Siddhartha
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Siddhartha verneigte sich laechelnd. "Schade waere es, Kamala, wie,
sehr hast du recht! UEberaus schade waere es. Nein, von deinem Munde
soll mir kein Tropfen Suessigkeit verloren gehen, noch dir von dem
meinen! Es bleibt also dabei: Siddhartha wird wiederkommen, wenn er
hat, was ihm noch fehlt: Kleider, Schuhe, Geld. Aber sprich, holde
Kamala, kannst du mir nicht noch einen kleinen Rat geben?"
"Einen Rat? Warum nicht? Wer wollte nicht gerne einem armen,
unwissenden Samana, der von den Schakalen aus dem Walde kommt, einen
Rat geben?"
"Liebe Kamala, so rate mir wohin soll ich gehen, dass ich am raschesten
jene drei Dinge finde?"
"Freund, das moechten viele wissen. Du musst tun, was du gelernt hast,
und dir dafuer Geld geben lassen, und Kleider, und Schuhe. Anders
kommt ein Armer nicht zu Geld. Was kannst du denn?"
"Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten."
"Nichts sonst?"
"Nichts. Doch, ich kann auch dichten. Willst du mir fuer ein Gedicht
einen Kuss geben?"
"Das will ich tun, wenn dein Gedicht mir gefaellt. Wie heisst es denn?"
Siddhartha sprach, nachdem er sich einen Augenblick besonnen hatte,
diese Verse:
In ihren schattigen Hain trat die schoene Kamala,
An Haines Eingang stand der braune Samana.
Tief, da er die Lotusbluete erblickte,
Beugte sich jener, laechelnd dankte Kamala.
Lieblicher, dachte der Juengling, als Goettern zu opfern,
Lieblicher ist es zu opfern der schoenen Kamala.
Laut klatschte Kamala in die Haende, dass die goldenen Armringe klangen.
"Schoen sind deine Verse, brauner Samana, und wahrlich, ich verliere
nichts, wenn ich dir einen Kuss fuer sie gebe."
Sie zog ihn mit den Augen zu sich, er beugte sein Gesicht auf ihres,
und legte seinen Mund auf den Mund, der wie eine frisch aufgebrochene
Feige war. Lange kuesste ihn Kamala, und mit tiefem Erstaunen fuehlte
Siddhartha, wie sie ihn lehrte, wie sie weise war, wie sie ihn
beherrschte, ihn zurueckwies, ihn lockte, und wie hinter diesem ersten
eine lange, eine wohlgeordnete, wohlerprobte Reihe von Kuessen stand,
jeder vom andern verschieden, die ihn noch erwarteten. Tief atmend
blieb er stehen, und war in diesem Augenblick wie ein Kind erstaunt
ueber die Fuelle des Wissens und Lernenswerten, die sich vor seinen
Augen erschloss.
"Sehr schoen sind deine Verse," rief Kamala, "wenn ich reich waere, gaebe
ich dir Goldstuecke dafuer. Aber schwer wird es dir werden, mit Versen
so viel Geld zu erwerben, wie du brauchst. Denn du brauchst viel Geld,
wenn du Kamalas Freund sein willst."
"Wie kannst du kuessen, Kamala!" stammelte Siddhartha.
"Ja, das kann ich schon, darum fehlt es mir auch nicht an Kleidern,
Schuhen, Armbaendern und allen schoenen Dingen. Aber was wird aus dir
werden? Kannst du nichts als denken, fasten, dichten?"
"Ich kann auch die Opferlieder," sagte Siddhartha, "aber ich will sie
nicht mehr singen. Ich kann auch Zaubersprueche, aber ich will sie
nicht mehr sprechen. Ich habe die Schriften gelesen--"
"Halt," unterbrach ihn Kamala. "Du kannst lesen? Und schreiben?"
"Gewiss kann ich das. Manche koennen das."
"Die meisten koennen es nicht. Auch ich kann es nicht. Es ist sehr
gut, dass du lesen und schreiben kannst, sehr gut. Auch die
Zaubersprueche wirst du noch brauchen koennen."
