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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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Italienische Reise Teil 1

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Italienische Reise
Johann Wolfgang Goethe




Die Reise

Karlsbad bis auf den Brenner
Vom Brenner bis Verona
Verona bis Venedig
Venedig
Ferrara bis Rom
Rom
Neapel
Sizilien
Neapel





Italienische Reise-Teil 1

Johann Wolfgang von Goethe




Auch ich in Arkadien!

Karlsbad bis auf den Brenner


Den 3. September 1786.

Frueh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht
fortgelassen haette. Die Gesellschaft, die den achtundzwanzigsten
August, meinen Geburtstag, auf eine sehr freundliche Weise feiern
mochte, erwarb sich wohl dadurch ein Recht, mich festzuhalten; allein
hier war nicht laenger zu saeumen. Ich warf mich ganz allein, nur einen
Mantelsack und Dachsranzen aufpackend, in eine Postchaise und gelangte
halb acht Uhr nach Zwota, an einem schoenen stillen Nebelmorgen. Die
obern Wolken streifig und wollig, die untern schwer. Mir schienen das
gute Anzeichen. Ich hoffte, nach einem so schlimmen Sommer einen
guten Herbst zu geniessen. Um zwoelf in Eger, bei heissem Sonnenschein;
und nun erinnerte ich mich, dass dieser Ort dieselbe Polhoehe habe wie
meine Vaterstadt, und ich freute mich, wieder einmal bei klarem Himmel
unter dem funfzigsten Grade zu Mittag zu essen.

In Bayern stoesst einem sogleich das Stift Waldsassen
entgegen--koestliche Besitztuemer der geistlichen Herren, die frueher als
andere Menschen klug waren. Es liegt in einer Teller-, um nicht zu
sagen Kesseltiefe, in einem schoenen Wiesengrunde, rings von
fruchtbaren sanften Anhoehen umgeben. Auch hat dieses Kloster im Lande
weit umher Besitzungen. Der Boden ist aufgeloester Tonschiefer. Der
Quarz, der sich in dieser Gebirgsart befindet und sich nicht aufloest,
noch verwittert, macht das Feld locker und durchaus fruchtbar. Bis
gegen Tirschenreuth steigt das Land noch. Die Wasser fliessen einem
entgegen, nach der Eger und Elbe zu. Von Tirschenreuth an faellt es
nun suedwaerts ab, und die Wasser laufen nach der Donau. Mir gibt es
sehr schnell einen Begriff von jeder Gegend, wenn ich bei dem
kleinsten Wasser forsche, wohin es laeuft, zu welcher Flussregion es
gehoert. Man findet alsdann selbst in Gegenden, die man nicht
uebersehen kann, einen Zusammenhang der Berge und Taeler gedankenweise.
Vor gedachtem Ort beginnt die treffliche Chaussee von Granitsand; es
laesst sich keine vollkommenere denken; denn da der aufgeloeste Granit
aus Kiesel und Tonerde besteht, so gibt das zugleich einen festen
Grund und ein schoenes Bindungsmittel, die Strasse glatt wie eine Tenne
zu machen. Die Gegend, durch die sie gefuehrt ist, sieht desto
schlechter aus: gleichfalls Granitsand, flachliegend, moorig, und der
schoene Weg desto erwuenschter. Da nun zugleich das Land abfaellt, so
koemmt man fort mit unglaublicher Schnelle, die gegen den boehmischen
Schneckengang recht absticht. Beiliegendes Blaettchen benennt die
verschiedenen Stationen. Genug, ich war den andern Morgen um zehn Uhr
in Regensburg und hatte also diese vierundzwanzig und eine halbe Meile
in einunddreissig Stunden zurueckgelegt. Da es anfing, Tag zu werden,
befand ich mich zwischen Schwanendorf und Regenstauf, und nun bemerkte
ich die Veraenderung des Ackerbodens ins Bessere. Es war nicht mehr
Verwitterung des Gebirgs, sondern aufgeschwemmtes, gemischtes Erdreich.
Den Regenfluss herauf hatte in uralten Zeiten Ebbe und Flut aus dem
Donautal in alle die Taeler gewirkt, die gegenwaertig ihre Wasser
dorthin ergiessen, und so sind diese natuerlichen Polder entstanden,
worauf der Ackerbau gegruendet ist. Diese Bemerkung gilt in der
Nachbarschaft aller groessern und kleinern Fluesse, und mit diesem
Leitfaden kann der Beobachter einen schnellen Aufschluss ueber jeden der
Kultur geeigneten Boden erlangen.


