Italienische Reise Teil 1
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Johann Wolfgang Goethe >> Italienische Reise Teil 1
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Die Kalkalpen, welche ich bisher durchschnitten, haben eine graue
Farbe und schoene, sonderbare, unregelmaessige Formen, ob sich gleich der
Fels in Lager und Baenke teilt. Aber weil auch geschwungene Lager
vorkommen und der Fels ueberhaupt ungleich verwittert, so sehen die
Waende und Gipfel seltsam aus. Diese Gebirgsart steigt den Brenner
weit herauf. In der Gegend des oberen Sees fand ich eine Veraenderung
desselben. An dunkelgruenen und dunkelgrauen Glimmerschiefer, stark
mit Quarz durchzogen, lehnte sich ein weisser, dichter Kalkstein, der
an der Abloesung glimmerig war und in grossen, obgleich unendlich
zerkluefteten Massen anstand. UEber demselben fand ich wieder
Glimmerschiefer, der mir aber zaerter als der vorige zu sein schien.
Weiter hinauf zeigt sich eine besondere Art Gneis oder vielmehr eine
Granitart, die sich dem Gneis zubildet, wie in der Gegend von Elbogen.
Hier oben, gegen dem Hause ueber, ist der Fels Glimmerschiefer. Die
Wasser, die aus dem Berge kommen, bringen nur diesen Stein und grauen
Kalk mit.
Nicht fern muss der Granitstock sein, an den sich alles anlehnt. Die
Karte zeigt, dass man sich an der Seite des eigentlichen grossen
Brenners befindet, von dem aus die Wasser sich ringsum ergiessen.
Vom aeussern des Menschengeschlechts habe ich so viel aufgefasst. Die
Nation ist wacker und gerade vor sich hin. Die Gestalten bleiben sich
ziemlich gleich, braune, wohlgeoeffnete Augen und sehr gut gezeichnete
schwarze Augenbraunen bei den Weibern; dagegen blonde und breite
Augenbraunen bei den Maennern. Diesen geben die gruenen Huete zwischen
den grauen Felsen ein froehliches Ansehn. Sie tragen sie geziert mit
Baendern oder breiten Schaerpen von Taft mit Franzen, die mit Nadeln gar
zierlich aufgeheftet werden. Auch hat jeder eine Blume oder eine
Feder auf dem Hut. Dagegen verbilden sich die Weiber durch weisse,
baumwollene, zottige, sehr weite Muetzen, als waeren es unfoermliche
Mannesnachtmuetzen. Das gibt ihnen ein ganz fremdes Ansehn, da sie im
Auslande die gruenen Mannshuete tragen, die sehr schoen kleiden.
Ich habe Gelegenheit gehabt zu sehen, welchen Wert die gemeinen Leute
auf Pfauenfedern legen, und wie ueberhaupt jede bunte Feder geehrt wird.
Wer diese Gebirge bereisen wollte, muesste dergleichen mit sich fuehren.
Eine solche am rechten Orte angebrachte Feder wuerde statt des
willkommensten Trinkgeldes dienen.
Indem ich nun diese Blaetter sondere, sammele, hefte und dergestalt
einrichte, dass sie meinen Freunden bald einen leichten ueberblick
meiner bisherigen Schicksale gewaehren koennen, und dass ich mir zugleich,
was ich bisher erfahren und gedacht, von der Seele waelze, betrachte
ich dagegen mit einem Schauer manche Pakete, von denen ich ein kurz
und gutes Bekenntnis ablegen muss: sind es doch meine Begleiter, werden
sie nicht viel Einfluss auf meine naechsten Tage haben!
