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Italienische Reise Teil 2

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Mein sogenannter Pate und ich waren indessen aufgestanden und hatten
uns mit vielen Verbeugungen bedankt. Er aber hielt eine wohlgedachte,
nicht allzulange, sehr schickliche Rede, worauf abermals ein
allgemeiner Beifall sich hoeren liess, nach dessen Verschallen ich
Gelegenheit hatte, den einzelnen zu danken und mich ihnen zu empfehlen.
Das Diplom, welches ich den andern Tag erhielt, folgt hier im
Original und ist, da es in jeder andern Sprache seine Eigentuemlichkeit
verloere, nicht uebersetzt worden. Indessen suchte ich den Kustode mit
seinem neuen Hutgenossen auf das beste zufriedenzustellen.

C. U. C.

Nivildo Amarinzio

Custode generale d'Arcadia

Trovandosi per avventura a beare le sponde del Tebbro uno di quei Genj
di prim' Ordine, ch' oggi fioriscono nella Germania qual' e l'Inclito
ed Erudito Signor DE GOETHE Consigliere attuale di Stato di Sua
Altezza Serenissima il Duca di Sassonia Weimar, ed avendo celato fra
noi con filosofica moderazione la chiarezza della sua Nascita, de'
suoi Ministerj, e della virtu sua, non ha potuto ascondere la luce,
che hanno sparso le sue dottissime produzioni tanto in Prosa ch' in
Poesia per cui si e reso celebre a tutto il Mondo Letterario. Quindi
essendosi compiaciuto il suddetto rinomato Signor DE GOETHE
d'intervenire in una delle pubbliche nostre Accademie, appena Egli
comparve, come un nuovo astro di cielo straniero tra le nostre selve,
ed in una delle nostre Geniali Adunanze, che gli Arcadi in gran numero
convocati co' segni del piu sincero giubilo ed applauso vollero
distinguerlo come Autore di tante celebrate opere, con annoverarlo a
viva voce tra i piu illustri membri della loro Pastoral Societa sotto
il Nome di Megalio, e vollero altresi assegnare al Medesimo il
possesso delle Campagne Melpomenie sacre alla Tragica Musa
dichiarandolo con cio Pastore Arcade di Numero. Nel tempo stesso il
Ceto Universale commise al Custode Generale di registrare l'Atto
pubblico e solenne di si applaudita annoverazione tra i fasti
d'Arcadia, e di presentare al Chiarissimo Novello Compastore Megalio
Melpomenio il presente Diploma in segno dell' altissima stima, che fa
la nostra Pastorale Letteraria Repubblica de' chiari e nobili ingegni
a perpetua memoria. Dato dalla Capanna del Serbatojo dentro il Bosco
Parrasio alla Neomenia di Possideone Olimpiade DCXLI. Anno II. dalla
Ristorazione d'Arcadia Olimpiade XXIV. Anno IV. Giorno lieto per
General Chiamata.

Nivildo Amarinzio Custode Generale.




Das Siegel hat in einem Kranze, halb Lorbeer, halb Pinien,
in der Mitte eine Pansfloete,
darunter
Gli Arcadi.



Corimbo,
Melicronio,
Florimonte,
Egireo,
Sotto-Custodi.









Das Roemische Karneval

Indem wir eine Beschreibung des Roemischen Karnevals unternehmen,
muessen wir den Einwurf befuerchten, dass eine solche Feierlichkeit
eigentlich nicht beschrieben werden koenne. Eine so grosse lebendige
Masse sinnlicher Gegenstaende sollte sich unmittelbar vor dem Auge
bewegen und von einem jeden nach seiner Art angeschaut und gefasst
werden.

Noch bedenklicher wird diese Einwendung, wenn wir selbst gestehen
muessen, dass das Roemische Karneval einem fremden Zuschauer, der es zum
erstenmal sieht und nur sehen will und kann, weder einen ganzen noch
einen erfreulichen Eindruck gebe, weder das Auge sonderlich ergoetze,
noch das Gemuet befriedige.

Die lange und schmale Strasse, in welcher sich unzaehlige Menschen hin
und wider waelzen, ist nicht zu uebersehen; kaum unterscheidet man etwas
in dem Bezirk des Getuemmels, den das Auge fassen kann. Die Bewegung
ist einfoermig, der Laerm betaeubend, das Ende der Tage unbefriedigend.
Allein diese Bedenklichkeiten sind bald gehoben, wenn wir uns naeher
erklaeren; und vorzueglich wird die Frage sein, ob uns die Beschreibung
selbst rechtfertigt.

