Italienische Reise Teil 2
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"Das ist alles wahr", sagte jene, indem sie ueber die Freundin her mir
die Hand reichte, die ich wohl mit der meinigen, aber nicht mit meinen
Lippen beruehren konnte.
Mit stiller Zufriedenheit entfernt' ich mich wieder in das Gedraeng der
Toren, mit dem zartesten Gefuehl von Dankbarkeit gegen Angelika, die
sich des guten Maedchens gleich nach dem Unfalle troestend anzunehmen
gewusst und, was in Rom selten ist, ein bisher fremdes Frauenzimmer in
ihren edlen Kreis aufgenommen hatte, welches mich um so mehr ruehrte,
als ich mir schmeicheln durfte, mein Anteil an dem guten Kinde habe
hierauf nicht wenig eingewirkt.
Der Senator von Rom, Graf Rezzonico, war schon frueher, aus Deutschland
zurueckkehrend, mich zu besuchen gekommen. Er hatte eine innige
Freundschaft mit Herrn und Frau von Diede errichtet und brachte mir
angelegentliche Gruesse von diesen werten Goennern und Freunden; aber ich
lehnte, wie herkoemmlich, ein naeheres Verhaeltnis ab, sollte aber doch
endlich unausweichlich in diesen Kreis gezogen werden.
Jene genannten Freunde, Herr und Frau von Diede, machten ihrem werten
Lebensgenossen einen Gegenbesuch, und ich konnte mich um so weniger
entbrechen, mancherlei Art von Einladungen anzunehmen, als die Dame,
wegen des Fluegelspiels beruehmt, in einem Konzerte auf der
kapitolinischen Wohnung des Senators sich hoeren zu lassen willig war
und man unsern Genossen Kayser, dessen Geschicklichkeit ruchbar
geworden, zu einer Teilnahme an jenen Exhibitionen schmeichelhaft
eingeladen hatte. Die unvergleichliche Aussicht bei Sonnenuntergang
aus den Zimmern des Senators nach dem Coliseo zu mit allem dem, was
sich von den andern Seiten anschliesst, verlieh freilich unserm
Kuenstlerblick das herrlichste Schauspiel, dem man sich aber nicht
hingeben durfte, um es gegen die Gesellschaft an Achtung und Artigkeit
nicht fehlen zu lassen. Frau von Diede spielte sodann, sehr grosse
Vorzuege entwickelnd, ein bedeutendes Konzert, und man bot bald darauf
unserm Freunde den Platz an, dessen er sich denn auch ganz wuerdig zu
machen schien, wenn man dem Lobe trauen darf, das er einerntete.
Abwechselnd ging es eine Weile fort, auch wurde von einer Dame eine
Lieblingsarie vorgetragen, endlich aber, als die Reihe wieder an
Kaysern kam, legte er ein anmutiges Thema zum Grunde und variierte
solches auf die mannigfaltigste Weise.
Alles war gut vonstatten gegangen, als der Senator mir im Gespraech
manches Freundliche sagte, doch aber nicht bergen konnte und mit jener
weichen venezianischen Art halb bedauernd versicherte, er sei
eigentlich von solchen Variationen kein Freund, werde hingegen von den
ausdrucksvollen Adagios seiner Dame jederzeit ganz entzueckt.
Nun will ich gerade nicht behaupten, dass mir jene sehnsuechtigen Toene,
die man im Adagio und Largo hinzuziehen pflegt, jemals seien zuwider
gewesen, doch aber liebt' ich in der Musik immer mehr das Aufregende,
da unsere eigenen Gefuehle, unser Nachdenken ueber Verlust und Misslingen
uns nur allzuoft herabzuziehen und zu ueberwaeltigen drohen.
Unserm Senator dagegen konnt' ich keineswegs verargen, ja ich musste
ihm aufs freundlichste goennen, dass er solchen Toenen gern sein Ohr lieh,
die ihn vergewisserten, er bewirte in dem herrlichsten Aufenthalte
der Welt eine so sehr geliebte und hochverehrte Freundin.
