Siddhartha
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Einen Menschen sah ich, dachte Siddhartha, einen einzigen, vor dem ich
meine Augen niederschlagen musste. Vor keinem andern mehr will ich
meine Augen niederschlagen, vor keinem mehr. Keine Lehre mehr wird
mich verlocken, da dieses Menschen Lehre mich nicht verlockt hat.
Beraubt hat mich der Buddha, dachte Siddhartha, beraubt hat er mich,
und mehr noch hat er mich beschenkt. Beraubt hat er mich meines
Freundes, dessen, der an mich glaubte und der nun an ihn glaubt, der
mein Schatten war und nun Gotamas Schatten ist, Geschenkt aber hat er
mir Siddhartha, mich selbst.
ERWACHEN
Als Siddhartha den Hain verliess, in welchem der Buddha, der Vollendete,
zurueckblieb, in welchem Govinda zurueckblieb, da fuehlte er, dass in
diesem Hain auch sein bisheriges Leben hinter ihm zurueckblieb und sich
von ihm trennte. Dieser Empfindung, die ihn ganz erfuellte, sann er im
langsamen Dahingehen nach. Tief sann er nach, wie durch ein tiefes
Wasser liess er sich bis auf den Boden dieser Empfindung hinab, bis
dahin, wo die Ursachen ruhen, denn Ursachen erkennen, so schien ihm,
das eben ist Denken, und dadurch allein werden Empfindungen zu
Erkenntnissen und gehen nicht verloren, sondern werden wesenhaft und
beginnen auszustrahlen, was in ihnen ist.
Im langsamen Dahingehen dachte Siddhartha nach. Er stellte fest, dass
er kein Juengling mehr, sondern ein Mann geworden sei. Er stellte fest,
dass eines ihn verlassen hatte, wie die Schlange von ihrer alten Haut
verlassen wird, dass eines nicht mehr in ihm vorhanden war, das durch
seine ganze Jugend ihn begleitet und zu ihm gehoert hatte: der Wunsch,
Lehrer zu haben und Lehren zu hoeren. Den letzten Lehrer, der an
seinem Wege ihm erschienen war, auch ihn, den hoechsten und weisesten
Lehrer, den Heiligsten, Buddha, hatte er verlassen, hatte sich von ihm
trennen muessen, hatte seine Lehre nicht annehmen koennen.
Langsamer ging der Denkende dahin und fragte sich selbst: "Was nun ist
es aber, das du aus Lehren und von Lehrern hattest lernen wollen, und
was sie, die dich viel gelehrt haben, dich doch nicht lehren konnten?"
Und er fand: "Das Ich war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte.
Das Ich war es, von dem ich loskommen, das ich ueberwinden wollte.
Ich konnte es aber nicht ueberwinden, konnte es nur taeuschen, konnte
nur vor ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding
in der Welt hat so viel meine Gedanken beschaeftigt wie dieses mein Ich,
dies Raetsel, dass ich lebe, dass ich einer und von allen andern
getrennt und abgesondert bin, dass ich Siddhartha bin! Und ueber kein
Ding in der Welt weiss ich weniger als ueber mich, ueber Siddhartha!"
Der im langsamen Dahingehen Denkende blieb stehen, von diesem Gedanken
erfasst, und alsbald sprang aus diesem Gedanken ein anderer hervor, ein
neuer Gedanke, der lautete: "Dass ich nichts von mir weiss, dass
Siddhartha mir so fremd und unbekannt geblieben ist, das kommt aus
einer Ursache, einer einzigen: Ich hatte Angst vor mir, ich war auf
der Flucht vor mir! Atman suchte, ich, Brahman suchte ich, ich war
gewillt, mein Ich zu zerstuecken und auseinander zu schaelen, um in
seinem unbekannten Innersten den Kern aller Schalen zu finden, den
Atman, das Leben, das Goettliche, das Letzte. Ich selbst aber ging mir
dabei verloren."
