Italienische Reise Teil 2
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Johann Wolfgang Goethe >> Italienische Reise Teil 2
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Wir haben schon oben angezeigt, dass die Strasse, wenn man die
Erhoehungen fuer die Fussgaenger abrechnet, an den meisten Orten wenig
ueber drei Wagenbreiten hat.
Die Seitenerhoehungen sind alle mit Geruesten versperrt, mit Stuehlen
besetzt, und viele Zuschauer haben schon ihre Plaetze eingenommen. An
Geruesten und Stuehlen geht ganz nahe eine Wagenreihe hinunter und an
der andern Seite hinauf. Die Fussgaenger sind in eine Breite von
hoechstens acht Fuss zwischen den beiden Reihen eingeschlossen; jeder
draengt sich hin--und herwaerts, so gut er kann, und von allen Fenstern
und Balkonen sieht wieder eine gedraengte Menge auf das Gedraenge
herunter.
In den ersten Tagen sieht man meist nur die gewoehnlichen Equipagen;
denn jeder verspart auf die folgenden, was er Zierliches oder
Praechtiges allenfalls auffuehren will. Gegen Ende des Karnevals kommen
mehr offene Wagen zum Vorschein, deren einige sechs Sitze haben: zwei
Damen sitzen erhoeht gegeneinander ueber, so dass man ihre ganze Gestalt
sehen kann, vier Herren nehmen die vier uebrigen Sitze der Winkel ein,
Kutscher und Bediente sind maskiert, die Pferde mit Flor und Blumen
geputzt.
Oft steht ein schoener, weisser, mit rosenfarbnen Baendern gezierter
Pudel dem Kutscher zwischen den Fuessen, an dem Geschirre klingen
Schellen, und die Aufmerksamkeit des Publikums wird einige Augenblicke
auf diesen Aufzug geheftet.
Man kann leicht denken, dass nur schoene Frauen sich so vor dem ganzen
Volke zu erhoehen wagen, und dass nur die Schoenste ohne Gesichtsmaske
sich sehen laesst. Wo sich denn aber auch der Wagen naehert, der
gewoehnlich langsam genug fahren muss, sind alle Augen darauf gerichtet,
und sie hat die Freude, von manchen Seiten zu hoeren: "O quanto e bella!"
Ehemals sollen diese Prachtwagen weit haeufiger und kostbarer, auch
durch mythologische und allegorische Vorstellungen interessanter
gewesen sein; neuerdings aber scheinen die Vornehmern, es sei nun aus
welchem Grunde es wolle, verloren in dem Ganzen, das Vergnuegen, das
sie noch bei dieser Feierlichkeit finden, mehr geniessen, als sich vor
andern auszeichnen zu wollen.
Je weiter das Karneval vorrueckt, desto lustiger sehen die Equipagen
aus.
Selbst ernsthafte Personen, welche unmaskiert in den Wagen sitzen,
erlauben ihren Kutschern und Bedienten, sich zu maskieren. Die
Kutscher waehlen meistenteils die Frauentracht, und in den letzten
Tagen scheinen nur Weiber die Pferde zu regieren. Sie sind oft
anstaendig, ja reizend gekleidet; dagegen macht denn auch ein breiter,
haesslicher Kerl in voellig neumodischem Putz mit hoher Frisur und Federn
eine grosse Karikatur; und wie jene Schoenheiten ihr Lob zu hoeren hatten,
so muss er sich gefallen lassen, dass ihm einer unter die Nase tritt
und ihm zuruft: "O fratello mio, che brutta puttana sei!"
Gewoehnlich erzeigt der Kutscher einer oder einem paar seiner
Freundinnen den Dienst, wenn er sie im Gedraenge antrifft, sie auf den
Bock zu heben. Diese sitzen denn gewoehnlich in Mannstracht an seiner
Seite, und oft gaukeln dann die niedlichen Pulcinellbeinchen mit
kleinen Fuesschen und hohen Absaetzen den Voruebergehenden um die Koepfe.
Ebenso machen es die Bedienten und nehmen ihre Freunde und Freundinnen
hinten auf den Wagen, und es fehlt nichts, als dass sie sich noch wie
auf die englischen Landkutschen oben auf den Kasten setzten.
Die Herrschaften selbst scheinen es gerne zu sehen, wenn ihre Wagen
recht bepackt sind; alles ist in diesen Tagen vergoennt und schicklich.
