Italienische Reise Teil 2
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Waehrend wir uns hievon unterrichteten, war einer der aelteren und
bekleideten Knaben auch in unsere Naehe gekommen, bot uns einen Teller
und verlangte mit gutgesetzten Worten fuer die nackten und sohlenlosen
bescheiden eine Gabe. Er empfing sie nicht nur von uns geruehrten
Fremden reichlich, sondern auch von den anstehenden sonst
pfennigkargen Roemern und Roemerinnen, die einer maessigen Spende mit viel
Worten segnender Anerkennung jenes Verdienstes noch ein frommes
Gewicht beizufuegen nicht unterliessen.
Man wollte wissen, dass der fromme Kindervater jedesmal seine Pupillen
an jener Spende teilnehmen lasse, nachdem sie sich durch
vorhergegangene Wanderung erbaut, wobei es denn niemals an leidlicher
Einnahme zu seinem edlen Zwecke fehlen kann.
Italienische Reise / 2. Roem. Aufenthalt / Nachahmung des Schoenen
ueber die bildende Nachahmung des Schoenen
von Karl Philipp Moritz. Braunschweig 1788.
Unter diesem Titel ward ein Heft von kaum vier Bogen gedruckt, wozu
Moritz das Manuskript nach Deutschland geschickt hatte, um seinen
Verleger ueber den Vorschuss einer Reisebeschreibung nach Italien
einigermassen zu beschwichtigen. Freilich war eine solche nicht so
leicht als die einer abenteuerlichen Fusswanderung durch England
niederzuschreiben.
Gedachtes Heft aber darf ich nicht unerwaehnt lassen; es war aus unsern
Unterhaltungen hervorgegangen, welche Moritz nach seiner Art benutzt
und ausgebildet. Wie es nun damit auch sei, so kann es geschichtlich
einiges Interesse haben, um daraus zu ersehen, was fuer Gedanken sich
in jener Zeit vor uns auftaten, welche, spaeterhin entwickelt, geprueft,
angewendet und verbreitet, mit der Denkweise des Jahrhunderts
gluecklich zusammentrafen.
Einige Blaetter aus der Mitte des Vortrags moegen hier eingeschaltet
stehen, vielleicht nimmt man hievon Veranlassung, das Ganze wieder
abzudrucken.
"Der Horizont der taetigen Kraft aber muss bei dem bildenden Genie so
weit wie die Natur selber sein: das heisst, die Organisation muss so
fein gewebt sein und so unendlich viele Beruehrungspunkte der
allumstroemenden Natur darbieten, dass gleichsam die aeussersten Enden von
allen Verhaeltnissen der Natur im grossen, hier im kleinen sich
nebeneinander stellend, Raum genug haben, um sich einander nicht
verdraengen zu duerfen.
Wenn nun eine Organisation von diesem feinern Gewebe bei ihrer
voelligen Entwicklung auf einmal in der dunklen Ahndung ihrer taetigen
Kraft ein Ganzes fasst, das weder in ihr Auge noch in ihr Ohr, weder in
ihre Einbildungskraft noch in ihre Gedanken kam, so muss notwendig eine
Unruhe, ein Missverhaeltnis zwischen den sich waegenden Kraeften so lange
entstehen, bis sie wieder in ihr Gleichgewicht kommen.
Bei einer Seele, deren bloss taetige Kraft schon das edle grosse Ganze
der Natur in dunkler Ahndung fasst, kann die deutlich erkennende
Denkkraft, die noch lebhafter darstellende Einbildungskraft und der am
hellsten spiegelnde aeussre Sinn mit der Betrachtung des einzelnen im
Zusammenhange der Natur sich nicht mehr begnuegen.
Alle die in der taetigen Kraft bloss dunkel geahndeten Verhaeltnisse
jenes grossen Ganzen muessen notwendig auf irgendeine Weise entweder
sichtbar, hoerbar oder doch der Einbildungskraft fassbar werden; und um
dies zu werden, muss die Tatkraft, worin sie schlummern, sie nach sich
selber, aus sich selber bilden.--Sie muss alle jene Verhaeltnisse des
grossen Ganzen und in ihnen das hoechste Schoene wie an den Spitzen
seiner Strahlen in einen Brennpunkt fassen.--Aus diesem Brennpunkte
muss sich nach des Auges gemessener Weite ein zartes und doch getreues
Bild des hoechsten Schoenen ruenden, das die vollkommensten Verhaeltnisse
des grossen Ganzen der Natur ebenso wahr und richtig wie sie selbst in
seinem kleinen Umfang fasst.
