Siddhartha
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"Es ist so," nickte Vasudeva, "alle Stimmen der Geschoepfe sind in
seiner Stimme."
"Und weisst du," fuhr Siddhartha fort, "welches Wort er spricht, wenn
es dir gelingt, alle seine zehntausend Stimmen zugleich zu hoeren?"
Gluecklich lachte Vasudevas Gesicht, er neigte sich gegen Siddhartha
und sprach ihm das heilige Om ins Ohr. Und eben dies war es, was auch
Siddhartha gehoert hatte.
Und von Mal zu Mal ward sein Laecheln dem des Faehrmanns aehnlicher, ward
beinahe ebenso strahlend, beinahe ebenso von Glueck durchglaenzt, ebenso
aus tausend kleinen Falten leuchtend, ebenso kindlich, ebenso
greisenhaft. Viele Reisende, wenn sie die beiden Faehrmaenner sahen,
hielten sie fuer Brueder. Oft sassen sie am Abend gemeinsam beim Ufer
auf dem Baumstamm, schwiegen und hoerten beide dem Wasser zu, welches
fuer sie kein Wasser war, sondern die Stimme des Lebens, die Stimme des
Seienden, des ewig Werdenden. Und es geschah zuweilen, dass beide beim
Anhoeren des Flusses an dieselben Dinge dachten, an ein Gespraech von
vorgestern, an einen ihrer Reisenden, dessen Gesicht und Schicksal sie
beschaeftigte, an den Tod, an ihre Kindheit, und dass sie beide im
selben Augenblick, wenn der Fluss ihnen etwas Gutes gesagt hatte,
einander anblickten, beide genau dasselbe denkend, beide beglueckt ueber
dieselbe Antwort auf dieselbe Frage.
Es ging von der Faehre und von den beiden Faehrleuten etwas aus, das
manche von den Reisenden spuerten. Es geschah zuweilen, dass ein
Reisender, nachdem er in das Gesicht eines der Faehrmaenner geblickt
hatte, sein Leben zu erzaehlen begann, Leid erzaehlte, Boeses bekannte,
Trost und Rat erbat. Es geschah zuweilen, dass einer um Erlaubnis bat,
einen Abend bei ihnen zu verweilen, um dem Flusse zuzuhoeren. Es
geschah auch, dass Neugierige kamen, welchen erzaehlt worden war, an
dieser Faehre lebten zwei Weise, oder Zauberer, oder Heilige. Die
Neugierigen stellten viele Fragen, aber sie bekamen keine Antworten,
und sie fanden weder Zauberer noch Weise, sie fanden nur zwei alte
freundliche Maennlein, welche stumm zu sein und etwas sonderbar und
verbloedet' schienen. Und die Neugierigen lachten, und unterhielten
sich darueber, wie toericht und leichtglaeubig doch das Volk solche leere
Geruechte verbreite.
Die Jahre gingen hin und keiner zaehlte sie. Da kamen einst Moenche
gepilgert, Anhaenger des Gotama, des Buddha, welche baten, sie ueber den
Fluss zu setzen, und von ihnen erfuhren die Faehrmaenner, dass sie eiligst
zu ihrem grossen Lehrer zurueck wanderten, denn es habe sich die
Nachricht verbreitet, der Erhabene sei todkrank und werde bald seinen
letzten Menschentod sterben, um zur Erloesung einzugehen. Nicht lange,
so kam eine neue Schar Moenche gepilgert, und wieder eine, und sowohl
die Moenche wie die meisten der uebrigen Reisenden und Wanderer sprachen
von nichts anderem als von Gotama und seinem nahen Tode. Und wie zu
einem Kriegszug oder zur Kroenung eines Koenigs von ueberall und allen
Seiten her die Menschen stroemen und sich gleich Ameisen in Scharen
sammeln, so stroemten sie, wie von einem Zauber gezogen, dahin, wo der
grosse Buddha seinen Tod erwartete, wo das Ungeheure geschehen und der
grosse Vollendete eines Weltalters zur Herrlichkeit eingehen sollte.
