Oberon
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66
"Um einen Thron hat Liebe dich betrogen!
Und, ach! wofuer?--Du, auf dem weichen Schooss
Der Asiat'schen Pracht wolluestig auferzogen,
Liegst nun auf hartem Fels, der weite Himmelsbogen
Dein Baldachin, dein Bett ein wenig Moos;
Vor Wittrung unbeschuetzt und jedem Zufall bloss,
Noch gluecklich, hier, wo Disteln kaum bekleiben,
Mit etwas wilder Frucht den Hunger zu betaeuben!
67
"Und Ich--der, in des Schicksals strenger Acht,
Mit meinem Unglueck, was mir naehert, anzustecken
Verurtheilt bin--anstatt vor Unfall dich zu decken,
Ich habe dich in diese Noth gebracht!
So lohn' ich dir was du fuer mich gegeben,
Fuer mich gewagt? Ich Ungluecksel'ger, nun
Dein Alles in der Welt, was kann ich fuer dich thun,
Dem selbst nichts uebrig blieb als dieses nackte Leben?"
68
Diess quaelende Gefuehl wird unfreiwillig laut,
Und weckt aus ihrem Schlaf die anmuthsvolle Braut.
Das erste was sie sieht, ist Hueon, der, mit Blicken
In denen Freud' und Liebestrunkenheit
Den tiefern Gram nur halb erdruecken,
In ihren Schooss des Palmbaums Fruechte streut.
Die magre Kost und eine Muschelschale
Voll Wassers macht die Noth zu einem Goettermahle.
69
Zum Goettermahl! Denn ruhet nicht ihr Haupt
An Hueons Brust? Hat Er sie nicht gebrochen,
Die suesse Frucht? nicht Er des Schlummers sich beraubt,
Und ihr zu Lieb' so manche Kluft durchkrochen?
So rechnet ihm die Liebe alles an,
Und schaetzt nur das gering, was sie fuer ihn gethan.
Die Wolken zu zerstreun, die seine Stirn umdunkeln,
Laesst sie ihr schoenes Aug' ihm lauter Freude funkeln.
70
Er fuehlt den Ueberschwang von Lieb' und Edelmuth
In ihrem zaertlichen Betragen;
Und mit bethraentem Aug' und Wangen ganz in Gluth
Sinkt er an ihren Arm. O sollt' ich nicht verzagen,
Ruft er, mich selbst nicht hassen, nicht
Verwuenschen jeden Stern, der auf die Nacht geschimmert
Die mir das Leben gab, verwuenschen jenes Licht
Als ich im Mutterarm zum ersten Mahl gewimmert?
71
Dich, bestes Weib, durch mich, durch mein Vergehn,
Von jedem Glueck herab gestuerzt zu sehn,
Von jedem Glueck, das dir zu Bagdad lachte,
Von jedem Glueck, das ich dich hoffen machte
In meinem vaeterlichen Land!
Erniedrigt--dich!--zu diesem duerftigen Stand!
Und noch zu sehn, wie du diess alles ohne Klagen
Ertraegst--Es ist zu viel! Ich kann es nicht ertragen!
72
Ihn sieht mit einem Blick, worin der Himmel sich
Ihm oeffnet, voll von dem, was kaum ihr Busen fasset,
Amanda an: Lass, spricht sie, Hueon, mich
Aus dem geliebten Mund was meine Seele hasset
Nie wieder hoeren! Klage dich
Nicht selber an, nicht den, der was uns druecket
Uns nur zur Pruefung, nicht zur Strafe zugeschicket;
Er prueft nur die er liebt, und liebet vaeterlich.
73
Was uns seit jenem Traum, der Wiege unsrer Liebe,
Begegnet ist, ist's nicht Beweis hiervon?
Nenn, wie du willst, den Stifter unsrer Triebe,
Vorsehung, Schicksal, Oberon,
Genug, ein Wunder hat dich mir, mich dir gegeben!
Ein Wunder unser Bund, ein Wunder unser Leben!
Wer fuehrt' aus Bagdad unversehrt
Uns aus? Wer hat der Flut, die uns verschlang, gewehrt?