Siddhartha schlug die Augen auf und sah um sich, ein Laecheln erfuellte
sein Gesicht, und ein tiefes Gefuehl von Erwachen aus langen Traeumen
durchstroemte ihn bis in die Zehen. Und alsbald lief er wieder, lief
rasch, wie ein Mann, welcher weiss, was er zu tun hat.
"O," dachte er aufatmend mit tiefem Atemzug, "nun will ich mir den
Siddhartha nicht mehr entschluepfen lassen! Nicht mehr will ich mein
Denken und mein Leben beginnen mit Atman und mit dem Leid der Welt.
Ich will mich nicht mehr toeten und zerstuecken, um hinter den Truemmern
ein Geheimnis zu finden. Nicht Yoga-Veda mehr soll mich lehren, noch
Atharva-Veda, noch die Asketen, noch irgendwelche Lehre. Bei mir
selbst will ich lernen, will ich Schueler sein, will ich mich kennen
lernen, das Geheimnis Siddhartha."
Er blickte um sich, als saehe er zum ersten Male die Welt. Schoen, war
die Welt, bunt war die Welt, seltsam und raetselhaft war die Welt!
Hier war Blau, hier war Gelb, hier war Gruen, Himmel floss und Fluss,
Wald starrte und Gebirg, alles schoen, alles raetselvoll und magisch,
und inmitten er, Siddhartha, der Erwachende, auf dem Wege zu sich
selbst. All dieses, all dies Gelb und Blau, Fluss und Wald, ging zum
erstenmal durchs Auge in Siddhartha ein, war nicht mehr Zauber Maras,
war nicht mehr der Schleier der Maya, war nicht mehr sinnlose und
zufaellige Vielfalt der Erscheinungswelt, veraechtlich dem tief
denkenden Brahmanen, der die Vielfalt verschmaeht, der die Einheit
sucht. Blau war Blau, Fluss war Fluss, und wenn auch im Blau und Fluss
in Siddhartha das Eine und Goettliche verborgen lebte, so war es doch
eben des Goettlichen Art und Sinn, hier Gelb, hier Blau, dort Himmel,
dort Wald und hier Siddhartha zu sein. Sinn und Wesen war nicht
irgendwo hinter den Dingen, sie waren in ihnen, in allem.
"Wie bin ich taub und stumpf gewesen!" dachte der rasch dahin
Wandelnde. "Wenn einer eine Schrift liest, deren Sinn er suchen will,
so verachtet er nicht die Zeichen und Buchstaben und nennt sie
Taeuschung, Zufall und wertlose Schale, sondern er liest sie, er
studiert und liebt sie, Buchstabe um Buchstabe. Ich aber, der ich das
Buch der Welt und das Buch meines eigenen Wesens lesen wollte, ich
habe, einem im voraus vermuteten Sinn zuliebe, die Zeichen und
Buchstaben verachtet, ich nannte die Welt der Erscheinungen Taeuschung,
nannte mein Auge und meine Zunge zufaellige und wertlose Erscheinungen.
Nein, dies ist vorueber, ich bin erwacht, ich bin in der Tat erwacht
und heute erst geboren."
Indem Siddhartha diesen Gedanken dachte, blieb er abermals stehen,
ploetzlich, als laege eine Schlange vor ihm auf dem Weg.
Denn ploetzlich war auch dies ihm klar geworden: Er, der in der Tat wie
ein Erwachter oder Neugeborener war, er musste sein Leben neu und
voellig von vorn beginnen. Als er an diesem selben Morgen den Hain
Jetavana, den Hain jenes Erhabenen, verlassen hatte, schon erwachend,
schon auf dem Wege zu sich selbst, da war es seine Absicht gewesen und
war ihm natuerlich und selbstverstaendlich erschienen, dass er, nach den
Jahren seines Asketentums, in seine Heimat und zu seinem Vater
zurueckkehre. Jetzt aber, erst in diesem Augenblick, da er stehen
blieb, als laege eine Schlange auf seinem Wege, erwachte er auch zu
dieser Einsicht: "Ich bin ja nicht mehr, der ich war, ich bin nicht
mehr Asket, ich bin nicht mehr Priester, ich bin nicht mehr Brahmane.