Donau bei Regensburg. Zeichnung von Goethe

Regensburg liegt gar schoen. Die Gegend musste eine Stadt herlocken;
auch haben sich die geistlichen Herren wohl bedacht. Alles Feld um
die Stadt gehoert ihnen, in der Stadt steht Kirche gegen Kirche und
Stift gegen Stift. Die Donau erinnert mich an den alten Main. Bei
Frankfurt haben Fluss und Bruecke ein besseres Ansehn, hier aber nimmt
sich das gegenueberliegende Stadt am Hof recht artig aus. Ich verfuegte
mich gleich in das Jesuitenkollegium, wo das jaehrliche Schauspiel
durch Schueler gegeben ward, sah das Ende der Oper und den Anfang des
Trauerspiels. Sie machten es nicht schlimmer als eine angehende
Liebhabertruppe und waren recht schoen, fast zu praechtig gekleidet.
Auch diese oeffentliche Darstellung hat mich von der Klugheit der
Jesuiten aufs neue ueberzeugt. Sie verschmaehten nichts, was irgend
wirken konnte, und wussten es mit Liebe und Aufmerksamkeit zu behandeln.
Hier ist nicht Klugheit, wie man sie sich in Abstracto denkt, es ist
eine Freude an der Sache dabei, ein Mit--und Selbstgenuss, wie er aus
dem Gebrauche des Lebens entspringt. Wie diese grosse geistliche
Gesellschaft Orgelbauer, Bildschnitzer und Vergulder unter sich hat,
so sind gewiss auch einige, die sich des Theaters mit Kenntnis und
Neigung annehmen, und wie durch gefaelligen Prunk sich ihre Kirchen
auszeichnen, so bemaechtigen sich die einsichtigen Maenner hier der
weltlichen Sinnlichkeit durch ein anstaendiges Theater.

Heute schreibe ich unter dem neunundvierzigsten Grade. Er laesst sich
gut an. Der Morgen war kuehl, und man klagt auch hier ueber Naesse und
Kaelte des Sommers; aber es entwickelte sich ein herrlicher gelinder
Tag. Die milde Luft, die ein grosser Fluss mitbringt, ist ganz etwas
Eigenes. Das Obst ist nicht sonderlich. Gute Birnen hab' ich
gespeist; aber ich sehne mich nach Trauben und Feigen.

Der Jesuiten Tun und Wesen haelt meine Betrachtungen fest. Kirchen,
Tuerme, Gebaeude haben etwas Grosses und Vollstaendiges in der Anlage, das
allen Menschen insgeheim Ehrfurcht einfloesst. Als Dekoration ist nun
Gold, Silber, Metall, geschliffene Steine in solcher Pracht und
Reichtum gehaeuft, der die Bettler aller Staende blenden muss. Hier und
da fehlt es auch nicht an etwas Abgeschmacktem, damit die Menschheit
versoehnt und angezogen werde. Es ist dieses ueberhaupt der Genius des
katholischen aeusseren Gottesdienstes; noch nie habe ich es aber mit so
viel Verstand, Geschick und Konsequenz ausgefuehrt gesehen als bei den
Jesuiten. Alles trifft darin ueberein, dass sie nicht wie andere
Ordensgeistliche eine alte abgestumpfte Andacht fortsetzten, sondern
sie dem Geist der Zeit zuliebe durch Prunk und Pracht wieder
aufstutzten.

Ein sonderbar Gestein wird hier zu Werkstuecken verarbeitet, dem
Scheine nach eine Art Totliegendes, das jedoch fuer aelter, fuer
urspruenglich, ja fuer porphyrartig gehalten werden muss. Es ist
gruenlich mit Quarz gemischt, loecherig, und es finden sich grosse Flecke
des festesten Jaspis darin, in welchem sich wieder kleine runde
Flecken von Breccienart zeigen. Ein Stueck war gar zu instruktiv und
appetitlich, der Stein aber zu fest, und ich habe geschworen, mich auf
dieser Reise nicht mit Steinen zu schleppen.


Muenchen, den 6. September.

