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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Siddhartha

H >> Hermann Hesse >> Siddhartha

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Als Siddhartha schon lange im Walde unterwegs war, kam ihm der Gedanke,
dass sein Suchen nutzlos sei. Entweder, so dachte er, war der Knabe
laengst voraus und schon in der Stadt angelangt, oder, wenn er noch
unterwegs sein sollte, wuerde er vor ihm, dem Verfolgenden, sich
verborgen halten. Da er weiter dachte, fand er auch, dass er selbst
nicht in Sorge um seinen Sohn war, dass er im Innersten wusste, er sei
weder umgekommen, noch drohe ihm im Walde Gefahr. Dennoch lief er
ohne Rast, nicht mehr, um ihn zu retten, nur aus Verlangen, nur um ihn
vielleicht nochmals zu sehen. Und er lief bis vor die Stadt.

Als er nahe bei der Stadt auf die breite Strasse gelangte, blieb er
stehen, am Eingang des schoenen Lustgartens, der einst Kamala gehoert
hatte, wo er sie einst, in der Saenfte, zum erstenmal gesehen hatte.
Das Damalige stand in seiner Seele auf, wieder sah er sich dort stehen,
jung, ein baertiger nackter Samana, das Haar voll Staub. Lange stand
Siddhartha und blickte durch das offne Tor in den Garten, Moenche in
gelben Kutten sah er unter den schoenen Baeumen gehen.

Lange stand er, nachdenkend, Bilder sehend, der Geschichte seines
Lebens lauschend. Lange stand er, blickte nach den Moenchen, sah statt
ihrer den jungen Siddhartha, sah die junge Kamala unter den hohen
Baeumen gehen. Deutlich sah er sich, wie er von Kamala bewirtet ward,
wie er ihren ersten Kuss empfing, wie er stolz und veraechtlich auf sein
Brahmanentum zurueckblickte, stolz und verlangend sein Weltleben begann.
Er sah Kamaswami, sah die Diener, die Gelage, die Wuerfelspieler, die
Musikanten, sah Kamalas Singvogel im Kaefig, lebte dies alles nochmals,
atmete Sansara, war nochmals alt und muede, fuehlte nochmals den Ekel,
fuehlte nochmals den Wunsch, sich auszuloeschen, genas nochmals am
heiligen Om.

Nachdem er lange beim Tor des Gartens gestanden war, sah Siddhartha
ein, dass das Verlangen toericht war, das ihn bis zu dieser Staette
getrieben hatte, dass er seinem Sohne nicht helfen konnte, dass er sich
nicht an ihn haengen durfte. Tief fuehlte er die Liebe zu dem
Entflohenen im Herzen, wie eine Wunde, und fuehlte zugleich, dass ihm
die Wunde nicht gegeben war, um in ihr zu wuehlen, dass sie zur Bluete
werden und strahlen muesse.

Dass die Wunde zu dieser Stunde noch nicht bluehte, noch nicht strahlte,
machte ihn traurig. An der Stelle des Wunschzieles, das ihn hierher
und dem entflohenen Sohne nachgezogen hatte, stand nun Leere. Traurig
setzte er sich nieder, fuehlte etwas in seinem Herzen sterben, empfand
Leere, sah keine Freude mehr, kein Ziel. Er sass versunken, und
wartete. Dies hatte er am Flusse gelernt, dies eine: warten, Geduld
haben, lauschen. Und er sass und lauschte, im Staub der Strasse,
lauschte seinem Herzen, wie es mued und traurig ging, wartete auf eine
Stimme. Manche Stunde kauerte er lauschend, sah keine Bilder mehr,
sank in die Leere, liess sich sinken, ohne einen Weg zu sehen. Und
wenn er die Wunde brennen fuehlte, sprach er lautlos das Om, fuellte
sich mit Om. Die Moenche im Garten sahen ihn, und da er viele Stunden
kauerte, und auf seinen grauen Haaren der Staub sich sammelte, kam
einer gegangen und legte zwei Pisangfruechte vor ihm nieder. Der Alte
sah ihn nicht.