In diesem Augenblick kam eine Dienerin gelaufen und fluesterte der
Herrin eine Nachricht ins Ohr.
"Ich bekomme Besuch," rief Kamala. "Eile und verschwinde, Siddhartha,
niemand darf dich hier sehen, das merke dir! Morgen sehe ich dich
wieder."
Der Magd aber befahl sie, dem frommen Brahmanen ein weisses Obergewand
zu geben. Ohne zu wissen, wie ihm geschah, sah sich Siddhartha von
der Magd hinweggezogen, auf Umwegen in ein Gartenhaus gebracht, mit
einem Oberkleid beschenkt, ins Gebuesch gefuehrt und dringlich ermahnt,
sich alsbald ungesehen aus dem Hain zu verlieren.
Zufrieden tat er, wie ihm geheissen war. Des Waldes gewohnt, brachte
er sich lautlos aus dem Hain und ueber die Hecke. Zufrieden kehrte er
in die Stadt zurueck, das zusammengerollte Kleid unterm Arme tragend.
In einer Herberge, wo Reisende einkehrten, stellte er sich an die Tuer,
bat schweigend um Essen, nahm schweigend ein Stueck Reiskuchen an.
Vielleicht schon morgen, dachte er, werde ich niemand mehr um Essen
bitten.
Stolz flammte ploetzlich in ihm auf. Er war kein Samana mehr, nicht
mehr stand es ihm an, zu betteln. Er gab den Reiskuchen einem Hunde
und blieb ohne Speise.
"Einfach ist das Leben, das man in der Welt hier fuehrt," dachte
Siddhartha. "Es hat keine Schwierigkeiten. Schwer war alles, muehsam
und am Ende hoffnungslos, als ich noch Samana war. Nun ist alles
leicht, leicht wie der Unterricht im Kuessen, den mir Kamala gibt. Ich
brauche Kleider und Geld, sonst nichts, das sind kleine nahe Ziele,
sie stoeren einem nicht den Schlaf."
Laengst hatte er das Stadthaus Kamalas erkundet, dort fand er sich am
andern Tage ein.
"Es geht gut," rief sie ihm entgegen. "Du wirst bei Kamaswami
erwartet, er ist der reichste Kaufmann dieser Stadt. Wenn du ihm
gefaellst, wird er dich in Dienst nehmen. Sei klug, brauner Samana.
Ich habe ihm durch andre von dir erzaehlen lassen. Sei freundlich
gegen ihn, er ist sehr maechtig. Aber sei nicht zu bescheiden! Ich
will nicht, dass du sein Diener wirst, du sollst seinesgleichen werden,
sonst bin ich nicht mit dir zufrieden. Kamaswami faengt an, alt und
bequem zu werden. Gefaellst du ihm, so wird er dir viel anvertrauen."
Siddhartha dankte ihr und lachte, und da sie erfuhr, er habe gestern
und heute nichts gegessen, liess sie Brot und Fruechte bringen und
bewirtete ihn.
"Du hast Glueck gehabt," sagte sie beim Abschied, "eine Tuer um die
andre tut sich dir auf. Wie kommt das wohl? Hast du einen Zauber?"
Siddhartha sagte: "Gestern erzaehlte ich dir, ich verstuende zu denken,
zu warten und zu fasten, du aber fandest, das sei zu nichts nuetze. Es
ist aber zu vielem nuetze, Kamala, du wirst es sehen. Du wirst sehen,
dass die dummen Samanas im Walde viel Huebsches lernen und koennen, das
Ihr nicht koennet. Vorgestern war ich noch ein struppiger Bettler,
gestern habe ich schon Kamala gekuesst, und bald werde ich ein Kaufmann
sein und Geld haben und all diese Dinge, auf die du Wert legst."
"Nun ja," gab sie zu. "Aber wie stuende es mit dir ohne mich? Was
waerest du, wenn Kamala dir nicht huelfe?"
