Italienische Reise Teil 2
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17 Italienische Reise
Johann Wolfgang Goethe
Zweiter Roemischer Aufenthalt vom Juni 1787 bis April 1788
Juni 1787
Korrespondenz
Nachtrag: Paepstliche Teppiche
Juli 1787
Korrespondenz
Bericht
Stoerende Naturbetrachtungen
August 1787
Korrespondenz
Bericht
September 1787
Korrespondenz
Bericht
Oktober 1787
Korrespondenz
Bericht
November 1787
Korrespondenz
Bericht
Dezember 1787
Korrespondenz
Bericht
Moritz als Etymologe
Philipp Neri,der humoristische Heilige
Januar 1788
Korrespondenz
Bericht
Aufnahme in die Gesellschaft der Arkadier
Das Roemische Karneval
Februar 1788
Korrespondenz
Bericht
Maerz 1788
Korrespondenz
Bericht
ueber die bildende Nachahmungdes Schoenen. Von Karl Philipp Moritz
April 1788
Korrespondenz
Bericht
Zweiter Roemischer Aufenthalt
vom Juni 1787 bis April 1788
"Longa sit huic aetas dominaeque potentia terrae,
Sitque sub hac oriens occiduusque dies."
Juni
Korrespondenz
Rom, den 8. Juni 1787
Vorgestern bin ich gluecklich wieder hier angelangt, und gestern hat
der feierliche Fronleichnamstag mich sogleich wieder zum Roemer
eingeweiht. Gern will ich gestehen, meine Abreise von Neapel machte
mir einige Pein; nicht sowohl die herrliche Gegend als eine gewaltige
Lava hinter mir lassend, die von dem Gipfel aus ihren Weg nach dem
Meere zu nahm, die ich wohl haette in der Naehe betrachten, deren Art
und Weise, von der man so viel gelesen und erzaehlt hat, ich in meine
Erfahrungen haette mit aufnehmen sollen.
Goethe auf zurueckgelehntem Stuhl. Zeichnung von Tischbein
Heute jedoch ist meine Sehnsucht nach dieser grossen Naturszene schon
wieder ins gleiche gebracht; nicht sowohl das fromme Festgewirre, das
bei einem imposanten Ganzen doch hie und da durch abgeschmacktes
Einzelne den innern Sinn verletzt, sondern die Anschauung der Teppiche
nach Raffaels Kartonen hat mich wieder in den Kreis hoeherer
Betrachtungen zurueckgefuehrt. Die vorzueglichsten, die ihm am
gewissesten ihren Ursprung verdanken, sind zusammen ausgebreitet,
andere, wahrscheinlich von Schuelern, Zeit--und Kunstgenossen erfundene,
schliessen sich nicht unwuerdig an und bedecken die grenzenlosen Raeume.
Rom, den 16. Juni.
Lasst mich auch wieder, meine Lieben, ein Wort zu euch reden. Mir geht
es sehr wohl, ich finde mich immer mehr in mich zurueck und lerne
unterscheiden, was mir eigen und was mir fremd ist. Ich bin fleissig
und nehme von allen Seiten ein und wachse von innen heraus. Diese
Tage war ich in Tivoli und habe eins der ersten Naturschauspiele
gesehen. Es gehoeren die Wasserfaelle dort mit den Ruinen und dem
ganzen Komplex der Landschaft zu denen Gegenstaenden, deren
Bekanntschaft uns im tiefsten Grunde reicher macht.
Am letzten Posttage habe ich versaeumt zu schreiben. In Tivoli war ich
sehr muede vom Spazierengehen und vom Zeichnen in der Hitze. Ich war
mit Herrn Hackert draussen, der eine unglaubliche Meisterschaft hat,
die Natur abzuschreiben und der Zeichnung gleich eine Gestalt zu geben.
Ich habe in diesen wenigen Tagen viel von ihm gelernt.
Die Maecenasvilla in Tivoli. Zeichnung von Hackert
Weiter mag ich gar nichts sagen. Das ist wieder ein Gipfel irdischer
Dinge. Ein sehr komplizierter Fall in der Gegend bringt die
herrlichsten Wirkungen hervor.