Gedraenge
Man werfe nun einen Blick ueber die lange und schmale Strasse, wo von
allen Balkonen und aus allen Fenstern ueber lang herabhaengende bunte
Teppiche gedraengte Zuschauer auf die mit Zuschauern angefuellten
Gerueste, auf die langen Reihen besetzter Stuehle an beiden Seiten der
Strasse herunterschauen. Zwei Reihen Kutschen bewegen sich langsam in
dem mittlern Raum, und der Platz, den allenfalls eine dritte Kutsche
einnehmen koennte, ist ganz mit Menschen ausgefuellt, welche nicht hin
und wider gehen, sondern sich hin und wider schieben. Da die Kutschen,
so lang als es nur moeglich ist, sich immer ein wenig voneinander
abhalten, um nicht bei jeder Stockung gleich aufeinander zu fahren, so
wagen sich viele Fussgaenger, um nur einigermassen Luft zu schoepfen, aus
dem Gedraenge der Mitte zwischen die Raeder des vorausfahrenden und die
Deichsel und Pferde des nachfahrenden Wagens, und je groesser die Gefahr
und Beschwerlichkeit der Fussgaenger wird, desto mehr scheint ihre Laune
und Kuehnheit zu steigen.
Da die meisten Fussgaenger, welche zwischen den beiden Kutschenreihen
sich bewegen, um ihre Glieder und Kleidungen zu schonen, die Raeder und
Achsen sorgfaeltig vermeiden, so lassen sie gewoehnlich mehr Platz
zwischen sich und den Wagen, als noetig ist; wer nun mit der langsamen
Masse sich fortzubewegen nicht laenger ausstehen mag und Mut hat,
zwischen den Raedern und Fussgaengern, zwischen der Gefahr und dem, der
sich davor fuerchtet, durchzuschluepfen, der kann in kurzer Zeit einen
grossen Weg zuruecklegen, bis er sich wieder durch ein anderes Hindernis
aufgehalten sieht.
Schon gegenwaertig scheint unsere Erzaehlung ausser den Grenzen des
Glaubwuerdigen zu schreiten, und wir wuerden kaum wagen fortzufahren,
wenn nicht so viele, die dem Roemischen Karneval beigewohnt, bezeugen
koennten, dass wir uns genau an der Wahrheit gehalten, und wenn es nicht
ein Fest waere, das sich jaehrlich wiederholt und das von manchem mit
diesem Buche in der Hand kuenftig betrachtet werden wird.
Denn was werden unsere Leser sagen, wenn wir ihnen erklaeren, alles
bisher Erzaehlte sei nur gleichsam der erste Grad des Gedraenges, des
Getuemmels, des Laermens und der Ausgelassenheit? Zug des Gouverneurs
und Senators
Indem die Kutschen sachte vorwaerts ruecken und, wenn es eine Stockung
gibt, stille halten, werden die Fussgaenger auf mancherlei Weise geplagt.
Einzeln reitet die Garde des Papstes durch das Gedraenge hin und wider,
um die zufaelligen Unordnungen und Stockungen der Wagen ins Geleis zu
bringen, und indem einer den Kutschpferden ausweicht, fuehlt er, ehe er
sich's versieht, den Kopf eines Reitpferdes im Nacken; allein es folgt
eine groessere Unbequemlichkeit.
Der Gouverneur faehrt in einem grossen Staatswagen mit einem Gefolge von
mehreren Kutschen durch die Mitte zwischen den beiden Reihen der
uebrigen Wagen durch. Die Garde des Papstes und die vorausgehenden
Bedienten warnen und machen Platz, und dieser Zug nimmt fuer den
Augenblick die ganze Breite ein, die kurz vorher den Fussgaengern noch
uebrigblieb. Sie draengen sich, so gut sie koennen, zwischen die uebrigen
Wagen hinein und auf eine oder die andere Weise beiseite. Und wie das
Wasser, wenn ein Schiff durchfaehrt, sich nur einen Augenblick trennt
und hinter dem Steuerruder gleich wieder zusammenstuerzt, so stroemt
auch die Masse der Masken und der uebrigen Fussgaenger hinter dem Zuge
gleich wieder in eins zusammen. Nicht lange, so stoert eine neue
Bewegung die gedraengte Gesellschaft.
