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Italienische Reise Teil 2

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Freilich dergleichen zu wagen und dennoch die groessten sittlichen
Wirkungen hervorzubringen, bedurfte es eines Mannes wie Philipp Neri,
dessen Handlungen gar oft als Wunder anzusehen waren. Als Beichtiger
machte er sich furchtbar und daher des groessten Zutrauens wuerdig; er
entdeckte seinen Beichtkindern Suenden, die sie verschwiegen, Maengel,
die sie nicht beachtet hatten; sein bruenstiges ekstatisches Gebet
setzte seine Umgebungen als uebernatuerlich in Erstaunen, in einen
Zustand, in welchem die Menschen wohl auch durch ihre Sinne zu
erfahren glauben, was ihnen die Einbildungskraft, angeregt durchs
Gefuehl, vorbilden mochte. Wozu denn noch kommt, dass das Wunderbare,
ja das Unmoegliche, erzaehlt und wieder erzaehlt, endlich vollkommen die
Stelle des Wirklichen, des Alltaeglichen einnimmt. Hierher gehoert, dass
man ihn nicht allein verschiedentlich waehrend des Messopfers vor dem
Altare wollte emporgehoben gesehen haben, sondern dass sich auch
Zeugnisse fanden, man habe ihn, knieend um das Leben eines
gefaehrlichst Kranken betend, dergestalt von der Erde emporgehoben
erblickt, dass er mit dem Haupte beinahe die Decke des Zimmers beruehrt.

Bei einem solchen durchaus dem Gefuehl und der Einbildungskraft
gewidmeten Zustande war es ganz natuerlich, dass die Einmischung auch
widerwaertiger Daemonen nicht ganz auszubleiben schien.

Oben zwischen dem verfallenen Gemaeuer der Antoninischen Baeder sieht
wohl einmal der fromme Mann in aeffischer Ungestalt ein widerwaertiges
Wesen herumhupfen, das aber auf sein Geheiss alsogleich zwischen
Truemmern und Spalten verschwindet. Bedeutender jedoch als diese
Einzelheit ist, wie er gegen seine Schueler verfaehrt, die ihn von
seligen Erscheinungen, womit sie von der Mutter Gottes und andern
Heiligen beglueckt worden, mit Entzuecken benachrichtigen. Er, wohl
wissend, dass aus dergleichen Einbildungen ein geistlicher Duenkel, der
schlimmste und hartnaeckigste von allen, gewoehnlich entspringe,
versichert sie deshalb, dass hinter dieser himmlischen Klarheit und
Schoenheit gewiss eine teuflische, haessliche Finsternis verborgen liege.
Dieses zu erproben, gebietet er ihnen: bei der Wiederkehr einer so
holdseligen Jungfrau ihr gerade ins Gesicht zu speien; sie gehorchen,
und der Erfolg bewaehrt sich, indem auf der Stelle eine Teufelslarve
hervortritt.

Der grosse Mann mag dieses mit Bewusstsein oder, was wahrscheinlicher
ist, aus tiefem Instinkt geboten haben; genug, er war sicher, dass
jenes Bild, welches eine phantastische Liebe und Sehnsucht
hervorgerufen hatte, nun durch das entgegenwirkende Wagnis von Hass und
Verachtung unmittelbar in eine Fratze sich verwandeln wuerde.

Ihn berechtigten jedoch zu einer so seltsamen Paedagogik die
ausserordentlichsten, zwischen den hoechst geistigen und hoechst
koerperlichen schwebend erscheinenden Naturgaben: Gefuehl einer sich
nahenden noch ungesehenen Person, Ahnung entfernter Begebenheiten,
Bewusstsein der Gedanken eines vor ihm Stehenden, Noetigung anderer zu
seinen Gedanken.

Diese und dergleichen Gaben sind unter mehreren Menschen ausgeteilt,
mancher kann sich derselben ein und das anderemal ruehmen, aber die
ununterbrochene Gegenwart solcher Faehigkeiten, die in jedem Falle
bereite Ausuebung einer so staunenswuerdigen Wirksamkeit, dies ist
vielleicht nur in einem Jahrhundert zu denken, wo zusammengehaltene
unzersplitterte Geistes--und Koerperkraefte sich mit erstaunenswuerdiger
Energie hervortun konnten.