74
Und als wir, sterbend schon, so unverhofft den Wogen
Entrannen, sprich, wer anders als die Macht
Die uns beschuetzt, hat uns bisher bedacht?
Aus ihrer Brust hab' ich's gesogen,
Das Wasser, das in dieser bangen Nacht
Mein kaum noch glimmend Licht von neuem angefacht!
Gewiss auch dieses Mahl, das unser Leben fristet,
Hat eine heimliche wohlthaet'ge Hand geruestet!
75
Wofuer, wenn unser Untergehn
Beschlossen ist, wofuer waer' alles diess geschehn?
Mir sagt's mein Herz, ich glaub's, und fuehle was ich glaube,
Die Hand, die uns durch dieses Dunkel fuehrt,
Laesst uns dem Elend nicht zum Raube.
Und wenn die Hoffnung auch den Ankergrund verliert,
So lass uns fest an diesem Glauben halten;
Ein einz'ger Augenblick kann alles umgestalten!
76
Doch, lass das aergste seyn! Sie ziehe ganz sich ab,
Die Wunderhand, die uns bisher umgab;
Lass seyn, dass Jahr um Jahr sich ohne Huelf' erneue,
Und deine liebende getreue
Amande finde hier auf diesem Strand ihr Grab;
Fern sey es, dass mich je, was ich gethan, gereue!
Und laege noch die freye Wahl vor mir,
Mit frohem Muth ins Elend folgt' ich dir!
77
Mir kostet's nichts von allem mich zu scheiden
Was ich besass; mein Herz und deine Lieb' ersetzt
Mir alles; und, so tief das Glueck herab mich setzt,
Bleibst Du mir nur, so werd' ich keine neiden
Die sich durch Gold und Purpur gluecklich schaetzt.
Nur, dass Du leidest, ist Amandens wahres Leiden!
Ein trueber Blick, ein Ach, das dir entfaehrt,
Ist was mir tausendfach die eigne Noth erschwert.
78
Sprich nicht von dem was ich fuer dich gegeben,
Fuer dich gethan! Ich that was mir mein Herz gebot,
That's fuer mich selbst, der zehenfacher Tod
Nicht bittrer ist als ohne dich zu leben.
Was unser Schicksal ist, hilft deine Liebe mir,
Hilft meine Liebe dir ertragen;
So schwer es sey, so unertraeglich--hier
Ist meine Hand!--ich will's mit Freuden tragen.
79
Mit jedem Auf--und Niedergehn
Der Sonne soll mein Fleiss sich mit dem deinen gatten;
Mein Arm ist stark; er soll, dir beyzustehn
In jeder Arbeit, nie ermatten!
Die Liebe, die ihn regt, wird seine Kraft erhoehn,
Wird den geringsten Dienst mit Munterkeit erstatten.
So lang' ich dir zum Trost, zum Glueck genugsam bin,
Tauscht' ich mein schoenes Loos mit keiner Koenigin.
80
So sprach das beste Weib, und drueckt mit keuschen Lippen
Das Siegel ihres Worts auf den geliebten Mund;
Und mit dem Kuss verwandeln sich die Klippen
Um Hueon her; der rauhe Felsengrund
Steht wieder zum Elysium umgebildet,
Verweht ist jede Spur der nackten Duerftigkeit;
Das Ufer scheint mit Perlen ueberstreut,
Ein Marmorsahl die Gruft, der Felsen uebergueldet.
81
Von neuem Muth fuehlt er sein Herz geschwellt.
Ein Weib wie diess ist mehr als eine Welt.
Mit hoher himmelathmender Wonne
Drueckt er diess volle Herz an ihre offne Brust,
Ruft Erd' und Meer, und dich, allsehende Sonne,
Zu Zeugen seines Schwurs: "Ich schwoer's auf diese Brust,
Den heiligen Altar der Unschuld und der Treue,
Vertilgt mich, ruft er aus, wenn ich mein Herz entweihe!
82
"Wenn je diess Herz, worin dein Nahme brennt,
Der Tugend untreu wird, und deinen Werth verkennt,
Dich je, so lang' diess Pruefungsfeuer waehret,
Durch Kleinmuth quaelt, durch Zagheit sich entehret,
Je laessig wird, geliebtes Weib, fuer dich
Das aeusserste zu leiden und zu wagen:
Dann, Sonne, waffne dich mit Blitzen gegen mich,
Und moege Meer und Land die Zuflucht mir versagen!"
