Italienische Reise Teil 1
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Johann Wolfgang Goethe >> Italienische Reise Teil 1
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Ich weiss wohl, dass dies viel zu allgemein gesagt ist und dass die
Charakterzuege jeder Klasse nur erst nach einer genauern Bekanntschaft
und Beobachtung rein gezogen werden koennen, allein im ganzen wuerde man
doch, glaube ich, auf diese Resultate treffen.
Ich kehre wieder zu dem geringen Volke in Neapel zurueck. Man bemerkt
bei ihnen, wie bei frohen Kindern, denen man etwas auftraegt, dass sie
zwar ihr Geschaeft verrichten, aber auch zugleich einen Scherz aus dem
Geschaeft machen. Durchgaengig ist diese Klasse von Menschen eines sehr
lebhaften Geistes und zeigt einen freien, richtigen Blick. Ihre
Sprache soll figuerlich, ihr Witz sehr lebhaft und beissend sein. Das
alte Atella lag in der Gegend von Neapel, und wie ihr geliebter
Pulcinell noch jene Spiele fortsetzt, so nimmt die ganz gemeine Klasse
von Menschen noch jetzt Anteil an dieser Laune.
Plinius im fuenften Kapitel des dritten Buchs seiner "Naturgeschichte"
haelt Kampanien allein einer weitlaeufigen Beschreibung wert. "So
gluecklich, anmutig, selig sind jene Gegenden", sagt er, "dass man
erkennt, an diesem Ort habe die Natur sich ihres Werks erfreut. Denn
diese Lebensluft, diese immer heilsame Milde des Himmels, so
fruchtbare Felder, so sonnige Huegel, so unschaedliche Waldungen, so
schattige Haine, so nutzbare Waelder, so luftige Berge, so
ausgebreitete Saaten, solch eine Fuelle von Reben und oelbaeumen, so edle
Wolle der Schafe, so fette Nacken der Stiere, so viel Seen, so ein
Reichtum von durchwaessernden Fluessen und Quellen, so viele Meere, so
viele Hafen! Die Erde selbst, die ihren Schoss ueberall dem Handel
eroeffnet und, gleichsam dem Menschen nachzuhelfen begierig, ihre Arme
in das Meer hinausstreckt.
Ich erwaehne nicht die Faehigkeiten der Menschen, ihre Gebraeuche, ihre
Kraefte und wie viele Voelker sie durch Sprache und Hand ueberwunden
haben.
Von diesem Lande faellten die Griechen, ein Volk, das sich selbst
unmaessig zu ruehmen pflegte, das ehrenvollste Urteil, indem sie einen
Teil davon Grossgriechenland nannten."
Neapel, den 29. Mai 1787
Eine ausgezeichnete Froehlichkeit erblickt man ueberall mit dem groessten
teilnehmenden Vergnuegen. Die vielfarbigen bunten Blumen und Fruechte,
mit welchen die Natur sich ziert, scheinen den Menschen einzuladen,
sich und alle seine Geraetschaften mit so hohen Farben als moeglich
auszuputzen. Seidene Tuecher und Binden, Blumen auf den Hueten
schmuecken einen jeden, der es einigermassen vermag. Stuehle und
Kommoden in den geringsten Haeusern sind auf vergoldetem Grund mit
bunten Blumen geziert; sogar die einspaennigen Kaleschen hochrot
angestrichen, das Schnitzwerk vergoldet, die Pferde davor mit
gemachten Blumen, hochroten Quasten und Rauschgold ausgeputzt. Manche
haben Federbuesche, andere sogar kleine Faehnchen auf den Koepfen, die
sich im Laufe nach jeder Bewegung drehen. Wir pflegen gewoehnlich die
Liebhaberei zu bunten Farben barbarisch und geschmacklos zu nennen,
sie kann es auch auf gewisse Weise sein und werden, allein unter einem
recht heitern und blauen Himmel ist eigentlich nichts bunt, denn
nichts vermag den Glanz der Sonne und ihren Widerschein im Meer zu
ueberstrahlen. Die lebhafteste Farbe wird durch das gewaltige Licht
gedaempft, und weil alle Farben, jedes Gruen der Baeume und Pflanzen, das
gelbe, braune, rote Erdreich in voelliger Kraft auf das Auge wirken, so
treten dadurch selbst die farbigen Blumen und Kleider in die
allgemeine Harmonie. Die scharlachnen Westen und Roecke der Weiber von
Nettuno, mit breitem Gold und Silber besetzt, die andern farbigen
Nationaltrachten, die gemalten Schiffe, alles scheint sich zu beeifern,
unter dem Glanze des Himmels und des Meeres einigermassen sichtbar zu
werden.
