichts dafuer, wenn Agathon bei dieser
Gelegenheit sich nicht weise und heldenmaessig genug, um die Hochachtung
strenger Sittenrichter zu verdienen, verhalten; oder wenn Danae die Rechte
des weiblichen Stolzes nicht so gut behaupten sollte, als viele andre,
welche dem Himmel danken, dass sie keine Danaen sind, an ihrem Platze getan
haben wuerden.


Die schoene Danae erwartete, auf ihrem Sopha sitzend, den Besuch, den sie
bekommen sollte, mit so vieler Staerke als eine weibliche Seele nur immer
zu haben faehig sein mag, welche zugleich so zaertlich und lebhaft ist, als
eine solche Seele sein kann -. "Ob es wohl weibliche Seelen gibt?"--"O
mein Herr, ich sagte ihnen ja, dass der letzte Teil dieses Kapitels nicht
fuer sie geschrieben sei--Sie moegen vielleicht ueberall in Zweifel ziehen,
ob die Weiber Seelen haben; denn wenn sie Seelen haben, so sind es
weibliche Seelen, der Himmel bewahre uns vor den Penthesileen und
Maenninnen, an denen nichts als die Figur weiblich ist!"--Doch darueber
wollen wir itzt nicht streiten. Danae erwartete also den Anblick ihres
Fluechtlings mit ziemlicher Standhaftigkeit; aber was in ihrem Herzen
vorging, moegen unsre zaertlichen Leserinnen, welche faehig sind, sich an
ihre Stelle zu setzen, in ihrem eigenen Herzen lesen. Sie wusste, dass
Agathon einen Gefaehrten hatte, und dieser Umstand kam ihr zu statten; aber
Agathon befand sich wenig dadurch erleichtert. Die Tuere des Vorzimmers
wurde ihnen von der Sklavin eroeffnet--er erkannte beim ersten Anblick die
Vertraute seiner Geliebten, und nun konnte er nicht mehr zweifeln, dass die
Dame, die er in einigen Augenblicken sehen wuerde, Danae sei. Er raffte
seinen ganzen Mut zusammen, indem er zitternd hinter seinem Freunde
Critolaus fortwankte--Er sah sie, wollte auf sie zugehen, konnte nicht,
heftete seine Augen auf sie, und sank, vom uebermass seiner Empfindlichkeit
ueberwaeltiget, in die Arme seines Freundes zurueck. Auf einmal vergass die
schoene Danae alle die grossen Entschliessungen von Gelassenheit und
Zurueckhaltung, welche sie mit so vieler Muehe gefasst hatte. Sie lief in
zaertlicher Bestuerzung auf ihn zu, nahm ihn in ihre Arme, liess dem ganzen
Strom ihrer Empfindung den Lauf, und dachte nicht daran, dass sie einen
Zeugen davon hatte, der ueber alles was er sah und hoerte, erstaunt sein
musste. Allein die Guete seines Herzens, und diese Sympathie, welche
schoene Seelen in wenigen Augenblicken vertraut mit einander macht, gab ihm
in einer Situation, auf die er sich so wenig hatte gefasst machen koennen,
gerade die naemliche Art des Betragens ein, die er haette haben koennen, wenn
er schon von Jahren her ihr Vertrauter gewesen waere. Er trug seinen
Freund auf den Sopha, auf welchen sich Danae neben ihn hinwarf, und da er
