Italienische Reise Teil 1
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Johann Wolfgang Goethe >> Italienische Reise Teil 1
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Nach Tische etwas milder und weniger anmasslich gestimmt als heute frueh,
bemerkte ich folgendes in meine Schreibtafel: Im Palast Tanari ist
ein beruehmtes Bild von Guido, die saeugende Maria vorstellend, ueber
Lebensgroesse, der Kopf, als wenn ihn ein Gott gemalt haette;
unbeschreiblich ist der Ausdruck, mit welchem sie auf den saugenden
Knaben heruntersieht. Mir scheint es eine stille, tiefe Duldung,
nicht als wenn sie ein Kind der Liebe und Freude, sondern ein
untergeschobenes himmlisches Wechselkind nur so an sich zehren liesse,
weil es nun einmal nicht anders ist, und sie in tiefster Demut gar
nicht begreift, wie sie dazu kommt. Der uebrige Raum ist durch ein
ungeheures Gewand ausgefuellt, welches die Kenner hoechlich preisen; ich
wusste nicht recht, was ich daraus machen sollte. Auch sind die Farben
dunkler geworden; das Zimmer und der Tag waren nicht die hellsten.
Unerachtet der Verwirrung, in der ich mich befinde, fuehle ich doch
schon, dass uebung, Bekanntschaft und Neigung mir schon in diesen
Irrgaerten zu Huelfe kommen. So sprach mich eine Beschneidung von
Guercin maechtig an, weil ich den Mann schon kenne und liebe. Ich
verzieh den unleidlichen Gegenstand und freute mich an der Ausfuehrung.
--Gemalt, was man sich denken kann, alles daran respektabel und
vollendet, als wenn's Emaille waere.
Und so geht mir's denn wie Bileam, dem konfusen Propheten, welcher
segnete, da er zu fluchen gedachte, und dies wuerde noch oefter der Fall
sein, wenn ich laenger verweilte.
Trifft man denn gar wieder einmal auf eine Arbeit von Raffael, oder
die ihm wenigstens mit einiger Wahrscheinlichkeit zugeschrieben wird,
so ist man gleich vollkommen geheilt und froh. So habe ich eine
heilige Agathe gefunden, ein kostbares, obgleich nicht ganz wohl
erhaltenes Bild. Der Kuenstler hat ihr eine gesunde, sichere
Jungfraeulichkeit gegeben, doch ohne Kaelte und Roheit. Ich habe mir
die Gestalt wohl gemerkt und werde ihr im Geist meine "Iphigenie"
vorlesen und meine Heldin nichts sagen lassen, was diese Heilige nicht
aussprechen moechte.
Da ich nun wieder einmal dieser suessen Buerde gedenke, die ich auf
meiner Wanderung mit mir fuehre, so kann ich nicht verschweigen, dass zu
den grossen Kunstund Naturgegenstaenden, durch die ich mich
durcharbeiten muss, noch eine wundersame Folge von poetischen Gestalten
hindurchzieht, die mich beunruhigen. Von Cento herueber wollte ich
meine Arbeit an "Iphigenia" fortsetzen, aber was geschah? Der Geist
fuehrte mir das Argument der "Iphigenia von Delphi" vor die Seele, und
ich musste es ausbilden. So kurz als moeglich sei es hier verzeichnet:
Elektra, in gewisser Hoffnung, dass Orest das Bild der Taurischen Diana
nach Delphi bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll und
widmet die grausame Axt, die so viel Unheil in Pelops' Hause
angerichtet, als schliessliches Suehnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt,
leider, einer der Griechen und erzaehlt, wie er Orest und Pylades nach
Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode fuehren sehen und sich
gluecklich gerettet. Die leidenschaftliche Elektra kennt sich selbst
nicht und weiss nicht, ob sie gegen Goetter oder Menschen ihre Wut
richten soll.
Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades gleichfalls zu Delphi
angekommen. Iphigeniens heilige Ruhe kontrastiert gar merkwuerdig mit
Elektrens irdischer Leidenschaft, als die beiden Gestalten
wechselseitig unerkannt zusammentreffen. Der entflohene Grieche
erblickt Iphigenien, erkennt die Priesterin, welche die Freunde
geopfert, und entdeckt es Elektren. Diese ist im Begriff, mit
demselbigen Beil, welches sie dem Altar wieder entreisst, Iphigenien zu
ermorden, als eine glueckliche Wendung dieses letzte schreckliche uebel
von den Geschwistern abwendet. Wenn diese Szene gelingt, so ist nicht
leicht etwas Groesseres und Ruehrenderes auf dem Theater gesehen worden.