Und wie sie leben, so begraben sie auch ihre Toten; da stoert kein
schwarzer, langsamer Zug die Harmonie der lustigen Welt.
Ich sah ein Kind zu Grabe tragen. Ein rotsammetner, grosser, mit Gold
breit gestickter Teppich ueberdeckte eine breite Bahre, darauf stand
ein geschnitztes, stark vergoldetes und versilbertes Kaestchen, worin
das weissgekleidete Tote mit rosenfarbnen Baendern ganz ueberdeckt lag.
Auf den vier Ecken des Kaestchens waren vier Engel, ungefaehr jeder zwei
Fuss hoch, angebracht, welche grosse Blumenbueschel ueber das ruhende Kind
hielten, und, weil sie unten nur an Draehten befestigt waren, sowie die
Bahre sich bewegte, wackelten und mild belebende Blumengerueche
auszustreuen schienen. Die Engel schwankten um desto heftiger, als
der Zug sehr ueber die Strassen wegeilte und die vorangehenden Priester
und die Kerzentraeger mehr liefen als gingen.
Es ist keine Jahreszeit, wo man sich nicht ueberall von Esswaren umgeben
saehe, und der Neapolitaner freut sich nicht allein des Essens, sondern
er will auch, dass die Ware zum Verkauf schoen aufgeputzt sei.
Bei Santa Lucia sind die Fische nach ihren Gattungen meist in
reinlichen und artigen Koerben, Krebse, Austern, Scheiden, kleine
Muscheln, jedes besonders aufgetischt und mit gruenen Blaettern
unterlegt. Die Laeden von getrocknetem Obst und Huelsenfruechten sind
auf das mannigfaltigste herausgeputzt. Die ausgebreiteten Pomeranzen
und Zitronen von allen Sorten, mit dazwischen hervorstechendem gruenem
Laub, dem Auge sehr erfreulich. Aber nirgends putzen sie mehr als bei
den Fleischwaren, nach welchen das Auge des Volks besonders luestern
gerichtet ist, weil der Appetit durch periodisches Entbehren nur mehr
gereizt wird.
In den Fleischbaenken haengen die Teile der Ochsen, Kaelber, Schoepse
niemals aus, ohne dass neben dem Fett zugleich die Seite oder die Keule
stark vergoldet sei. Es sind verschiedne Tage im Jahr, besonders die
Weihnachtsfeiertage, als Schmausfeste beruehmt; alsdann feiert man eine
allgemeine Cocagna, wozu sich fuenfhunderttausend Menschen das Wort
gegeben haben. Dann ist aber auch die Strasse Toledo und neben ihr
mehrere Strassen und Plaetze auf das appetitlichste verziert. Die
Butiken, wo gruene Sachen verkauft werden, wo Rosinen, Melonen und
Feigen aufgesetzt sind, erfreuen das Auge auf das allerangenehmste.
