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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

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NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Siddhartha

H >> Hermann Hesse >> Siddhartha

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Jenes hohe, helle Wachsein, welches er einst, auf der Hoehe seiner
Jugend, erlebt hatte, in den Tagen nach Gotamas Predigt, nach der
Trennung von Govinda, jene gespannte Erwartung, jenes stolze
Alleinstehen ohne Lehren und ohne Lehrer, jene geschmeidige
Bereitschaft, die goettliche Stimme im eigenen Herzen zu hoeren, war
allmaehlich Erinnerung geworden, war vergaenglich gewesen; fern und
leise rauschte die heilige Quelleg die einst nahe gewesen war, die
einst in ihm selber gerauscht hatte. Vieles zwar, das er von den
Samanas gelernt, das er von Gotama gelernt, das er von seinem Vater,
dem Brahmanen, gelernt hatte, war noch lange Zeit in ihm geblieben:
maessiges Leben, Freude am Denken, Stunden der Versenkung, heimliches
Wissen vom Selbst, vom ewigen Ich, das nicht Koerper noch Bewusstsein
ist. Manches davon war in ihm geblieben, eines ums andre aber war
untergesunken und hatte sich mit Staub bedeckt. Wie die Scheibe des
Toepfers, einmal angetrieben, sich noch lange dreht und nur langsam
ermuedet und ausschwingt, so hatte in Siddharthas Seele das Rad der
Askese, das Rad des Denkens, das Rad der Unterscheidung lange weiter
geschwungen, schwang immer noch, aber es schwang langsam und zoegernd
und war dem Stillstand nahe. Langsam, wie Feuchtigkeit in den
absterbenden Baumstrunk dringt, ihn langsam fuellt und faulen macht,
war Welt und Traegheit in Siddharthas Seele gedrungen, langsam fuellte
sie seine Seele, machte sie schwer, machte sie muede, schlaeferte sie
ein. Dafuer waren seine Sinne lebendig geworden, viel hatten sie
gelernt, viel erfahren.

Siddhartha hatte gelernt, Handel zu treiben, Macht ueber Menschen
auszuueben, sich mit dem Weibe zu vergnuegen, er hatte gelernt, schoene
Kleider zu tragen, Dienern zu befehlen, sich in wohlriechenden Wassern
zu baden. Er hatte gelernt, zart und sorgfaeltig bereitete Speisen zu
essen, auch den Fisch, auch Fleisch und Vogel, Gewuerze und Suessigkeiten,
und den Wein zu trinken, der traege und vergessen macht. Er hatte
gelernt, mit Wuerfeln und auf dem Schachbrette zu spielen, Taenzerinnen
zuzusehen, sich in der Saenfte tragen zu lassen, auf einem weichen Bett
zu schlafen. Aber immer noch hatte er sich von den andern verschieden
und ihnen ueberlegen gefuehlt, immer hatte er ihnen mit ein wenig Spott
zugesehen, mit ein wenig spoettischer Verachtung, mit eben jener
Verachtung, wie sie ein Samana stets fuer Weltleute fuehlt. Wenn
Kamaswami kraenklich war, wenn er aergerlich war, wenn er sich beleidigt
fuehlte, wenn er von seinen Kaufmannssorgen geplagt wurde, immer hatte
Siddhartha es mit Spott angesehen. Langsam und unmerklich nur, mit
den dahingehenden Erntezeiten und Regenzeiten, war sein Spott mueder
geworden, war seine UEberlegenheit stiller geworden. Langsam nur,
zwischen seinen wachsenden Reichtuemern, hatte Siddhartha selbst etwas
von der Art der Kindermenschen angenommen, etwas von ihrer
Kindlichkeit und von ihrer AEngstlichkeit. Und doch beneidete er sie,
beneidete sie desto mehr, je aehnlicher er ihnen wurde. Er beneidete
sie um das Eine, was ihm fehlte und was sie hatten, um die Wichtigkeit,
welche sie ihrem Leben beizulegen vermochten, um die
Leidenschaftlichkeit ihrer Freuden und AEngste, um das bange aber suesse
Glueck ihrer ewigen Verliebtheit. In sich selbst, in Frauen, in ihre
Kinder, in Ehre oder Geld, in Plaene oder Hoffnungen verliebt waren
diese Menschen immerzu. Er aber lernte dies nicht von ihnen, gerade
dies nicht, diese Kinderfreude und Kindertorheit; er lernte von ihnen
ge rade das Unangenehme, was er selbst verachtete. Es ge schah immer
oefter, dass er am Morgen nach einem geselligen Abend lange liegen blieb
und sich dumpf und muede fuehlte. Es geschah, dass er aergerlich und
ungeduldig wurde, wenn Kamaswami ihn mit seinen Sorgen lang weilte.
Es geschah, dass er allzu laut lachte, wenn er im Wuerfelspiel verlor.
Sein Gesicht war noch immer klueger und geistiger als andre, aber es
lachte selten, und nahm einen um den andern jene Zuege an, die man im
Gesicht reicher Leute so haeufig findet, jene Zuege der Un zufriedenheit,
der Kraenklichkeit, des Missmutes, der Traeg heit, der Lieblosigkeit.
Langsam ergriff ihn die Seelen krankheit der Reichen.

