Frau und Kindern auf der Spur
G >>
Gerold K. Rohner >> Frau und Kindern auf der Spur
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 Frau und Kindern auf der Spur
Gerold K. Rohner
Copyrighted September 1995
Kapitel 1
"Na, huebsche zwei Toechter habt ihr hier--und selbst seid ihr auch nicht so
schlecht", hetzte er mit heiserer Stimme. Ein grosser, starker aber
haesslicher Bursche war er. Dabei waere er gar nicht so haesslich gewesen,
mit seinen grossen blauen Augen, aber sein verdorbener Charakter schien
durch sein Gesicht.
"Kann ich eine der beiden fuer ein Stuendchen mieten, Madam? Sicher haetten
sie nichts dagegen--oder waer es ihnen lieber ich faeng ein Streitchen an
mit ihrem Jungen da und toetete ihn im Duell?"
Das war eine arge Drohung, ging mir durch den Kopf. Da musste die arme
Frau zwischen dem Regen und der Traufe waehlen. Sie war kaum im Stande
ihre drei Kinder gegen diesen Bullen zu verteidigen. Ich sass in der Bar
im "Whisky Barrel" Saloon in Santa Fe und dachte : Warum kommen Pruefungen
immer dann, wenn man noch nicht fuer sie bereit ist? Ja, ich war
schneller als nur noch vor einigen Wochen, aber ich war noch lange nicht
schnell genug.
Der arge Bursche hob ein Bein auf den einzigen leeren Stuhl am Tisch. Der
Tisch war an der Wand und war besetzt von der wunderhuebschen Frau mit den
drei Kindern, die ihr zwar nicht glichen, aber ihre eigenen waren. Der
Aelteste, der Junge, sah etwa zwanzig aus, war jedoch juenger. Er war gross
und mager gewachsen. Die Maedchen waren sechzehn und dreizehn, noch
huebscher als die Frau. Sie waren spindelduerr, blond, sehr hellhaeutig, mit
blauen Augen. Sie waren fast wie Maenner gekleidet, auch die Frau. Sie
sahen sehr zart aus, waren aber sehr lebendig und schienen guten Humors zu
sein. Doch jetzt, seit dieser Bursche an ihren Tisch getreten war, hatte
sich ihre Laune schnell geaendert. Sie sahen ploetzlich aengstlich aus, als
ob dies nicht das erste Mal waere, an dem sie belaestigt wurden.
Ich wusste, ich musste helfen, aber ich wollte sie nicht in groessere
Gefahr bringen durch unueberlegtes Handeln. Mal abwarten! Das musste ich
sowieso. Noch war nichts geschehen das mein Eingreifen gerechtfertigt
haette. So oder so, Santa Fe hatte sicher einen Sheriff. Der Bursche
konnte also den Jungen nicht einfach niederschiessen solange sich dieser
nicht provozieren liess, sonst wuerde der Bursche des Mordes beschuldigt
und vom Sheriff in Haft genommen. Das wollte er sicher nicht. Griff der
Junge aber zum Colt, dann koennte ihn der Bursche niederschiessen in
sogenannter Selbstverteidigung.
Ich hoffte der Junge wuerde die Nerven nicht verlieren. Er sah nicht
gerade gluecklich aus im Moment--hatte sich aber wohl gehuetet seine Haende
auch nur in die Naehe seines Revolvers zu bringen.
"Lass meine Gaeste in Ruhe", bruellte der riesenhafte Wirt. Der musste
mindestens drei hundert Pfund wiegen. In seinem schwarzen Leder-Gilet sah
er mehr wie ein Henker aus als wie ein Schenker. Er war hinter der Bar
hervorgetreten und schwenkte seine Arme in veritabler Drohung.