Das Roemische Karneval ist ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht
gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt.

Der Staat macht wenig Anstalten, wenig Aufwand dazu. Der Kreis der
Freuden bewegt sich von selbst, und die Polizei regiert ihn nur mit
gelinder Hand.

Hier ist nicht ein Fest, das wie die vielen geistlichen Feste Roms die
Augen der Zuschauer blendete; hier ist kein Feuerwerk, das von dem
Kastell Sankt Angelo einen einzigen ueberraschenden Anblick gewaehrte;
hier ist keine Erleuchtung der Peterskirche und Kuppel, welche so viel
Fremde aus allen Landen herbeilockt und befriedigt; hier ist keine
glaenzende Prozession, bei deren Annaeherung das Volk beten und staunen
soll; hier wird vielmehr nur ein Zeichen gegeben, dass jeder so toericht
und toll sein duerfe, als er wolle, und dass ausser Schlaegen und
Messerstichen fast alles erlaubt sei.

Der Unterschied zwischen Hohen und Niedern scheint einen Augenblick
aufgehoben: alles naehert sich einander, jeder nimmt, was ihm begegnet,
leicht auf, und die wechselseitige Frechheit und Freiheit wird durch
eine allgemeine gute Laune im Gleichgewicht erhalten.

In diesen Tagen freuet sich der Roemer noch zu unsern Zeiten, dass die
Geburt Christi das Fest der Saturnalien und seiner Privilegien wohl um
einige Wochen verschieben, aber nicht aufheben konnte.

Wir werden uns bemuehen, die Freuden und den Taumel dieser Tage vor die
Einbildungskraft unserer Leser zu bringen. Auch schmeicheln wir uns,
solchen Personen zu dienen, welche dem Roemischen Karneval selbst
einmal beigewohnt und sich nun mit einer lebhaften Erinnerung jener
Zeiten vergnuegen moegen; nicht weniger solchen, welchen jene Reise noch
bevorsteht und denen diese wenigen Blaetter uebersicht und Genuss einer
ueberdraengten und vorbeirauschenden Freude verschaffen koennen. Der
Korso

Das Roemische Karneval versammelt sich in dem Korso. Diese Strasse
beschraenkt und bestimmt die oeffentliche Feierlichkeit dieser Tage. An
jedem andern Platz wuerde es ein ander Fest sein; und wir haben daher
vor allen Dingen den Korso selbst zu beschreiben.

Er fuehrt den Namen wie mehrere lange Strassen italienischer Staedte von
dem Wettrennen der Pferde, womit zu Rom sich jeder Karnevalsabend
schliesst und womit an andern Orten andere Feierlichkeiten, als das
Fest eines Schutzpatrons, ein Kirchweihfest, geendigt werden.

Die Strasse geht von der Piazza del Popolo schnurgerade bis an den
venezianischen Palast. Sie ist ungefaehr viertehalbtausend Schritte
lang und von hohen, meistenteils praechtigen Gebaeuden eingefasst. Ihre
Breite ist gegen ihre Laenge und gegen die Hoehe der Gebaeude nicht
verhaeltnismaessig. An beiden Seiten nehmen Pflastererhoehungen fuer die
Fussgaenger ungefaehr sechs bis acht Fuss weg. In der Mitte bleibt fuer die
Wagen an den meisten Orten nur der Raum von zwoelf bis vierzehn
Schritten, und man sieht also leicht, dass hoechstens drei Fuhrwerke
sich in dieser Breite nebeneinander bewegen koennen.

Der Obelisk auf der Piazza del Popolo ist im Karneval die unterste
Grenze dieser Strasse; der venezianische Palast die obere.
Spazierfahrt im Korso

Schon alle Sonn--und Festtage eines Jahres ist der roemische Korso
belebt. Die vornehmern und reichern Roemer fahren hier eine oder
anderthalb Stunden vor Nacht in einer sehr zahlreichen Reihe spazieren;
die Wagen kommen vom venezianischen Palast herunter, halten sich an
der linken Seite, fahren, wenn es schoen Wetter ist, an dem Obelisk
vorbei, zum Tore hinaus und auf den Flaminischen Weg, manchmal bis
Ponte molle.

