Oberon
C >>
Christoph Martin Wieland >> Oberon
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 This Etext prepared by. . . .
Michael Pullen
globaltraveler5565@yahoo.com
Oberon
Christoph Martin Wieland
Ein romantisches Heldengedicht in zwoelf Gesaengen (1780)
Inhalt:
* Vorrede
* 1. Gesang
* 2. Gesang
* 3. Gesang
* 4. Gesang
* 5. Gesang
* 6. Gesang
* 7. Gesang
* 8. Gesang
* 9. Gesang
* 10. Gesang
* 11. Gesang
* 12. Gesang
* Glossarium A-K
* Glossarium L-Z
An den Leser.
Die Romanzen und Ritterbuecher, womit Spanien und Frankreich im zwoelften,
dreyzehnten und vierzehnten Jahrhundert ganz Europa so reichlich versehen
haben, sind, eben so wie die fabelhafte Goetter--und Heldengeschichte der
Morgenlaender und der Griechen, eine Fundgrube von poetischem Stoffe,
welche, selbst nach allem was Bojardo, Ariost, Tasso, Allemanni, und
andere daraus gezogen haben, noch lange fuer unerschoepflich angesehen
werden kann.
Ein grosser Theil der Materialien zu gegenwaertigem Gedichte, besonders
dessen was man in der Kunstsprache die Fabel nennt, ist aus dem alten
Ritterbuche von Huon de Bordeaux genommen, welches durch einen der
Bibliotheque Universelle des Romans einverleibten freyen Auszug, aus der
Feder des verstorbenen Grafen von Tressan, allgemein bekannt ist. Aber
der Oberon, der in diesem alten Ritterromane die Rolle des Deus ex machina
spielt, und der Oberon, der dem gegenwaertigen Gedichte seinen Nahmen
gegeben, sind zwey sehr verschiedene Wesen. Jener ist eine seltsame Art
von Spuk, ein Mittelding von Mensch und Kobold, der Sohn Julius Caesars und
einer Fee, der durch eine sonderbare Bezauberung in einen Zwerg verwandelt
ist; der meinige ist mit dem Oberon, welcher in Chaucers "Merchant's-Tale"
und Shakspeares "Midsummer-Night's-Dream" als ein Feen--oder Elfenkoenig
(King of Fayries) erscheint, eine und eben dieselbe Person; und die Art,
wie die Geschichte seines Zwistes mit seiner Gemahlin Titania in die
Geschichte Hueons und Rezia's eingewebt worden, scheint mir (mit Erlaubniss
der Kunstrichter) die eigenthuemlichste Schoenheit des Plans und der
Komposizion dieses Gedichtes zu seyn.
In der That ist "Oberon" nicht nur aus zwey, sondern, wenn man es genau
nehmen will, aus drey Haupthandlungen zusammen gesetzt: nehmlich, aus dem
Abenteuer, welches Hueon auf Befehl des Kaisers zu bestehen uebernommen, der
Geschichte seiner Liebesverbindung mit Rezia, und der Wiederaussoehnung der
Titania mit Oberon: aber diese drey Handlungen oder Fabeln sind dergestalt
in Einen Hauptknoten verschlungen, dass keine ohne die andere bestehen oder
einen gluecklichen Ausgang gewinnen konnte. Ohne Oberons Beystand wuerde
Hueon Kaiser Karls Auftrag unmoeglich haben ausfuehren koennen: ohne seine
Liebe zu Rezia, und ohne die Hoffnung, welche Oberon auf die Treue und
Standhaftigkeit der beiden Liebenden, als Werkzeugen seiner eignen
Wiedervereinigung mit Titania, gruendete, wuerde dieser Geisterfuerst keine
Ursache gehabt haben, einen so innigen Antheil an ihren Schicksalen zu
nehmen. Aus dieser auf wechselseitige Unentbehrlichkeit gegruendeten
Verwebung ihres verschiedenen Interesse entsteht eine Art von Einheit, die,
meines Erachtens, das Verdienst der Neuheit hat, und deren gute Wirkung
der Leser durch seine eigene Theilnehmung an den saemmtlichen handelnden
Personen zu stark fuehlt, als dass sie ihm irgend ein Kunstrichter
wegdisputieren koennte.