Weil nun aber dieser Abdruck des hoechsten Schoenen notwendig an etwas
haften muss, so waehlt die bildende Kraft, durch ihre Individualitaet
bestimmt, irgendeinen sichtbaren, hoerbaren oder doch der
Einbildungskraft fassbaren Gegenstand, auf den sie den Abglanz des
hoechsten Schoenen im verjuengenden Massstabe uebertraegt.--Und weil dieser
Gegenstand wiederum, wenn er wirklich, was er darstellt, waere, mit dem
Zusammenhange der Natur, die ausser sich selber kein wirklich
eigenmaechtiges Ganze duldet, nicht ferner bestehen koennte, so fuehret
uns dies auf den Punkt, wo wir schon einmal waren: dass jedesmal das
innre Wesen erst in die Erscheinung sich verwandeln muesse, ehe es
durch die Kunst zu einem fuer sich bestehenden Ganzen gebildet werden
und ungehindert die Verhaeltnisse des grossen Ganzen der Natur in ihrem
voelligen Umfange spiegeln kann.
Da nun aber jene grossen Verhaeltnisse, in deren voelligem Umfange eben
das Schoene liegt, nicht mehr unter das Gebiet der Denkkraft fallen, so
kann auch der lebendige Begriff von der bildenden Nachahmung des
Schoenen nur im Gefuehl der taetigen Kraft, die es hervorbringt, im
ersten Augenblick der Entstehung stattfinden, wo das Werk, als schon
vollendet, durch alle Grade seines allmaehlichen Werdens in dunkler
Ahndung auf einmal vor die Seele tritt und in diesem Moment der ersten
Erzeugung gleichsam vor seinem wirklichen Dasein da ist; wodurch
alsdann auch jener unnennbare Reiz entsteht, welcher das schaffende
Genie zur immerwaehrenden Bildung treibt.
Durch unser Nachdenken ueber die bildende Nachahmung des Schoenen, mit
dem reinen Genuss der schoenen Kunstwerke selbst vereint, kann zwar
etwas jenem lebendigen Begriff Naeherkommendes in uns entstehen, das
den Genuss der schoenen Kunstwerke uns erhoeht.--Allein da unser hoechster
Genuss des Schoenen dennoch sein Werden auf unsrer eignen Kraft
unmoeglich mit in sich fassen kann, so bleibt der einzige hoechste Genuss
desselben immer dem schaffenden Genie, das es hervorbringt, selber,
und das Schoene hat daher seinen hoechsten Zweck in seiner Entstehung,
in seinem Werden schon erreicht; unser Nachgenuss desselben ist nur
eine Folge seines Daseins--und das bildende Genie ist daher im grossen
Plane der Natur zuerst um sein selbst, und dann erst um unsertwillen
da; weil es nun einmal ausser ihm noch Wesen gibt, die selbst nicht
schaffen und bilden, aber doch das Gebildete, wenn es einmal
hervorgebracht ist, mit ihrer Einbildungskraft umfassen koennen.
Die Natur des Schoenen besteht ja eben darin, dass sein innres Wesen
ausser den Grenzen der Denkkraft, in seiner Entstehung, in seinem
eignen Werden liegt. Eben darum, weil die Denkkraft beim Schoenen
nicht mehr fragen kann, warum es schoen sei, ist es schoen.--Denn es
mangelt ja der Denkkraft voellig an einem Vergleichungspunkte, wornach
sie das Schoene beurteilen und betrachten koennte. Was gibt es noch fuer
einen Vergleichungspunkt fuer das echte Schoene, als mit dem Inbegriff
aller harmonischen Verhaeltnisse des grossen Ganzen der Natur, die keine
Denkkraft umfassen kann? Alles einzelne, hin und her in der Natur
zerstreute Schoene ist ja nur insofern schoen, als sich dieser Inbegriff
aller Verhaeltnisse jenes grossen Ganzen mehr oder weniger darin
offenbart. Es kann also nie zum Vergleichungspunkte fuer das Schoene
der bildenden Kuenste, ebensowenig als der wahren Nachahmung des
Schoenen zum Vorbilde dienen; weil das hoechste Schoene im Einzelnen der
Natur immer noch nicht schoen genug fuer die stolze Nachahmung der
grossen und majestaetischen Verhaeltnisse des allumfassenden Ganzen der
Natur ist. Das Schoene kann daher nicht erkannt, es muss
hervorgebracht--oder empfunden werden.