Der Senator rueckt mit einem aehnlichen Zuge heran; sein grosser
Staatswagen und die Wagen seines Gefolges schwimmen wie auf den Koepfen
der erdrueckten Menge, und wenn jeder Einheimische und Fremde von der
Liebenswuerdigkeit des gegenwaertigen Senators, des Prinzen Rezzonico,
eingenommen und bezaubert wird, so ist vielleicht dieses der einzige
Fall, wo eine Masse von Menschen sich gluecklich preist, wenn er sich
entfernt.
Wenn diese beiden Zuege der ersten Gerichts--und Polizeiherren von Rom,
nur um das Karneval feierlich zu eroeffnen, den ersten Tag durch den
Korso gedrungen waren, fuhr der Herzog von Albanien taeglich zu grosser
Unbequemlichkeit der Menge gleichfalls diesen Weg und erinnerte zur
Zeit der allgemeinen Mummerei die alte Beherrscherin der Koenige an das
Fastnachtsspiel seiner koeniglichen Praetensionen.
Die Gesandten, welche das gleiche Recht haben, bedienen sich dessen
sparsam und mit einer humanen Diskretion. Schoene Welt am Palast
Ruspoli
Aber nicht allein durch diese Zuege wird die Zirkulation des Korso
unterbrochen und gehindert; am Palast Ruspoli und in dessen Naehe, wo
die Strasse um nichts breiter wird, sind die Pflasterwege an beiden
Seiten mehr erhoeht. Dort nimmt die schoene Welt ihren Platz, und alle
Stuehle sind bald besetzt oder besprochen. Die schoensten Frauenzimmer
der Mittelklasse, reizend maskiert, umgeben von ihren Freunden, zeigen
sich dort dem voruebergehenden neugierigen Auge. Jeder, der in die
Gegend kommt, verweilt, um die angenehmen Reihen zu durchschauen;
jeder ist neugierig, unter den vielen maennlichen Gestalten, die dort
zu sitzen scheinen, die weiblichen herauszusuchen und vielleicht in
einem niedlichen Offizier den Gegenstand seiner Sehnsucht zu entdecken.
Hier an diesem Flecke stockt die Bewegung zuerst, denn die Kutschen
verweilen, so lange sie koennen, in dieser Gegend, und wenn man zuletzt
halten soll, will man doch lieber in dieser angenehmen Gesellschaft
bleiben. Konfetti
Wenn unsere Beschreibung bisher nur den Begriff von einem engen, ja
beinahe aengstlichen Zustande gegeben hat, so wird sie einen noch
sonderbarern Eindruck machen, wenn wir ferner erzaehlen, wie diese
gedraengte Lustbarkeit durch eine Art von kleinem, meist scherzhaftem,
oft aber nur allzu ernstlichem Kriege in Bewegung gesetzt wird.
Wahrscheinlich hat einmal zufaellig eine Schoene ihren vorbeigehenden
guten Freund, um sich ihm unter der Menge und Maske bemerklich zu
machen, mit verzuckerten Koernern angeworfen, da denn nichts
natuerlicher ist, als dass der Getroffene sich umkehre und die lose
Freundin entdecke; dieses ist nun ein allgemeiner Gebrauch, und man
sieht oft nach einem Wurfe ein Paar freundliche Gesichter sich
einander begegnen. Allein man ist teils zu haushaelterisch, um
wirkliches Zuckerwerk zu verschwenden, teils hat der Missbrauch
desselben einen groessern und wohlfeilern Vorrat noetig gemacht.
Es ist nun ein eignes Gewerbe, Gipszeltlein, durch den Trichter
gemacht, die den Schein von Drageen haben, in grossen Koerben zum
Verkauf mitten durch die Menge zu tragen.
Niemand ist vor einem Angriff sicher; jedermann ist im
Verteidigungszustande, und so entsteht aus Mutwillen oder
Notwendigkeit bald hier, bald da ein Zweikampf, ein Scharmuetzel oder
eine Schlacht. Fussgaenger, Kutschenfahrer, Zuschauer aus Fenstern, von
Geruesten oder Stuehlen greifen einander wechselsweise an und
verteidigen sich wechselsweise.
Die Damen haben vergoldete und versilberte Koerbchen voll dieser Koerner,
und die Begleiter wissen ihre Schoenen sehr wacker zu verteidigen.
Mit niedergelassenen Kutschenfenstern erwartet man den Angriff, man
scherzt mit seinen Freunden und wehrt sich hartnaeckig gegen Unbekannte.