Viel gedachte Siddhartha in dieser Zeit des sterbenden Weisen, des
grossen Lehrers, dessen Stimme Voelker ermahnt und Hunderttausende
erweckt hatte, dessen Stimme auch er einst vernommen, dessen heiliges
Antlitz auch er einst mit Ehrfurcht geschaut hatte. Freundlich
gedachte er seiner, sah seinen Weg der Vollendung vor Augen, und
erinnerte sich mit Laecheln der Worte, welche er einst als junger Mann
an ihn, den Erhabenen, gerichtet hatte. Es waren, so schien ihm,
stolze und altkluge Worte gewesen, laechelnd erinnerte er sich ihrer.
Laengst wusste er sich nicht mehr von Gotama getrennt, dessen Lehre er
doch nicht hatte annehmen koennen. Nein, keine Lehre konnte ein
wahrhaft Suchender annehmen, einer, der wahrhaft finden wollte. Der
aber, der gefunden hat, der konnte jede, jede Lehre gutheissen, jeden
Weg, jedes Ziel, ihn trennte nichts mehr von all den tausend anderen,
welche im Ewigen lebten, welche das Goettliche atmeten.
An einem dieser Tage, da so viele zum sterbenden Buddha pilgerten,
pilgerte zu ihm auch Kamala, einst die schoenste der Kurtisanen.
Laengst hatte sie sich aus ihrem vorigen Leben zurueckgezogen, hatte
ihren Garten den Moenchen Gotamas geschenkt, hatte ihre Zuflucht zur
Lehre genommen, gehoerte zu den Freundinnen und Wohltaeterinnen der
Pilgernden. Zusammen mit dem Knaben Siddhartha, ihrem Sohne, hatte
sie auf die Nachricht vom nahen Tode Gotamas hin sich auf den Weg
gemacht, in einfachem Kleide, zu Fuss. Mit ihrem Soehnlein war sie am
Flusse unterwegs; der Knabe aber war bald ermuedet, begehrte nach Hause
zurueck, begehrte zu rasten, begehrte zu essen, wurde trotzig und
weinerlich.
Kamala musste haeufig mit ihm rasten, er war gewohnt, seinen Willen
gegen sie zu behaupten, sie musste ihn fuettern, musste ihn troesten,
musste ihn schelten. Er begriff nicht, warum er mit seiner Mutter
diese muehsame und traurige Pilgerschaft habe antreten muessen, an einen
unbekannten Ort, zu einem fremden Manne, welcher heilig war und
welcher im Sterben lag. Mochte er sterben, was ging dies den Knaben
an?
Die Pilgernden waren nicht mehr ferne von Vasudevas Faehre, als der
kleine Siddhartha abermals seine Mutter zu einer Rast noetigte. Auch
sie selbst, Kamala, war ermuedet, und waehrend der Knabe an einer Banane
kaute, kauerte sie sich am Boden nieder, schloss ein wenig die Augen
und ruhte. Ploetzlich aber stiess sie einen klagenden Schrei aus, der
Knabe sah sie erschrocken an und sah ihr Gesicht von Entsetzen
gebleicht, und unter ihrem Kleide hervor entwich eine kleine schwarze
Schlange, von welcher Kamala gebissen war.
Eilig liefen sie nun beide des Weges, um zu Menschen zu kommen, und
kamen bis in die Naehe der Faehre, dort sank Kamala zusammen, und
vermochte nicht weiter zu gehen. Der Knabe aber erhob ein klaegliches
Geschrei, dazwischen kuesste und umhalste er seine Mutter, und auch sie
stimmte in seine lauten Hilferufe ein, bis die Toene Vasudevas Ohr
erreichten, der bei der Faehre stand. Schnell kam er gegangen, nahm
die Frau auf die Arme, trug sie ins Boot, der Knabe lief mit, und bald
kamen sie alle in der Huette an, wo Siddhartha am Herde stand und eben
Feuer machte. Er blickte auf und sah zuerst das Gesicht des Knaben,
das ihn wunderlich erinnerte, an Vergessenes mahnte. Dann sah er
Kamala, die er alsbald erkannte, obwohl sie besinnungslos im Arm des
Faehrmanns lag, und nun wusste er, dass es sein eigner Sohn sei, dessen
Gesicht ihn so sehr gemahnt hatte, und das Herz bewegte sich in seiner
Brust.