Wo soll man aber Haende und Zeit hernehmen, wenn auch der Geist willig
waere!
Indem ich mich nun in dem Drang einer solchen ueberfuellung des Guten
und Wuenschenswerten geaengstigt fuehle, so muss ich meine Freunde an
einen Traum erinnern, der mir, es wird eben ein Jahr sein, bedeutend
genug schien. Es traeumte mir naemlich, ich landete mit einem ziemlich
grossen Kahn an einer fruchtbaren, reich bewachsenen Insel, von der mir
bewusst war, dass daselbst die schoensten Fasanen zu haben seien. Auch
handelte ich sogleich mit den Einwohnern um solches Gefieder, welches
sie auch sogleich haeufig, getoetet, herbeibrachten. Es waren wohl
Fasanen, wie aber der Traum alles umzubilden pflegt, so erblickte man
lange, farbig beaugte Schweife, wie von Pfauen oder seltenen
Paradiesvoegeln. Diese brachte man mir schockweise ins Schiff, legte
sie mit den Koepfen nach innen, so zierlich gehaeuft, dass die langen,
bunten Federschweife, nach aussen haengend, im Sonnenglanz den
herrlichsten Schober bildeten, den man sich denken kann, und zwar so
reich, dass fuer den Steuernden und die Rudernden kaum hinten und vorn
geringe Raeume verblieben. So durchschnitten wir die ruhige Flut, und
ich nannte mir indessen schon die Freunde, denen ich von diesen bunten
Schaetzen mitteilen wollte. Zuletzt in einem grossen Hafen landend,
verlor ich mich zwischen ungeheuer bemasteten Schiffen, wo ich von
Verdeck auf Verdeck stieg, um meinem kleinen Kahn einen sichern
Landungsplatz zu suchen.
An solchen Wahnbildern ergoetzen wir uns, die, weil sie aus uns selbst
entspringen, wohl Analogie mit unserm uebrigen Leben und Schicksalen
haben muessen.
Nun war ich auch in der beruehmten wissenschaftlichen Anstalt, das
Institut oder die Studien genannt. Das grosse Gebaeude, besonders der
innere Hof, sieht ernsthaft genug aus, obgleich nicht von der besten
Baukunst. Auf den Treppen und Korridors fehlt es nicht an Stukko--und
Freskozierden; alles ist anstaendig und wuerdig, und ueber die
mannigfaltigen schoenen und wissenswerten Dinge, die hier
zusammengebracht worden, erstaunt man billig, doch will es einem
Deutschen dabei nicht wohl zumute werden, der eine freiere
Studienweise gewohnt ist.
Mir fiel eine fruehere Bemerkung hier wieder in die Gedanken, dass sich
der Mensch im Gange der alles veraendernden Zeit so schwer losmacht von
dem, was eine Sache zuerst gewesen, wenn ihre Bestimmung in der Folge
sich auch veraendert. Die christlichen Kirchen halten noch immer an
der Basilikenform, wenngleich die Tempelgestalt vielleicht dem Kultus
vorteilhafter waere. Wissenschaftliche Anstalten haben noch das
kloesterliche Ansehn, weil in solchen frommen Bezirken die Studien
zuerst Raum und Ruhe gewannen. Die Gerichtssaele der Italiener sind so
weit und hoch, als das Vermoegen einer Gemeinde zureicht, man glaubt,
auf dem Marktplatze unter freiem Himmel zu sein, wo sonst Recht
gesprochen wurde. Und bauen wir nicht noch immer die groessten Theater
mit allem Zubehoer unter ein Dach, als wenn es die erste Messbude waere,
die man auf kurze Zeit von Brettern zusammenschlug? Durch den
ungeheuern Zudrang der Wissbegierigen um die Zeit der Reformation
wurden die Schueler in Buergerhaeuser getrieben, aber wie lange hat es
nicht gedauert, bis wir unsere Waisenhaeuser auftaten und den armen
Kindern diese so notwendige Welterziehung verschafften!
Bologna, den 20. abends.
Diesen heitern schoenen Tag habe ich ganz unter freiem Himmel
zugebracht. Kaum nahe ich mich den Bergen, so werde ich schon wieder
vom Gestein angezogen. Ich komme mir vor wie Antaeus, der sich immer
neu gestaerkt fuehlt, je kraeftiger man ihn mit seiner Mutter Erde in
Beruehrung bringt.