Ich hatte nach Karlsbad meine saemtlichen Schriften mitgenommen, um die
von Goeschen zu besorgende Ausgabe schliesslich zusammenzustellen. Die
ungedruckten besass ich schon laengst in schoenen Abschriften von der
geschickten Hand des Sekretaer Vogel. Dieser wackere Mann begleitete
mich auch diesmal, um mir durch seine Fertigkeit beizustehen. Dadurch
ward ich in den Stand gesetzt, die vier ersten Baende unter der
treusten Mitwirkung Herders an den Verleger abzusenden, und war im
Begriff, mit den vier letzten das gleiche zu tun. Diese bestanden
teils aus nur entworfenen Arbeiten, ja aus Fragmenten, wie denn meine
Unart, vieles anzufangen und bei vermindertem Interesse liegen zu
lassen, mit den Jahren, Beschaeftigungen und Zerstreuungen allgemach
zugenommen hatte.
Da ich nun diese Dinge saemtlich mit mir fuehrte, so gehorchte ich gern
den Anforderungen der Karlsbader geistreichen Gesellschaft und las ihr
alles vor, was bisher unbekannt geblieben, da man sich denn jedesmal
ueber das Nichtvollbringen derjenigen Dinge, an denen man sich gern
laenger unterhalten haette, bitterlich beschwerte.
Die Feier meines Geburtstages bestand hauptsaechlich darin, dass ich
mehrere Gedichte erhielt im Namen meiner unternommenen, aber
vernachlaessigten Arbeiten, worin sich jedes nach seiner Art ueber mein
Verfahren beklagte. Darunter zeichnete sich ein Gedicht im Namen der
Voegel aus, wo eine an Treufreund gesendete Deputation dieser muntern
Geschoepfe instaendig bat, er moechte doch das ihnen zugesagte Reich
nunmehr auch gruenden und einrichten. Nicht weniger einsichtig und
anmutig waren die aeusserungen ueber meine andern Stueckwerke, so dass sie
mir auf einmal wieder lebendig wurden und ich den Freunden meine
gehabten Vorsaetze und vollstaendigen Plane mit Vergnuegen erzaehlte.
Dies veranlasste dringende Forderungen und Wuensche und gab Herdern
gewonnen Spiel, als er mich zu ueberreden suchte, ich moechte diese
Papiere nochmals mit mir nehmen, vor allem aber Iphigenien noch einige
Aufmerksamkeit schenken, welche sie wohl verdiene. Das Stueck, wie es
gegenwaertig liegt, ist mehr Entwurf als Ausfuehrung, es ist in
poetischer Prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen
Rhythmus verliert, auch wohl andern Silbenmassen aehnelt. Dieses tut
freilich der Wirkung grossen Eintrag, wenn man es nicht sehr gut liest
und durch gewisse Kunstgriffe die Maengel zu verbergen weiss. Er legte
mir dieses so dringend ans Herz, und da ich meinen groesseren Reiseplan
ihm wie allen verborgen hatte, so glaubte er, es sei nur wieder von
einer Bergwanderung die Rede, und weil er sich gegen Mineralogie und
Geologie immer spoettisch erwies, meinte er, ich sollte, anstatt taubes
Gestein zu klopfen, meine Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Ich
gehorchte so vielen wohl gemeinten Andraengen: bis hierher aber war es
nicht moeglich, meine Aufmerksamkeit dahin zu lenken. Jetzt sondere
ich "Iphigenien" aus dem Paket und nehme sie mit in das schoene, warme
Land als Begleiterin. Der Tag ist so lang, das Nachdenken ungestoert,
und die herrlichen Bilder der Umwelt verdraengen keineswegs den
poetischen Sinn, sie rufen ihn vielmehr, von Bewegung und freier Luft
begleitet, nur desto schneller hervor.
Vom Brenner bis Verona
Trient, den 11. September, frueh.