Betrachten wir aber eine solche nach unabhaengigem grenzenlosen,
geistigen Wirken sich hinsehnende und hingetriebene Natur, wie sie
durch die streng umfassenden roemisch-kirchlichen Bande sich wieder
zusammengehalten fuehlen muss.

Die Wirkungen des heiligen Xaverius unter den abgoettischen Heiden
moegen freilich damals in Rom grosses Aufsehen gemacht haben. Dadurch
aufgeregt, fuehlten Neri und einige seiner Freunde sich gleichfalls
nach dem sogenannten Indien gezogen und wuenschten mit paepstlicher
Erlaubnis sich dorthin zu verfuegen. Allein der wahrscheinlich von
oben her wohl instruierte Beichtvater redete ihnen ab und gab zu
bedenken, dass fuer gottselige, auf Besserung des Naechsten, auf
Ausbreitung der Religion gerichtete Maenner in Rom selbst ein
genugsames Indien zu finden und ein wuerdiger Schauplatz fuer deren
Taetigkeit offen sei. Man verkuendigte ihnen, dass der grossen Stadt
selbst zunaechst ein grosses Unheil bevorstehen moechte, indem die drei
Brunnen vor dem Tore St. Sebastian trueb und blutig seit einiger Zeit
geflossen, welches als eine untruegliche Andeutung zu betrachten sei.

Mag also der wuerdige Neri und seine Gesellen, hiedurch beschwichtigt,
innerhalb Roms ein wohltaetiges wunderwirkendes Leben fortgesetzt haben,
so viel ist gewiss, dass er von Jahr zu Jahr an Vertrauen und Achtung
bei Grossen und Kleinen, Alten und Jungen zugenommen.

Bedenke man nun die wundersame Komplikation der menschlichen Natur, in
welcher sich die staerksten Gegensaetze bereinigen, Materielles und
Geistiges, Gewoehnliches und Unmoegliches, Widerwaertiges und
Entzueckendes, Beschraenktes und Grenzenloses, dergleichen aufzufuehren
man noch ein langes Register fortsetzen koennte; bedenke man einen
solchen Widerstreit, wenn er in einem vorzueglichen Menschen sich
ereignet und zutage tritt, wie er durch das Unbegreifliche, was sich
aufdringt, den Verstand irre macht, die Einbildungskraft losbindet,
den Glauben ueberfluegelt, den Aberglauben berechtigt und dadurch den
natuerlichen Zustand mit dem unnatuerlichsten in unmittelbare Beruehrung,
ja zur Vereinigung bringt; gehe man mit diesen Betrachtungen an das
weitlaeufig ueberlieferte Leben unseres Mannes, so wird es uns fasslich
scheinen, was ein solcher, der beinahe ein ganzes Jahrhundert auf
einem so grossen Schauplatze in einem ungeheuern Elemente
ununterbrochen und unablaessig gewirkt, fuer einen Einfluss muesse erlangt
haben. Die hohe Meinung von ihm ging so weit, dass man nicht allein
von seinem gesunden, kraeftigen Wirken Nutzen, Heil und seliges Gefuehl
sich zueignete, sondern dass sogar seine Krankheiten das Vertrauen
vermehrten, indem man sie als Zeichen seines innigsten Verhaeltnisses
zu Gott und dem Goettlichsten anzusehen sich bewogen fand. Hier
begreifen wir nun, wie er schon lebend der Wuerde eines Heiligen
entgegenging und sein Tod nur bekraeftigen konnte, was ihm von den
Zeitgenossen zugedacht und zugestanden war.

Deshalb auch, als man bald nach seinem Verscheiden, welches von noch
mehr Wundern als sein Leben begleitet war, an Papst Clemens VIII. die
Frage brachte, ob man mit der Untersuchung, dem sogenannten Prozess,
welcher einer Seligsprechung vorausgeht, den Anfang machen duerfe,
dieser die Antwort erteilte: "Ich habe ihn immer fuer einen Heiligen
gehalten und kann daher nichts dagegen einwenden, wenn ihn die Kirche
im allgemeinen den Glaeubigen als solchen erklaeren und vorstellen wird."