Aus dieser Erstarrung weckte ihn eine Hand, welche seine Schulter
beruehrte. Alsbald erkannte er diese Beruehrung, die zarte, schamhafte,
und kam zu sich. Er erhob sich und begruesste Vasudeva, welcher ihm
nachgegangen war. Und da er in Vasudevas freundliches Gesicht schaute,
in die kleinen, wie mit lauter Laecheln ausgefuellten Falten, in die
heiteren Augen, da laechelte auch er. Er sah nun die Pisangfruechte vor
sich liegen, hob sie au, gab eine dem Faehrmann, ass selbst die andere.
Darauf ging er schweigend mit Vasudeva in den Wald zurueck, kehrte zur
Faehre heim. Keiner sprach von dem, was heute geschehen war, keiner
nannte den Namen des Knaben, keiner sprach von seiner Flucht, keiner
sprach von der Wunde. In der Huette legte sich Siddhartha auf sein
Lager, und da nach einer Weile Vasudeva zu Ihm trat, um ihm eine
Schale Kokosmilch anzubieten, fand er ihn schon schlafend.




Om

Lange noch brannte die Wunde. Manchen Reisenden musste Siddhartha ueber
den Fluss setzen, der einen Sohn oder eine Tochter bei sich hatte, und
keinen von ihnen sah er, ohne dass er ihn beneidete, ohne dass er dachte:
"So viele, so viel Tausende besitzen dies holdeste Glueck--warum ich
nicht? Auch boese Menschen, auch Diebe, und Raeuber haben Kinder, und
lieben sie, und werden von ihnen geliebt, nur ich nicht." So einfach,
so ohne Verstand dachte er nun, so aehnlich war er den Kindermenschen
geworden.

Anders sah er jetzt die Menschen an als frueher, weniger klug, weniger
stolz, dafuer waermer, dafuer neugieriger, beteiligter. Wenn er Reisende
der gewoehnlichen Art uebersetzte, Kindermenschen, Geschaeftsleute,
Krieger, Weibervolk, so erschienen diese Leute ihm nicht fremd wie
einst: er verstand sie, er verstand und teilte ihr nicht von Gedanken
und Einsichten, sondern einzig von Trieben und Wuenschen geleitetes
Leben, er fuehlte sich wie sie. Obwohl er nahe der Vollendung war, und
an seiner letzten Wunde trug, schien ihm doch, diese Kindermenschen
seien seine Brueder, ihre Eitelkeiten, Begehrlichkeiten und
Laecherlichkeiten verloren das Laecherliche fuer ihn, wurden begreiflich,
wurden liebenswert, wurden ihm sogar verehrungswuerdig. Die blinde
Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, den dummen, blinden Stolz eines
eingebildeten Vaters auf sein einziges Soehnlein, das blinde, wilde
Streben nach Schmuck und nach bewundernden Maenneraugen bei einem
jungen, eitlen Weibe, alle diese Triebe, alle diese Kindereien, alle
diese einfachen, toerichten, aber ungeheuer starken, stark lebenden,
stark sich durchsetzenden Triebe und Begehrlichkeiten waren fuer
Siddhartha jetzt keine Kindereien mehr, er sah um ihretwillen die
Menschen leben, sah sie um ihretwillen Unendliches leisten, Reisen tun,
Kriege fuehren, Unendliches leiden, Unendliches ertragen, und er
konnte sie dafuer lieben, er sah das Leben, das Lebendige, das
Unzerstoerbare, das Brahman in jeder ihrer Leidenschaften, jeder ihrer
Taten. Liebenswert und bewundernswert waren diese Menschen in ihrer
blinden Treue, ihrer blinden Staerke und Zaehigkeit. Nichts fehlte
ihnen, nichts hatte der Wissende und Denker vor ihnen voraus als eine
einzige Kleinigkeit, eine einzige winzig kleine Sache: das Bewusstsein,
den bewussten Gedanken der Einheit alles Lebens. Und Siddhartha
zweifelte sogar zu mancher Stunde, ob dies Wissen, dieser Gedanke so
sehr hoch zu werten, ob nicht auch er vielleicht eine Kinderei der
Denkmenschen, der Denk-Kindermenschen sein moechte. In allem andern
waren die Weltmenschen dem Weisen ebenbuertig, waren ihm oft weit
ueberlegen, wie ja auch Tiere in ihrem zaehen, unbeirrten Tun des
Notwendigen in manchen Augenblicken den Menschen ueberlegen scheinen
koennen.