Wie ein Schleier, wie ein duenner Nebel senkte sich Muedigkeit ueber
Siddhartha, langsam, jeden Tag ein wenig dichter, jeden Monat ein
wenig trueber, jedes Jahr ein wenig schwerer. Wie ein neues Kleid mit
der Zeit alt wird, mit der Zeit seine schoene Farbe verliert, Flecken
bekommt, Falten bekommt, an den Saeumen abgestossen wird und hier und
dort bloede, faedige Stellen zu zeigen beginnt, so war Siddharthas neues
Leben, das er nach seiner Trennung von Govinda begonnen hatte, alt
geworden, so verlor es mit den hinrinnenden Jahren Farbe und Glanz, so
sammelten sich Falten und Flecken auf ihm, und im Grunde verborgen,
hier und dort schon haesslich hervorblickend, wartete Enttaeuschung und
Ekel. Siddhartha merkte es nicht. Er merkte nur, das jene helle und
sichere Stimme seines Innern, die einst in ihm erwacht war und ihn in
seinen glaenzenden. Zeiten je und je geleitet hatte, schweigsam
geworden war.

Die Welt hatte ihn eingefangen, die Lust, die Begehrlichkeit, die
Traegheit, und zuletzt auch noch jenes Laster, das er als das
toerichteste stets am meisten verachtet und gehoehnt hatte: die Habgier.
Auch das Eigentum, der Besitz und Reichtum hatte ihn schliesslich
eingefangen, war ihm kein Spiel und Tand mehr, war Kette und Last
geworden. Auf einem seltsamen und listigen Wege war Siddhartha in
diese letzte und schnoedeste Abhaengigkeit geraten, durch das
Wuerfelspiel. Seit der Zeit naemlich, da er im Herzen aufgehoert hatte,
ein Samana zu sein, begann Siddhartha das Spiel um Geld und
Kostbarkeiten, das er sonst laechelnd und laessig als eine Sitte der
Kindermenschen mitgemacht hatte, mit einer zunehmenden Wut und
Leidenschaft zu treiben. Er war ein gefuerchteter Spieler, wenige
wagten es mit ihm, so hoch und frech waren seine Einsaetze. Er trieb
das Spiel aus der Not seines Herzens, das Verspielen und Verschleudern
des elenden Geldes schuf ihm eine zornige Freude, auf keine andre
Weise konnte er seine Verachtung des Reichtums, des Goetzen der
Kaufleute, deutlicher und hoehnischer zeigen. So spielte er hoch und
schonungslos, sich selbst hassend, sich selbst verhoehnend, strich
Tausende ein, warf Tausende weg, verspielte Geld, verspielte Schmuck,
verspielte ein Landhaus, gewann wieder, verspielte wieder. Jene Angst,
jene furchtbare und beklemmende Angst, welche er waehrend des Wuerfelns,
waehrend des Bangens um hohe Einsaetze empfand, jene Angst liebte er
und suchte sie immer zu erneuern, immer zu steigern, immer hoeher zu
kitzeln, denn in diesem Gefuehl allein noch fuehlte er etwas wie Glueck,
etwas wie Rausch, etwas wie erhoehtes Leben inmitten seines gesaettigten,
lauen, faden Lebens.