Ich ritt nach Paderno, wo der sogenannte Bologneser Schwerspat
gefunden wird, woraus man die kleinen Kuchen bereitet, welche
kalziniert im Dunkeln leuchten, wenn sie vorher dem Lichte ausgesetzt
gewesen, und die man hier kurz und gut Fosfori nennt.
Auf dem Wege fand ich schon ganze Felsen Fraueneis zu Tage anstehend,
nachdem ich ein sandiges Tongebirg hinter mir gelassen hatte. Bei
einer Ziegelhuette geht ein Wasserriss hinunter, in welchen sich viele
kleinere ergiessen. Man glaubt zuerst, einen aufgeschwemmten Lehmhuegel
zu sehen, der vom Regen ausgewaschen waere, doch konnte ich bei naeherer
Betrachtung von seiner Natur so viel entdecken: das feste Gestein,
woraus dieser Teil des Gebirges besteht, ist ein sehr feinblaettriger
Schieferton, welcher mit Gips abwechselt. Das schiefrige Gestein ist
so innig mit Schwefelkies gemischt, dass es, von Luft und Feuchtigkeit
beruehrt, sich ganz und gar veraendert. Es schwillt auf, die Lagen
verlieren sich, es entsteht eine Art Letten, muschlig, zerbroeckelt,
auf den Flaechen glaenzend wie Steinkohlen. Nur an grossen Stuecken,
deren ich mehrere zerschlug und beide Gestalten deutlich wahrnahm,
konnte man sich von dem uebergange, von der Umbildung ueberzeugen.
Zugleich sieht man die muschligen Flaechen mit weissen Punkten
beschlagen, manchmal sind gelbe Partieen drin; so zerfaellt nach und
nach die ganze Oberflaeche, und der Huegel sieht wie ein verwitterter
Schwefelkies im grossen aus. Es finden sich unter den Lagen auch
haertere, gruene und rote. Schwefelkies hab' ich in dem Gestein auch
oefters angeflogen gefunden.
Nun stieg ich in den Schluchten des broecklig aufgeloesten Gebirgs
hinauf, wie sie von den letzten Regenguessen durchwaschen waren, und
fand zu meiner Freude den gesuchten Schwerspat haeufig, meist in
unvollkommener Eiform, an mehreren Stellen des eben zerfallenden
Gebirgs hervorschauen, teils ziemlich rein, teils noch von dem Ton, in
welchem er stak, genau umgeben. Dass es keine Geschiebe seien, davon
kann man sich beim ersten Anblick ueberzeugen. Ob sie gleichzeitig mit
der Schiefertonlage, oder ob sie erst bei Aufblaehung oder Zersetzung
derselben entstanden, verdient eine naehere Untersuchung. Die von mir
aufgefundenen Stuecke naehern sich, groesser oder kleiner, einer
unvollkommenen Eigestalt, die kleinsten gehen auch wohl in eine
undeutliche Kristallform ueber. Das schwerste Stueck, welches ich
gefunden, wiegt siebzehn Lot. Auch fand ich in demselbigen Ton lose,
vollkommene Gipskristalle. Naehere Bestimmung werden Kenner an den
Stuecken, die ich mitbringe, zu entwickeln wissen. Und ich waere nun
also schon wieder mit Steinen belastet! Ein Achtelszentner dieses
Schwerspats habe ich ausgepackt.
Den 20. Oktober in der Nacht.
Wieviel haette ich noch zu sagen, wenn ich alles gestehen wollte, was
mir an diesem schoenen Tage durch den Kopf ging. Aber mein Verlangen
ist staerker als meine Gedanken. Ich fuehle mich unwiderstehlich
vorwaerts gezogen, nur mit Muehe sammle ich mich an dem Gegenwaertigen.
Und es scheint, der Himmel erhoert mich. Es meldet sich ein Vetturin
gerade nach Rom, und so werde ich uebermorgen unaufhaltsam dorthin
abgehen. Da muss ich denn wohl heute und morgen nach meinen Sachen
sehn, manches besorgen und wegarbeiten.
Lojano auf den Apenninen, den 21. Oktober, abends.