"Liebe Kamala," sagte Siddhartha und richtete sich hoch auf, "als ich
zu dir in deinen Hain kam, tat ich den ersten Schritt. Es war mein
Vorsatz, bei dieser schoensten Frau die Liebe zu lernen. Von jenem
Augenblick an, da ich den Vorsatz fasste, wusste ich auch, dass ich ihn
ausfuehren werde. Ich wusste, dass du mir helfen wuerdest, bei deinem
ersten Blick am Eingang des Haines wusste ich es schon."
"Wenn ich aber nicht gewollt haette?"
"Du hast gewollt. Sieh, Kamala: Wenn du einen Stein ins Wasser wirfst,
so eilt er auf dem schnellsten Wege zum Grunde des Wassers. So ist
es, wenn Siddhartha ein Ziel, einen Vorsatz hat. Siddhartha tut
nichts, er wartet, er denkt, er fastet, aber er geht durch die Dinge
der Welt hindurch wie der Stein durchs Wasser, ohne etwas zu tun, ohne
sich zu ruehren; er wird gezogen, er laesst sich fallen. Sein Ziel zieht
ihn an sich, denn er laesst nichts in seine Seele ein, was dem Ziel
widerstreben koennte. Das ist es, was Siddhartha bei den Samanas
gelernt hat. Es ist das, was die Toren Zauber nennen und wovon sie
meinen, es werde durch die Daemonen bewirkt. Nichts wird von Daemonen
bewirkt, es gibt keine Daemonen. Jeder kann zaubern, jeder kann seine
Ziele erreichen, wenn er denken kann, wenn er warten kann, wenn er
fasten kann."
Kamala hoerte ihm zu. Sie liebte seine Stimme, sie liebte den Blick
seiner Augen.
"Vielleicht ist es so," sagte sie leise, "wie du spriehst, Freund.
Vielleicht ist es aber auch so, dass Siddhartha ein huebscher Mann ist,
dass sein Blick den Frauen gefaellt, dass darum das Glueck ihm
entgegenkommt."
Mit einem Kuss nahm Siddhartha Abschied. "Moege es so sein, meine
Lehrerin. Moege immer mein Blick dir gefallen, moege immer von dir mir
Glueck entgegenkommen!"
BEI DEN KINDERMENSCHEN
Siddhartha ging zum Kaufmann Kamaswami, in ein reiches Haus ward er
gewiesen, Diener fuehrten ihn zwischen kostbaren Teppichen in ein
Gemach, wo er den Hausherrn erwartete.
Kamaswami trat ein, ein rascher, geschmeidiger Mann mit stark
ergrauendem Haar, mit sehr klugen, vorsichtigen Augen, mit einem
begehrlichen Mund. Freundlich begruessten sich Herr und Gast.
"Man hat mir gesagt," begann der Kaufmann, "dass du ein Brahmane bist,
ein Gelehrter, dass du aber Dienste bei einem Kaufmann suchst. Bist du
denn in Not geraten, Brahmane, dass du Dienste suchst?"
"Nein," sagte Siddhartha, "ich bin nicht in Not geraten und bin nie in
Not gewesen. Wisse, dass ich von den Samanas komme, bei welchen ich
lange Zeit gelebt habe."
"Wenn du von den Samanas kommst, wie solltest du da nicht in Not sein?
Sind nicht die Samanas voellig besitzlos?",
"Besitzlos bin ich," sagte Siddhartha, "wenn es das ist, was du meinst.
Gewiss bin ich besitzlos. Doch bin ich es freiwillig, bin also nicht
in Not."
"Wovon aber willst du leben, wenn du besitzlos bist?"
"Ich habe daran noch nie gedacht, Herr. Ich bin mehr als drei Jahre
besitzlos gewesen, und habe niemals daran gedacht, wovon ich leben
solle."
"So hast du vom Besitz anderer gelebt."
"Vermutlich ist es so. Auch der Kaufmann lebt ja von der Habe anderer."
