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Italienische Reise Teil 2

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Waren die alten Monumente nach so vielen Jahrhunderten meistens zu
unfoermlichen Massen zerfallen, so musste man bei neueren
aufrechtstehenden Prachtgebaeuden gleichermassen den Verfall so vieler
Familien in der spaeteren Zeit bedauern, ja, selbst das noch frisch im
Leben Erhaltene schien an einem heimlichen Wurm zu kranken; denn wie
wollte sich das Irdische ohne eigentlich physische Kraft durch
sittliche und religioese Stuetzen allein in unsern Tagen aufrecht
erhalten? Und wie einem heiteren Sinn auch die Ruine wieder zu
beleben, gleich einer frischen, unsterblichen Vegetation, verfallene
Mauern und zerstreute Bloecke wieder mit Leben auszustatten gelingt, so
entkleidet ein trauriger Sinn das lebendige Dasein von seinem
schoensten Schmuck und moechte es uns gern als ein nacktes Gerippe
aufdringen.

Auch zu einer Gebirgsreise, die wir noch vor Winters in heiterer
Gesellschaft zu vollbringen gedachten, konnt' ich mich nicht
entschliessen, bis ich, einer erfolgten Besserung gewiss und durch
sorgfaeltige Anstalten gesichert, Nachricht von ihrer Genesung auch an
denen Orten erhalten sollte, wo ich sie so munter als liebenswuerdig in
den schoensten Herbsttagen kennen gelernt hatte.



Schon die ersten Briefe aus Weimar ueber "Egmont" enthielten einige
Ausstellungen ueber dieses und jenes; hiebei erneute sich die alte
Bemerkung, dass der unpoetische, in seinem buergerlichen Behagen bequeme
Kunstfreund gewoehnlich da einen Anstoss nimmt, wo der Dichter ein
Problem aufzuloesen, zu beschoenigen oder zu verstecken gesucht hat.
Alles soll, so will es der behagliche Leser, im natuerlichen Gange
fortgehen; aber auch das Ungewoehnliche kann natuerlich sein, scheint es
aber demjenigen nicht, der auf seinen eigenen Ansichten verharrt. Ein
Brief dieses Inhalts war angekommen, ich nahm ihn und ging in die
Villa Borghese; da musst' ich denn lesen, dass einige Szenen fuer zu lang
gehalten wuerden. Ich dachte nach, haette sie aber auch jetzt nicht zu
verkuerzen gewusst, indem so wichtige Motive zu entwickeln waren. Was
aber am meisten den Freundinnen tadelnswert schien, war das lakonische
Vermaechtnis, womit Egmont sein Klaerchen an Ferdinand empfiehlt.

Ein Auszug aus meinem damaligen Antwortschreiben wird ueber meine
Gesinnungen und Zustaende den besten Aufschluss geben.

"Wie sehr wuenscht' ich nun, auch euren Wunsch erfuellen und dem
Vermaechtnis Egmonts einige Modifikation geben zu koennen! Ich eilte an
einem herrlichen Morgen mit eurem Briefe gleich in die Villa Borghese,
dachte zwei Stunden den Gang des Stuecks, die Charaktere, die
Verhaeltnisse durch und konnte nichts finden, das ich abzukuerzen haette.
Wie gern moecht' ich euch alle meine ueberlegungen, mein Pro und Contra
schreiben, sie wuerden ein Buch Papier fuellen und eine Dissertation
ueber die oekonomie meines Stuecks enthalten. Sonntags kam ich zu
Angelika und legte ihr die Frage vor. Sie hat das Stueck studiert und
besitzt eine Abschrift davon. Moechtest du doch gegenwaertig gewesen
sein, wie weiblich zart sie alles auseinander legte, und es darauf
hinausging: dass das, was ihr noch muendlich von dem Helden erklaert
wuenschtet, in der Erscheinung implicite enthalten sei. Angelika sagte:
da die Erscheinung nur vorstelle, was in dem Gemuete des schlafenden
Helden vorgehe, so koenne er mit keinen Worten staerker ausdruecken, wie
sehr er sie liebe und schaetze, als es dieser Traum tue, der das
liebenswuerdige Geschoepf nicht zu ihm herauf, sondern ueber ihn hinauf
hebe. Ja, es wolle ihr wohl gefallen, dass der, welcher durch sein
ganzes Leben gleichsam wachend getraeumt, Leben und Liebe mehr als
geschaetzt, oder vielmehr nur durch den Genuss geschaetzt, dass dieser
zuletzt noch gleichsam traeumend wache und uns still gesagt werde, wie
tief die Geliebte in seinem Herzen wohne und welche vornehme und hohe
Stelle sie darin einnehme.--Es kamen noch mehr Betrachtungen dazu, dass
in der Szene mit Ferdinand Klaerchens nur auf eine subordinierte Weise
gedacht werden konnte, um das Interesse des Abschieds von dem jungen
Freunde nicht zu schmaelern, der ohnehin in diesem Augenblicke nichts
zu hoeren noch zu erkennen imstande war."