Kamalas Wunde wurde gewaschen, war aber schon schwarz und ihr Leib
angeschwollen, ein Heiltrank wurde ihr eingefloesst. Ihr Bewusstsein
kehrte zurueck, sie lag auf Siddharthas Lager in der Huette, Und ueber
sie gebeugt stand Siddhartha, der sie einst so sehr geliebt hatte. Es
schien ihr ein Traum zu sein, laechelnd blickte sie in ihres Freundes
Gesicht, nur langsam erkannte sie ihre Lage, erinnerte sich des Bisses,
rief aengstlich nach dem Knaben.
"Er ist bei dir, sei ohne Sorge," sagte Siddhartha.
Kamala blickte in seine Augen. Sie sprach mit schwerer Zunge, vom
Gift gelaehmt. "Du bist alt geworden, Lieber," sagte sie, "grau bist
du geworden. Aber du gleichst dem jungen Samana, der einst ohne
Kleider mit staubigen Fuessen zu mir in den Garten kam. Du gleichst ihm
viel mehr, als du ihm damals glichest, da du mich und Kamaswami
verlassen hast. In den Augen gleichst du ihm, Siddhartha. Ach, auch
ich bin alt geworden, alt--kanntest du mich denn noch?"
Siddhartha laechelte: "Sogleich kannte ich dich, Kamala, Liebe. "
Kamala deutete auf ihren Knaben und sagte: "Kanntest du auch ihn? Er
ist dein Sohn."
Ihre Augen wurden irr und fielen zu. Der Knabe weinte, Siddhartha
nahm ihn auf seine Knie, liess ihn weinen, streichelte sein Haar, und
beim Anblick des Kindergesichtes fiel ein brahmanisches Gebet ihm ein,
das er einst gelernt hatte, als er selbst ein kleiner Knabe war.
Langsam, mit singender Stimme, begann er es zu sprechen, aus der
Vergangenheit und Kindheit her kamen ihm die Worte geflossen. Und
unter seinem Singsang wurde der Knabe ruhig, schluchzte noch hin und
wieder auf und schlief ein. Siddhartha legte ihn auf Vasudevas Lager.
Vasudeva stand am Herd und kochte Reis. Siddhartha warf ihm einen
Blick zu, den er laechelnd erwiderte.
"Sie wird sterben," sagte Siddhartha leise.
Vasudeva nickte, ueber sein freundliches Gesicht lief der Feuerschein
vom Herde.
Nochmals erwachte Kamala zum Bewusstsein. Schmerz verzog ihr Gesicht,
Siddharthas Auge las das Leiden auf ihrem Munde, auf ihren erblassten
Wangen. Stille las er es, aufmerksam, wartend, in ihr Leiden versenkt.
Kamala fuehlte es, ihr Blick suchte sein Auge.
Ihn anblickend, sagte sie: "Nun sehe ich, dass auch deine Augen sich
veraendert haben. Ganz anders sind sie geworden. Woran doch erkenne
ich noch, dass du Siddhartha bist? Du bist es, und bist es nicht."
Siddhartha sprach nicht, still blickten seine Augen in die ihren.
"Du hast es erreicht?" fragte sie. "Du hast Friede gefunden?"
Er laechelte, und legte seine Hand auf ihre.
"Ich sehe es," sagte sie, "ich sehe es. Auch ich werde Friede finden."
"Du hast ihn gefunden," sprach Siddhartha fluesternd.