Nachdem ich voellig funfzig Stunden am Leben und in steter
Beschaeftigung gewesen, kam ich gestern abend um acht Uhr hier an,
begab mich bald zur Ruhe und finde mich nun wieder imstande, in meiner
Erzaehlung fortzufahren. Am Neunten abends, als ich das erste Stueck
meines Tagebuchs geschlossen hatte, wollte ich noch die Herberge, das
Posthaus auf dem Brenner, in seiner Lage zeichnen, aber es gelang
nicht, ich verfehlte den Charakter und ging halb verdriesslich nach
Hause. Der Wirt fragte mich, ob ich nicht fort wollte, es sei
Mondenschein und der beste Weg, und ob ich wohl wusste, dass er die
Pferde morgen frueh zum Einfahren des Grummets brauchte und bis dahin
gern wieder zu Hause haette, sein Rat also eigennuetzig war, so nahm ich
ihn doch, weil er mit meinem innern Triebe uebereinstimmte, als gut an.
Die Sonne liess sich wieder blicken, die Luft war leidlich; ich packte
ein, und um sieben Uhr fuhr ich weg. Die Atmosphaere ward ueber die
Wolken Herr und der Abend gar schoen.
Der Postillon schlief ein, und die Pferde liefen den schnellsten Trab
bergunter, immer auf dem bekannten Wege fort; kamen sie an ein eben
Fleck, so ging es desto langsamer. Der Fuehrer wachte auf und trieb
wieder an, und so kam ich sehr geschwind, zwischen hohen Felsen, an
dem reissenden Etschfluss hinunter. Der Mond ging auf und beleuchtete
ungeheuere Gegenstaende. Einige Muehlen zwischen uralten Fichten ueber
dem schaeumenden Strom waren voellige Everdingen.
Als ich um neun Uhr nach Sterzing gelangte, gab man mir zu verstehen,
dass man mich gleich wieder wegwuensche. In Mittenwald Punkt zwoelf Uhr
fand ich alles in tiefem Schlafe, ausser dem Postillon, und so ging es
weiter auf Brixen, wo man mich wieder gleichsam entfuehrte, so dass ich
mit dem Tage in Kollmann ankam. Die Postillons fuhren, dass einem
Sehen und Hoeren verging, und so leid es mir tat, diese herrlichen
Gegenden mit der entsetzlichsten Schnelle und bei Nacht wie im Fluge
zu durchreisen, so freuete es mich doch innerlich, dass ein guenstiger
Wind hinter mir herblies und mich meinen Wuenschen zujagte. Mit
Tagesanbruch erblickte ich die ersten Rebhuegel. Eine Frau mit Birnen
und Pfirschen begegnete mir, und so ging es auf Teutschen los, wo ich
um sieben Uhr ankam und gleich weiterbefoerdert wurde. Nun erblickte
ich endlich bei hohem Sonnenschein, nachdem ich wieder eine Weile
nordwaerts gefahren war, das Tal, worin Bozen liegt. Von steilen, bis
auf eine ziemliche Hoehe angebauten Bergen umgeben, ist es gegen Mittag
offen, gegen Norden von den Tiroler Bergen gedeckt. Eine milde,
sanfte Luft fuellte die Gegend. Hier wendet sich die Etsch wieder
gegen Mittag. Die Huegel am Fusse der Berge sind mit Wein bebaut. UEber
lange, niedrige Lauben sind die Stoecke gezogen, die blauen Trauben
haengen gar zierlich von der Decke herunter und reifen an der Waerme des
nahen Bodens. Auch in der Flaeche des Tals, wo sonst nur Wiesen sind,
wird der Wein in solchen eng aneinander stehenden Reihen von Lauben
gebaut, dazwischen das tuerkische Korn, das nun immer hoehere Stengel
treibt. Ich habe es oft zu zehn Fuss hoch gesehen. Die zaselige
maennliche Bluete ist noch nicht abgeschnitten, wie es geschieht, wenn
die Befruchtung eine Zeitlang vorbei ist.
Bei heiterm Sonnenschein kam ich nach Bozen. Die vielen
Kaufmannsgesichter freuten mich beisammen. Ein absichtliches,
wohlbehagliches Dasein drueckt sich recht lebhaft aus. Auf dem Platze
sassen Obstweiber mit runden, flachen Koerben, ueber vier Fuss im
Durchmesser, worin die Pfirschen nebeneinander lagen, dass sie sich
nicht druecken sollten. Ebenso die Birnen. Hier fiel mir ein, was ich
in Regensburg am Fenster des Wirtshauses geschrieben sah:
Comme les peches et les melons
Sont pour la bouche d'un baron,
Ainsi les verges et les batons
Sont pour les fous, dit Salomon.