Denn weil in gaenzlicher Ermangelung eines Vergleichungspunktes einmal
das Schoene kein Gegenstand der Denkkraft ist, so wuerden wir, insofern
wir es nicht selbst hervorbringen koennen, auch seines Genusses ganz
entbehren muessen, indem wir uns nie an etwas halten koennten, dem das
Schoene naeher kaeme als das Minderschoene--wenn nicht etwas die Stelle
der hervorbringenden Kraft in uns ersetzte, das ihr so nahe wie
moeglich koemmt, ohne doch sie selbst zu sein:--dies ist nun, was wir
Geschmack oder Empfindungsfaehigkeit fuer das Schoene nennen, die, wenn
sie in ihren Grenzen bleibt, den Mangel des hoehern Genusses bei der
Hervorbringung des Schoenen durch die ungestoerte Ruhe der stillen
Betrachtung ersetzen kann.
Wenn naemlich das Organ nicht fein genug gewebt ist, um dem
einstroemenden Ganzen der Natur so viele Beruehrungspunkte darzubieten,
als noetig sind, um alle ihre grossen Verhaeltnisse vollstaendig im
kleinen abzuspiegeln, und uns noch ein Punkt zum voelligen Schluss des
Zirkels fehlt, so koennen wir statt der Bildungskraft nur
Empfindungsfaehigkeit fuer das Schoene haben: jeder Versuch, es ausser uns
wieder darzustellen, wuerde uns misslingen und uns desto unzufriedner
mit uns selber machen, je naeher unser Empfindungsvermoegen fuer das
Schoene an das uns mangelnde Bildungsvermoegen grenzt.
Weil naemlich das Wesen des Schoenen eben in seiner Vollendung in sich
selbst besteht, so schadet ihm der letzte fehlende Punkt so viel als
tausend, denn er verrueckt alle uebrigen Punkte aus der Stelle, in
welche sie gehoeren.--Und ist dieser Vollendungspunkt einmal verfehlt,
so verlohnt ein Werk der Kunst nicht der Muehe des Anfangs und der Zeit
seines Werdens; es faellt unter das Schlechte bis zum Unnuetzen herab,
und sein Dasein muss notwendig durch die Vergessenheit, worin es sinkt,
sich wieder aufheben.
Ebenso schadet auch dem in das feinere Gewebe der Organisation
gepflanzten Bildungsvermoegen der letzte zu seiner Vollstaendigkeit
fehlende Punkt so viel als tausend. Der hoechste Wert, den es als
Empfindungsvermoegen haben koennte, koemmt bei ihm als Bildungskraft
ebensowenig wie der geringste in Betrachtung. Auf dem Punkte, wo das
Empfindungsvermoegen seine Grenzen ueberschreitet, muss es notwendig
unter sich selber sinken, sich aufheben und vernichten.
Je vollkommener das Empfindungsvermoegen fuer eine gewisse Gattung des
Schoenen ist, um desto mehr ist es in Gefahr, sich zu taeuschen, sich
selbst fuer Bildungskraft zu nehmen und auf die Weise durch tausend
misslungene Versuche seinen Frieden mit sich selbst zu stoeren.
Es blickt z. B. beim Genuss des Schoenen in irgendeinem Werke der Kunst
zugleich durch das Werden desselben in die bildende Kraft, die es
schuf, hindurch; und ahndet dunkel den hoehern Grad des Genusses eben
dieses Schoenen im Gefuehl dieser Kraft, die maechtig genug war, es aus
sich selbst hervorzubringen.
Um sich nun diesen hoehern Grad des Genusses, welchen sie an einem
Werke, das einmal schon da ist, unmoeglich haben kann, auch zu
verschaffen, strebt die einmal zu lebhaft geruehrte Empfindung
vergebens, etwas aehnliches aus sich selbst hervorzubringen, hasst ihr
eignes Werk, verwirft es und verleidet sich zugleich den Genuss alle
des Schoenen, das ausser ihr schon da ist, und woran sie nun eben
deswegen, weil es ohne ihr Zutun da ist, keine Freude findet.