Und nach jedem grossen Verluste sann er auf neuen Reichtum, ging
eifriger dem Handel nach, zwang strenger seine Schuldner zum Zahlen,
denn er wollte weiter spielen, er wollte weiter vergeuden, weiter dem
Reichtum seine Verachtung zeigen. Siddhartha verlor die Gelassenheit
bei Verlusten, er verlor die Geduld gegen saeumige Zahler, verlor die
Gutmuetigkeit gegen Bettler, verlor die Lust am Verschenken und
Wegleihen des Geldes an Bittende. Er, der zehntausend auf einen Wurf
verspielte und dazu lachte, wurde im Handel strenger und kleinlicher,
traeumte nachts zuweilen von Geld! Und so oft er aus dieser haesslichen
Bezauberung erwachte, so oft er sein Gesicht im Spiegel an der
Schlafzimmerwand gealtert und haesslicher geworden sah, so oft Scham und
Ekel ihn ueberfiel, floh er weiter, floh in neues Gluecksspiel, floh in
Betaeubungen der Wollust, des Weines, und von da zurueck in den Trieb
des Haeufens und Erwerbens. In diesem sinnlosen Kreislauf lief er sich
muede, lief er sich alt, lief sich krank.

Da mahnte ihn einst ein Traum. Er war die Abendstunden bei Kamala
gewesen, in ihrem schoenen Lustgarten. Sie waren unter den Baeumen
gesessen, im Gespraech, und Kamala hatte nachdenkliche Worte gesagt,
Worte, hinter welchen sich eine Trauer und Muedigkeit verbarg. Von
Gotama hatte sie ihn gebeten zu erzaehlen, und konnte nicht genug von
ihm hoeren, wie rein sein Auge, wie still und schoen sein Mund, wie
guetig sein Laecheln, wie friedevoll sein Gang gewesen. Lange hatte er
ihr vom erhabenen Buddha erzaehlen muessen, und Kamala hatte geseufzt,
und hatte gesagt: Jinst, vielleicht bald, werde auch ich diesem Buddha
folgen. Ich werde ihm meinen Lustgarten schenken, und werde meine
Zuflucht zu seiner Lehre nehmen." Darauf aber hatte sie ihn gereizt,
und ihn im Liebesspiel mit schmerzlicher Inbrunst an sich gefesselt,
unter Bissen und unter Traenen, als wolle sie noch einmal aus dieser
eiteln, vergaenglichen Lust den letzten suessen Tropfen pressen. Nie war
es Siddhartha so seltsam klar geworden, wie nahe die Wollust dem Tode
verwandt ist. Dann war er an ihrer Seite gelegen, und Kamalas Antlitz
war ihm nahe gewesen, und unter ihren Augen und neben ihren
Mundwinkeln hatte er, deutlich wie noch niemals, eine bange Schrift
gelesen, eine Schrift von feinen Linien, von leisen Furchen, eine
Schrift, die an den Herbst und an das Alter erinnerte, wie denn auch
Siddhartha selbst, der erst in den Vierzigen stand, schon hier und
dort ergraute Haare zwischen seinen schwarzen bemerkt hatte.
Muedigkeit stand auf Kamalas schoenem Gesicht geschrieben, Muedigkeit vom
Gehen eines langen Weges, der kein frohes Ziel hat, Muedigkeit und
beginnende Welke, und verheimlichte, noch nicht gesagte, vielleicht
noch nicht einmal gewusste Bangigkeit: Furcht vor dem Alter, Furcht vor
dem Herbste, Furcht vor dem Sterbenmuessen. Seufzend hatte er von ihr
Abschied genommen, die Seele voll Unlust, und voll verheimlichter
Bangigkeit.