"Wohl gesprochen. Doch nimmt er von den andern du nicht umsonst; er
gibt ihnen seine Waren dafuer."
"So scheint es sich in der Tat zu verhalten. Jeder nimmt, jeder gibt,
so ist das Leben."
"Aber erlaube: wenn du besitzlos bist, was willst du da geben?"
"Jeder gibt, was er hat. Der Krieger gibt Kraft, der
Kaufmann gibt Ware, der Lehrer Lehre, der Bauer Reis, der Fischer
Fische."
"Sehr wohl. Und was ist es nun, was du zu geben hast? Was ist es,
das du gelernt hast, das du kannst?"
"Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten."
"Das ist alles?"
"Ich glaube, es ist alles!"
"Und wozu nuetzt es? Zum Beispiel das Fasten--wozu ist es gut?"
"Es ist sehr gut, Herr. Wenn ein Mensch nichts zu essen hat, so ist
Fasten das Allerkluegste, was er tun kann. Wenn, zum Beispiel,
Siddhartha nicht fasten gelernt haette, so muesste er heute noch
irgendeinen Dienst annehmen, sei es bei dir oder wo immer, denn der
Hunger wuerde ihn dazu zwingen. So aber kann Siddhartha ruhig warten,
er kennt keine Ungeduld, er kennt keine Notlage, lange kann er sich
vom Hunger belagern lassen und kann dazu lachen. Dazu, Herr, ist
Fasten gut."
"Du hast Recht, Samana. Warte einen Augenblick."
Kamaswami ging hinaus und kehrte mit einer Rolle wieder, die er seinem
Gaste hinreichte, indem er fragte: "Kannst du dies lesen?"
Siddhartha betrachtete die Rolle, in welcher ein Kauf vertrag
niedergeschrieben war, und begann ihren Inhalt vorzulesen.
"Vortrefflich", sagte Kamaswami. "Und willst du mir etwas auf dieses
Blatt schreiben?"
Er gab ihm ein Blatt und einen Griffel, und Siddhartha schrieb und gab
das Blatt zurueck.
Kamaswami las: "Schreiben ist gut, Denken ist besser. Klugheit ist
gut, Geduld ist besser."
"Vorzueglich verstehst du zu schreiben," lobte der Kaufmann. "Manches
werden wir noch miteinander zu sprechen haben. Fuer heute bitte ich
dich, sei mein Gast und nimm in diesem Hause Wohnung."
Siddhartha dankte und nahm an, und wohnte nun im Hause des Haendlers.
Kleider wurden ihm gebracht, und Schuhe, und ein Diener bereitete ihm
taeglich das Bad. Zweimal am Tage wurde eine reichliche Mahlzeit
aufgetragen, Siddhartha aber ass nur einmal am Tage, und ass weder
Fleisch noch trank er Wein. Kamaswami erzaehlte ihm von seinem Handel,
zeigte ihm Waren und Magazine, zeigte ihm Berechnungen. Vieles Neue
lernte Siddhartha kennen, er hoerte viel und sprach wenig. Und der
Worte Kamalas eingedenk, ordnete er sich niemals,dem Kaufmanne unter,
zwang ihn, dass er ihn als seinesgleichen, ja als mehr denn
seinesgleichen behandle. Kamaswami betrieb seine Geschaefte mit
Sorglichkeit und oft mit Leidenschaft, Siddhartha aber betrachtete
dies,alles wie ein Spiel, dessen Regeln genau zu lernen er bemueht war,
dessen Inhalt aber sein Herz nicht beruehrte.