Dass ein nordischer Baron dies geschrieben, ist offenbar, und dass er in
diesen Gegenden seine Begriffe aendern wuerde, ist auch natuerlich.
Die Bozner Messe bewirkt einen starken Seidenvertrieb; auch Tuecher
werden dahin gebracht und was an Leder aus den gebirgigen Gegenden
zusammengeschafft wird. Doch kommen mehrere Kaufleute hauptsaechlich,
um Gelder einzukassieren, Bestellungen anzunehmen und neuen Kredit zu
geben, dahin. Ich hatte grosse Lust, alle die Produkte zu beleuchten,
die hier auf einmal zusammengefunden werden, doch der Trieb, die
Unruhe, die hinter mir ist, laesst mich nicht rasten, und ich eile
sogleich wieder fort. Dabei kann ich mich troesten, dass in unsern
statistischen Zeiten dies alles wohl schon gedruckt ist und man sich
gelegentlich davon aus Buechern unterrichten kann. Mir ist jetzt nur
um die sinnlichen Eindruecke zu tun, die kein Buch, kein Bild gibt.
Die Sache ist, dass ich wieder Interesse an der Welt nehme, meinen
Beobachtungsgeist versuche und pruefe, wie weit es mit meinen
Wissenschaften und Kenntnissen geht, ob mein Auge licht, rein und hell
ist, wieviel ich in der Geschwindigkeit fassen kann, und ob die Falten,
die sich in mein Gemuet geschlagen und gedrueckt haben, wieder
auszutilgen sind. Schon jetzt, dass ich mich selbst bediene, immer
aufmerksam, immer gegenwaertig sein muss, gibt mir diese wenigen Tage
her eine ganz andere Elastizitaet des Geistes; ich muss mich um den
Geldkurs bekuemmern, wechseln, bezahlen, notieren, schreiben, anstatt
dass ich sonst nur dachte, wollte, sann, befahl und diktierte.
Von Bozen auf Trient geht es neun Meilen weg in einem fruchtbaren und
fruchtbareren Tale hin. Alles, was auf den hoeheren Gebirgen zu
vegetieren versucht, hat hier schon mehr Kraft und Leben, die Sonne
scheint heiss, und man glaubt wieder einmal an einen Gott.
Eine arme Frau rief mich an, ich moechte ihr Kind in den Wagen nehmen,
weil ihm der heisse Boden die Fuesse verbrenne. Ich uebte diese
Mildtaetigkeit zu Ehren des gewaltigen Himmelslichtes. Das Kind war
sonderbar geputzt und aufgeziert, ich konnte ihm aber in keiner
Sprache etwas abgewinnen.
Die Etsch fliesst nun sanfter und macht an vielen Orten breite Kiese.
Auf dem Lande, nah am Fluss, die Huegel hinauf ist alles so enge an--und
ineinander gepflanzt, dass man denkt, es muesse eins das andere
ersticken.--Weingelaender, Mais, Maulbeerbaeume, Apfel, Birnen, Quitten
und Nuesse. UEber Mauern wirft sich der Attich lebhaft herueber. Efeu
waechst in starken Staemmen die Felsen hinauf und verbreitet sich weit
ueber sie; die Eidechse schluepft durch die Zwischenraeume, auch alles,
was hin und her wandelt, erinnert einen an die liebsten Kunstbilder.