nun schon genug wusste, um zu sehen, dass er hier weiter nichts helfen
konnte, so entfernte er sich unvermerkt weit genug, um unsre Liebenden von
dem Zwang einer Zurueckhaltung zu entledigen, welche in so sonderbaren
Augenblicken ein groesseres uebel ist, als die unempfindlichen Leute sich
vorstellen koennen. Allmaehlich bekam Agathon, an der Seite der
gefuehlvollen Danae, und von einem ihrer schoenen Arme umschlungen, das
Vermoegen zu atmen wieder; sein Gesicht ruhte an ihrem Busen, und die
Traenen, welche ihn zu benetzen anfingen, waren das erste, was ihr seine
wiederkehrende Empfindung anzeigte. Ihre erste Bewegung war, sich von ihm
zurueckzuziehen; aber ihr Herz versagte ihr die Kraft dazu; es sagte ihr,
was in dem seinigen vorging, und sie hatte den Mut nicht, ihm eine
Lindrung zu entziehen, welche er so noetig zu haben schien, und in der Tat
noetig hatte. Allein in wenigen Augenblicken machte er sich selbst den
Vorwurf, dass er einer so grossen Guetigkeit unwuerdig sei--er raffte sich auf,
warf sich zu ihren Fuessen, umfasste ihre Knie mit einer Empfindung, welche
mit Worten nicht ausgedrueckt werden kann, versuchte es sie anzusehen, und
sank, weil er ihren Anblick nicht auszuhalten vermochte, mit Traenen
beschwemmtem Gesicht, auf ihren Schoss nieder. Danae konnte nun nicht
zweifeln, dass sie geliebt werde, und es kostete sie, die Entzueckung
zurueckzuhalten, worin sie durch diese Gewissheit gesetzt wurde; aber es war
notwendig, dieser allzuzaertlichen Szene ein Ende zu machen. Agathon
konnte noch nicht reden--und was haette er reden sollen?--"Ich bin
zufrieden, Agathon", sagte sie mit einer Stimme, welche wider ihren Willen
verriet, wie schwer es ihr wurde, ihre Traenen zurueckzuhalten--"Ich bin
zufrieden--du findest eine Freundin wieder--und ich hoffe du werdest sie
kuenftig deiner Hochachtung weniger unwuerdig finden, als jemals--Keine
Entschuldigungen mein Freund", (denn Agathon wollte etwas sagen, das einer
Entschuldigung gleich sah, und woraus er sich in der heftigen Bewegung,
worin er war, schwerlich zu seinem Vorteil gezogen haette) "du wirst keine
Vorwuerfe von mir hoeren--wir wollen uns des Vergangenen nur erinnern, um
das Vergnuegen eines so unverhofften Wiedersehens desto vollkommner zu
geniessen -" "Grossmuetige, goettliche Danae!" rief Agathon in einer
Entzueckung von Dankbarkeit und Liebe--"Keine Beiwoerter, Agathon",
unterbrach ihn Danae, "keine Schwaermerei! Du bist zu sehr geruehrt;
beruhige dich--wir werden Zeit genug haben, uns von allem, was seitdem wir
uns zum letzten mal gesehen haben, vorgegangen ist, Rechenschaft zu
geben--Lass mich das Vergnuegen dich wieder gefunden zu haben unvermischt
geniessen; es ist das erste, das mir seit zweien Jahren zu Teil wird."

