Italienische Reise Teil 2
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Johann Wolfgang Goethe >> Italienische Reise Teil 2
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Es ist vorgekommen, dass boshafte, neidische Menschen einem Pferde, das
einen grossen Vorsprung hatte, mit dem Mantel in die Augen schlugen und
es dadurch umzukehren und an die Seite zu rennen zwangen. Noch
schlimmer ist es, wenn die Pferde auf dem venezianischen Platze nicht
gluecklich aufgefangen werden; sie kehren alsdann unaufhaltsam zurueck,
und weil die Laufbahn vom Volke schon wieder ausgefuellt ist, richten
sie manches Unheil an, das man entweder nicht erfaehrt oder nicht
achtet. Aufgehobne Ordnung
Gewoehnlich laufen die Pferde mit einbrechender Nacht erst ab. Sobald
sie oben bei dem venezianischen Palast angelangt sind, werden kleine
Moerser geloest; dieses Zeichen wird in der Mitte des Korso wiederholt
und in der Gegend des Obelisken das letzte Mal gegeben.
In diesem Augenblicke verlaesst die Wache ihren Posten, die Ordnung der
Kutschenreihen wird nicht laenger gehalten, und gewiss ist diese selbst
fuer den Zuschauer, der ruhig an seinem Fenster steht, ein aengstlicher
und verdriesslicher Zeitpunkt, und es ist wert, dass man einige
Bemerkungen darueber mache.
Wir haben schon oben gesehen, dass die Epoche der einbrechenden Nacht,
welche so vieles in Italien entscheidet, auch die gewoehnlichen
sonn--und festtaegigen Spazierfahrten aufloeset. Dort sind keine Wachen
und keine Garden, es ist ein altes Herkommen, eine allgemeine
Konvention, dass man in gebuehrender Ordnung auf--und abfahre; aber
sobald Ave Maria gelaeutet wird, laesst sich niemand sein Recht nehmen,
umzukehren, wann und wie er will. Da nun die Umfahrt im Karneval in
derselben Strasse und nach aehnlichen Gesetzen geschieht, obgleich hier
die Menge und andere Umstaende einen grossen Unterschied machen, so will
sich doch niemand sein Recht nehmen lassen, mit einbrechender Nacht
aus der Ordnung zu lenken.
Wenn wir nun auf das ungeheure Gedraenge in dem Korso zurueckblicken und
die fuer einen Augenblick nur gereinigte Rennbahn gleich wieder mit
Volk ueberschwemmt sehen, so scheinet uns Vernunft und Billigkeit das
Gesetz einzugeben, dass eine jede Equipage nur suchen solle, in ihrer
Ordnung das naechste ihr bequeme Gaesschen zu erreichen und so nach Hause
zu eilen.
Allein es lenken gleich nach abgeschossenen Signalen einige Wagen in
die Mitte hinein, hemmen und verwirren das Fussvolk, und weil in dem
engen Mittelraume es einem einfaellt, hinunter-, dem andern,
hinaufzufahren, so koennen beide nicht von der Stelle und hindern oft
die Vernuenftigern, die in der Reihe geblieben sind, auch vom Platze zu
kommen.
Wenn nun gar ein zurueckkehrendes Pferd auf einen solchen Knoten trifft,
so vermehrt sich Gefahr, Unheil und Verdruss von allen Seiten.
Nacht
Und doch entwickelt sich diese Verwirrung, zwar spaeter, aber meistens
gluecklich. Die Nacht ist eingetreten, und ein jedes wuenscht sich zu
einiger Ruhe Glueck. Theater
Alle Gesichtsmasken sind von dem Augenblick an abgelegt, und ein
grosser Teil des Publikums eilt nach dem Theater. Nur in den Logen
sieht man allenfalls noch Tabarros und Damen in Maskenkleidern; das
ganze Parterre zeigt sich wieder in buergerlicher Tracht.
