Italienische Reise Teil 1
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Johann Wolfgang Goethe >> Italienische Reise Teil 1
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Gegen Abend schenkten wir unsere Aufmerksamkeit der Kutschenreihe der
bekannten Fahrt vornehmerer Personen, welche sich zur Stadt hinaus auf
die Reede begaben, um frische Luft zu schoepfen, sich zu unterhalten
und allenfalls zu kourtoisieren.
Zwei Stunden vor Nacht war der Vollmond eingetreten und verherrlichte
den Abend unaussprechlich. Die Lage von Palermo gegen Norden macht,
dass sich Stadt und Ufer sehr wundersam gegen die grossen Himmelslichter
verhaelt, deren Widerschein man niemals in den Wellen erblickt.
Deswegen wir auch heute an dem heitersten Tage das Meer dunkelblau,
ernsthaft und zudringlich fanden, anstatt dass es bei Neapel von der
Mittagsstunde an immer heiterer, lustiger und ferner glaenzt.
Kniep hatte mich schon heute manchen Weg und manche Betrachtung allein
machen lassen, um einen genauen Kontur des Monte Pellegrino zu nehmen,
des schoensten aller Vorgebirge der Welt.
Palermo, den 3. April 1787.
Hier noch einiges zusammenfassend, nachtraeglich und vertraulich:
Wir fuhren Donnerstag, den 29. Maerz, mit Sonnenuntergang von Neapel
und landeten erst nach vier Tagen um drei Uhr im Hafen von Palermo.
Ein kleines Diarium, das ich beilege, erzaehlt ueberhaupt unsere
Schicksale. Ich habe nie eine Reise so ruhig angetreten als diese,
habe nie eine ruhigere Zeit gehabt als auf der durch bestaendigen
Gegenwind sehr verlaengerten Fahrt, selbst auf dem Bette im engen
Kaemmerchen, wo ich mich die ersten Tage halten musste, weil mich die
Seekrankheit stark angriff. Nun denke ich ruhig zu euch hinueber; denn
wenn irgend etwas fuer mich entscheidend war, so ist es diese Reise.
Hat man sich nicht ringsum vom Meere umgeben gesehen, so hat man
keinen Begriff von Welt und von seinem Verhaeltnis zur Welt. Als
Landschaftszeichner hat mir diese grosse, simple Linie ganz neue
Gedanken gegeben.
Wir haben, wie das Diarium ausweist, auf dieser kurzen Fahrt
mancherlei Abwechslungen und gleichsam die Schicksale der Seefahrer im
kleinen gehabt. UEbrigens ist die Sicherheit und Bequemlichkeit des
Paketboots nicht genug zu loben. Der Kapitaen ist ein sehr braver und
recht artiger Mann. Die Gesellschaft war ein ganzes Theater,
gutgesittet, leidlich und angenehm. Mein Kuenstler, den ich bei mir
habe, ist ein munterer, treuer, guter Mensch, der mit der groessten
Akkuratesse zeichnet; er hat alle Inseln und Kuesten, wie sie sich
zeigten, umrissen; es wird euch grosse Freude machen, wenn ich alles
mitbringe. UEbrigens hat er mir, die langen Stunden der ueberfahrt zu
verkuerzen, das Mechanische der Wasserfarbenmalerei (Aquarell), die man
in Italien jetzt sehr hoch getrieben hat, aufgeschrieben. Versteht
sich den Gebrauch gewisser Farben, um gewisse Toene hervorzubringen, an
denen man sich, ohne das Geheimnis zu wissen, zu Tode mischen wuerde.
Ich hatte wohl in Rom manches davon erfahren, aber niemals im
Zusammenhange. Die Kuenstler haben es in einem Lande ausstudiert wie
Italien, wie dieses ist. Mit keinen Worten ist die dunstige Klarheit
auszudruecken, die um die Kuesten schwebte, als wir am schoensten
Nachmittage gegen Palermo anfuhren. Die Reinheit der Konture, die
Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Toene, die Harmonie
von Himmel, Meer und Erde. Wer es gesehen hat, der hat es auf sein
ganzes Leben. Nun versteh' ich erst die Claude Lorrains und habe
Hoffnung, auch dereinst in Norden aus meiner Seele Schattenbilder
dieser gluecklichen Wohnung hervor--3zubringen. Waere nur alles
Kleinliche so rein daraus weggewaschen als die Kleinheit der
Strohdaecher aus meinen Zeichenbegriffen. Wir wollen sehen, was diese
Koenigin der Inseln tun kann.