An Se. Durchlaucht den Prinzen
August von Sachsen-Gotha und Altenburg.
Der Grazien schoenste weyhet, am Altar
der Freundschaft, Bester Prinz, Dir diese Blumen,
gepflegt von einer Muse die Du liebst.
Sie bluehten unter Deinen Blicken auf,
und Du ergoeztest Dich an ihrem Duft.
Bescheiden ist ihr Glanz; allein mir sagt's
ein Genius, sie werden nie verbluehen:
und wenn dereinst nichts uebrig ist von mir
als sie--und auch von Dir, o Du Geliebter,
nichts uebrig ist, als Deiner schoenen Seele
und aller Deiner holden Tugenden
Erinnerung: dann werden noch die Musen,
stilltraurend--denn wer liebte sie wie Du?--
die unverwelklichen um Deine Urne winden.
Erster Gesang.
1
Noch einmahl sattelt mir den Hippogryfen, ihr Musen,
Zum Ritt ins alte romantische Land!
Wie lieblich um meinen entfesselten Busen
Der holde Wahnsinn spielt! Wer schlang das magische Band
Um meine Stirne? Wer treibt von meinen Augen den Nebel
Der auf der Vorwelt Wundern liegt?
Ich seh', in buntem Gewuehl, bald siegend, bald besiegt,
Des Ritters gutes Schwert, der Heiden blinkende Saebel.
2
Vergebens knirscht des alten Sultans Zorn,
Vergebens draeut ein Wald von starren Lanzen:
Es toent in lieblichem Ton das elfenbeinerne Horn,
Und, wie ein Wirbel, ergreift sie alle die Wuth zu tanzen;
Sie drehen im Kreise sich um bis Sinn und Athem entgeht.
Triumf, Herr Ritter, Triumf! Gewonnen ist die Schoene.
Was saeumt ihr? Fort! der Wimpel weht;
Nach Rom, dass euern Bund der heil'ge Vater kroene!
3
Nur dass der suessen verbotenen Frucht
Euch ja nicht vor der Zeit gelueste!
Geduld! der freundlichste Wind beguenstigt eure Flucht,
Zwey Tage noch, so winkt Hesperiens goldne Kueste.
O rette, rette sie, getreuer Scherasmin,
Wenn's moeglich ist!--Umsonst! die trunknen Seelen hoeren
Sogar den Donner nicht. Unglueckliche, wohin
Bringt euch ein Augenblick! Kann Liebe so bethoeren?
4
In welches Meer von Jammer stuerzt sie euch!
Wer wird den Zorn des kleinen Halbgotts schmelzen?
Ach! wie sie Arm in Arm sich auf den Wogen waelzen!
Noch gluecklich durch den Trost, zum wenigsten zugleich
Eins an des andern Brust zu sinken ins Verderben.
Ach! hofft es nicht! Zu sehr auf euch erbost
Versagt euch Oberon sogar den letzten Trost,
Den armen letzten Trost des Leidenden, zu sterben!
5
Zu strengern Qualen aufgespart
Seh' ich sie huelflos, nackt, am oeden Ufer irren:
Ihr Lager eine Kluft, mit einer Hand voll duerren
Halb faulem Schilf bestreut; und Beeren wilder Art,
Die kaerglich hier und dort an kahlen Hecken schmoren,
All' ihre Kost! In dieser dringenden Noth
Kein Huettenrauch von fern, kein huelfewinkend Boot,
Glueck, Zufall und Natur zu ihrem Fall verschworen!
6
Und noch ist nicht des Raechers Zorn erweicht,
Noch hat ihr Elend nicht die hoechste Stuf' erreicht;
Es naehrt nur ihre strafbar'n Flammen,
Sie leiden zwar, doch leiden sie beisammen.
Getrennt zu seyn, so wie in Donner und Blitz
Der wilde Sturm zwey Bruderschiffe trennet,
Und ausgeloescht, wenn im geheimsten Sitz
Der Hoffnung noch ein schwaches Flaemmchen brennet:
7
Diess fehlte noch!--O du, ihr Genius einst, ihr Freund!