Fuer uns andere, besonders deutsche Zuhoerer blieb es ein unschaetzbarer
Genuss, in dem Augenblicke, wo wir eine treffliche, laengst gekannte
verehrte Dame, in den zartesten Toenen sich auf dem Fluegel ergehend,
vernehmen, zugleich hinab vom Fenster in die einzigste Gegend von der
Welt zu schauen und in dem Abendglanz der Sonne mit weniger Wendung
des Hauptes das grosse Bild zu ueberblicken, das sich linker Hand vom
Bogen des Septimius Severus das Campo Vaccino entlang bis zum
Minerven--und Friedenstempel erstreckte, um dahinter das Koliseum
hervorschauen zu lassen, in dessen Gefolge man dann das Auge rechts
wendend, an den Bogen des Titus vorbeigleitend in dem Labyrinthe der
palatinischen Truemmer und ihrer durch Gartenkultur und wilde
Vegetation geschmueckten Einoede sich zu verwirren und zu verweilen
hatte.
(Eine im Jahre 1824 von Fries und Thuermer gezeichnete und gestochene
nordwestliche uebersicht von Rom, genommen von dem Turme des Kapitols,
bitten wir hiernaechst zu ueberschauen; sie ist einige Stockwerke hoeher
und nach den neueren Ausgrabungen gefasst, aber im Abendlichte und
Beschattung, wie wir sie damals gesehen, wobei denn freilich die
gluehende Farbe mit ihren schattig-blauen Gegensaetzen und allem dem
Zauber, der daraus entspringt, hinzuzudenken waere.)
Sodann hatten wir in diesen Stunden als Glueck zu schaetzen, das
herrlichste Bild, welches Mengs vielleicht je gemalt hat, das Portraet
Clemens' XIII. Rezzonico, der unsern Goenner, den Senator, als Nepoten
an diesen Posten gesetzt, mit Ruhe zu beschauen, von dessen Wert ich
zum Schluss eine Stelle aus dem Tagebuch unseres Freundes anfuehre:
"Unter den von Mengs gemalten Bildnissen, da, wo seine Kunst sich am
tuechtigsten bewaehrte, ist das Bildnis des Papstes Rezzonico. Der
Kuenstler hat in diesem Werk die Venezianer im Kolorit und in der
Behandlung nachgeahmt und sich eines gluecklichen Erfolgs zu erfreuen;
der Ton des Kolorits ist wahr und warm und der Ausdruck des Gesichtes
belebt und geistreich; der Vorhang von Goldstoff, auf dem sich der
Kopf und das uebrige der Figur schoen abheben, gilt fuer ein gewagtes
Kunststueck in der Malerei, gelang aber vortrefflich, indem das Bild
dadurch ein reiches harmonisches, unser Auge angenehm ruehrendes Ansehn
erhaelt."
Maerz
Korrespondenz
Rom, den 1. Maerz.
Sonntags gingen wir in die Sixtinische Kapelle, wo der Papst mit den
Kardinaelen der Messe beiwohnte. Da die letzteren wegen der Fastenzeit
nicht rot, sondern violett gekleidet waren, gab es ein neues
Schauspiel. Einige Tage vorher hatte ich Gemaelde von Albert Duerer
gesehen und freute mich nun, so etwas im Leben anzutreffen. Das Ganze
zusammen war einzig gross und doch simpel, und ich wundere mich nicht,
wenn Fremde, die eben in der Karwoche, wo alles zusammentrifft,
hereinkommen, sich kaum fassen koennen. Die Kapelle selbst kenne ich
recht gut, ich habe vorigen Sommer drin zu Mittag gegessen und auf des
Papstes Thron Mittagsruhe gehalten und kann die Gemaelde fast auswendig,
und doch, wenn alles beisammen ist, was zur Funktion gehoert, so ist
es wieder was anders, und man findet sich kaum wieder.