Die Esswaren haengen in Girlanden ueber die Strassen hinueber; grosse
Paternoster von vergoldeten, mit roten Baendern geschnuerten Wuersten;
welsche Haehne, welche alle eine rote Fahne unter dem Buerzel stecken
haben. Man versicherte, dass deren dreissigtausend verkauft worden,
ohne die zu rechnen, welche die Leute im Hause gemaestet hatten. Ausser
diesem werden noch eine Menge Esel, mit gruener Ware, Kapaunen und
jungen Laemmern beladen, durch die Stadt und ueber den Markt getrieben,
und die Haufen Eier, welche man hier und da sieht, sind so gross, dass
man sich ihrer niemals so viel beisammen gedacht hat. Und nicht genug,
dass alles dieses verzehret wird: alle Jahre reitet ein Polizeidiener
mit einem Trompeter durch die Stadt und verkuendet auf allen Plaetzen
und Kreuzwegen, wieviel tausend Ochsen, Kaelber, Laemmer, Schweine u. s.
w. der Neapolitaner verzehrt habe. Das Volk hoeret aufmerksam zu,
freut sich unmaessig ueber die grossen Zahlen, und jeder erinnert sich des
Anteils an diesem Genusse mit Vergnuegen.
Was die Mehl--und Milchspeisen betrifft, welche unsere Koechinnen so
mannigfaltig zu bereiten wissen, ist fuer jenes Volk, das sich in
dergleichen Dingen gerne kurz fasst und keine wohleingerichtete Kueche
hat, doppelt gesorgt. Die Makkaroni, ein zarter, stark
durchgearbeiteter, gekochter, in gewisse Gestalten gepresster Teig von
feinem Mehle, sind von allen Sorten ueberall um ein geringes zu haben.
Sie werden meistens nur in Wasser abgekocht, und der geriebene Kaese
schmaelzt und wuerzt zugleich die Schuessel. Fast an der Ecke jeder
grossen Strasse sind die Backwerkverfertiger mit ihren Pfannen voll
siedenden oels, besonders an Fasttagen, beschaeftigt, Fische und
Backwerk einem jeden nach seinem Verlangen sogleich zu bereiten.
Diese Leute haben einen unglaublichen Abgang, und viele tausend
Menschen tragen ihr Mittag--und Abendessen von da auf einem Stueckchen
Papier davon.
Neapel, den 30. Mai 1787.
Nachts durch die Stadt spazierend, gelangt' ich zum Molo. Dort sah
ich mit einem Blick den Mond, den Schein desselben auf den
Wolkensaeumen, den sanft bewegten Abglanz im Meere, heller und
lebhafter auf dem Saum der naechsten Welle. Und nun die Sterne des
Himmels, die Lampen des Leuchtturms, das Feuer des Vesuvs, den
Widerschein davon im Wasser und viele einzelne Lichter ausgesaet ueber
die Schiffe. Eine so mannigfaltige Aufgabe haett' ich wohl von Van der
Neer geloest sehen moegen.
Neapel, Donnerstag, den 31. Mai 1787.
Ich hatte das roemische Fronleichnamfest und dabei besonders die nach
Raffael gewirkten Teppiche so fest in den Sinn gefasst, dass ich mich
alle diese herrlichen Naturerscheinungen, ob sie schon in der Welt
ihresgleichen nicht haben koennen, keineswegs irren liess, sondern die
Anstalten zur Reise hartnaeckig fortsetzte. Ein Pass war bestellt, ein
Vetturin hatte mir den Mietpfennig gegeben; denn es geschieht dort zur
Sicherheit der Reisenden umgekehrt als bei, uns. Kniep war
beschaeftigt, sein neues Quartier zu beziehen, an Raum und Lage viel
besser als das vorige.
Schon frueher, als diese Veraenderung im Werke war, hatte mir der Freund
einigemal zu bedenken gegeben, es sei doch unangenehm und
gewissermassen unanstaendig, wenn man in ein Haus ziehe und gar nichts
mitbringe; selbst ein Bettgestell floesse den Wirtsleuten schon einigen
Respekt ein. Als wir nun heute durch den unendlichen Troedel der
Kastellweitung hindurchgingen, sah ich so ein paar eiserne Gestelle,
bronzeartig angestrichen, welche ich sogleich feilschte und meinem
Freund als kuenftigen Grund zu einer ruhigen und soliden Schlafstaette
verehrte. Einer der allezeit fertigen Traeger brachte sie nebst den
erforderlichen Brettern in das neue Quartier, welche Anstalt Kniepen
so sehr freute, dass er sogleich von mir weg und hier einzuziehen
gedachte, grosse Reissbretter, Papier und alles Noetige schnell
anzuschaffen besorgt war. Einen Teil der Konturen, in beiden Sizilien
gezogen, uebergab ich ihm nach unserer Verabredung.