"Weisst du mit wem du sprichst, Buffalo. Ich bin Billy Kane,
Steckbriefjaegerlein Numero Uno hierzulande. Mit mir hat's noch keiner
aufgenommen. Und das dort ist mein Dienerchen--Juan. Er schiesst fast so
schnell wie ich. So lass uns in Ruhe, Buffalo, sonst schiessen wir ein
paar Loechlein durch deinen Pelz, so dass das Fett nur so raussprudelt."
Darauf hin lachte die ganze Runde im Saloon.
Schoene Bande die wir hier versammelt haben, dachte ich. Ja ich hatte
schon von Billy Kane gehoert. Er war als Kopfjaeger mehr beruechtigt als
beruehmt. Kopfjaeger nannte ich alle Steckbriefjaeger, weil sie meistens
groessere Schuften waren, als die, die sie jagten. Er soll schon manche in
den Ruecken geschossen haben und sein Dienerchen Juan war auch kein
Engelein. Es war wohl mit seiner Hilfe im Hinterhalt dass Billy mehrere
Duelle gewonnen hatte. Solche Duelle finden nicht immer mit Zeugen statt,
die den Schuss aus dem Hinterhalt haetten hoeren koennen. Die meisten
Kopfjoeger stellen ihren Gejagten ausserhalb der Stadt. Wirklich, mann
kann das kaum ein Duell nennen. Es wurde mir klar, falls einer Billy
ausschalten wollte, waer es wohl weise, zuerst Juan auszuschalten.
Der Wirt hatte sich zurueck hinter die Bar begeben und bueckte sich um etwas
zu holen.
"Also was ist's, schoene Frau, sie stimmen wohl mit mir ueberein. Ich nehm
die mal mit auf mein Zimmer fuer ein Weilchen. Ueber den Preis werden wir
uns schon einig werden." Dabei packte er die sechzehnjaehrige Tochter beim
Unterarm und zog sie auf die Beine. Er warf einen schraegen Blick auf den
Jungen, nur im Fall, dass dieser ziehen sollte.
Ich war erstaunt. Der Junge machte keinen Mucks. Welche Beherrschung fuer
einen Neunzehnjaehrigen. Nun hatte Billy Kane der Bar seinen Ruecken
zugewandt. Er sah also weder mich noch den Wirt.
Der Wirt war wieder hinter der Bar hervorgetreten, diesmal mit einem Colt
in der Hand. "Haende hoch--Billy Kane"--bruellte er ploetzlich. Er stand
vor der Bar und hatte seinen Colt auf Billy's Ruecken gerichtet und ging
schnell aber leise auf ihn zu. Der Wirt wusste dass Billy keine Chance
hatte sich umzudrehen und zu schiessen, da war der schon auf Billy
gerichtete Colt dann doch schneller.
Doch Billy Kane wusste dass der Wirt nur bluffen konnte. Der Wirt konnte
ihn nicht einfach niederschiessen, ohne des Mordes beschultigt zu werden.
Darum hob Billy die Arme nur ein bisschen um sicher zu machen, dass alle
sahen, dass er nicht ziehen wuerde. Sonst haette der Wirt Grund gehabt
sich zu verteidigen und Billy niederzuschiessen. Stattdessen drehte sich
Billy langsam um. Darauf hatte der schlaue Wirt gerechnet, denn er hatte
sich schon zu Billy hingeschlichen. Gerade als dieser sich umdrehte gab
ihm der Wirt eine Linke auf's Kinn dass es nur so droehnte. Billy ging
runter wie ein warmer Kaese. Dann hob ihn der Wirt auf als ob er ein
schlafendes Kind waere und schmiess ihn hinaus.
"Nur dass ihr's wisst, ich fuehre eine reine Bude hier!" bruellte er auf
dem Rueckweg hinter die Bar.
Oh war ich ihm dankbar, aber ich konnte nichts sagen. Auch war das sicher
nicht das Ende des Kummers. Juan, das Dienerlein, war hinausgegangen um
Billy zu pflegen. Sicher wuerde Billy Rache verlangen, sobald er wieder
beieinander war.