Die Theater Aliberti und Argentina geben ernsthafte Opern mit
eingeschobenen Balletten; Valle und Capranica Komoedien und Tragoedien
mit komischen Opern als Intermezzo; Pace ahmt ihnen, wiewohl
unvollkommen, nach, und so gibt es bis zum Puppenspiel und zur
Seiltaenzerbude herunter noch manche subordinierte Schauspiele.
Das grosse Theater Tordenone, das einmal abbrannte, und, da man es
wieder aufgebauet hatte, gleich zusammenstuerzte, unterhaelt nun leider
das Volk nicht mehr mit seinen Haupt--und Staatsaktionen und andern
wunderbaren Vorstellungen.
Die Leidenschaft der Roemer fuer das Theater ist gross und war ehemals in
der Karnevalszeit noch heftiger, weil sie in dieser einzigen Epoche
befriedigt werden konnte. Gegenwaertig ist wenigstens ein
Schauspielhaus auch im Sommer und Herbst offen, und das Publikum kann
seine Lust den groessten Teil des Jahres durch einigermassen befriedigen.
Es wuerde uns hier zu sehr von unserm Zwecke abfuehren, wenn wir uns in
eine umstaendliche Beschreibung der Theater, und was die roemischen
allenfalls Besonderes haben moechten, hier einlassen wollten. Unsre
Leser erinnern sich, dass an andern Orten von diesem Gegenstande
gehandelt worden. Festine
Gleichfalls werden wir von den sogenannten Festinen wenig zu erzaehlen
haben; es sind dieses grosse maskierte Baelle, welche in dem schoen
erleuchteten Theater Aliberti einigemal gegeben werden.
Auch hier werden Tabarros sowohl von den Herren als Damen fuer die
anstaendigste Maske gehalten, und der ganze Saal ist mit schwarzen
Figuren angefuellt; wenige bunte Charaktermasken mischen sich drunter.
Desto groesser ist die Neugierde, wenn sich einige edle Gestalten zeigen,
die, wiewohl seltener, aus den verschiedenen Kunstepochen ihre Masken
erwaehlen und verschiedene Statuen, welche sich in Rom befinden,
meisterlich nachahmen.
So zeigen sich hier aegyptische Gottheiten, Priesterinnen, Bacchus und
Ariadne, die tragische Muse, die Muse der Geschichte, eine Stadt,
Vestalinnen, ein Konsul, mehr oder weniger gut und nach dem Kostueme
ausgefuehrt. Tanz
Die Taenze bei diesen Festen werden gewoehnlich in langen Reihen nach
Art der englischen getanzt; nur unterscheiden sie sich dadurch, dass
sie in ihren wenigen Touren meistenteils etwas Charakteristisches
pantomimisch ausdruecken; zum Beispiel, es entzweien und versoehnen sich
zwei Liebende, sie scheiden und finden sich wieder.
Die Roemer sind durch die pantomimischen Ballette an stark gezeichnete
Gestikulation gewoehnt; sie lieben auch in ihren gesellschaftlichen
Taenzen einen Ausdruck, der uns uebertrieben und affektiert scheinen
wuerde. Niemand wagt leicht zu tanzen, als wer es kunstmaessig gelernt
hat; besonders wird der Menuett ganz eigentlich als ein Kunstwerk
betrachtet und nur von wenigen Paaren gleichsam aufgefuehrt. Ein
solches Paar wird dann von der uebrigen Gesellschaft in einen Kreis
eingeschlossen, bewundert und am Ende applaudiert. Morgen
Wenn die galante Welt sich auf diese Weise bis an den Morgen
erlustiget, so ist man bei anbrechendem Tage schon wieder in dem Korso
beschaeftigst, denselben zu reinigen und in Ordnung zu bringen.
Besonders sorgt man, dass die Puzzolane in der Mitte der Strasse gleich
und reinlich ausgebreitet werde.