Nun aber duerfte es auch der Aufmerksamkeit wert gehalten werden, dass
er in der langen Reihe von Jahren, die ihm zu wirken gegoennt wurden,
funfzehn Paepste erlebt, indem er, unter Leo X. geboren, unter Clemens
VIII. seine Tage beschloss; daher er denn auch eine unabhaengige
Stellung gegen den Papst selbst zu behaupten sich anmasste und als
Glied der Kirche sich zwar ihren allgemeinen Anordnungen durchaus
gleichstellte, aber im einzelnen sich nicht gebunden, ja sogar
gebieterisch gegen das Oberhaupt der Kirche bewies. Nun laesst es sich
denn auch erklaeren, dass er die Kardinalswuerde durchaus abschlug und in
seiner Chiesa nuova, gleich einem widerspenstigen Ritter in einer
alten Burg, sich gegen den obersten Schutzherrn unartig zu betragen
herausnahm.

Der Charakter jener Verhaeltnisse jedoch, wie sie sich am Ende des
sechzehnten Jahrhunderts aus den frueheren, roheren Zeiten seltsam
genug gestaltet erhielten, kann durch nichts deutlicher vor Augen
gestellt, eindringlicher dem Geiste dargebracht werden als durch ein
Memorial, welches Neri kurz vor seinem Tode an den neuen Papst Clemens
VIII. ergehen liess, worauf eine gleich wunderliche Resolution erfolgte.


Wir sehen hieraus das auf eine andere Weise nicht zu schildernde
Verhaeltnis eines bald achtzigjaehrigen, dem Rang eines Heiligen
entgegensehenden Mannes zu einem bedeutenden, tuechtigen, waehrend
seiner mehrjaehrigen Regierung hoechst achtbaren souveraenen Oberhaupte
der roemisch-katholischen Kirche. Memorial des Philipp Neri an Clemens
VIII.

"Heiligster Vater! Und was fuer eine Person bin ich denn, dass die
Kardinaele mich zu besuchen kommen, und besonders gestern abend die
Kardinaele von Florenz und Cusano? Und weil ich ein bisschen Manna in
Blaettern noetig hatte, so liess mir gedachter Kardinal von Florenz zwei
Unzen von San Spirito holen, indem der Herr Kardinal in jenes Hospital
eine grosse Quantitaet geschickt hatte. Er blieb auch bis zwei Stunden
in die Nacht und sagte so viel Gutes von Ew. Heiligkeit, viel mehr,
als mir billig schien; denn da Sie Papst sind, so sollten Sie die
Demut selber sein. Christus kam um sieben Uhr in der Nacht, sich mir
einzuverleiben, und Ew. Heiligkeit koennte auch wohl einmal in unsre
Kirche kommen. Christus ist Mensch und Gott und besucht mich gar
manchmal. Ew. Heiligkeit ist nur ein blosser Mensch, geboren von
einem heiligen und rechtschaffenen Mann, jener aber von Gott Vater.
Die Mutter von Ew. Heiligkeit ist Signora Agnesina, eine sehr
gottesfuerchtige Dame; aber jenes die Jungfrau aller Jungfrauen. Was
haette ich nicht alles zu sagen, wenn ich meiner Galle freien Lauf
lassen wollte. Ich befehle Ew. Heiligkeit, dass Sie meinen Willen tun
wegen eines Maedchens, das ich nach Torre de' specchi schaffen will.
Sie ist die Tochter von Claudio Neri, dem Ew. Heiligkeit versprochen
hat, dass Sie seine Kinder beschuetzen will; und da erinnere ich Sie,
dass es huebsch ist, wenn ein Papst sein Wort haelt. Deswegen uebergeben
Sie mir gedachtes Geschaeft, und so, dass ich mich im Notfall Ihres
Namens bedienen koenne; um so mehr, da ich den Willen des Maedchens weiss
und gewiss bin, dass sie durch goettliche Eingebung bewegt wird, und mit
der groessten Demut, die ich schuldig bin, kuesse ich die heiligsten Fuesse."
Eigenhaendige Resolution des Papsts, unter das Memorial geschrieben

"Der Papst sagt, dass dieser Aufsatz in seinem ersten Teil etwas vom
Geiste der Eitelkeit enthaelt, indem er dadurch erfahren soll, dass die
Kardinaele Dieselben so oft besuchen; wenn uns nicht etwa dadurch
angedeutet werden soll, dass diese Herren geistlich gesinnt sind;
welches man recht gut weiss. Dass Er nicht gekommen ist, Dieselben zu
sehen, darauf sagt Er, dass es Ew. Ehrwuerden nicht verdienen, da Sie
das Kardinalat nicht haben annehmen wollen, das Ihnen so oft
angetragen worden. Was den Befehl betrifft, so ist Er zufrieden, dass
Dieselben mit Ihrer gewoehnlichen Befehlshaberei denen guten Muettern
einen tuechtigen Filz geben, die es Denenselben nicht nach Ihrem Sinne
machen. Nun befiehlt Er Denselben aber, dass Sie sich wahren und nicht
Beichte sitzen ohne seine Erlaubnis. Kommt aber unser Herr Dieselben
besuchen, so bitten Sie fuer uns und fuer die dringendsten Notdurften
der Christenheit."