Es war jetzt etwa acht Uhr Abends und die Mutter und ihre Kinder machten
sich auf, um ihr Zimmer im Saloon fuer die Nacht zu beziehen. Ich bemerkte,
als sie schon verschwunden waren, dass das juengere Maedchen ihr Halstuch
hatte liegen lassen. Ich hob es auf und steckte es in meine Hemdtasche.
"Ich werde es ihr Morgen geben", sagte ich zum Wirt. "Ich will sie jetzt
nicht stoeren, sie haben genug Stoerungen hinter sich". "Kann man wohl
sagen", stimmte der Wirt ein. Sein Laecheln verriet grosse Zahnluecken,
unterbrochen von schwarzen kleinen Ueberrresten, von dem, was einmal Zaehne
gewesen waren.
* * *
Wie leicht haette es zu einer Schiesserei kommen koennen, dachte ich.
Schurken wie Billy Kane waren nicht immer weise genug ihren eigenen
Vorteil zu sehen. So wusste man nie ob ein Schuft wie Billy den Wirt
nicht einfach totknallte, obwohl er dafuer haengen wuerde.
Diese ganze Gegend war sowieso von zweideutigen Charaktern Durchdrungen.
Viele kamen hier durch, entweder auf der Goldsuche nach Californien, oder
Veteranen vom Californien Gold Rush auf der Rueckkehr. Dann gab es einige
Wildpferdjaeger, Scouts, die die Kriegsabsichten der Indianer beobachteten,
Ex-soldaten aus dem Buergerkrieg, die fuer neue Abenteuer Ausschau hielten
und Haendler die die Neusten Waren aus dem Osten brachten, und Gold
zuruecknahmen. In einem Saloon, wie hier im "Whisky Barrel", waren die
stabilen Ansiedler, wie die Rancher, Koeche, Wirte, Ladenbetreuer und
anderen Dorfbewohner in der Minderheit.
Ehrbare Frauen sah man im Saloon nur selten. Ueberhaupt waren Maenner in
dieser Region in der Ueberzahl. Die einzigen Frauen, die man regelmaessig
in gewissen Saloons fand, waren die Taenzerinnen, Saengerinnen oder Barmaids,
die oft noch ein Bisschen Geld mit Nebenbeschaeftigungen von zweifelhafter
Ehre verdienten.
Ja mit diesen Typen in der Mehrzahl, konnte es leicht zu einer Schiesserei
kommen. Der Westen war aber nicht ganz ohne Gesetz. Es war so: Wenn
einer zuerst zog, und den anderen toetete, konnte er leicht des Mordes
beschuldigt werden, falls es unbestechliche Zeugen gab. Konnte einer aber
warten, bis der andere zog and dann schnell genug war, ihn noch zu
erwischen, dann war es Selbstverteidigung. Darum war es so wichtig flink
zu sein.
Ich, Joshua Custer, "Griz" genannt wegen meines grauen Haars und meines
grauen Vollbarts, war noch nicht schnell genug. Ich war immer noch am
Ueben. Schiessen und treffen konnte ich schon seit meiner Jugend, aber das
Ziehen war zu langsam. Ich konnte das ohne Munition ueben. Und ich
uebte--im Saloon Zimmer--auf dem Trail--im Schlaf--auf dem Pferd--zu
Fuss--in den Bergen--im Tal--ueberall.
Oh waere ich doch so schnell gewesen, wie Jack Cohan. Er war der
schnellste den ich je gekannt hatte. Ich kannte ihn persoenlich. Nur
weil ich mit ihm zur Schule ging. Schon als Kinder auf der Ranch uebten
wir zusammen mit Vater's Colt. Wir schossen auf Steine die wir sorgfaeltig
auf den Zaun legten. Am Anfang gab es manches Loch in den Zaun. Wir
lernten zu Schiessen, aber Ziehen ist etwas anderes.