Kamala blickte ihm unverwandt in die Augen. Sie dachte daran, dass sie
zu Gotama hatte pilgern wollen, um das Gesicht eines Vollendeten zu
sehen, um seinen Frieden zu atmen, und dass sie statt seiner nun ihn
gefunden, und dass es gut war, ebenso gut, als wenn sie jenen gesehen
haette. Sie wollte es ihm sagen, aber die Zunge gehorchte ihrem Willen
nicht mehr. Schweigend sah sie ihn an, und er sah in ihren Augen das
Leben erloeschen. Als der letzte Schmerz ihr Auge erfuellte und brach,
als der letzte Schauder ueber ihre Glieder lief, schloss sein Finger
ihre Lider.
Lange sass er und blickte auf ihr entschlafnes Gesicht. Lange
betrachtete er ihren Mund, ihren alten, mueden Mund mit den schmal
gewordenen Lippen, und erinnerte sich, dass er einst, im Fruehling
seiner Jahre, diesen Mund einer frisch aufgebrochenen Feige verglichen
hatte. Lange sass er, las in dem bleichen Gesicht, in den mueden Falten,
fuellte sich mit dem Anblick, sah sein eigenes Gesicht ebenso liegen,
ebenso weiss, ebenso erloschen, und sah zugleich sein Gesicht und das
ihre jung, mit den roten Lippen, mit dem brennenden Auge, und das
Gefuehl der Gegenwart und Gleichzeitigkeit durchdrang ihn voellig, das
Gefuehl der Ewigkeit. Tief empfand er, tiefer als jemals, in dieser
Stunde die Unzerstoerbarkeit jedes Lebens, die Ewigkeit jedes
Augenblicks.
Da er sich erhob, hatte Vasudeva Reis fuer ihn bereitet. Doch ass
Siddhartha nicht. Im Stall, wo ihre Ziege stand, machten sich die
beiden Alten eine Streu zurecht, und Vasudeva legte sich schlafen.
Siddhartha aber ging hinaus und sass die Nacht vor der Huette, dem
Flusse lauschend, von Vergangenheit umspuelt, von allen Zeiten seines
Lebens zugleich beruehrt und umfangen. Zuweilen aber erhob er sich,
trat an die Huettentuer und lauschte, ob der Knabe schlafe.
Frueh am Morgen, noch ehe die Sonne sichtbar ward, kam Vasudeva aus dem
Stalle und trat zu seinem Freunde.
"Du hast nicht geschlafen, " sagte er.
"Nein, Vasudeva. Ich sass hier, ich hoerte dem Flusse zu. Viel hat er
mir gesagt, tief hat er mich mit dem heilsamen Gedanken erfuellt, mit
dem Gedanken der Einheit."
"Du hast Leid erfahren, Siddhartha, doch ich sehe, es ist keine
Traurigkeit in dein Herz gekommen."
"Nein, Lieber, wie sollte ich denn traurig sein? Ich, der ich reich
und gluecklich war, bin jetzt noch reicher und gluecklicher geworden.
Mein Sohn ist mir geschenkt worden."
"Willkommen sei dein Sohn auch mir. Nun aber, Siddhartha, lass uns an
die Arbeit gehen, viel ist zu tun. Auf demselben Lager ist Kamala
gestorben, auf welchem einst mein Weib gestorben ist. Auf demselben
Huegel auch wollen wir Kamalas Scheiterhaufen bauen, auf welchem ich
einst meines Weibes Scheiterhaufen gebaut habe."
Waehrend der Knabe noch schlief, bauten sie den Scheiterhaufen.
DER SOHN
Scheu und weinend hatte der Knabe der Bestattung seiner Muttter
beigewohnt, finster und scheu hatte er Siddhartha angehoert, der ihn
als seinen Sohn begruesste und ihn bei sich in Vasudevas Huette
willkommen hiess. Bleich sass er tagelang am Huegel der Toten, mochte
nicht essen, verschloss seinen Blick, verschloss sein Herz, wehrte und
straeubte sich gegen das Schicksal.
Siddhartha schonte ihn und liess ihn gewaehren, er ehrte seine Trauer.