Dann hatte Siddhartha die Nacht in seinem Hause mit Taenzerinnen beim
Weine zugebracht, hatte gegen seine Standesgenossen den ueberlegenen
gespielt, welcher er nicht mehr war, hatte viel Wein getrunken und
spaet nach Mitternacht sein Lager aufgesucht, muede und dennoch erregt,
dem Weinen und der Verzweiflung nahe, und hatte lang vergeblich den
Schlaf gesucht, das Herz voll eines Elendes, das er nicht mehr
ertragen zu koennen meinte, voll eines Ekels, von dem er sich
durchdrungen fuehlte wie vom lauen, widerlichen Geschmack des Weines,
der allzu suessen, oeden Musik, dem allzu weichen Laecheln der Taenzerinnen,
dem allzu suessen Duft ihrer Haare und Brueste. Mehr aber als vor allem
anderen ekelte ihm vor sich selbst, vor seinen duftenden Haaren, vor
dem Weingeruch seines Mundes, vor der schlaffen Muedigkeit und Unlust
seiner Haut. Wie wenn einer, der allzuviel gegessen oder getrunken
hat, es unter Qualen wieder erbricht und doch der Erleichterung froh
ist, so wuenschte sich der Schlaflose, in einem ungeheuren Schwall von
Ekel sich dieser Genuesse, dieser Gewohnheiten, dieses ganzen sinnlosen
Lebens und seiner selbst zu entledigen. Erst beim Schein des Morgens
und dem Erwachen der ersten Geschaeftigkeit auf der Strasse vor seinem
Stadthause war er eingeschlummert, hatte fuer wenige Augenblicke eine
halbe Betaeubung, eine Ahnung von Schlaf gefunden. In diesen
Augenblicken hatte er einen Traum:

Kamala besass in einem goldenen Kaefig einen kleinen seltenen Singvogel.
Von diesem Vogel traeumte er. Er traeumte: dieser Vogel war stumm
geworden, der sonst stets in der Morgenstunde sang, und da dies ihm
auffiel, trat er vor den Kaefig und blickte hinein, da war der kleine
Vogel tot und lag steif am Boden. Er nahm ihn heraus, wog ihn einen
Augenblick in der Hand und warf ihn dann weg, auf die Gasse hinaus,
und im gleichen Augenblick erschrak er furchtbar, und das Herz tat ihm
weh, so, als habe er mit diesem toten Vogel allen Wert und alles Gute
von sich geworfen.

Aus diesem Traum auffahrend, fuehlte er sich von tiefer Traurigkeit
umfangen. Wertlos, so schien ihm, wertlos und sinnlos hatte er sein
Leben dahingefuehrt; nichts Lebendiges, nichts irgendwie Koestliches
oder Be haltenswertes war ihm in Haenden geblieben. Allein stand er
und leer, wie ein Schiffbruechiger am Ufer.

