Geschichte des Agathon, Teil 2
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Christoph Martin Wieland >> Geschichte des Agathon, Teil 2
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Dieser Tyrann, dessen natuerliche Eitelkeit durch die Diskurse des
Atheniensischen Weisen zu einer heftigen Ruhmbegierde aufgeschwollen war,
hatte sich unter andern Schwachheiten in den Kopf gesetzt, fuer einen
Goenner der Gelehrten, fuer einen Kenner, und so gar fuer einen der schoenen
Geister seiner Zeit gehalten zu werden. Er war sehr bekuemmert, dass Plato
und Dion den Griechen, denen er vorzueglich zu gefallen begierig war, die
gute Meinung wieder benehmen moechten, welche man von ihm zu fassen
angefangen hatte; und diese Furcht scheint einer von den staerksten
Beweggruenden gewesen zu sein, warum er den Plato bei ihrer Trennung mit so
vieler Freundschaft ueberhaeuft hatte. Er liess es nicht dabei bewenden.
Philistus sagte ihm, dass Griechenland eine Menge von spekulativen
Muessiggaengern habe, welche so beruehmt als Plato, und zum teil geschickter
seien, einen Prinzen bei Tische oder in verlornen Augenblicken zu
belustigen als dieser Mann, der die Schwachheit habe ein laecherlich
ehrwuerdiges Mittelding zwischen einem Egyptischen Priester, und einem
Staatsmanne vorzustellen, und seine unverstaendlich-erhabene Grillen fuer
Grundsaetze, wornach die Welt regiert werden muesse, auszugeben. Er bewies
ihm mit den Beispielen seiner eigenen Vorfahren, dass ein Fuerst sich den
Ruhm eines unvergleichlichen Regenten nicht wohlfeiler anschaffen koenne,
als indem er Philosophen und Poeten in seinen Schutz nehme; Leute, welche
fuer die Ehre seine Tischgenossen zu sein, oder fuer ein maessiges Gehalt,
bereit seien, alle ihre Talente ohne Mass und Ziel zu seinem Ruhm und zu
Befoerderung seiner Absichten zu verschwenden. "Glaubest du", sagte er,
"dass Hieron der wundertaetige Mann, der Held, der Halbgott, das Muster
aller fuerstlichen, buergerlichen und haeuslichen Tugenden gewesen sei, wofuer
ihn die Nachwelt haelt? Wir wissen was wir davon denken sollen; er war was
alle Prinzen sind, und lebte wie sie alle leben; er tat was ich und ein
jeder andrer tun wuerde, wenn wir zu unumschraenkten Herren einer so schoenen
Insel, wie Sicilien ist, geboren waeren--Aber er hatte die Klugheit,
Simoniden und Pindare an seinem Hofe zu halten; sie lobten ihn in die
Wette, weil sie wohl gefuettert und wohl bezahlt wurden; alle Welt erhob
die Freigebigkeit dieses Prinzen, und doch kostete ihn dieser Ruhm nicht
halb soviel, als seine Jagdhunde. Wer wollte ein Koenig sein, wenn ein
Koenig das alles wuerklich tun muesste, was sich ein muessiger Sophist auf
seinem Faulbette oder Diogenes in seinem Fasse einfallen laesst, ihm zu
Pflichten zu machen? Wer wollte regieren, wenn ein Regent allen
Forderungen und Wuenschen seiner Untertanen genug tun muesste? Das meiste, wo
nicht alles, koemmt auf die Meinung an, die ein grosser Herr von sich
erweckt; nicht auf seine Handlungen selbst, sondern auf die Gestalt und
den Schwung, den er ihnen zu geben weiss. Was er nicht selbst tun will,
oder tun kann, das koennen witzige Koepfe fuer ihn tun. Haltet euch einen
Philosophen, der alles demonstrieren, einen sinnreichen Schwaetzer, der
ueber alles scherzen, und einen Poeten, der ueber alles Gassenlieder machen
kann. Der Nutzen, den ihr von dieser kleinen Ausgabe zieht, faellt zwar
nicht sogleich in die Augen; ob es gleich an sich selbst schon Vorteils
genug fuer einen Fuersten ist, fuer einen Beschuetzer der Musen gehalten zu
werden. Denn das ist in den Augen von neun und neunzig hundertteilen des
menschlichen Geschlechts ein untrueglicher Beweis, dass er selbst ein Herr
von grosser Einsicht, und Wissenschaft ist; und diese Meinung erweckt
Zutrauen, und ein guenstiges Vorurteil fuer alles was er unternimmt. Aber
das ist der geringste Nutzen, den ihr von euern witzigen Kostgaengern zieht.