Januar Korrespondenz

Rom, den 5. Januar 1788.

Verzeiht, wenn ich heute nur wenig schreibe. Dieses Jahr ist mit
Ernst und Fleiss angefangen worden, und ich kann mich kaum umsehen.

Nach einem Stillstand von einigen Wochen, in denen ich mich leidend
verhielt, habe ich wieder die schoensten, ich darf wohl sagen
Offenbarungen. Es ist mir erlaubt, Blicke in das Wesen der Dinge und
ihre Verhaeltnisse zu werfen, die mir einen Abgrund von Reichtum
eroeffnen. Diese Wirkungen entstehen in meinem Gemuete, weil ich immer
lerne, und zwar von andern lerne. Wenn man sich selbst lehrt, ist die
arbeitende und verarbeitende Kraft eins, und die Vorschritte muessen
kleiner und langsamer werden.

Das Studium des menschlichen Koerpers hat mich nun ganz. Alles andre
verschwindet dagegen. Es ist mir damit durch mein ganzes Leben, auch
jetzt wieder, sonderbar gegangen. Darueber ist nicht zu reden; was ich
noch machen werde, muss die Zeit lehren.

Die Opern unterhalten mich nicht, nur das innig und ewig Wahre kann
mich nun erfreuen.

Es spitzt sich bis gegen Ostern eine Epoche zu, das fuehl' ich; was
werden wird, weiss ich nicht.


Rom, den 10. Januar.

"Erwin und Elmire" kommt mit diesem Brief, moege dir das Stueckchen auch
Vergnuegen machen! Doch kann eine Operette, wenn sie gut ist, niemals
im Lesen genugtun; es muss die Musik erst dazu kommen, um den ganzen
Begriff auszudruecken, den der Dichter sich vorstellte. "Claudine"
kommt bald nach. Beide Stuecke sind mehr gearbeitet, als man ihnen
ansieht, weil ich erst recht mit Kaysern die Gestalt des Singspiels
studiert habe.

Am menschlichen Koerper wird fleissig fortgezeichnet, wie abends in der
Perspektivstunde. Ich bereite mich zu meiner Aufloesung, damit ich
mich ihr getrosten Mutes hingebe, wenn die Himmlischen sie auf Ostern
beschlossen haben. Es geschehe, was gut ist.

Das Interesse an der menschlichen Gestalt hebt nun alles andre auf.
Ich fuehle es wohl und wendete mich immer davon weg, wie man sich von
der blendenden Sonne wegwendet, auch ist alles vergebens, was man
ausser Rom darueber studieren will. Ohne einen Faden, den man nur hier
spinnen lernt, kann man sich aus diesem Labyrinthe nicht herausfinden.
Leider wird mein Faden nicht lang genug, indessen hilft er mir doch
durch die ersten Gaenge.

Wenn es mit Fertigung meiner Schriften unter gleichen Konstellationen
fortgeht, so muss ich mich im Laufe dieses Jahres in eine Prinzessin
verlieben, um den "Tasso", ich muss mich dem Teufel ergeben, um den
"Faust" schreiben zu koennen, ob ich mir gleich zu beiden wenig Lust
fuehle. Denn bisher ist's so gegangen. Um mir selbst meinen "Egmont"
interessant zu machen, fing der roemische Kaiser mit den Brabantern
Haendel an, und um meinen Opern einen Grad von Vollkommenheit zu geben,
kam der Zuericher Kayser nach Rom. Das heisst doch ein vornehmer Roemer,
wie Herder sagt, und ich finde es recht lustig, eine Endursache der
Handlungen und Begebenheiten zu werden, welche gar nicht auf mich
gerichtet sind. Das darf man Glueck nennen. Also die Prinzessin und
den Teufel wollen wir in Geduld abwarten.


Rom den 10. Januar.