Verdient, was Liebe gefehlt, die Rache sonder Grenzen?
Weh euch! Noch seh' ich Thraenen in seinen Augen glaenzen;
Erwartet das aergste wenn Oberon weint!--
Doch, Muse, wohin reisst dich die Adlersschwinge
Der hohen trunknen Schwaermerey?
Dein Hoerer steht bestuerzt, er fragt sich was dir sey,
Und deine Gesichte sind ihm geheimnisvolle Dinge.
8
Komm, lass dich nieder zu uns auf diesen Kanapee,
Und--statt zu rufen, ich seh', ich seh,
Was niemand sieht als Du--erzaehl' uns fein gelassen
Wie alles sich begab. Sieh, wie mit lauschendem Mund
Und weit geoeffnetem Auge die Hoerer alle passen,
Geneigt zum gegenseitigem Bund,
Wenn du sie taeuschen kannst sich willig taeuschen zu lassen.
Wohlan! so hoeret denn die Sache aus dem Grund!
9
Der Paladin, mit dessen Abenteuern
Wir euch zu ergetzen (wofern ihr noch ergetzbar seyd)
Entschlossen sind, war seit geraumer Zeit
Gebunden durch sein Wort nach Babylon zu steuern.
Was er zu Babylon verrichten sollte, war
Halsbrechend Werk, sogar in Karls des Grossen Tagen:
In unsern wuerd' es, auf gleiche Gefahr,
Um allen Ruhm der Welt kein junger Ritter wagen.
10
Sohn, sprach sein Oheim zu ihm, der heil'ge Vater in Rom,
Zu dessen Fuessen, mit einem reichlichen Strom
Bussfert'ger Zaehren angefeuchtet,
Er, als ein frommer Christ, erst seine Schuld gebeichtet;
Sohn, sprach er, als er ihm den Ablass segnend gab,
Zeuch hin in Frieden! Es wird dir wohl gelingen
Was du beginnst. Allein vor allen Dingen,
Wenn du nach Joppen kommst, besuch das heil'ge Grab!
11
Der Ritter kuesset ihm in Demuth den Pantoffel,
Gelobt Gehorsam an, und zieht getrost dahin.
Schwer war das Werk, wozu der Kaiser ihn
Verurtheilt hatte; doch, mit Gott und Sankt Christoffel
Hofft er zu seinem Ruhm sich schon heraus zu ziehn.
Er steigt zu Joppen aus, tritt mit dem Pilgerstabe
Die Wallfahrt an zum werthen heil'gen Grabe,
Und fuehlt sich nun an Muth und Glauben zwiefach kuehn.
12
Drauf geht es mit verhaengtem Zuegel
Auf Bagdad los. Stets denkt er, kommt es bald?
Allein da lag noch mancher steile Huegel
Und manche Wuesteney und mancher dicke Wald
Dazwischen. Schlimm genug, dass in den Heidenlanden
Die schoene Sprache von Ok was unerhoertes war:
Ist diess der naechste Weg nach Bagdad? fragt er zwar
An jedem Thore, doch von keiner Seele verstanden.
13
Einst traf der Weg der eben vor ihm lag
Auf einen Wald. Er ritt bey Sturm und Regen
Bald links bald rechts den ganzen langen Tag,
Und musst' oft erst mit seinem breiten Degen
Durchs wilde Gebuesch sich einen Ausgang hau'n.
Er ritt Berg an, um freyer umzuschauen.
Weh ihm! Der Wald scheint sich von allen Seiten,
Je mehr er schaut, je weiter auszubreiten.
14
Was ganz natuerlich war daeucht ihm ein Zauberspiel.
Wie wird ihm erst, da in so wilden Gruenden,
Woraus kaum moeglich war bey Tage sich zu finden,
Zuletzt die Nacht ihn ueberfiel!
Sein Ungemach erreichte nun den Gipfel.
Kein Sternchen glimmt durch die verwachsnen Wipfel;
Er fuehrt sein Pferd so gut er kann am Zaum,
Und stoesst bey jedem Tritt die Stirn an einen Baum.