Moritz als Etymolog

Schon laengst hat ein weiser Mann das wahre Wort ausgesprochen: "Der
Mensch, dessen Kraefte zu dem Notwendigen und Nuetzlichen nicht
hinreichen, mag sich gern mit dem Unnoetigen und Unnuetzen beschaeftigen!"
Vielleicht moechte nachstehendes von manchem auf diese Weise
beurteilt werden.

Unser Geselle Moritz liess nicht ab, jetzt, in dem Kreise der hoechsten
Kunst und schoensten Natur, ueber die Innerlichkeiten des Menschen,
seine Anlagen und Entwickelungen fortwaehrend zu sinnen und zu spinnen;
deshalb er denn auch sich mit dem Allgemeinen der Sprache vorzueglich
beschaeftigte.

Zu jener Zeit war in Gefolg der Herderischen Preisschrift "ueber den
Ursprung der Sprache" und in Gemaessheit der damaligen allgemeinen
Denkweise die Vorstellung herrschend: das Menschengeschlecht habe sich
nicht von einem Paare aus dem hohen Orient herab ueber die ganze Erde
verbreitet, sondern zu einer gewissen merkwuerdig produktiven Zeit des
Erdballs sei, nachdem die Natur die verschiedenartigsten Tiere
stufenweis hervorzubringen versucht, da und dort, in mancher guenstigen
Lage die Menschenart mehr oder weniger vollendet hervorgetreten. Ganz
im innerlichsten Bezug auf seine Organe sowohl als seine
Geistesfaehigkeiten sei nun dem Menschen die Sprache angeboren. Hier
beduerfe es keiner natuerlichen Anleitung, so wenig als einer
ueberlieferung. Und in diesem Sinne gebe es eine allgemeine Sprache,
welche zu manifestieren ein jeder autochthonische Stamm versucht habe.
Die Verwandtschaft aller Sprachen liege in der uebereinstimmung der
Idee, wonach die schaffende Kraft das menschliche Geschlecht und
seinen Organismus gebildet. Daher komme denn, dass teils aus innerem
Grundtriebe, teils durch aeussere Veranlassung die sehr beschraenkte
Vokal--und Konsonantenzahl zum Ausdruck von Gefuehlen und Vorstellungen
richtig oder unrichtig angewendet worden; da es denn natuerlich, ja
notwendig sei, dass die verschiedensten Autochthonen teils
zusammengetroffen, teils voneinander abgewichen und sich diese oder
jene Sprache in der Folge entweder verschlimmert oder verbessert habe.
Was von den Stammworten gelte, gelte denn auch von den Ableitungen,
wodurch die Bezuege der einzelnen Begriffe und Vorstellungen
ausgedrueckt und bestimmter bezeichnet werden. Dies moechte denn gut
sein und als ein Unerforschliches, nie mit Gewissheit zu Bestimmendes
auf sich beruhen.

Hierueber find' ich in meinen Papieren folgendes Naehere:

"Mir ist es angenehm, dass sich Moritz aus seiner bruetenden Traegheit,
aus dem Unmut und Zweifel an sich selbst zu einer Art von Taetigkeit
wendet, denn da wird er allerliebst. Seine Grillenfaengereien haben
alsdann eine wahre Unterlage und seine Traeumereien Zweck und Sinn.
Jetzt beschaeftigt ihn eine Idee, in welche ich auch eingegangen bin
und die uns sehr unterhaelt. Es ist schwer, sie mitzuteilen, weil es
gleich toll klingt. Doch will ich's versuchen:

Er hat ein Verstands--und Empfindungsalphabet erfunden, wodurch er
zeigt, dass die Buchstaben nicht willkuerlich, sondern in der
menschlichen Natur gegruendet sind und alle gewissen Regionen des
inneren Sinnes angehoeren, welchen sie denn auch, ausgesprochen,
ausdruecken. Nun lassen sich nach diesem Alphabete die Sprachen
beurteilen, und da findet sich, dass alle Voelker versucht haben, sich
dem innern Sinn gemaess auszudruecken, alle sind aber durch Willkuer und
Zufall vom rechten Wege abgeleitet worden. Demzufolge suchen wir in
den Sprachen die Worte auf, die am gluecklichsten getroffen sind, bald
hat's die eine, bald die andre; dann veraendern wir die Worte, bis sie
uns recht duenken, machen neue u. s. w. Ja, wenn wir recht spielen
wollen, machen wir Namen fuer Menschen, untersuchen, ob diesem oder
jenem sein Name gehoere etc. etc.

Das etymologische Spiel beschaeftigt schon so viele Menschen, und so
gibt es auch uns auf diese heitere Weise viel zu tun. Sobald wir
zusammenkommen, wird es wie ein Schachspiel vorgenommen, und
hunderterlei Kombinationen werden versucht, so dass, wer uns zufaellig
behorchte, uns fuer wahnsinnig halten muesste. Auch moechte ich es nur
den allernaechsten Freunden vertrauen. Genug, es ist das witzigste
Spiel von der Welt und uebt den Sprachsinn unglaublich."

Italienische Reise / 2. Roem. Aufenthalt / Philipp Neri (1)




Philipp Neri, der humoristische Heilige

Philipp Neri, in Florenz geboren 1515, erscheint von Kindheit auf als
ein folgsamer, sittlicher Knabe von kraeftigen Anlagen. Sein Bildnis
als eines solchen ist gluecklicherweise aufbewahrt in des Fidanza
"Teste Scelte", Tom. V, Bl. 31. Man wuesste sich keinen tuechtigern,
gesuendern, geradsinnigeren Knaben zu denken. Als Abkoemmling einer
edlen Familie wird er in allem Guten und Wissenswerten der Zeit gemaess
unterrichtet und endlich, um seine Studien zu vollenden, man meldet
nicht, in welchem Alter, nach Rom gesandt. Hier entwickelt er sich
zum vollkommnen Juengling; sein schoenes Antlitz, seine reichen Locken
zeichnen ihn aus; er ist anziehend und ablehnend zugleich, Anmut und
Wuerde begleiten ihn ueberall.

Hier, zur traurigsten Zeit, wenige Jahre nach der grausamen Pluenderung
der Stadt, ergibt er sich, nach Vorgang und Beispiel vieler Edlen,
ganz den uebungen der Froemmigkeit, und sein Enthusiasmus steigert sich
mit den Kraeften einer frischen Jugend. Unablaessiges Besuchen der
Kirchen, besonders der sieben Hauptkirchen, bruenstiges Beten zu
Herannoetigung der Huelfe, fleissiges Beichten und Genuss des Abendmahls,
Flehen und Ringen nach geistigen Guetern.

In solch einem enthusiastischen Momente wirft er sich einst auf die
Stufen des Altars und zerbricht ein paar Rippen, welche, schlecht
geheilt, ihm lebenslaengliches Herzklopfen verursachen und die
Steigerung seiner Gefuehle veranlassen.

Um ihn versammeln sich junge Maenner zu taetiger Sittlichkeit und
Froemmigkeit, sie erweisen sich unermuedet, die Armen zu versorgen, die
Kranken zu pflegen, und scheinen ihre Studien hintanzusetzen.
Wahrscheinlich bedienen sie sich der Zuschuesse von Haus zu wohltaetigen
Zwecken, genug, sie geben und helfen immer und behalten nichts fuer
sich, ja, er lehnt nachher ausdruecklich alle Beihuelfe von den Seinigen
ab, um dasjenige, was Wohltaetigkeit ihnen zuweiset, an Beduerftige zu
wenden und selbst zu darben.

Dergleichen fromme Handlungen waren jedoch zu herzlich und lebhaft,
als dass man nicht haette suchen sollen, sich zugleich auf eine
geistliche und gefuehlvolle Weise ueber die wichtigsten Gegenstaende zu
unterhalten. Die kleine Gesellschaft besass noch kein eigenes Lokal,
sie erbat sich's bald in diesem, bald in jenem Kloster, wo dergleichen
leere Raeume wohl zu finden sein mochten. Nach einem kurzen stillen
Gebet ward ein Text der Heiligen Schrift verlesen, worueber ein und der
andere sich, auslegend oder anwendend, in einer kurzen Rede vernehmen
liess. Man besprach sich auch wohl hierueber, alles in bezug auf
unmittelbare Taetigkeit; dialektische und spitzfindige Behandlung war
durchaus verboten. Die uebrige Tageszeit ward immerfort einer
aufmerksamen Versorgung der Kranken, dem Dienst in Hospitaelern, dem
Beistande der Armen und Notleidenden gewidmet.