Siddhartha verstand, dass sein Sohn ihn nicht kenne, dass er ihn nicht
lieben koenne wie einen Vater. Langsam sah und verstand er auch, dass
der Elfjaehrige ein verwoehnter Knabe war, ein Mutterkind, und in
Gewohnheiten des Reichtums aufgewachsen, gewohnt an feinere Speisen,
an ein weiches Bett, gewohnt, Dienern zu befehlen. Siddhartha
verstand, dass der Trauernde und Verwoehnte nicht ploetzlich und
gutwillig in der Fremde und Armut sich zufrieden geben koenne. Er
zwang ihn nicht, er tat manche Arbeit fuer ihn, suchte stets den besten
Bissen fuer ihn aus. Langsam hoffte er ihn zu gewinnen, durch
freundliche Geduld.
Reich und gluecklich hatte er sich genannt, als der Knabe zu ihm
gekommen war. Da indessen die Zeit hinfloss, und der Knabe fremd und
finster blieb, da er ein stolzes und trotziges Herz zeigte, keine
Arbeit tun wollte, den Alten keine Ehrfurcht erwies, Vasudevas
Fruchtbaeume beraubte, da begann Siddhartha zu verstehen, dass mit
seinem Sohne nicht Glueck und Friede zu ihm gekommen war, sondern Leid
und Sorge. Aber er liebte ihn, und lieber war ihm Leid und Sorge der
Liebe, als ihm Glueck und Freude ohne den Knaben gewesen war. Seit der
junge Siddhartha in der Huette war, hatten die Alten sich in die Arbeit
geteilt. Vasudeva hatte das Amt des Faehrmanns wieder allein
uebernommen, und Siddhartha, um bei dem Sohne zu sein, die Arbeit in
Huette und Feld.
Lange Zeit, lange Monate wartete Siddhartha darauf, dass sein Sohn ihn
verstehe, dass er seine Liebe annehme, dass er sie vielleicht erwidere.
Lange Monate wartete Vasudeva, zusehend, wartete und schwieg. Eines
Tages, als Siddhartha der Junge seinen Vater wieder sehr mit Trotz und
Launen gequaelt und ihm beide Reisschuesseln zerbrochen hatte, nahm
Vasudeva seinen Freund am Abend beiseite und sprach mit ihm.
"Entschuldige mich," sagte er, "aus freundlichem Herzen rede ich zu
dir. Ich sehe, dass du dich quaelst, ich sehe, dass du Kummer hast.
Dein Sohn, Lieber, macht dir Sorge, und auch mir macht er Sorge. An
ein anderes Leben, an ein anderes Nest ist der junge Vogel gewoehnt.
Nicht wie du ist er dem Reichtum und der Stadt entlaufen aus Ekel und
UEberdruss, er hat wider seinen Willen dies alles dahinten lassen muessen.
Ich fragte den Fluss, o Freund, vielemale habe ich ihn gefragt. Der
Fluss aber lacht, er lacht mich aus, mich und dich lacht er aus, und
schuettelt sich ueber unsre Torheit. Wasser will zu Wasser, Jugend will
zu Jugend, dein Sohn ist nicht an dem Orte, wo er gedeihen kann.
Frage auch du den Fluss, hoere auch du auf ihn!"
Bekuemmert blickte Siddhartha ihm in das freundliche Gesicht, in dessen
vielen Runzeln bestaendige Heiterkeit wohnte.
"Kann ich mich denn von ihm trennen?" sagte er leise, beschaemt. "Lass
mir noch Zeit, Lieber 1 Sieh, ich kaempfe um ihn, ich werbe um sein
Herz, mit Liebe und mit freundlicher Geduld will ich es fangen. Auch
zu ihm soll einst der Fluss reden, auch er ist berufen."
Vasudevas Laecheln bluehte waermer. "O ja, auch er ist berufen, auch er
ist vom ewigen Leben. Aber wissen wir denn, du und ich, wozu er
berufen ist, zu welchem Wege, zu welchen Taten, zu welchen Leiden?