Was denn soll ich zu Hause und bei meinem Vater tun? Studieren?
Opfern? Die Versenkung pflegen? Dies alles ist ja vorueber, dies
alles liegt nicht mehr an meinem Wege."
Regungslos blieb Siddhartha stehen, und einen Augenblick und Atemzug
lang fror sein Herz, er fuehlte es in der Brust innen frieren wie ein
kleines Tier, einen Vogel oder einen Hasen, als er sah, wie allein er
sei. Jahrelang war er heimatlos gewesen und hatte es nicht gefuehlt.
Nun fuehlte er es. Immer noch, auch in der fernsten Versenkung, war er
seines Vaters Sohn gewesen, war Brahmane gewesen, hohen Standes, ein
Geistiger. Jetzt war er nur noch Siddhartha, der Erwachte, sonst
nichts mehr. Tief sog er den Atem ein, und einen Augenblick fror er
und schauderte. Niemand war so allein wie er. Kein Adliger, der
nicht zu den Adligen, kein Handwerker, der nicht zu den Handwerkern
gehoerte und Zuflucht bei ihnen fand, ihr Leben teilte, ihre Sprache
sprach. Kein Brahmane, der nicht zu den Brahmanen zaehlte und mit
ihnen lebte, kein Asket, der nicht im Stande der Samanas seine
Zuflucht fand, und auch der verlorenste Einsiedler im Walde war nicht
einer und allein, auch ihn umgab Zugehoerigkeit, auch er gehoerte einem
Stande an, der ihm Heimat war. Govinda war Moench geworden, und
tausend Moenche waren seine Brueder, trugen sein Kleid, glaubten seinen
Glauben, sprachen seine Sprache. Er aber, Siddhartha, wo War er
zugehoerig? Wessen Leben wuerde er teilen? Wessen Sprache wuerde er
sprechen?
Aus diesem Augenblick, wo die Welt rings von ihm wegschmolz, wo er
allein stand wie ein Stern am Himmel, aus diesem Augenblick einer
Kaelte und Verzagtheit tauchte Siddhartha empor, mehr Ich als zuvor,
fester geballt. Er fuehlte: Dies war der letzte Schauder des Erwachens
gewesen, der letzte Krampf der Geburt. Und alsbald schritt er wieder
aus, begann rasch und ungeduldig zu gehen, nicht mehr nach Hause,
nicht mehr zum Vater, nicht mehr zurueck.
ZWEITER TEIL--Wilhelm Gundert
meinem Vetter in Japan gewidmet
KAMALA
Siddhartha lernte Neues auf jedem Schritt seines Weges, denn die Welt
war verwandelt, und sein Herz war bezaubert. Er sah die Sonne ueberm
Waldgebirge aufgehen und ueberm fernen Palmenstrande untergehen. Er
sah nachts am Himmel die Sterne geordnet, und den Sichelmond wie ein
Boot im Blauen schwimmend. Er sah Baeume, Sterne, Tiere, Wolken,
Regenbogen, Felsen, Kraeuter, Blumen, Bach und Fluss, Taublitz im
morgendIichen Gestraeuch, ferne hohe Berge blau und bleich, Voegel
sangen und Bienen, Wind wehte silbern im Reisfelde. Dies alles,
tausendfalt und bunt, war immer dagewesen, immer hatten Sonne und Mond
geschienen, immer Fluesse gerauscht und Bienen gesummt, aber es war in
den frueheren Zeiten fuer Siddhartha dies alles nichts gewesen als ein
fluechtiger und truegerischer Schleier vor seinem Auge, mit Misstrauen