Da bei diesen Verhaeltnissen keine Beschraenkung vorwaltete und man
ebensogut kommen als gehen konnte, so vermehrte sich die Zahl der
Teilnehmenden ungemein, so wie sich denn auch jene Versammlung ernster
und umgreifender beschaeftigte. Auch aus den Leben der Heiligen ward
vorgelesen, Kirchenvaeter und Kirchengeschichte stellenweise zu Rate
gezogen, worauf denn vier der Teilnehmenden, jeder eine halbe Stunde,
zu sprechen das Recht und Pflicht hatten.

Diese fromme tagtaegliche, ja familiaer-praktische Behandlung der
hoechsten Seelenangelegenheiten erregte immer mehr Aufmerksamkeit nicht
allein unter Einzelnen, sondern sogar unter ganzen Koerperschaften.
Man verlegte die Versammlungen in die Kreuzgaenge und Raeume dieser und
jener Kirche, der Zudrang vermehrte sich, besonders zeigte sich der
Orden der Dominikaner dieser Art, sich zu erbauen, sehr geneigt und
schloss sich zahlreich an die sich immer mehr ausbildende Schar an,
welche durch die Kraft und den hohen Sinn ihres Anfuehrers sich
durchaus gleich und, wenn auch geprueft durch mancherlei
Widerwaertigkeiten, auf demselben Pfade fortschreitend finden liess.

Da nun aber nach dem hohen Sinne des trefflichen Vorgesetzten alle
Spekulation verbannt, jede geregelte Taetigkeit aber aufs Leben
gerichtet war, und das Leben sich ohne Heiterkeit nicht denken laesst,
so wusste der Mann auch hierin den unschuldigen Beduerfnissen und
Wuenschen der Seinigen entgegenzukommen. Bei eintretendem Fruehling
fuehrte er sie nach San Onofrio, welches, hoch und breit gelegen, in
solchen Tagen die angenehmste oertlichkeit anbot. Hier, wo bei der
jungen Jahrszeit alles jung erscheinen sollte, trat nach stillen
Gebeten ein huebscher Knabe hervor, rezitierte eine auswendig gelernte
Predigt, Gebete folgten, und ein Chor besonders eingeladener Saenger
liess sich erfreulich und eindringlich zum Schlusse hoeren, welches um
so bedeutender war, als die Musik damals weder ausgebreitet noch
ausgebildet gefunden ward und hier vielleicht zum erstenmal ein
religioser Gesang in freier Luft sich mitteilte.

Immer auf diese Weise fortwirkend, vermehrte sich die Kongregation und
wuchs, so wie an Personenzahl, so an Bedeutung. Die Florentiner
noetigten gleichsam ihren Landsmann, das von ihnen abhaengige Kloster
San Girolamo zu beziehen, wo denn die Anstalt sich immer mehr
ausdehnte und auf gleiche Weise fortwirkte, bis ihnen endlich der
Papst in der Naehe des Platzes Navona ein Kloster als eigentuemlich
anwies, welches, von Grund aus neu gebaut, eine gute Anzahl frommer
Genossen aufnehmen konnte. Hier blieb es jedoch bei der frueheren
Einrichtung, Gotteswort, das will sagen heilig edle Gesinnungen dem
gemeinen Verstande sowie dem gemeinen Alltagsleben anzunaehern und
eigen zu machen. Man versammelte sich nach wie vor, betete, vernahm
einen Text, hoerte darueber sprechen, betete und ward zuletzt durch
Musik ergoetzt, und was damals oefter, ja taeglich geschah, geschieht
jetzt noch Sonntags, und gewiss wird jeder Reisende, der naehere
Kenntnis von dem heiligen Stifter genommen, sich kuenftighin, diesen
unschuldigen Funktionen beiwohnend, vorzueglich erbauen, wenn er
dasjenige, was wir vorgetragen haben und zunaechst mitteilen, in Gemuet
und Gedanke vorueberwalten laesst.