Setzet den Fall, dass es noetig sei eine neue Auflage zu machen; das ist
alles was ihr braucht, um in einem Augenblick ein allgemeines Murren gegen
eure Regierung zu erregen; die Missvergnuegten, eine Art von Leuten, welche
die kluegste Regierung niemals gaenzlich ausrotten kann, machen sich einen
solchen Zeitpunkt zu nutze; setzen das Volk in Gaerung, untersuchen eure
Auffuehrung, die Verwaltung eurer Einkuenfte, und tausend Dinge, an welche
vorher niemand gedacht hatte; die Unruhe nimmt zu, die Repraesentanten des
Volks versammeln sich, man uebergibt euch eine Vorstellung, eine
Beschwerung um die andere; unvermerkt nimmt man sich heraus die Bitten in
Forderungen zu verwandeln, und die Forderungen mit ehrfurchtsvollen
Drohungen zu unterstuetzen; kurz, die Ruhe euers Lebens ist, wenigstens auf
einige Zeit, verloren; ihr befindet euch in kritischen Umstaenden, wo der
kleinste Fehltritt die schlimmesten Folgen nach sich ziehen kann, und es
braucht nur einen Dion, der sich zu einer solchen Zeit einem missvergnuegten
Poebel an den Kopf wirft, so habt ihr einen Aufruhr in seiner ganzen Groesse.
Hier zeigt sich der wahre Nutzen unsrer witzigen Koepfe. Durch ihren
Beistand koennen wir in etlichen Tagen allen diesen uebeln zuvorkommen.
Lasst den Philosophen demonstrieren, dass diese Auflage zur Wohlfahrt des
gemeinen Wesens unentbehrlich ist; lasst den Spassvogel irgend einen
laecherlichen Einfall, irgend eine lustige Hof-Anekdote oder ein boshaftes
Maerchen in der Stadt herumtragen, und den Poeten eine neue Komoedie und ein
paar Gassenlieder machen, um dem Poebel was zu sehen und zu singen zu geben:
So wird alles ruhig bleiben; und indessen dass die politischen Muessiggaenger
sich darueber zanken werden, ob euer Philosoph recht oder unrecht
argumentiert habe, und die kleine aergerliche Anekdote reichlich ausgeziert
und verschoenert, den Witz aller guten Gesellschaften im Atem erhaelt: Wird
der Poebel ein paar Flueche zwischen den Zaehnen murmeln, seinen Gassenhauer
anstimmen, und--bezahlen. Solche Dienste, sind, deucht mich wohl wert,
etliche Leute zu unterhalten, die ihren ganzen Ehrgeiz darin setzen, Worte
zierlich zusammenzusetzen, Sylben zu zaehlen, Ohren zu kitzeln und Lungen
zu erschuettern; Leute, denen ihr alle ihre Wuensche erfuellt, wenn ihr ihnen
so viel gebt, als sie brauchen, kummerlos durch eine Welt, an die sie
wenig Ansprueche machen, hindurchzuschlentern, und nichts zu tun, als was
der Wurm im Kopf, den sie ihren Genie nennen, ihnen zum groessesten
Vergnuegen ihres Lebens macht."
Dionys befand diesen Rat seines wuerdigen Ministers vollkommen nach seinem
Geschmack. Philistus uebergab ihm eine Liste von mehr als zwanzig
Kandidaten, aus denen man, wie er sagte, nach Belieben auswaehlen koennte.