Die aufgebundenen Zoepfe der Frauen, der Maenner blosse Brust und leichte
Jacken, die trefflichen Ochsen, die sie vom Markt nach Hause treiben,
die beladenen Eselchen, alles bildet einen lebendigen, bewegten
Heinrich Roos. Und nun, wenn es Abend wird, bei der milden Luft
wenige Wolken an den Bergen ruhen, am Himmel mehr stehen als ziehen,
und gleich nach Sonnenuntergang das Geschrille der Heuschrecken laut
zu werden anfaengt, da fuehlt man sich doch einmal in der Welt zu Hause
und nicht wie geborgt oder im Exil. Ich lasse mir's gefallen, als
wenn ich hier geboren und erzogen waere und nun von einer
Groenlandsfahrt, von einem Walfischfange zurueckkaeme. Auch der
vaterlaendische Staub, der manchmal den Wagen umwirbelt, von dem ich so
lange nichts erfahren habe, wird begruesst. Das Glocken--und
Schellengelaeute der Heuschrecken ist allerliebst, durchdringend und
nicht unangenehm. Lustig klingt es, wenn mutwillige Buben mit einem
Feld solcher Saengerinnen um die Wette pfeifen; man bildet sich ein,
dass sie einander wirklich steigern. Auch der Abend ist vollkommen
milde wie der Tag.
Wenn mein Entzuecken hierueber jemand vernaehme, der in Sueden wohnte, von
Sueden herkaeme, er wuerde mich fuer sehr kindisch halten. Ach, was ich
hier ausdruecke, habe ich lange gewusst, so lange, als ich unter einem
boesen Himmel dulde, und jetzt mag ich gern diese Freude als Ausnahme
fuehlen, die wir als eine ewige Naturnotwendigkeit immerfort geniessen
sollten.
Trient, den 10. September, abends.
Ich bin in der Stadt herumgegangen, die uralt ist und in einigen
Strassen neue wohlgebaute Haeuser hat. In der Kirche haengt ein Bild, wo
das versammelte Konzilium einer Predigt des Jesuitengenerals zuhoert.
Ich moechte wohl wissen, was er ihnen aufgebunden hat. Die Kirche
dieser Vaeter bezeichnet sich gleich von aussen durch rote
Marmorpilaster an der Fassade; ein schwerer Vorhang schliesst die Tuere,
den Staub abzuhalten. Ich hob ihn auf und trat in eine kleine
Vorkirche; die Kirche selbst ist durch ein eisernes Gitter geschlossen,
doch so, dass man sie ganz uebersehen kann. Es war alles still und
ausgestorben, denn es wird hier kein Gottesdienst mehr gehalten. Die
vordere Tuere stand nur auf, weil zur Vesperzeit alle Kirchen geoeffnet
sein sollen.
Wie ich nun so dastehe und der Bauart nachdenke, die ich den uebrigen
Kirchen dieser Vaeter aehnlich fand, tritt ein alter Mann herein, das
schwarze Kaeppchen sogleich abnehmend. Sein alter, schwarzer,
vergrauter Rock deutete auf einen verkuemmerten Geistlichen; er kniet
vor dem Gitter nieder und steht nach einem kurzen Gebet wieder auf.
Wie er sich umkehrt, sagt er halblaut fuer sich: "Da haben sie nun die
Jesuiten herausgetrieben; sie haetten ihnen auch zahlen sollen, was die
Kirche gekostet hat. Ich weiss wohl, was sie gekostet hat und das
Seminarium, wie viele Tausende." Indessen war er hinaus und hinter
ihm der Vorhang zugefallen, den ich lueftete und mich still hielt. Er
war auf der obern Stufe stehengeblieben und sagte: "Der Kaiser hat es
nicht getan, der Papst hat es getan." Mit dem Gesicht gegen die
Strasse gekehrt und ohne mich zu vermuten, fuhr er fort: "Erst die
Spanier, dann wir, dann die Franzosen. Abels Blut schreit ueber seinen
Bruder Kain!" und so ging er die Treppe hinab, immer mit sich redend,
die Strasse hin. Wahrscheinlich ist es ein Mann, den die Jesuiten
erhielten, und der ueber den ungeheuern Fall des Ordens den Verstand
verlor und nun taeglich kommt, in dem leeren Gefaess die alten Bewohner
zu suchen und nach einem kurzen Gebet ihren Feinden den Fluch zu geben.