Hier kommt aus Rom abermals ein Proebchen deutscher Art und Kunst,
"Erwin und Elmire". Es ward eher fertig als "Claudine", doch wuensch'
ich nicht, dass es zuerst gedruckt werde.

Du wirst bald sehen, dass alles aufs Beduerfnis der lyrischen Buehne
gerechnet ist, das ich erst hier zu studieren Gelegenheit hatte: alle
Personen in einer gewissen Folge, in einem gewissen Mass zu
beschaeftigen, dass jeder Saenger Ruhpunkte genug habe etc. Es sind
hundert Dinge zu beobachten, welchen der Italiener allen Sinn des
Gedichts aufopfert, ich wuensche, dass es mir gelungen sein moege, jene
musikalisch-theatralischen Erfordernisse durch ein Stueckchen zu
befriedigen, das nicht ganz unsinnig ist. Ich hatte noch die
Ruecksicht, dass sich beide Operetten doch auch muessen lesen lassen, dass
sie ihrem Nachbar "Egmont" keine Schande machten. Ein italienisch
Opernbuechelchen liest kein Mensch, als am Abend der Vorstellung, und
es in einen Band mit einem Trauerspiel zu bringen, wuerde hierzulande
fuer ebenso unmoeglich gehalten werden, als dass man deutsch singen koenne.


Bei "Erwin" muss ich noch bemerken, dass du das trochaeische Silbenmass,
besonders im zweiten Akt, oefter finden wirst; es ist nicht Zufall oder
Gewohnheit, sondern aus italienischen Beispielen genommen. Dieses
Silbenmass ist zur Musik vorzueglich gluecklich, und der Komponist kann
es durch mehrere Takt--und Bewegungsarten dergestalt variieren, dass es
der Zuhoerer nie wiedererkennt. Wie ueberhaupt die Italiener auf glatte,
einfache Silbenmasse und Rhythmen ausschliesslich halten.

Der junge Camper ist ein Strudelkopf, der viel weiss, leicht begreift
und ueber die Sachen hinfaehrt.

Glueck zum vierten Teil der "Ideen"! Der dritte ist uns ein heilig
Buch, das ich verschlossen halte; erst jetzt hat es Moritz zu lesen
gekriegt, der sich gluecklich preist, dass er in dieser Epoche der
Erziehung des Menschengeschlechts lebt. Er hat das Buch recht gut
gefuehlt und war ueber das Ende ganz ausser sich.

Wenn ich dich nur einmal fuer alle das Gute auf dem Kapitol bewirten
koenntet Es ist einer meiner angelegensten Wuensche.

Meine titanischen Ideen waren nur Luftgestalten, die einer ernsteren
Epoche vorspukten. Ich bin nun recht im Studio der Menschengestalt,
welche das non plus ultra alles menschlichen Wissens und Tuns ist.
Meine fleissige Vorbereitung im Studio der ganzen Natur, besonders die
Osteologie, hilft mir starke Schritte machen. Jetzt seh' ich, jetzt
geniess' ich erst das Hoechste, was uns vom Altertum uebrigblieb: die
Statuen. Ja, ich sehe wohl ein, dass man ein ganzes Leben studieren
kann und am Ende doch noch ausrufen moechte: "Jetzt seh' ich, jetzt
geniess' ich erst."

Ich raffe alles moegliche zusammen, um Ostern eine gewisse Epoche,
wohin mein Auge nun reicht, zu schliessen, damit ich Rom nicht mit
entschiedenem Widerwillen verlasse, und hoffe, in Deutschland einige
Studien bequem und gruendlich fortsetzen zu koennen, obgleich langsam
genug. Hier traegt einen der Strom fort, sobald man nur das Schifflein
bestiegen hat.






Bericht

Januar


Cupido, loser, eigensinniger Knabe, Du batst mich um Quartier auf
einige Stunden! Wie viele Tag' und Naechte bist du geblieben, Und bist
nun herrisch und Meister im Hause geworden.

Von meinem breiten Lager bin ich vertrieben, Nun sitz' ich an der Erde
Naechte, gequaelet, Dein Mutwill' schueret Flamm' auf Flamme des Herdes,
Verbrennet den Vorrat des Winters und senget mich Armen.

Du hast mir mein Geraet verstellt und verschoben, Ich such' und bin wie
blind und irre geworden. Du laermst so ungeschickt, ich fuerchte, das
Seelchen Entflieht, um dir zu entfliehn, und raeumet die Huette.