Den fuenften September halb ein Uhr Mittag reiste ich von Regensburg ab.
Bei Abach ist eine schoene Gegend, wo die Donau sich an Kalkfelsen
bricht, bis gegen Saale. Es ist der Kalk wie der bei Osteroda am Harz,
dicht, aber im ganzen loecherig. Um sechs Uhr morgens war ich in
Muenchen, und nachdem ich mich zwoelf Stunden umgesehen, will ich nur
weniges bemerken. In der Bildergalerie fand ich mich nicht
einheimisch; ich muss meine Augen erst wieder an Gemaelde gewoehnen. Es
sind treffliche Sachen. Die Skizzen von Rubens von der Luxemburger
Galerie haben mir grosse Freude gemacht.

Hier steht auch das vornehme Spielwerk, die Trajanische Saeule in
Modell. Der Grund Lapislazuli, die Figuren verguldet. Es ist immer
ein schoen Stueck Arbeit, und man betrachtet es gern.

Im Antikensaale konnte ich recht bemerken, dass meine Augen auf diese
Gegenstaende nicht geuebt sind, deswegen wollte ich nicht verweilen und
Zeit verderben. Vieles sprach mich gar nicht an, ohne dass ich sagen
koennte warum. Ein Drusus erregte meine Aufmerksamkeit, zwei Antonine
gefielen mir und so noch einiges. Im ganzen stehen die Sachen auch
nicht gluecklich, ob man gleich mit ihnen hat aufputzen wollen, und der
Saal oder vielmehr das Gewoelbe ein gutes Ansehn haette, wenn es nur
reinlicher und besser unterhalten waere. Im Naturalienkabinett fand
ich schoene Sachen aus Tirol, die ich in kleinen Musterstuecken schon
kenne, ja besitze.

Es begegnete mir eine Frau mit Feigen, welche als die ersten
vortrefflich schmeckten. Aber das Obst ueberhaupt ist doch fuer den
achtundvierzigsten Grad nicht besonders gut. Man klagt hier durchaus
ueber Kaelte und Naesse. Ein Nebel, der fuer einen Regen gelten konnte,
empfing mich heute frueh vor Muenchen. Den ganzen Tag blies der Wind
sehr kalt vom Tiroler Gebirg. Als ich vom Turm dahin sah, fand ich es
bedeckt und den ganzen Himmel ueberzogen. Nun scheint die Sonne im
Untergehen noch an den alten Turm, der mir vor dem Fenster steht.
Verzeihung, dass ich so sehr auf Wind und Wetter achthabe: der Reisende
zu Lande, fast so sehr als der Schiffer, haengt von beiden ab, und es
waere ein Jammer, wenn mein Herbst in fremden Landen so wenig
beguenstigt sein sollte als der Sommer zu Hause.

Nun soll es gerade auf Innsbruck. Was lass' ich nicht alles rechts
und links liegen, um den einen Gedanken auszufuehren, der fast zu alt
in meiner Seele geworden ist!


Mittenwald, den 7. September, abends.

Es scheint, mein Schutzgeist sagt Amen zu meinem Kredo, und ich danke
ihm, der mich an einem so schoenen Tage hierher gefuehrt hat. Der
letzte Postillon sagte mit vergnueglichem Ausruf, es sei der erste im
ganzen Sommer. Ich naehre meinen stillen Aberglauben, dass es so
fortgehen soll, doch muessen mir die Freunde verzeihen, wenn wieder von
Luft und Wolken die Rede ist.

Als ich um fuenf Uhr von Muenchen wegfuhr, hatte sich der Himmel
aufgeklaert. An den Tiroler Bergen standen die Wolken in ungeheuern
Massen fest. Die Streifen der untern Regionen bewegten sich auch
nicht. Der Weg geht auf den Hoehen, wo man unten die Isar fliessen
sieht, ueber zusammengeschwemmte Kieshuegel hin. Hier wird uns die
Arbeit der Stroemungen des uralten Meeres fasslich. In manchem
Granitgeschiebe fand ich Geschwister und Verwandte meiner
Kabinettsstuecke, die ich Knebeln verdanke.

Die Nebel des Flusses und der Wiesen wehrten sich eine Weile, endlich
wurden auch diese aufgezehrt. Zwischen gedachten Kieshuegeln, die man
sich mehrere Stunden weit und breit denken muss, das schoenste
fruchtbarste Erdreich wie im Tale des Regenflusses. Nun muss man
wieder an die Isar und sieht einen Durchschnitt und Abhang der
Kieshuegel, wohl hundertundfunfzig Fuss hoch. Ich gelangte nach
Wolfrathshausen und erreichte den achtundvierzigsten Grad. Die Sonne
brannte heftig, niemand traut dem schoenen Wetter, man schreit ueber das
boese des vergehenden Jahres, man jammert, dass der grosse Gott gar keine
Anstalt machen will.