Ob ich mich heute selbst aus Bologna getrieben, oder ob ich daraus
gejagt worden, wuesste ich nicht zu sagen. Genug, ich ergriff mit
Leidenschaft einen schnellern Anlass, abzureisen. Nun bin ich hier in
einem elenden Wirtshause in Gesellschaft eines paepstlichen Offiziers,
der nach Perugia, seiner Vaterstadt, geht. Als ich mich zu ihm in den
zweiraedrigen Wagen setzte, machte ich ihm, um etwas zu reden, das
Kompliment, dass ich als ein Deutscher, der gewohnt sei, mit Soldaten
umzugehen, sehr angenehm finde, nun mit einem paepstlichen Offizier in
Gesellschaft zu reisen.--"Nehmt mir nicht uebel", versetzte er darauf,
"Ihr koennt wohl eine Neigung zum Soldatenstande haben, denn ich hoere,
in Deutschland ist alles Militaer; aber was mich betrifft, obgleich
unser Dienst sehr laesslich ist, und ich in Bologna, wo ich in Garnison
stehe, meiner Bequemlichkeit vollkommen pflegen kann, so wollte ich
doch, dass ich diese Jacke los waere und das Guetchen meines Vaters
verwaltete. Ich bin aber der juengere Sohn, und so muss ich mir's
gefallen lassen."
Den 22. abends.
Giredo, auch ein kleines Nest auf den Apenninen, wo ich mich recht
gluecklich fuehle, meinen Wuenschen entgegenreisend. Heute gesellten
sich reitend ein Herr und eine Dame zu uns, ein Englaender mit einer
sogenannten Schwester. Ihre Pferde sind schoen, sie reisen aber ohne
Bedienung, und der Herr macht, wie es scheint, zugleich den Reitknecht
und den Kammerdiener. Sie finden ueberall zu klagen, man glaubt,
einige Blaetter im Archenholz zu lesen.
Die Apenninen sind mir ein merkwuerdiges Stueck Welt. Auf die grosse
Flaeche der Regionen des Pos folgt ein Gebirg, das sich aus der Tiefe
erhebt, um zwischen zwei Meeren suedwaerts das feste Land zu endigen.
Waere die Gebirgsart nicht zu steil, zu hoch ueber der Meeresflaeche,
nicht so sonderbar verschlungen, dass Ebbe und Flut vor alten Zeiten
mehr und laenger haetten hereinwirken, groessere Flaechen bilden und
ueberspuelen koennen, so waere es eins der schoensten Laender in dem
herrlichsten Klima, etwas hoeher als das andere Land.
So aber ist's ein seltsam Gewebe von Bergruecken gegeneinander; oft
sieht man gar nicht ab, wohin das Wasser seinen Ablauf nehmen will.
Waeren die Taeler besser ausgefuellt, die Flaechen mehr glatt und
ueberspuelt, so koennte man das Land mit Boehmen vergleichen, nur dass die
Berge auf alle Weise einen andern Charakter haben. Doch muss man sich
keine Bergwueste, sondern ein meist bebautes, obgleich gebirgiges Land
vorstellen. Kastanien kommen hier sehr schoen, der Weizen ist
trefflich und die Saat schon huebsch gruen. Immergruene Eichen mit
kleinen Blaettern stehen am Wege, um die Kirchen und Kapellen aber
schlanke Zypressen.
Gestern abend war das Wetter truebe, heute ist's wieder hell und schoen.
Den 25. abends. Perugia.
Zwei Abende habe ich nicht geschrieben. Die Herbergen waren so
schlecht, dass an kein Auslegen eines Blattes zu denken war. Auch
faengt es mir an, ein bisschen verworren zu werden; denn seit der
Abreise von Venedig spinnt sich der Reiserocken nicht so schoen und
glatt mehr ab.
Den Dreiundzwanzigsten frueh, unserer Uhr um zehne, kamen wir aus den
Apenninen hervor und sahen Florenz liegen in einem weiten Tal, das
unglaublich bebaut und ins Unendliche mit Villen und Haeusern besaet ist.
Die Stadt hatte ich eiligst durchlaufen, den Dom, das Baptisterium.
Hier tut sich wieder eine ganz neue, mir unbekannte Welt auf, an der
ich nicht verweilen will. Der Garten Boboli liegt koestlich. Ich
eilte so schnell heraus als hinein.
Der Stadt sieht man den Volksreichtum an, der sie erbaut hat; man
erkennt, dass sie sich einer Folge von gluecklichen Regierungen erfreute.
UEberhaupt faellt es auf, was in Toskana gleich die oeffentlichen Werke,
Wege, Bruecken fuer ein schoenes grandioses Ansehen haben. Es ist hier
alles zugleich tuechtig und reinlich, Gebrauch und Nutzen mit Anmut
sind beabsichtigt, ueberall laesst sich eine belebende Sorgfalt bemerken.
Der Staat des Papstes hingegen scheint sich nur zu erhalten, weil ihn
die Erde nicht verschlingen will.