Wenn man vorstehendes Liedchen nicht in buchstaeblichem Sinne nehmen,
nicht jenen Daemon, den man gewoehnlich Amor nennt, dabei denken,
sondern eine Versammlung taetiger Geister sich vorstellen will, die das
Innerste des Menschen ansprechen, auffordern, hin und wider ziehen und
durch geteiltes Interesse verwirren, so wird man auf eine symbolische
Weise an dem Zustande teilnehmen, in dem ich mich befand, und welchen
die Auszuege aus Briefen und die bisherigen Erzaehlungen genugsam
darstellen. Man wird zugestehen, dass eine grosse Anstrengung gefordert
ward, sich gegen so vieles aufrechtzuerhalten, in Taetigkeit nicht zu
ermueden und im Aufnehmen nicht laessig zu werden.






Aufnahme in die Gesellschaft der Arkadier

Schon zu Ende des vorigen Jahrs ward ich mit einem Antrage bestuermt,
den ich auch als Folge jenes unseligen Konzertes ansah, durch welches
wir unser Inkognito leichtsinnigerweise enthuellt hatten. Es konnte
jedoch andere Anlaesse haben, dass man von mehreren Seiten her mich zu
bestimmen suchte, mich in die "Arcadia" als einen namhaften Schaefer
aufnehmen zu lassen. Lange widerstand ich, musste jedoch zuletzt den
Freunden, die hierein etwas Besonderes zu setzen schienen, endlich
nachgeben.

Im allgemeinen ist bekannt, was unter dieser Arkadischen Gesellschaft
verstanden wird; doch ist es wohl nicht unangenehm, etwas darueber zu
vernehmen.

Waehrend dem Laufe des siebzehnten Jahrhunderts mag die italienische
Poesie sich auf mancherlei Weise verschlimmert haben; denn gegen Ende
dieses Zeitraums werfen ihr gebildete, wohlgesinnte Maenner vor, sie
habe den Gehalt, was man damals innere Schoenheit nannte, voellig
versaeumt; auch sei sie in Absicht auf die Form, die aeussere Schoenheit,
durchaus zu tadeln, denn sie habe mit barbarischen Ausdruecken,
unleidlich harten Versen, fehlerhaften Figuren und Tropen, besonders
mit fortlaufenden und ungemessenen Hyperbeln, Metonymien und Metaphern,
auch ganz und gar das Anmutige und Suesse verscherzt, welches man am
aeussern zu schaetzen sich erfreue.

Jene auf solchen Irrwegen Befangenen jedoch schalten, wie es zu gehen
pflegt, das Echte und Fuertreffliche, damit ihre Missbraeuche fernerhin
unangetastet gelten moechten. Welches denn doch zuletzt von gebildeten
und verstaendigen Menschen nicht mehr erduldet werden konnte,
dergestalt, dass im Jahr 1690 eine Anzahl umsichtiger und kraeftiger
Maenner zusammentraf und einen andern Weg einzuschlagen sich beredete.

Damit aber ihre Zusammenkuenfte nicht Aufsehen machen und Gegenwirkung
veranlassen moechten, so wendeten sie sich ins Freie, in laendliche
Gartenumgebungen, deren ja Rom selbst in seinen Mauern genugsame
bezirkt und einschliesst. Hiedurch ward ihnen zugleich der Gewinn,
sich der Natur zu naehern und in frischer Luft den uranfaenglichen Geist
der Dichtkunst zu ahnen. Dort, an zufaelligen Plaetzen, lagerten sie
sich auf dem Rasen, setzten sich auf architektonische Truemmer und
Steinbloecke, wo sogar anwesende Kardinaele nur durch ein weicheres
Kissen geehrt werden konnten. Hier besprachen sie sich untereinander
von ihren ueberzeugungen, Grundsaetzen, Vorhaben; hier lasen sie
Gedichte, in welchen man den Sinn des hoeheren Altertums, der edlen
toskanischen Schule wieder ins Leben zu fuehren trachtete. Da rief
denn einer in Entzuecken aus: "Hier ist unser Arkadien!" Dies
veranlasste den Namen der Gesellschaft sowie das Idyllische ihrer
Einrichtung. Keine Protektion eines grossen und einflussreichen Mannes
sollte sie schuetzen; sie wollten kein Oberhaupt, keinen Praesidenten
zugeben. Ein Kustos sollte die arkadischen Raeume oeffnen und schliessen
und in den notwendigsten Faellen ihm ein Rat von zu waehlenden aeltesten
zur Seite stehn.