Hafen. Gemaelde von Claude Lorrain
Wie sie uns empfangen hat, habe ich keine Worte auszudruecken: mit
frischgruenenden Maulbeerbaeumen, immergruenendem Oleander,
Zitronenhecken etc. In einem oeffentlichen Garten stehn weite Beete von
Ranunkeln und Anemonen. Die Luft ist mild, warm und wohlriechend, der
Wind lau. Der Mond ging dazu voll hinter einem Vorgebirge herauf und
schien ins Meer; und diesen Genuss, nachdem man vier Tage und Naechte
auf den Wellen geschwebt! Verzeiht, wenn ich mit einer stumpfen Feder
aus einer Tuschmuschel, aus der mein Gefaehrte die Umrisse nachzieht,
dieses hinkritzle. Es kommt doch wie ein Lispeln zu euch hinueber,
indes ich allen, die mich lieben, ein ander Denkmal dieser meiner
gluecklichen Stunden bereite. Was es wird, sag' ich nicht, wann ihr es
erhaltet, kann ich auch nicht sagen.
Palermo, Dienstag, den 3. April 1787.
Dieses Blatt sollte nun, meine Geliebten, euch des schoensten Genusses,
insofern es moeglich waere, teilhaft machen; es sollte die Schilderung
der unvergleichlichen, eine grosse Wassermasse umfassenden Bucht
ueberliefern. Von Osten herauf, wo ein flaecheres Vorgebirg weit in die
See greift, an vielen schroffen, wohlgebildeten, waldbewachsenen
Felsen hin bis an die Fischerwohnungen der Vorstaedte herauf, dann an
der Stadt selbst her, deren aeussere Haeuser alle nach dem Hafen schauen,
wie unsere Wohnung auch, bis zu dem Tore, durch welches wir
hereinkamen.
Dann geht es westwaerts weiter fort an den gewoehnlichen Landungsplatz,
wo kleinere Schiffe anlegen, bis zu dem eigentlichen Hafen an den Molo,
die Station groesserer Schiffe. Da erhebt sich nun, saemtliche
Fahrzeuge zu schuetzen, in Westen der Monte Pellegrino in seinen
schoenen Formen, nachdem er ein liebliches, fruchtbares Tal, das sich
bis zum jenseitigen Meer erstreckt, zwischen sich und dem eigentlichen
festen Land gelassen.
Die Bucht von Palermo. Zeichnung von Goethe
Kniep zeichnete, ich schematisierte, beide mit grossem Genuss, und nun,
da wir froehlich nach Hause kommen, fuehlen wir beide weder Kraefte noch
Mut, zu wiederholen und auszufuehren. Unsere Entwuerfe muessen also fuer
kuenftige Zeiten liegenbleiben, und dieses Blatt gibt euch bloss ein
Zeugnis unseres Unvermoegens, diese Gegenstaende genugsam zu fassen,
oder vielmehr unserer Anmassung, sie in so kurzer Zeit erobern und
beherrschen zu wollen.
Palermo, Mittwoch, den 4. April 1787.
Nachmittags besuchten wir das fruchtreiche und angenehme Tal, welches
die suedlichen Berge herab an Palermo vorbeizieht, durchschlaengelt von
dem Fluss Oreto. Auch hier wird ein malerisches Auge und eine
geschickte Hand gefordert, wenn ein Bild soll gefunden werden, und
doch erhaschte Kniep einen Standpunkt, da, wo das gestemmte Wasser von
einem halbzerstoerten Wehr herunterfliesst, beschattet von einer
froehlichen Baumgruppe, dahinter das Tal hinaufwaerts die freie Aussicht
und einige landwirtschaftliche Gebaeude.
Die schoenste Fruehlingswitterung und eine hervorquellende Fruchtbarkeit
verbreitete das Gefuehl eines belebenden Friedens ueber das ganze Tal,
welches mir der ungeschickte Fuehrer durch seine Gelehrsamkeit
verkuemmerte, umstaendlich erzaehlend, wie Hannibal hier vormals eine
Schlacht geliefert und was fuer ungeheure Kriegstaten an dieser Stelle
geschehen. Unfreundlich verwies ich ihm das fatale Hervorrufen
solcher abgeschiedenen Gespenster. Es sei schlimm genug, meinte ich,
dass von Zeit zu Zeit die Saaten, wo nicht immer von Elefanten, doch
von Pferden und Menschen zerstampft werden muessten. Man solle
wenigstens die Einbildungskraft nicht mit solchem Nachgetuemmel aus
ihrem friedlichen Traume aufschrecken.