betrachtet, dazu bestimmt, vom Gedanken durchdrungen und vernichtet zu
werden, da es nicht Wesen war, da das Wesen jenseits der Sichtbarkeit
lag. Nun aber weilte sein befreites Auge diesseits, es sah und
erkannte die Sichtbarkeit, suchte Heimat in dieser Welt, suchte nicht
das Wesen, zielte in kein Jenseits. Schoen war die Welt, wenn man sie
so betrachtete, so ohne Suchen, so einfach, so kinderhaft. Schoen war
Mond und Gestirn, schoen war Bach und Ufer, Wald und Fels, Ziege und
Goldkaefer, Blume und Schmetterling. Schoen und lieblich war es, so
durch die Welt zu gehen, so kindlich, so erwacht, so dem Nahen
aufgetan, so ohne Misstrauen. Anders brannte die Sonne aufs Haupt,
anders kuehlte der Waldschatten, anders schmeckte Bach und Zisterne,
anders Kuerbis und Banane. Kurz waren die Tage, kurz die Naechte, jede
Stunde floh schnell hinweg wie ein Segel auf dem Meere, unterm Segel
ein Schiff voll von Schaetzen, voll von Freuden. Siddhartha sah ein
Affenvolk im hohen Waldgewoelbe wandern, hoch im Geaest, und hoerte
seinen wilden, gierigen Gesang. Siddhartha sah einen Schafbock ein
Schaf verfolgen und begatten. Er sah in einem Schilfsee den Hecht im
Abendhunger jagen, vor ihm her schnellten angstvoll, flatternd und
blitzend die jungen Fische in Scharen aus dem Wasser, Kraft und
Leidenschaft duftete dringlich aus den hastigen Wasserwirbeln, die der
ungestuem Jagende zog.
All dieses war immer gewesen, und er hatte es nicht gesehen; er war
nicht dabei gewesen. Jetzt war er dabei, er gehoerte dazu. Durch sein
Auge lief Licht und Schatten, durch sein Herz lief Stern und Mond.
Siddhartha erinnerte sich unterwegs auch alles dessen, was er im
Garten Jetavana erlebt hatte, der Lehre, die er dort gehoert, des
goettlichen Buddha, des Abschiedes von Govinda, des Gespraeches mit dem
Erhabenen. Seiner eigenen Worte, die er zum Erhabenen gesp rochen
hatte, erinnerte er sich wieder, jedes Wortes, und mit Erstaunen wurde
er dessen inne, dass er da Dinge gesagt hatte, die er damals noch gar
nicht eigentlich wusste. Was er zu Gotama gesagt hatte: sein, des
Buddha, Schatz und Geheimnis sei nicht die Lehre, sondern das
Unaussprechliche und nicht Lehrbare, das er einst zur Stunde seiner
Erleuchtung erlebt habe--dies war es ja eben, was zu erleben er jetzt
auszog, was zu erleben er jetzt begann. Sich selbst musste er jetzt
erleben. Wohl hatte er schon lange gewusst, dass sein Selbst Atman sei,
vom selben ewigen Wesen wie Brahman. Aber nie hatte er dies Selbst
wirklich gefunden, weil er es mit dem Netz des Gedankens hatte fangen
wollen. War auch gewiss der Koerper nicht das Selbst, und nicht das
Spiel der Sinne, so war es doch auch das Denken nicht, nicht der
Verstand, nicht die erlernte Weisheit, nicht die erlernte Kunst,
Schluesse zu ziehen und aus schon Gedachtem neue Gedanken zu spinnen.