Ihr einziger Wunsch und Streben ist, des ihr versagten hoehern Genusses,
den sie nur dunkel ahndet, teilhaftig zu werden: in einem schoenen
Werke, das ihr sein Dasein dankt, mit dem Bewusstsein von eigner
Bildungskraft sich selbst zu spiegeln.-Allein sie wird ihres Wunsches
ewig nicht gewaehrt, weil Eigennutz ihn erzeugte und das Schoene sich
nur um sein selbst willen von der Hand des Kuenstlers greifen und
willig und folgsam von ihm sich bilden laesst.
Wo sich nun in den schaffenwollenden Bildungstrieb sogleich die
Vorstellung vom Genuss des Schoenen mischt, den es, wenn es vollendet
ist, gewaehren soll; und wo diese Vorstellung der erste und staerkste
Antrieb unsrer Tatkraft wird, die sich zu dem, was sie beginnt, nicht
in und durch sich selbst gedrungen fuehlt, da ist der Bildungstrieb
gewiss nicht rein: der Brennpunkt oder Vollendungspunkt des Schoenen
faellt in die Wirkung ueber das Werk hinaus; die Strahlen gehen
auseinander; das Werk kann sich nicht in sich selber ruenden.
Dem hoechsten Genuss des aus sich selbst hervorgebrachten Schoenen sich
so nah zu duenken und doch darauf Verzicht zu tun, scheint freilich ein
harter Kampf--der dennoch aeusserst leicht wird, wenn wir aus diesem
Bildungstriebe, den wir uns einmal zu besitzen schmeicheln, um doch
sein Wesen zu veredeln, jede Spur des Eigennutzes, die wir noch finden,
tilgen und jede Vorstellung des Genusses, den uns das Schoene, das wir
hervorbringen wollen, wenn es nun da sein wird, durch das Gefuehl
unsrer eignen Kraft gewaehren soll, soviel wie moeglich zu verbannen
suchen, so dass, wenn wir auch mit dem letzten Atemzuge es erst
vollenden koennten, es dennoch zu vollenden strebten.-Behaelt alsdann
das Schoene, das wir ahnden, bloss an und fuer sich selbst, in seiner
Hervorbringung, noch Reiz genug, unsre Tatkraft zu bewegen, so duerfen
wir getrost unserm Bildungstriebe folgen, weil er echt und rein ist.
-Verliert sich aber mit der gaenzlichen Hinwegdenkung des Genusses und
der Wirkung auch der Reiz, so bedarf es ja keines Kampfes weiter, der
Frieden in uns ist hergestellt, und das nun wieder in seine Rechte
getretene Empfindungsvermoegen eroeffnet sich zum Lohne fuer sein
bescheidnes Zuruecktreten in seine Grenzen dem reinsten Genuss des
Schoenen, der mit der Natur seines Wesens bestehen kann.
Freilich kann nun der Punkt, wo Bildungs--und Empfindungskraft sich
scheidet, so aeusserst leicht verfehlt und ueberschritten werden, dass es
gar nicht zu verwundern ist, wenn immer tausend falsche, angemasste
Abdruecke des hoechsten Schoenen gegen einen echten durch den falschen
Bildungstrieb in den Werken der Kunst entstehen.
Denn da die echte Bildungskraft sogleich bei der ersten Entstehung
ihres Werks auch schon den ersten, hoechsten Genuss desselben als ihren
sichern Lohn in sich selber traegt und sich nur dadurch von dem
falschen Bildungstriebe unterscheidet, dass sie den allerersten Moment
ihres Anstosses durch sich selber und nicht durch die Ahndung des
Genusses von ihrem Werke erhaelt; und weil in diesem Moment der
Leidenschaft die Denkkraft selbst kein richtiges Urteil faellen kann,
so ist es fast unmoeglich, ohne eine Anzahl misslungner Versuche dieser
Selbsttaeuschung zu entkommen.
Und selbst auch diese misslungnen Versuche sind noch nicht immer ein
Beweis von Mangel an Bildungskraft, weil diese selbst da, wo sie echt
ist, oft eine ganz falsche Richtung nimmt, indem sie vor ihre
Einbildungskraft stellen will, was vor ihr Auge, oder vor ihr Auge,
was vor ihr Ohr gehoert.