83
Er sprach's, und ihn belohnt mit einem neuen Kuss
Das engelgleiche Weib. Sie freu'n sich ihrer Liebe,
Und staerken wechselsweis' einander im Entschluss,
So hart des Schicksals Herr auch ihre Tugend uebe,
Mit festem Muth und eiserner Geduld
Auf bessre Tage sich zu sparen,
Und blindlings zu vertraun der allgewaltigen Huld,
Von der sie schon so oft den stillen Schutz erfahren.
84
Von beiden wurde noch desselben Tags die Bucht,
Die ihren Palmbaum trug, mit grossem Fleiss durchsucht,
Und fuenf bis sechs von gleicher Art gefunden,
Die hier und da voll goldner Trauben stunden.
Das frohe Paar, hierin den Kindern gleich,
Duenkt mit dem kleinen Schatz sich unermesslich reich;
Bey suessem Scherz und froehlichem Durchwandern
Des Palmenthals verfliegt ein Abend nach dem andern.
85
Allein der Vorrath schwand; ein Jahr, ein Jahr mit Bley
An Fuessen, braucht's ihn wieder zu ersetzen,
Und, ach! mit jedem Tag wird ihr Beduerfniss neu.
Arm kann die Liebe sich bey Wenig gluecklich schaetzen,
Bedarf nichts ausser sich, als was Natur bedarf
Den Lebensfaden fortzuspinnen;
Doch, fehlt auch diess, dann nagt der Mangel doppelt scharf,
Und die allmaechtigste Bezaubrung muss zerrinnen.
86
Mit Wurzeln, die allein der Hunger essbar macht,
Sind sie oft manchen Tag genoethigt sich zu naehren.
Oft, wenn, vom Suchen matt, der junge Mann bey Nacht
Zur Hoehle wiederkehrt, ist eine Hand voll Beeren,
Ein Mewen-Ey, geraubt im steilen Nest,
Ein halb verzehrter Fisch, vom gier'gen Wasserraben
Erbeutet, alles, was das Glueck ihn finden laesst,
Sie, die sein Elend theilt, im Drang der Noth zu laben.
87
Doch dieser Mangel ist's nicht einzig der sie kraenkt.
Es fehlt bey Tag und Nacht an tausend kleinen Dingen,
An deren Werth man im Besitz nicht denkt,
Wiewohl wir, ohne sie, mit tausend Noethen ringen.
Und dann, so leicht bekleidet wie sie sind,
Wo sollen sie vor Regen, Sturm und Wind,
Vor jedem Ungemach des Wetters sicher bleiben,
Und wie des Winters Frost fuenf Monden von sich treiben?
88
Schon ist der Baeume Schmuck der spaetern Jahrszeit Raub,
Schon klappert zwischen duerrem Laub
Der rauhe Wind, und graue Nebel huellen
Der Sonne kraftberaubtes Licht,
Vermischen Luft und Meer, und ungestuemer bruellen
Die Wellen am Gestad, das kaum ihr Wuethen bricht;
Oft, wenn sie grimmbeschaeumt den harten Fesseln zuernen,
Spritzt der zerstaeubte Strom bis an der Felsen Stirnen.
89
Die Noth treibt unser Paar aus ihrer stillen Bucht
Nun hoeher ins Gebirg. Doch, wo sie hin sich wenden,
Umringet sie von allen Enden
Des duerren Hungers Bild, und sperret ihre Flucht.
Ein Umstand kommt dazu, der sie mit suessen Schmerzen
Und banger Lust in diesem Jammerstand
Bald aengstigt, bald entzueckt--Amanda traegt das Pfand
Von Hueons Liebe schon drey Monden unterm Herzen.
90
Oft, wenn sie vor ihm steht, drueckt sie des Gatten Hand
Stillschweigend an die Brust, und laechelnd haelt sie Thraenen
Zurueck im ernsten Aug'. Ein neues zartres Band
Webt zwischen ihnen sich. Sie fuehlt ein stilles Sehnen
Voll neuer Ahnungen den Mutterbusen dehnen;
Was innigers als was sie je empfand,
Ein dunkles Vorgefuehl der muetterlichen Triebe,
Durchglueht, durchschaudert sie, und heiligt ihre Liebe.