Herr Hackert hat mich gelobt und getadelt und mir weiter geholfen. Er
tat mir halb im Scherz, halb im Ernst den Vorschlag, achtzehn Monate
in Italien zu bleiben und mich nach guten Grundsaetzen zu ueben; nach
dieser Zeit, versprach er mir, sollte ich Freude an meinen Arbeiten
haben. Ich sehe auch wohl, was und wie man studieren muss, um ueber
gewisse Schwierigkeiten hinauszukommen, unter deren Last man sonst
sein ganzes Leben hinkriecht.
Noch eine Bemerkung. Jetzt fangen erst die Baeume, die Felsen, ja Rom
selbst an, mir lieb zu werden; bisher hab' ich sie immer nur als fremd
gefuehlt; dagegen freuten mich geringe Gegenstaende, die mit denen
aehnlichkeit hatten, die ich in der Jugend sah. Nun muss ich auch erst
hier zu Hause werden, und doch kann ich's nie so innig sein als mit
jenen ersten Gegenstaenden des Lebens. Ich habe verschiednes bezueglich
auf Kunst und Nachahmung bei dieser Gelegenheit gedacht.
Waehrend meiner Abwesenheit hatte Tischbein ein Gemaelde von Daniel von
Volterra im Kloster an der Porta del Popolo entdeckt; die Geistlichen
wollten es fuer tausend Skudi hergeben, welche Tischbein als Kuenstler
nicht aufzutreiben wusste. Er machte daher an Madame Angelika durch
Meyer den Vorschlag, in den sie willigte, gedachte Summe auszahlte,
das Bild zu sich nahm und spaeter Tischbein die ihm kontraktmaessige
Haelfte um ein Namhaftes abkaufte. Es war ein vortreffliches Bild, die
Grablegung vorstellend, mit vielen Figuren. Eine von Meyer darnach
sorgfaeltig hergestellte Zeichnung ist noch vorhanden.
Rom, den 20. Juni.
Nun hab' ich hier schon wieder treffliche Kunstwerke gesehen, und mein
Geist reinigt und bestimmt sich. Doch brauchte ich wenigstens noch
ein Jahr allein in Rom, um nach meiner Art den Aufenthalt nutzen zu
koennen, und ihr wisst, ich kann nichts auf andre Art. Jetzt, wenn ich
scheide, werde ich nur wissen, welcher Sinn mir noch nicht aufgegangen
ist, und so sei es denn eine Weile genug.
Der Herkules Farnese ist fort, ich hab' ihn noch auf seinen echten
Beinen gesehen, die man ihm nach so langer Zeit wiedergab. Nun
begreift man nicht, wie man die ersten, von Porta, hat so lange gut
finden koennen. Es ist nun eins der vollkommensten Werke alter Zeit.
In Neapel wird der Koenig ein Museum bauen lassen, wo alles, was er von
Kunstsachen besitzt, das Herkulanische Museum, die Gemaelde von Pompeji,
die Gemaelde von Capo di Monte, die ganze farnesische Erbschaft,
vereinigt aufgestellt werden sollen. Es ist ein grosses und schoenes
Unternehmen. Unser Landsmann Hackert ist die erste Triebfeder dieses
Werks. Sogar der Toro Farnese soll nach Neapel wandern und dort auf
der Promenade aufgestellt werden. Koennten sie die Carraccische
Galerie aus dem Palaste mitnehmen, sie taeten's auch.
Rom, den 27. Juni.
Ich war mit Hackert in der Galerie Colonna, wo Poussins, Claudes,
Salvator Rosas Arbeiten zusammen haengen. Er sagte mir viel Gutes und
gruendlich Gedachtes ueber diese Bilder, er hat einige davon kopiert und
die andern recht aus dem Fundament studiert. Es freute mich, dass ich
im allgemeinen bei den ersten Besuchen in der Galerie eben dieselbe
Vorstellung gehabt hatte. Alles, was er mir sagte, hat meine Begriffe
nicht geaendert, sondern nur erweitert und bestimmt. Wenn man nun
gleich wieder die Natur ansehn und wieder finden und lesen kann, was
jene gefunden und mehr oder weniger nachgeahmt haben, das muss die
Seele erweitern, reinigen und ihr zuletzt den hoechsten anschauenden
Begriff von Natur und Kunst geben. Ich will auch nicht mehr ruhen,
bis mir nichts mehr Wort und Tradition, sondern lebendiger Begriff ist.