Nicht lange, so bringen die Stallknechte das Rennpferd, das sich
gestern am schlechtesten gehalten, vor den Obelisk. Man setzt einen
kleinen Knaben darauf, und ein anderer Reiter mit einer Peitsche
treibt es vor sich her, so dass es alle seine Kraefte anstrengt, um
seine Bahn so geschwind als moeglich zurueckzulegen.
Ungefaehr zwei Uhr Nachmittag nach dem gegebenen Glockenzeichen beginnt
jeden Tag der schon beschriebene Zirkel des Festes. Die Spaziergaenger
finden sich ein, die Wache zieht auf, Balkone, Fenster, Gerueste werden
mit Teppichen behaengt, die Masken vermehren sich und treiben ihre
Torheiten, die Kutschen fahren auf und nieder, und die Strasse ist mehr
oder weniger gedraengt, je nachdem die Witterung oder andere Umstaende
guenstig oder unguenstig ihren Einfluss zeigen. Gegen das Ende des
Karnevals vermehren sich, wie natuerlich, die Zuschauer, die Masken,
die Wagen, der Putz und der Laerm. Nichts aber reicht an das Gedraenge,
an die Ausschweifungen des letzten Tages und Abends. Letzter Tag
Meist halten die Kutschenreihen schon zwei Stunden vor Nacht stille,
kein Wagen kann mehr von der Stelle, keiner aus den Seitengassen mehr
hereinruecken. Die Gerueste und Stuehle sind frueher besetzt, obgleich
die Plaetze teuer gehalten werden; jeder sucht aufs baldigste
unterzukommen, und man erwartet das Ablaufen der Pferde mit mehrerer
Sehnsucht als jemals.
Endlich rauscht auch dieser Augenblick vorbei, die Zeichen werden
gegeben, dass das Fest geendigt sei; allein weder Wagen, noch Masken,
noch Zuschauer weichen aus der Stelle.
Alles ist ruhig, alles still, indem die Daemmerung sachte zunimmt.
Moccoli
Kaum wird es in der engen und hohen Strasse duester, so siehet man hie
und da Lichter erscheinen, an den Fenstern, auf den Geruesten sich
bewegen und in kurzer Zeit die Zirkulation des Feuers dergestalt sich
verbreiten, dass die ganze Strasse von brennenden Wachskerzen erleuchtet
ist.
Die Balkone sind mit durchscheinenden Papierlaternen verziert, jeder
haelt seine Kerze zum Fenster heraus, alle Gerueste sind erhellt, und es
sieht sich gar artig in die Kutschen hinein, an deren Decken oft
kleine kristallne Armleuchter die Gesellschaft erhellen; indessen in
einem andern Wagen die Damen mit bunten Kerzen in den Haenden zur
Betrachtung ihrer Schoenheit gleichsam einzuladen scheinen.
Die Bedienten bekleben den Rand des Kutschendeckels mit Kerzchen,
offne Wagen mit bunten Papierlaternen zeigen sich, unter den
Fussgaengern erscheinen manche mit hohen Lichterpyramiden auf den Koepfen,
andere haben ihr Licht auf zusammengebundene Rohre gesteckt und
erreichen mit einer solchen Rute oft die Hoehe von zwei, drei
Stockwerken.
Nun wird es fuer einen jeden Pflicht, ein angezuendetes Kerzchen in der
Hand zu tragen, und die Favoritverwuenschung der Roemer "Sia ammazzato"
hoert man von allen Ecken und Enden wiederholen.
"Sia ammazzato chi non porta moccolo!" "Ermordet werde, der kein
Lichtstuempfchen traegt!" ruft einer dem andern zu, indem er ihm das
Licht auszublasen sucht. Anzuenden und ausblasen und ein unbaendiges
Geschrei: "Sia ammazzato", bringt nun bald Leben und Bewegung und
wechselseitiges Interesse unter die ungeheure Menge.