Dionys glaubte, dass man dieser nuetzlichen Leute nicht zuviel haben koenne,
und waehlte alle. Alle schoenen Geister Griechenlandes wurden unter
blendenden Verheissungen an seinen Hof eingeladen. In kurzer Zeit
wimmelte es in seinen Vorsaelen von Philosophen und Priestern der Musen.
Alle Arten von Dichtern, Epische, Tragische, Komische, Lyrische, welche
ihr Glueck zu Athen nicht hatten machen koennen, zogen nach Syracus, um ihre
Leiern und Floeten an den anmutigen Ufern des Anapus zu stimmen, und--sich
satt zu essen. Sie glaubten, dass es ihnen gar wohl erlaubt sein koenne,
die Tugenden des Dionys zu besingen, nachdem der goettliche Pindar sich
nicht geschaemt hatte, die Maulesel des Hieron unsterblich zu machen. So
gar der zynische Antisthenes liess sich durch die Hoffnung herbeilocken,
dass ihn die Freigebigkeit des Dionys in den Stand setzen wuerde, die
Vorteile der freiwilligen Armut und der Enthaltsamkeit mit desto mehr
Gemaechlichkeit zu studieren; Tugenden, von deren Schoenheit, nach dem
stillschweigenden Gestaendnis ihrer eifrigsten Lobredner, sich nach einer
guten Mahlzeit am beredtesten sprechen laesst. Kurz, Dionys hatte das
Vergnuegen, ohne einen Plato dazu noetig zu haben, sich mitten an seinem
Hofe eine Akademie fuer seinen eignen Leib zu errichten, deren Vorsteher
und Apollo er selbst zu sein wuerdigte, und in welcher ueber die
Gerechtigkeit, ueber die Grenzen des Guten und Boesen, ueber die Quelle der
Gesetze, ueber das Schoene, ueber die Natur der Seele, der Welt und der
Goetter, und andere solche Materien, welche nach den gewoehnlichen Begriffen
der Weltleute zu nichts als zur Konversation gut sind, mit so vieler
Schwatzhaftigkeit, mit so viel Subtilitaet und so wenig gesunder Vernunft
disputiert wurde, als es in irgend einer Schule der Weisheit der damaligen
Zeiten zu geschehen pflegte. Er hatte das Vergnuegen sich bewundern, und
wegen einer Menge von Tugenden und Helden-Eigenschaften lobpreisen zu
hoeren, die er sich selbst niemals zugetraut haette. Seine Philosophen
waren keine Leute, die, wie Plato, sich herausgenommen haetten, ihn
hofmeistern, und lehren zu wollen, wie er zuerst sich selbst, und dann
seinen Staat regieren muesse. Der strengeste unter ihnen war zu hoeflich,
etwas an seiner Lebensart auszusetzen, und alle waren bereit es einem
jeden Zweifler sonnenklar zu beweisen, dass ein Tyrann, der
Zueignungs-Schriften, und Lobgedichte so gut bezahlte, so gastfrei war,
und seine getreuen Untertanen durch den Anblick so vieler Feste und
Lustbarkeiten gluecklich machte, der wuerdigste unter allen Koenigen sein
muesse.
In diesen Umstaenden befand sich der Hof zu Syracus, als der Held unsrer
Geschichte in dieser Stadt ankam; und so war der Fuerst beschaffen, welchem
er, unter ganz andern Voraussetzungen, seine Dienste anzubieten gekommen
war.