Neapel, den 1. Juni 1787.
Die Ankunft des Marquis Lucchesini hat meine Abreise auf einige Tage
weiter geschoben; ich habe viel Freude gehabt, ihn kennen zu lernen.
Er scheint mir einer von denen Menschen zu sein, die einen guten
moralischen Magen haben, um an dem grossen Welttische immer mitgeniessen
zu koennen; anstatt dass unsereiner wie ein wiederkaeuendes Tier sich
zuzeiten ueberfuellt und dann nichts weiter zu sich nehmen kann, bis er
eine wiederholte Kauung und Verdauung geendigt hat. Sie gefaellt mir
auch recht wohl, sie ist ein wackres deutsches Wesen.
Ich gehe nun gern aus Neapel, ja, ich muss fort. Diese letzten Tage
ueberliess ich mich der Gefaelligkeit, Menschen zu sehen; ich habe meist
interessante Personen kennen lernen und bin mit den Stunden, die ich
ihnen gewidmet, sehr zufrieden, aber noch vierzehn Tage, so haette es
mich weiter und weiter und abwaerts von meinem Zwecke gefuehrt. Und
dann wird man hier immer untaetiger. Seit meiner Rueckkunft von Paestum
habe ich ausser den Schaetzen von Portici wenig gesehen, und es bleibt
mir manches zurueck, um dessentwillen ich nicht den Fuss aufheben mag.
Aber jenes Museum ist auch das A und W aller Antiquitaetensammlungen;
da sieht man recht, was die alte Welt an freudigem Kunstsinn voraus
war, wenn sie gleich in strenger Handwerksfertigkeit weit hinter uns
zurueckblieb.
Zum 1. Juni 1787.
Der Lohnbediente, welcher mir den ausgefertigten Pass zustellte,
erzaehlte zugleich, meine Abreise bedauernd, dass eine starke Lava, aus
dem Vesuv hervorgebrochen, ihren Weg nach dem Meere zu nehme; an
steileren Abhaengen des Berges sei sie beinahe schon herab und koenne
wohl in einigen Tagen das Ufer erreichen. Nun befand ich mich in der
groessten Klemme. Der heutige Tag ging auf Abschiedsbesuche hin, die
ich so vielen wohlwollenden und befoerdernden Personen schuldig war;
wie es mir morgen ergehen wird, sehe ich schon. Einmal kann man sich
auf seinem Wege den Menschen doch nicht voellig entziehen, was sie uns
aber auch nutzen und zu geniessen geben, sie reissen uns doch zuletzt
von unsern ernstlichen Zwecken zur Seite hin, ohne dass wir die ihrigen
foerdern. Ich bin aeusserst verdriesslich.
Abends.
Auch meine Dankbesuche waren nicht ohne Freude und Belehrung, man
zeigte mir noch manches freundlich vor, was man bisher verschoben oder
versaeumt. Cavaliere Venuti liess mich sogar noch verborgene Schaetze
sehen. Ich betrachtete abermals mit grosser Verehrung seinen, obgleich
verstuemmelten, doch unschaetzbaren Ulysses. Er fuehrte mich zum
Abschied in die Porzellanfabrik, wo ich mir den Herkules moeglichst
einpraegte und mir an den kampanischen Gefaessen die Augen noch einmal
recht voll sah.
Wahrhaft geruehrt und freundschaftlich Abschied nehmend, vertraute er
mir dann noch zuletzt, wo ihn eigentlich der Schuh druecke, und
wuenschte nichts mehr, als dass ich noch eine Zeitlang mit ihm verweilen
koennte. Mein Bankier, bei dem ich gegen Tischzeit eintraf, liess mich
nicht los; das waere nun alles schoen und gut gewesen, haette nicht die
Lava meine Einbildungskraft an sich gezogen. Unter mancherlei
Beschaeftigungen, Zahlungen und Einpacken kam die Nacht heran, ich aber
eilte schnell nach dem Molo.