Eben weil die Natur die inwohnende Bildungskraft nicht immer zur
voelligen Reife und Entwicklung kommen oder sie einen falschen Weg
einschlagen laesst, auf dem sie sich nie entwickeln kann, so bleibt das
echte Schoene selten.
Und weil sie auch aus dem angemassten Bildungstriebe das Gemeine und
Schlechte ungehindert entstehen laesst, so unterscheidet sich eben
dadurch das echte Schoene und Edle durch seinen seltenen Wert vom
Schlechten und Gemeinen.
In dem Empfindungsvermoegen bleibt also stets die Luecke, welche nur
durch das Resultat der Bildungskraft sich ausfuellt.--Bildungskraft und
Empfindungsfaehigkeit verhalten sich zueinander wie Mann und Weib.
Denn auch die Bildungskraft ist bei der ersten Entstehung ihres Werks
im Moment des hoechsten Genusses zugleich Empfindungsfaehigkeit und
erzeugt wie die Natur den Abdruck ihres Wesens aus sich selber.
Empfindungsvermoegen sowohl als Bildungskraft sind also in dem feinern
Gewebe der Organisation gegruendet, insofern dieselbe in allen ihren
Beruehrungspunkten von den Verhaeltnissen des grossen Ganzen der Natur
ein vollstaendiger oder doch fast vollstaendiger Abdruck ist.
Empfindungskraft sowohl als Bildungskraft umfassen mehr als Denkkraft,
und die taetige Kraft, worin sich beide gruenden, fasst zugleich auch
alles, was die Denkkraft fasst, weil sie von allen Begriffen, die wir
je haben koennen, die ersten Anlaesse, stets sie aus sich herausspinnend,
in sich traegt.
Insofern nun diese taetige Kraft alles, was nicht unter das Gebiet der
Denkkraft faellt, hervorbringend in sich fasst, heisset sie Bildungskraft:
und insofern sie das, was ausser den Grenzen der Denkkraft liegt, der
Hervorbringung sich entgegenneigend, in sich begreift, heisst sie
Empfindungskraft.
Bildungskraft kann nicht ohne Empfindung und taetige Kraft, die bloss
taetige Kraft hingegen kann ohne eigentliche Empfindungs--und
Bildungskraft, wovon sie nur die Grundlage ist, fuer sich allein
stattfinden.
Insofern nun diese bloss taetige Kraft ebenfalls in dem feinern Gewebe
der Organisation sich gruendet, darf das Organ nur ueberhaupt in allen
seinen Beruehrungspunkten ein Abdruck der Verhaeltnisse des grossen
Ganzen sein, ohne dass eben der Grad der Vollstaendigkeit erfordert
wuerde, welche die Empfindungs--und Bildungskraft voraussetzt.
Von den Verhaeltnissen des grossen Ganzen, das uns umgibt, treffen
naemlich immer so viele in allen Beruehrungspunkten unsres Organs
zusammen, dass wir dies grosse Ganze dunkel in uns fuehlen, ohne es doch
selbst zu sein. Die in unser Wesen hineingesponnenen Verhaeltnisse
jenes Ganzen streben, sich nach allen Seiten wieder auszudehnen; das
Organ wuenscht sich nach allen Seiten bis ins Unendliche fortzusetzen.
Es will das umgebende Ganze nicht nur in sich spiegeln, sondern,
soweit es kann, selbst dies umgebende Ganze sein.
Daher ergreift jede hoehere Organisation ihrer Natur nach die ihr
untergeordnete und traegt sie in ihr Wesen ueber. Die Pflanze den
unorganisierten Stoff durch blosses Werden und Wachsen; das Tier die
Pflanzen durch Werden, Wachsen und Genuss; der Mensch verwandelt nicht
nur Tier und Pflanze durch Werden, Wachsen und Genuss in sein innres
Wesen, sondern fasst zugleich alles, was seiner Organisation sich
unterordnet, durch die unter allen am hellsten geschliffne, spiegelnde
Oberflaeche seines Wesens, in den Umfang seines Daseins auf und stellt
es, wenn sein Organ sich bildend in sich selbst vollendet, verschoenert
ausser sich wieder dar.