Wenn ich neulich von den Apenninen sagte, was sie sein koennten, das
ist nun Toskana: weil es so viel tiefer lag, so hat das alte Meer
recht seine Schuldigkeit getan und tiefen Lehmboden aufgehaeuft. Er
ist heugelb und leicht zu verarbeiten. Sie pfluegen tief, aber noch
recht auf die urspruengliche Art: ihr Pflug hat keine Raeder, und die
Pflugschar ist nicht beweglich. So schleppt sie der Bauer, hinter
seinen Ochsen gebueckt, einher und wuehlt die Erde auf. Es wird bis
fuenfmal gepfluegt, wenigen und nur sehr leichten Duenger streuen sie mit
den Haenden. Endlich saeen sie den Weizen, dann haeufen sie schmale
Sotteln auf, dazwischen entstehen tiefe Furchen, alles so gerichtet,
dass das Regenwasser ablaufen muss. Die Frucht waechst nun auf den
Sotteln in die Hoehe, in den Furchen gehen sie hin und her, wenn sie
jaeten. Diese Verfahrungsart ist begreiflich, wo Naesse zu fuerchten ist;
warum sie es aber auf den schoensten Gebreiten tun, kann ich nicht
einsehen. Diese Betrachtung machte ich bei Arezzo, wo sich eine
herrliche Plaine auftut. Reiner kann man kein Feld sehen, nirgends
auch nur eine Erdscholle, alles klar wie gesiebt. Der Weizen gedeiht
hier recht schoen, und er scheint hier alle seiner Natur gemaessen
Bedingungen zu finden. Das zweite Jahr bauen sie Bohnen fuer die
Pferde, die hier keinen Hafer bekommen. Es werden auch Lupinen gesaeet,
die jetzt schon vortrefflich gruen stehen und im Maerz Fruechte bringen.
Auch der Lein hat schon gekeimt, er bleibt den Winter ueber und wird
durch den Frost nur dauerhafter.
Die oelbaeume sind wunderliche Pflanzen; sie sehen fast wie Weiden,
verlieren auch den Kern, und die Rinde klafft auseinander. Aber sie
haben dessenungeachtet ein festeres Ansehn. Man sieht auch dem Holze
an, dass es langsam waechst und sich unsaeglich fein organisiert. Das
Blatt ist weidenartig, nur weniger Blaetter am Zweige. Um Florenz an
den Bergen ist alles mit oelbaeumen und Weinstoecken bepflanzt,
dazwischen wird das Erdreich zu Koernern benutzt. Bei Arezzo und so
weiter laesst man die Felder freier. Ich finde, dass man dem Efeu nicht
genug abwehrt, der den oelbaeumen und andern schaedlich ist, da es so ein
leichtes waere, ihn zu zerstoeren. Wiesen sieht man gar nicht. Man
sagt, das tuerkische Korn zehre den Boden aus; seitdem es eingefuehrt
worden, habe der Ackerbau in anderm Betracht verloren. Ich glaube es
wohl bei dem geringen Duenger.
Heute abend habe ich von meinem Hauptmann Abschied genommen, mit der
Versicherung, mit dem Versprechen, ihn auf meiner Rueckreise in Bologna
zu besuchen. Er ist ein wahrer Repraesentant vieler seiner Landsleute.
Hier einiges, das ihn besonders bezeichnet. Da ich oft still und
nachdenklich war, sagte er einmal: "Che pensa! non deve mai pensar
l'uomo, pensando s'invecchia." Das ist verdolmetscht: "Was denkt Ihr
viel! der Mensch muss niemals denken, denkend altert man nur." Und
nach einigem Gespraech: "Non deve fermarsi l'uomo in una sola cosa,
perche allora divien matto; bisogna aver mille cose, una confusione
nella testa." Auf deutsch: "Der Mensch muss sich nicht auf eine
einzige Sache heften, denn da wird er toll, man muss tausend Sachen,
eine Konfusion im Kopfe haben."