FUeNFTES KAPITEL
Agathon wird der Guenstling des Dionysius
Agathon erfuhr die hauptsaechlichsten Begebenheiten, welche den Inhalt des
vorhergehenden Kapitels ausmachen, bei einem grossen Gastmahl, welches sein
Freund der Kaufmann, des folgenden Tages gab, um Agathons Ankunft in
Syracus, und seine eigene Wiederkunft feirlich zu begehen. Der Name eines
Gastes, der eine Zeit lang den Griechen so viel von sich zu reden gegeben
hatte, zog unter andern Neugierigen auch den Philosophen Aristippus herbei,
der sowohl wegen der Annehmlichkeiten seines Umgangs, als wegen der Gnade,
worin er bei dem Tyrannen stund, in den besten Haeusern zu Syracus sehr
willkommen war. Dieser Philosoph hatte sich, bei jener grossen Migration
der schoenen Geister aus Griechenland nach Syracus, auch dahin begeben,
mehr um einen beobachtenden Zuschauer abzugeben, als in der Absicht, durch
parasitische Kuenste die Eitelkeit des Dionys seinen Beduerfnissen zinsbar
zu machen. Agathon und Aristippus hatten einander zu Athen gekannt; aber
damals kontrastierte der Enthusiasmus des Ersten mit dem kalten Blut, und
der Humoristischen Art zu philosophieren des Andern zu stark, als dass sie
einander wahrhaftig haetten hochschaetzen koennen, obgleich Aristipp sich
oefters bei den Versammlungen einfand, welche damals aus Agathons Haus
einen Tempel der Musen, und eine Akademie der besten Koepfe von Athen
machten. Die Wahrheit war, dass Agathon mit allen seinen schimmernden
Eigenschaften in Aristipps Augen ein Phantast, dessen Unglueck er seinen
Vertrauten oefters vorhersagte--und Aristipp mit allem seinem Witz nach
Agathons Begriffen ein blosser Sophist war, den seine Grundsaetze
geschickter machten, weibische Sybariten noch sybaritischer, als junge
Republikaner zu tugendhaften Maennern zu machen. Der Eindruck, welcher
beiden von dieser ehmals von einander gefassten Meinung geblieben war,
machte sie stutzen, da sie sich nach einer Trennung von drei oder vier
Jahren so unvermutet wieder sahen. Es ging ihnen in den ersten
Augenblicken, wie es uns zu gehen pflegt, wenn uns deucht, als ob wir eine
Person kennen sollten, ohne uns gleich deutlich erinnern zu koennen, wer
sie ist, oder wo und in welchen Umstaenden wir sie gesehen haben. Das
sollte Agathon--das sollte Aristipp sein, dachte jeder bei sich selbst,
war ueberzeugt, dass es so sei, und hatte doch Muehe, seiner eigenen
ueberzeugung zu glauben. Aristipp suchte im Agathon den Enthusiasten,
welcher nicht mehr war; und Agathon glaubte im Aristipp den Sybariten
nicht mehr zu finden; vielleicht allein, weil seine Art, Personen und
Sachen ins Auge zu fassen, seit einiger Zeit eine merkliche Veraenderung
erlitten hatte. Ein Umgang von etlichen Stunden loesete beiden das Raetsel
ihres anfaenglichen Irrtums auf, zerstreute den Rest des alten Vorurteils,
und floesste ihnen Dispositionen ein, bessere Freunde zu werden. Unvermerkt
erinnerten sie sich nicht mehr, dass sie einander ehmals weniger gefallen
hatten; und ihr Herz liebte den kleinen Selbstbetrug, dasjenige was sie
itzt fuer einander empfanden, fuer die blosse Erneuerung einer alten
Freundschaft zu halten. Aristipp fand bei unserm Helden, eine
Gefaelligkeit, eine Politesse, eine Maessigung, welche ihm zu beweisen schien,
dass Erfahrungen von mehr als einer Art eine starke Revolution in seinem
Gemuete gewuerkt haben mussten. Agathon fand bei dem Philosophen von Cyrene
etwas mehr als Witz, einen Beobachtungs-Geist, eine gesunde Art zu denken,
eine Feinheit und Richtigkeit der Beurteilung, welche den Schueler des
weisen Socrates in ihm erkennen liessen. Diese Entdeckungen floesseten ihnen
natuerlicher Weise ein gegenseitiges Zutrauen ein, welches sie geneigt
machte, sich weniger vor einander zu verbergen, als man bei einer ersten