Ohne Unterschied, ob man Bekannte oder Unbekannte vor sich habe, sucht
man nur immer das naechste Licht auszublasen oder das seinige wieder
anzuzuenden und bei dieser Gelegenheit das Licht des Anzuendenden
auszuloeschen. Und je staerker das Gebruell "Sia ammazzato" von allen
Enden widerhallt, desto mehr verliert das Wort von seinem
fuerchterlichen Sinn, desto mehr vergisst man, dass man in Rom sei, wo
diese Verwuenschung um einer Kleinigkeit willen in kurzem an einem und
dem andern erfuellt werden kann.
Die Bedeutung des Ausdrucks verliert sich nach und nach gaenzlich. Und
wie wir in andern Sprachen oft Flueche und unanstaendige Worte zum
Zeichen der Bewunderung und Freude gebrauchen hoeren, so wird "Sia
ammazzato" diesen Abend zum Losungswort, zum Freudengeschrei, zum
Refrain aller Scherze, Neckereien und Komplimente.
So hoeren wir spotten: "Sia ammazzato il Signore Abbate che fa l'amore."
Oder einen vorbeigehenden guten Freund anrufen: "Sia ammazzato il
Signore Filippo." Oder Schmeichelei und Kompliment damit verbinden:
"Sia ammazzata la bella Principessa! Sia ammazzata la Signora
Angelica, la prima pittrice del secolo."
Alle diese Phrasen werden heftig und schnell mit einem langen
haltenden Ton auf der vorletzten oder drittletzten Silbe ausgerufen.
Unter diesem unaufhoerlichen Geschrei geht das Ausblasen und Anzuenden
der Kerzen immer fort. Man begegne jemanden im Haus, auf der Treppe,
es sei eine Gesellschaft im Zimmer beisammen, aus einem Fenster ans
benachbarte, ueberall sucht man ueber den andern zu gewinnen und ihm das
Licht auszuloeschen.
Alle Staende und Alter toben gegeneinander, man steigt auf die Tritte
der Kutschen, kein Haengeleuchter, kaum die Laternen sind sicher, der
Knabe loescht dem Vater das Licht aus und hoert nicht auf zu schreien:
"Sia ammazzato il Signore Padre!" Vergebens, dass ihm der Alte diese
Unanstaendigkeit verweist; der Knabe behauptet die Freiheit dieses
Abends und verwuenscht nur seinen Vater desto aerger. Wie nun an beiden
Enden des Korso sich bald das Getuemmel verliert, desto unbaendiger
haeuft sich's nach der Mitte zu, und dort entsteht ein Gedraenge, das
alle Begriffe uebersteigt, ja, das selbst die lebhafteste
Erinnerungskraft sich nicht wieder vergegenwaertigen kann.
Niemand vermag sich mehr von dem Platze, wo er steht oder sitzt, zu
ruehren; die Waerme so vieler Menschen, so vieler Lichter, der Dampf so
vieler immer wieder ausgeblasenen Kerzen, das Geschrei so vieler
Menschen, die nur um desto heftiger bruellen, je weniger sie ein Glied
ruehren koennen, machen zuletzt selbst den gesundesten Sinn schwindeln;
es scheint unmoeglich, dass nicht manches Unglueck geschehen, dass die
Kutschpferde nicht wild, nicht manche gequetscht, gedrueckt oder sonst
beschaedigt werden sollten.
Und doch weil sich endlich jeder weniger oder mehr hinweg sehnt, jeder
ein Gaesschen, an das er gelangen kann, einschlaegt oder auf dem naechsten
Platze freie Luft und Erholung sucht, loest sich diese Masse auch auf,
schmilzt von den Enden nach der Mitte zu, und dieses Fest allgemeiner
Freiheit und Losgebundenheit, dieses moderne Saturnal endigt sich mit
einer allgemeinen Betaeubung.