Der gute Mann konnte freilich nicht wissen, dass ich eben darum still
und nachdenkend war, weil eine Konfusion von alten und neuen
Gegenstaenden mir den Kopf verwirrte. Die Bildung eines solchen
Italieners wird man noch klarer aus folgendem erkennen. Da er wohl
merkte, dass ich Protestant sei, sagte er nach einigem Umschweif, ich
moechte ihm doch gewisse Fragen erlauben, denn er habe so viel
Wunderliches von uns Protestanten gehoert, worueber er endlich einmal
Gewissheit zu haben wuensche. "Duerft ihr denn", so fragte er, "mit
einem huebschen Maedchen auf einem guten Fuss leben, ohne mit ihr gerade
verheiratet zu sein?--erlauben euch das eure Priester?" Ich erwiderte
darauf: "Unsere Priester sind kluge Leute, welche von solchen
Kleinigkeiten keine Notiz nehmen. Freilich, wenn wir sie darum fragen
wollten, so wuerden sie es uns nicht erlauben."--"Ihr braucht sie also
nicht zu fragen?" rief er aus. "O ihr Gluecklichen! und da ihr ihnen
nicht beichtet, so erfahren sie's nicht." Hierauf erging er sich in
Schelten und Missbilligen seiner Pfaffen und in dem Preise unserer
seligen Freiheit.--"Was jedoch die Beichte betrifft", fuhr er fort,
"wie verhaelt es sich damit? Man erzaehlt uns, dass alle Menschen, auch
die keine Christen sind, dennoch beichten muessen; weil sie aber in
ihrer Verstockung nicht das Rechte treffen koennen, so beichten sie
einem alten Baume, welches denn freilich laecherlich und gottlos genug
ist, aber doch beweist, dass sie die Notwendigkeit der Beichte
anerkennen." Hierauf erklaerte ich ihm unsere Begriffe von der Beichte
und wie es dabei zugehe. Das kam ihm sehr bequem vor, er meinte aber,
es sei ungefaehr ebensogut, als wenn man einem Baum beichtete. Nach
einigem Zaudern ersucht' er mich sehr ernsthaft, ueber einen andern
Punkt ihm redlich Auskunft zu geben, er habe naemlich aus dem Munde
eines seiner Priester, der ein wahrhafter Mann sei, gehoert, dass wir
unsere Schwestern heiraten duerften, welches denn doch eine starke
Sache sei. Als ich diesen Punkt verneinte und ihm einige menschliche
Begriffe von unserer Lehre beibringen wollte, mochte er nicht
sonderlich darauf merken, denn es kam ihm zu alltaeglich vor, und er
wandte sich zu einer neuen Frage:--"Man versichert uns", sagte er,
"dass Friedrich der Grosse, welcher so viele Siege selbst ueber die
Glaeubigen davongetragen und die Welt mit seinem Ruhm erfuellt, dass er,
den jedermann fuer einen Ketzer haelt, wirklich katholisch sei und vom
Papste die Erlaubnis habe, es zu verheimlichen; denn er kommt, wie man
weiss, in keine eurer Kirchen, verrichtet aber seinen Gottesdienst in
einer unterirdischen Kapelle mit zerknirschtem Herzen, dass er die
heilige Religion nicht oeffentlich bekennen darf; denn freilich, wenn
er das taete, wuerden ihn seine Preussen, die ein bestialisches Volk und
wuetende Ketzer sind, auf der Stelle totschlagen, wodurch denn der
Sache nicht geholfen waere. Deswegen hat ihm der heilige Vater jene
Erlaubnis gegeben, dafuer er denn aber auch die alleinseligmachende
Religion im stillen so viel ausbreitet und beguenstigt als moeglich."
Ich liess das alles gelten und erwiderte nur: da es ein grosses
Geheimnis sei, koennte freilich niemand davon Zeugnis geben. Unsere
fernere Unterhaltung war ungefaehr immer von derselben Art, so dass ich
mich ueber die kluge Geistlichkeit wundern musste, welche alles
abzulehnen und zu entstellen sucht, was den dunkeln Kreis ihrer
herkoemmlichen Lehre durchbrechen und verwirren koennte.
Ich verliess Perugia an einem herrlichen Morgen und fuehlte die
Seligkeit, wieder allein zu sein. Die Lage der Stadt ist schoen, der
Anblick des Sees hoechst erfreulich. Ich habe mir die Bilder wohl
eingedrueckt. Der Weg ging erst hinab, dann in einem frohen, an beiden
Seiten in der Ferne von Huegeln eingefassten Tale hin, endlich sah ich
Assisi liegen.
Der Minervatempel in Assisi. Aquarell von Ruhl
Aus Palladio und Volkmann wusste ich, dass ein koestlicher Tempel der
Minerva, zu Zeiten Augusts gebaut, noch vollkommen erhalten dastehe.