Langsam bluehte, langsam reifte in Siddhartha die Erkenntnis, das
Wissen darum, was eigentlich Weisheit sei, was seines langen Suchens
Ziel sei. Es war nichts als eine Bereitschaft der Seele, eine
Faehigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den
Gedanken der Einheit denken, die Einheit fuehlen und einatmen zu koennen.
Langsam bluehte dies in ihm auf, strahlte ihm aus Vasudevas altem
Kindergesicht wider: Harmonie, Wissen um die ewige Vollkommenheit der
Welt, Laecheln, Einheit.

Die Wunde aber brannte noch, sehnlich und bitter gedachte Siddhartha
seines Sohnes, pflegte seine Liebe und Zaertlichkeit im Herzen, liess
den Schmerz an sich fressen, beging alle Torheiten der Liebe. Nicht
von selbst erlosch diese Flamme.

Und eines Tages, als die Wunde heftig brannte, fuhr Siddhartha ueber
den Fluss, gejagt von Sehnsucht, stieg aus und war Willens, nach der
Stadt zu gehen und seinen Sohn zu suchen. Der Fluss floss sanft und
leise, es war in der trockenen Jahreszeit, aber seine Stimme klang
sonderbar: sie lachte! Sie lachte deutlich. Der Fluss lachte, er
lachte hell und klar den alten Faehrmann aus. Siddhartha blieb stehen,
er beugte sich uebers Wasser, um noch besser zu hoeren, und im still
ziehenden Wasser sah er sein Gesicht gespiegelt, und in diesem
gespiegelten Gesicht war etwas, das ihn erinnerte, etwas Vergessenes,,
und da er sich besann, fand er es: dies Gesicht glich einem andern,
das er einst gekannt und geliebt und auch gefuerchtet hatte. Es glich
dem Gesicht seines Vaters, des Brahmanen. Und er erinnerte sich, wie
er vor Zeiten, ein Juengling, seinen Vater gezwungen hatte, ihn zu den
Buessern gehen zu lassen, wie er Abschied von ihm genommen hatte, wie er
gegangen und nie mehr wiedergekommen war. Hatte nicht auch sein Vater
um ihn dasselbe Leid gelitten, wie er es nun um seinen Sohn litt? War
nicht sein Vater laengst gestorben, allein, ohne seinen Sohn
wiedergesehen zu haben? Musste er selbst nicht dies selbe Schicksal
erwarten? War es nicht eine Komoedie, eine seltsame und dumme Sache,
diese Wiederholung, dieses Laufen in einem verhaengnisvollen Kreise?

Der Fluss lachte. Ja, es war so, es kam alles wieder, was nicht bis zu
Ende gelitten und geloest ward, es wurden immer wieder dieselben Leiden
gelitten. Siddhartha aber stieg wieder in das Boot und fuhr zu der
Huette zurueck, seines Vaters gedenkend, seines Sohnes gedenkend, vom
Flusse verlacht, mit sich selbst im Streit, geneigt zur Verzweiflung,
und nicht minder geneigt, aber sich und die ganze Welt laut
mitzulachen. Ach, noch bluehte die Wunde nicht, noch wehrte sein Herz
sich wider das Schicksal, noch strahlte nicht Heiterkeit und Sieg aus
seinem Leide. Doch fuehlte er Hoffnung, und da er zur Huette
zurueckgekehrt war, spuerte er ein unbesiegbares Verlangen, sich vor
Vasudeva zu oeffnen, ihm alles zu zeigen, ihm, dem Meister des Zuhoerens,
alles zu sagen.