91
Diess suesse Liebespfand ist ihr ein Pfand zugleich,
Sie werde nicht von Dem verlassen werden,
Der was er schafft in seinem grossen Reich
Als Vater liebt. Gern traegt sie die Beschwerden
Des ungewohnten Stands, verbirgt behutsam sie
Vor Hueons Blick, und zeigt ihm ihren Kummer nie,
Laesst lauter Hoffnung ihn im heitern Auge schauen,
Und naehrt in seiner Brust das schmachtende Vertrauen.
92
Zwar er vergass des hohen Schwures nicht,
Den er dem Himmel und Amanden zugeschworen:
Doch desto tiefer liegt das drueckende Gewicht;
Denn Sorgen ist nun doppelt seine Pflicht.
Bedarf es mehr sein Herz mit Dolchen zu durchbohren,
Als dieses ruehrende Gesicht?
Zeigt die gehoffte Huelf' in kurzer Zeit sich nicht,
So ist sein Weib, sein Kind, zugleich mit ihm verloren.
93
Schon viele Wochen lang verstrich
Kein Tag, an dem er nicht wohl zwanzigmahl den Ruecken
Der Felsengruft bestieg, ins Meer hinaus zu blicken,
Sein letzter Trost! Allein, vergebens stumpft' er sich
Die Augen ab, im Schooss der grenzenlosen Hoehen
Mit angestrengtem Blick ein Fahrzeug zu erspaehen;
Die Sonne kam, die Sonne wich,
Leer war das Meer, kein Fahrzeug liess sich sehen.
94
Itzt blieb ein einzigs noch. Es schien unmoeglich zwar,
Doch, was ist dem der um sein Alles kaempfet
Unmoeglich? Wuerde Jedes Haar
Auf seinem Kopf ein Tod, sein Muth blieb' ungedaempfet.
Von diesem Fels, worauf ihn Oberon verbannt,
War eine Seite noch ihm gaenzlich unbekannt;
Ein fuerchterlich Gemisch von Klippen und Ruinen
Beschuetzte sie, die unersteiglich schienen.
95
Itzt, da die Noth ihm an die Seele dringt,
Itzt scheinen sie ihm leicht erstiegne Huegel;
Und waeren's Alpen auch, so hat die Liebe Fluegel.
Vielleicht, dass ihm das Wagestueck gelingt,
Dass sein hartnaeck'ger Muth durch alle diese wilde
Verschanzung der Natur sich einen Weg erzwingt,
Der ihn in fruchtbare Gefilde,
Vielleicht zu freundlichen mitleid'gen Wesen bringt.
96
Amanden eine Last von Sorgen zu ersparen,
Verbirgt er ihr das aergste der Gefahren,
In die er sich, zu ihrer beider Heil,
Begeben will. Sie selbst traegt ihren Theil
Von Leiden still. Sie sprachen nichts beym Scheiden,
Als, lebe wohl! so voll gepresst war beiden
Das Herz; doch zeigt sein Aug' ihr eine Zuversicht,
Die wie ein Sonnenstrahl durch ihren Kummer bricht.
97
Da steht er nun am Fuss der aufgebirgten Zacken!
Sie liegen vor ihm da wie Truemmern einer Welt.
Ein Chaos ausgebrannter Schlacken,
In die ein Feuerberg zuletzt zusammen faellt,
Mit Felsen untermischt, die, tausendfach gebrochen,
In wilder ungeheurer Pracht,
Bald tief bis ins Gebiet der alten finstern Nacht
Herunter draeun, bald in die Wolken pochen.
98
Hier bahnet nur Verzweiflung einen Weg!
Oft muss er Felsen an sich mit den Haenden winden,
Oft, zwischen schwindlig tiefen Schluenden,
Macht er, den Gemsen gleich, die Klippen sich zum Steg;
Bald auf dem schmalsten Pfad verrammeln Felsenstuecke
Ihm Weg und Licht, er muss, so mued' er ist, zuruecke,
Bald wehrt allein ein Strauch, den mit zerrissner Hand
Er fallend noch ergreift, den Sturz von einer Wand.