Nicht klein wird sein Leiden sein, stolz und hart ist ja sein Herz,
viel muessen solche leiden, viel irren, viel Unrecht tun, sich viel
Suende aufladen. Sage mir, mein Lieber: du erziehst deinen Sohn nicht?
Du zwingst ihn nicht? Schlaegst ihn nicht? Strafst ihn nicht?"
"Nein, Vasudeva, das tue ich alles nicht."
"Ich wusste es. Du zwingst ihn nicht, schlaegst ihn nicht, befiehlst
ihm nicht, weil du weisst, dass Weich staerker ist als Hart, Wasser
staerker als Fels, Liebe staerker als Gewalt. Sehr gut, ich lobe dich.
Aber ist es nicht ein Irrtum von dir, zu meinen, dass du ihn nicht
zwingest, nicht strafest? Bindest du ihn nicht in Bande mit deiner
Liebe? Beschaemst du ihn nicht taeglich, und machst es ihm noch
schwerer, mit deiner Guete und Geduld? Zwingst du ihn nicht, den
hochmuetigen und verwoehnten Knaben, in einer Huette bei zwei alten
Bananenessern zu leben, welchen schon Reis ein Leckerbissen ist, deren
Gedanken nicht seine sein koennen, deren Herz alt und still ist und
anderen Gang hat als das seine? Ist er mit alledem nicht gezwungen,
nicht gestraft?"
Betroffen blickte Siddhartha zur Erde. Leise fragte er: "Was, meinst
du, soll ich tun?"
Sprach Vasudeva: "Bring ihn zur Stadt, bringe ihn in seiner Mutter
Haus, es werden noch Diener dort sein, denen gib ihn. Und wenn keine
mehr da sind, so bringe ihn einem Lehrer, nicht der Lehre wegen, aber
dass er zu anderen Knaben komme, und zu Maedchen, und in die Welt,
welche die seine ist. Hast du daran nie gedacht?"
"Du siehst in mein Herz," sprach Siddhartha traurig. "Oft habe ich
daran gedacht. Aber sieh, wie soll ich ihn, der ohnehin kein sanftes
Herz hat, in diese Welt geben? Wird er nicht ueppig werden, wird er
nicht sich an Lust und Macht verlieren, wird er nicht alle Irrtuemer
seines Vaters wiederholen, wird er nicht vielleicht ganz und gar in
Sansara verloren gehen?"
Hell strahlte des Faehrmanns Laecheln auf; er beruehrte zart Siddharthas
Arm und sagte: "Frage den Fluss darueber, Freund! Hoere ihn darueber
lachen! Glaubst du denn wirklich, dass du deine Torheiten begangen
habest, um sie dem Sohn zu ersparen? Und kannst du denn deinen Sohn
vor Sansara schuetzen? Wie denn? Durch Lehre, durch Gebet, durch
Ermahnung? Lieber, hast du jene Geschichte denn ganz vergessen, jene
lehrreiche Geschichte vom Brahmanensohn Siddhartha, die du mir einst
hier an dieser Stelle erzaehlt hast? Wer hat den Samana Siddhartha vor
Sansara bewahrt, vor Suende, vor Habsucht, vor Torheit? Hat seines
Vaters Froemmigkeit, seiner Lehrer Ermahnung, hat sein eigenes Wissen,
sein eigenes Suchen ihn bewahren koennen? Welcher Vater, welcher Lehr
er hat ihn davor schuetzen koennen, selbst das Leben zu leben, selbst
sich mit dem Leben zu beschmutzen, selbst Schuld auf sich zu laden,
selbst den bitteren Trank zu trinken, selber seinen Weg zu finden?
Glaubst du denn, Lieber, dieser Weg bleibe irgend jemandem vielleicht
erspart? Vielleicht deinem Soehnchen, weil du es liebst, weil du ihm
gern Leid und Schmerz und Enttaeuschung ersparen moechtest? Aber auch
wenn du zehnmal fuer ihn stuerbest, wuerdest du ihm nicht den kleinsten
Teil seines Schicksals damit abnehmen koennen."