Nein, auch diese Gedankenwelt war noch diesseits, und es fuehrte zu
keinem Ziele, wenn man das zufaellige Ich der Sinne toetete, dafuer aber
das zufaellige Ich der Gedanken und Gelehrsamkeiten maestete. Beide,
die Gedanken wie die Sinne, waren huebsche Dinge, hinter beiden lag der
letzte Sinn verborgen, beide galt es zu hoeren, mit beiden zu spielen,
beide weder zu verachten noch zu ueberschaetzen, aus beiden die geheimen
Stimmen des Innersten zu erlauschen. Nach nichts wollte er trachten,
als wonach die Stimme ihm zu trachten befoehle, bei nichts verweilen,
als wo die Stimme es riete. Warum war Gotama einst, in der Stunde der
Stunden, unter dem Bo-Baume niedergesessen, wo die Erleuchtung ihn
traf? Er hatte eine Stimme gehoert, eine Stimme im eigenen Herzen, die
ihm befahl, unter diesem Baume Rast tu suchen, und er hatte nicht
Kasteiung, Opfer, Bad oder Gebet, nicht Essen noch Trinken, nicht
Schlaf noch Traum vorgezogen, er hatte der Stimme gehorcht. So zu
gehorchen, nicht aeusserm Befehl, nur der Stimme, so bereit zu sein, das
war gut, das war notwendig, nichts anderes war notwendig.
In der Nacht, da er in der strohernen Huette eines Faehrmanns am Flusse
schlief, hatte Siddhartha einen Traum: Govinda stand vor ihm, in einem
gelben Asketengewand. Traurig sah Govinda aus, traurig fragte er:
Warum hast du mich verlassen? Da umarmte er Govinda, schlang seine
Arme um ihn, und indem er ihn an seine Brust zog und kuesste, war es
nicht Govinda mehr, sondern ein Weib, und aus des Weibes Gewand quoll
eine volle Brust, an der lag Siddhartha und trank, suess und stark
schmeckte die Milch dieser Brust. Sie schmeckte nach Weib und Mann,
nach Sonne und Wald, nach Tier und Blume, nach jeder Frucht, nach
jeder Lust. Sie machte trunken und bewusstlos.--Als Siddhartha
erwachte, schimmerte der bleiche Fluss durch die Tuer der Huette, und im
Walde klang tief und wohllaut ein dunkler Eulenruf.
Als der Tag begann, bat Siddhartha seinen Gastgeber, den Faehrmann, ihn
ueber den Fluss zu setzen. Der Faehrmann setzte ihn auf seinem
Bambusfloss ueber den Fluss, roetlich schimmerte im Morgenschein das
breite Wasser.
"Das ist ein schoener Fluss," sagte er zu seinem Begleiter.
"Ja," sagte der Faehrmann, "ein sehr schoener Fluss, ich liebe ihn ueber
alles. Oft habe ich ihm zugehoert, oft in seine Augen gesehen, und
immer habe ich von ihm gelernt. Man kann viel von einem Flusse lernen."
"Ich danke dir, mein Wohltaeter," sprach Siddhartha, da er ans andere
Ufer stieg. "Kein Gastgeschenk habe ich dir zu geben, Lieber, und
keinen Lohn zu geben. Ein Heimatloser bin ich, ein Brahmanensohn und
Samana."
"Ich sah es wohl," sprach der Faehrmann, "und ich habe keinen Lohn vor
dir erwartet, und kein Gastgeschenk. Du wirst mir das Geschenk ein
anderes Mal geben."
"Glaubst du?" sagte Siddhartha lustig.
"Gewiss. Auch das habe ich vom Flusse gelernt: alles kommt wieder!
Auch du, Samana, wirst wieder kommen. Nun lebe wohl! Moege deine
Freundschaft mein Lohn sein. Moegest du meiner gedenken, wenn du den
Goettern opferst."
Laechelnd schieden sie voneinander. Laechelnd freute sich Siddhartha
ueber die Freundschaft und Freundlichkeit des Faehrmanns. "Wie Govinda
ist er," dachte er laechelnd, "alle, die ich auf meinem Wege antreffe,
sind wie Govinda. Alle sind dankbar, obwohl sie selbst Anspruch auf
Dank haetten. Alle sind unterwuerfig, alle moegen gern Freund sein, gern
gehorchen, wenig denken. Kinder sind die Menschen."