Hier sah ich nun alle die Feuer und Lichter und ihre Widerscheine, nur
bei bewegtem Meer noch schwankender; den Vollmond in seiner ganzen
Herrlichkeit neben dem Spruehfeuer des Vulkans, und nun die Lava, die
neulich fehlte, auf ihrem gluehenden ernsten Wege. Ich haette noch
hinausfahren sollen, aber die Anstalten waren zu weitschichtig, ich
waere erst am Morgen dort angekommen. Den Anblick, wie ich ihn genoss,
wollte ich mir durch Ungeduld nicht verderben, ich blieb auf dem Molo
sitzen, bis mir ungeachtet des Zu--und Abstroemens der Menge, ihres
Deutens, Erzaehlens, Vergleichens, Streitens, wohin die Lava stroemen
werde, und was dergleichen Unfug noch mehr sein mochte, die Augen
zufallen wollten.
Neapel, Sonnabend, den 2. Juni 1787.
Und so haette ich auch diesen schoenen Tag zwar mit vorzueglichen
Personen vergnueglich und nuetzlich, aber doch ganz gegen meine
Absichten und mit schwerem Herzen zugebracht. Sehnsuchtsvoll blickte
ich nach dem Dampfe, der, den Berg herab langsam nach dem Meer ziehend,
den Weg bezeichnete, welchen die Lava stuendlich nahm. Auch der Abend
sollte nicht frei sein. Ich hatte versprochen, die Herzogin von
Giovane zu besuchen, die auf dem Schlosse wohnte, wo man mich denn
viele Stufen hinauf durch manche Gaenge wandern liess, deren oberste
verengt waren durch Kisten, Schraenke und alles Missfaellige eines
Hofgarderobewesens. Ich fand in einem grossen und hohen Zimmer, das
keine sonderliche Aussicht hatte, eine wohlgestaltete junge Dame von
sehr zarter und sittlicher Unterhaltung. Als einer gebornen Deutschen
war ihr nicht unbekannt, wie sich unsere Literatur zu einer freieren,
weit umherblickenden Humanitaet gebildet; Herders Bemuehungen und was
ihnen aehnelte, schaetzte sie vorzueglich, auch Garvens reiner Verstand
hatte ihr aufs innigste zugesagt. Mit den deutschen
Schriftstellerinnen suchte sie gleichen Schritt zu halten, und es liess
sich wohl bemerken, dass es ihr Wunsch sei, eine geuebte und belobte
Feder zu fuehren. Dahin bezogen sich ihre Gespraeche und verrieten
zugleich die Absicht, auf die Toechter des hoechsten Standes zu wirken;
ein solches Gespraech kennt keine Grenzen. Die Daemmerung war schon
eingebrochen, und man hatte noch keine Kerzen gebracht. Wir gingen im
Zimmer auf und ab, und sie, einer durch Laeden verschlossenen
Fensterseite sich naehernd, stiess einen Laden auf, und ich erblickte,
was man in seinem Leben nur einmal sieht. Tat sie es absichtlich,
mich zu ueberraschen, so erreichte sie ihren Zweck vollkommen. Wir
standen an einem Fenster des oberen Geschosses, der Vesuv gerade vor
uns; die herabfliessende Lava, deren Flamme bei laengst niedergegangener
Sonne schon deutlich gluehte und ihren begleitenden Rauch schon zu
vergolden anfing; der Berg gewaltsam tobend, ueber ihm eine ungeheure
feststehende Dampfwolke, ihre verschiedenen Massen bei jedem Auswurf
blitzartig gesondert und koerperhaft erleuchtet. Von da herab bis
gegen das Meer ein Streif von Gluten und gluehenden Duensten; uebrigens
Meer und Erde, Fels und Wachstum deutlich in der Abenddaemmerung, klar,
friedlich, in einer zauberhaften Ruhe. Dies alles mit einem Blick zu
uebersehen und den hinter dem Bergruecken hervortretenden Vollmond als
die Erfuellung des wunderbarsten Bildes zu schauen, musste wohl
Erstaunen erregen.