Vasudeva sass in der Huette und flocht an einem Korbe. Er fuhr nicht
mehr mit dem Faehrboot, seine Augen begannen schwach zu werden, und
nicht nur seine Augen; auch seine Arme und Haende. Unveraendert und
bluehend war nur die Freude und das heitere Wohlwollen seines Gesichtes.

Siddhartha setzte sich zu dem Greise, langsam begann er zu sprechen.
Worueber sie niemals gesprochen hatten, davon erzaehlte er jetzt, von
seinem Gange zur Stadt, damals, von der brennenden Wunde, von seinem
Neid beim Anblick gluecklicher Vaeter, von seinem Wissen um die Torheit
solcher Wuensche, von seinem vergeblichen Kampf wider sie. Alles
berichtete er, alles konnte er sagen, auch das Peinlichste, alles liess
sich sagen, alles sich zeigen, alles konnte er erzaehlen. Er zeigte
seine Wunde dar, erzaehlte auch seine heutige Flucht, wie er uebers
Wasser gefahren sei, kindischer Fluechtling, willens nach der Stadt zu
wandern, wie der Fluss gelacht habe.

Waehrend er sprach, lange sprach, waehrend Vasudeva mit stillem Gesicht
lauschte, empfand Siddhartha dies Zuhoeren Vasudevas staerker, als er es
jemals gefuehlt hatte, er spuerte, wie seine Schmerzen, seine
Beaengstigungen hinueberflossen, wie seine heimliche Hoffnung
hinueberfloss, ihm von drueben wieder entgegen-kam. Diesem Zuhoerer seine
Wunde zu zeigen, war dasselbe, wie sie im Flusse baden, bis sie kuehl
und mit dem Flusse eins wurde. Waehrend er immer noch sprach, immer
noch bekannte und beichtete, fuehlte Siddhartha mehr und mehr, dass dies
nicht mehr Vasudeva, nicht mehr ein Mensch war, der ihm zuhoerte, dass
dieser regungslos Lauschende seine Beichte in sich einsog wie ein Baum
den Regen, dass dieser Regungslose der Fluss selbst, dass er Gott selbst,
dass er das Ewige selbst war. Und waehrend Siddhartha aufhoerte, an sich
und an seine Wunde zu denken, nahm diese Erkenntnis vom veraenderten
Wesen des Vasudeva von ihm Besitz, und je mehr er es empfand und
darein eindrang, desto weniger wunderlich wurde es, desto mehr sah er
ein, dass alles in Ordnung und natuerlich war, dass Vasudeva schon lange,
beinahe schon immer so gewesen sei, dass nur er selbst es nicht ganz
erkannt hatte, ja dass er selbst von jenem kaum noch verschieden sei.
Er empfand, dass er den alten Vasudeva nun so sehe, wie das Volk die
Goetter sieht, und dass dies nicht von Dauer sein koenne; er begann im
Herzen von Vasudeva Abschied zu nehmen. Dabei sprach er immer fort.

Als er zu Ende gesprochen hatte, richtete Vasudeva seinen freundlichen,
etwas schwach gewordenen Blick auf ihn, sprach nicht, strahlte ihm
schweigend Liebe und Heiterkeit entgegen, Verstaendnis und Wissen. Er
nahm Siddharthas Hand, fuehrte ihn zum Sitz am Ufer, setzte sich mit
ihm nieder, laechelte dem Flusse zu.

"Du hast ihn lachen hoeren," sagte er. "Aber du hast nicht alles
gehoert. Lass uns lauschen, du wirst mehr hoeren."

Sie lauschten. Sanft klang der vielstimmige Gesang des Flusses.
Siddhartha schaute ins Wasser, und im ziehenden Wasser erschienen ihm
Bilder: sein Vater erschien, einsam, um den Sohn trauernd; er selbst
erschien, einsam, auch er mit den Banden der Sehnsucht an den fernen
Sohn gebunden; es erschien sein Sohn, einsam auch er, der Knabe,
begehrlich auf der brennenden Bahn seiner jungen Wuensche stuermend,
jeder auf sein Ziel gerichtet, jeder vom Ziel besessen, jeder leidend.
Der Fluss sang mit einer Stimme des Leidens, sehnlich sang er,
sehnlich floss er seinem Ziele zu, klagend klang seine Stimme.