Nirgends aber wird dieser Streit ernstlicher und allgemeiner als in
der Gegend des Palasts Ruspoli. Alle Masken, die sich dort
niedergelassen haben, sind mit Koerbchen, Saeckchen, zusammengebundnen
Schnupftuechern versehen. Sie greifen oefter an, als sie angegriffen
werden; keine Kutsche faehrt ungestraft vorbei, ohne dass ihr nicht
wenigstens einige Masken etwas anhaengen. Kein Fussgaenger ist vor ihnen
sicher, besonders wenn sich ein Abbate im schwarzen Rocke sehen laesst,
werfen alle von allen Seiten auf ihn, und weil Gips und Kreide, wohin
sie treffen, abfaerben, so sieht ein solcher bald ueber und ueber weiss
und grau punktiert aus. Oft aber werden die Haendel sehr ernsthaft und
allgemein, und man sieht mit Erstaunen, wie Eifersucht und
persoenlicher Hass sich freien Lauf lassen.
Unbemerkt schleicht sich eine vermummte Figur heran und trifft mit
einer Hand voll Konfetti eine der ersten Schoenheiten so heftig und so
gerade, dass die Gesichtsmaske widerschallt und ihr schoener Hals
verletzt wird. Ihre Begleiter zu beiden Seiten werden heftig
aufgereizt, aus ihren Koerbchen und Saeckchen stuermen sie gewaltig auf
den Angreifenden los; er ist aber so gut vermummt, zu stark
geharnischt, als dass er ihre wiederholten Wuerfe empfinden sollte. Je
sicherer er ist, desto heftiger setzt er seinen Angriff fort; die
Verteidiger decken das Frauenzimmer mit den Tabarros zu, und weil der
Angreifende in der Heftigkeit des Streits auch die Nachbarn verletzt
und ueberhaupt durch seine Grobheit und Ungestuem jedermann beleidigt,
so nehmen die Umhersitzenden teil an diesem Streit, sparen ihre
Gipskoerner nicht und haben meistenteils auf solche Faelle eine etwas
groessere Munition, ungefaehr wie verzuckerte Mandeln, in Reserve,
wodurch der Angreifende zuletzt so zugedeckt und von allen Seiten her
ueberfallen wird, dass ihm nichts als die Retraite uebrigbleibt,
besonders wenn er sich verschossen haben sollte.
Gewoehnlich hat einer, der auf ein solches Abenteuer ausgeht, einen
Sekundanten bei sich, der ihm Munition zusteckt, inzwischen dass die
Maenner, welche mit solchen Gipskonfetti handeln, waehrend des Streits
mit ihren Koerben geschaeftig sind und einem jeden, soviel Pfund er
verlangt, eilig zuwiegen.
Wir haben selbst einen solchen Streit in der Naehe gesehn, wo zuletzt
die Streitenden aus Mangel an Munition sich die vergoldeten Koerbchen
an die Koepfe warfen und sich durch die Warnungen der Wachen, welche
selbst heftig mit getroffen wurden, nicht abhalten liessen.
Gewiss wuerde mancher solche Handel mit Messerstichen sich endigen, wenn
nicht die an mehreren Ecken aufgezogenen Corden, die bekannten
Strafwerkzeuge italienischer Polizei, jeden mitten in der Lustbarkeit
erinnerten, dass es in diesem Augenblicke sehr gefaehrlich sei, sich
gefaehrlicher Waffen zu bedienen.
Unzaehlig sind diese Haendel und die meisten mehr lustig als ernsthaft.
So kommt z. E. ein offner Wagen voll Pulcinellen gegen Ruspoli heran.
Er nimmt sich vor, indem er bei den Zuschauern vorbeifaehrt, alle
nacheinander zu treffen; allein ungluecklicherweise ist das Gedraenge zu
gross, und er bleibt in der Mitte stecken. Die ganze Gesellschaft wird
auf einmal eines Sinnes, und von allen Seiten hagelt es auf den Wagen
los. Die Pulcinelle verschiessen ihre Munition und bleiben eine gute
Weile dem kreuzenden Feuer von allen Seiten ausgesetzt, so dass der
Wagen am Ende ganz wie mit Schnee und Schlossen bedeckt, unter einem
allgemeinen Gelaechter und von Toenen des Missbilligens begleitet, sich
langsam entfernt. Dialog am obern Ende des Korso
Indessen in dem Mittelpunkte des Korso diese lebhaften und heftigen
Spiele einen grossen Teil der schoenen Welt beschaeftigen, findet ein
anderer Teil des Publikums an dem obern Ende des Korso eine andere Art
von Unterhaltung.