15
Die dichte rabenschwarze Huelle
Die um den Himmel liegt, ein unbekannter Wald,
Und, was zum ersten Mahl in seine Ohren schallt,
Der Loewen donnerndes Gebruelle
Tief aus den Bergen her, das, durch die Todesstille
Der Nacht noch schrecklicher, von Felsen wiederhallt:
Der Mann, der nie gebebt in seinem ganzen Leben,
Den machte alles diess zum ersten Mahl erbeben!
16
Auch unser Held, wiewohl kein Weibessohn
Ihn jemahls zittern sah, fuehlt doch bey diesem Ton
An Arm und Knie die Sehnen sich entstricken,
Und wider Willen laeuft's ihm eiskalt uebern Ruecken.
Allein den Muth, der ihn nach Babylon
Zu gehen treibt, kann keine Furcht ersticken;
Und mit gezognem Schwert, sein Ross stets an der Hand,
Ersteigt er einen Pfad, der sich durch Felsen wand.
17
Er war nicht lange fortgegangen,
So glaubt er in der Fern' den Schein von Feuer zu sehn.
Der Anblick pumpt sogleich mehr Blut in seine Wangen,
Und, zwischen Zweifel, und Verlangen
Ein menschlich Wesen vielleicht in diesen oeden Hoeh'n
Zu finden, faehrt er fort dem Schimmer nachzugehn,
Der bald erstirbt und bald sich wieder zeiget
So wie der Pfad sich senket oder steiget.
18
Auf einmahl gaehnt im tiefsten Felsengrund
Ihn eine Hoehle an, vor deren finsterm Schlund
Ein prasselnd Feuer flammt. In wunderbaren Gestalten
Ragt aus der dunkeln Nacht das angestrahlte Gestein,
Mit wildem Gebuesche versetzt, das aus den schwarzen Spalten
Herab nickt, und im Wiederschein
Als gruenes Feuer brennt. Mit lustvermengtem Grauen
Bleibt unser Ritter stehn, den Zauber anzuschauen.
19
Indem schallt aus dem Bauch der Gruft ein donnernd Halt!
Und ploetzlich stand vor ihm ein Mann von rauher Gestalt,
Mit einem Mantel bedeckt von wilden Katzenfellen,
Der, grob zusammen geflickt, die rauhen Schenkel schlug;
Ein graulich schwarzer Bart hing ihm in krausen Wellen
Bis auf den Magen herab, und auf der Schulter trug
Er einen Cedernast, als Keule, schwer genug
Den groessten Stier auf Einen Schlag zu faellen.
20
Der Ritter, ohne vor dem Mann
Und seiner Ceder und seinem Bart zu erschrecken,
Beginnt in der Sprache von Ok, der einzigen die er kann,
Ihm seinen Nothstand zu entdecken.
Was hoer' ich? ruft entzueckt der alte Waldmann aus:
O suesse Musik vom Ufer der Garonne!
Schon sechzehnmahl durchlaeuft den Sternenkreis die Sonne,
Und alle die Zeit entbehr' ich diesen Ohrenschmaus.
21
Willkommen, edler Herr, auf Libanon, willkommen!
Wiewohl sich leicht erachten laesst
Dass ihr den Weg in dieses Drachennest
Um meinetwillen nicht genommen.
Kommt, ruhet aus, und nehmt ein leichtes Mahl fuer gut,
Wobey die Freundlichkeit des Wirths das beste thut.
Mein Wein (er springt aus diesem Felsenkeller)
Verduennt das Blut, und macht die Augen heller.
22
Der Held, dem dieser Gruss gar grosse Freude gab,
Folgt ungesaeumt dem Landsmann in die Grotte,
Legt traulich Helm und Panzer ab,
Und steht entwaffnet da, gleich einem jungen Gotte.
Dem Waldmann wird als ruehr' ihn Alquifs Stab,
Da jener itzt den blanken Helm entschnallet,
Und ihm den schlanken Ruecken hinab
Sein langes gelbes Haar in grossen Ringen wallet.
23
Wie aehnlich, ruft er, o wie aehnlich, Stueck fuer Stueck!
Stirn, Auge, Mund und Haar!--Wem aehnlich? fragt der Ritter.
"Verzeihung, junger Mann! Es war ein Augenblick,
Ein Traum aus bessrer Zeit! so suess, und auch so bitter!