Zusammenkunft zu tun gewohnt ist. Agathon liess seinem neuen Freunde sein
Erstaunen darueber sehen, dass die Hoffnungen, welche man sich zum Vorteil
Siciliens von Platons Ansehen bei dem Dionys gemacht, so ploetzlich, und
auf eine so unbegreifliche Art, vernichtet worden. In der Tat bestund
alles was man in der Stadt davon wusste, in blossen Mutmassungen, die sich
zum Teil auf allerlei unzuverlaessige Anekdoten gruendeten, welche in
Staedten, wo ein Hof ist von muessigen Leuten, die sich das Ansehen geben
wollen, als ob sie von den Geheimnissen und Intriguen des Hofes
vollkommene Wissenschaft haetten, von Gesellschaft zu Gesellschaft
herumgetragen zu werden pflegen. Aristipp hatte in der kurzen Zeit, seit
dem er sich an Dionysens Hofe aufhielt, die schwache Seite dieses Prinzen,
den Charakter seiner Guenstlinge, der Vornehmsten der Stadt, und der
Sicilianer ueberhaupt so gut ausstudiert, dass er, ohne sich in die
Entwicklung der geheimern Triebfedern (womit wir unsre Leser schon bekannt
gemacht haben) einzulassen, den Agathon leicht ueberzeugen konnte, dass ein
gleichgueltiger Zuseher von den Anschlaegen, Dions und Platons, den Dionys
zu einer freiwilligen Niederlegung der monarchischen Gewalt zu vermoegen,
sich keinen gluecklichern Ausgang habe versprechen koennen. Er malte den
Tyrannen von seiner besten Seite als einen Prinzen ab, bei dem die
ungluecklichste Erziehung ein vortreffliches Naturell nicht habe verderben
koennen; der von Natur leutselig, edel, freigebig, und dabei so bildsam und
leicht zu regieren sei, dass alles bloss darauf ankomme, in was fuer Haenden
er sich befinde. Seiner Meinung nach war, eben diese allzubewegliche
Gemuetsart und der Hang fuer die Vergnuegungen der Sinnen die fehlerhafteste
Seite dieses Prinzen. Plato haette die Kunst verstehen sollen, sich dieser
Schwachheiten selbst auf eine feine Art zu seinen Absichten zu bedienen;
aber das haette eine Geschmeidigkeit, eine kluge Mischung von
Nachgiebigkeit und Zurueckhaltung erfordert, wozu der Verfasser des
'Cratylus' und 'Timaeus' niemals faehig sein werde. ueberdem haette er sich
zu deutlich merken lassen, dass er gekommen sei, den Hofmeister des Prinzen
zu machen; ein Umstand, der schon fuer sich allein alles habe verderben
muessen. Denn die schwaechsten Fuersten seien allemal diejenigen, vor denen
man am sorgfaeltigsten verbergen muesse, dass man weiter sehe als sie; sie
wuerden sich's zur Schande rechnen, sich von dem groessesten Geist in der
Welt regieren zu lassen, so bald sie glauben, dass er eine solche Absicht
im Schilde fuehre; und daher komme es, dass sie sich oft lieber der
schimpflichen Herrschaft eines Kammerdieners oder einer Maitresse
unterwerfen, welche die Kunstgriffe besitzen, ihre Gewalt ueber das Gemuet
des Herrn unter sklavischen Schmeicheleien oder schlauen Liebkosungen zu
verbergen. Plato sei zu einem Minister eines so jungen Prinzen zu
spitzfindig, und zu einem Guenstling zu alt gewesen; zudem habe ihm seine
vertraute Freundschaft mit dem Dion geschadet, da sie seinen heimlichen
Feinden bestaendige Gelegenheit gegeben, ihn dem Prinzen verdaechtig zu
machen. Endlich habe der Einfall, aus Sicilien eine platonische Republik
zu machen, an sich selbst nichts getaugt. Der National-Geist der
Sicilianer sei eine Zusammensetzung von so schlimmen Eigenschaften, dass es,
seiner Meinung nach, dem weisesten Gesetzgeber unmoeglich bleiben wuerde,
sie zur republikanischen Tugend umzubilden; und Dionys, welcher unter
gewissen Umstaenden faehig sei ein guter Fuerst zu werden, wuerde, wenn er
sich auch in einem Anstoss von eingebildeter Grossmut haette bereden lassen,
die Tyrannie aufzuheben, allezeit ein sehr schlimmer Buerger gewesen sein.