Finster begab sich Siddhartha in einen Lustgarten, der ihm gehoerte,
verschloss die Pforte, setzte sich unter einem Mangobaum nieder, fuehlte
den Tod im Herzen und das Grauen in der Brust, sass und spuerte, wie es
in ihm starb, in ihm welkte, in ihm zu Ende ging. Allmaehlich sammelte
er seine Gedanken, und ging im Geiste nochmals den ganzen Weg seines
Lebens, von den ersten Tagen an, auf welche er sich besinnen konnte.
Wann denn hatte er ein Glueck erlebt, eine wahre Wonne gefuehlt? O ja,
mehrere Male hatte er solches erlebt. In den Knabenjahren hatte er es
gekostet, wenn er von den Brahmanen Lob errungen hatte er es in seinem
Herzen gefuehlt: "Ein Weg liegt vor dem Hersagen der heiligen Verse, im
Disput mit den Gelehrten, als Gehilfe beim Opfer ausgezeichnet hatte.
Da hatte er es in seinem Herzen gefuehlt: "Ein Weg liegt vor dir, zu
dem du berufen bist, auf dich warten die Goetter." Und wieder als
Juengling, da ihn das immer hoeher emporfliehende Ziel alles Nachdenkens
aus der Schar Gleichstrebender heraus- und hinangerissen hatte, da er
in Schmerzen um den Sinn des Brahman rang, da jedes erreichte Wissen
nur neuen Durst in ihm entfachte, da wieder hatte er, mitten im Durst,
mitten im Schmerze dieses selbe gefuehlt: "Weiter! Weiter! Du bist
berufen!" Diese Stimme hatte er vernommen, als er seine Heimat
verlassen und das Leben des Samana gewaehlt hatte, und wieder, als er
von den Samanas hinweg zu jenem Vollendeten, und auch von ihm hinweg
ins Ungewisse gegangen war. Wie lange hatte er diese Stimme nicht
mehr gehoert, wie lange keine Hoehe mehr erreicht, wie eben und oede war
sein Weg dahingegangen, viele lange Jahre, ohne hohes Ziel, ohne Durst,
ohne Erhebung, mit kleinen Luesten zufrieden und dennoch nie begnuegt!
Alle diese Jahre hatte er, ohne es selbst zu wissen, sich bemueht und
danach gesehnt, ein Mensch wie diese vielen zu werden, wie diese
Kinder, und dabei war sein Leben viel elender und aermer gewesen als
das ihre, denn ihre Ziele waren nicht die seinen, noch ihre Sorgen,
diese ganze Welt der Kamaswami-Menschen war ihm ja nur ein Spiel
gewesen, ein Tanz, dem man zusieht, eine Komoedie. Einzig Kamala war
ihm lieb, war ihm wertvoll gewesen--aber war sie es noch? Brauchte er
sie noch, oder sie ihn? Spielten sie nicht ein Spiel ohne Ende? War
es notwendig, dafuer zu leben? Nein, es war nicht notwendig! Dieses
Spiel hiess Sansara, ein Spiel fuer Kinder, ein Spiel, vielleicht hold
zu spielen, einmal, zweimal, zehnmal--aber immer und immer wieder?

Da wusste Siddhartha, dass das Spiel zu Ende war, dass er es nicht mehr
spielen koenne. Ein Schauder lief ihm ueber den Leib, in seinem Innern,
so fuehlte er, war etwas gestorben.

Jenen ganzen Tag sass er unter dem Mangobaume, seines Vaters gedenkend,
Govindas gedenkend, Gotamas gedenkend. Hatte er diese verlassen
muessen, um ein Kamaswami zu werden? Er sass noch, als die Nacht
angebrochen war. Als er aufschauend die Sterne erblickte, dachte er:
"Hier sitze ich unter meinem Mangobaume, in meinem Lustgarten." Er
laechelte ein wenig--war es denn notwendig, war es richtig, war es
nicht ein toerichtes Spiel, dass er einen Mangobaum, dass er einen Garten
besass?

Auch damit schloss er ab, auch das starb in ihm. Er erhob sich, nahm
Abschied vom Mangobaum, Abschied vom Lustgarten. Da er den Tag ohne
Speise geblieben war, fuehlte er heftigen Hunger, und gedachte an sein
Haus in der Stadt, an sein Gemach und Bett, an den Tisch mit den
Speisen. Er laechelte muede, schuettelte sich und nahm Abschied von
diesen Dingen.