99
Wenn seine Kraft ihn schier verlassen will,
Ruft die entflohnen Lebensgeister
Amandens Bild zurueck. Schwer athmend steht er still,
Und denkt an Sie, und fuehlt sich neuer Kraefte Meister.
Es bleibt nicht unbelohnt, diess echte Heldenherz!
Allmaehlich ebnet sich der Pfad vor seinen Tritten,
Und gegen das, was er bereits erstritten,
Ist, was zu kaempfen ihm noch uebrig ist, nur Scherz.
Achter Gesang
1
Erstiegen war nunmehr der erste von den Gipfeln,
Und vor ihm liegt, gleich einem Felsensahl,
Hoch ueberwoelbt von alten Tannenwipfeln,
In stiller Daemmerung ein kleines schmales Thal.
Ein Schauder ueberfaellt den matten
Erschoepften Wanderer, indem sein wankender Schritt
Diess duestre Heiligthum der Einsamkeit betritt;
Ihm ist, er tret' ins stille Reich der Schatten.
2
Bald leitet ihn ein sanft gekruemmter Pfad,
Der sich allmaehlich senkt, zu einer schmalen Bruecke.
Tief unter ihr rollt ueber Felsenstuecke
Ein weiss beschaeumter Strom, gleich einem Wasserrad.
Herr Hueon schreitet unverdrossen
Den Berg hinan, auf den die Bruecke fuehrt,
Und sieht sich unvermerkt in Hoehen eingeschlossen,
Wo bald die Moeglichkeit des Auswegs sich verliert.
3
Der Pfad auf dem er hergekommen
Wird, wie durch Zauberey, aus seinem Aug' entrueckt!
Lang' irrt er suchend um, von stummer Angst beklommen,
Bis durchs Gestraeuch, das aus den Spalten nickt,
Sich eine Oeffnung zeigt, die (wie er bald befindet)--
Der Anfang ist von einem schmalen Gang
Der durch den Felsen sich um eine Spindel windet,
Fast senkrecht, mehr als hundert Stufen lang.
4
Kaum hat er athemlos den letzten Tritt erstiegen,
So stellt ein Paradies sich seinen Augen dar;
Und vor ihm steht ein Mann von edeln ernsten Zuegen,
Mit langem weissem Bart und silberweissem Haar.
Ein breiter Guertel schliesst des braunen Rockes Falten,
Und an dem Guertel haengt ein langer Rosenkranz.
Bey diesem Ansehn war's, an solchem Orte, ganz
Natuerlich, ihn sogleich fuer was er war zu halten.
5
Doch Hueon--schwach vor Hunger, und erstarrt
Vor Muedigkeit, und nun, in diesen wilden Hoehen,
Wo er so lang' umsonst auf Menschenanblick harrt,
Und von der Felsen Stirn, die ringsum vor ihm stehen,
Uralte Tannen nur auf ihn herunter wehen,
Auf einmahl ueberrascht von einem weissen Bart--
Glaubt wirklich ein Gesicht zu sehen,
Und sinkt zur Erde hin vor seiner Gegenwart.
6
Der Eremit, kaum weniger betroffen
Als Hueon selbst, bebt einen Schritt zurueck;
Doch spricht er, schnell gefasst: Hast du, wie mich dein Blick
Und Ansehn glauben heisst, Erloesung noch zu hoffen
Aus deiner Pein, so sprich, was kann ich fuer dich thun,
Gequaelter Geist? wie kann ich fuer dich buessen,
Um jenen Port dir aufzuschliessen
Wo, unberuehrt von Qual, die Frommen ewig ruhn?
7
So bleich und abgezehrt, mit Noth und Gram umfangen
Als Hueon schien, war der Verstoss, in den
Der alte Vater fiel, nur allzu leicht begangen.