"Hoerst du?" fragte Vasudevas stummer Blick. Siddhartha nickte.

"Hoere besser!" fluesterte Vasudeva.

Siddhartha bemuehte sich, besser zu hoeren. Das Bild des Vaters, sein
eigenes Bild, das Bild des Sohnes flossen ineinander, auch Kamalas
Bild erschien und zerfloss, und das Bild Govindas, und andre Bilder,
und flossen ineinander ueber, wurden alle zum Fluss, strebten alle als
Fluss dem Ziele zu, sehnlich, begehrend, leidend, und des Flusses
Stimme klang voll Sehnsucht, voll von brennendem Weh, voll von
unstillbarem Verlangen. Zum Ziele strebte der Fluss, Siddhartha sah
ihn eilen, den Fluss, der aus ihm und den Seinen und aus allen Menschen
bestand, die er je gesehen hatte, alle die Wellen und Wasser eilten,
leidend, Zielen zu, vielen Zielen, dem Wasserfall, dem See, der
Stromschnelle, dem Meere, und alle Ziele wurden erreicht, und jedem
folgte ein neues, und aus dem Wasser ward Dampf und stieg in den
Himmel, ward Regen und stuerzte aus dem Himmel herab, ward Quelle, ward
Bach, ward Fluss, strebte aufs Neue, floss aufs Neue. Aber die
sehnliche Stimme hatte sich veraendert. Noch toente sie, leidvoll,
suchend, aber andre Stimmen gesellten sich zu ihr, Stimmen der Freude
und des Leides, gute und boese Stimmen, lachende und trauernde, hundert
Stimmen, tausend Stimmen.

Siddhartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz ins Zuhoeren
vertieft, ganz leer, ganz einsaugend, er fuehlte, dass er nun das
Lauschen zu Ende gelernt habe. Oft schon hatte er all dies gehoert,
diese vielen Stimmen im Fluss, heute klang es neu. Schon konnte er die
vielen Stimmen nicht mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden,
nicht kindliche von maennlichen, sie gehoerten alle zusammen, Klage der
Sehnsucht und Lachen des Wissenden, Schrei des Zorns und Stoehnen der
Sterbenden, alles war eins, alles war ineinander verwoben und
Yerknuepft, tausendfach verschlungen. Und alles zusammen, alle Stimmen,
alle Ziele, alles Sehnen, alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Boese,
alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Fluss des
Geschehens, war die Musik des Lebens. Und wenn Siddhartha aufmerksam
diesem Fluss, diesem tausendstimmigen Liede lauschte, wenn er nicht auf
das Leid noch auf das Lachen hoerte, wenn er seine Seele nicht an
irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie einging, sondern alle
hoerte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand das grosse Lied der
tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hiess OM : die Vollendung.

"Hoerst du," fragte wieder Vasudevas Blick.

Hell glaenzte Vasudevas Laecheln, ueber all den Runzeln seines alten
Antlitzes schwebte es leuchtend, wie ueber all den Stimmen des Flusses
das Om schwebte. Hell glaenzte sein Laecheln, als er den Freund
anblickte, und hell glaenzte nun auch auf Siddharthas Gesicht dasselbe
Laecheln auf. Seine Wunde bluehte, sein Leid strahlte, sein Ich war in
die Einheit geflossen.

In dieser Stunde hoerte Siddhartha auf, mit dem Schicksal zu kaempfen,
hoerte auf zu leiden. Auf seinem Gesicht bluehte die Heiterkeit des
Wissens, dem kein Wille mehr entgegensteht, das die Vollendung kennt,
das einverstanden ist mit dem Fluss des Geschehens, mit dem Strom des
Lebens, voll Mitleid, voll Mitlust, dem Stroemen hingegeben, der
Einheit zugehoerig.