Um die Mittagszeit kam er durch ein Dorf. Vor den Lehmhuetten waelzten
sich Kinder auf der Gasse, spielten mit Kuerbiskernen und Muscheln,
schrien und balgten sich, flohen aber alle scheu vor dem fremden
Samana. Am Ende des Dorfes fuehrte der Weg durch einen Bach, und am
Rande des Baches kniete ein junges Weib und wusch Kleider. Als
Siddhartha sie gruesste, hob sie den Kopf, und blickte mit Laecheln zu
ihm auf, dass er das Weisse in ihrem Auge blitzen sah. Er rief einen
Segensspruch hinueber, wie er unter Reisenden ueblich ist, und fragte,
wie weit der Weg bis zur grossen Stadt noch sei. Da stand, sie auf und
trat zu ihm her, schoen schimmerte ihr feuchter Mund im jungen Gesicht.
Sie, tauschte Scherzreden mit ihm, fragte, ob er schon gegessen habe,
und ob es wahr sei, dass die Samanas nachts allein im Walde schliefen
und keine Frauen bei sich haben duerfen. Dabei setzte sie ihren linken
Fuss auf seinen rechten und machte eine Bewegung, wie die Frau sie
macht, wenn sie den Mann zu jener Art des Liebesgenusses auffordert,
welchen die Lehrbuecher "das Baumbesteigen" nennen. Siddhartha fuehlte
sein Blut erwarmen, und da sein Traum ihm in diesem Augenblick wieder
einfiel, bueckte er sich ein wenig zu dem Weibe herab und kuesste mit den
Lippen die braune Spitze ihrer Brust. Aufschauend sah er ihr Gesicht
voll Verlangen laecheln und die verkleinerten Augen in Sehnsucht flehen.
Auch Siddhartha fuehlte Sehnsucht und den Quell des Geschlechts sich
bewegen; da er aber noch nie ein Weib beruehrt hatte, zoegerte er einen
Augenblick, waehrend seine Haende schon bereit waren, nach ihr zu
greifen. Und in diesem Augenblick hoerte er, erschauernd, die Stimme
seines Innern, und die Stimme sagte Nein. Da wich vom laechelnden
Gesicht der jungen Frau aller Zauber, er sah nichts mehr als den
feuchten Blick eines bruenstigen Tierweibchens. Freundlich streichelte
er ihre Wange, wandte sich von ihr und verschwand vor der Enttaeuschten
leichtfuessig in das Bambusgehoelze.
An diesem Tage erreichte er vor Abend eine grosse Stadt, und freute
sich, denn er begehrte nach Menschen. Lange hatte er in den Waeldern
gelebt, und die stroherne Huette des Faehrmanns, in welcher er diese
Nacht geschlafen hatte, war seit langer Zeit das erste Dach, das er
ueber sich gehabt hatte.
Vor der Stadt, bei einem schoenen umzaeunten Haine, begegnete dem
Wandernden ein kleiner Tross von Dienern und Dienerinnen, mit Koerben
beladen. Inmitten in einer geschmueckten Saenfte, von Vieren getragen,
sass auf roten Kissen unter einem bunten Sonnendach eine Frau, die
Herrin. Siddhartha blieb beim Eingang des Lusthaines stehen und sah
dem Aufzuge zu, sah die Diener, die Maegde, die Koerbe, sah die Saenfte,
und sah in der Saenfte die Dame. Unter hochgetuermten schwarzen Haaren
sah er ein sehr helles, sehr zartes, sehr kluges Gesicht, hellroten
Mund wie eine frisch aufgebrochene Feige, Augenbrauen gepflegt und
gemalt in hohen Bogen, dunkle Augen klug und wachsam, lichten hohen
Hals aus gruen und goldenem Oberkleide steigend, ruhende helle Haende
lang und schmal mit breiten Goldreifen ueber den Gelenken.
Siddhartha sah, wie schoen sie war, und sein Herz lachte. Tief
verneigte er sich, als die Saenfte nahe kam, und sich wieder
aufrichtend blickte er in das helle holde Gesicht, las einen
Augenblick in den klugen hochueberwoelbten Augen, atmete einen Hauch von
Duft, den er nicht kannte. Laechelnd nickte die schoene Frau, einen
Augenblick, und verschwand im Hain, und hinter ihr die Diener.