Diese allgemeine Ursachen seien, was auch die naehern Veranlassungen der
Verbannung des Dion und der Ungnade oder wenigstens der Entfernung des
Platon gewesen sein moegen, hinlaenglich begreiflich zu machen, dass es nicht
anders habe gehen koennen; sie bewiesen aber auch (setzte Aristipp mit
einer anscheinenden Gleichgueltigkeit hinzu) dass ein Anderer, der sich die
Fehler dieser Vorgaenger zu Nutzen zu machen wisste, wenig Muehe haben wuerde,
die unwuerdigen Leute zu verdraengen, welche sich wieder in den Besitz des
Zutrauens und der Autoritaet des Tyrannen geschwungen haetten.
Agathon fand diese Gedanken seines neuen Freundes so wahrscheinlich, dass
er sich ueberreden liess, sie fuer wahr anzunehmen. Und hier spielte ihm die
Eigenliebe einen kleinen Streich, dessen er sich nicht zu ihr vermutete.
Sie fluesterte ihm so leise, dass er ihren Einhauch vielleicht fuer die
Stimme seines Genius, oder der Tugend selbsten hielt, den Gedanken zu--wie
schoen es waere, wenn Agathon dasjenige zu Stande bringen koennte, was Plato
vergebens unternommen hatte. Wenigstens deuchte es ihn schoen, den Versuch
zu machen; und er fuehlte eine Art von ahnendem Bewusstsein, dass eine solche
Unternehmung nicht ueber seine Kraefte gehen wuerde. Diese Empfindungen
(denn Gedanken waren es noch nicht) stiegen, waehrend dass Aristippus sprach,
in ihm auf; aber er nahm sich wohl in Acht, ihn das geringste davon
merken zu lassen; und lenkte, aus Besorgnis von einem so schlauen Hoeflinge
unvermerkt ausgekundschaftet zu werden, das Gespraech auf andre Gegenstaende.
ueberhaupt vermied er alles, was die Aufmerksamkeit der Anwesenden
vorzueglich auf ihn haette richten koennen, desto sorgfaeltiger, da er
wahrnahm, dass man einen ausserordentlichen Mann in ihm zu sehen erwartete.
Er sprach sehr bescheiden, und nur so viel als die Gelegenheit
unumgaenglich erfoderte, von dem Anteil, den er an der Staats-Verwaltung
von Athen gehabt hatte; liess die Anlaesse entschluepfen, die ihm von einigen
mit guter Art (wie sie wenigstens glaubten) gemacht wurden, um seine
Gedanken von Regierungs-Sachen, und von den Syracusanischen
Angelegenheiten auszuholen; sprach von allem wie ein gewoehnlicher Mensch,
der sich auf das was er spricht versteht, und begnuegte sich bei
Gelegenheit sehen zu lassen, dass er ein Kenner aller schoenen Sachen sei,
ob er sich gleich nur fuer einen Liebhaber gab. Dieses Betragen, wodurch
er allen Verdacht, als ob er aus besondern Absichten nach Syracus gekommen
sei, von sich entfernen wollte, hatte die Wuerkung, dass die Meisten, welche
mit einem Erwartungsvollen Vorurteil fuer ihn gekommen waren, sich fuer
betrogen hielten, und mit der Meinung weggingen, Agathon halte in der Naehe
nicht, was sein Ruhm verspreche: ja, um sich dafuer zu raechen, dass er nicht
so war, wie er ihrer Einbildung zu lieb haette sein sollen, liehen sie ihm
noch einige Fehler, die er nicht hatte, und verringerten den Wert der
schoenen Eigenschaften, welche er entweder nicht verbergen konnte, oder
nicht verbergen wollte; gewoehnliches Verfahren der kleinen Geister,
wodurch sie sich unter einander in der troestlichen Beredung zu staerken
suchen, dass kein so grosser Unterscheid, oder vielleicht gar keiner,
zwischen ihnen und den Agathonen sei--und wer wird so unbillig sein, und
ihnen das uebel nehmen?