Es ward ein altes Motett, von einem Spanier Morales komponiert,
gesungen, und wir hatten den Vorschmack von dem, was nun kommen wird.
Kayser ist auch der Meinung, dass man diese Musik nur hier hoeren kann
und sollte, teils weil nirgends Saenger ohne Orgel und Instrument auf
einen solchen Gesang geuebt sein koennten, teils weil er zum antiken
Inventario der paepstlichen Kapelle und zu dem Ensemble der
Michelangelos, des juengsten Gerichts, der Propheten und biblischen
Geschichte einzig passe. Kayser wird dereinst ueber alles dieses
bestimmte Rechnung ablegen. Er ist ein grosser Verehrer der alten
Musik und studiert sehr fleissig alles, was dazu gehoert.
So haben wir eine merkwuerdige Sammlung Psalmen im Hause; sie sind in
italienische Verse gebracht und von einem venezianischen Nobile,
Benedetto Marcello, zu Anfang dieses Jahrhunderts in Musik gesetzt.
Er hat bei vielen die Intonation der Juden, teils der spanischen,
teils der deutschen, als Motiv angenommen, zu andern hat er alte
griechische Melodien zugrunde gelegt und sie mit grossem Verstand,
Kunstkenntnis und Maessigkeit ausgefuehrt. Sie sind teils als Solo,
Duett, Chor gesetzt und unglaublich original, ob man gleich sich erst
einen Sinn dazu machen muss. Kayser schaetzt sie sehr und wird einige
daraus abschreiben. Vielleicht kann man einmal das ganze Werk haben,
das Venedig 1724 gedruckt ist und die ersten fuenfzig Psalmen enthaelt.
Herder soll doch aufstellen, er sieht vielleicht in einem Katalogus
dies interessante Werk.
Ich habe den Mut gehabt, meine drei letzten Baende auf einmal zu
ueberdenken, und ich weiss nun genau, was ich machen will; gebe nun der
Himmel Stimmung und Glueck, es zu machen.
Es war eine reichhaltige Woche, die mir in der Erinnerung wie ein
Monat vorkommt.
Zuerst ward der Plan zu "Faust" gemacht, und ich hoffe, diese
Operation soll mir geglueckt sein. Natuerlich ist es ein ander Ding,
das Stueck jetzt oder vor funfzehn Jahren ausschreiben, ich denke, es
soll nichts dabei verlieren, besonders da ich jetzt glaube, den Faden
wieder gefunden zu haben. Auch was den Ton des Ganzen betrifft, bin
ich getroestet; ich habe schon eine neue Szene ausgefuehrt, und wenn ich
das Papier raeuchre, so, daecht' ich, sollte sie mir niemand aus den
alten herausfinden. Da ich durch die lange Ruhe und Abgeschiedenheit
ganz auf das Niveau meiner eignen Existenz zurueckgebracht bin, so ist
es merkwuerdig, wie sehr ich mir gleiche und wie wenig mein Innres
durch Jahre und Begebenheiten gelitten hat. Das alte Manuskript macht
mir manchmal zu denken, wenn ich es vor mir sehe. Es ist noch das
erste, ja in den Hauptszenen gleich so ohne Konzept hingeschrieben,
nun ist es so gelb von der Zeit, so vergriffen (die Lagen waren nie
geheftet), so muerbe und an den Raendern zerstossen, dass es wirklich wie
das Fragment eines alten Kodex aussieht, so dass ich, wie ich damals in
eine fruehere Welt mich mit Sinnen und Ahnden versetzte, ich mich jetzt
in eine selbst gelebte Vorzeit wieder versetzen muss.