So betrete ich diese Stadt, dachte Siddhartha, unter einem holden
Zeichen. Es zog ihn, sogleich in den Hain zu treten, doch bedachte er
sich, und nun erst ward ihm bewusst, wie ihn die Diener und Maegde am
Eingang betrachtet hatten, wie veraechtlich, wie misstrauisch, wie
abweisend.
Noch bin ich ein Samana, dachte er, noch immer, ein Asket und Bettler.
Nicht so werde ich bleiben duerfen, nicht so in den Hain treten. Und
er lachte.
Den naechsten Menschen, der des Weges kam, fragte er nach dem Hain und
nach dem Namen dieser Frau, und erfuhr, dass dies der Hain der Kamala
war, der beruehmten Kurtisane, und dass sie ausser dem Haine ein Haus in
der Stadt besass.
Dann betrat er die Stadt. Er hatte nun ein Ziel.
Sein Ziel verfolgend, liess er sich von der Stadt einschluerfen, trieb
im Strom der Gassen, stand auf Plaetzen still, ruhte auf Steintreppen
am Flusse aus. Gegen den Abend befreundete er sich mit einem
Barbiergehilfen, den er im Schatten eines Gewoelbes hatte arbeiten
sehen, den er betend in einem Tempel Vishnus wiederfand, dem er von
den Geschichten Vishnu's und der Lakschmi erzaehlte. Bei den Booten am
Flusse schlief er die Nacht, und frueh am Morgen, ehe die ersten Kunden
in seinen Laden kamen, liess er sich von dem Barbiergehilfen den Bart
rasieren und das Haar beschneiden, das Haar kaemmen und mit feinem oele
salben. Dann ging er im Flusse baden.
Als am Spaetnachmittag die schoene Kamala in der Saenfte sich ihrem Haine
naeherte, stand am Eingang Siddhartha, verbeugte sich und empfing den
Gruss der Kurtisane. Demjenigen Diener aber, der zuletzt im Zuge ging,
winkte er und bat ihn, der Herrin zu melden, dass ein junger Brahmane
mit ihr zu sprechen begehre. Nach einer Weile kam der Diener zurueck,
forderte den Wartenden auf, ihm zu folgen, fuehrte den ihm Folgenden
schweigend in einen Pavillon, wo Kamala auf einem Ruhebette lag, und
liess ihn bei ihr allein.
"Bist du nicht gestern schon da draussen gestanden und hast mich
begruesst?" fragte Kamala.
"Wohl habe ich gestern schon dich gesehen und begruesst."
"Aber trugst du nicht gestern einen Bart, und lange Haare, und Staub
in den Haaren?"
"Wohl hast du beobachtet, alles hast du gesehen. Du hast Siddhartha
gesehen, den Brahmanensohn, welcher seine Heimat verlassen hat, um ein
Samana zu werden, und drei Jahre lang ein Samana gewesen ist. Nun
aber habe ich jenen Pfad verlassen, und kam in diese Stadt, und die
erste, die mir noch vor dem Betreten der Stadt begegnete, warst du.
Dies zu sagen, bin ich zu dir gekommen, o Kamala! Du bist die erste
Frau, zu welcher Siddhartha anders als mit niedergeschlagenen Augen
redet. Nie mehr will ich meine Augen niederschlagen, wenn eine schoene
Frau mir begegnet."
Kamala laechelte und spielte mit ihrem Faecher aus Pfauenfedern. Und
fragte: "Und nur um mir dies zu sagen, ist Siddhartha zu mir
gekommen?"
"Um dir dies zu sagen, und um dir zu danken, dass du so schoen bist.
Und wenn es dir nicht missfaellt, Kamala, moechte ich dich bitten, meine
Freundin und Lehrerin zu sein, denn ich weiss noch nichts von der Kunst,
in welcher du Meisterin bist."