Mit diesen Worten (und in der Tat haette sie die letztern fuer sich selbst
behalten koennen, wenn es moeglich waere, immer Meister von seinem Herzen zu
sein) stund sie auf, naeherte sich dem Critolaus, und liess dem mehr als
jemals bezauberten Agathon Zeit, sich in eine ruhigere Gemuetsfassung zu
setzen.

Coetera intus agentur--Unsere schoenen Leserinnen wissen nun schon genug,
um sich vorstellen zu koennen, was diese zaertliche Szene fuer Folgen haben
musste. Danae und Critolaus wurden gar bald gute Freunde. Dieser junge
Mann gestund, seine Psyche ausgenommen, nichts vollkommners gesehen zu
haben, als Danae; und Danae erfuhr mit vielem Vergnuegen, dass Critolaus der
Gemahl der schoenen Psyche, und Psyche die wiedergefundene Schwester
Agathons sei. Sie hatte nicht viel Muehe ihre Gaeste zu bereden, das
Nachtlager in ihrem Hause anzunehmen; unsre Liebenden haetten also die
Schuld sich selbst beimessen muessen, wenn sie keine Gelegenheit gefunden
haetten, sich umstaendlich zu besprechen, und gegen einander zu erklaeren.
Die schoene Danae meldete ihrem Freunde, dass sie die Verraeterei des Hippias,
und die Ursache der heimlichen Entweichung Agathons, bei ihrer
Zurueckkunft nach Smyrna bald entdeckt habe. Sie verbarg ihm nicht, dass
der Schmerz ihn verloren zu haben, sie zu dem seltsamen Entschluss gebracht,
der Welt zu entsagen, und in irgend einer entlegenen Einoede sich selbst
fuer die Schwachheiten und Fehltritte ihres vergangenen Lebens zu bestrafen;
jedoch setzte sie hinzu, hoffe sie, dass wenn sie einmal Gelegenheit haben
wuerde, ihm eine ganz aufrichtige und umstaendliche Erzaehlung der Geschichte
ihres Herzens bis auf die Zeit, da sein Umgang und die Begeistrung, worein
sie durch ihn allein zum ersten mal in ihrem Leben gesetzt worden, ihrer
Seele wie ein neues Wesen gegeben, zu machen--er Ursache finden wuerde sie,
wo nicht immer zu entschuldigen, doch mehr zu bedauren als zu verdammen.
Die Furcht, den Gedanken in ihr zu veranlassen, als ob sie durch das was
ehmals zwischen ihnen vorgegangen war, von seiner Hochachtung verloren
haette, zwang unsern Helden eine geraume Zeit, die Lebhaftigkeit seiner
Empfindungen in seinem Herzen zu verschliessen. Danae wurde indessen mit
der Familie des Archytas bekannt, man musste sie lieben, sobald man sie sah;
und sie gewann desto mehr dabei, je besser man sie kennen lernte. Es war
ueberdies eine von ihren Gaben, dass sie sich sehr leicht und mit der besten
Art in alle Personen, Umstaende und Lebens-Arten schicken konnte. Wie
konnte es also anders sein, als dass sie in kurzem durch die zaertlichste
Freundschaft mit dieser liebenswuerdigen Familie verbunden werden musste?
Selbst der weise Archytas liebte ihre Gesellschaft, und sie machte sich
ein Vergnuegen daraus, einem alten Manne von so seltnen Verdiensten die
Beschwerden des hohen Alters durch die Annehmlichkeiten ihres Umgangs
erleichtern zu helfen. Aber nichts war der Liebe zu vergleichen, welche
Psyche und Danae einander einfloessten. Niemalen hat vielleicht unter zwo
Frauenzimmern, welche so geschickt waren, Rivalinnen zu sein, eine so
zaertliche, und vollkommne Freundschaft geherrschet. Man kann sich
einbilden, ob Agathon dabei verlor. Er sah die schoene Danae alle Tage; er
hatte alle Vorrechte eines Bruders bei ihr--aber wie sollte es moeglich
gewesen sein, dass er sich immer daran begnuegt haette?--Es gab Augenblicke,
wo er, von den Erinnerungen seiner ehmaligen Glueckseligkeit berauscht,
sich die Rechte eines beguenstigten Liebhabers herausnehmen wollte. Aber
Danae wurde durch den vertrauten Umgang mit so tugendhaften Personen, als
diejenigen waren, mit denen sie nunmehr lebte, in ihrer neuen Denkungs-Art
so sehr bestaerkt, dass die zaertlichsten Verfuehrungen der Liebe nichts ueber
sie erhielten. In diesem Stuecke wollte sie nicht mehr Danae fuer ihn sein.
"Das ist unwahrscheinlich", werden die Kenner sagen; "unwahrscheinlich",
antworte ich, "aber moeglich". Mit einem Worte, Danae bewies durch ihr
Exempel, dass es einer Danae moeglich sei; und Agathon erfuhr es so sehr,
dass Psyche endlich selbst Mitleiden mit ihm zu haben anfing. Sie wusste
die geheime Geschichte ihrer Freundin; Danae hatte Tugend genug gehabt,
ihr eine aufrichtige Erzaehlung davon zu machen. Die Bedenklichkeiten sind
leicht zu erraten, welche der Glueckseligkeit dieser Liebenden, welche so
ganz fuer einander geschaffen zu sein schienen, im Wege stund. Aber waren
sie wichtig genug, um ihrentwillen ungluecklich zu sein?--Hatte er nicht
das Beispiel des grossen Perikles vor sich? Verdiente Danae nicht in allen
Betrachtungen das Schicksal der Aspasia?--Es waere uns leicht, unsern
Lesern hierueber aus dem Wunder zu helfen; aber wir ueberlassen es ihnen zu
erraten, was er tat--oder auszumachen, was er haette tun sollen.