Auch ist der Plan von "Tasso" in Ordnung und die vermischten Gedichte
zum letzten Bande meist ins Reine geschrieben. "Des Kuenstlers
Erdewallen" soll neu ausgefuehrt und dessen "Apotheose" hinzugetan
werden. Zu diesen Jugendeinfaellen habe ich nun erst die Studien
gemacht, und alles Detail ist mir nun recht lebendig. Ich freue mich
auch darauf und habe die beste Hoffnung zu den drei letzten Baenden,
ich sehe sie im ganzen schon vor mir stehen und wuensche mir nur Musse
und Gemuetsruhe, um nun Schritt vor Schritt das Gedachte auszufuehren.
Zur Stellung der verschiedenen kleinen Gedichte habe ich mir deine
Sammlungen der "Zerstreuten Blaetter" zum Muster dienen lassen und
hoffe zur Verbindung so disparater Dinge gute Mittel gefunden zu haben,
wie auch eine Art, die allzu individuellen und momentanen Stuecke
einigermassen geniessbar zu machen.
Nach diesen Betrachtungen ist die neue Ausgabe von Mengsens Schriften
ins Haus gekommen, ein Buch, das mir jetzt unendlich interessant ist,
weil ich die sinnlichen Begriffe besitze, die notwendig vorausgehen
muessen, um nur eine Zeile des Werks recht zu verstehen. Es ist in
allem Sinne ein trefflich Buch, man liest keine Seite ohne
entschiedenen Nutzen. Auch seinen "Fragmenten ueber die Schoenheit",
welche manchem so dunkel scheinen, habe ich glueckliche Erleuchtungen
zu danken.
Ferner habe ich allerlei Spekulationen ueber Farben gemacht, welche mir
sehr anliegen, weil das der Teil ist, von dem ich bisher am wenigsten
begriff. Ich sehe, dass ich mit einiger uebung und anhaltendem
Nachdenken auch diesen schoenen Genuss der Weltoberflaeche mir werde
zueignen koennen.
Ich war einen Morgen in der Galerie Borghese, welche ich in einem Jahr
nicht gesehen hatte, und fand zu meiner Freude, dass ich sie mit viel
verstaendigern Augen sah. Es sind unsaegliche Kunstschaetze in dem
Besitz des Fuersten.
Rom, den 7. Maerz.
Eine gute, reiche und stille Woche ist wieder vorbei. Sonntags
versaeumten wir die paepstliche Kapelle, dagegen sah' ich mit Angelika
ein sehr schoenes Gemaelde, das billig fuer Correggio gehalten wird.
Ich sah die Sammlung der Akademie St. Luca, wo Raffaels Schaedel ist.
Diese Reliquie scheint mir ungezweifelt. Ein trefflicher Knochenbau,
in welchem eine schoene Seele bequem spazieren konnte. Der Herzog
verlangt einen Abguss davon, den ich wahrscheinlich werde verschaffen
koennen. Das Bild, das von ihm gemalt ist und in gleichem Saale haengt,
ist seiner wert.
Aufgang zum Kapitol. Zeichnung von Verschaffelt
Auch habe ich das Kapitol wieder gesehen und einige andere Sachen, die
mir zurueckblieben, vorzueglich Cavaceppis Haus, das ich immer versaeumt
hatte zu sehen. Unter vielen koestlichen Sachen haben mich vorzueglich
ergoetzt zwei Abguesse der Koepfe von den Kolossalstatuen auf dem Monte
Cavallo. Man kann sie bei Cavaceppi in der Naehe in ihrer ganzen Groesse
und Schoenheit sehn. Leider dass der beste durch Zeit und Witterung
fast einen Strohhalm dick der glatten Oberflaeche des Gesichts verloren
hat und in der Naehe wie von Pocken uebel zugerichtet aussieht.
Heute waren die Exequien des Kardinal Visconti in der Kirche St. Carlo.
Da die paepstliche Kapelle zum Hochamt sang, gingen wir hin, die
Ohren auf morgen recht auszuwaschen. Es ward ein Requiem gesungen zu
zwei Sopranen, das Seltsamste, was man hoeren kann. NB. Auch dabei war
weder Orgel noch andere Musik.