Sobald sich unser Mann allein sah, ueberliess er sich den Betrachtungen, die
in seiner gegenwaertigen Stellung die natuerlichsten waren. Sein erster
Gedanke, sobald er gehoert hatte, dass Plato entfernt, und Dionys wieder in
der Gewalt seiner ehemaligen Guenstlinge und einer neuangekommenen Taenzerin
sei, war gewesen, sich nur wenige Tage bei seinem Freunde verborgen zu
halten, und sodann nach Italien ueberzufahren, wo er verschiedne Ursachen
hatte zu hoffen, dass er in dem Hause des beruehmten Archytas zu Tarent
willkommen sein wuerde. Allein die Unterredung mit dem Aristippus hatte
ihn auf andre Gedanken gebracht. Je mehr er dasjenige, was ihm dieser
Philosoph von den Ursachen der vorgegangenen Veraenderungen gesagt hatte,
ueberlegte; je mehr fand er sich ermuntert, das Werk, welches Plato
aufgegeben hatte, auf einer andern Seite, und, wie er hoffte, mit besserm
Erfolg, anzugreifen. Von tausend manchfaltigen Gedanken hin und her
gezogen, brachte er den groessesten Teil der Nacht in einem Mittelstand
zwischen Entschliessung und Ungewissheit zu, bis er endlich mit sich selbst
einig wurde, es darauf ankommen zu lassen, wozu ihn die Umstaende bestimmen
wuerden. Inzwischen machte er sich auf den Fall, wenn ihn Dionys an seinen
Hof zu ziehen suchen sollte, einen Verhaltungs-Plan; er stellte sich eine
Menge Zufaelle vor, welche begegnen konnten, und setzte die Massregeln bei
sich selbst feste, nach welchen er in allen diesen Umstaenden handeln
wollte. Die genaueste Verbindung der Klugheit mit der Rechtschaffenheit
war die Seele davon. Sein eigner Vorteil kam dabei in gar keine
Betrachtung; dieser Punkt lag durch aus zum Grunde seines ganzen Systems;
er wollte sich durch keine Art von Banden fesseln lassen, sondern immer
die Freiheit behalten, sich so bald er sehen wuerde, dass er vergeblich
arbeite, mit Ehre zurueckzuziehen. Das war die einzige Ruecksicht, die er
dabei auf sich selbst machte. Die lebhafte Abneigung, die er, aus eigener
Erfahrung gegen alle populare Regierungs-Arten gefasst hatte, liess ihn
nicht daran denken, den Sicilianern zu einer Freiheit behuelflich zu sein,
welche er fuer einen blossen Namen hielt, unter dessen Schutz die Edeln
eines Volkes und der Poebel einander wechselweise aerger Tyrannisieren als
es irgend ein Tyrann zu tun faehig ist; der so arg er immer sein mag, doch
durch seinen eigenen Vorteil abgehalten wird, seine Sklaven gaenzlich
aufzureiben;--da hingegen der Poebel, wenn er die Gewalt einmal an sich
gerissen hat, seinen wilden Bewegungen keine Grenzen zu setzen faehig ist.