Als Vasudeva sich von dem Sitz am Ufer erhob, als er in Siddharthas
Augen blickte und die Heiterkeit des Wissens darin strahlen sah,
beruehrte er dessen Schulter leise mit der Hand, in seiner behutsamen
und zarten Weise, und sagte: "Ich habe auf diese Stunde gewartet,
Lieber. Nun sie gekommen ist, lass mich gehen. Lange habe ich, auf
diese Stunde gewartet, lange bin ich 'der Faehrmann Vasudeva gewesen.
Nun ist es genug. Lebe wohl, Huette, lebe wohl, Fluss, lebe wohl,
Siddhartha!"

Siddhartha verneigte sich tief vor dem Abschiednehmenden.

"Ich habe es gewusst," sagte er leise. "Du wirst in die Waelder gehen?"

"Ich gehe in die Waelder, ich gehe in die Einheit," sprach Vasudeva
strahlend.

Strahlend ging er hinweg; Siddhartha blickte ihm nach. Mit tiefer
Freude, mit tiefem Ernst blickte er ihm nach, sah seine Schritte voll
Frieden, sah sein Haupt voll Glanz, sah seine Gestalt voll Licht.




GOVINDA

Mit anderen Moenchen weilte Govinda einst waehrend einer Rastzeit in dem
Lusthain, welchen die Kurtisane Kamala den Juengern des Gotama
geschenkt hatte. Er hoerte von einem alten Faehrmanne sprechen, welcher
eine Tagereise entfernt vom Flusse wohne, und der von vielen fuer einen
Weisen gehalten werde. Als Govinda des Weges weiterzog, waehlte er den
Weg zur Faehre, begierig diesen Faehrmann zu sehen. Denn ob er wohl
sein Leben lang nach der Regel gelebt hatte, auch von den Jungeren
Moenchen seines Alters und seiner Bescheidenheit wegen mit Ehrfurcht
angesehen wurde, war doch in seinem Herzen die Unruhe und das Suchen
nicht erloschen.

Er kam zum Fluesse, er bat den Alten um ueberfahrt, und da sie drueben
aus dem Boot stiegen, sagte er zum Alten: "Viel Gutes erweisest du uns
Moenchen und Pilgern, viele von uns hast du schon uebergesetzt. Bist
nicht auch du, Faehrmann, ein Sucher nach dem rechten Pfade?"

Sprach Siddhartha, aus den alten Augen laechelnd: "Nennst du dich einen
Sucher, o Ehrwuerdiger, und bist doch schon hoch in den, Jahren, und
traegst das Gewand der Moenche Gotamas?"

"Wohl bin ich alt," sprach Govinda, "zu suchen aber habe ich nicht
aufgehoert. Nie werde ich aufhoeren zu suchen, dies scheint meine
Bestimmung. Auch du, so scheint es mir, hast gesucht. Willst du mir
ein Wort sagen, Verehrter?"

Sprach Siddhartha: "Was sollte ich dir, Ehrwuerdiger, wohl zu sagen
haben? Vielleicht das, dass du allzu viel suchst? Dass du vor Suchen
nicht zum Finden kommst?"

"Wie denn?" fragte Govinda.

"Wenn jemand sucht," sagte Siddhartha, "dann geschieht es leicht, dass
sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, dass er nichts zu
finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur immer an das
Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist.
Suchen heisst: ein Ziel haben. Finden aber heisst: frei sein, offen
stehen, kein Ziel haben. Du, Ehrwuerdiger, bist vielleicht in der Tat
ein Sucher, denn, deinem Ziel nachstrebend, siehst du manches nicht,
was nah vor deinen Augen steht."

"Noch verstehe ich nicht ganz," bat Govinda, "wie meinst du das?"