Es kann nicht seyn!--Und doch, wie euch diess schoene Haar
Den Ruecken herunter fiel, war mir's ich seh' Ihn selber
Von Kopf zu Fuss. Bey Gott! sein Abdruck, ganz und gar;
Nur Er von breit'rer Brust, und eure Locken gelber.
24
"Ihr seyd, der Sprache nach, aus meinem Lande; vielleicht
Ist's nicht umsonst, dass ihr dem guten Herrn so gleicht,
Um den ich hier in diesem wilden Haine,
So fern von meinem Volk, schon sechzehn Jahre weine.
Ach! ihn zu ueberleben war
Mein Schicksal! Diese Hand hat ihm die Augen geschlossen,
Diess Auge sein fruehes Grab mit treuen Zaehren begossen,
Und itzt, ihn wieder in euch zu sehn, wie wunderbar!"
25
Der Zufall spielt zuweilen solche Spiele,
Versetzt der Juengling.--Sey es dann,
Faehrt jener fort: genug, mein wackrer junger Mann,
Die Liebe, womit ich mich zu euch gezogen fuehle,
Ist traun! kein Wahn; und goennet ihr den Lohn
Dass Scherasmin bey euerm Nahmen euch nenne?
"Mein Nahm' ist Hueon, Erb' und Sohn
Des braven Siegewin, einst Herzogs von Guyenne."
26
O! ruft der Alte, der ihm zu Fuessen faellt,
So log mein Herz mir nicht! O tausendmahl willkommen
In diesem einsamen unwirthbaren Theil der Welt,
Willkommen, Sohn des ritterlichen, frommen,
Preiswerthen Herrn, mit dem in meiner bessern Zeit
Ich manches Abenteu'r in Schimpf und Ernst bestanden!
Ihr huepftet noch im ersten Fluegelkleid,
Als wir zum heiligen Grab zu fahren uns verbanden.
27
Wer haette dazumahl gedacht,
Wir wuerden uns in diesen Felsenschluenden
Auf Libanon nach achtzehn Jahren finden?
Verzweifle keiner je, dem in der truebsten Nacht
Der Hoffnung letzte Sterne schwinden!
Doch, Herr, verzeiht dass mich die Freude plaudern macht.
Lasst mich vielmehr vor allen Dingen fragen,
Was fuer ein Sturmwind euch in dieses Land verschlagen?
28
Herr Hueon laesst am Feuerherd
Auf einer Bank von Moos sich mit dem Alten nieder,
Und als er drauf die reisemueden Glieder
Mit einem Trunk, so frisch die Quelle ihn beschert,
Und etwas Honigseim gestaerket,
Beginnt er seine Geschichte dem Wirth erzaehlen, der sich
Nicht satt an ihm sehen kann, und stets noch was bemerket
Worin sein vor'ger Herr dem jungen Ritter glich.
29
Der junge Mann erzaehlt, nach Art der lieben Jugend,
Ein wenig breit: wie seine Mutter ihn
Bey Hofe (dem wahren Ort um Prinzen zu erziehn)
Gar fleissig zu guter Lehr' und ritterlicher Tugend
Erzogen; wie schnell der Kindheit lieblicher Traum
Vorueber geflogen; und wie, so bald ihm etwas Flaum
Durchs Kinn gestochen, man ihn zu Bordeaux, von den Stufen
Des Schlosses, mit grossem Pomp zum Herzog ausgerufen;
30
Und wie sie drauf in eitel Lust und Pracht,
Mit Jagen, Turnieren, Banketten, Saus und Brause,
Zwey volle Jahre wie einzelne Tage verbracht;
Bis Amory, der Feind von seinem Hause,
Beym Kaiser (dessen Huld sein Vater schon verscherzt)
Ihn hinterruecks gar boeslich angeschwaerzt;
Und wie ihn Karl, zum Schein in allen Gnaden,
Nach Hofe, zum Empfang der Lehen, vorgeladen;
31
Wie sein besagter Feind, der listige Baron
Von Hohenblat, mit Scharlot, zweytem Sohn
Des grossen Karls, dem schlimmsten Fuerstenknaben
Im Christenthum, (als der schon lange Lust gehegt
Zu Hueons Land) es heimlich angelegt
Auf seinem Zuge nach Hof ihm eine Grube zu graben;
Und wie sie, eines Morgens frueh,
Ihm aufgepasst im Wald bey Montlery.