Allein, wie beide sich recht in die Augen sehn,
Und als der Greis aus Hueons Mund vernommen
Was ihn hierher gebracht, wiewohl sein Anblick schon
Ihm alles sagt, umarmt er ihn wie einen Sohn,
Und heisst recht herzlich ihn in seiner Klaus' willkommen;
8
Und fuehrt ihn ungesaeumt zu einem frischen Quell,
Der, rein wie Luft und wie Krystallen hell,
Ganz nah an seinem Dach aus einem Felsen quillet;
Und waehrend Hueon ruht und seinen Durst hier stillet,
Eilt er und pflueckt in seinem kleinen Garten
In einen reinlichen Korb die schoensten Fruechte ab,
Die, fuer den Fleiss sie selbst zu bauen und zu warten,
Nicht kaerglich ihm ein milder Himmel gab;
9
Und hoert nicht auf ihm sein Erstaunen zu bezeigen,
Wie einem, der sich nicht zwey Fluegel angeschraubt,
Es moeglich war die Felsen zu ersteigen,
Wo, dreyssig Jahre schon, er sich so einsam glaubt
Als wie in seinem Grab. "Es ist ein wahres Zeichen
Dass euch ein guter Engel schuetzt;
Allein, setzt er hinzu, das noethigste ist itzt
Dem jungen Weibe die Hand des Trosts zu reichen.
10
"Ein sichrer Pfad, wiewohl so gut versteckt,
Dass ohne mich ihn niemand leicht entdeckt,
Soll in der Haelfte Zeit, die du herauf zu dringen
Gebrauchtest, dich zu ihr, zurueck euch beide bringen.
Was meine Huette, was mein kleines Paradies
Zu eurer Nothdurft hat, ist herzlich euch erboten.
Glaubt, auch auf Heidekraut schmeckt Ruh der Unschuld suess,
Und reiner fliesst das Blut bey Kohl und magern Schoten."
11
Herr Hueon dankt dem guetigen alten Mann,
Der seinen Stab ergreift ihm selbst den Weg zu zeigen;
Und, dass der Rueckweg ihn nicht irre machen kann,
Bezeichnet er den Pfad mit frischen Tannenzweigen.
Noch eh' ins Abendmeer die goldne Sonne sinkt,
Hat den erseufzten Berg Amanda schon erstiegen,
Wo sie mit durstigen weit ausgehohlten Zuegen
Den milden Strom des reinsten Himmels trinkt.
12
In eine andre Welt, ins Zauberland der Feen,
Glaubt sie versetzt zu seyn; ihr ist als habe sie
Den Himmel nie so blau, so gruen die Erde nie,
Die Baeume nie so frisch belaubt gesehen:
Denn hier, in hoher Felsen Schutz
Die sich im Kreis um diesen Lustort ziehen,
Beut noch der Herbst dem Wind von Norden Trutz,
Und Feigen reifen noch, und Pomeranzen bluehen.
13
Mit ehrfurchtbebender Brust, wie vor dem Genius
Des heil'gen Orts, faellt vor dem eisgrau'n Alten
Amanda hin, und ehrt die duerre Hand voll Falten,
Die er ihr freundlich reicht, mit einem frommen Kuss.
In unfreiwilligem Erguss
Muss ihn ihr Herz fuer einen Vater halten:
Die Furcht ist schon beym zweyten Blick verbannt;
Ihr ist, sie haetten sich ihr Leben lang gekannt.
14
In seinem Ansehn war die angeborne Wuerde,
Die, unverhuellbar, auch durch eine Kutte scheint;
Sein offner Blick war aller Wesen Freund,
Und schien gewohnt, wiewohl der Jahre Buerde
Den Nacken sanft gekruemmt, stets himmelwaerts zu schau'n;
Der innre Friede ruht auf seinen Augenbrau'n,
Und wie ein Fels, zu dem sich Wolken nie erheben,
Scheint ueberm Erdentand die reine Stirn zu schweben.
15
Den Rost der Welt, der Leidenschaften Spur,
Hat laengst der Fluss der Zeit von ihr hinweg gewaschen.
Fiel' eine Kron' ihm zu, und es beduerfte nur
Sie mit der Hand im Fallen aufzuhaschen,
Er streckte nicht die Hand. Verschlossen der Begier,
Von keiner Furcht, von keinem Schmerz betroffen,
Ist nur dem Wahren noch die heitre Seele offen,
Nur offen der Natur, und rein gestimmt zu ihr.