Nun ging mir eine neue Welt auf. Ich naeherte mich den Gebirgen, die
sich nach und nach entwickelten.

Benediktbeuern liegt koestlich und ueberrascht beim ersten Anblick. In
einer fruchtbaren Flaeche ein lang und breites weisses Gebaeude und ein
breiter hoher Felsruecken dahinter. Nun geht es hinauf zum Kochelsee;
noch hoeher ins Gebirge zum Walchensee. Hier begruesste ich die ersten
beschneiten Gipfel, und auf meine Verwunderung, schon so nahe bei den
Schneebergen zu sein, vernahm ich, dass es gestern in dieser Gegend
gedonnert, geblitzt und auf den Bergen geschneit habe. Aus diesen
Meteoren wollte man Hoffnung zu besserem Wetter schoepfen und aus dem
ersten Schnee eine Umwandlung der Atmosphaere vermuten. Die
Felsklippen, die mich umgeben, sind alle Kalk, von dem aeltesten, der
noch keine Versteinerungen enthaelt. Diese Kalkgebirge gehen in
ungeheuern ununterbrochenen Reihen von Dalmatien bis an den Sankt
Gotthard und weiter fort. Hacquet hat einen grossen Teil der Kette
bereist. Sie lehnen sich an das quarz--und tonreiche Urgebirge.

Nach Walchensee gelangte ich um halb fuenf. Etwa eine Stunde von dem
Orte begegnete mir ein artiges Abenteuer: ein Harfner mit seiner
Tochter, einem Maedchen von eilf Jahren, gingen vor mir her und baten
mich, das Kind einzunehmen. Er trug das Instrument weiter, ich liess
sie zu mir sitzen, und sie stellte eine grosse neue Schachtel
sorgfaeltig zu ihren Fuessen. Ein artiges ausgebildetes Geschoepf, in der
Welt schon ziemlich bewandert. Nach Maria-Einsiedel war sie mit ihrer
Mutter zu Fuss gewallfahrtet, und beide wollten eben die groessere Reise
nach St. Jago von Compostell antreten, als die Mutter mit Tode abging
und ihr Geluebde nicht erfuellen sollte. Man koenne in der Verehrung der
Mutter Gottes nie zuviel tun, meinte sie. Nach einem grossen Brande
habe sie selbst gesehen ein ganzes Haus niedergebrannt bis auf die
untersten Mauern, und ueber der Tuere hinter einem Glase das
Muttergottesbild, Glas und Bild unversehrt, welches denn doch ein
augenscheinliches Wunder sei. All ihre Reisen habe sie zu Fusse
gemacht, zuletzt in Muenchen vor dem Kurfuersten gespielt und sich
ueberhaupt vor einundzwanzig fuerstlichen Personen hoeren lassen. Sie
unterhielt mich recht gut. Huebsche grosse braune Augen, eine
eigensinnige Stirn, die sich manchmal ein wenig hinaufwaerts faltete.
Wenn sie sprach, war sie angenehm und natuerlich, besonders wenn sie
kindischlaut lachte; hingegen wenn sie schwieg, schien sie etwas
bedeuten zu wollen und machte mit der Oberlippe eine fatale Miene.
Ich sprach sehr viel mit ihr durch, sie war ueberall zu Hause und
merkte gut auf die Gegenstaende. So fragte sie mich einmal, was das
fuer ein Baum sei. Es war ein schoener grosser Ahorn, der erste, der mir
auf der ganzen Reise zu Gesichte kam. Den hatte sie doch gleich
bemerkt und freute sich, da mehrere nach und nach erschienen, dass sie
auch diesen Baum unterscheiden koenne. Sie gehe, sagte sie, nach Bozen
auf die Messe, wo ich doch wahrscheinlich auch hinzoege. Wenn sie mich
dort antraefe, muesse ich ihr einen Jahrmarkt kaufen, welches ich ihr
denn auch versprach. Dort wollte sie auch ihre neue Haube aufsetzen,
die sie sich in Muenchen von ihrem Verdienst habe machen lassen. Sie
wolle mir solche im voraus zeigen. Nun eroeffnete sie die Schachtel,
und ich musste mich des reichgestickten und wohlbebaenderten
Kopfschmuckes mit ihr erfreuen.

ueber eine andere frohe Aussicht vergnuegten wir uns gleichfalls
zusammen. Sie versicherte naemlich, dass es gut Wetter gaebe. Sie
truegen ihren Barometer mit sich, und das sei die Harfe. Wenn sich der
Diskant hinaufstimme, so gebe es gutes Wetter, und das habe er heute
getan. Ich ergriff das Omen, und wir schieden im besten Humor, in der
Hoffnung eines baldigen Wiedersehns.