Hier sind wir nun in dem Falle, in Erinnerung zu bringen, dass diese
ganze Anstalt noch immer ans Weltliche grenzte. Wie denn nur wenige
unter ihnen sich dem eigentlichen Priesterstande gewidmet hatten und
nur so viel geweihte Geistliche unter ihnen gefunden wurden, als noetig,
Beichte zu sitzen und das Messopfer zu verrichten. Und so war denn
auch Philipp Neri selbst sechsunddreissig Jahre alt geworden, ohne sich
zum Priestertum zu melden, denn er fand sich, wie es scheint, in
seinem gegenwaertigen Zustande frei und weit mehr sich selbst
ueberlassen, als er sich mit kirchlichen Banden gefesselt, als Glied
der grossen Hierarchie zwar hochgeehrt, aber doch beschraenkt gefuehlt
haette.

Allein von oben her liess man es dabei nicht bewenden, sein Beichtvater
machte es ihm zur Gewissenssache, die Weihe zu nehmen und in den
Priesterstand zu treten. Und so geschah es auch; nun hatte die Kirche
klueglich einen Mann in ihren Kreis eingeschlossen, der, unabhaengigen
Geistes bisher, auf einen Zustand losging, worin das Heilige mit dem
Weltlichen, das Tugendsame mit dem Alltaeglichen sich vereinigen und
vertragen sollte. Diese Veraenderung aber, der uebergang zur
Priesterschaft, scheint auf sein aeusseres Benehmen nicht im mindesten
eingewirkt zu haben.

Er uebt nur noch strenger als bisher jede Entaeusserung und lebt in einem
schlechten Kloesterchen mit andern kuemmerlich zusammen. So gibt er die
bei grosser Teurung ihm verehrten Brote einem andern Beduerftigern und
setzt seinen Dienst gegen Unglueckliche immer fort.

Aber auf sein Inneres hat das Priestertum einen merkwuerdig steigernden
Einfluss. Die Verpflichtung zum Messopfer versetzt ihn in einen
Enthusiasmus, in eine Ekstase, wo man den bisher so natuerlichen Mann
gaenzlich verliert. Er weiss kaum, wohin er schreitet, er taumelt auf
dem Wege und vor dem Altare. Hebt er die Hostie in die Hoehe, so kann
er die Arme nicht wieder herunterbringen; es scheint, als zoege ihn
eine unsichtbare Kraft empor. Beim Eingiessen des Weins zittert und
schaudert er. Und wenn er nach vollendeter Wandlung dieser
geheimnisvollen Gaben geniessen soll, erzeigt er sich auf eine
wunderliche, nicht auszusprechende schwelgerische Weise. Vor
Leidenschaft beisst er in den Kelch, indes er ahnungsvoll das Blut zu
schluerfen glaubt des kurz vorher gleichsam gierig verschlungenen
Leibes. Ist aber dieser Taumel vorueber, so finden wir zwar immer
einen leidenschaftlich wundersamen, aber immer hoechst verstaendig
praktischen Mann.

Ein solcher Juengling, ein solcher Mann, so lebhaft und seltsam wirkend,
musste den Menschen wunderlich und mitunter gerade durch seine
Tugenden beschwerlich und widerwaertig vorkommen. Wahrscheinlich ist
ihm dieses in dem Laufe seines froherer Lebens oft begegnet; nachdem
er aber zum Priester geweiht ist und sich so eng und kuemmerlich,
gleichsam als Gast in einem armseligen Kloster behilft, treten
Widersacher auf, die ihn mit Spott und Hohn unablaessig verfolgen.

Doch wir gehen weiter und sagen, er sei ein hoechst ausgezeichneter
Mensch gewesen, der aber das einem jeden dieser Art angeborne
Herrische zu beherrschen und in Entsagung, Entbehrung, Wohltaetigkeit,
Demut und Schmach den Glanz seines Daseins zu verhuellen trachtete.
Der Gedanke, vor der Welt als toericht zu erscheinen und dadurch in
Gott und goettliche Dinge sich erst recht zu versenken und zu ueben, war
sein andauerndes Bestreben, wodurch er sich und sodann auch seine
Schueler ausschliesslich zu erziehen unternahm. Die Maxime des heiligen
Bernhard:

"Spernere mundum,
Spernere neminem,
Spernere se ipsum,
Spernere se sperni."