16
Alfonso nannt' er sich, bevor er aus den Wogen
Der Welt geborgen ward, und Leon war das Land
Das ihn gebar. Zum Fuerstendienst erzogen,
Lief er mit Tausenden, vom Schein wie sie betrogen,
Dem Blendwerk nach, das immer vor der Hand
Ihm schwebte, immer im Ergreifen ihm entschwand,
Dem schimmernden Gespenst, das ewig Opfer heischet,
Und, gleich dem Stein der Narr'n, die Hoffnung ewig taeuschet.
17
Und als er dergestalt des Lebens beste Zeit
Im Rausch des Selbstbetrugs an Koenige verpfaendet,
Und Gut und Blut, mit feur'ger Willigkeit
Und unerkannter Treu', in ihrem Dienst verschwendet,
Sah er ganz unverhofft, im schoensten Morgenroth
Der Gunst, durch schnellen Fall sich frey von seinen Ketten;
Noch gluecklich, aus der Schiffbruchsnoth
Das Leben wenigstens auf einem Bret zu retten.
18
In diesem Sturm, der alles ihm geraubt,
Blieb ihm ein Schatz, wodurch (ganz gegen Hofes Sitte)
Alfonso sich vollkommen schadlos glaubt,
Ein liebend Weib, ein Freund, und eine Huette.
Lass, Himmel, diese mir! war nun die einz'ge Bitte,
Die sein befriedigt Herz zu wagen sich erlaubt.
Zehn Jahre lang ward ihm, was er sich bat, gegeben;
Allein, sein Schicksal war, auch diess zu ueberleben.
19
Drey Soehn', im vollen Trieb der ersten Jugendkraft,
Der eignen Jugend Bild, die Hoffnung grauer Jahre,
Sie wurden durch die Pest ihm ploetzlich weggerafft.
Bald legt auch Schmerz und Gram die Mutter auf die Bahre.
Er lebt, und niemand ist der mit dem Armen weint,
Denn ach! verlassen hat ihn auch sein letzter Freund!
Er steht allein. Die Welt die ihn umgiebet
Ist Grab--von allem Grab, was er, was ihn geliebet.
20
Er steht, ein einsamer vom Sturm entlaubter Baum,
Die Quellen sind versiegt, wo seine Freuden quollen.
Wie haett' ihm itzt die Huette, wo er kaum
Noch gluecklich war, nicht schrecklich werden sollen?
Was ist ihm nun die Welt? Ein weiter leerer Raum,
Fortunens Spielraum, frey ihr Rad herum zu rollen!
Was soll er laenger da? Ihm brach sein letzter Stab,
Er hat nichts mehr zu suchen--als ein Grab.
21
Alfonso floh in dieses unwirthbare
Verlassne Eiland, floh mit fast zerstoertem Sinn
In diess Gebirg, und fand mehr als er suchte drin,
Erst Ruh, und, mit dem stillen Fluss der Jahre,
Zuletzt Zufriedenheit. Ein alter Diener, der
Ihn nicht verlassen wollt', die einz'ge treue Seele
Die ihm sein Unglueck liess, begleitet' ihn hierher,
Und ihre Wohnung war nun eine Felsenhoehle.
22
Allmaehlich hob sein Herz sich aus der trueben Flut
Des Grams empor; die Nuechternheit, die Stille,
Die reine freye Luft, durchlaeuterten sein Blut,
Entwoelkten seinen Sinn, belebten seinen Muth.
Er spuerte nun, dass, aus der ew'gen Fuelle
Des Lebens, Balsam, auch fuer seine Wunden, quille.
Oft brachte die Magie von einem Sonnenblick
Auf einmahl aus der Gruft der Schwermuth ihn zurueck.
23
Und als er endlich diess Elysium gefunden,
Das, rings umher mit Wald und Felsen eingeschanzt,
Ein milder Genius, recht wie fuer ihn, gepflanzt,
Fuehlt' er auf einmahl sich von allem Gram entbunden,
Aus einer aengstlichen traumvollen Fiebernacht
Als wie zur Daemmerung des ew'gen Tags erwacht.
Hier, rief er seinem Freund, vom unverhofften Schauen
Des schoenen Orts entzueckt, hier lass uns Huetten bauen!