32
Mein Bruder, fuhr er fort, der junge Gerard, machte,
Mit seinem Falken auf der Hand,
Die Reise mit. Aus frohem Unverstand
Entfernt der Knabe sich, da niemand arges dachte,
Von unserm Trupp, laesst seinen Falken los,
Und rennt ihm nach: wir andern alle zogen
Indessen unsern Weg, und achteten's nicht gross
Als Falk' und Knab' aus unserm Blick entflogen.
33
Auf einmahl dringt ein klaegliches Geschrey
In unser Ohr. Wir eilen schnell herbey,
Und siehe da! mein Bruder liegt, vom Pferde
Gestuerzt, beschmutzt und blutend auf der Erde.
Ein Edelknecht (von keinem unsrer Schaar
Erkannt, wiewohl es Scharlot selber war)
Stand im Begriff ihn weidlich abzuwalken,
Und seitwaerts hielt ein Zwerg mit seinem Falken.
34
Von Zorn entbrannt rief ich: Du Grobian,
Was hat der Knabe dir gethan,
Der wehrlos ist, ihm also mitzuspielen?
Zurueck, und ruehr' ihn noch mit einem Finger an,
Wofern dich's jueckt mein Schwert in deinem Wanst zu fuehlen.
Ha! schrie mir jener zu--bist du's? Dich sucht' ich just;
Schon lange duerst' ich nach der Lust
Mein rachegluehend Herz in deinem Blut zu kuehlen.
35
Kennst du mich nicht, so wiss', ich bin der Sohn
Des Herzogs Dietrich von Ardennen:
Dein Vater Siegewin (moeg' er im Abgrund brennen!)
Trug ueber meinen einst bey einem offnen Rennen
Mit Hinterlist den Dank davon,
Und durch die Flucht allein entging er seinem Lohn.
Doch, Rache hab' ich ihm geschworen,
Du sollst mir zahlen fuer ihn! Da, sieh zu deinen Ohren!
36
Und mit dem Worte rennt er gegen mich,
Der, unbereit zu solchem Tanze,
Sich dessen nicht versah, mit eingelegter Lanze.
Zum Glueck pariert' ich seinen Stich
Mit meinem linken Arm, um den ich in der Eile
Den Mantel schlug, und auf der Stell' empfing
Mit meinem Degenknopf der Unhold eine Beule
Am rechten Schlaf, wovon der Athem ihm entging.
37
Er fiel, mit Einem Wort, um nimmer aufzustehen.
Da liessen ploetzlich sich im Walde Reiter sehen
In grosser Zahl; doch des Erschlagnen Tod
Zu raechen, war dem feigen Tross nicht Noth.
Sie hielten, waehrend wir des Knaben Wunde banden,
Sich still und fern, bis wir aus ihren Augen schwanden;
Drauf legten sie den Leichnam auf ein Ross
Und zogen eilends fort zum kaiserlichen Schloss.
38
Unwissend, wie bey Karl mein Handel sich verschlimmert,
Verfolg' ich meinen Weg, des Vorgangs unbekuemmert.
Wir langen an. Mein alter Oheim, Abt
Zu Saint Denys, ein Mann mit Weisheit hochbegabt,
Fuehrt beym Gehoer das Wort. Wir werden wohl empfangen,
Und alles waer' erwuenscht fuer uns ergangen:
Doch, wie man eben sich zur Tafel setzen will,
Haelt Hohenblat am Schloss mit Scharlots Leiche still.
39
Zwoelf Knappen tragen sie, in schwarzen Flor vermummt,
Die hohen Stufen hinan, und wer sie sieht verstummet
Und steht erstarrt. Sie nehmen ihren Lauf
Dem Sahle zu. Die Thueren springen auf:
Da tragen zwoelf Gespenster eine Bahre,
Mit blut'gen Linnen bedeckt, bis mitten in den Sahl.