Er verwunderte sich sehr, dass ich das klassische Andenken an so einer
Stelle verschmaehte, und ich konnte ihm freilich nicht deutlich machen,
wie mir bei einer solchen Vermischung des Vergangenen und des
Gegenwaertigen zumute sei.
Noch wunderlicher erschien ich diesem Begleiter, als ich auf allen
seichten Stellen, deren der Fluss gar viele trocken laesst, nach
Steinchen suchte und die verschiedenen Arten derselben mit mir
forttrug. Ich konnte ihm abermals nicht erklaeren, dass man sich von
einer gebirgigen Gegend nicht schneller einen Begriff machen kann, als
wenn man die Gesteinsarten untersucht, die in den Baechen
herabgeschoben werden, und dass hier auch die Aufgabe sei, durch
Truemmer sich eine Vorstellung von jenen ewig klassischen Hoehen des
Erdaltertums zu verschaffen.
Auch war meine Ausbeute aus diesem Flusse reich genug, ich brachte
beinahe vierzig Stuecke zusammen, welche sich freilich in wenige
Rubriken unterordnen liessen. Das meiste war eine Gebirgsart, die man
bald fuer Jaspis oder Hornstein, bald fuer Tonschiefer ansprechen konnte.
Ich fand sie teils in abgerundeten, teils unfoermigen Geschieben,
teils rhombisch gestaltet, von vielerlei Farben. Ferner kamen viele
Abaenderungen des aeltern Kalkes vor, nicht weniger Breccien, deren
Bindemittel Kalk, die verbundenen Steine aber bald Jaspis, bald Kalk
waren. Auch fehlte es nicht an Geschieben von Muschelkalk.
Die Pferde fuettern sie mit Gerste, Haeckerling und Kleien; im Fruehjahr
geben sie ihnen geschosste gruene Gerste, um sie zu erfrischen, per
rinfrescar, wie sie es nennen. Da sie keine Wiesen haben, fehlt es an
Heu. Auf den Bergen gibt es einige Weide, auch auf den aeckern, da ein
Drittel als Brache liegenbleibt. Sie halten wenig Schafe, deren Rasse
aus der Barbarei kommt, ueberhaupt auch mehr Maultiere als Pferde, weil
jenen die hitzige Nahrung besser bekommt als diesen.
Die Plaine, worauf Palermo liegt, sowie ausser der Stadt die Gegend Ai
Colli, auch ein Teil der Bagaria, hat im Grunde Muschelkalk woraus die
Stadt gebaut ist, daher man denn auch grosse Steinbrueche in diesen
Lagen findet. In der Naehe von Monte Pellegrino sind sie an einer
Stelle ueber funfzig Fuss tief. Die untern Lager sind weisser von Farbe.
Man findet darin viel versteinte Korallen und Schaltiere, vorzueglich
grosse Pilgermuscheln. Das obere Lager ist mit rotem Ton gemischt und
enthaelt wenig oder gar keine Muscheln. Ganz obenauf liegt roter Ton,
dessen Lage jedoch nicht stark ist. Der Monte Pellegrino hebt sich
aus allem diesem hervor; er ist ein aelterer Kalk, hat viele Loecher und
Spaltungen, welche, genau betrachtet, obgleich sehr unregelmaessig, sich
doch nach der Ordnung der Baenke richten. Das Gestein ist fest und
klingend.
Palermo, Donnerstag, den 5. April 1787.
Wir gingen die Stadt im besondern durch. Die Bauart gleicht meistens
der von Neapel, doch stehen oeffentliche Monumente, z. B. Brunnen,
noch weiter entfernt vom guten Geschmack. Hier ist nicht wie in Rom
ein Kunstgeist, welcher die Arbeit regelt; nur von Zufaelligkeiten
erhaelt das Bauwerk Gestalt und Dasein. Ein von dem ganzen Inselvolke
angestaunter Brunnen existierte schwerlich, wenn es in Sizilien nicht
schoenen, bunten Marmor gaebe, und wenn nicht gerade ein Bildhauer,
geuebt in Tiergestalten, damals Gunst gehabt haette. Es wird
schwerhalten, diesen Brunnen zu beschreiben. Auf einem maessigen Platze
steht ein rundes architektonisches Werk, nicht gar stockhoch, Sockel,
Mauer und Gesims von farbigem Marmor; in die Mauer sind in einer
Flucht mehrere Nischen angebracht, aus welchen, von weissem Marmor
gebildet, alle Arten Tierkoepfe auf gestreckten Haelsen herausschauen:
Pferd, Loewe, Kamel, Elefant wechseln miteinander ab, und man erwartete
kaum hinter dem Kreise dieser Menagerie einen Brunnen, zu welchem von
vier Seiten durch gelassene Luecken marmorne Stufen hinauffuehren, um
das reichlich gespendete Wasser schoepfen zu lassen.