Ich verliess bei Madonna delAngelo meinen Vetturin, der seinen Weg nach
Foligno verfolgte, und stieg unter einem starken Wind nach Assisi
hinauf, denn ich sehnte mich, durch die fuer mich so einsame Welt eine
Fusswanderung anzustellen. Die ungeheueren Substruktionen der
babylonisch uebereinander getuermten Kirchen, wo der heilige Franziskus
ruht, liess ich links mit Abneigung, denn ich dachte mir, dass darin die
Koepfe so wie mein Hauptmannskopf gestempelt wuerden. Dann fragte ich
einen huebschen Jungen nach der Maria della Minerva; er begleitete mich
die Stadt hinauf, die an einen Berg gebaut ist. Endlich gelangten wir
in die eigentliche alte Stadt, und siehe, das loeblichste Werk stand
vor meinen Augen, das erste vollstaendige Denkmal der alten Zeit, das
ich erblickte. Ein bescheidener Tempel, wie er sich fuer eine so
kleine Stadt schickte, und doch so vollkommen, so schoen gedacht, dass
er ueberall glaenzen wuerde. Nun vorerst von seiner Stellung! Seitdem
ich in Vitruv und Palladio gelesen, wie man Staedte bauen, Tempel und
oeffentliche Gebaeude stellen muesse, habe ich einen grossen Respekt vor
solchen Dingen. Auch hierin waren die Alten so gross im Natuerlichen.
Der Tempel steht auf der schoenen mittlern Hoehe des Berges, wo eben
zwei Huegel zusammentreffen, auf dem Platz, der noch jetzt "der Platz"
heisst. Dieser steigt selbst ein wenig an, und es kommen auf demselben
vier Strassen zusammen, die ein sehr gedruecktes Andreaskreuz machen,
zwei von unten herauf, zwei von oben herunter. Wahrscheinlich standen
zur alten Zeit die Haeuser noch nicht, die jetzt, dem Tempel gegenueber
gebaut, die Aussicht versperren. Denkt man sie weg, so blickte man
gegen Mittag in die reichste Gegend, und zugleich wuerde Minervens
Heiligtum von allen Seiten her gesehen. Die Anlage der Strassen mag
alt sein; denn sie folgen aus der Gestalt und dem Abhange des Berges.
Der Tempel steht nicht in der Mitte des Platzes, aber so gerichtet,
dass er dem von Rom Heraufkommenden verkuerzt gar schoen sichtbar wird.
Nicht allein das Gebaeude sollte man zeichnen, sondern auch die
glueckliche Stellung.
An der Fassade konnte ich mich nicht satt sehen, wie genialisch
konsequent auch hier der Kuenstler gehandelt. Die Ordnung ist
korinthisch, die Saeulenweiten etwas ueber zwei Model. Die Saeulenfuesse
und die Platten darunter scheinen auf Piedestalen zu stehen, aber es
scheint auch nur; denn der Sockel ist fuenfmal durchschnitten, und
jedesmal gehen fuenf Stufen zwischen den Saeulen hinauf, da man denn auf
die Flaeche gelangt, worauf eigentlich die Saeulen stehen, und von
welcher man auch in den Tempel hineingeht. Das Wagstueck, den Sockel
zu durchschneiden, war hier am rechten Platze, denn da der Tempel am
Berge liegt, so haette die Treppe, die zu ihm hinauffuehrte, viel zu
weit vorgelegt werden muessen und wuerde den Platz verengt haben.
Wieviel Stufen noch unterhalb gelegen, laesst sich nicht bestimmen; sie
sind ausser wenigen verschuettet und zugepflastert. Ungern riss ich mich
von dem Anblick los und nahm mir vor, alle Architekten auf dieses
Gebaeude aufmerksam zu machen, damit uns ein genauer Riss davon zukaeme.
Denn was ueberlieferung fuer ein schlechtes Ding sei, musste ich dieses
Mal wieder bemerken. Palladio, auf den ich alles vertraute, gibt zwar
dieses Tempels Bild, er kann ihn aber nicht selbst gesehen haben, denn
er setzt wirklich Piedestale auf die Flaeche, wodurch die Saeulen
unmaessig in die Hoehe kommen und ein garstiges palmyrisches Ungeheuer
entsteht, anstatt dass in der Wirklichkeit ein ruhiger, lieblicher, das
Auge und den Verstand befriedigender Anblick erfreut. Was sich durch
die Beschauung dieses Werks in mir entwickelt, ist nicht auszusprechen
und wird ewige Fruechte bringen. Ich ging am schoensten Abend die
roemische Strasse bergab, im Gemuet zum schoensten beruhigst, als ich
hinter mir rauhe, heftige Stimmen vernahm, die untereinander stritten.