Sprach Siddhartha: "Einst, o Ehrwuerdiger, vor manchen Jahren, bist du
schon einmal an diesem Flusse gewesen, und hast am Fluss einen
Schlafenden gefunden, und hast dich zu ihm gesetzt, um seinen Schlaf
zu behueten. Erkannt aber, o Govinda, hast du den Schlafenden nicht."

Staunend, wie ein Bezauberter, blickte der Moench in des Faehrmanns
Augen.
"
Bist du Siddhartha?" fragte er mit scheuer Stimme. "Ich haette dich
auch diesesmal nicht erkannt! Herzlich gruesse ich dich, Siddhartha,
herzlich freue ich mich, dich nochmals zu sehen 1 Du hast dich sehr
veraendert, Freund.--Und nun bist du also ein Faehrmann geworden?"

Freundlich lachte Siddhartha. "Ein Faehrmann, ja. Manche, Govinda,
muessen sich viel veraendern, muessen allerlei Gewand tragen, ihrer einer
bin ich, Lieber. Sei willkommen, Govinda, und bleibe die Nacht in
meiner Huette."

Govinda blieb die Nacht in der Huette und schlief auf dem Lager, das
einst Vasudevas Lager gewesen war. Viele Fragen richtete er an den
Freund seiner Jugend, vieles musste ihm Siddhartha aus seinem Leben
erzaehlen.

Als es am andern Morgen Zeit war, die Tageswanderung anzutreten, da
sagte Govinda, nicht ohne Zoegern, die Worte: "Ehe ich meinen Weg
fortsetze, Siddhartha, erlaube mir noch eine Frage. Hast du eine
Lehre? Hast du einen Glauben, oder ein Wissen, dem du folgst, das dir
leben und rechttun hilft?"

Sprach Siddhartha: "Du weisst, Lieber, dass ich schon als junger Mann,
damals, als wir bei den Buessern im Walde lebten, dazu kam, den Lehren
und Lehrern zu misstrauen und ihnen den Ruecken zu wenden. Ich bin
dabei geblieben. Dennoch habe ich seither viele Lehrer gehabt. Eine
schoene Kurtisane ist lange Zeit meine Lehrerin gewesen, und ein
reicher Kaufmann war mein Lehrer, und einige WuerfeIspieler. Einmal
ist auch ein wandernder Juenger Buddhas mein Lehrer gewesen; er sass bei
mir, als ich im Walde eingeschlafen war, auf der Pilgerschaft. Auch
von ihm habe ich gelernt, auch ihm bin ich dankbar, sehr dankbar. Am
meisten aber habe ich hier von diesem Flusse gelernt, und von meinem
Vorgaenger, dem Faehrmann Vasudeva. Es war ein sehr einfacher Mensch,
Vasudeva, er war kein Denker, aber er wusste das Notwendige so gut wie
Gotama, er war ein Vollkommener, ein Heiliger."

Govinda sagte: "Noch immer, o Siddhartha, liebst du ein wenig den
Spott, wie mir scheint. Ich glaube dir und weiss es, dass du nicht
einem Lehrer gefolgt bist. Aber hast nicht du selbst, wenn auch nicht
eine Lehre, so doch gewisse Gedanken, gewisse Erkenntnisse gefunden,
welche dein eigen sind und die dir leben helfen? Wenn du mir von
diesen etwas sagen moechtest, wuerdest du mir das Herz erfreuen."

Sprach Siddhartha: "Ich habe Gedanken gehabt, ja, und Erkenntnisse, je
und je. Ich habe manchmal, fuer eine Stunde oder fuer einen Tag, Wissen
in mir gefuehlt, so wie man Leben in seinem Herzen fuehlt. Manche
Gedanken waren es, aber schwer waere es fuer mich, sie dir mitzuteilen.
Sieh, mein Govinda, dies ist einer meiner Gedanken, die ich gefunden
habe: Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser
mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit."

"Scherzest du?" fragte Govinda.