Ein junger Mann, den ich um die Merkwuerdigkeiten der Stadt fragte,
zeigte mir ein Haus, das man des Teufels Haus nennt, welches der sonst
allzeit fertige Zerstoerer in einer Nacht mit schnell herbeigeschafften
Steinen erbaut haben soll. Das eigentliche Merkwuerdige daran bemerkte
der gute Mensch aber nicht, dass es naemlich das einzige Haus von gutem
Geschmack ist, das ich in Trient gesehen habe, in einer aelteren Zeit
gewiss von einem guten Italiener aufgefuehrt.
Abends um fuenf Uhr reiste ich ab; wieder das Schauspiel von gestern
abend und die Heuschrecken, die gleich bei Sonnenuntergang zu
schrillen anfangen. Wohl eine Meile weit faehrt man zwischen Mauern,
ueber welche sich Traubengelaender sehen lassen; andere Mauern, die
nicht hoch genug sind, hat man mit Steinen, Dornen und sonst zu
erhoehen gesucht, um das Abrupfen der Trauben den Vorbeigehenden zu
wehren. Viele Besitzer bespritzen die vordersten Reihen mit Kalk, der
die Trauben ungeniessbar macht, dem Wein aber nichts schadet, weil die
Gaerung alles wieder heraustreibt.
Den 11. September, abends.
Hier bin ich nun in Roveredo, wo die Sprache sich abschneidet; oben
herein schwankt es noch immer vom Deutschen zum Italienischen. Nun
hatte ich zum erstenmal einen stockwelschen Postillon; der Wirt
spricht kein Deutsch, und ich muss nun meine Sprachkuenste versuchen.
Wie froh bin ich, dass nunmehr die geliebte Sprache lebendig, die
Sprache des Gebrauchs wird!
Torbole, den 12. September, nach Tische.
Wie sehr wuenschte ich meine Freunde einen Augenblick neben mich, dass
sie sich der Aussicht freuen koennten, die vor mir liegt!
Heute abend haette ich koennen in Verona sein, aber es lag mir noch eine
herrliche Naturwirkung an der Seite, ein koestliches Schauspiel, der
Gardasee, den wollte ich nicht versaeumen, und bin herrlich fuer meinen
Umweg belohnt. Nach fuenfen fuhr ich von Roveredo fort, ein Seitental
hinauf, das seine Wasser noch in die Etsch giesst. Wenn man
hinaufkommt, liegt ein ungeheurer Felsriegel hinten vor, ueber den man
nach dem See hinunter muss. Hier zeigten sich die schoensten Kalkfelsen
zu malerischen Studien. Wenn man hinabkommt, liegt ein oertchen am
noerdlichen Ende des Sees und ist ein kleiner Hafen oder vielmehr
Anfahrt daselbst, es heisst Torbole. Die Feigenbaeume hatten mich schon
den Weg herauf haeufig begleitet, und indem ich in das Felsamphitheater
hinabstieg, fand ich die ersten oelbaeume voller Oliven. Hier traf ich
auch zum erstenmal die weissen kleinen Feigen als gemeine Frucht,
welche mir die Graefin Lanthieri verheissen hatte.
Aus dem Zimmer, in dem ich sitze, geht eine Tuere nach dem Hof hinunter;
ich habe meinen Tisch davor gerueckt und die Aussicht mit einigen
Linien gezeichnet. Man uebersieht den See beinah in seiner ganzen
Laenge, nur am Ende links entwendet er sich unsern Augen. Das Ufer,
auf beiden Seiten von Huegeln und Bergen eingefasst, glaenzt von
unzaehligen kleinen Ortschaften.
Nach Mitternacht blaest der Wind von Norden nach Sueden, wer also den
See hinab will, muss zu dieser Zeit fahren; denn schon einige Stunden
vor Sonnenaufgang wendet sich der Luftstrom und zieht nordwaerts.