Nicht lange war er in Kamaswamis Hause, da nahm er schon an seines
Hausherrn Handel teil. Taeglich aber zu der Stunde, die sie ihm nannte,
besuchte er die schoene Kamala, in huebschen Kleidern, in feinen
Schuhen, und bald brachte er ihr auch Geschenke mit. Vieles lehrte
ihn ihr roter, kluger Mund. Vieles lehrte ihn ihre zarte,
geschmeidige Hand. Ihm, der in der Liebe noch ein Knabe war und dazu
neigte, sich blindlings und unersaettlich in die Lust zu stuerzen wie
ins Bodenlose, lehrte sie von Grund auf die Lehre, dass man Lust nicht
nehmen kann, ohne Lust zu geben, und dass jede Gebaerde, jedes
Streicheln, jede Beruehrung, jeder Anblick, jede kleinste Stelle des
Koerpers ihr Geheimnis hat, das zu wecken dem Wissenden Glueck bereitet.
Sie lehrte ihn, dass Liebende nach einer Liebesfeier nicht voneinander
gehen duerfen, ohne eins das andere zu bewundern, ohne ebenso besiegt
zu sein, wie gesiegt zu haben, so dass bei keinem von beiden
UEbersaettigung und OEde entstehe und das boese Gefuehl, missbraucht zu
haben oder missbraucht worden zu sein. Wunderbare Stunden brachte er
bei der schoenen und klugen Kuenstlerin zu, wurde ihr Schueler, ihr
Liebhaber, ihr Freund. Hier bei Kamala lag der Wert und Sinn seines
jetzigen Lebens, nicht im Handel des Kamaswami.
Der Kaufmann uebertrug ihm das Schreiben wichtiger Briefe und Vertraege,
und gewoehnte sich daran, alle wichtigen Angelegenheiten mit ihm zu
beraten. Er sah bald, dass Siddhartha von Reis und Wolle, von
Schiffahrt und Handel wenig verstand, dass aber seine Hand eine
glueckliche war, und dass Siddhartha ihn, den Kaufmann, uebertraf an Ruhe
und Gleichmut, und in der Kunst des Zuhoerenkoennens und Eindringens in
fremde Menschen. "Dieser Brahmane," sagte er zu einem Freunde, "ist
kein richtiger Kaufmann und wird nie einer werden, nie,ist seine Seele
mit Leidenschaft bei den Geschaeften. Aber er hat das Geheimnis jener
Menschen, zu welchen der Erfolg von selber kommt, sei das nun ein
angeborener guter Stern, sei es Zauber, sei es etwas, das er bei den
Samanas gelernt hat. Immer scheint er mit den Geschaeften nur
zuspielen, nie gehen sie ganz in ihn ein, nie beherrschen sie ihn, nie
fuerchtet er Misserfolg, nie bekuemmert ihn ein Verlust."
Der Freund riet dem Haendler: "Gib ihm von den Geschaeften, die er fuer
dich treibt, einen Drittel vom Gewinn, lass ihn aber auch denselben
Anteil des Verlustes treffen, wenn Verlust entsteht. So wird er
eifriger werden."
Kamaswami folgte dem Rat. Siddhartha aber kuemmerte sich wenig darum.
Traf ihn Gewinn, so nahm er ihn gleichmuetig hin; traf ihn Verlust, so
lachte er und sagte: "Ei sieh, dies ist also schlecht gegangen!"
Es schien in der Tat, als seien die Geschaefte ihm gleichgueltig.
Einmal reiste er in ein Dorf, um dort eine grosse Reisernte aufzukaufen.
Als er ankam, war aber der Reis schon an einen andern Haendler
verkauft. Dennoch blieb Siddhartha manche Tage in jenem Dorf,
bewirtete die Bauern, schenkte ihren Kindern Kupfermuenzen, feierte
eine Hochzeit mit und kam ueberaus zufrieden von der Reise zurueck.
Kamaswami machte ihm Vorwuerfe, dass er nicht sogleich umgekehrt sei,
dass er Zeit und Geld vergeudet habe. Siddhartha antwortete: "Lass das
Schelten, lieber Freund! Noch nie ist mit Schelten etwas erreicht
worden. Ist Verlust entstanden, so lass mich den Verlust tragen. Ich
bin sehr zufrieden mit dieser Reise. Ich habe vielerlei Menschen
kennen gelernt, ein Brahmane ist mein Freund geworden, Kinder sind auf
meinen Knien geritten, Bauern haben mir ihre Felder gezeigt, niemand
hat mich fuer einen Haendler gehalten."