Welch ein leidig Instrument die Orgel sei, ist mir gestern abend in
dem Chor von St. Peter recht aufgefallen, man begleitete damit den
Gesang bei der Vesper; es verbindet sich so gar nicht mit der
Menschenstimme und ist so gewaltig. Wie reizend dagegen in der
Sixtinischen Kapelle, wo die Stimmen allein sind.
Das Wetter ist seit einigen Tagen truebe und gelind. Der Mandelbaum
hat groesstenteils verblueht und gruent jetzt, nur wenige Blueten sind auf
den Gipfeln noch zu sehen. Nun folgt der Pfirsichbaum, der mit seiner
schoenen Farbe die Gaerten ziert. Viburnum Tinus blueht auf allen Ruinen,
die Attichbuesche in den Hecken sind alle ausgeschlagen und andere,
die ich nicht kenne. Die Mauern und Daecher werden nun gruener, auf
einigen zeigen sich Blumen. In meinem neuen Kabinett, wohin ich zog,
weil wir Tischbein von Neapel erwarten, habe ich eine mannigfaltige
Aussicht in unzaehlige Gaertchen und auf die hinteren Galerien vieler
Haeuser. Es ist gar zu lustig.
Ich habe angefangen, ein wenig zu modellieren. Was den
Erkenntnispunkt betrifft, gehe ich sehr rein und sicher fort, in
Anwendung der taetigen Kraft bin ich ein wenig konfus. So geht es mir
wie allen meinen Bruedern.
Rom, den 14. Maerz.
Die naechste Woche ist hier nichts zu denken noch zu tun, man muss dem
Schwall der Feierlichkeiten folgen. Nach Ostern werde ich noch
einiges sehen, was mir zurueckblieb, meinen Faden abloesen, meine
Rechnung machen, meinen Buendel packen und mit Kaysern davonziehn.
Wenn alles geht, wie ich wuensche und vorhabe, bin ich Ende Aprils in
Florenz. Inzwischen hoert ihr noch von mir.
Sonderbar war es, dass ich auf aeussere Veranlassung verschiedene
Massregeln nehmen musste, welche mich in neue Verhaeltnisse setzten,
wodurch mein Aufenthalt in Rom immer schoener, nuetzlicher und
gluecklicher ward. Ja, ich kann sagen, dass ich die hoechste
Zufriedenheit meines Lebens in diesen letzten acht Wochen genossen
habe und nun wenigstens einen aeussersten Punkt kenne, nach welchem ich
das Thermometer meiner Existenz kuenftig abmessen kann.
Diese Woche hat sich ungeachtet des ueblen Wetters gut gehalten.
Sonntags hoerten wir in der Sixtinischen Kapelle ein Motett von
Palestrina. Dienstag wollte uns das Glueck, dass man zu Ehren einer
Fremden verschiedene Teile der Karwochsmusik in einem Saale sang. Wir
hoerten sie also mit groesster Bequemlichkeit und konnten uns, da wir sie
so oft am Klavier durchsangen, einen vorlaeufigen Begriff davon machen.
Es ist ein unglaublich grosses simples Kunstwerk, dessen immer
erneuerte Darstellung sich wohl nirgends als an diesem Orte und unter
diesen Umstaenden erhalten konnte. Bei naeherer Betrachtung fallen
freilich mancherlei Handwerksburschentraditionen, welche die Sache
wunderbar und unerhoert machen, weg, mit allem dem bleibt es etwas
Ausserordentliches und ist ein ganz neuer Begriff. Kayser wird
dereinst Rechenschaft davon ablegen koennen. Er wird die Verguenstigung
erhalten, eine Probe in der Kapelle anzuhoeren, wozu sonst niemand
gelassen wird.
Ferner habe ich diese Woche einen Fuss modelliert nach vorgaengigem
Studio der Knochen und Muskeln und werde von meinem Meister gelobt.