Noch niemals hatte Vasudeva so viele Worte gesprochen. Freundlich
dankte ihm Siddhartha, ging bekuemmert in die Huette, fand lange keinen
Schlaf. Vasudeva hatte ihm nichts gesagt, das er nicht selbst schon
gedacht und gewusst haette. Aber es war ein Wissen, das er nicht tun
konnte, staerker als das Wissen war seine Liebe zu dem Knaben, staerker
seine Zaertlichkeit, seine Angst, ihn zu verlieren. Hatte er denn
jemals an irgend etwas so sehr sein Herz verloren, hatte er je
irgendeinen Menschen so geliebt, so blind, so leidend, so erfolglos,
und doch so gluecklich?
Siddhartha konnte seines Freundes Rat nicht befolgen, er konnte den
Sohn nicht hergeben. Er liess sich von dem Knaben befehlen, er liess
sich von ihm missachten. Er schwieg und wartete, begann taeglich den
stummen Kampf der Freundlichkeit, den lautlosen Krieg der Geduld.
Auch Vasudeva schwieg und wartete, freundlich, wissend, langmuetig. In
der Geduld waren sie beide Meister.
Einst, als des Knaben Gesicht ihn sehr an Kamala erinnerte, musste
Siddhartha ploetzlich eines Wortes gedenken, das Kamala vor Zeiten, in
den Tagen der Jugend, einmal zu ihm gesagt hatte. "Du kannst nicht
lieben," hatte sie ihm gesagt, und er hatte ihr Recht gegeben und
hatte sich mit einem Stern, die Kindermenschen aber mit fallendem Laub
verglichen, und dennoch hatte er in jenem Wort auch einen Vorwurf
gespuert. In der Tat hatte er niemals sich an einen anderen Menschen
ganz verlieren und hingeben koennen, sich selbst vergessen, Torheiten
der Liebe eines anderen wegen begehen; nie hatte er das gekonnt, und
dies war, wie ihm damals schien, der grosse Unterschied gewesen, der
ihn von den Kindermenschen trennte. Nun aber, seit sein Sohn da war,
nun war auch er, Siddhartha, vollends ein Kindermensch geworden, eines
Menschen wegen leidend, einen Menschen liebend, an eine Liebe verloren,
einer Liebe wegen ein Tor geworden. Nun fuehlte auch er, spaet, einmal
im Leben diese staerkste und seltsamste Leidenschaft, litt an ihr, litt
klaeglich, und war doch beseligt, war doch um etwas erneuert, um etwas
reicher.
Wohl spuerte er, dass diese Liebe, diese blinde Liebe zu seinem Sohn
eine Leidenschaft, etwas sehr Menschliches, dass sie Sansara sei, eine
truebe Quelle, ein dunkles Wasser. Dennoch, so fuehlte er gleichzeitig,
war sie nicht wertlos, war sie notwendig, kam aus seinem eigenen Wesen.
Auch diese Lust wollte gebuesst, auch diese Schmerzen wollten gekostet
sein, auch diese Torheiten begangen.
Der Sohn indessen liess ihn seine Torheiten begehen, liess ihn werben,
liess ihn taeglich sich vor seinen Launen demuetigen. Dieser Vater hatte
nichts, was ihn entzueckt, und nichts, was er gefuerchtet haette. Er war
ein guter Mann, dieser Vater, ein guter, guetiger, sanfter Mann,
vielleicht ein sehr frommer Mann, vielleicht ein Heiliger dies alles
waren nicht Eigenschaften, welche den Knaben gewinnen konnten.
Langweilig war ihm dieser Vater, der ihn da in seiner elenden Hatte
gefangen hielt, langweilig war er ihm, und dass er jede Unart mit
Laecheln, jeden Schimpf mit Freundlichkeit, jede Bosheit mit Guete
beantwortete, das eben war die verhassteste List dieses alten
Schleichers. Viel lieber waere der Knabe von ihm bedroht, von ihm
misshandelt worden.