Die frueher oder spaeter Umkehrenden halten sich an die andere Seite; so
ziehen die beiden Wagenreihen in der besten Ordnung aneinander hin.

Die Gesandten haben das Recht, zwischen beiden Reihen auf und nieder
zu fahren. Dem Praetendenten, der sich unter dem Namen eines Herzogs
von Albanien in Rom aufhielt, war es gleichfalls zugestanden.

Sobald die Nacht eingelaeutet wird, ist diese Ordnung unterbrochen;
jeder wendet, wo es ihm beliebt, und sucht seinen naechsten Weg, oft
zur Unbequemlichkeit vieler andern Equipagen, welche in dem engen Raum
dadurch gehindert und aufgehalten werden.

Diese Abendspazierfahrt, welche in allen grossen italienischen Staedten
brillant ist und in jeder kleinen Stadt, waere es auch nur mit einigen
Kutschen, nachgeahmt wird, lockt viele Fussgaenger in den Korso;
jedermann kommt, um zu sehen oder gesehen zu werden.

Das Karneval ist, wie wir bald bemerken koennen, eigentlich nur eine
Fortsetzung oder vielmehr der Gipfel jener gewoehnlichen sonn--und
festtaegigen Freuden; es ist nichts Neues, nichts Fremdes, nichts
Einziges, sondern es schliesst sich nur an die roemische Lebensweise
ganz natuerlich an. Klima, geistliche Kleidungen

Ebensowenig fremd wird es uns scheinen, wenn wir nun bald eine Menge
Masken in freier Luft sehen, da wir so manche Lebensszene unter dem
heitern frohen Himmel das ganze Jahr durch zu erblicken gewohnt sind.

Bei einem jeden Feste bilden ausgehaengte Teppiche, gestreute Blumen,
uebergespannte Tuecher die Strassen gleichsam zu grossen Saelen und
Galerien um.

Keine Leiche wird ohne vermummte Begleitung der Bruederschaften zu
Grabe gebracht; die vielen Moenchskleidungen gewoehnen das Auge an
fremde und sonderbare Gestalten; es scheint das ganze Jahr Karneval zu
sein, und die Abbaten in schwarzer Kleidung scheinen unter den uebrigen
geistlichen Masken die edlern Tabarros vorzustellen. Erste Zeit

Schon von dem neuen Jahre an sind die Schauspielhaeuser eroeffnet, und
das Karneval hat seinen Anfang genommen. Man sieht hie und da in den
Logen eine Schoene, welche als Offizier ihre Epauletten mit groesster
Selbstzufriedenheit dem Volke zeigt. Die Spazierfahrt im Korso wird
zahlreicher; doch die allgemeine Erwartung ist auf die letzten acht
Tage gerichtet. Vorbereitungen auf die letzten Tage

Mancherlei Vorbereitungen verkuendigen dem Publikum diese
paradiesischen Stunden.

Der Korso, eine von den wenigen Strassen in Rom, welche das ganze Jahr
rein gehalten werden, wird nun sorgfaeltiger gekehrt und gereinigt.
Man ist beschaeftigt, das schoene, aus kleinen, viereckig zugehauenen,
ziemlich gleichen Basaltstuecken zusammengesetzte Pflaster, wo es nur
einigermassen abzuweichen scheint, auszuheben und die Basaltkeile
wieder neu instand zu setzen.

Ausser diesem zeigen sich auch lebendige Vorboten. Jeder
Karnevalsabend schliesst sich, wie wir schon erwaehnt haben, mit einem
Wettrennen. Die Pferde, welche man zu diesem Endzweck unterhaelt, sind
meistenteils klein und werden wegen fremder Herkunft der besten unter
ihnen Barberi genennt.

Ein solches Pferdchen wird mit einer Decke von weisser Leinwand, welche
am Kopf, Hals und Leib genau anschliesst und auf den Naehten mit bunten
Baendern besetzt ist, vor dem Obelisk an die Stelle gebracht, wo es in
der Folge auslaufen soll. Man gewoehnt es, den Kopf gegen den Korso
gerichtet, eine Zeitlang stillzustehen, fuehrt es alsdann sachte die
Strasse hin und gibt ihm oben am venezianischen Palast ein wenig Hafer,
damit es ein Interesse empfinde, seine Bahn desto geschwinder zu
durchlaufen.