Jack Cohan lernte das Ziehen von Pedro Escobar. Der schnelle Mexikaner
lebte fuer ein Weilchen in unserem Dorf. Jack nahm Stunden von ihm von
seinem Taschengeld. Sein Vater erlaubte es. Es war immer gut seine Ranch
verteidigen zu koennen. Mit der Zeit uebertraf Jack seinen Lehrer. Das
aber Jahre spaeter, als Pedro Escobar schon lange aus dem Dorf gezogen war.
Jack war nun der schnellste in der Gegend und zog weg von der Ranch um
Sheriff in Dallas, weiter im Norden, zu werden.
Ja, Jack Cohan war schnell. Er erschoss einmal drei Schurken, bevor einer
von ihnen zum Abziehen kam. Es scheint unmoeglich zu sein. Und doch ist
es wahr. Die Bewegung des Ziehens eines Profis wie Jack Cohan ist so
schnell, dass sie von Auge nicht gesehen werden kann. Jack kann also
ziehen, schiessen und den Colt wieder ins Holster stecken schneller als
unsereiner blinzeln kann. Sogar dann wenn jemand seinen Revolver schon
auf Jack gerichtet hat kann Jack noch ziehen, schiessen und treffen bevor
der andere abziehen kann.
Dass passierte mit Jose Domingo. Als er das Handgewehr von dreissig Fuss
schon auf Jack Cohan gerichtet hatte, da schoss es ihm Jack aus der Hand,
noch bevor er den Abzug bewegen konnte. Jack liess ihn leben. Denn Jose
war jung und dumm, und Jack Cohan war ein guetiger Mann.
Jack schoss rechts und links, schneller rechts. Das war von Vorteil.
Einmal in einem zweiten Duell mit Jose Domingo verklemmte sich sein
rechter Colt. Jack hatte noch genug Zeit seinen Linken zu ziehen, bevor
Jose abdruecken konnte. Wieder schoss ihm Jack den Revolver aus der Hand.
Und wieder vergab er Jose Domingo und liess ihn leben. Aber er warnte
Jose: Kommst du ein drittes Mal wird's dein Ende sein. Jose schoss nie
mehr auf Jack. Er lernte nichts beim ersten Mal, aber er lernte was beim
zweiten Mal. Besser als nie.
* * *
Es war das Jahr 1865. Ja, der Westen war ein wildes Land, in dem nur die
Staerksten ueberlebten. Der Buergerkrieg war im Osten zu Ende gekommen, und
Sklaverei hatte ein Ende genommen. Der Westen aber war noch unzivilisiert
und unerschlossen. Zivilisation war bis zum Mississippi vorgedrungen,
aber die Prarie war immer noch von sechzig Millionen Bueffeln bewohnt. Sie
war noch so wild, wie eh und je. Die Indianer jagten die Bueffelherden,
Antelopen gab es noch von Kanada bis Mexiko und es war keine Seltenheit,
Pumas zu sehen. Das Land war noch unberuehrt.
Erschlossen und fuer Ansiedler freigemacht wurden diese Gebiete durch die
Eisenbahn. Die Eisenbahn war aber erst bis Kansas City vorgedrungen. Zur
Zeit wurden Texas Rinder immer noch auf dem Chisholm Trail nach Kansas
getrieben. Von dort konnten sie mit der Eisenbahn zu den Maerkten im Osten
gefahren werden. Das sollte sich erst in zehn Jahren aendern.
In Texas gab es also Ranches mit Rindern, aber die Praerie blieb ungenuetzt.
Sie wurde noch nicht fuer Weizen gepfluegt und war noch nicht zum Brotkorb
der Nation geworden.
Als ich so dasass und nachdachte--ich hatte mich inzwischen an einen Tisch
gesetzt--fielen meine Gedanken auch auf die Frau und ihre Kinder. Die
Kinder machten den Eindruck als waeren sie wohl erzogen und Pruefungen und
Leid im Leben gewachsen. Sie schienen fast zu reif zu sein fuer ihr Alter.
Der Junge machte den Eindruck dass man ihn ueberall gebrauchen konnte.