FUeNFTES KAPITEL

Abdankung


Und nun, nachdem wir in diesem letzten Buche zu Gunsten unsers Helden
alles getan zu haben glauben, was die zaertlichsten Freunde, die er sich
erworben haben kann, (und wir hoffen, dass er einige haben werde,) nur
immer zu seinem Besten wuenschen konnten--Nachdem er so gluecklich ist, als
es vielleicht noch kein Sterblicher gewesen ist--oder es doch in seiner
Gewalt hat, gluecklich zu sein--Nun bleibt uns nichts uebrig, als unsern
Lesern und Leserinnen, welche Geduld genug gehabt haben, bis zu diesem
Blatte fortzulesen--dafuer zu danken--und sie zu versichern, dass es uns
sehr angenehm sein sollte, wenn sie soviel Geschmack an dieser Geschichte
gefunden haetten, um sie noch einmal zu lesen--und noch angenehmer, wenn
sie weiser oder besser dadurch geworden sein sollten. Indessen ist das
ihre Sache. Der Herausgeber dieser Geschichte schmeichelt sich wenigstens,
(und wer schmeichelt sich nicht?) dass er ihnen viele Gelegenheit zu dem
einen und zu dem andern gegeben habe; und wofern der Erfolg seiner
Erwartung nicht entsprechen sollte, so wird er sich durch das taegliche
Beispiel so vieler tausend Anstalten und Bemuehungen, welche ihren Zweck
verfehlen, beruhigen, und mit Horaz, sich in die Tugend seiner Absicht
einwickeln.

Uebrigens kann er nicht umhin, seinen Freunden im Vertrauen zu entdecken,
dass ihn das griechische Manuskript, welches er in Handen hat, in den Stand
setzt, noch einige Nachtraege oder Zugaben zu der Geschichte des Agathon zu
liefern, welche ihrer Neugier vielleicht nicht unwuerdig sein moechten. Es
ist zum Exempel nicht unmoeglich, dass sie begierig sein koennten, das System
des weisen Archytas genauer zu kennen; oder zu wissen, wie Agathon in
seinem fuenfzigsten Jahre ueber alles was im Himmel und auf Erden ein
Gegenstand unsers Nachforschens, unsrer Gedanken--Neigungen--Wuensche--oder
Traeume zu sein verdient, gedacht habe. Vielleicht moechte es ihnen auch
nicht unangenehm sein, die Geschichte der schoenen Danae (so wie sie den
Mut gehabt, sie dem Agathon zu einer Zeit zu erzaehlen, da er nicht mehr so
enthusiastisch, aber desto billiger dachte) in einer ausfuehrlichen
Erzaehlung zu lesen?--Mit allem diesem koennten wir dem Verlangen unsrer
Freunde ein Genuege tun--wenn wir erst gewiss davon waeren, dass sie ein
solches Verlangen haetten--und wenn wir einige Ursache finden sollten zu
hoffen, dass dem Publico durch diese Nachtraege nur ein halb so grosser
Dienst geleistet wuerde, als der franzoesische Verfasser des Traktats von
den Nachtigallen (dessen Helvetius erwaehnt) dem menschlichen Geschlechte
durch sein Buch geleistet zu haben glaubte.





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