Von Jugend auf war mit dieses mein Trieb und meine Plage, jetzt, da
das Alter kommt, will ich wenigstens das Erreichbare erreichen und das
Tunliche tun, da ich so lange verdient und unverdient das Schicksal
des Sisyphus und Tantalus erduldet habe.
Bleibt in der Liebe und Glauben an mich. Mit den Menschen hab' ich
jetzt ein leidlich Leben und eine gute Art Offenheit, ich bin wohl und
freue mich meiner Tage.
Tischbein ist sehr brav, doch fuerchte ich, er wird nie in einen
solchen Zustand kommen, in welchem er mit Freude und Freiheit arbeiten
kann. Muendlich mehr von diesem auch wunderbaren Menschen. Mein
Portraet wird gluecklich, es gleicht sehr, und der Gedanke gefaellt
jedermann; Angelika malt mich auch, daraus wird aber nichts. Es
verdriesst sie sehr, dass es nicht gleichen und werden will. Es ist
immer ein huebscher Bursche, aber keine Spur von mir.
Rom, den 30. Juni.
Das grosse Fest St. Peter und Paul ist endlich auch herangekommen;
gestern haben wir die Erleuchtung der Kuppel und das Feuerwerk vom
Kastell gesehn. Die Erleuchtung ist ein Anblick wie ein ungeheures
Maerchen, man traut seinen Augen nicht. Da ich neuerdings nur die
Sachen und nicht wie sonst bei und mit den Sachen sehe, was nicht da
ist, so muessen mir so grosse Schauspiele kommen, wenn ich mich freuen
soll. Ich habe auf meiner Reise etwa ein halb Dutzend gezaehlt, und
dieses darf allerdings unter den ersten stehn. Die schoene Form der
Kolonnade, der Kirche und besonders der Kuppel erst in einem feurigen
Umrisse und, wenn die Stunde vorbei ist, in einer gluehenden Masse zu
sehn, ist einzig und herrlich. Wenn man bedenkt, dass das ungeheure
Gebaeude in diesem Augenblick nur zum Gerueste dient, so wird man wohl
begreifen, dass etwas aehnliches in der Welt nicht sein kann. Der
Himmel war rein und hell, der Mond schien und daempfte das Feuer der
Lampen zum angenehmen Schein, zuletzt aber, wie alles durch die zweite
Erleuchtung in Glut gesetzt wurde, ward das Licht des Mondes
ausgeloescht. Das Feuerwerk ist wegen des Ortes schoen, doch lange
nicht verhaeltnismaessig zur Erleuchtung. Heute abend sehen wir beides
noch einmal.
Auch das ist vorueber. Es war ein schoener klarer Himmel und der Mond
voll, dadurch ward die Erleuchtung sanfter, und es sah ganz aus wie
ein Maerchen. Die schoene Form der Kirche und der Kuppel gleichsam in
einem feurigen Aufriss zu sehen, ist ein grosser und reizender Anblick.
Rom, Ende Juni.
Ich habe mich in eine zu grosse Schule begeben, als dass ich geschwind
wieder aus der Lehre gehen duerfte. Meine Kunstkenntnisse, meine
kleinen Talente muessen hier ganz durchgearbeitet, ganz reif werden,
sonst bring' ich wieder euch einen halben Freund zurueck, und das
Sehnen, Bemuehen, Krabbeln und Schleichen geht von neuem an. Ich wuerde
nicht fertig werden, wenn ich euch erzaehlen sollte, wie mir auch
wieder alles diesen Monat hier geglueckt ist, ja, wie mir alles auf
einem Teller ist praesentiert worden, was ich nur gewuenscht habe. Ich
habe ein schoenes Quartier, gute Hausleute. Tischbein geht nach Neapel,
und ich beziehe sein Studium, einen grossen kuehlen Saal. Wenn ihr
mein gedenkt, so denkt an mich als an einen Gluecklichen; ich will oft
schreiben, und so sind und bleiben wir zusammen.