In derselben Nachtstunde verliess Siddhartha seinen Garten, verliess die
Stadt und kam niemals wieder. Lange liess Kamaswami nach ihm suchen,
der ihn in Raeuberhand gefallen glaubte. Kamala liess nicht nach ihm
suchen. Als sie erfuhr, dass Siddhartha verschwunden sei, wunderte sie
sich nicht. Hatte sie es nicht immer erwartet? War er nicht ein
Samana, ein Heimloser, ein Pilger? Und am meisten hatte sie dies beim
letzten Zusammensein gefuehlt, und sie freute sich mitten im Schmerz
des Verlustes, dass sie ihn dieses letzte Mal noch so innig an ihr Herz
gezogen, sich noch einmal so ganz von ihm, besessen und durchdrungen
gefuehlt hatte.

Als sie die erste Nachricht von Siddharthas Verschwinden bekam, trat
sie ans Fenster, wo sie in einem goldenen Kaefig einen seltenen
Singvogel gefangen hielt. Sie oeffnete die Tuer des Kaefigs, nahm den
Vogel heraus und liess ihn fliegen. Lange sah sie ihm nach, dem
fliegenden Vogel. Sie empfing von diesem Tage an keine Besucher mehr,
und hielt ihr Haus verschlossen. Nach einiger Zeit aber ward sie inne,
dass sie von dem letzten Zusammensein mit Siddhartha schwanger sei.




AM FLUSSE

Siddhartha wanderte im Walde, schon fern von der Stadt, und wusste
nichts als das eine, dass er nicht mehr zurueck konnte, dass dies Leben,
wie er es nun viele Jahre lang gefuehrt, vorueber und dahin und bis zum
Ekel ausgekostet und ausgesogen war. Tot war der Singvogel, von dem
er getraeumt. Tot war der Vogel in seinem Herzen. Tief war er in
Sansara verstrickt, Ekel und Tod hatte er von allen Seiten in sich
eingesogen, wie ein Schwamm Wasser einsaugt, bis er voll ist. Voll
war er von UEberdruss, voll von Elend, voll von Tod, nichts mehr gab es
in der Welt, das ihn locken, das ihn freuen, das ihn troesten konnte.

Sehnlich wuenschte er, nichts mehr von sich zu wissen, Ruhe zu haben,
tot zu sein. Kaeme doch ein Blitz und erschluege ihn! Kaeme doch ein
Tiger und fraesse ihn! Gaebe es doch einen Wein, ein Gift, das ihm
Betaeubung braechte, Vergessen und Schlaf, und kein Erwachen mehr! Gab
es denn noch irgendeinen Schmutz, mit dem er sich nicht beschmutzt
hatte, eine Suende und Torheit, die er nicht begangen, eine Seelenoede,
die er nicht auf sich geladen hatte? War es denn noch moeglich, zu
leben? War es moeglich, nochmals und nochmals wieder Atem zu ziehen,
Atem auszustossen, Hunger zu fuehlen, wieder zu essen, wieder zu
schlafen, wieder beim Weibe zu liegen? War dieser Kreislauf nicht fuer
ihn erschoepft und abgeschlossen?

Siddhartha gelangte an den grossen Fluss im Walde, an denselben Fluss,
ueber welchen ihn einst, als er noch ein junger Mann war und von der
Stadt des Gotama kam, ein Faehrmann gefuehrt hatte. An diesem Flusse
machte er Halt, blieb zoegernd beim Ufer stehen. Muedigkeit und Hunger
hatten ihn geschwaecht, und wozu auch sollte er weitergehen, wohin denn,
zu welchem Ziel? Nein, es gab keine Ziele mehr, es gab nichts mehr
als die tiefe, leidvolle Sehnsucht, diesen ganzen wuesten Traum von
sich zu schuetteln, diesen schalen Wein von sich zu speien, diesem
jaemmerlichen und schmachvollen Leben ein Ende zu machen.