Etwas aehnliches ist es mit den Kirchen, wo die Prachtliebe der
Jesuiten noch ueberboten ward, aber nicht aus Grundsatz und Absicht,
sondern zufaellig, wie allenfalls ein gegenwaertiger Handwerker,
Figuren--oder Laubschnitzer Vergolder, Lackierer und Marmorierer
gerade das, was er vermochte, ohne Geschmack und Leitung an gewissen
Stellen anbringen wollte.
Dabei findet man eine Faehigkeit, natuerliche Dinge nachzuahmen, wie
denn z. B. jene Tierkoepfe gut genug gearbeitet sind. Dadurch wird
freilich die Bewunderung der Menge erregt, deren ganze Kunstfreude
darin besteht, dass sie das Nachgebildete mit dem Urbilde vergleichbar
findet.
Gegen Abend machte ich eine heitere Bekanntschaft, indem ich auf der
langen Strasse bei einem kleinen Handelsmanne eintrat, um verschiedene
Kleinigkeiten einzukaufen. Als ich vor dem Laden stand, die Ware zu
besehen, erhob sich ein geringer Luftstoss, welcher, laengs der Strasse
herwirbelnd, einen unendlichen erregten Staub in alle Buden und
Fenster sogleich verteilte. "Bei allen Heiligen! sagt mir", rief ich
aus, "woher kommt die Unreinlichkeit eurer Stadt, und ist derselben
denn nicht abzuhelfen? Diese Strasse wetteifert an Laenge und Schoenheit
mit dem Corso zu Rom. An beiden Seiten Schrittsteine, die jeder
Laden--und Werkstattbesitzer mit unablaessigem Kehren reinlich haelt,
indem er alles in die Mitte hinunterschiebt, welche dadurch nur immer
unreinlicher wird und euch mit jedem Windshauch den Unrat zuruecksendet,
den ihr der Hauptstrasse zugewiesen habt. In Neapel tragen
geschaeftige Esel jeden Tag das Kehricht nach Gaerten und Feldern,
sollte denn bei euch nicht irgendeine aehnliche Einrichtung entstehen
oder getroffen werden?"
"Es ist bei uns nun einmal, wie es ist", versetzte der Mann; "was wir
aus dem Hause werfen, verfault gleich vor der Tuere uebereinander. Ihr
seht hier Schichten von Stroh und Rohr, von Kuechenabgaengen und
allerlei Unrat, das trocknet zusammen auf und kehrt als Staub zu uns
zurueck. Gegen den wehren wir uns den ganzen Tag. Aber seht, unsere
schoenen, geschaeftigen, niedlichen Besen vermehren, zuletzt abgestumpft,
nur den Unrat vor unsern Haeusern."
Und lustig genommen, war es wirklich an dem. Sie haben niedliche
Beschen von Zwergpalmen, die man mit weniger Abaenderung zum
Faecherdienst eignen koennte, sie schleifen sich leicht ab, und die
stumpfen liegen zu Tausenden in der Strasse. Auf meine wiederholte
Frage, ob dagegen keine Anstalt zu treffen sei, erwiderte er, die Rede
gehe im Volke, dass gerade die, welche fuer Reinlichkeit zu sorgen
haetten, wegen ihres grossen Einflusses nicht genoetigt werden koennten,
die Gelder pflichtmaessig zu verwenden, und dabei sei noch der
wunderliche Umstand, dass man fuerchte, nach weggeschafftem misthaftem
Gestroehde werde erst deutlich zum Vorschein kommen, wie schlecht das
Pflaster darunter beschaffen sei, wodurch denn abermals die unredliche
Verwaltung einer andern Kasse zutage kommen wuerde. Das alles aber sei,
setzte er mit possierlichem Ausdruck hinzu, nur Auslegung von
uebelgesinnten, er aber von der Meinung derjenigen, welche behaupten,
der Adel erhalte seinen Karossen diese weiche Unterlage, damit sie des
Abends ihre herkoemmliche Lustfahrt auf elastischem Boden bequem
vollbringen koennten. Und da der Mann einmal im Zuge war, bescherzte
er noch mehrere Polizeimissbraeuche, mir zu troestlichem Beweis, dass der
Mensch noch immer Humor genug hat, sich ueber das Unabwendbare lustig
zu machen.