Unweit der franzoesischen Akademie tritt in spanischer Tracht mit
Federhut, Degen und grossen Handschuhen unversehens mitten aus den von
einem Gerueste zuschauenden Masken der sogenannte Capitano des
italienischen Theaters auf und faengt an, seine grossen Taten zu Land
und Wasser in emphatischem Ton zu erzaehlen. Es waehrt nicht lange, so
erhebt sich gegen ihm ueber ein Pulcinell, bringt Zweifel und
Einwendungen vor, und indem er ihm alles zuzugeben scheint, macht er
die Grosssprecherei jenes Helden durch Wortspiele und eingeschobene
Plattheiten laecherlich.
Auch hier bleibt jeder Vorbeigehende stehen und hoert dem lebhaften
Wortwechsel zu. Pulcinellenkoenig
Ein neuer Aufzug vermehret oft das Gedraenge. Ein Dutzend Pulcinelle
tun sich zusammen, erwaehlen einen Koenig, kroenen ihn, geben ihm ein
Zepter in die Hand, begleiten ihn mit Musik und fuehren ihn unter
lautem Geschrei auf einem verzierten Waegelchen den Korso herauf. Alle
Pulcinelle springen herbei, wie der Zug vorwaerts geht, vermehren das
Gefolge und machen sich mit Geschrei und Schwenken der Huete Platz.
Alsdann bemerkt man erst, wie jeder diese allgemeine Maske zu
vermannigfaltigen sucht.
Der eine traegt eine Peruecke, der andere eine Weiberhaube zu seinem
schwarzen Gesicht, der dritte hat statt der Muetze einen Kaefig auf dem
Kopfe, in welchem ein Paar Voegel, als Abbate und Dame gekleidet, auf
den Staengelchen hin und wider huepfen.
Nebenstrassen
Das entsetzliche Gedraenge, das wir unsern Lesern soviel als moeglich zu
vergegenwaertigen gesucht haben, zwingt natuerlicherweise eine Menge
Masken aus dem Korso hinaus in die benachbarten Strassen. Da gehen
verliebte Paare ruhiger und vertrauter zusammen, da finden lustige
Gesellen Platz, allerlei tolle Schauspiele vorzustellen.
Eine Gesellschaft Maenner in der Sonntagstracht des gemeinen Volkes, in
kurzen Waemsern mit goldbesetzten Westen darunter, die Haare in ein
lang herunterhaengendes Netz gebunden, gehen mit jungen Leuten, die
sich als Weiber verkleidet haben, hin und wider spazieren. Eine von
den Frauen scheint hochschwanger zu sein, sie gehen friedlich auf und
nieder. Auf einmal entzweien sich die Maenner, es entstehet ein
lebhafter Wortwechsel, die Frauen mischen sich hinein, der Handel wird
immer aerger, endlich ziehen die Streitenden grosse Messer von
versilberter Pappe und fallen einander an. Die Weiber halten sie mit
graesslichem Geschrei auseinander, man zieht den einen da-, den andern
dorthin, die Umstehenden nehmen teil, als wenn es Ernst waere, man
sucht jede Partei zu besaenftigen.
Indessen befindet sich die hochschwangere Frau durch den Schrecken
uebel; es wird ein Stuhl herbeigebracht, die uebrigen Weiber stehen ihr
bei, sie gebaerdet sich jaemmerlich, und ehe man sich's versieht, bringt
sie zu grosser Erlustigung der Umstehenden irgendeine unfoermliche
Gestalt zur Welt. Das Stueck ist aus, und die Truppe zieht weiter, um
dasselbe oder ein aehnliches Stueck an einem andern Platze vorzustellen.
So spielt der Roemer, dem die Mordgeschichten immer vor der Seele
schweben, gern bei jedem Anlass mit den Ideen von Ammazzieren. Sogar
die Kinder haben ein Spiel, das sie "Chiesa" nennen, welches mit
unserm "Frischauf in allen Ecken" uebereinkommt, eigentlich aber einen
Moerder vorstellt, der sich auf die Stufe einer Kirche gefluechtet hat;
die uebrigen stellen die Sbirren vor und suchen ihn auf allerlei Weise
zu fangen, ohne jedoch den Schutzort betreten zu duerfen.