Jetzo nachmittag wehet er stark gegen mich und kuehlt die heisse Sonne
gar lieblich. Zugleich lehrt mich Volkmann, dass dieser See ehemals
Benacus geheissen, und bringt einen Vers des Virgil, worin dessen
gedacht wird:
Fluctibus et fremitu resonans Benace marino.
Der erste lateinische Vers, dessen Inhalt lebendig vor mir steht, und
der in dem Augenblicke, da der Wind immer staerker waechst und der See
hoehere Wellen gegen die Anfahrt wirft, noch heute so wahr ist als vor
vielen Jahrhunderten. So manches hat sich veraendert, noch aber stuermt
der Wind in dem See, dessen Anblick eine Zeile Virgils noch immer
veredelt.
Geschrieben unter dem fuenfundvierzigsten Grade funfzig Minuten.
In der Abendkuehle ging ich spazieren und befinde mich nun wirklich in
einem neuen Lande, in einer ganz fremden Umgebung. Die Menschen leben
ein nachlaessiges Schlaraffenleben: erstlich haben die Tueren keine
Schloesser; der Wirt aber versicherte mir, ich koennte ganz ruhig sein,
und wenn alles, was ich bei mir haette, aus Diamanten bestuende;
zweitens sind die Fenster mit oelpapier statt Glasscheiben geschlossen;
drittens fehlt eine hoechst noetige Bequemlichkeit, so dass man dem
Naturzustande hier ziemlich nahe koemmt. Als ich den Hausknecht nach
einer gewissen Gelegenheit fragte, deutete er in den Hof hinunter.
"Qui abasso puo servirsi!" Ich fragte: "Dove?"--"Da per tutto, dove
vuol!" antwortete er freundlich. Durchaus zeigt sich die groesste
Sorglosigkeit, doch Leben und Geschaeftigkeit genug. Den ganzen Tag
verfuehren die Nachbarinnen ein Geschwaetz, ein Geschrei, und haben alle
zugleich etwas zu tun, etwas zu schaffen. Ich habe noch kein muessiges
Weib gesehn.
Der Wirt verkuendigte mir mit italienischer Emphase, dass er sich
gluecklich finde, mir mit der koestlichsten Forelle dienen zu koennen.
Sie werden bei Torbole gefangen, wo der Bach vom Gebirge herunter
kommt und der Fisch den Weg hinauf sucht. Der Kaiser erhaelt von
diesem Fange zehntausend Gulden Pacht. Es sind keine eigentlichen
Forellen, gross, manchmal funfzig Pfund schwer, ueber den ganzen Koerper
bis auf den Kopf hinauf punktiert; der Geschmack zwischen Forelle und
Lachs, zart und trefflich.
Mein eigentlich Wohlleben aber ist in Fruechten, in Feigen, auch Birnen,
welche da wohl koestlich sein muessen, wo schon Zitronen wachsen.
Den 13. September, abends.
Heute frueh um drei Uhr fuhr ich von Torbole weg mit zwei Ruderern.
Anfangs war der Wind guenstig, dass sie die Segel brauchen konnten. Der
Morgen war herrlich, zwar wolkig, doch bei der Daemmerung still. Wir
fuhren bei Limone vorbei, dessen Berggaerten, terrassenweise angelegt
und mit Zitronenbaeumen bepflanzt, ein reiches und reinliches Ansehn
geben. Der ganze Garten besteht aus Reihen von weissen viereckigen
Pfeilern, die in einer gewissen Entfernung voneinander stehen und
stufenweis den Berg hinaufruecken. UEber diese Pfeiler sind starke
Stangen gelegt, um im Winter die dazwischen gepflanzten Baeume zu
decken. Das Betrachten und Beschauen dieser angenehmen Gegenstaende
ward durch eine langsame Fahrt beguenstigt, und so waren wir schon an
Malcesine vorbei, als der Wind sich voellig umkehrte, seinen
gewoehnlichen Tagweg nahm und nach Norden zog. Das Rudern half wenig
gegen die uebermaechtige Gewalt, und so mussten wir im Hafen von
Malcesine landen. Es ist der erste venezianische Ort an der
Morgenseite des Sees. Wenn man mit dem Wasser zu tun hat, kann man
nicht sagen, ich werde heute da oder dort sein. Diesen Aufenthalt
will ich so gut als moeglich nutzen, besonders das Schloss zu zeichnen,
das am Wasser liegt und ein schoener Gegenstand ist. Heute im
Vorbeifahren nahm ich eine Skizze davon.