UEber das Flussufer hing ein Baum gebeugt, ein Kokosbaum, an dessen
Stamm lehnte sich Siddhartha mit der Schulter, legte den Arm um den
Stamm und blickte in das gruene Wasser hinab, das unter ihm zog und zog,
blickte hinab und fand sich ganz und gar von dem Wunsche erfuellt,
sich loszulassen und in diesem Wasser unterzugehen. Eine schauerliche
Leere spiegelte ihm aus dem Wasser entgegen, welcher die furchtbare
Leere in seiner Seele Antwort gab. Ja, er war am Ende. Nichts mehr
gab es fuer ihn, als sich auszuloeschen, als das misslungene Gebilde
seines Lebens zu zerschlagen, es wegzuwerfen, hohnlachenden Goettern
vor die Fuesse. Dies war das grosse Erbrechen, nach dem er sich gesehnt
hatte: der Tod, das Zerschlagen der Form, die er hasste! Mochten ihn
die Fische fressen, diesen Hund von Siddhartha, diesen Irrsinnigen,
diesen verdorbenen und verfaulten Leib, diese erschlaffte und
missbrauchte Seelel Mochten die Fische und Krokodile ihn fressen,
mochten 'die Daemonen ihn zerstuecken!

Mit verzerrtem Gesichte starrte er ins Wasser, sah sein Gesicht
gespiegelt und spie danach. In tiefer Muedigkeit loeste er den Arm vom
Baumstamme und drehte sich ein wenig, um sich senkrecht hinabfallen zu
lassen, um endlich unterzugehen. Er sank, mit geschlossenen Augen,
dem Tod entgegen.

Da zuckte aus entlegenen Bezirken seiner Seele, aus Vergangenheiten
seines ermuedeten Lebens her ein Klang. Es war ein Wort, eine Silbe,
die er ohne Gedanken mit lallender Stimme vor sich hinsprach, das alte
Anfangswort und Schlusswort aller brahmanischen Gebete, das heilige
"OM", das so viel bedeutet wie "das Vollkommene" oder "die Vollendung".
Und im Augenblick, da der Klang "Om" Siddharthas Ohr beruehrte,
erwachte sein entschlummerter Geist ploetzlich, und erkannte die
Torheit seines Tuns.

Siddhartha erschrak tief. So also stand es um ihn, so verloren war er,
so verirrt und von allem Wissen verlassen, dass er den Tod hatte
suchen koennen, dass dieser Wunsch, dieser Kinderwunsch in ihm hatte
gross werden koennen: Ruhe zu finden, indem er seinen Leib ausloeschte!
Was alle Qual dieser letzten Zeiten, alle Ernuechterung, alle
Verzweiflung nicht bewirkt hatte, das bewirkte dieser Augenblick, da
das Orn in sein Bewusstsein drang: dass er sich in seinem Elend und in
seiner Irrsal erkannte.

Om! sprach er vor sich hin: Om! Und wusste um Brahman, wusste um die
Unzerstoerbarkeit des Lebens, wusste um alles Goettliche wieder, das er
vergessen hatte.

Doch war dies nur ein Augenblick, ein Blitz. Am Fuss des Kokosbaumes
sank Siddhartha nieder, von der Ermuedung--hingestreckt, Orn murmelnd,
legte sein Haupt auf die Wurzel des Baumes und sank in tiefen Schlaf.