Wer den ganzen Koerper so durchgearbeitet haette, waere um ein gutes Teil
klueger; versteht sich in Rom, mit allen Huelfsmitteln und dem
mannigfaltigen Rat der Verstaendigen. Ich habe einen Skelettfuss, eine
schoene auf die Natur gegossene Anatomie, ein halb Dutzend der
schoensten antiken Fuesse, einige schlechte, jene zur Nachahmung, diese
zur Warnung, und die Natur kann ich auch zu Rate ziehen, in jeder
Villa, in die ich trete, finde ich Gelegenheit, nach diesen Teilen zu
sehen, Gemaelde zeigen mir, was Maler gedacht und gemacht haben. Drei,
vier Kuenstler kommen taeglich auf mein Zimmer, deren Rat und Anmerkung
ich nutze, unter welchen jedoch, genau besehen, Heinrich Meyers Rat
und Nachhuelfe mich am meisten foerdert. Wenn mit diesem Winde auf
diesem Elemente ein Schiff nicht von der Stelle kaeme, so muesste es
keine Segel oder einen wahnsinnigen Steuermann haben. Bei der
allgemeinen uebersicht der Kunst, die ich mir gemacht habe, war es mir
sehr notwendig, nun mit Aufmerksamkeit und Fleiss an einzelne Teile zu
gehn. Es ist angenehm, auch im Unendlichen vorwaerts zu kommen.
Ich fahre fort, ueberall herumzugehen und vernachlaessigte Gegenstaende
zu betrachten. So war ich gestern zum erstenmal in Raffaels Villa, wo
er an der Seite seiner Geliebten den Genuss des Lebens aller Kunst und
allem Ruhm vorzog. Es ist ein heilig Monument. Der Fuerst Doria hat
sie akquiriert und scheint sie behandeln zu wollen, wie sie es
verdient. Raffael hat seine Geliebte achtundzwanzigmal auf die Wand
portraetiert in allerlei Arten von Kleidern und Kostueme; selbst in den
historischen Kompositionen gleichen ihr die Weiber. Die Lage des
Hauses ist sehr schoen. Es wird sich artiger davon erzaehlen lassen,
als sich's schreibt. Man muss das ganze Detail bemerken.
Dann ging ich in die Villa Albani und sah mich nur im allgemeinen
darin um. Es war ein herrlicher Tag. Heute nacht hat es sehr
geregnet, jetzt scheint die Sonne wieder, und vor meinem Fenster ist
ein Paradies. Der Mandelbaum ist ganz gruen, die Pfirsichblueten fangen
schon an abzufallen, und die Zitronenblueten brechen auf dem Gipfel des
Baumes auf.
Mein Abschied von hier betruebt drei Personen innigst. Sie werden nie
wieder finden, was sie an mir gehabt haben, ich verlasse sie mit
Schmerzen. In Rom hab' ich mich selbst zuerst gefunden, ich bin
zuerst uebereinstimmend mit mir selbst gluecklich und vernuenftig
geworden, und als einen solchen haben mich diese dreie in
verschiedenem Sinne und Grade gekannt, besessen und genossen.
Rom, den 22. Maerz.
Heute geh' ich nicht nach St. Peter und will ein Blaettchen schreiben.
Nun ist auch die heilige Woche mit ihren Wundern und Beschwerden
vorueber, morgen nehmen wir noch eine Benediktion auf uns, und dann
wendet sich das Gemuet ganz zu einem andern Leben.
Ich habe durch Gunst und Muehe guter Freunde alles gesehen und gehoert,
besonders ist die Fusswaschung und die Speisung der Pilger nur durch
grosses Draengen und Druecken zu erkaufen.