Auch neue Gedanken und Einfaelle hab' ich genug, ich finde meine erste
Jugend bis auf Kleinigkeiten wieder, indem ich mir selbst ueberlassen
bin, und dann traegt mich die Hoehe und Wuerde der Gegenstaende wieder so
hoch und weit, als meine letzte Existenz nur reicht. Mein Auge bildet
sich unglaublich, und meine Hand soll nicht ganz zurueckbleiben. Es
ist nur ein Rom in der Welt, und ich befinde mich hier wie der Fisch
im Wasser und schwimme oben wie eine Stueckkugel im Quecksilber, die in
jedem andern Fluidum untergeht. Nichts truebt die Atmosphaere meiner
Gedanken, als dass ich mein Glueck nicht mit meinen Geliebten teilen
kann. Der Himmel ist jetzt herrlich heiter, so dass Rom nur morgens
und abends einigen Nebel hat. Auf den Gebirgen aber, Albano, Castello,
Frascati, wo ich vergangene Woche drei Tage zubrachte, ist eine immer
heitre reine Luft. Da ist eine Natur zu studieren.
Blick vom Pincio in Rom. Zeichnung von Goethe
Bemerkung
Indem ich nun meine Mitteilungen den damaligen Zustaenden, Eindruecken
und Gefuehlen gemaess einrichten moechte und daher aus eigenen Briefen,
welche freilich mehr als irgendeine spaetere Erzaehlung das
Eigentuemliche des Augenblicks darstellen, die allgemein interessanten
Stellen auszuziehen anfange, so find' ich auch Freundesbriefe mir
unter der Hand, welche hiezu noch vorzueglicher dienen moechten.
Deshalb ich denn solche briefliche Dokumente hie und da einzuschalten
mich entschliesse und hier sogleich damit beginne, von dem aus Rom
scheidenden, in Neapel anlangenden Tischbein die lebhaftesten
Erzaehlungen einzufuehren. Sie gewaehren den Vorteil, den Leser sogleich
in jene Gegenden und in die unmittelbarsten Verhaeltnisse der Personen
zu versetzen, besonders auch den Charakter des Kuenstlers aufzuklaeren,
der so lange bedeutend gewirkt, und, wenn er auch mitunter gar
wunderlich erscheinen mochte, doch immer so in seinem Bestreben als in
seinem Leisten ein dankbares Erinnern verdient.
Tischbein an Goethe
Neapel, den 10. Juli 1787.
Unsere Reise von Rom bis Capua war sehr gluecklich und angenehm. In
Albano kam Hackert zu uns; in Velletri speisten wir bei Kardinal
Borgia und besahen dessen Museum, zu meinem besondern Vergnuegen, weil
ich manches bemerkte, das ich im ersten Mal uebergangen hatte. Um drei
Uhr nachmittags reisten wir wieder ab, durch die pontinischen Suempfe,
die mir dieses Mal auch viel besser gefielen als im Winter, weil die
gruenen Baeume und Hecken diesen grossen Ebenen eine anmutige
Verschiedenheit geben. Wir fanden uns kurz vor der Abenddaemmerung in
Mitte der Suempfe, wo die Post wechselt. Waehrend der Zeit aber, als
die Postillons alle Beredsamkeit anwendeten, uns Geld abzunoetigen,
fand ein mutiger Schimmelhengst Gelegenheit, sich loszureissen und
fortzurennen; das gab ein Schauspiel, welches uns viel Vergnuegen
machte. Es war ein schneeweisses schoenes Pferd von praechtiger Gestalt;
er zerriss die Zuegel, womit er angebunden war, hackte mit den
Vorderfuessen nach dem, der ihn aufhalten wollte, schlug hinten aus und
machte ein solches Geschrei mit Wiehern, dass alles aus Furcht
beiseitetrat. Nun sprang er uebern Graben und galoppierte ueber das
Feld, bestaendig schnaubend und wiehernd. Schweif und Maehnen
flatterten hoch in die Luft auf, und seine Gestalt in freier Bewegung
war so schoen, dass alles ausrief: "O che bellezze! che bellezze!" Dann
lief er nah an einem andern Graben hin und wider und suchte eine
schmale Stelle, um ueberzuspringen und zu den Fohlen und Stuten zu
kommen, deren viele hundert jenseits weideten. Endlich gelang es ihm,
hinueberzuspringen, und nun setzte er unter die Stuten, die ruhig
graseten. Die erschraken vor seiner Wildheit und seinem Geschrei,
liefen in langer Reihe und flohen ueber das flache Feld vor ihm hin; er
aber immer hintendrein, indem er aufzuspringen versuchte.