Auf dem Brenner, den 8. September, abends.

Hierher gekommen, gleichsam gezwungen, endlich an einen Ruhepunkt, an
einen stillen Ort, wie ich ihn mir nur haette wuenschen koennen. Es war
ein Tag, den man jahrelang in der Erinnerung geniessen kann. Um sechs
Uhr verliess ich Mittenwald, den klaren Himmel reinigte ein scharfer
Wind vollkommen. Es war eine Kaelte, wie sie nur im Februar erlaubt
ist. Nun aber bei dem Glanze der aufgehenden Sonne die dunkeln, mit
Fichten bewachsenen Vordergruende, die grauen Kalkfelsen dazwischen und
dahinter die beschneiten hoechsten Gipfel auf einem tieferen
Himmelsblau, das waren koestliche, ewig abwechselnde Bilder.

Bei Scharnitz kommt man ins Tirol. Die Grenze ist mit einem Walle
geschlossen, der das Tal verriegelt und sich an die Berge anschliesst.
Es sieht gut aus: an der einen Seite ist der Felsen befestigt, an der
andern steigt er senkrecht in die Hoehe. Von Seefeld wird der Weg
immer interessanter, und wenn er bisher seit Benediktbeuern herauf von
Hoehe zu Hoehe stieg und alle Wasser die Region der Isar suchten, so
blickt man nun ueber einen Ruecken in das Inntal, und Inzingen liegt vor
uns. Die Sonne war hoch und heiss, ich musste meine Kleidung
erleichtern, die ich bei der veraenderlichen Atmosphaere des Tages oft
wechsele.

Bei Zirl faehrt man ins Inntal herab. Die Lage ist unbeschreiblich
schoen, und der hohe Sonnenduft machte sie ganz herrlich. Der
Postillon eilte mehr, als ich wuenschte: er hatte noch keine Messe
gehoert und wollte sie in Innsbruck, es war eben Marientag, um desto
andaechtiger zu sich nehmen. Nun rasselte es immer an dem Inn hinab,
an der Martinswand vorbei, einer steil abgehenden ungeheuern Kalkwand.
Zu dem Platze, wohin Kaiser Maximilian sich verstiegen haben soll,
getraute ich mir wohl ohne Engel hin und her zu kommen, ob es gleich
immer ein frevelhaftes Unternehmen waere.

Innsbruck liegt herrlich in einem breiten, reichen Tale zwischen hohen
Felsen und Gebirgen. Erst wollte ich dableiben, aber es liess mir
keine Ruhe. Kurze Zeit ergetzte ich mich an dem Sohne des Wirts,
einem leibhaftigen Soeller. So begegnen mir nach und nach meine
Menschen. Das Fest Mariae Geburt zu feiern, ist alles geputzt. Gesund
und wohlhaebig, zu Scharen, wallfahrten sie nach Wilten, einem
Andachtsorte, eine Viertelstunde von der Stadt gegen das Gebirge zu.
Um zwei Uhr, als mein rollender Wagen das muntere bunte Gedraenge
teilte, war alles in frohem Zug und Gang.

Von Innsbruck herauf wird es immer schoener, da hilft kein Beschreiben.
Auf den gebahntesten Wegen steigt man eine Schlucht herauf, die das
Wasser nach dem Inn zu sendet, eine Schlucht, die den Augen unzaehlige
Abwechselungen bietet. Wenn der Weg nah am schroffsten Felsen hergeht,
ja in ihn hineingehauen ist, so erblickt man die Seite gegenueber
sanft abhaengig, so dass noch kann der schoenste Feldbau darauf geuebt
werden. Es liegen Doerfer, Haeuser, Haeuschen, Huetten, alles weiss
angestrichen, zwischen Feldern und Hecken auf der abhaengenden hohen
und breiten Flaeche. Bald veraendert sich das Ganze; das Benutzbare
wird zur Wiese, bis sich auch das in einen steilen Abhang verliert.