24
Die Huette ward erbaut, und, mit Verlauf der Zeit,
Zur Nothdurft erst versehn, dann zur Gemaechlichkeit,
Wie sie dem Alter eines Weisen
Geziemt, der minder stets begehret als bedarf.
Denn, dass Alfons, als er den ersten Plan entwarf
Von seiner Flucht, sich mit Geraeth und Eisen,
Und allem was zur Huelle noethig war,
Versehen habe, stellt von selbst sich jedem dar.
25
Und so verlebt' er nun in Arbeit und Genuss
Des Lebens spaeten Herbst, beschaeftigt seinen Garten,
Den Quell von seinem Ueberfluss,
Mit einer Mueh, die ihm zu Wollust wird, zu warten.
Vergessen von der Welt,--und nur, als an ein Spiel
Der Kindheit, sich erinnernd aller Plage
Die ihm ihr Dienst gebracht,--beseligt seine Tage
Gesundheit, Unschuld, Ruh, und reines Selbstgefuehl.
26
Nach achtzehn Jahren starb sein redlicher Gefaehrte.
Er blieb allein. Doch desto fester kehrte
Sein stiller Geist nun ganz nach jener Welt sich hin,
Der, was er einst geliebt, itzt alles angehoerte,
Der auch er selbst schon mehr als dieser angehoerte.
Oft in der stillen Nacht, wenn vor dem aeussern Sinn
Wie in ihr erstes Nichts die Koerper sich verlieren,
Fuehlt' er an seiner Wang' ein geistiges Beruehren.
27
Dann hoert' auch wohl sein halb entschlummert Ohr,
Mit schauerlicher Lust, tief aus dem Hain hervor,
Wie Engelsstimmen sanft zu ihm herueber hallen.
Ihm wird als fuehl' er dann die duenne Scheidwand fallen,
Die ihn noch kaum von seinen Lieben trennt;
Sein Innres schliesst sich auf, die heil'ge Flamme brennt
Aus seiner Brust empor; sein Geist, im reinen Lichte
Der unsichtbaren Welt, sieht himmlische Gesichte.
28
Sie dauern fort, auch wenn die Augen sanft betaeubt
Entschlummert sind. Wenn dann die Morgensonne
Den Schauplatz der Natur ihm wieder aufschliesst, bleibt
Die vorige Stimmung noch. Ein Glanz von Himmelswonne
Verklaeret Fels und Hain, durchschimmert und erfuellt
Sie durch und durch; und ueberall, in allen
Geschoepfen, sieht er dann des Unerschaffnen Bild,
Als wie in Tropfen Thau's das Bild der Sonne, wallen.
29
So fliesst zuletzt unmerklich Erd' und Himmel
In seinem Geist in Eins. Sein Innerstes erwacht.
In dieser tiefen Ferne vom Getuemmel
Der Leidenschaft, in dieser heil'gen Nacht
Die ihn umschliesst, erwacht der reinste aller Sinne
Doch--wer versiegelt mir mit unsichtbarer Hand
Den kuehnen Mund, dass nichts unnennbars ihm entrinne?
Verstummend bleib' ich stehn an dieses Abgrunds Rand.
30
So war der fromme Greis, vor dem mit Kindestrieben
Amanda niederfiel. Auch Er, so lang' entwoehnt
Zu sehn, wornach das Herz sich doch im stillen sehnt,
Ein menschlich Angesicht--erlabt nun an dem lieben,
Herzruehrenden, nicht mehr gehofften Anblick sich,
Und drueckt die sanfte Hand der Tochter vaeterlich,
Umarmt den neuen Sohn zum zweyten Mahl, und blicket
Sprachlosen Dank zu dem, der sie ihm zugeschicket;
31
Und fuehrt sie ungesaeumt nach seiner Ruhestatt,
Zu seinem Quell, in seine Gartenlauben,
Bedeckt mit goldnem Obst und grossen Purpurtrauben,
Und setzt sie in Besitz von allem was er hat.
Natur, spricht er, bedarf weit minder als wir glauben;
Wem nicht an wenig g'nuegt, den macht kein Reichthum satt:
Ihr werdet hier, so lang' die Pruefungstage waehren,
Nichts wuenschenswuerdiges entbehren.
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