Der Kaiser selbst erblasst, uns andern stehn ' die Haare
Zu Berg, und mich trifft's wie ein Wetterstrahl.
40
Indem tritt Amory hervor, hebt von der Leiche
Das blut'ge Tuch, und--"Sieh! (ruft er dem Kaiser zu)
Diess ist dein Sohn! und hier der Frevler, der dem Reiche
Und dir die Wunde schlug, der Moerder unsrer Ruh!
Weh mir! ich kam zu spaet dazu!
Sich nichts versehend fiel dein Scharlot im Gestraeuche,
Durch Meuchelmord, nicht wie in offnem Feld
Von Rittershand ein ritterlicher Held."
41
Wie viel Verdriess dem alten Herrn auch taeglich
Sein boeser Sohn gebracht, so blieb er doch sein Sohn,
Sein Fleisch und Blut. Erst stand er unbeweglich;
Dann schrie er laut vor Schmerz, mein Sohn! Mein Sohn!
Und warf sich in Verzweiflung neben
Den Leichnam hin. Mir war der bange Vaterton
Ein Dolch ins Herz; ich haett' um Scharlots Leben
In diesem Augenblick mein bestes Blut gegeben.
42
Herr, rief ich, hoere mich! Mein Will' ist ohne Schuld;
Er gab sich fuer den Sohn des Herzogs von Ardennen,
Und was er that, bey Gott! es haette die Geduld
Von einem Heil'gen morden koennen!
Er schlug den Knaben dort, der ihm kein Leid gethan,
Sprach laesterlich von meines Vaters Ehre,
Fiel unverwarnt mich selber moerd'risch an--
Den moecht' ich sehn, der kalt geblieben waere!
43
Ha! Boesewicht! schreyt Karl mich hoerend, springt entbrannt
Vom Leichnam auf, mit Loewengrimm im Blicke,
Reisst einem Knecht das Eisen aus der Hand,
Und, hielten ihn mit Macht die Fuersten nicht zuruecke,
Er haett' in seiner Wuth mich durch und durch gerannt.
Auf einmahl ruettelt sich der ganze Ritterstand;
Ein wetterleuchtender Glanz von hundert blossen Wehren
Scheint stracks in jeder Brust die Mordlust aufzustoeren.
44
Die Hall' erdonnert von Geschrey,
Das Aestrich bebt, die alten Fenster klirren.
Aus Jedem Mund schallt Mord! Verraetherey!
Die Sprachen scheinen sich aufs neue zu verwirren.
Man schnaubt, man rennt sich an, man zueckt die drohende Hand.
Der Abt, den noch allein Sankt Benedikts Gewand
Vor Frevel schuetzt, haelt endlich unsern Degen
Mit aufgehobnem Arm sein Skapulier entgegen.
45
Ehrt, ruft er laut, den heil'gen Vater in mir
Dess Sohn ich bin! Im Nahmen des Gottes, dem ich diene,
Gebiet' ich Fried'!--Er riefs mit einer Miene
Und einem Ton, der Heiden zur Gebuehr
Genoethigt haett'. Und stracks auf einmahl legen
Des Aufruhrs Wogen sich, erhellt sich jeder Blick,
Und jeder Dolch und jeder nackte Degen
Schleicht in die Scheide still zurueck.
46
Nun trug der Abt den ganzen Verlauf der Sache
Dem Kaiser vor. Die Ueberredung sass
Auf seinen Lippen. Allein, was half mir das?
Die Leiche des Sohns liegt da und schreyt um Rache.
Hier, ruft der Vater, sieh, und sprich
Dem Moerder meines Sohns das Urtheil! Sprich's fuer mich!
Ja, racheduerstender Geist, dein Gaumen soll sich laben
An seinem Blut! Er sterb' und maeste die Raben!
47
Itzt schwoll mein Herz empor. Ich bin kein Moerder, schrie
Ich ueberlaut. Der Richter richtet nicht billig
In eigner Sache. Der Klaeger Amory
Ist ein Verraether, Herr! Hier steh' ich, frey und willig,
Will in sein falsches Herz, mit meines Lebens Fahr,
Beweisen, dass er ein Schalk und Luegner ist, und war
Und bleiben wird, so lange sein Hauch die Luft vergiftet.