"Sehr huebsch ist dies alles," rief Kamaswami unwillig, "aber
tatsaechlich bist du doch ein Haendler, sollte ich meinen! Oder bist du
denn nur zu deinem Vergnuegen gereist?"
"Gewiss," lachte Siddhartha, "gewiss bin ich zu meinem Vergnuegen gereist.
Wozu denn sonst? Ich habe Menschen und Gegenden kennen gelernt, ich
habe, Freundlichkeit und Vertrauen genossen, ich habe Freundschaft
gefunden. Sieh, Lieber, wenn ich Kamaswami gewesen waere, so waere ich
sofort, als ich meinen Kauf vereitelt sah, voll AErger und in Eile
wieder zurueckgereist, und Zeit und Geld waere in der Tat verloren
gewesen. So aber habe ich gute Tage gehabt, habe gelernt, habe Freude
genossen, habe weder mich noch andre durch AErger und durch
Eilfertigkeit geschaedigt. Und wenn ich jemals wieder dorthin komme,
vielleicht um eine spaetere Ernte zu kaufen, oder zu welchem Zwecke es
sei, so werden freundliche Menschen mich freundlich und heiter
empfangen, und ich werde mich dafuer loben, dass ich damals nicht Eile
und Unmut gezeigt habe. Also lass gut sein, Freund, und schade dir
nicht durch Schelten! Wenn der Tag kommt, an dem du sehen wirst:
Schaden bringt mir dieser Siddhartha, dann sprich ein Wort, und
Siddhartha wird seiner Wege gehen. Bis dahin aber lass uns einer mit
dem andern zufrieden sein."
Vergeblich waren auch die Versuche des Kaufmanns, Siddhartha zu
ueberzeugen, dass er sein, Kamaswamis, Brot esse. Siddhartha ass sein
eignes Brot, vielmehr sie beide assen das Brot anderer, das Brot aller.
Niemals hatte Siddhartha ein Ohr fuer Kamaswamis Sorgen, und Kamaswami
machte sich viele Sorgen. War ein Geschaeft im Gange, welchem
Misserfolg drohte, schien eine Warensendung verloren, schien ein
Schuldner nicht zahlen zu koennen, nie konnte Kamaswami seinen
Mitarbeiter ueberzeugen, dass es nuetzlich sei, Worte des Kummers oder
des Zornes zu verlieren, Falten auf der Stirn zu haben, schlecht zu
schlafen. Als ihm Kamaswami einstmals vorhielt, er habe alles, was er
verstehe, von ihm gelernt, gab er zur Antwort: "Wolle mich doch nicht
mit solchen Spaessen zum Besten haben! Von dir habe ich gelernt,
wieviel ein Korb voll Fische kostet, und wieviel Zins man fuer
geliehenes Geld fordern kann. Das sind deine Wissenschaften. Denken
habe ich nicht bei dir gelernt, teurer Kamaswami, suche lieber du es
von mir zu lernen."
In der Tat war seine Seele nicht beim Handel. Die Geschaefte waren gut,
um ihm Geld fuer Kamala einzubringen, und sie brachten weit mehr ein,
als er brauchte. Im uebrigen war Siddharthas Teilnahme und Neugierde
nur bei den Menschen, deren Geschaefte, Handwerke, Sorgen,
Lustbarkeiten und Torheiten ihm frueher fremd und fern gewesen waren
wie der Mond. So leicht es ihm gelang, mit allen zu sprechen, mit
allen zu leben, von allen zu lernen, so sehr ward ihm dennoch bewusst,
dass etwas sei, was ihn von ihnen trenne, und dies Trennende war sein
Samanatum. Er sah die Menschen auf eine kindliche oder tierhafte Art
dahinleben, welche er zugleich liebte und auch verachtete. Er sah sie
sich muehen, sah sie leiden und grau werden um Dinge, die ihm dieses
Preises ganz unwert schienen, um Geld, um kleine Lust, um kleine Ehren,
er sah sie einander schelten und beleidigen, er sah sie um Schmerzen
wehklagen, ueber die der Samana laechelt, und unter Entbehrungen leiden,
die ein Samana nicht fuehlt.