Dies alles konnte von diesem Standpunkt das Auge mit einmal fassen,
und wenn es auch die einzelnen Gegenstaende zu mustern nicht imstande
war, so verlor es doch niemals den Eindruck des grossen Ganzen. War
unser Gespraech durch dieses Schauspiel unterbrochen, so nahm es eine
desto gemuetlichere Wendung. Wir hatten nun einen Text vor uns,
welchen Jahrtausende zu kommentieren nicht hinreichen. Je mehr die
Nacht wuchs, desto mehr schien die Gegend an Klarheit zu gewinnen; der
Mond leuchtete wie eine zweite Sonne; die Saeulen des Rauchs, dessen
Streifen und Massen durchleuchtet bis ins einzelne deutlich, ja, man
glaubte mit halbweg bewaffnetem Auge die gluehend ausgeworfenen
Felsklumpen auf der Nacht des Kegelberges zu unterscheiden. Meine
Wirtin, so will ich sie nennen, weil mir nicht leicht ein koestlichers
Abendmahl zubereitet war, liess die Kerzen an die Gegenseite des
Zimmers stellen, und die schoene Frau, vom Monde beleuchtet, als
Vordergrund dieses unglaublichen Bildes, schien mir immer schoener zu
werden, ja ihre Lieblichkeit vermehrte sich besonders dadurch, dass ich
in diesem suedlichen Paradiese eine sehr angenehme deutsche Mundart
vernahm. Ich vergass, wie spaet es war, so dass sie mich zuletzt
aufmerksam machte, sie muesse mich, wiewohl ungerne, entlassen, die
Stunde nahe schon, wo ihre Galerien klostermaessig verschlossen wuerden.
Und so schied ich zaudernd von der Ferne und von der Naehe, mein
Geschick segnend, das mich fuer die widerwillige Artigkeit des Tages
noch schoen am Abend belohnt hatte. Unter den freien Himmel gelangt,
sagte ich mir vor, dass ich in der Naehe dieser groessern Lava doch nur
die Wiederholung jener kleinern wuerde gesehen haben, und dass mir ein
solcher ueberblick, ein solcher Abschied aus Neapel nicht anders als
auf diese Weise haette werden koennen. Anstatt nach Hause zu gehen,
richtete ich meine Schritte nach dem Molo, um das grosse Schauspiel mit
einem andern Vordergrund zu sehen; aber ich weiss nicht, ob die
Ermuedung nach einem so reichen Tage oder ein Gefuehl, dass man das
letzte, schoene Bild nicht verwischen muesse, mich wieder nach Moriconi
zurueckzog, wo ich denn auch Kniepen fand, der aus seinem neu bezognen
Quartier mir einen Abendbesuch abstattete. Bei einer Flasche Wein
besprachen wir unsere kuenftigen Verhaeltnisse; ich konnte ihm zusagen,
dass er, sobald ich etwas von seinen Arbeiten in Deutschland vorzeigen
koenne, gewiss dem trefflichen Herzog Ernst von Gotha empfohlen sein und
von dort Bestellungen erhalten wuerde. Und so schieden wir mit
herzlicher Freude, mit sicherer Aussicht kuenftiger wechselseitig
wirkender Taetigkeit.
Neapel, Sonntag, den 3. Juni 1787. Dreieinigkeitsfest.
Und so fuhr ich denn durch das unendliche Leben dieser
unvergleichlichen Stadt, die ich wahrscheinlich nicht wiedersehen
sollte, halb betaeubt hinaus; vergnuegt jedoch, dass weder Reue noch
Schmerz hinter mir blieb. Ich dachte an den guten Kniep und gelobte
ihm auch in der Ferne meine beste Vorsorge.