Palermo, den 6. April 1787.
Die heilige Rosalie, Schutzpatronin von Palermo, ist durch die
Beschreibung, welche Brydone von ihrem Feste gegeben 5 hat, so
allgemein bekannt geworden, dass es den Freunden gewiss angenehm sein
muss, etwas von dem Orte und der Stelle, wo sie besonders verehrt wird,
zu lesen.
Der Monte Pellegrino, eine grosse Felsenmasse, breiter als hoch, liegt
an dem nordwestlichen Ende des Golfs von Palermo. Seine schoene Form
laesst sich mit Worten nicht beschreiben; eine unvollkommene Abbildung
davon findet sich in dem "Voyage pittoresque de la Sicile". Er
bestehet aus einem grauen Kalkstein der frueheren Epoche. Die Felsen
sind ganz nackt, kein Baum, kein Strauch waechst auf ihnen, kaum, dass
die flachliegenden Teile mit etwas Rasen und Moos bedeckt sind.
In einer Hoehle dieses Berges entdeckte man zu Anfang des vorigen
Jahrhunderts die Gebeine der Heiligen und brachte sie nach Palermo.
Ihre Gegenwart befreite die Stadt von der Pest, und Rosalie war seit
diesem Augenblicke die Schutzheilige des Volks; man baute ihr Kapellen
und stellte ihr zu Ehren glaenzende Feierlichkeiten an.
Pferderennen beim Fest der hl. Rosalia in Palermo. Kupferstich nach
Desprez
Die Andaechtigen wallfahrteten fleissig auf den Berg, und man erbaute
mit grossen Kosten einen Weg, der wie eine Wasserleitung auf Pfeilern
und Bogen ruht und in einem Zickzack zwischen zwei Klippen
hinaufsteigt.
Der Andachtsort selbst ist der Demut der Heiligen, welche sich dahin
fluechtete, angemessener als die praechtigen Feste, welche man ihrer
voelligen Entaeusserung von der Welt zu Ehren anstellte. Und vielleicht
hat die ganze Christenheit, welche nun achtzehnhundert Jahre ihren
Besitz, ihre Pracht, ihre feierlichen Lustbarkeiten auf das Elend
ihrer ersten Stifter und eifrigsten Bekenner gruendet, keinen heiligen
Ort aufzuweisen, der auf eine so unschuldige und gefuehlvolle Art
verziert und verehrt waere.
Wenn man den Berg erstiegen hat, wendet man sich um eine Felsenecke,
wo man einer steilen Felswand nah gegenueber steht, an welcher die
Kirche und das Kloster gleichsam festgebaut sind.
Die Aussenseite der Kirche hat nichts Einladendes noch Versprechendes;
man eroeffnet die Tuere ohne Erwartung, wird aber auf das wunderbarste
ueberrascht, indem man hineintritt. Man befindet sich unter einer
Halle, welche in der Breite der Kirche hinlaeuft und gegen das Schiff
zu offen ist. Man sieht in derselben die gewoehnlichen Gefaesse mit
Weihwasser und einige Beichtstuehle. Das Schiff der Kirche ist ein
offner Hof, der an der rechten Seite von rauhen Felsen, auf der linken
von einer Kontinuation der Halle zugeschlossen wird. Er ist mit
Steinplatten etwas abhaengig belegt, damit das Regenwasser ablaufen
kann; ein kleiner Brunnen steht ungefaehr in der Mitte.
Die Hoehle selbst ist zum Chor umgebildet, ohne dass man ihr von der
natuerlichen rauhen Gestalt etwas genommen haette. Einige Stufen fuehren
hinauf: gleich steht der grosse Pult mit dem Chorbuche entgegen, auf
beiden Seiten die Chorstuehle. Alles wird von dem aus dem Hofe oder
Schiff einfallenden Tageslicht erleuchtet. Tief hinten in dem Dunkel
der Hoehle steht der Hauptaltar in der Mitte.