"Et in Arcadia ego". Aquarell von Reinhart

Hier ist der Name Crescimbeni ehrwuerdig, welcher gar wohl als
Mitstifter angesehen werden kann und als erster Kustos sein Amt
mehrere Jahre treulich verrichtet, indem er ueber einen bessern,
reinern Geschmack Wache haelt und das Barbarische immer mehr zu
verdraengen weiss.

Seine Dialogen ueber die Poesia volgare, welches nicht etwa Volkspoesie
zu uebersetzen ist, sondern Poesie, wie sie einer Nation wohl ansteht,
wenn sie durch entschiedene wahre Talente ausgeuebt, nicht aber durch
Grillen und Eigenheiten einzelner Wirrkoepfe entstellt wird, seine
Dialogen, worin er die bessere Lehre vortraegt, sind offenbar eine
Frucht arkadischer Unterhaltungen und hoechst wichtig in Vergleich mit
unserm neuen aesthetischen Bestreben. Auch die von ihm herausgegebenen
Gedichte der "Arkadia" verdienen in diesem Sinne alle Aufmerksamkeit;
wir erlauben uns dabei nur folgende Bemerkung.

Zwar hatten die werten Schaefer, im Freien auf gruenem Rasen sich
lagernd, der Natur hiedurch naeherzukommen gedacht, in welchem Falle
wohl Liebe und Leidenschaft ein menschlich Herz zu ueberschleichen
pflegt; nun aber bestand die Gesellschaft aus geistlichen Herren und
sonstigen wuerdigen Personen, die sich mit dem Amor jener roemischen
Triumvirn nicht einlassen durften, den sie deshalb ausdruecklich
beseitigten. Hier also blieb nichts uebrig, da dem Dichter die Liebe
ganz unentbehrlich ist, als sich zu jener ueberirdischen und
gewissermassen platonischen Sehnsucht hinzuwenden, nicht weniger ins
Allegorische sich einzulassen, wodurch denn ihre Gedichte einen ganz
ehrsamen, eigentuemlichen Charakter erhalten, da sie ohnehin ihren
grossen Vorgaengern Dante und Petrarch hierin auf dem Fusse folgen
konnten.

Diese Gesellschaft bestand, wie ich nach Rom gelangte, soeben hundert
Jahr, und hatte sich ihrer aeussern Form nach durch mancherlei Orts--und
Gesinnungswechsel immer mit Anstand, wenn auch nicht in grossem Ansehn
erhalten; und man liess nicht leicht einigermassen bedeutende Fremde in
Rom verweilen, ohne dieselben zur Aufnahme anzulocken, um so mehr, als
der Hueter dieser poetischen Laendereien bloss dadurch sich bei einem
maessigen Einkommen erhalten konnte.

Die Funktion selbst aber ging folgendermassen vor sich: In den
Vorzimmern eines anstaendigen Gebaeudes ward ich einem bedeutenden
geistlichen Herrn vorgestellt, und er mir bekannt gemacht als
derjenige, der mich einfuehren, meinen Buergen gleichsam oder Paten
vorstellen sollte. Wir traten in einen grossen, bereits ziemlich
belebten Saal und setzten uns in die erste Reihe von Stuehlen, gerade
in die Mitte einem aufgerichteten Katheder gegenueber. Es traten immer
mehr Zuhoerer heran; an meine leergebliebene Rechte fand sich ein
stattlicher aeltlicher Mann, den ich nach seiner Bekleidung und der
Ehrfurcht, die man ihm erwies, fuer einen Kardinal zu halten hatte.

Der Kustode, vom Katheder herab, hielt eine allgemein einleitende Rede,
rief mehrere Personen auf, welche sich teils in Versen, teils in
Prosa hoeren liessen. Nachdem dieses eine gute Zeit gewaehrt, begann
jener eine Rede, deren Inhalt und Ausfuehrung ich uebergehe, indem sie
im ganzen mit dem Diplom zusammentraf, welches ich erhielt und hier
nachzubringen gedenke. Hierauf wurde ich denn foermlich fuer einen der
Ihrigen erklaert und unter grossem Haendeklatschen aufgenommen und
anerkannt.

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