An den aeussersten Polizeischranken der Vorstadt stoerte mich einen
Augenblick ein Marqueur, der mir freundlich ins Gesicht sah, aber
schnell wieder hinwegsprang. Die Zollmaenner waren noch nicht mit dem
Vetturin fertig geworden, als aus der Kaffeebudentuere, die groesste
chinesische Tasse voll schwarzen Kaffee auf einem Praesentierteller
tragend, Kniep heraustrat. Er nahte sich dem Wagenschlag langsam mit
einem Ernst, der, von Herzen gehend, ihn sehr gut kleidete. Ich war
erstaunt und geruehrt, eine solche erkenntliche Aufmerksamkeit hat
nicht ihresgleichen. "Sie haben", sagte er, "mir so viel Liebes und
Gutes, auf mein ganzes Leben Wirksames erzeigt, dass ich Ihnen hier ein
Gleichnis anbieten moechte, was ich Ihnen verdanke."
Da ich in solchen Gelegenheiten ohnehin keine Sprache habe, so brachte
ich nur sehr lakonisch vor, dass er durch seine Taetigkeit mich schon
zum Schuldner gemacht und durch Benutzung und Bearbeitung unserer
gemeinsamen Schaetze mich noch immer mehr verbinden werde.
Wir schieden, wie Personen selten voneinander scheiden, die sich
zufaellig auf kurze Zeit verbunden. Vielleicht haette man viel mehr
Dank und Vorteil vom Leben, wenn man sich wechselsweise gerade heraus
spraeche, was man voneinander erwartet. Ist das geleistet, so sind
beide Teile zufrieden, und das Gemuetliche, was das Erste und Letzte
von allem ist, erscheint als reine Zugabe.
Unterwegs, am 4., 5. und 6. Juni.
Da ich diesmal allein reise, habe ich Zeit genug, die Eindruecke der
vergangenen Monate wieder hervorzurufen; es geschieht mit vielem
Behagen. Und doch tritt gar oft das Lueckenhafte der Bemerkungen
hervor, und wenn die Reise dem, der sie vollbracht hat, in einem
Flusse vorueberzuziehen scheint und in der Einbildungskraft als eine
stetige Folge hervortritt, so fuehlt man doch, dass eine eigentliche
Mitteilung unmoeglich sei. Der Erzaehlende muss alles einzeln hinstellen:
wie soll daraus in der Seele des Dritten ein Ganzes gebildet werden?
Deshalb konnte mir nichts Troestlicheres und Erfreulicheres begegnen
als die Versicherungen eurer letzten Briefe, dass ihr euch fleissig mit
Italien und Sizilien beschaeftigt, Reisebeschreibungen leset und
Kupferwerke betrachtet; das Zeugnis, dass dadurch meine Briefe gewinnen,
ist mein hoechster Trost. Haettet ihr es frueher getan oder
ausgesprochen, ich waere noch eifriger gewesen, als ich war. Dass
treffliche Maenner wie Bartels, Muenter, Architekten verschiedener
Nationen vor mir hergingen, die gewiss aeussere Zwecke sorgfaeltiger
verfolgten als ich, der ich nur die innerlichsten im Auge hatte, hat
mich oft beruhigt, wenn ich alle meine Bemuehungen fuer unzulaenglich
halten musste.
Ueberhaupt, wenn jeder Mensch nur als ein Supplement aller uebrigen zu
betrachten ist und am nuetzlichsten und liebenswuerdigsten erscheint,
wenn er sich als einen solchen gibt, so muss dieses vorzueglich von
Reiseberichten und Reisenden gueltig sein. Persoenlichkeit, Zwecke,
Zeitverhaeltnisse, Gunst und Ungunst der Zufaelligkeiten, alles zeigt
sich bei einem jeden anders. Kenn' ich seine Vorgaenger, so werd' ich
auch an ihm mich freuen, mich mit ihm behelfen, seinen Nachfolger
erwarten und diesem, waere mir sogar inzwischen das Glueck geworden, die
Gegend selbst zu besuchen, gleichfalls freundlich begegnen.
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