"Ich scherze nicht. Ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man
mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie
leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun,
aber sagen und lehren kann man sie nicht. Dies war es, was ich schon
als Juengfing manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben
hat. Ich habe einen Gedanken gefunden, Govinda, den du wieder fuer
Scherz oder fuer Narrheit halten wirst, der aber mein, bester Gedanke
ist. Er heisst: Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr!
Naemhch so: eine Wahrheit laesst sich immer nur aussprechen und in Worte
huellen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles, was mit Gedanken
gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb,
alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit. Wenn der
erhabene Gotama lehrend von der Welt sprach, so musste er sie teilen in
Sansara und Nirvana, in Taeuschung und Wahrheit, in Leid und. Erloesung.
Man kann nicht anders, es gibt keinen andern Weg fuer den, der lehren
will. Die Welt selbst aber, das Seiende um uns her und in uns innen,
ist nie einseitig. Nie ist ein Mensch, oder eine Tat, ganz Sansara
oder ganz Nirvana, nie ist ein Mensch ganz heilig oder ganz suendig.
Es scheint ja so, weil wir der Taeuschung unterworfen sind, dass Zeit
etwas Wirkliches sei. Zeit ist nicht wirklich, Govinda, ich habe dies
oft und oft erfahren. Und wenn Zeit nicht wirklich ist, so ist die
Spanne, die zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Leid und Seligkeit,
zwischen Boese und Gut zu liegen scheint, auch eine Taeuschung."

"Wie das?" fragte Govinda aengstlich.

"Hoere gut, Lieber, hoere gut! Der Suender, der ich bin und der du bist,
der ist Suender, aber er wird einst wieder Brahma sein, er wird einst
Nirvana erreichen, wird Buddha sein--und nun siehe: dies "Einst" ist
Taeuschung, ist nur Gleichnis! Der Suender ist nicht auf dem Weg zur
Buddhaschaft unterwegs, er ist nicht in einer Entwickelung begriffen,
obwohl unser Denken sich die Dinge nicht anders vorzustellen weiss.
Nein, in dem Suender ist, ist jetzt und heute schon der kuenftige Buddha,
seine Zukunft ist alle schon da, du hast in ihm, in dir, in jedem den
werdenden, den moeglichen, den verborgenen Buddha zu verehren. Die
Welt, Freund Govinda, ist nicht unvollkommen, oder auf einem langsamen
Wege zur Vollkommenheit begriffen: nein, sie ist in jedem Augenblick
vollkommen, alle Suende traegt schon die Gnade in sich, alle kleinen
Kinder haben schon den Greis in sich, alle Saeuglinge den Tod, alle
Sterbenden das ewige Leben. Es ist keinem Menschen moeglich, vom
anderen zu sehen, wie weit er auf seinem Wege sei, im Raeuber und
Wuerfelspieler wartet Buddha, im Brahmanenwartet der Raeuber. Es gibt,
in der tiefen Meditation, die Moeglichkeit, die Zeit aufzuheben, alles
gewesene, seiende und sein werdende Leben als gleichzeitig zu sehen,
und da ist alles gut, alles vollkommen, alles ist Brahm an. Darum
scheint mir das, was ist, gut, es scheint mir Tod wie Leben, Suende wie
Heiligkeit, Klugheit wie Torheit, alles muss so sein, alles bedarf nur
meiner Zustimmung, nur meiner Willigkeit, meines liebenden
Einverstaendnisses, so ist es fuer mich gut, kann mich nur foerdern, kann
mir nie schaden. Ich habe an meinem Leibe und an meiner Seele
erfahren, dass ich der Suende sehr bedurfte, ich bedurfte der Wollust,
des Strebens nach Guetern, der Eitelkeit, und bedurfte der
schmaehlichsten Verzweiflung, um das Widerstreben aufgeben zu lernen,
um die Welt lieben zu lernen, um sie nicht mehr mit irgendeiner von
mir gewuenschten, von mir eingebildeten Welt zu vergleichen, einer von
mir ausgedachten Art der VollkommenhReit, sondern sie zu lassen, wie
sie ist, und sie zu lieben, und ihr gerne anzugehoeren.--Dies, o
Govinda, sind einige,von den Gedanken, die mir in den Sinn gekommen
sind."

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