Der serioese Ausdruck auf dem Gesicht der Frau fuegte zu ihrer Schoenheit
hinzu. Sie schien eine Frau zu sein, auf die man sich verlassen
konnte--in jeder Situation. Sie schien tief zu sein, nicht oberflaechlich,
mit einem guten Verstand und guter Einsicht, die durch harte Erfahrungen
kommen. Sie war nicht verweichlicht, nicht verwoehnt. Sie schien hart und
mutig. Auch sie hatte keinen Mucks gemacht als der Schurke ihr Maedchen
wegzuschleppen drohte. Warum nicht? Sie schien nicht die Frau zu sein,
die ihrer Tochter etwas zustossen liesse, ohne sich zu wehren. Oder war
sie es sich gewoehnt von Maennern verteidigt zu werden, die ihre Anmut
schaetzten. Ich konnte diese Fragen nicht beantworten. Ich sollte es
koennen, denn sie war meine Frau und es waren meine drei Kinder. Aber ich
kannte sie kaum mehr. Ich betrachtete sie jetzt wie ein Aussenstehender.
Ich hatte schon zweieinhalb Jahre nichts mehr mit ihnen zu tun gehabt, als
ich ihre Spur wiederfand in Laredo. Sie waren mir fast fremd. Ich
erkannte sie, das schon--aber ihr Charakter hatte sich veraendert und es
war als lernte ich sie wieder kennen, seit Laredo. Mit jeder Beobachtung
war ich mehr von ihnen beeindruckt, sie waren gewachsen.
Sie hatten mich nicht erkannt und das war mir auch recht. Ich hatte es
erwartet, denn ich hatte mich sehr veraendert. Ich sah nicht mehr aus wie
frueher und das mit gutem Grund. Denn ich war auf der Flucht und niemand
durfte mich erkennen. Sie auch nicht, denn das braechte sie in noch
groessere Gefahr, als sie schon waren. Ja sie waren in Gefahr, denn das
war kein Land in dem Frauen und Kinder unbeschuetzt reisen sollten. Nun
ganz unbeschuetzt waren sie nicht mehr seit Laredo, denn ich wuerde auf sie
aufpassen. Sie waren dessen unbewusst, hatten nicht einmal bemerkt dass
ich ihnen folgte. Nein sie durften mich nicht erkennen, denn wen jemand
erfuhr, dass sie zu mir gehoerten, dann wuerden sie gejagt werden, genau so
wie ich. Auch konnte ich sie besser beschuetzen aus der Distanz.
Ja ich liebte sie. Ich liebte sie sehr. Aber ich musste mich fern halten.
Sie durften nicht einmal merken, dass ich hinter ihnen her war.
Darum war ich dem Wirt so dankbar heute abend. Ich hatte nicht selbst
eingreifen muessen. Ich wollte nicht dass sie meiner ueberhaupt bewusst
waren. Ich hatte mich also im Hintergrund halten koennen. Um so
besser--aus einem anderen Grund auch--ich war noch nicht schnell genug.
Wuerde ich es je sein? Ich musste, da gab es keine Wahl. "Manchmal muss
man tun, was man tun muss!" wie mein Vater zu sagen pflegte als er noch
lebte.
* * *
MIt diesen Gedanken im Kopf machte ich mich auf, fuer einen Spaziergang.
Es blieb noch eine Stunde Tageslicht und ein Bisschen der frischen
Bergluft, die von den Zuni Bergen her wehte, wuerde mir gut tun.
Auf dem Weg zurueck, es war schon dunkel geworden, stolperte ich fast ueber
ein blinde Indianerfrau, die zwei Haeuser vom Saloon entfernt sass. Sie
hatte eine leere Konservenbuechse die sie mir entgegenstreckte:
"Ein Almosen, Sir, ich bitte sie." Ihr Geruch und ihre schrille Stimme
gingen mir auf die Nerven. Als ich an ihr vorbei gehen wollte, schrie sie
noch lauter: "Haben sie ein Herz, Sir, haben sie ein Herz".