Man hat, wie schon gesagt, an der Hoehle nichts veraendert; allein da
die Felsen immer von Wasser traeufeln, war es noetig, den Ort trocken zu
halten. Man hat dieses durch bleierne Rinnen bewirkt, welche man an
den Kanten der Felsen hergefuehrt und verschiedentlich miteinander
verbunden hat. Da sie oben breit sind und unten spitz zulaufen, auch
mit einer schmutzig gruenen Farbe angestrichen sind, so sieht es fast
aus, als wenn die Hoehle inwendig mit grossen Kaktusarten bewachsen waere.
Das Wasser wird teils seitwaerts, teils hinten in einen klaren
Behaelter geleitet, woraus es die Glaeubigen schoepfen und gegen allerlei
uebel gebrauchen.
Da ich diese Gegenstaende genau betrachtete, trat ein Geistlicher zu
mir und fragte mich, ob ich etwa ein Genueser sei und einige Messen
wollte lesen lassen. Ich versetzte ihm darauf, ich sei mit einem
Genueser nach Palermo gekommen, welcher morgen als an einem Festtage
heraufsteigen wuerde. Da immer einer von uns zu Hause bleiben muesste,
waere ich heute heraufgegangen, mich umzusehen. Er versetzte darauf,
ich moechte mich aller Freiheit bedienen, alles wohl betrachten und
meine Devotion verrichten. Besonders wies er mich an einen Altar, der
links in der Hoehle stand, als ein besonderes Heiligtum und verliess
mich.
Ich sah durch die oeffnungen eines grossen, aus Messing getriebenen
Laubwerks Lampen unter dem Altar hervorschimmern, kniete ganz nahe
davor hin und blickte durch die oeffnungen. Es war inwendig noch ein
Gitterwerk von feinem geflochtenem Messingdraht vorgezogen, so dass man
nur wie durch einen Flor den Gegenstand dahinter unterscheiden konnte.
Ein schoenes Frauenzimmer erblickt' ich bei dem Schein einiger stillen
Lampen.
Sie lag wie in einer Art von Entzueckung, die Augen halb geschlossen,
den Kopf nachlaessig auf die rechte Hand gelegt, die mit vielen Ringen
geschmueckt war. Ich konnte das Bild nicht genug betrachten; es schien
mir ganz besondere Reize zu haben. Ihr Gewand ist aus einem
vergoldeten Blech getrieben, welches einen reich von Gold gewirkten
Stoff gar gut nachahmt. Kopf und Haende, von weissem Marmor, sind, ich
darf nicht sagen in einem hohen Stil, aber doch so natuerlich und
gefaellig gearbeitet, dass man glaubt, sie muesste Atem holen und sich
bewegen.
Ein kleiner Engel steht neben ihr und scheint ihr mit einem
Lilienstengel Kuehlung zuzuwehen.
Unterdessen waren die Geistlichen in die Hoehle gekommen, hatten sich
auf ihre Stuehle gesetzt und sangen die Vesper.
Ich setzte mich auf eine Bank gegen dem Altar ueber und hoerte ihnen
eine Weile zu; alsdann begab ich mich wieder zum Altare, kniete nieder
und suchte das schoene Bild der Heiligen noch deutlicher gewahr zu
werden. Ich ueberliess mich ganz der reizenden Illusion der Gestalt und
des Ortes.
Der Gesang der Geistlichen verklang nun in der Hoehle, das Wasser
rieselte in das Behaeltnis gleich neben dem Altare zusammen, die
ueberhangenden Felsen des Vorhofs, des eigentlichen Schiffs der Kirche,
schlossen die Szene noch mehr ein. Es war eine grosse Stille in dieser
gleichsam wieder ausgestorbenen Wueste, eine grosse Reinlichkeit in
einer wilden Hoehle; der Flitterputz des katholischen, besonders
sizilianischen Gottesdienstes, hier noch zunaechst seiner natuerlichen
Einfalt; die Illusion, welche die Gestalt der schoenen Schlaeferin
hervorbraechte, auch einem geuebten Auge noch reizend--genug, ich konnte
mich nur mit Schwierigkeit von diesem Orte losreissen und kam erst in
spaeter Nacht wieder in Palermo an.
Palermo, Sonnabend, den 7. April 1787.