Da diese uebung mit den meisten Pferden, deren oft funfzehn bis zwanzig
an der Zahl sind, wiederholt und eine solche Promenade immer von einer
Anzahl lustig schreiender Knaben begleitet wird, so gibt es schon
einen Vorschmack von einem groessern Laerm und Jubel, der bald folgen
soll.

Ehemals naehrten die ersten roemischen Haeuser dergleichen Pferde in
ihren Marstaellen; man schaetzte sich es zur Ehre, wenn ein solches den
Preis davontragen konnte. Es wurden Wetten angestellt und der Sieg
durch ein Gastmahl verherrlicht.

In den letzten Zeiten hingegen hat diese Liebhaberei sehr abgenommen,
und der Wunsch, durch seine Pferde Ruhm zu erlangen, ist in die
mittlere, ja in die unterste Klasse des Volks herabgestiegen.

Aus jenen Zeiten mag sich noch die Gewohnheit herschreiben, dass der
Trupp Reiter, welcher, von Trompetern begleitet, in diesen Tagen die
Preise in ganz Rom herumzeigt, in die Haeuser der Vornehmen
hineinreitet und nach einem geblasenen Trompeterstueckchen ein
Trinkgeld empfaengt.

Der Preis bestehet aus einem etwa drittehalb Ellen langen und nicht
gar eine Elle breiten Stueck Gold--oder Silberstoff, das an einer
bunten Stange wie eine Flagge befestigt schwebt und an dessen unterm
Ende das Bild einiger rennender Pferde quer eingewirkt ist.

Es wird dieser Preis Palio genannt, und soviel Tage das Karneval
dauert, so viele solcher Quasi-Standarten werden von dem erst
erwaehnten Zug durch die Strassen von Rom aufgezeigt.

Inzwischen faengt auch der Korso an, seine Gestalt zu veraendern; der
Obelisk wird nun die Grenze der Strasse. Vor demselben wird ein
Gerueste mit vielen Sitzreihen uebereinander aufgeschlagen, welches
gerade in den Korso hineinsieht. Vor dem Gerueste werden die Schranken
errichtet, zwischen welche man kuenftig die Pferde zum Ablaufen bringen
soll.

An beiden Seiten werden ferner grosse Gerueste gebaut, welche sich an
die ersten Haeuser des Korso anschliessen und auf diese Weise die Strasse
in den Platz herein verlaengern. An beiden Seiten der Schranken stehen
kleine, erhoehte und bedeckte Bogen fuer die Personen, welche das
Ablaufen der Pferde regulieren sollen.

Den Korso hinauf sieht man vor manchen Haeusern ebenfalls Gerueste
aufgerichtet. Die Plaetze von Sankt Carlo und der Antoninischen Saeule
werden durch Schranken von der Strasse abgesondert, und alles
bezeichnet genug, dass die ganze Feierlichkeit sich in dem langen und
schmalen Korso einschraenken solle und werde.

Zuletzt wird die Strasse in der Mitte mit Puzzolane bestreut, damit die
wettrennenden Pferde auf dem glatten Pflaster nicht so leicht
ausgleiten moegen. Signal der vollkommnen Karnevalsfreiheit

So findet die Erwartung sich jeden Tag genaehrt und beschaeftigt, bis
endlich eine Glocke vom Kapitol bald nach Mittage das Zeichen gibt, es
sei erlaubt, unter freiem Himmel toericht zu sein.

In diesem Augenblick legt der ernsthafte Roemer, der sich das ganze
Jahr sorgfaeltig vor jedem Fehltritt huetet, seinen Ernst und seine
Bedaechtigkeit auf einmal ab.

Die Pflasterer, die bis zum letzten Augenblicke geklaeppert haben,
packen ihr Werkzeug auf und machen der Arbeit scherzend ein Ende.
Alle Balkone, alle Fenster werden nach und nach mit Teppichen behaengt,
auf den Pflastererhoehungen zu beiden Seiten der Strasse werden Stuehle
herausgesetzt, die geringern Hausbewohner, alle Kinder sind auf der
Strasse, die nun aufhoert, eine Strasse zu sein; sie gleicht vielmehr
einem grossen Festsaal, einer ungeheuren ausgeschmueckten Galerie.

Denn wie alle Fenster mit Teppichen behaengt sind, so stehen auch alle
Gerueste mit alten gewirkten Tapeten beschlagen; die vielen Stuehle
vermehren den Begriff von Zimmer, und der freundliche Himmel erinnert
selten, dass man ohne Dach sei.