Das letzte "haben sie ein Herz" war leiser und langsamer gesprochen, so
als resignierte sie sich, nichts zu bekommen. Da packte mich dann doch
das Erbarmen und ich warf zehn Silberdollar in ihre Buechse. Schnell ging
ihre Hand in die Buechse um zu zaehlen. Dann schrie sie "Oh gnaediger Herr
das ist doch zuviel, viel zuviel, soviel brauche ich ja gar nicht.
Vergelt es ihnen Gott, sie guetiger Mann." Sie nahm wohl von meinem Tritt
an, dass ich ein Mann war und wohl auch, weil die meisten die hier
vorbeigingen, Maenner waren--wenn sie wirklich blind war.
"Schreien sie doch nicht so, oder die ganze Stadt wird denken dass ich
reich bin. Das fehlt mir noch dass einer versucht mich auszurauben."
"Oh Entschuldigung, Sir, ich will ihnen keine Schwierigkeiten machen."
"Sagen sie, sind sie ganz blind?"
"Von meiner Kindheit, Sir. Wuerde ich sonst hier sitzen und betteln. Dies
ist kein Platz fuer eine alte Frau--aber was bleibt mir."
Im faden Licht der Karbid Lampen bemerkte ich ploetzlich Billy Kane auf der
anderen Seite der Strasse fluchend und schimpfend, umgeben von einer Menge
arger, bitterer Burschen und Juan. Die fuehrten nichts Gutes im Schilde.
Ich konnte ahnen, was kommen wuerde. Sie bewegten sich langsam auf den
Saloon zu und ich hoerte Billy angeben: "Die feinen Daemchen entkommen Billy
nicht und auch das Wirtlein nicht." Vor dem Saloon teilten sie sich. Die
eine Haelfte, sechs Mann, ging in den Saloon, die anderen umgaben den
Saloon. Es sah aus als wollten sie sicherstellen dass niemand aus dem
Saloon fliehen konnte.
Ich wusste, was sie vor hatten. Sie wuerden eine Streiterei vortaeuschen im
Saloon oder anzetteln, bei dem der Wirt dann per Zufall erschossen wurde.
Dabei kam es ihnen gar nicht darauf an dass einige Beistaender auch
erschossen wuerden. So rauh waren diese Burschen. Ich hoffte nur dass die
meisten von ihnen auch was abkriegten, den in so einer Rauferei, wo die
Kugeln fliegen, ist keiner sicher. Wer andern eine Grube graebt faellt oft
selbst hinein.
"Wo wohnt der Sheriff?", ich schrie die blinde Frau fast an.
"Der jagt nach der "Little" Gang".
"Habt ihr einen Deputy?"
"Oh, der ist immer besoffen--vergiss es Mister--es gibt keine
Gerechtigkeit auf dieser Welt".
Um's Philosophieren war es mir im Augenblick nicht.
"Madam, gibt es einen Ausweg aus dem Saloon. Sie sind hinter einer Frau
und ihren Toechtern her. Sie haben den Saloon umzingelt".
"Immer das gleiche, die Maenner wollen immer nur eines von den Frauen."
Ich war froh, sie verstand.
"Durch den Aussenabort, denn der ist mit dem Saloon durch einen gedeckten
Gang verbunden! Doch es ist stockdunkel dort hinten niemand braucht den
Abort mehr, es gibt jetzt ja einen im Saloon." Gut ist es eine mondlose
Nacht, dachte ich, es wird also noch dunkler sein.
"Hier sind noch zehn Dollar. Schleichen sie durch den Abort hinein und
holen sie die Frau und ihre Kinder heraus--ich bitte sie."
"Ich tue was ich kann fuer sie Mister, denn sie sind ein guter Mann. Wenn
sie wieder hier vorbeikommen, gedenken sie meiner."