schien ihn ganz durchdrungen zu haben, ja vielmehr aus ihm frisch
wieder entwickelt zu sein.

aehnliche Absichten, aehnliche Zustaende noetigen den Menschen, in
gleichen Maximen sich aufzuerbauen. Man kann gewiss sein, dass die
erhabensten, innerlich stolzesten Menschen sich zu jenen Grundsaetzen
allein bequemen, indem sie das Widerwaertige einer dem Guten und Grossen
immer widerstrebenden Welt vorauszukosten und den bittern Kelch der
Erfahrung, eh' er ihnen noch angeboten ist, bis auf den Grund zu
leeren sich entschliessen. Grenzenlos und in ununterbrochener Reihe
machen jene Geschichtchen, wie er seine Schueler geprueft, deren viele
bis auf uns gekommen sind, jeden lebenslustigen Menschen, der sie
vernimmt, wirklich ungeduldig, so wie diese Gebote demjenigen, der
ihnen gehorchen sollte, hoechst schmerzlich und nahezu unertraeglich
fallen mussten. Deswegen denn auch nicht alle eine solche Feuerprobe
bestanden.

Eh' wir aber uns auf dergleichen wunderbare und dem Leser
gewissermassen unwillkommne Erzaehlungen einlassen, wenden wir uns
lieber noch einmal zu jenen grossen Vorzuegen, welche die Zeitgenossen
ihm zugestehen und hoechlich ruehmen. Er habe, sagen sie, Kenntnisse
und Bildung mehr von Natur als durch Unterricht und Erziehung erhalten;
alles, was andere muehsam erwerben, sei ihm gleichsam eingegossen
gewesen. Ferner habe er die grosse Gabe zu eigen gehabt, Geister zu
unterscheiden, Eigenschaften und Faehigkeiten der Menschen zu wuerdigen
und zu schaetzen; zugleich habe er mit dem groessten Scharfsinn die
weltlichen Dinge durchdrungen, auf einen Grad, dass man ihm den Geist
der Wahrsagung zuschreiben muessen. Auch ward ihm eine entschiedene
Anziehungsgabe, welche auszudruecken die Italiener sich des schoenen
Wortes "attrattiva" bedienen, kraeftig verliehen, die sich nicht allein
auf Menschen erstreckte, sondern auch auf Tiere. Als Beispiel wird
erzaehlt, dass der Hund eines Freundes sich ihm angeschlossen und
durchaus gefolgt sei, auch bei dem ersten Besitzer, der ihn lebhaft
zurueckgewuenscht und durch mancherlei Mittel ihn wieder zu gewinnen
getrachtet, auf keine Weise verbleiben wollen, sondern sich immer zu
dem anziehenden Manne zurueckbegeben, sich niemals von ihm getrennt,
vielmehr zuletzt nach mehreren Jahren in dem Schlafzimmer seines
erwaehlten Herrn das Leben geendet habe. Dieses Geschoepf veranlasst uns
nun, auf jene Pruefungen, zu denen es selbst Gelegenheit gegeben,
zurueckzukommen. Es ist bekannt, dass Hundefuehren, Hundetragen im
Mittelalter ueberhaupt und wahrscheinlich auch in Rom hoechst
schimpflich gewesen. In dieser Ruecksicht pflegte der fromme Mann
jenes Tier an einer Kette durch die Stadt zu fuehren, auch mussten seine
Schueler dasselbe auf den Armen durch die Strassen tragen und sich auf
diese Weise dem Gelaechter und Spott der Menge preisgeben.

Auch mutete er seinen Schuelern und Genossen andere unwuerdige
aeusserlichkeiten zu. Einem jungen roemischen Fuersten, welcher der Ehre,
fuer ein Ordensglied zu gelten, mitgeniessen wollte, wurde angesonnen,
er solle mit einem hinten angehefteten Fuchsschwanze durch Rom
spazieren, und, als er dies zu leisten sich weigerte, die Aufnahme in
den Orden versagt. Einen andern schickte er ohne ueberkleid und wieder
einen mit zerrissnen aermeln durch die Stadt. Dieses Letztern erbarmte
sich ein Edelmann und bot ihm ein Paar neue aermel an, die der Juengling
ausschlug, nachher aber auf Befehl des Meisters dankbar abholen und
tragen musste. Beim Bau der neuen Kirche noetigte er die Seinen, gleich
Tagloehnern die Materialien herbeizuschaffen und sie den Arbeitern zur
Hand zu langen.