So geht es denn in den Seitenstrassen, besonders der Strada Babuino und
auf dem Spanischen Platze, ganz lustig zu.
Auch kommen die Quacqueri zu Scharen, um ihre Galanterien freier
anzubringen.
Sie haben ein Manoever, welches jeden zu lachen macht. Sie kommen zu
zwoelf Mann hoch ganz strack auf den Zehen mit kleinen und schnellen
Schritten anmarschiert, formieren eine sehr gerade Fronte; auf einmal,
wenn sie auf einen Platz kommen, bilden sie mit Rechts--oder Linksum
eine Kolonne und trippeln nun hintereinander weg. Auf einmal wird mit
Rechtsum die Fronte wiederhergestellt, und so geht's eine Strasse
hinein; dann, ehe man sich's versieht, wieder linksum: die Kolonne ist
wie an einem Spiess zu einer Haustuere hineingeschoben, und die Toren
sind verschwunden. Abend
Nun geht es nach dem Abend zu, und alles draengt sich immer mehr in den
Korso hinein. Die Bewegung der Kutschen stockt schon lange, ja, es
kann geschehen, dass zwei Stunden vor Nacht schon kein Wagen mehr von
der Stelle kann.
Die Garde des Papstes und die Wachen zu Fuss sind nun beschaeftigt, alle
Wagen, soweit es moeglich, von der Mitte ab und in eine ganz gerade
Reihe zu bringen, und es gibt bei der Menge hier mancherlei Unordnung
und Verdruss. Da wird gehuft, geschoben, gehoben, und indem einer huft,
muessen alle hinter ihm auch zurueckweichen, bis einer zuletzt so in
die Klemme kommt, dass er mit seinen Pferden in die Mitte hineinlenken
muss. Alsdann geht das Schelten der Garde, das Fluchen und Drohen der
Wache an.
Vergebens, dass der unglueckliche Kutscher die augenscheinliche
Unmoeglichkeit dartut; es wird auf ihn hineingescholten und gedroht,
und entweder es muss sich wieder fuegen, oder wenn ein Nebengaesschen in
der Naehe ist, muss er ohne Verschulden aus der Reihe hinaus.
Gewoehnlich sind die Nebengaesschen auch mit haltenden Kutschen besetzt,
die zu spaet kamen und, weil der Umgang der Wagen schon ins Stocken
geraten war, nicht mehr einruecken konnten. Vorbereitung zum
Wettrennen
Der Augenblick des Wettrennens der Pferde naehert sich nun immer mehr,
und auf diesen Augenblick ist das Interesse so vieler tausend Menschen
gespannt.
Die Verleiher der Stuehle, die Unternehmer der Gerueste vermehren nun
ihr anbietendes Geschrei: "Luoghi! Luoghi avanti! Luoghi nobili!
Luoghi, Padroni!" Es ist darum zu tun, dass ihnen wenigstens in diesen
letzten Augenblicken, auch gegen ein geringeres Geld, alle Plaetze
besetzt werden.
Und gluecklich, dass hier und da noch Platz zu finden ist; denn der
General reitet nunmehr mit einem Teil der Garde den Korso zwischen den
beiden Reihen Kutschen herunter und verdraengt die Fussgaenger von dem
einzigen Raum, der ihnen noch uebrigblieb. Jeder sucht alsdann noch
einen Stuhl, einen Platz auf einem Gerueste, auf einer Kutsche,
zwischen den Wagen oder bei Bekannten an einem Fenster zu finden, die
denn nun alle von Zuschauern ueber und ueber strotzen.
Indessen ist der Platz vor dem Obelisk ganz vom Volke gereiniget
worden und gewaehrt vielleicht einen der schoensten Anblicke, welche in
der gegenwaertigen Welt gesehen werden koennen.
Die drei mit Teppichen behaengten Fassaden der oben beschriebenen
Gerueste schliessen den Platz ein. Viele tausend Koepfe schauen
uebereinander hervor und geben das Bild eines alten Amphitheaters oder
Zirkus. UEber dem mittelsten Gerueste steigt die ganze Laenge des
Obelisken in die Luft; denn das Gerueste bedeckt nur sein Piedestal,
und man bemerkt nun erst seine ungeheure Hoehe, da er der Massstab einer
so grossen Menschenmasse wird.