Diese Reflexion traf zwar nur die Demokratie; aber Agathon hatte von der
Aristokratie keine bessere Meinung. Eine endlose Reihe von schlimmen
Monarchen schien ihm etwas, das nicht in der Natur ist; und ein einziger
guter Fuerst, war, nach seiner Voraussetzung, vermoegend, das Glueck seines
Volkes auf ganze Jahrhunderte zu befestigen; da hingegen (seiner Meinung
nach) die Aristokratie anders nicht als durch die gaenzliche Unterdrueckung
des Volks auf einen dauerhaften Grund gesetzt werden koenne, und also schon
aus dieser einzigen Ursache die schlimmste unter allen moeglichen
Verfassungen sei. So sehr gegen diese beide Regierungs-Arten eingenommen
als er war, konnte er nicht darauf verfallen, sie mit einander vermischen,
und durch eine Art von politischer Chemie aus so widerwaertigen Dingen eine
gute Komposition herausbringen zu wollen. Eine solche Verfassung deuchte
ihn allzuverwickelt, und aus zu vielerlei Gewichtern und Raedern
zusammengesetzt, um nicht alle Augenblicke in Unordnung zu geraten, und
sich nach und nach selbst aufzureiben. Die Monarchie schien ihm also,
von allen Seiten betrachtet, die einfacheste, edelste, und der Analogie
des grossen Systems der Natur gemaesseste Art die Menschen zu regieren; und
dieses vorausgesetzt, glaubte er alles getan zu haben, wenn er einen
zwischen Tugend und Laster hin und her wankenden Prinzen aus den Haenden
schlimmer Ratgeber ziehen; durch einen klugen Gebrauch der Gewalt, die er
ueber sein Gemuet zu bekommen hoffte, seine Denkungs-Art verbessern; und ihn
nach und nach durch die eigentuemlichen Reizungen der Tugend endlich
vollkommen gewinnen koennte. Und gesetzt auch, dass es ihm nur auf eine
unvollkommene Art gelingen wuerde; so hoffte er, wofern er sich nur einmal
seines Herzens bemeistert haben wuerde, doch immer im Stande zu sein, viel
gutes zu tun, und viel Boeses zu verhindern, und auch dieses schien ihm
genug zu sein, um beim Schluss der Aktion mit dem belohnenden Gedanken,
eine schoene Rolle wohl gespielt zu haben, vom Theater abzutreten. In
diesen sanfteinwiegenden Gedanken schlummerte Agathon endlich ein, und
schlief noch, als Aristippus des folgenden Morgens wiederkam, um ihn im
Namen des Dionys einzuladen, und bei diesem Prinzen aufzufuehren.
Die Seite, von der sich dieser Philosoph in der gegenwaertigen Geschichte
zeigt, stimmt mit dem gemeinen Vorurteil, welches man gegen ihn gefasst hat,
so wenig ueberein, als dieses mit den gewissesten Nachrichten, welche von
seinem Leben und von seinen Meinungen auf uns gekommen sind. In der Tat
scheint dasselbe sich mehr auf den Missverstand seiner Grundsaetze und
einige aergerliche Maerchen, welche Diogenes von Laerte und Athenaeus, zween
von den unzuverlaessigsten Kompilatoren in der Welt, seinen Feinden
nacherzaehlen, als auf irgend etwas zu gruenden, welches ihm unsre
Hochachtung mit Recht entziehen koennte. Es hat zu allen Zeiten eine Art
von Leuten gegeben, welche nirgends als in ihren Schriften tugendhaft sind;
Leute, welche die Verdorbenheit ihres Herzens, und ihre geheimen Laster
durch die Affektation der strengesten Grundsaetze in der Sittenlehre
bedecken wollen; moralische Pantomimen, qui Curios simulant & Bacchanalia
vivunt; Leute, welche sich das Ansehen einer ausserordentlichen Delikatesse
der Ohren in moralischen Dingen geben, und von dem blossen Schall des Worts
Wollust, mit einem heiligen Schauer, erroetend--oder erblassend,
zusammenfahren; kurz, Leute, welche jedermann verachten wuerde, wenn nicht
der groesseste Haufen dazu verurteilt waere, sich durch Masken-Gesichter,
Mienen, Gebaerden, Inflexionen der Stimme, verdrehte Augen, und--weisse
Schnupftuecher betruegen zu lassen. Diese vortrefflichen Leute, (welche wir
etwas genauer beschrieben haben, weil es nicht mehr gebraeuchlich ist,
denenjenigen einen Buendel Heu vor die Stirne zu binden, denen man nicht
allzunahe kommen darf,) taten schon damals ihr Bestes, den guten Aristipp
fuer einen Wolluestling auszuschreien, dessen ganze Philosophie darin
bestehe, dass er die Forderungen unsrer sinnlichen Triebe zu Grundsaetzen
gemacht, und die Kunst gemaechlich und angenehm zu leben, in ein System
gebracht habe.
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