Die Kapellmusik ist undenkbar schoen. Besonders das "Miserere" von
Allegri und die sogenannten "Improperien", die Vorwuerfe, welche der
gekreuzigte Gott seinem Volke macht. Sie werden Karfreitags fruehe
gesungen. Der Augenblick, wenn der aller seiner Pracht entkleidete
Papst vom Thron steigt, um das Kreuz anzubeten, und alles uebrige an
seiner Stelle bleibt, jedermann still ist, und das Chor anfaengt:
"Populus meus, quid feci tibi?", ist eine der schoensten unter allen
merkwuerdigen Funktionen. Das soll nun alles muendlich ausgefuehrt
werden, und was von Musik transportabel ist, bringt Kayser mit. Ich
habe nach meinem Wunsch alles, was an den Funktionen geniessbar war,
genossen und ueber das uebrige meine stillen Betrachtungen angestellt.
Effekt, wie man zu sagen pflegt, hat nichts auf mich gemacht, nichts
hat mir eigentlich imponiert, aber bewundert hab' ich alles, denn das
muss man ihnen nachsagen, dass sie die christlichen ueberlieferungen
vollkommen durchgearbeitet haben. Bei den paepstlichen Funktionen,
besonders in der Sixtinischen Kapelle, geschieht alles, was am
katholischen Gottesdienste sonst unerfreulich erscheint, mit grossem
Geschmack und vollkommner Wuerde. Es kann aber auch nur da geschehen,
wo seit Jahrhunderten alle Kuenste zu Gebote standen.
Das Einzelne davon wuerde jetzt nicht zu erzaehlen sein. Haette ich
nicht in der Zwischenzeit auf jene Veranlassung wieder stille gehalten
und an ein laengeres Bleiben geglaubt, so koennt' ich naechste Woche fort.
Doch auch das gereicht mir zum besten. Ich habe diese Zeit wieder
viel studiert, und die Epoche, auf die ich hoffte, hat sich
geschlossen und geruendet. Es ist zwar immer eine sonderbare
Empfindung, eine Bahn, auf der man mit starken Schritten fortgeht, auf
einmal zu verlassen, doch muss man sich darein finden und nicht viel
Wesens machen. In jeder grossen Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn,
man muss sich hueten, ihn nachdenklich auszubrueten und zu pflegen.
Schoene Zeichnungen hab' ich von Neapel erhalten, von Kniep, dem Maler,
der mich nach Sizilien begleitet hat. Es sind schoene liebliche
Fruechte meiner Reise und fuer euch die angenehmsten; denn was man einem
vor die Augen bringen kann, gibt man ihm am sichersten. Einige
drunter sind, dem Ton der Farbe nach, ganz koestlich geraten, und ihr
werdet kaum glauben, dass jene Welt so schoen ist.
Soviel kann ich sagen, dass ich in Rom immer gluecklicher geworden bin,
dass noch mit jedem Tage mein Vergnuegen waechst; und wenn es traurig
scheinen moechte, dass ich eben scheiden soll, da ich am meisten
verdiente, zu bleiben, so ist es doch wieder eine grosse Beruhigung,
dass ich so lang habe bleiben koennen, um auf den Punkt zu gelangen.
Soeben steht der Herr Christus mit entsetzlichem Laerm auf. Das
Kastell feuert ab, alle Glocken laeuten, und an allen Ecken und Enden
hoert man Petarden, Schwaermer und Lauffeuer. Um eilf Uhr morgens.
Bericht Maerz
Es ist uns erinnerlich, wie Philippus Neri den Besuch der sieben
Hauptkirchen Roms sich oefters zur Pflicht gemacht und dadurch von der
Inbrunst seiner Andacht einen deutlichen Beweis gegeben. Hier nun
aber ist zu bemerken, dass eine Wallfahrt zu gedachten Kirchen von
jedem Pilger, der zum Jubilaeum herankommt, notwendig gefordert wird
und wirklich wegen der weitentfernten Lage dieser Stationen, insofern
der Weg an einem Tage zurueckgelegt werden soll, einer abermaligen
anstrengenden Reise wohl gleichzuachten ist.