Das Volk eilt nun, sich bei einem wohlbereiteten Schmause an dem bald
verbotenen Fleische bis Mitternacht zu ergoetzen, die feinere Welt nach
den Schauspielhaeusern, um dort von den sehr abgekuerzten Theaterstuecken
Abschied zu nehmen, und auch diesen Freuden macht die herannahende
Mitternachtsstunde ein Ende. Aschermittwoch
So ist denn ein ausschweifendes Fest wie ein Traum, wie ein Maerchen
vorueber, und es bleibt dem Teilnehmer vielleicht weniger davon in der
Seele zurueck als unsern Lesern, vor deren Einbildungskraft und
Verstand wir das Ganze in seinem Zusammenhange gebracht haben.
Wenn uns waehrend des Laufs dieser Torheiten der rohe Pulcinell
ungebuehrlich an die Freuden der Liebe erinnert, denen wir unser Dasein
zu danken haben, wenn eine Baubo auf oeffentlichem Platze die
Geheimnisse der Gebaererin entweiht, wenn so viele naechtlich
angezuendete Kerzen uns an die letzte Feierlichkeit erinnern, so werden
wir mitten unter dem Unsinne auf die wichtigsten Szenen unsers Lebens
aufmerksam gemacht.
Noch mehr erinnert uns die schmale, lange, gedraengt volle Strasse an
die Wege des Weltlebens, wo jeder Zuschauer und Teilnehmer mit freiem
Gesicht oder unter der Maske vom Balkon oder vom Gerueste nur einen
geringen Raum vor und neben sich uebersieht, in der Kutsche oder zu
Fusse nur Schritt vor Schritt vorwaerts kommt, mehr geschoben wird als
geht, mehr aufgehalten wird als willig stille steht, nur eifriger
dahin zu gelangen sucht, wo es besser und froher zugeht, und dann auch
da wieder in die Enge kommt und zuletzt verdraengt wird.
Duerfen wir fortfahren, ernsthafter zu sprechen, als es der Gegenstand
zu erlauben scheint, so bemerken wir, dass die lebhaftesten und
hoechsten Vergnuegen, wie die vorbeifliegenden Pferde, nur einen
Augenblick uns erscheinen, uns ruehren und kaum eine Spur in der Seele
zuruecklassen, dass Freiheit und Gleichheit nur in dem Taumel des
Wahnsinns genossen werden koennen, und dass die groesste Lust nur dann am
hoechsten reizt, wenn sie sich ganz nahe an die Gefahr draengt und
luestern aengstlich-suesse Empfindungen in ihrer Naehe geniesset.
Und so haetten wir, ohne selbst daran zu denken, auch unser Karneval
mit einer Aschermittwochsbetrachtung geschlossen, wodurch wir keinen
unsrer Leser traurig zu machen fuerchten. Vielmehr wuenschen wir, dass
jeder mit uns, da das Leben im ganzen wie das Roemische Karneval
unuebersehlich, ungeniessbar, ja bedenklich bleibt, durch diese
unbekuemmerte Maskengesellschaft an die Wichtigkeit jedes
augenblicklichen, oft gering scheinenden Lebensgenusses erinnert
werden moege.
Februar
Korrespondenz
Rom, den 1. Februar.
Wie froh will ich sein, wenn die Narren kuenftigen Dienstag abend zur
Ruhe gebracht werden. Es ist eine entsetzliche Sekkatur, andere toll
zu sehen, wenn man nicht selbst angesteckt ist.
Soviel als moeglich war, habe ich meine Studien fortgesetzt, auch ist
"Claudine" gerueckt, und wenn nicht alle Genii ihre Huelfe versagen, so
geht heute ueber acht Tage der dritte Akt an Herdern ab, und so waere
ich den fuenften Band los. Dann geht eine neue Not an, worin mir
niemand raten noch helfen kann. "Tasso" muss umgearbeitet werden, was
da steht, ist zu nichts zu brauchen, ich kann weder so endigen noch
alles wegwerfen. Solche Muehe hat Gott den Menschen gegeben!
Der sechste Band enthaelt wahrscheinlich "Tasso", "Lila", "Jery und
Baetely", alles um--und ausgearbeitet, dass man es nicht mehr kennen
soll.