Tief war sein Schlaf und frei von Traeumen, seit langer Zeit hatte er
einen solchen Schlaf nicht mehr gekannt. Als er nach manchen Stunden
erwachte, war ihm, als seien zehn Jahre vergangen, er hoerte das leise
Stroemen des Wassers, wusste nicht, wo er sei und wer ihn hierher
gebracht habe, schlug die Augen auf, sah mit Verwunderung Baeume und
Himmel ueber sich, und erinnerte sich, wo er waere und wie er hierher
gekommen sei. Doch bedurfte er hierzu einer langen Weile, und das
Vergangene erschien ihm wie von einem Schleier ueberzogen, unendlich
fern, unendlich weit weg gelegen, unendlich gleichgueltig. Er wusste
nur, dass er sein frueheres Leben (im ersten Augenblick der Besinnung
erschien ihm dies fruehere Leben wie eine weit zurueckliegende, einstige
Verkoerperung, wie eine fruehe Vorgeburt seines jetzigen Ich)--dass er
sein frueheres Leben verlassen habe, dass er voll Ekel und Elend sogar
sein Leben habe wegwerfen wollen, dass er aber an einem Flusse, unter
einem Kokosbaume, zu sich gekommen sei, das heilige Wort Om auf den
Lippen, dann entschlummert sei, und nun erwacht als ein neuer Mensch
in die Welt blicke. Leise sprach er das Wort Om vor sich hin, ueber
welchem er eingeschlafen war, und ihm schien sein ganzer langer Schlaf
sei nichts als ein langes, versunkenes Om-Sprechen gewesen, ein
Om-Denken, ein Untertauchen und voelliges Eingehen in Om, in das
Namenlose, Vollendete.

Was fuer ein wunderbarer Schlaf war dies doch gewes en! Niemals hatte
ein Schlaf ihn so erfrischt, so erneut, so verjuengt! Vielleicht war
er wirklich gestorben, war untergegangen und in einer neuen Gestalt
wiedergeboren? Aber nein, er kannte sich, er kannte seine Hand und
seine Fuesse, kannte den Ort, an dem er lag, kannte dies Ich in seiner
Brust, diesen Siddhartha, den Eigenwilligen, den Seltsamen, aber
dieser Siddhartha war dennoch verwandelt, war erneut, war merkwuerdig
ausgeschlafen, merkwuerdig wach, freudig und neugierig.

Siddhartha richtete sich empor, da sah er sich gegenueber einen
Menschen sitzen, einen fremden Mann, einen Moench in gelbem Gewande mit
rasiertem Kopfe, in der Stellung des Nachdenkens. Er betrachtete den
Mann, der weder Haupthaar noch Bart an sich hatte, und nicht lange
hatte er ihn betrachtet, da erkannte er in diesem Moenche Govinda, den
Freund seiner Jugend, Govinda, der seine Zuflucht zum erhabenen Buddha
genommen hatte. Govinda war gealtert, auch er, aber noch immer trug
sein Gesicht die alten Zuege, sprach von Eifer, von Treue, von Suchen,
von AEngstlichkeit. Als nun aber Govinda, seinen Blick fuehlend, das
Auge aufschlug und ihn anschaute, sah Siddhartha, dass Govinda ihn
nicht erkenne. Govinda freute sich, ihn wach zu finden, offenbar
hatte er lange hier gesessen und auf sein Erwachen gewartet, obwohl er
ihn nicht kannte.

"Ich habe geschlafen," sagte Siddhartha. "Wie bisst denn du hierher
gekommen?"

"Du hast geschlafen," antwortete Govinda. "Es ist nicht gut, an
solchen Orten zu schlafen, WO haeufig Schlangen sind und die Tiere des
Waldes ihre Wege haben. Ich, o Herr, bin ein Juenger des erhabenen
Gotama, des Buddha, des Sakyamuni, und bin mit einer Zahl der Unsrigen
diesen Weg gepilgert, da sah ich dich liegen und schlafen an einem
Orte, wo es gefaehrlich ist zu schlafen. Darum suchte ich dich zu
wecken, o Herr, und da ich sah, dass dein Schlaf sehr tief war, blieb
ich hinter den Meinigen zurueck und sass bei dir. Und dann, so scheint
es, bin ich selbst eingeschlafen, der ich deinen Schlaf bewachen
wollte. Schlecht habe ich meinen Dienst versehen, Muedigkeit hat mich
uebermannt. Aber nun, da 'du ja wach bist, lass mich gehen, damit ich
meine Brueder einhole."

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