So scheint die Strasse nach und nach immer wohnbarer. Indem man aus
dem Hause tritt, glaubt man nicht im Freien und unter Fremden, sondern
in einem Saale unter Bekannten zu sein.




Wache

Indessen dass der Korso immer belebter wird und unter den vielen
Personen, die in ihren gewoehnlichen Kleidern spazieren, sich hier und
da ein Pulcinell zeigt, hat sich das Militaer vor der Porta del Popolo
versammelt. Es zieht, angefuehrt von dem General zu Pferde, in guter
Ordnung und neuer Montur mit klingendem Spiel den Korso herauf und
besetzt sogleich alle Eingaenge in denselben, errichtet ein paar Wachen
auf den Hauptplaetzen und uebernimmt die Sorge fuer die Ordnung der
ganzen Anstalt.

Die Verleiher der Stuehle und Gerueste rufen nun emsig den
Vorbeigehenden an: "Luoghi! Luoghi, Padroni! Luoghi!" Masken

Nun fangen die Masken an, sich zu vermehren. Junge Maenner, geputzt in
Festtagskleidern der Weiber aus der untersten Klasse, mit entbloesstem
Busen und frecher Selbstgenuegsamkeit, lassen sich meist zuerst sehen.
Sie liebkosen die ihnen begegnenden Maenner, tun gemein und vertraut
mit den Weibern als mit ihresgleichen, treiben sonst, was ihnen Laune,
Witz oder Unart eingeben.

Wir erinnern uns unter andern eines jungen Menschen, der die Rolle
einer leidenschaftlichen, zanksuechtigen und auf keine Weise zu
beruhigenden Frau vortrefflich spielte und so sich den ganzen Korso
hinab zankte, jedem etwas anhaengte, indes seine Begleiter sich alle
Muehe zu geben schienen, ihn zu besaenftigen.

Hier kommt ein Pulcinell gelaufen, dem ein grosses Horn an bunten
Schnueren um die Hueften gaukelt. Durch eine geringe Bewegung, indem er
sich mit den Weibern unterhaelt, weiss er die Gestalt des alten Gottes
der Gaerten in dem heiligen Rom kecklich nachzuahmen, und seine
Leichtfertigkeit erregt mehr Lust als Unwillen. Hier kommt ein
anderer seinesgleichen, der, bescheidner und zufriedner, seine schoene
Haelfte mit sich bringt.



Roemische Masken. Radierung von Schuetz

Da die Frauen ebensoviel Lust haben, sich in Mannskleidern zu zeigen,
als die Maenner, sich in Frauenskleidern sehen zu lassen, so haben sie
die beliebte Tracht des Pulcinells sich anzupassen nicht verfehlt, und
man muss bekennen, dass es ihnen gelingt, in dieser Zwittergestalt oft
hoechst reizend zu sein.

Mit schnellen Schritten, deklamierend, wie vor Gericht, draengt sich
ein Advokat durch die Menge; er schreit an die Fenster hinauf, packt
maskierte und unmaskierte Spaziergaenger an, droht einem jeden mit
einem Prozess, macht bald jenem eine lange Geschichtserzaehlung von
laecherlichen Verbrechen, die er begangen haben soll, bald diesem eine
genaue Spezifikation seiner Schulden. Die Frauen schilt er wegen
ihrer Cicisbeen, die Maedchen wegen ihrer Liebhaber; er beruft sich auf
ein Buch, das er bei sich fuehrt, produziert Dokumente, und das alles
mit einer durchdringenden Stimme und gelaeufigen Zunge. Er sucht
jedermann zu beschaemen und konfus zu machen. Wenn man denkt, er hoere
auf, so faengt er erst recht an; denkt man, er gehe weg, so kehrt er um;
auf den einen geht er gerade los und spricht ihn nicht an, er packt
einen andern, der schon vorbei ist; kommt nun gar ein Mitbruder ihm
entgegen, so erreicht die Tollheit ihren hoechsten Grad.

Aber lange koennen sie die Aufmerksamkeit des Publikums nicht auf sich
ziehen; der tollste Eindruck wird gleich von Menge und
Mannigfaltigkeit wieder verschlungen.