Zugleich habe ich meine kleinen Gedichte durchgesehen und an den
achten Band gedacht, den ich vielleicht vor dem siebenten herausgebe.
Es ist ein wunderlich Ding, so ein Summa Summarum seines Lebens zu
ziehen. Wie wenig Spur bleibt doch von einer Existenz zurueck!
Hier sekkieren sie mich mit den uebersetzungen meines "Werthers" und
zeigen mir sie und fragen, welches die beste sei und ob auch alles
wahr sei! Das ist nun ein Unheil, was mich bis nach Indien verfolgen
wuerde.
Rom, den 6. Februar.
Hier ist der dritte Akt" Claudinens"; ich wuensche, dass er dir nur die
Haelfte so wohl gefallen moege, als ich vergnuegt bin, ihn geendigt zu
haben. Da ich nun die Beduerfnisse des lyrischen Theaters genauer
kenne, habe ich gesucht, durch manche Aufopferungen dem Komponisten
und Akteur entgegenzuarbeiten. Das Zeug, worauf gestickt werden soll,
muss weite Faeden haben, und zu einer komischen Oper muss es absolut wie
Marli gewoben sein. Doch hab' ich bei dieser wie bei "Erwin" auch
fuers Lesen gesorgt. Genug, ich habe getan, was ich konnte.
Ich bin recht still und rein und, wie ich euch schon versichert habe,
jedem Ruf bereit und ergeben. Zur bildenden Kunst bin ich zu alt, ob
ich also ein bisschen mehr oder weniger pfusche, ist eins. Mein Durst
ist gestillt, auf dem rechten Wege bin ich der Betrachtung und des
Studiums, mein Genuss ist friedlich und genuegsam. Zu dem allen gebt
mir euern Segen. Ich habe nichts Naeheres nun, als meine drei letzten
Teile zu endigen. Dann soll's an "Wilhelm" u. s. w.
Rom, den 9. Februar.
Die Narren haben noch Montag und Dienstag was Rechts gelaermt.
Besonders Dienstag abends, wo die Raserei mit den Moccoli in voelligem
Flor war. Mittwochs dankte man Gott und der Kirche fuer die Fasten.
Auf kein Festin (so nennen sie die Redouten) bin ich gekommen, ich bin
fleissig, was nur mein Kopf halten will. Da der fuenfte Band absolviert
ist, will ich nur einige Kunststudien durcharbeiten, dann gleich an
den sechsten gehn. Ich habe diese Tage das Buch Leonards da Vinci
ueber die Malerei gelesen und begreife jetzt, warum ich nie etwas darin
habe begreifen koennen.
O wie finde ich die Zuschauer so gluecklich! die duenken sich so klug,
sie finden sich was Rechts. So auch die Liebhaber, die Kenner. Du
glaubst nicht, was das ein behaegliches Volk, indes der gute Kuenstler
immer kleinlaut bleibt. Ich habe aber auch neuerdings einen Ekel,
jemanden urteilen zu hoeren, der nicht selbst arbeitet, dass ich es
nicht ausdruecken kann. Wie der Tabaksdampf macht mich eine solche
Rede auf der Stelle unbehaglich.
Angelika hat sich das Vergnuegen gemacht und zwei Gemaelde gekauft.
Eins von Tizian, das andere von Paris Bourdon. Beide um einen hohen
Preis. Da sie so reich ist, dass sie ihre Renten nicht verzehrt und
jaehrlich mehr dazu verdient, so ist es lobenswuerdig, dass sie etwas
anschafft, das ihr Freude macht, und solche Sachen, die ihren
Kunsteifer erhoehen. Gleich sobald sie die Bilder im Hause hatte, fing
sie an, in einer neuen Manier zu malen, um zu versuchen, wie man
gewisse Vorteile jener Meister sich eigen machen koenne. Sie ist
unermuedet, nicht allein zu arbeiten, sondern auch zu studieren. Mit
ihr ist's eine grosse Freude, Kunstsachen zu sehen.