Zu meiner Welterschaffung habe ich manches erobert, doch nichts ganz
Neues und Unerwartetes. Auch habe ich viel getraeumt von dem Modell,
wovon ich so lange rede, woran ich so gern anschaulich machen moechte,
was in meinem Innern herumzieht, und was ich nicht jedem in der Natur
vor Augen stellen kann.

Nun wurde es dunkler und dunkler, das Einzelne verlor sich, die Massen
wurden immer groesser und herrlicher, endlich, da sich alles nur wie ein
tiefes geheimes Bild vor mir bewegte, sah ich auf einmal wieder die
hohen Schneegipfel vom Mond beleuchtet, und nun erwarte ich, dass der
Morgen diese Felsenkluft erhelle, in der ich auf der Grenzscheide des
Suedens und Nordens eingeklemmt bin.

Ich fuege noch einige Bemerkungen hinzu ueber die Witterung, die mir
vielleicht ebendeswegen so guenstig ist, weil ich ihr so viele
Betrachtungen widme. Auf dem flachen Lande empfaengt man gutes und
boeses Wetter, wenn es schon fertig geworden, im Gebirge ist man
gegenwaertig, wenn es entsteht. Dieses ist mir nun so oft begegnet,
wenn ich auf Reisen, Spaziergaengen, auf der Jagd Tag und Naechte lang
in den Bergwaeldern, zwischen Klippen verweilte, und da ist mir eine
Grille aufgestiegen, die ich auch fuer nichts anders geben will, die
ich aber nicht loswerden kann, wie man denn eben die Grillen am
wenigsten loswird. Ich sehe sie ueberall, als wenn es eine Wahrheit
waere, und so will ich sie denn auch aussprechen, da ich ohnehin die
Nachsicht meiner Freunde so oft zu pruefen im Falle bin.

Betrachten wir die Gebirge naeher oder ferner und sehen ihre Gipfel
bald im Sonnenscheine glaenzen, bald vorn Nebel umzogen, von stuermenden
Wolken umsaust, von Regenstrichen gepeitscht, mit Schnee bedeckt, so
schreiben wir das alles der Atmosphaere zu, da wir mit Augen ihre
Bewegungen und Veraenderungen gar wohl sehen und fassen. Die Gebirge
hingegen liegen vor unserm aeusseren Sinn in ihrer herkoemmlichen Gestalt
unbeweglich da. Wir halten sie fuer tot, weil sie erstarrt sind, wir
glauben sie untaetig, weil sie ruhen. Ich aber kann mich schon seit
laengerer Zeit nicht entbrechen, einer innern, stillen, geheimen
Wirkung derselben die Veraenderungen, die sich in der Atmosphaere zeigen,
zum grossen Teile zuzuschreiben. Ich glaube naemlich, dass die Masse
der Erde ueberhaupt, und folglich auch besonders ihre hervorragenden
Grundfesten, nicht eine bestaendige, immer gleiche Anziehungskraft
ausueben, sondern dass diese Anziehungskraft sich in einem gewissen
Pulsieren aeussert, so dass sie sich durch innere notwendige, vielleicht
auch aeussere zufaellige Ursachen bald vermehrt, bald vermindert. Moegen
alle anderen Versuche, diese Oszillation darzustellen, zu beschraenkt
und roh sein, die Atmosphaere ist zart und weit genug, um uns von jenen
stillen Wirkungen zu unterrichten. Vermindert sich jene
Anziehungskraft im geringsten, alsobald deutet uns die verringerte
Schwere, die verminderte Elastizitaet der Luft diese Wirkung an. Die
Atmosphaere kann die Feuchtigkeit, die in ihr chemisch und mechanisch
verteilt war, nicht mehr tragen, Wolken senken sich, Regen stuerzen
nieder, und Regenstroeme ziehen nach dem Lande zu. Vermehrt aber das
Gebirg seine Schwerkraft, so wird alsobald die Elastizitaet der Luft
wiederhergestellt, und es entspringen zwei wichtige Phaenomene. Einmal
versammeln die Berge ungeheure Wolkenmassen um sich her, halten sie
fest und starr wie zweite Gipfel ueber sich, bis sie, durch innern
Kampf elektrischer Kraefte bestimmt, als Gewitter, Nebel und Regen
niedergehen, sodann wirkt auf den ueberrest die elastische Luft, welche
nun wieder mehr Wasser zu fassen, aufzuloesen und zu verarbeiten faehig
ist. Ich sah das Aufzehren einer solchen Wolke ganz deutlich: sie
hing um den steilsten Gipfel, das Abendrot beschien sie. Langsam,
langsam sonderten ihre Enden sich ab, einige Flocken wurden weggezogen
und in die Hoehe gehoben; diese verschwanden, und so verschwand die
ganze Masse nach und nach und ward vor meinen Augen wie ein Rocken von
einer unsichtbaren Hand ganz eigentlich abgesponnen.