Dabei schlich sie sich wie eine gewandte Katze um die dunklen Ecken. Es
war als ob sie sehen konnte in der Dunkelheit und war gewandter in der
Nacht als ein Sehender.
Dann strollte ich auf den Saloon zu, ich musste meine Eile verbergen. Was
fuer eine Schmiere, dachte ich, warum musste das immer mir passieren. Ich
hatte wohl noch einiges zu lernen. Meine Colts waren die Besten, aber war
ich gut genug?
Ich glaubte, dass der Wirt sich schon laengst aus dem Staub gemacht haette,
aber nein, er servierte. Er war kein Feigling. Was haette er auch machen
sollen? Jemand anders servieren lassen? Und den in Gefahr bringen? Nein
der Wirt war fair. Ich stand auf seiner Seite.
"Juan geh doch mal sehen, ob uns die Daemchen nicht Gesellschaft leisten
wollen", sagte Billy mit lauter Stimme und seine Bande stimmte ein "Ja,
hol sie mal, die Huebschen."
"Zeit dass sie was lernen...", fuegte ein anderer hinzu, "...jung uebt sich
was ein Meister werden will..." und alle lachten. Doch das gefiel dem
Wirt nicht. Er erhob Einspruch: "Niemand ohne Zimmer geht nach oben!"
Dann eilte er Juan nach und erwischte den gerade noch beim Aermel. Er zog
ihn die Stiege herunter und schwang ihn auf das Parkett, auf dem Juan noch
zwanzig Fuss gleitete und gerade vor Billy zum Stoppen kam.
Dann ploetzlich ein Schuss, und der schwere Leuchter kam von der Decke
gesaust und stuerzte gerade auf Juan's Schulter, der darunter lag.
"Au" schrie Juan.
"Ruuuhe maaal!" kam da eine hohe aber laute und ruhige Stimme von der Bar.
Es war der Schuetze, ein Mexikaner. Der konnte wohl schiessen. Das war
kein leichtes Stueck den Leuchter so zu amputieren.
Es war ploetzlich totenstill im Saloon. Der Mexikaner kam mir bekannt vor,
und dann half er mir ein Bisschen. "Ich bin Peeedro Escobaaar--ihr habt
von Peeedro gehoeoeoert--und Peeedro moeoeoechte sein Diiinner in Ruhe eeessen.
Verstaaanden! Soll einer hier Peeedro aeaeaergern, weiss sich Peeedro zu
weeehren." Dabei wanderte er hinueber bei der Treppe vorbei, so als um
sich gut zu platzieren. Er gestierte mit beiden Haenden beim Sprechen.
Das sah gefaehrlich aus, den man wusste nie wo sich seine Haende hin
bewegten.
"Du verdammtes, gelbhaeutiges Hurensoehnchen, was mischt du dich da ein."
Billy hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da sauste die Kugel auch
schon an seinem Kopf vorbei und nahm ein bisschen Haut und Haare mit.
Jetzt verstand ich warum Pedro auf die Treppe zugegangen war. Er hatte
sich so platziert dass seine Kugel nur Billy treffen wuerde, sonst aber
ohne Schaden in die Wand ging wo niemand sass. Den er wollte niemand
umbringen, nein nicht einmal Billy. Er wollte ihm nur eine Lektion
erteilen. Deswegen der Streifschuss.
Ich wusste nicht dass Pedro Escobar so genau schiessen konnte. Ich wusste
nur dass er schnell war. Billy schien ihn nicht zu kennen, sonst haette er
es wohl gelassen. Er haette aber wirklich sehen sollen, dass er Pedro
nicht gewachsen war.
Die anderen vier Burschen die mit Billy in den Saloon gekommen waren, und
anfangs ihres Sieges sicher gewesen waren, schienen jetzt nicht mehr so
sicher zu sein. Wie sie sich zu Beginn um Billy herumgeballt hatten, so
entfernten sie sich nun ganz allmaehlich. Aber Billy war noch nicht
fertig. Er war ein Narr. Er zog. Pedro schoss ihm den Colt geradewegs
aus der Hand. Dabei hatte Billy Glueck. Seine Hand wurde nicht getroffen.