In dem oeffentlichen Garten unmittelbar an der Reede brachte ich im
stillen die vergnuegtesten Stunden zu. Es ist der wunderbarste Ort von
der Welt. Regelmaessig angelegt, scheint er uns doch feenhaft; vor
nicht gar langer Zeit gepflanzt, versetzt er ins Altertum. Gruene
Beeteinfassungen umschliessen fremde Gewaechse, Zitronenspaliere woelben
sich zum niedlichen Laubengange, hohe Waende des Oleanders, geschmueckt
von tausend roten nelkenhaften Blueten, locken das Auge. Ganz fremde,
mir unbekannte Baeume, noch ohne Laub, wahrscheinlich aus waermern
Gegenden, verbreiten seltsame Zweige. Eine hinter dem flachen Raum
erhoehte Bank laesst einen so wundersam verschlungenen Wachstum uebersehen
und lenkt den Blick zuletzt auf grosse Bassins, in welchen Gold--und
Silberfische sich gar lieblich bewegen, bald sich unter bemooste
Roehren verbergen, bald wieder scharenweise durch einen Bissen Brot
gelockt, sich versammeln. An den Pflanzen erscheint durchaus ein Gruen,
das wir nicht gewohnt sind, bald gelblicher, bald blaulicher als bei
uns. Was aber dem Ganzen die wundersamste Anmut verlieh, war ein
starker Duft, der sich ueber alles gleichfoermig verbreitete, mit so
merklicher Wirkung, dass die Gegenstaende, auch nur einige Schritte
hintereinander entfernt, sich entschiedener hellblau voneinander
absetzten, so dass ihre eigentuemliche Farbe zuletzt verlorenging, oder
wenigstens sehr ueberblaeut sie sich dem Auge darstellten.
Welche wundersame Ansicht ein solcher Duft entfernteren Gegenstaenden,
Schiffen, Vorgebirgen erteilt, ist fuer ein malerisches Auge merkwuerdig
genug, indem die Distanzen genau zu unterscheiden, ja zu messen sind;
deswegen auch ein Spaziergang auf die Hoehe hoechst reizend ward. Man
sah keine Natur mehr, sondern nur Bilder, wie sie der kuenstlichste
Maler durch Lasieren auseinander gestuft haette.
Aber der Eindruck jenes Wundergartens war mir zu tief geblieben; die
schwaerzlichen Wellen am noerdlichen Horizonte, ihr Anstreben an die
Buchtkruemmungen, selbst der eigene Geruch des duenstenden Meeres, das
alles rief mir die Insel der seligen Phaeaken in die Sinne sowie ins
Gedaechtnis. Ich eilte sogleich, einen Homer zu kaufen, jenen Gesang
mit grosser Erbauung zu lesen und eine uebersetzung aus dem Stegreif
Kniepen vorzutragen, der wohl verdiente, bei einem guten Glase Wein
von seinen strengen heutigen Bemuehungen behaglich auszuruhen.
Palermo, den 8. April 1787. Ostersonntag.
Nun aber ging die laermige Freude ueber die glueckliche Auferstehung des
Herrn mit Tagesanbruch los. Petarden, Lauffeuer, Schlaege, Schwaermer
und dergleichen wurden kastenweis vor den Kirchtueren losgebrannt,
indessen die Glaeubigen sich zu den eroeffneten Fluegelpforten draengten.
Glocken--und Orgelschall, Chorgesang der Prozessionen und der ihnen
entgegnenden geistlichen Choere konnten wirklich das Ohr derjenigen
verwirren, die an eine so laermende Gottesverehrung nicht gewoehnt waren.
Die fruehe Messe war kaum geendigt, als zwei wohlgeputzte Laufer des
Vizekoenigs unsern Gasthof besuchten, in der doppelten Absicht, einmal
den saemtlichen Fremden zum Feste zu gratulieren und dagegen ein
Trinkgeld einzunehmen, mich sodann zur Tafel zu laden, weshalb meine
Gabe etwas erhoeht werden musste.
Nachdem ich den Morgen zugebracht, die verschiedenen Kirchen zu
besuchen und die Volksgesichter und Gestalten zu betrachten, fuhr ich
zum Palast des Vizekoenigs, welcher am obern Ende der Stadt liegt.
Weil ich etwas zu frueh gekommen, fand ich die grossen Saele noch leer,
nur ein kleiner, munterer Mann ging auf mich zu, den ich sogleich fuer
einen Malteser erkannte.
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