Besonders machen die Quacqueri zwar nicht so viel Laerm, doch
ebensoviel Aufsehen als die Advokaten. Die Maske der Quacqueri
scheint so allgemein geworden zu sein durch die Leichtigkeit, auf dem
Troedel altfraenkische Kleidungsstuecke finden zu koennen.

Die Haupterfordernisse dieser Maske sind, dass die Kleidung zwar
altfraenkisch, aber wohlerhalten und von edlem Stoff sei. Man sieht
sie selten anders als mit Samt oder Seide bekleidet, sie tragen
brokatene oder gestickte Westen, und der Statur nach muss der Quacquero
dickleibig sein; seine Gesichtsmaske ist ganz, mit Pausbacken und
kleinen Augen; seine Peruecke hat wunderliche Zoepfchen; sein Hut ist
klein und meistens bordiert.

Man siehet, dass sich diese Figur sehr dem Buffo caricato der komischen
Oper naehert, und wie dieser meistenteils einen laeppischen, verliebten,
betrogenen Toren vorstellt, so zeigen sich auch diese als
abgeschmackte Stutzer. Sie huepfen mit grosser Leichtigkeit auf den
Zehen hin und her, fuehren grosse schwarze Ringe ohne Glas statt der
Lorgnetten, womit sie in alle Wagen hineingucken, nach allen Fenstern
hinaufblicken. Sie machen gewoehnlich einen steifen, tiefen Bueckling,
und ihre Freude, besonders wenn sie sich einander begegnen, geben sie
dadurch zu erkennen, dass sie mit gleichen Fuessen mehrmals gerade in die
Hoehe huepfen und einen hellen, durchdringenden, unartikulierten Laut
von sich geben, der mit den Konsonanten brr verbunden ist.

Oft geben sie sich durch diesen Ton das Zeichen, und die naechsten
erwidern das Signal, so dass in kurzer Zeit, dieses Geschrille den
ganzen Korso hin und wider laeuft.

Mutwillige Knaben blasen indes in grosse gewundne Muscheln und
beleidigen das Ohr mit unertraeglichen Toenen.

Man sieht bald, dass bei der Enge des Raums, bei der aehnlichkeit so
vieler Maskenkleidungen (denn es moegen immer einige hundert Pulcinelle
und gegen hundert Quacqueri im Korso auf und nieder laufen) wenige die
Absicht haben koennen, Aufsehn zu erregen oder bemerkt zu werden. Auch
muessen diese frueh genug im Korso erscheinen. Vielmehr geht ein jeder
nur aus, sich zu vergnuegen, seine Tollheit auszulassen und der
Freiheit dieser Tage auf das beste zu geniessen.

Besonders suchen und wissen die Maedchen und Frauen sich in dieser Zeit
nach ihrer Art lustig zu machen. Jede sucht nur aus dem Hause zu
kommen, sich, auf welche Art es sei, zu vermummen, und weil die
wenigsten in dem Fall sind, viel Geld aufwenden zu koennen, so sind sie
erfinderisch genug, allerlei Arten auszudenken, wie sie sich mehr
verstecken als zieren.

Sehr leicht sind die Masken von Bettlern und Bettlerinnen zu schaffen;
schoene Haare werden vorzueglich erfordert, dann eine ganz weisse
Gesichtsmaske, ein irdenes Toepfchen an einem farbigen Bande, ein Stab
und ein Hut in der Hand. Sie treten mit demuetiger Gebaerde unter die
Fenster und vor jeden hin und empfangen statt Almosen Zuckerwerk,
Nuesse und was man ihnen sonst Artiges geben mag.

Andere machen sich es noch bequemer, huellen sich in Pelze oder
erscheinen in einer artigen Haustracht nur mit Gesichtsmasken. Sie
gehen meistenteils ohne Maenner und fuehren als Offund Defensivwaffe ein
Besenchen, aus der Bluete eines Rohrs gebunden, womit sie teils die
ueberlaestigen abwehren, teils auch, mutwillig genug, Bekannten und
Unbekannten, die ihnen ohne Masken entgegenkommen, im Gesicht
herumfahren.

Wenn einer, auf den sie es gemuenzt haben, zwischen vier oder fuenf
solcher Maedchen hineinkommt, weiss er sich nicht zu retten. Das
Gedraenge hindert ihn zu fliehen, und wo er sich hinwendet, fuehlt er
die Besenchen unter der Nase. Sich ernstlich gegen diese oder andere
Neckereien zu wehren wuerde sehr gefaehrlich sein, weil die Masken
unverletzlich sind und jede Wache ihnen beizustehen beordert ist.