Jene sieben Kirchen aber sind: St. Peter, Santa Maria Maggiore, San
Lorenzo ausser den Mauern, San Sebastian, San Johann im Lateran, Santa
Croce in Jerusalem, San Paul vor den Mauern.
Einen solchen Umgang nun vollfuehren auch einheimische fromme Seelen in
der Karwoche, besonders am Karfreitag. Da man aber zu dem geistlichen
Vorteil, welchen die Seelen durch den damit verknuepften Ablass erwerben
und geniessen, noch einen leiblichen Genuss hinzugetan, so wird in
solcher Hinsicht Ziel und Zweck noch reizender.
Wer naemlich nach vollbrachter Wallfahrt mit gehoerigen Zeugnissen zum
Tore von San Paul endlich wieder hereintritt, erhaelt daselbst ein
Billet, um an einem frommen Volksfeste in der Villa Mattei an
bestimmten Tagen teilnehmen zu koennen. Dort erhalten die
Eingelassenen eine Kollation von Brot, Wein, etwas Kaese oder Eiern;
die Geniessenden sind dabei im Garten umher gelagert, vornehmlich in
dem kleinen daselbst befindlichen Amphitheater. Gegenueber in dem
Kasino der Villa findet sich die hoehere Gesellschaft zusammen;
Kardinaele, Praelaten, Fuersten und Herren, um sich an dem Anblick zu
ergoetzen und somit auch ihren Teil an der Spende, von der Familie
Mattei gestiftet, hinzunehmen.
Wir sahen eine Prozession von etwa zehn--bis zwoelfjaehrigen Knaben
herankommen, nicht im geistlichen Gewand, sondern wie es etwa
Handwerkslehrlingen am Festtage zu erscheinen geziemen moechte, in
Kleidern gleicher Farbe, gleichen Schnitts, paarweise, es konnten
ihrer vierzig sein. Sie sangen und sprachen ihre Litaneien fromm vor
sich hin und wandelten still und zuechtig.
Ein alter Mann von kraeftigem handwerksmaessigen Ansehn ging an ihnen her
und schien das Ganze zu ordnen und zu leiten. Auffallend war es, die
vorueberziehende wohlgekleidete Reihe durch ein halb Dutzend
bettelhafte, barfuss und zerlumpt einhergehende Kinder geschlossen zu
sehen welche jedoch in gleicher Zucht und Sitte dahinwandelten.
Erkundigung deshalb gab uns zu vernehmen: Dieser Mann, ein Schuster
von Profession und kinderlos, habe sich frueher bewogen gefuehlt, einen
armen Knaben auf--und in die Lehre zu nehmen, mit Beistand von
Wohlwollenden ihn zu kleiden und weiterzubringen. Durch ein solches
gegebenes Beispiel sei es ihm gelungen, andere Meister zu gleicher
Aufnahme von Kindern zu bewegen, die er ebenfalls zu befoerdern alsdann
besorgt gewesen. Auf diese Weise habe sich ein kleines Haeuflein
gesammelt, welches er zu gottesfuerchtigen Handlungen, um den
schaedlichen Muessiggang an Sonn--und Feiertagen zu verhueten,
ununterbrochen angehalten, ja sogar den Besuch der weit auseinander
liegenden Hauptkirchen an einem Tage von ihnen gefordert. Auf diese
Weise nun sei diese fromme Anstalt immer gewachsen; er verrichte seine
verdienstlichen Wanderungen nach wie vor, und weil sich zu einer so
augenfaellig nutzbaren Anstalt immer mehr hinzudraengen, als aufgenommen
werden koennten, so bediene er sich des Mittels, um die allgemeine
Wohltaetigkeit zu erregen, dass er die noch zu versorgenden, zu
bekleidenden Kinder seinem Zuge anschliesse, da es ihm denn jedesmal
gelinge, zur Versorgung eines und des andern hinreichende Spende zu
erhalten.
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