Der freie Platz laesst dem Auge eine schoene Ruhe, und man sieht die
leeren Schranken mit dem vorgespannten Seile voller Erwartung.
Nun kommt der General den Korso herab, zum Zeichen, dass er gereiniget
ist, und hinter ihm erlaubt die Wache niemanden, aus der Reihe der
Kutschen hervorzutreten. Er nimmt auf einer der Logen Platz.
Abrennen
Nun werden die Pferde nach geloseter Ordnung von geputzten
Stallknechten in die Schranken hinter das Seil gefuehrt. Sie haben
kein Zeug noch sonst eine Bedeckung auf dem Leibe. Man heftet ihnen
hier und da Stachelkugeln mit Schnueren an den Leib und bedeckt die
Stelle, wo sie spornen sollen, bis zum Augenblicke mit Leder, auch
klebt man ihnen grosse Blaetter Rauschgold an.
Sie sind meist schon wild und ungeduldig, wenn sie in die Schranken
gebracht werden, und die Reitknechte brauchen alle Gewalt und
Geschicklichkeit, um sie zurueckzuhalten.
Die Begierde, den Lauf anzufangen, macht sie unbaendig, die Gegenwart
so vieler Menschen macht sie scheu. Sie hauen oft in die benachbarte
Schranke hinueber, oft ueber das Seil, und diese Bewegung und Unordnung
vermehrt jeden Augenblick das Interesse der Erwartung.
Die Stallknechte sind im hoechsten Grade gespannt und aufmerksam, weil
in dem Augenblicke des Abrennens die Geschicklichkeit des Loslassenden
sowie zufaellige Umstaende zum Vorteile des einen oder des andern
Pferdes entscheiden koennen.
Endlich faellt das Seil, und die Pferde rennen los.
Auf dem freien Platze suchen sie noch einander den Vorsprung
abzugewinnen, aber wenn sie einmal in den engen Raum zwischen die
beiden Reihen Kutschen hineinkommen, wird meist aller Wetteifer
vergebens.
Ein paar sind gewoehnlich voraus, die alle Kraefte anstrengen.
Ungeachtet der gestreuten Puzzolane gibt das Pflaster Feuer, die
Maehnen fliegen, das Rauschgold rauscht, und kaum dass man sie erblickt,
sind sie vorbei. Die uebrige Herde hindert sich untereinander, indem
sie sich draengt und treibt; spaet kommt manchmal noch eins
nachgesprengt, und die zerrissenen Stuecke Rauschgold flattern einzeln
auf der verlassenen Spur. Bald sind die Pferde allem Nachschauen
verschwunden, das Volk draengt zu und fuellt die Laufbahn wieder aus.
Schon warten andere Stallknechte am venezianischen Palaste auf die
Ankunft der Pferde. Man weiss sie in einem eingeschlossenen Bezirk auf
gute Art zu fangen und festzuhalten. Dem Sieger wird der Preis
zuerkannt.
So endigt sich diese Feierlichkeit mit einem gewaltsamen,
blitzschnellen, augenblicklichen Eindruck, auf den so viele tausend
Menschen eine ganze Weile gespannt waren, und wenige koennen sich
Rechenschaft geben, warum sie den Moment erwarteten, und warum sie
sich daran ergoetzten.
Nach der Folge unserer Beschreibung sieht man leicht ein, dass dieses
Spiel den Tieren und Menschen gefaehrlich werden koenne. Wir wollen nur
einige Faelle anfuehren: Bei dem engen Raume zwischen den Wagen darf nur
ein Hinterrad ein wenig herauswaerts stehen und zufaelligerweise hinter
diesem Wagen ein etwas breiterer Raum sein. Ein Pferd, das mit den
andern gedraengt herbeieilt, sucht den erweiterten Raum zu nutzen,
springt vor und trifft gerade auf das herausstehende Rad.
Wir haben selbst einen Fall gesehen, wo ein Pferd von einem solchen
Choc niederstuerzte, drei der folgenden ueber das erste hinausfielen,
sich ueberschlugen und die letzten gluecklich ueber die gefallenen
wegsprangen und ihre Reise fortsetzten.
Oft bleibt ein solches Pferd auf der Stelle tot, und mehrmals haben
Zuschauer unter solchen Umstaenden ihr Leben eingebuesst. Ebenso kann
ein grosses Unheil entstehen, wenn die Pferde umkehren.
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