Endlich trieb er eine Stute abseits; die eilte nun auf ein ander Feld
zu einer andern zahlreichen Versammlung von Stuten. Auch diese, von
Schrecken ergriffen, schlugen hinueber zu dem ersten Haufen. Nun war
das Feld schwarz von Pferden, wo der weisse Hengst immer drunter
herumsprang, alles in Schrecken und Wildheit. Die Herde lief in
langen Reihen auf dem Felde hin und her, es sauste die Luft und
donnerte die Erde, wo die Kraft der schweren Pferde ueberhinflog. Wir
sahen lange mit Vergnuegen zu, wie der Trupp von so vielen Hunderten
auf dem Feld herumgaloppierte, bald in einem Klump, bald geteilt,
jetzt zerstreut einzeln umherlaufend, bald in langen Reihen ueber den
Boden hinrennend.
Endlich beraubte uns die Dunkelheit der einbrechenden Nacht dieses
einzigen Schauspiels, und als der klarste Mond hinter den Bergen
aufstieg, verlosch das Licht unsrer angezuendeten Laternen. Doch da
ich mich lange an seinem sanften Schein vergnuegt hatte, konnte ich
mich des Schlafs nicht mehr erwehren, und mit aller Furcht vor der
ungesunden Luft schlief ich laenger als eine Stunde und erwachte nicht
eher, bis wir zu Terracina ankamen, wo wir die Pferde wechselten.
Hier waren die Postillons sehr artig, wegen der Furcht, welche ihnen
der Marchese Lucchesini eingejagt hatte; sie gaben uns die besten
Pferde und Fuehrer, weil der Weg zwischen den grossen Klippen und dem
Meer gefaehrlich ist. Hier sind schon manche Ungluecke geschehen,
besonders nachts, wo die Pferde leicht scheu werden. Waehrend des
Anspannens und indessen man den Pass an die letzte roemische Wache
vorzeigte, ging ich zwischen den hohen Felsen und dem Meer spazieren
und erblickte den groessten Effekt: der dunkle Fels vom Mond glaenzend
erleuchtet, der eine lebhaft flimmernde Saeule in das blaue Meer warf
und bis auf die am Ufer schwankenden Wellen heranflimmerte.
Da oben auf der Zinne des Berges im daemmernden Blau lagen die Truemmer
von Genserichs zerfallener Burg; sie machte mich an vergangene Zeiten
denken, ich fuehlte des ungluecklichen Konradins Sehnsucht, sich zu
retten, wie des Cicero und des Marius, die sich alle in dieser Gegend
geaengstigt hatten.
Schoen war es nun fernerhin an dem Berg, zwischen den grossen
herabgerollten Felsenklumpen am Saume des Meers im Mondenlicht
herzufahren. Deutlich beleuchtet waren die Gruppen der Olivenbaeume,
Palmen und Pinien bei Fondi; aber die Vorzuege der Zitronenwaelder
vermisste man, sie stehen nur in ihrer ganzen Pracht, wenn die Sonne
auf die goldglaenzenden Fruechte scheint. Nun ging es ueber den Berg, wo
die vielen Oliven--und Johannisbrotbaeume stehen, und es war schon Tag
geworden, als wir bei den Ruinen der antiken Stadt, wo die vielen
ueberbleibsel von Grabmaelern sind, ankamen. Das groesste darunter soll
dem Cicero errichtet worden sein, eben an dem Ort, wo er ermordet
worden. Es war schon einige Stunden Tag, als wir an den erfreulichen
Meerbusen zu Mola di Gaeta ankamen. Die Fischer mit ihrer Beute
kehrten schon wieder zurueck, das machte den Strand sehr lebhaft.
Einige trugen die Fische und Meerfruechte in Koerben weg, die andern
bereiteten die Garne schon wieder auf einen kuenftigen Fang. Von da
fuhren wir nach Garigliano, wo Cavaliere Venuti graben laesst. Hier
verliess uns Hackert, denn er eilte nach Caserta, und wir gingen
abwaerts von der Strasse herunter an das Meer, wo ein Fruehstueck fuer uns
bereitet war, welches wohl fuer ein Mittagessen gelten konnte. Hier
waren die ausgegrabenen Antiken aufgehoben, die aber jaemmerlich
zerschlagen sind. Unter andern schoenen Sachen findet sich ein Bein
von einer Statue, die dem Apoll von Belvedere nicht viel nachgeben mag.
Es waer' ein Glueck, wenn man das uebrige dazu faende.