Es kam ein Tag, an welchem des jungen Siddhartha Sinn zum Ausbruch kam
und sich offen gegen seinen Vater wandte. Der hatte ihm einen Auftrag
erteilt, er hatte ihn Reisig sammeln geheissen. Der Knabe ging aber
nicht aus der Huette, er blieb trotzig und wuetend stehen, stampfte den
Boden, ballte die Faeuste, und schrie in gewaltigem Ausbruch seinem
Vater Hass und Verachtung ins Gesicht.
"Hole du selber dein Reisig!" rief er schaeumend, "ich bin nicht dein
Knecht. Ich weiss ja, dass du mich nicht schlaegst, du wagst es ja nicht;
ich weiss ja, dass du mich mit deiner Froemmigkeit und deiner Nachsicht
bestaendig strafen und klein machen willst. Du willst, dass ich werden
soll wie du, auch so fromm, auch so sanft, auch so weise! Ich aber,
hoere, ich will, dir zu Leide, lieber ein Strassenraeuber und Moerder
werden und zur Hoelle fahren, als so werden wie du! Ich hasse dich, du
bist nicht mein Vater, und wenn du zehnmal meiner Mutter Buhle gewesen
bist!"
Zorn und Gram liefen in ihm ueber, schaeumten in hundert wuesten und
boesen Worten dem Vater entgegen. Dann lief der Knabe davon und kam
erst spaet am Abend wieder.
Am andern Morgen aber war er verschwunden. Verschwunden war auch ein
kleiner, aus zweifarbigem Bast geflochtener Korb, in welchem die
Faehrleute jene Kupfer- und Silbermuenzen aufbewahrten, welche sie als
Faehrlohn erhielten. Verschwunden war auch das Boot, Siddhartha sah es
am jenseitigen Ufer liegen. Der Knabe war entlaufen.
"Ich muss ihm folgen," sagte Siddhartha, der seit jenen gestrigen
Schimpfreden des Knaben vor Jammer zitterte. "Ein Kind kann nicht
allein durch den Wald gehen. Er wird umkommen. Wir muessen ein Floss
bauen, Vasudeva, um uebers Wasser zu kommen."
"Wir werden ein Floss bauen," sagte Vasudeva, "um unser Boot wieder zu
holen, das der Junge entfuehrt hat. Ihn aber solltest du laufen lassen,
Freund, er ist kein Kind mehr, er weiss sich zu helfen. Er sucht den
Weg nach der Stadt, und er hat Recht, vergiss das nicht. Er tut das,
was du selbst zu tun versaeumt hast. Er sorgt fuer sich, er geht seine
Bahn. Ach, Siddhartha, ich sehe dich leiden, aber du leidest
Schmerzen, ueber die man lachen moechte, ueber die du selbst bald lachen
wirst."
Siddhartha antwortete nicht. Er hielt schon das Beil in Haenden, und
begann ein Floss aus Bambus zu machen, und Vasudeva half ihm, die
Staemme mit Grasseilen zuzammen zu binden. Dann fuhren sie hinueber,
wurden weit abgetrieben, zogen das Floss am jenseitigen Ufer flussauf.
"Warum hast du das Beil mitgenommen?" fragte Siddhartha.
Vasudeva sagte: "Es koennte sein, dass das Ruder unsres Bootes verloren
gegangen waere."
Siddhartha aber wusste, was sein Freund dachte. Er dachte, der Knabe
werde das Ruder weggeworfen oder zerbrochen haben, um sich zu raechen
und um sie an der Verfolgung zu hindern. Und wirklich war kein Ruder
mehr im Boote. Vasudeva wies auf den Boden des Bootes, und sah den
Freund mit Laecheln an, als wollte er sagen; "Siehst du nicht, was dein
Sohn dir sagen will? Siehst du nicht, dass er nicht verfolgt Sein
will?" Doch sagte er dies nicht mit Worten. Er machte sich daran,
ein neues Ruder zu zimmern. Siddhartha aber nahm Abschied, um nach
dem Entflohenen zu suchen. Vasudeva hinderte ihn nicht.
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