Allem stand er offen, was diese Menschen ihm zubrachten. Willkommen
war ihm der Haendler, der ihm Leinwand zum Kauf anbot, willkommen der
Verschuldete, der ein Darlehen suchte, willkommen der Bettler, der ihm
eine Stunde lang die Geschichte seiner Armut erzaehlte, und welcher
nicht halb so arm war als ein jeder Samana. Den reichen auslaendischen
Haendler behandelte er nicht anders als den Diener, der ihn rasierte,
und den Strassenverkaeufer, von dem er sich beim Bananenkauf um kleine
Muenze betruegen liess. Wenn Kamaswami zu ihm kam, um ueber seine Sorgen
zu klagen oder ihm wegen eines Geschaeftes Vorwuerfe zu machen, so hoerte
er neugierig und heiter zu, wunderte sich ueber ihn, suchte ihn zu
verstehen, liess ihn ein wenig Recht haben, eben soviel als ihm
unentbehrlich schien, und wandte sich von ihm ab, dem Naechsten zu, der
ihn begehrte. Und es kamen viele zu ihm, viele um mit ihm zu handeln,
viele um ihn zu betruegen, viele um ihn auszuhorchen, viele um sein
Mitleid anzurufen, viele um seinen Rat zu hoeren. Er gab Rat, er
bemitleidete, er schenkte, er liess sich ein wenig betruegen, und dieses
ganze Spiel und die Leidenschaft, mit welcher alle Menschen dies Spiel
betrieben, beschaeftigte seine Gedanken ebensosehr, wie einst die
Goetter und das Brahman sie beschaeftigt hatten.
Zuzeiten spuerte er, tief in der Brust, eine sterbende, leise Stimme,
die mahnte leise, klagte leise, kaum dass er sie vernahm. Alsdann kam
ihm fuer eine Stunde zum Bewusstsein, dass er ein seltsames Leben fuehre,
dass er da lauter Dinge tue, die bloss ein Spiel waren, dass er wohl
heiter sei und zuweilen Freude fuehle, dass aber das eigentliche Leben
dennoch an ihm vorbeifliesse und ihn nicht beruehre. Wie ein
Ballspieler mit seinen Baellen spielt, so spielte er mit seinen
Geschaeften, mit den Menschen seiner Umgebung, sah ihnen zu, fand
seinen Spass an ihnen; mit dem Herzen, mit der Quelle seines Wesens war
er nicht dabei. Die Quelle lief irgendwo, wie fern von ihm, lief und
lief unsichtbar, hatte nichts mehr mit seinem Leben zu tun. Und
einigemal erschrak er ob solchen Gedanken und wuenschte sich, es moege
doch auch ihm gegeben sein, bei all dem kindlichen Tun des Tages mit
Leidenschaft und mit dem Herzen beteiligt zu sein, wirklich zu leben,
wirklich zu tun, wirklich zu geniessen und zu leben, statt nur so als
ein Zuschauer daneben zu stehen. Immer aber kam er wieder zur schoenen
Kamala, lernte Liebeskunst, uebte den Kult der Lust, bei welchem mehr
als irgendwo geben und nehmen zu einem wird, plauderte mit ihr, lernte
von ihr, gab ihr Rat, empfing Rat. Sie verstand ihn besser, als
Govinda ihn einst verstanden hatte, sie war ihm aehnlicher.
Einmal sagte er zu ihr: "Du bist wie ich, du bist anders als die
meisten Menschen. Du bist Kamala, nichts andres, und in dir innen ist
eine Stille und Zuflucht, in welche du zu jeder Stunde eingehen und
bei dir daheim sein kannst, so wie auch ich es kann. Wenige Menschen
haben das, und doch koennten alle es haben."