Ich vermutete, dass es die Sbirren sein moechten, die ich schon in der
Stadt bemerkt hatte. Ich ging gelassen vor mich hin und horchte
hinterwaerts. Da konnte ich nun gar bald bemerken, dass es auf mich
gemuenzt sei. Vier solcher Menschen, zwei davon mit Flinten bewaffnet,
in unerfreulicher Gestalt, gingen vor mir vorbei, brummten, kehrten
nach einigen Schritten zurueck und umgaben mich. Sie fragten, wer ich
waere und was ich hier taete. Ich erwiderte, ich sei ein Fremder, der
seinen Weg ueber Assisi zu Fusse mache, indessen der Vetturin nach
Foligno fahre. Dies kam ihnen nicht wahrscheinlich vor, dass jemand
einen Wagen bezahle und zu Fusse gehe. Sie fragten, ob ich im Gran
Convento gewesen sei. Ich verneinte dies und versicherte ihnen, ich
kenne das Gebaeude von alten Zeiten her. Da ich aber ein Baumeister
sei, habe ich diesmal nur die Maria della Minerva in Augenschein
genommen, welches, wie sie wuessten, ein musterhaftes Gebaeude sei. Das
leugneten sie nicht, nahmen aber sehr uebel, dass ich dem Heiligen meine
Aufwartung nicht gemacht, und gaben ihren Verdacht zu erkennen, dass
wohl mein Handwerk sein moechte, Kontrebande einzuschwaerzen. Ich
zeigte ihnen das Laecherliche, dass ein Mensch, der allein auf der
Strasse gehe, ohne Ranzen, mit leeren Taschen, fuer einen
Kontrebandisten gehalten werden solle. Darauf erbot ich mich, mit
ihnen nach der Stadt zurueck und zum Podesta zu gehen, ihm meine
Papiere vorzulegen, da er mich denn als einen ehrenvollen Fremden
anerkennen werde. Sie brummten hierauf und meinten, es sei nicht
noetig, und als ich mich immerfort mit entschiedenem Ernst betrug,
entfernten sie sich endlich wieder nach der Stadt zu. Ich sah ihnen
nach. Da gingen nun diese rohen Kerle im Vordergrunde, und hinter
ihnen her blickte mich die liebliche Minerva noch einmal sehr
freundlich und troestend an, dann schaute ich links auf den tristen Dom
des heiligen Franziskus und wollte meinen Weg verfolgen, als einer der
Unbewaffneten sich von der Truppe sonderte und ganz freundlich auf
mich los kam. Gruessend sagte er sogleich: "Ihr solltet, mein Herr
Fremder, wenigstens mir ein Trinkgeld geben, denn ich versichere, dass
ich Euch alsobald fuer einen braven Mann gehalten und dies laut gegen
meine Gesellen erklaert habe. Das sind aber Hitzkoepfe und gleich oben
hinaus und haben keine Weltkenntnis. Auch werdet Ihr bemerkt haben,
dass ich Euren Worten zuerst Beifall und Gewicht gab." Ich lobte ihn
deshalb und ersuchte ihn, ehrenhafte Fremde, die nach Assisi sowohl
wegen der Religion als wegen der Kunst kaemen, zu beschuetzen; besonders
die Baumeister, die zum Ruhme der Stadt den Minerventempel, den man
noch niemals recht gezeichnet und in Kupfer gestochen, nunmehro messen
und abzeichnen wollten. Er moechte ihnen zur Hand gehen, da sie sich
denn gewiss dankbar erweisen wuerden, und somit drueckte ich ihm einige
Silberstuecke in die Hand, die ihn ueber seine Erwartung erfreuten. Er
bat mich, ja wiederzukommen, besonders muesse ich das Fest des Heiligen
nicht versaeumen, wo ich mich mit groesster Sicherheit erbauen und
vergnuegen sollte. Ja, wenn es mir, als einem huebschen Manne, wie
billig, um ein huebsches Frauenzimmer zu tun sei, so koenne er mir
versichern, dass die schoenste und ehrbarste Frau von ganz Assisi auf
seine Empfehlung mich mit Freuden aufnehmen werde. Er schied nun
beteurend, dass er noch heute abend bei dem Grabe des Heiligen meiner
in Andacht gedenken und fuer meine fernere Reise beten wolle. So
trennten wir uns, und mir war sehr wohl, mit der Natur und mit mir
selbst wieder allein zu sein. Der Weg nach Foligno war einer der
schoensten und anmutigsten Spaziergaenge, die ich jemals zurueckgelegt.
Vier volle Stunden an einem Berge hin, rechts ein reichbebautes Tal.
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