Jetzt versuchte er es auch noch links. Diesmal war er nicht so gluecklich.
Die Kugel traf den Colt und seine Hand. Dann verschwanden die beiden.
Billys hielt seine Hand und seinen Kopf und Juan seine Schulter. Also
nicht mehr so stolz, ein bisschen demuetiger sahen sie jetzt aus. Das war
der einzige Vorteil fuer Billy und Juan an dieser Angelegenheit. Denn
Demut ist immer besser als Stolz.
Die Ruhe war wieder hergestellt. Es hatte nur einen Mann wie Pedro
Escobar gebraucht. Der kleine, duenne, jetzt etwa fuenfundfuenzig Jahre alte
Mexikaner war nicht zu unterschaetzen. Ich aber rannte hinaus. Ich fuehlte
mich wie ein Narr. Ich hatte meine Familie moeglicherweise gerade in die
Haende der draussen wartenden Halunken geschickt. Ja, ich konnte nicht
wissen dass Pedro Escobar die Gefahr abwenden wuerde. Ob es die blinde
Indianerin wohl geschafft haette.
Ich rannte hinaus. Und wieder stolperte ich fast ueber sie, denn jetzt
sass sie ausserhalb des Saloons.
"Habt ihr es geschafft" fluesterte ich.
"Oh ja Mister, keine Bange."
"Wo sind sie hin?"
"Ich nahm sie um zwei Haeuser herum. Soweit weiss ich den Weg, Sir. Dann
sind sie weiter durch die Stadt gegangen."
"Hat sie jemand gesehen?"
"Das weiss ich nicht, Mister. Sowas kann ich doch nicht sehen." Ich
verstand.
Ich rannte in den Saloon zurueck und holte meine Sachen, zahlte und machte
mich auf den Weg. Keiner der Schurken die den Saloon umzingelt hatten war
mehr zu sehen. Ich sattelte meinen Apfelschimmel, stieg auf und ritt den
Corrals entlang. Ich sah ihre Pferde. Ihre Pferde waren noch da. Ich
wollte wissen wo sie waren. Es gab noch einen heruntergekommenen Saloon
am Ende der kleinen Stadt, gegen Norden. Dort ging ich hin und erkundigte
mich, aber sie waren nicht da.
Kapitel 2
Ich ritt zurueck in die Stadt. Es hatte keinen Sinn einfach loszureiten.
Zudem wuerden sie die Pferde brauchen. Sie mussten also irgendwann zum
"Whiskey Barrel" Saloon zurueckkehren. Auf dem Weg zurueck zum
Stadtzentrum dachte ich darueber nach wie alles so gekommen war.
Ich dachte zurueck and die Zeit wo wir noch alle zusammenwohnten auf der
Ranch die mir mein Vater hinterlassen hatte. Wir hatten es schoen zusammen.
Ja das Ranchen war harte Arbeit, aber es hatte auch seine guten Seiten.
Man war an der frischen Luft, gesund und sein eigener Herr und Meister.
Wir waren arm, aber wir hatten alles was wir brauchten.
Unser Land war umgeben vom Land der Kings. Drei Brueder und ihre Familien.
Sie besassen das ganze Land auf der West Seite des Dorfs ausser unserer
kleinen Ranch die wie ein Herz in der Mitte ihrer Ranch steckte. Das
haette sie nicht stoeren muessen, denn wir waren gute Nachbarn. Liessen
unser Vieh nie auf ihrem Grund weiden oder ihr Wasser trinken. Wir hatten
unsere eigenen Brunnenschaechte gegraben und wir stahlen auch keine Rinder.
Kurz, wir waren friedlich, sie aber nicht. Sie wollten unser Land, denn
es war gut und hatte genug Wasser.
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6