"Nicht alle Menschen sind klug," sagte Kamala.
"Nein," sagte Siddhartha, "nicht daran liegt es. Kamaswami ist ebenso
klug wie ich, und hat doch keine Zu flucht in sich. Andre haben sie,
die an Verstand kleine Kinder sind. Die meisten Menschen, Kamala,
sind wie ein fallendes Blatt, das weht und dreht sich durch die Luft,
und schwankt, und taumelt zu Boden. Andre aber, wenige, sind wie
Sterne, die gehen eine feste Bahn, kein Wind erreicht sie, in sich
selber haben sie ihr Gesetz und ihre Bahn. Unter allen Gelehrten und
Samanas, deren ich viele kannte, war einer von dieser Art, ein
Vollkommener, nie kann ich ihn vergessen. Es ist jener Gotama, der
Erhabene, der Verkuendiger jener Lehre. Tausend Juenger hoeren jeden Tag
seine. Lehre, folgen jede Stunde seiner Vorschrift, aber sie alle
sind fallendes Laub, nicht in sich selbst haben sie Lehre und Gesetz."
Kamala betrachtete ihn mit Laecheln. "Wieder redest du von ihm," sagte
sie, "wieder hast du Samana-Gedanken."
Siddhartha schwieg, und sie spielten das Spiel der Liebe, eines von
den dreissig oder vierzig verschiedenen Spielen, welche Kamala wusste.
Ihr Leib war biegsam wie der eines Jaguars, und wie der Bogen eines
Jaegers; wer von ihr die Liebe gelernt hatte, war vieler Lueste, vieler
Geheimnisse kundig. Lange spielte sie mit Siddhartha lockte ihn, wies
ihn zurueck, zwang ihn, umspannte ihn: freute sich seiner Meisterschaft,
bis er besiegt war und erschoepft an ihrer Seite ruhte.
Die Hetaere beugte sich ueber ihn, sah lang in sein Gesicht, in seine
muedgewordenen Augen.
"Du bist der beste Liebende," sagte sie nachdenklich, "den ich gesehen
habe. Du bist staerker als andre, biegsamer, williger. Gut hast du
meine Kunst gelernt, Siddhartha. Einst, wenn ich aelter bin, will ich
von dir ein Kind haben. Und dennoch, Lieber, bist du ein Sam a
geblieben, dennoch liebst du mich nicht, du liebst keinen Menschen.
Ist es nicht so?"
"Es mag wohl so sein", sagte Siddhartha muede. "Ich bin wie du. Auch
du liebst nicht--wie koenntest du sonst 'die Liebe als eine Kunst
betreiben? Die Menschen von unserer Art koennen vielleicht nicht
lieben. Die Kindermenschen koennen es; das ist ihr Geheimnis."
SANSARA
Lange Zeit hatte Siddhartha das Leben der Welt und der Lueste gelebt,
ohne ihm doch anzugehoeren. Seine Sinne, die er in heissen
Samana-Jahren ertoetet hatte, waren wieder erwacht, er hatte Reichtum
gekostet, hatte Wollust gekostet, hatte Macht gekostet; dennoch war er
lange Zeit im Herzen noch ein Samana geblieben, dies hatte Kamala, die
Kluge, richtig erkannt. Immer noch war es die Kunst des Denkens, des
Wartens, des Fastens, von welcher sein Leben gelenkt wurde, immer noch
waren die Menschen der Welt, die Kindermenschen, ihm fremd geblieben,
wie er ihnen fremd war.
Die Jahre liefen dahin, in Wohlergehen eingehuellt fuehlte Siddhartha
ihr Schwinden kaum. Er war reich geworden, er besass laengst ein
eigenes Haus und eigene Dienerschaft, und einen Garten vor der Stadt
am Flusse. Die Menschen hatten ihn gerne, sie kamen zu ihm, wenn sie
Geld oder Rat brauchten, niemand aber stand ihm nahe, ausser Kamala.
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