Kayser geht auch als ein wackrer Kuenstler zu Werke. Seine Musik zu
"Egmont" avanciert stark. Noch habe ich nicht alles gehoert. Mir
scheint jedes dem Endzweck sehr angemessen.
Er wird auch: "Cupido kleiner loser" etc. komponieren. Ich schicke
dir's gleich, damit es oft zu meinem Andenken gesungen werde. Es ist
auch mein Leibliedchen.
Der Kopf ist mir wueste vom vielen Schreiben, Treiben und Denken. Ich
werde nicht klueger, fordere zuviel von mir und lege mir zuviel auf.
Rom, den 16. Februar.
Mit dem preussischen Kurier erhielt ich vor einiger Zeit einen Brief
von unserm Herzog, der so freundlich, lieb, gut und erfreulich war,
als ich nicht leicht einen erhalten. Da er ohne Rueckhalt schreiben
konnte, so beschrieb er mir die ganze politische Lage, die seinige und
so weiter. UEber mich selbst erklaerte er sich auf das liebreichste.
Rom, den 22. Februar.
Wir haben diese Woche einen Fall gehabt, der das ganze Chor der
Kuenstler in Betruebnis setzt. Ein Franzose namens Drouais, ein junger
Mensch von etwa 25 Jahren, einziger Sohn einer zaertlichen Mutter,
reich und schoen gebildet, der unter allen studierenden Kuenstlern fuer
den hoffnungsvollsten gehalten ward, ist an den Blattern gestorben.
Es ist eine allgemeine Trauer und Bestuerzung. Ich habe in seinem
verlassenen Studio die lebensgrosse Figur eines Philoktets gesehen,
welcher mit einem Fluegel eines erlegten Raubvogels den Schmerz seiner
Wunde wehend kuehlt. Ein schoen gedachtes Bild, das in der Ausfuehrung
viel Verdienste hat, aber nicht fertig geworden.
Ich bin fleissig und vergnuegt und erwarte so die Zukunft. Taeglich wird
mir's deutlicher, dass ich eigentlich zur Dichtkunst geboren bin, und
dass ich die naechsten zehen Jahre, die ich hoechstens noch arbeiten darf,
dieses Talent exkolieren und noch etwas Gutes machen sollte, da mir
das Feuer der Jugend manches ohne grosses Studium gelingen liess. Von
meinem laengern Aufenthalt in Rom werde ich den Vorteil haben, dass ich
auf das Ausueben der bildenden Kunst Verzicht tue.
Angelika macht mir das Kompliment, dass sie wenige in Rom kenne, die
besser in der Kunst saehen als ich. Ich weiss recht gut, wo und was ich
noch nicht sehe, und fuehle wohl, dass ich immer zunehme, und was zu tun
waere, um immer weiter zu sehn. Genug, ich habe schon jetzt meinen
Wunsch erreicht: in einer Sache, zu der ich mich leidenschaftlich
getragen fuehle, nicht mehr blind zu tappen.
Ein Gedicht, "Amor als Landschaftsmaler", schick' ich dir ehstens und
wuensche ihm gut Glueck. Meine kleinen Gedichte hab' ich gesucht in
eine gewisse Ordnung zu bringen, sie nehmen sich wunderlich aus. Die
Gedichte auf Hans Sachs und auf Miedings Tod schliessen den achten Band
und so meine Schriften fuer diesmal. Wenn sie mich indessen bei der
Pyramide zur Ruhe bringen, so koennen diese beiden Gedichte statt
Personalien und Parentation gelten.
Morgen fruehe ist paepstliche Kapelle, und die famosen alten Musiken
fangen an, die nachher in der Karwoche auf den hoechsten Grad des
Interesse steigen. Ich will nun jeden Sonntag fruehe hin, um mit dem
Stil bekannt zu werden. Kayser, der diese Sachen eigentlich studiert,
wird mir den Sinn wohl darueber aufschliessen. Wir erwarten mit jeder
Post ein gedrucktes Exemplar der Gruendonnerstagsmusik von Zuerich, wo
sie Kayser zurueckliess. Sie wird alsdann erst am Klavier gespielt und
dann in der Kapelle gehoert.