Wenn die Freunde ueber den ambulanten Wetterbeobachter und dessen
seltsame Theorien gelaechelt haben, so gebe ich ihnen vielleicht durch
einige andere Betrachtungen Gelegenheit zum Lachen, denn ich muss
gestehen, da meine Reise eigentlich eine Flucht war vor allen den
Unbilden, die ich unter dem einundfunfzigsten Grade erlitten, dass ich
Hoffnung hatte, unter dem achtundvierzigsten ein wahres Gosen zu
betreten. Allein ich fand mich getaeuscht, wie ich frueher haette wissen
sollen; denn nicht die Polhoehe allein macht Klima und Witterung,
sondern die Bergreihen, besonders jene, die von Morgen nach Abend die
Laender durchschneiden. In diesen ereignen sich immer grosse
Veraenderungen, und nordwaerts liegende Laender haben am meisten darunter
zu leiden. So scheint auch die Witterung fuer den ganzen Norden diesen
Sommer ueber durch die grosse Alpenkette, auf der ich dieses schreibe,
bestimmt worden zu sein. Hier hat es die letzten Monate her immer
geregnet, und Suedwest und Suedost haben den Regen durchaus nordwaerts
gefuehrt. In Italien sollen sie schoen Wetter, ja zu trocken gehabt
haben.

Nun von dem abhaengigen, durch Klima, Berghoehe, Feuchtigkeit auf das
mannigfaltigste bedingten Pflanzenreich einige Worte. Auch hierin
habe ich keine sonderliche Veraenderung, doch Gewinn gefunden. AEpfel
und Birnen haengen schon haeufig vor Innsbruck in dem Tale, Pfirschen
und Trauben hingegen bringen sie aus Welschland oder vielmehr aus dem
mittaegigen Tirol. Um Innsbruck bauen sie viel Tuerkisch--und Heidekorn,
das sie Blende nennen. Den Brenner herauf sah ich die ersten
Laerchenbaeume, bei Schoenberg den ersten Zirbel. Ob wohl das
Harfnermaedchen hier auch nachgefragt haette?

Die Pflanzen betreffend, fuehl' ich noch sehr meine Schuelerschaft. Bis
Muenchen glaubt' ich wirklich nur die gewoehnlichen zu sehen. Freilich
war meine eilige Tag--und Nachtfahrt solchen feinern Beobachtungen
nicht guenstig. Nun habe ich zwar meinen Linne bei mir und seine
Terminologie wohl eingepraegt, wo soll aber Zeit und Ruhe zum
Analysieren herkommen, das ohnehin, wenn ich mich recht kenne, meine
Staerke niemals werden kann? Daher schaerf' ich mein Auge aufs
Allgemeine, und als ich am Walchensee die erste Gentiana sah, fiel mir
auf, dass ich auch bisher zuerst am Wasser die neuen Pflanzen fand.

Was mich noch aufmerksamer machte, war der Einfluss, den die
Gebirgshoehe auf die Pflanzen zu haben schien. Nicht nur neue Pflanzen
fand ich da, sondern Wachstum der alten veraendert; wenn in der tiefern
Gegend Zweige und Stengel staerker und mastiger waren, die Augen naeher
aneinander standen und die Blaetter breit waren, so wurden hoeher ins
Gebirg hinauf Zweige und Stengel zarter, die Augen rueckten auseinander,
so dass von Knoten zu Knoten ein groesserer Zwischenraum stattfand und
die Blaetter sich lanzenfoermiger bildeten. Ich bemerkte dies bei einer
Weide und einer Gentiana und ueberzeugte mich, dass es nicht etwa
verschiedene Arten waeren. Auch am Walchensee bemerkte ich laengere und
schlankere Binsen als im Unterlande.

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