Sein Werk ist alles diess, Er hat es angestiftet!
48
Ich bin, wie er, von fuerstlichem Geschlecht,
Ein Paer des Reichs, und fordre hier mein Recht;
Der Kaiser kann mir's nicht versagen!
Da liegt mein Handschuh, lasst ihn's wagen
Ihn aufzunehmen, und Gott in seinem Gericht
Entscheide, welchen von uns die Stimme dieses Blutes
Zur Hoelle donnern soll! Die Quelle meines Muthes
Ist meine Unschuld, Herr! Mich schreckt sein Donner nicht.
49
Die Fuersten des Kaiserreichs, so viel von ihnen zugegen,
Ein jeder sieht sich selbst in meiner Verdammung gekraenkt.
Sie murmeln, dem Meere gleich, wenn sich von fern zu regen
Der Sturm beginnt: sie bitten, dringen, legen
Das Recht ihm vor. Umsonst! den starren Blick gesenkt
Auf Scharlots blutiges Haupt, kann nichts den Vater bewegen:
Wiewohl auch Hohenblat, der's fuer ein leichtes haelt
Mir obzusiegen, selbst sich unter die Bittenden stellt.
50
Herr, spricht er, lasst mich gehn, den Frevler abzustrafen,
Ich wage nichts wo Pflicht und Recht mich schuetzt.
Ha! rief ich laut, von Scham und Grimm erhitzt,
Du spottest noch? Erzittre! immer schlafen
Des Raechers Blitze nicht.--Mein Schwert, ruft Hohenblat,
Soll, Moerder, sie auf deine Scheitel haeufen!
Doch Karl, den meine Gluth nur mehr erbittert hat,
Befiehlt der Wache, mich zu greifen.
51
Diess rasche Wort empoert den ganzen Sahl
Von neuem; alle Schwerter blitzen,
Das Ritterrecht, das Karl in mir verletzt, zu schuetzen.
Ergreift ihn, ruft der Kaiser abermahl;
Allein er sieht, mit vorgehaltnen Klingen,
In dichtem Kreis die Ritter mich umringen.
Vergebens droht, schier im Gedraeng erstickt,
Der geistliche Herr mit Bann und Interdikt.
52
Des Reiches Schicksal schien an einem Haar zu schweben.
Die grauen Raethe flehn dem Kaiser auf den Knien,
Dem Recht der Ritter nachzugeben:
Je mehr sie flehn, je minder ruehrt es ihn;
Bis endlich Herzog Nayms (der oft in seinem Leben,
Wenn Karl den Kopf verlor, den seinen ihm geliehn)
Den Mund zum Ohr ihm haelt, dann gegen uns sich kehret,
Und zum begehrten Kampf des Kaisers Urlaub schwoeret.
53
Herr Hueon fuhr dann zu erzaehlen fort:
Wie stracks auf dieses einz'ge Wort
Der Aufruhr sich gelegt, die Ritter alle zuruecke
Gewichen, und Karl, wiewohl im Herzen ergrimmt,
Mit stiller Wuth im halb entwoelkten Blicke,
Den achten Tag zum Urtheilskampf bestimmt;
Wie beide Theile sich mit grosser Pracht geruestet,
Und, des Triumfs gewiss, sich Amory gebruestet.
54
Der stolze Mann, wiewohl in seiner Brust
Ein Klaeger pocht der seinen Muth erschuettert,
War eines Arms von Eisen sich bewusst,
Der manchen Wald von Lanzen schon zersplittert.
Er hatte nie vor einem Feind gezittert,
Und Kampf auf Tod und Leben war ihm Lust.
Doch all sein Trotz und seine Riesenstaerke
Betrogen ihn bey diesem blut'gen Werke.--
55
Gekommen war nunmehr der richterliche Tag,
Versammelt alles Volk. Mit meinem silberblanken
Turnierschild vor der Brust, und, wie ich sagen mag,
Von allen mit Liebe begruesst, erschien ich in den Schranken.
Schon stand der Klaeger da. In einem Erker lag
Der alte Karl, umringt von seinen Fuersten,
Und schien, in offenem Vertrag
Mit Amory, nach meinem Blut zu duersten.
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16