Bericht
Februar
Wenn man einmal zum Kuenstler geboren ist und gar mancher Gegenstand
der Kunstanschauung zusagt, so kam diese mir auch mitten unter dem
Gewuehl der Fastnachtstorheiten und Absurditaeten zu Gunsten. Es war
das zweite Mal, dass ich das Karneval sah, und es musste mir bald
auffallen, dass dieses Volksfest wie ein anderes wiederkehrendes Leben
und Weben seinen entschiedenen Verlauf hatte.
Dadurch ward ich nun mit dem Getuemmel versoehnt, ich sah es an als ein
anderes bedeutendes Naturerzeugnis und Nationalereignis; ich
interessierte mich dafuer in diesem Sinne, bemerkte genau den Gang der
Torheiten und wie das alles doch in einer gewissen Form und
Schicklichkeit ablief. Hierauf notierte ich mir die einzelnen
Vorkommnisse der Reihe nach, welche Vorarbeit ich spaeter zu dem soeben
eingeschalteten Aufsatz benutzte, bat auch zugleich unsern
Hausgenossen, Georg Schuetz, die einzelnen Masken fluechtig zu zeichnen
und zu kolorieren, welches er mit seiner gewohnten Gefaelligkeit
durchfuehrte.
Diese Zeichnungen wurden nachher durch Melchior Krause von Frankfurt
am Main, Direktor des freien Zeicheninstituts zu Weimar, in Quarto
radiert und nach den Originalen illuminiert zur ersten Ausgabe bei
Unger, welche sich selten macht.
Zu vorgemeldeten Zwecken musste man sich denn mehr, als sonst geschehen
waeren unter die verkappte Menge hinunter draengen, welche denn trotz
aller kuenstlerischen Ansicht oft einen widerwaertigen unheimlichen
Eindruck machte. Der Geist, an die wuerdigen Gegenstaende gewoehnt, mit
denen man das ganze Jahr in Rom sich beschaeftigte, schien immer einmal
gewahr zu werden, dass er nicht recht an seinem Platze sei.
Aber fuer den innern bessern Sinn sollte doch das Erquicklichste
bereitet sein. Auf dem venezianischen Platz, wo manche Kutschen, eh'
sie sich den bewegten Reihen wieder anschliessen, die Vorbeiwallenden
sich zu beschauen pflegen, sah ich den Wagen der Mad. Angelika und
trat an den Schlag, sie zu begruessen. Sie hatte sich kaum freundlich
zu mir herausgeneigt, als sie sich zurueckbog, um die neben ihr
sitzende, wieder genesene Mailaenderin mir sehen zulassen. Ich fand
sie nicht veraendert; denn wie sollte sich eine gesunde Jugend nicht
schnell wiederherstellen; ja, ihre Augen schienen frischer und
glaenzender mich anzusehen, mit einer Freudigkeit, die mich bis ins
Innerste durchdrang. So blieben wir eine Zeitlang ohne Sprache, als
Mad. Angelika das Wort nahm und, indessen jene sich vorbog, zu mir
sagte: "Ich muss nur den Dolmetscher machen, denn ich sehe, meine junge
Freundin kommt nicht dazu, auszusprechen, was sie so lange gewuenscht,
sich vorgesetzt und mir oefters wiederholt hat, wie sehr sie Ihnen
verpflichtet ist fuer den Anteil, den Sie an ihrer Krankheit, ihrem
Schicksal genommen. Das erste, was ihr beim Wiedereintritt in das
Leben troestlich geworden, heilsam und wiederherstellend auf sie
gewirkt, sei die Teilnahme ihrer Freunde und besonders die Ihrige
gewesen, sie habe sich auf einmal wieder aus der tiefsten Einsamkeit
unter so vielen guten Menschen in dem schoensten Kreise gefunden."
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