Ebenso muessen die gewoehnlichen Kleidungen aller Staende als Masken
dienen. Stallknechte mit ihren grossen Buersten kommen, einem jeden,
wenn es ihnen beliebt, den Ruecken auszukehren. Vetturine bieten ihre
Dienste mit ihrer gewoehnlichen Zudringlichkeit an. Zierlicher sind
die Masken der Landmaedchen, Fraskatanerinnen, Fischer, Neapolitaner
Schiffer, neapolitanischer Sbirren und Griechen.

Manchmal wird eine Maske vom Theatern nachgeahmt. Einige machen
sich's sehr bequem, indem sie sich in Teppiche oder Leintuecher huellen,
die sie ueber dem Kopfe zusammenbinden.

Die weisse Gestalt pflegt gewoehnlich andern in den Weg zu treten und
vor ihnen zu huepfen und glaubt auf diese Weise ein Gespenst
vorzustellen. Einige zeichnen sich durch sonderbare Zusammensetzungen
aus, und der Tabarro wird immer fuer die edelste Maske gehalten, weil
sie sich gar nicht auszeichnet.

Witzige und satirische Masken sind sehr selten, weil diese schon
Endzweck haben und bemerkt sein wollen. Doch sah man einen Pulcinell
als Hahnrei. Die Hoerner waren beweglich, er konnte sie wie eine
Schnecke heraus--und hineinziehen. Wenn er unter ein Fenster vor neu
Verheiratete trat und ein Horn nur ein wenig sehen liess, oder vor
einem andern beide Hoerner recht lang streckte und die an den obern
Spitzen befestigten Schellen recht wacker klingelten, entstand auf
Augenblicke eine heitere Aufmerksamkeit des Publikums und manchmal ein
grosses Gelaechter.

Ein Zauberer mischt sich unter die Menge, laesst das Volk ein Buch mit
Zahlen sehn und erinnert es an seine Leidenschaft zum Lottospiel.

Mit zwei Gesichtern steckt einer im Gedraenge: man weiss nicht, welches
sein Vorderteil, welches sein Hinterteil ist, ob er kommt, ob er geht.

Der Fremde muss sich auch gefallen lassen, in diesen Tagen verspottet
zu werden. Die langen Kleider der Nordlaender, die grossen Knoepfe, die
wunderlichen runden Huete fallen den Roemern auf, und so wird ihnen der
Fremde eine Maske.

Weil die fremden Maler, besonders die, welche Landschaften und Gebaeude
studieren, in Rom ueberall oeffentlich sitzen und zeichnen, so werden
sie auch unter der Karnevalsmenge emsig vorgestellt und zeigen sich
mit grossen Portefeuillen, langen Surtouts und kolossalischen
Reissfedern sehr geschaeftig.

Die deutschen Baeckerknechte zeichnen sich in Rom gar oft betrunken aus,
und sie werden auch mit einer Flasche Wein in ihrer eigentlichen oder
auch etwas verzierten Tracht taumelnd vorgestellt.

Wir erinnern uns einer einzigen anzueglichen Maske. Es sollte ein
Obelisk vor der Kirche Trinita de' Monti aufgerichtet werden. Das
Publikum war nicht sehr damit zufrieden, teils weil der Platz eng ist,
teils weil man dem kleinen Obelisk, um ihn in eine gewisse Hoehe zu
bringen, ein sehr hohes Piedestal unterbauen musste. Es nahm daher
einer den Anlass, ein grosses weisses Piedestal als Muetze zu tragen, auf
welchem oben ein ganz kleiner roetlicher Obelisk befestigt war. An dem
Piedestal standen grosse Buchstaben, deren Sinn vielleicht nur wenige
errieten. Kutschen

Indessen die Masken sich vermehren, fahren die Kutschen nach und nach
in den Korso hinein, in derselben Ordnung, wie wir sie oben
beschrieben haben, als von der sonn--und festtaegigen Spazierfahrt die
Rede war, nur mit dem Unterschied, dass gegenwaertig die Fuhrwerke,
welche vom venezianischen Palast an der linken Seite herunterfahren,
da, wo die Strasse des Korso aufhoert, wenden und sogleich an der andern
Seite wieder herauffahren.

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