Den 14. September.
Der Gegenwind, der mich gestern in den Hafen von Malcesine trieb,
bereitete mir ein gefaehrliches Abenteuer, welches ich mit gutem Humor
ueberstand und in der Erinnerung lustig finde. Wie ich mir vorgenommen
hatte, ging ich morgens beizeiten in das alte Schloss, welches ohne Tor,
ohne Verwahrung und Bewachung jedermann zugaenglich ist. Im
Schlosshofe setzte ich mich dem alten auf und in den Felsen gebauten
Turm gegenueber; hier hatte ich zum Zeichnen ein sehr bequemes
Plaetzchen gefunden; neben einer drei, vier Stufen erhoehten
verschlossenen Tuer, im Tuergewaende ein verziertes steinernes Sitzchen,
wie wir sie wohl bei uns in alten Gebaeuden auch noch antreffen.
Ich sass nicht lange, so kamen verschiedene Menschen in den Hof herein,
betrachteten mich und gingen hin und wider. Die Menge vermehrte sich,
blieb endlich stehen, so dass sie mich zuletzt umgab. Ich bemerkte
wohl, dass mein Zeichnen Aufsehen erregt hatte, ich liess mich aber
nicht stoeren und fuhr ganz gelassen fort. Endlich draengte sich ein
Mann zu mir, nicht von dem besten Ansehen, und fragte, was ich da
mache. Ich erwiderte ihm, dass ich den alten Turm abzeichne, um mir
ein Andenken von Malcesine zu erhalten. Er sagte darauf, es sei dies
nicht erlaubt, und ich sollte es unterlassen. Da er dieses in
gemeiner venezianischer Sprache sagte, so dass ich ihn wirklich kaum
verstand, so erwiderte ich ihm, dass ich ihn nicht verstehe. Er
ergriff darauf mit wahrer italienischer Gelassenheit mein Blatt,
zerriss es, liess es aber auf der Pappe liegen. Hierauf konnt' ich
einen Ton der Unzufriedenheit unter den Umstehenden bemerken,
besonders sagte eine aeltliche Frau, es sei nicht recht, man solle den
Podesta rufen, welcher dergleichen Dinge zu beurteilen wisse. Ich
stand auf meinen Stufen, den Ruecken gegen die Tuere gelehnt, und
ueberschaute das immer sich vermehrende Publikum. Die neugierigen
starren Blicke, der gutmuetige Ausdruck in den meisten Gesichtern und
was sonst noch alles eine fremde Volksmasse charakterisieren mag, gab
mir den lustigsten Eindruck. Ich glaubte, das Chor der Voegel vor mir
zu sehen, das ich als Treufreund auf dem Ettersburger Theater oft zum
besten gehabt. Dies versetzte mich in die heiterste Stimmung, so dass,
als der Podesta mit seinem Aktuarius herankam, ich ihn freimuetig
begruesste und auf seine Frage, warum ich ihre Festung abzeichnete, ihm
bescheiden erwiderte, dass ich dieses Gemaeuer nicht fuer eine Festung
anerkenne. Ich machte ihn und das Volk aufmerksam auf den Verfall
dieser Tuerme und dieser Mauern, auf den Mangel von Toren, kurz auf die
Wehrlosigkeit des ganzen Zustandes und versicherte, ich habe hier
nichts als eine Ruine zu sehen und zu zeichnen gedacht.
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