Gleichermassen wusste er auch jedes geistige Behagen, das der Mensch an
sich empfinden mochte, zu stoeren und zu vernichten. Wenn die Predigt
eines jungen Mannes wohl zu gelingen und der Redner sich darin selbst
zu gefallen schien, unterbrach er ihn in der Mitte des Worts, um an
seiner Stelle weiterzusprechen, befahl auch wohl weniger faehigen
Schuelern, ungesaeumt hinaufzutreten und zu beginnen, welche denn, so
unerwartet angeregt, sich aus dem Stegreife besser als je zu erweisen
das Glueck hatten. Italienische Reise / 2. Roem. Aufenthalt / Philipp
Neri (2)






Man versetze sich in die zweite Haelfte des sechzehnten Jahrhunderts
und den wuesten Zustand, in welchem Rom unter verschiedenen Paepsten wie
ein aufgeregtes Element erschien, und man wird eher begreifen, dass ein
solches Verfahren wirksam und maechtig sein musste, indem es durch
Neigung und Furcht, durch Ergebenheit und Gehorsam dem innersten
Wollen des Menschen die grosse Gewalt verlieh, trotz allem aeussern sich
zu erhalten, um allem, was sich ereignen konnte, zu widerstehen, da es
befaehigt, selbst dem Vernuenftigen und Verstaendigen, dem Herkoemmlichen
und Schicklichen unbedingt zu entsagen.

Eine merkwuerdige, obgleich schon bekannte Pruefungsgeschichte wird man
hier wegen ihrer besondern Anmut nicht ungern wiederholt finden. Dem
heiligen Vater war angekuendigt, in einem Kloster auf dem Lande tue
sich eine wunderwirkende Nonne hervor. Unser Mann erhaelt den Auftrag,
eine fuer die Kirche so wichtige Angelegenheit naeher zu untersuchen; er
setzt sich auf sein Maultier, das Befohlene zu verrichten, kommt aber
schneller zurueck, als der heilige Vater es erwartet. Der Verwunderung
seines geistlichen Gebieters begegnet Neri mit folgenden Worten:
"Heiligster Vater, diese tut keine Wunder, denn es fehlt ihr an der
ersten christlichen Tugend, der Demut; ich komme durch schlimmen Weg
und Wetter uebel zugerichtet im Kloster an, ich lasse sie in Eurem
Namen vor mich fordern, sie erscheint, und ich reiche ihr statt des
Grusses den Stiefel hin, mit der Andeutung, sie solle mir ihn ausziehen.
Entsetzt faehrt sie zurueck, und mit Schelten und Zorn erwidert sie
mein Ansinnen; fuer was ich sie halte! ruft sie aus, die Magd des Herrn
sei sie, aber nicht eines jeden, der daherkomme, um knechtische
Dienste von ihr zu verlangen. Ich erhub mich gelassen, setzte mich
wieder auf mein Tier, stehe wieder vor Euch, und ich bin ueberzeugt,
Ihr werdet keine weitere Pruefung noetig finden." Laechelnd beliess es
auch der Papst dabei, und wahrscheinlich ward ihr das fernere
Wundertun untersagt.

Wenn er aber sich dergleichen Pruefungen gegen andere erlaubte, so
musste er solche von Maennern erdulden, welche, gleichen Sinnes, den
naemlichen Weg der Selbstverleugnung einschlugen. Ein Bettelmoench, der
aber auch schon im Geruch der Heiligkeit stand, begegnet ihm in der
gangbarsten Strasse und bietet ihm einen Schluck aus der Weinflasche,
die er vorsorglich mit sich fuehrt. Philipp Neri bedenkt sich nicht
einen Augenblick und setzt die langhalsige Korbflasche, den Kopf
zurueckbiegend, dreist an den Mund, indes das Volk laut lacht und
spottet, dass zwei fromme Maenner sich dergestalt zutrinken.

Philipp Neri, den es ungeachtet seiner Froemmigkeit und Ergebung
einigermassen durfte verdrossen haben, sagte darauf: "Ihr habt mich
geprueft, nun ist die Reihe an mir", und drueckte zugleich sein
vierecktes Barett auf den Kahlkopf, welcher nun gleichfalls ausgelacht
wurde, ganz ruhig fortging und sagte: "Wenn mir's einer vom Kopf nimmt,
so moegt Ihr's haben." Neri nahm es ihm ab, und sie schieden.

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