Da lachte Kamala laut.
"Nie ist mir das geschehen, Freund, dass ein Samana aus dem Walde zu
mir kam und von mir lernen wollte! Nie ist mir das geschehen, dass ein
Samana mit langen Haaren und in einem alten zerrissenen Schamtuche zu
mir kam! Viele Juenglinge kommen zu mir, und auch Brahmanensoehne sind
darunter, aber sie kommen in schoenen Kleidern, sie kommen in feinen
Schuhen, sie haben Wohlgeruch im Haar und Geld, in den Beuteln. So,
du Samana, sind die Juenglinge beschaffen, welche zu mir kommen."
Sprach Siddhartha: "Schon fange ich an, von dir zu lernen. Auch
gestern schon habe ich gelernt. Schon habe ich den Bart abgelegt,
habe das Haar gekaemmt, habe OEl im Haare. Weniges ist, das mir noch
fehlt, du Vortreffliche: feine Kleider, feine Schuhe, Geld im Beutel.
Wisse, Schwereres hat Siddhartha sich vorgenommen, als solche
Kleinigkeiten sind, und hat es erreicht. Wie sollte ich nicht
erreichen, was ich gestern mir vorgenommen habe: dein Freund zu sein
und die Freuden der Liebe von dir zu lernen! Du wirst mich gelehrig
sehen, Kamala, Schwereres habe ich gelernt, als was du mich lehren
sollst. Und nun also: Siddhartha genuegt dir nicht, so wie er ist, mit
OEl im Haar, aber ohne Kleider, ohne Schuhe, ohne Geld?"
Lachend rief Kamala: "Nein, Werter, er genuegt noch nicht. Kleider muss
er haben, huebsche Kleider, und Schuhe, huebsche Schuhe, und viel Geld
im Beutel, und Geschenke fuer Kamala. Weisst du es nun, Samana aus dem
Walde? Hast du es dir gemerkt?"
"Wohl habe ich es mir gemerkt," rief Siddhartha. "Wie sollte ich mir
nicht merken, was aus einem solchen Munde kommt! Dein Mund ist wie
eine frisch aufgebrochene Feige, Kamala. Auch mein Mund ist rot und
frisch, er wird zu deinem passen, du wirst sehen.--Aber sage, schoene
Kamala, hast du gar keine Furcht vor dem Samana aus dem Walde, der
gekommen ist, um Liebe zu lernen?"
"Warum sollte ich denn Furcht vor einem Samana haben, einem dummen
Samana aus dem Walde, der von den Schakalen kommt und noch gar nicht
weiss, was Frauen sind?"
"O, er ist stark, der Samana, und er fuerchtet nichts. Er koennte dich
zwingen, schoenes Maedchen. Er koennte dich rauben. Er koennte dir weh
tun."
"Nein, Samana, das fuerchte ich nicht. Hat je ein Samana oder ein
Brahmane gefuerchtet, Einer koennte kommen und ihn packen und ihm seine
Gelehrsamkeit, und seine Froemmigkeit, und seinen Tiefsinn rauben?
Nein, denn die gehoeren ihm zu eigen und er gibt davon,nur, was er
geben will und wem er geben will. So ist es, genau ebenso ist es auch
mit Kamala, und mit den Freuden der Liebe. Schoen und rot ist Kamalas
Mund, aber versuche, ihn gegen Kamalas Willen zu kuessen, und nicht
einen Tropfen Suessigkeit wirst du von ihm haben, der so viel Suesses zu
geben versteht! Du bist gelehrig, Siddhartha, so lerne auch dies:
Liebe kann man erbetteln, erkaufen, geschenkt bekommen, auf der Gasse
finden, aber rauben kann man sie nicht. Da hast du dir einen falschen
Weg ausgedacht. Nein, schade waere es, wenn ein huebscher Juengling wie
du es so falsch angreifen wollte."
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