Wir hatten uns aus Muedigkeit etwas schlafen gelegt, und da wir wieder
erwachten, fanden wir uns in Gesellschaft einer angenehmen Familie,
die in dieser Gegend wohnt und hierher gekommen war, um uns ein
Mittagsmahl zu geben; welche Aufmerksamkeit wir freilich Herrn Hackert
schuldig sein mochten, der sich aber schon entfernt hatte. Es stand
also wieder aufs neue ein Tisch bereitet; ich aber konnte nicht essen
noch sitzenbleiben, so gut auch die Gesellschaft war, sondern ging am
Meer spazieren zwischen den Steinen, worunter sich sehr wunderliche
befanden, besonders vieles durch Meerinsekten durchloechert, deren
einige aussahen wie ein Schwamm.
Hier begegnete mir auch etwas recht Vergnuegliches: ein Ziegenhirt
trieb an den Strand des Meeres; die Ziegen kamen in das Wasser und
kuehlten sich ab. Nun kam auch der Schweinehirt dazu, und unter der
Zeit, dass die beiden Herden sich in den Wellen erfrischten, setzten
sich beide Hirten in den Schatten und machten Musik; der Schweinehirt
auf einer Floete, der Ziegenhirt auf dem Dudelsack. Endlich ritt ein
erwachsener Knabe nackend heran und ging so tief in das Wasser, so
tief, dass das Pferd mit ihm schwamm. Das sah nun gar schoen aus, wenn
der wohlgewachsene Junge so nah ans Ufer kam, dass man seine ganze
Gestalt sah, und er sodann wieder in das tiefe Meer zurueckkehrte, wo
man nichts weiter sah als den Kopf des schwimmenden Pferdes, ihn aber
bis an die Schultern.
Um drei Uhr nachmittags fuhren wir weiter, und als wir Capua drei
Meilen hinter uns gelassen hatten, es war schon eine Stunde in der
Nacht, zerbrachen wir das Hinterrad unsres Wagens. Das hielt uns
einige Stunden auf, um ein andres an die Stelle zu nehmen. Da aber
dieses geschehen war und wir abermals einige Meilen zurueckgelegt
hatten, brach die Achse. Hierueber wurden wir sehr verdriesslich; wir
waren so nah bei Neapel und konnten doch unsre Freunde nicht sprechen.
Endlich langten wir einige Stunden nach Mitternacht daselbst an, wo
wir noch so viele Menschen auf der Strasse fanden, als man in einer
andern Stadt kaum um Mittag findet.
Hier hab' ich nun alle unsre Freunde gesund und wohl angetroffen, die
sich alle freuten, dasselbe von Ihnen zu hoeren. Ich wohne bei Herrn
Hackert im Hause; vorgestern war ich mit Ritter Hamilton zu Pausilipo
auf seinem Lusthause. Da kann man denn freilich nichts Herrlicheres
auf Gottes Erdboden schauen. Nach Tische schwammen ein Dutzend Jungen
in dem Meere, das war schoen anzusehen. Die vielen Gruppen und
Stellungen, welche sie in ihren Spielen machten! Er bezahlt sie dafuer,
damit er jeden Nachmittag diese Lust habe. Hamilton gefaellt mir
ausserordentlich wohl; ich sprach vieles mit ihm, sowohl hier im Haus,
als auch da wir auf dem Meer spazierenfuhren. Es freute mich
ausserordentlich, so viel von ihm zu erfahren, und hoffe noch viel
Gutes von diesem Manne. Schreiben Sie mir doch die Namen Ihrer
uebrigen hiesigen Freunde, damit ich auch sie kennen lernen und gruessen
kann. Bald sollen Sie mehreres von hier vernehmen. Gruessen Sie alle
Freunde, besonders Angelika und Reiffenstein.
N. S. Ich finde es in Neapel sehr viel heisser als in Rom, nur mit dem
Unterschied, dass die Luft gesuender ist und auch bestaendig etwas
frischer Wind weht, aber die Sonne hat viel mehr Kraft; die ersten
Tage war es mir fast unertraeglich. Ich habe bloss von Eis--und
Schneewasser gelebt.
Spaeter, ohne Datum.
Gestern haett' ich Sie in Neapel gewuenscht: einen solchen Laermen, eine
solche Volksmenge, die nur da war, um Esswaren einzukaufen, hab' ich in
meinem Leben nicht gesehen; aber auch so viele dieser Esswaren sieht
man nie wieder beisammen. Von allen Sorten war die grosse Strasse
Toledo fast bedeckt. Hier bekommt man erst eine Idee von einem Volk,
das in einer so gluecklichen Gegend wohnt, wo die Jahreszeit taeglich
Fruechte wachsen laesst. Denken Sie sich, dass heute 500 000 Menschen im
Schmausen begriffen sind und das auf Neapolitaner Art. Gestern und
heute war ich an einer Tafel, wo gefressen ist worden, dass ich
erstaunt bin; ein suendiger ueberfluss war da. Kniep sass auch dabei und
uebernahm sich so, von allen den leckern Speisen zu essen, dass ich
fuerchtete, er platze; aber ihn ruehrte es nicht, und er erzaehlte dabei
immer von dem Appetit, den er auf dem Schiff und in Sizilien gehabt
habe, indessen Sie fuer Ihr gutes Geld, teils aus uebelbefinden, teils
aus Vorsatz, gefastet und so gut als gehungert.
Heute ist schon alles aufgefressen worden, was gestern verkauft wurde,
und man sagt, morgen sei die Strasse wieder so voll, als sie gestern
war. Toledo scheint ein Theater, wo man den ueberfluss zeigen will.
Die Butiken sind alle ausgeziert mit Esswaren, die sogar ueber die
Strasse in Girlanden hinueberhaengen, die Wuerstchen zum Teil vergoldet
und mit roten Baendern gebunden; die welschen Hahnen haben alle eine
rote Fahne im Hintern stecken, deren sind gestern dreissigtausend
verkauft worden, dazu rechne man die, welche die Leute im Hause fett
machen. Die Zahl der Esel mit Kapaunen beladen sowie der andern mit
kleinen Pomeranzen belastet, die grossen auf dem Pflaster
aufgeschuetteten Haufen solcher Goldfruechte erschreckten einen. Aber
am schoensten moechten doch die Butiken sein, wo gruene Sachen verkauft
werden, und die, wo Rosinentrauben, Feigen und Melonen ausgesetzt sind:
alles so zierlich zur Schau geordnet, dass es Auge und Herz erfreut.
Neapel ist ein Ort, wo Gott haeufig seinen Segen gibt fuer alle Sinne.
Spaeter, ohne Datum.
Hier haben Sie eine Zeichnung von den Tuerken, die hier gefangen liegen.
Der "Herkules", wie es erst hiess, hat sie nicht genommen, sondern
ein Schiff, welches die Korallenfischer begleitete. Die Tuerken sahen
dieses christliche Fahrzeug und machten sich dran, um es wegzunehmen,
aber sie fanden sich betrogen; denn die Christen waren staerker, und so
wurden sie ueberwaeltigt und gefangen hierher gefuehrt. Es waren dreissig
Mann auf dem christlichen Schiffe, vierundzwanzig auf dem tuerkischen;
sechs Tuerken blieben im Gefechte, einer ist verwundet. Von den
Christen ist kein einziger geblieben, die Madonna hat sie beschuetzt.
Der Schiffer hat eine grosse Beute gemacht; er fand sehr viel Geld und
Waren, Seidenzeug und Kaffee, auch einen reichen Schmuck, welcher
einer jungen Mohrin gehoerte.
Es war merkwuerdig, die vielen tausend Menschen zu sehen, welche Kahn
an Kahn dahinfuhren, um die Gefangenen zu beschauen, besonders die
Mohrin. Es fanden sich verschiedene Liebhaber, die sie kaufen wollten
und viel Geld boten, aber der Kapitaen will sie nicht weggeben.
Ich fuhr alle Tage hin und fand einmal den Ritter Hamilton und Miss
Hart, die sehr geruehrt war und weinte. Da das die Mohrin sah, fing
sie auch an zu weinen; die Miss wollte sie kaufen, der Kapitaen aber
hartnaeckig sie nicht hergeben. Jetzo sind sie nicht mehr hier; die
Zeichnung besagt das Weitere.
Nachtrag
Paepstliche Teppiche
Die grosse Aufopferung, zu der ich mich entschloss, eine von dem Gipfel
des Bergs bis beinahe ans Meer herabstroemende Lava hinter mir zu
lassen, ward mir durch den erreichten Zweck reichlich vergolten, durch
den Anblick der Teppiche, welche, am Fronleichnamstag aufgehaengt, uns
an Raffael, seine Schueler, seine Zeit auf das glaenzendste erinnerten.
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