Wo nicht, so muss er das, was um ihn her ist, durch Zerstoerung in den
Umfang seines wirklichen Daseins ziehn und verheerend um sich greifen,
so weit er kann, da einmal die reine unschuldige Beschauung seinen
Durst nach ausgedehntem wirklichem Dasein nicht ersetzen kann."
April
Korrespondenz
Rom, den 10. April.
Noch bin ich in Rom mit dem Leibe, nicht mit der Seele. Sobald der
Entschluss fest war, abzugehen, hatte ich auch kein Interesse mehr, und
ich waere lieber schon vierzehn Tage fort. Eigentlich bleibe ich noch
um Kaysers willen und um Burys willen. Ersterer muss noch einige
Studien absolvieren, die er nur hier in Rom machen kann, noch einige
Musikalien sammeln; der andere muss noch die Zeichnung zu einem Gemaelde
nach meiner Erfindung ins reine bringen, dabei er meines Rats bedarf.
Doch hab' ich den 21. oder 22. April zur Abreise festgesetzt.
Rom den 11. April.
Die Tage vergehn, und ich kann nichts mehr tun. Kaum mag ich noch
etwas sehen; mein ehrlicher Meyer steht mir noch bei, und ich geniesse
noch zuletzt seines unterrichtenden Umgangs. Haette ich Kaysern nicht
bei mir, so haette ich jenen mitgebracht. Wenn wir ihn nur ein Jahr
gehabt haetten, so waeren wir weit genug gekommen. Besonders haette er
bald ueber alle Skrupel im Koepfezeichnen hinausgeholfen.
Ich war mit meinem guten Meyer diesen Morgen in der franzoesischen
Akademie, wo die Abguesse der besten Statuen des Altertums
beisammenstehn. Wie koennt' ich ausdruecken, was ich hier wie zum
Abschied empfand? In solcher Gegenwart wird man mehr, als man ist;
man fuehlt, das Wuerdigste, womit man sich beschaeftigen sollte, sei die
menschliche Gestalt, die man hier in aller mannigfaltigen Herrlichkeit
gewahr wird. Doch wer fuehlt bei einem solchen Anblick nicht alsobald,
wie unzulaenglich er sei; selbst vorbereitet steht man wie vernichtet.
Hatte ich doch Proportion, Anatomie, Regelmaessigkeit der Bewegung mir
einigermassen zu verdeutlichen gesucht, hier aber fiel mir nur zu sehr
auf, dass die Form zuletzt alles einschliesse, der Glieder
Zweckmaessigkeit, Verhaeltnis, Charakter und Schoenheit.
Rom, den 14. April.
Die Verwirrung kann wohl nicht groesser werden! Indem ich nicht abliess,
an jenem Fuss fortzumodellieren, ging mir auf, dass ich nunmehr "Tasso"
unmittelbar angreifen muesste, zu dem sich denn auch meine Gedanken
hinwendeten, ein willkommener Gefaehrte zur bevorstehenden Reise.
Dazwischen wird eingepackt, und man sieht in solchem Augenblicke erst,
was man alles um sich versammelt und zusammengeschleppt hat.
Bericht
April
Meine Korrespondenz der letzten Wochen bietet wenig Bedeutendes; meine
Lage war zu verwickelt zwischen Kunst und Freundschaft, zwischen
Besitz und Bestreben, zwischen einer gewohnten Gegenwart und einer
wieder neu anzugewoehnenden Zukunft. In diesen Zustaenden konnten meine
Briefe wenig enthalten; die Freude, meine alten geprueften Freunde
wiederzusehen, war nur maessig ausgesprochen, der Schmerz des Losloesens
dagegen kaum verheimlicht. Ich fasse daher in gegenwaertigen
nachtraeglichen Bericht manches zusammen und nehme nur das auf, was aus
jener Zeit mir teils durch andere Papiere und Denkmale bewahrt, teils
in der Erinnerung wieder hervorzurufen ist.
Tischbein verweilte noch immer in Neapel, ob er schon seine
Zurueckkunft im Fruehling wiederholt angekuendigt hatte. Es war sonst
mit ihm gut leben, nur ein gewisser Tik ward auf die Laenge
beschwerlich. Er liess naemlich alles, was er zu tun vorhatte, in einer
Art Unbestimmtheit, wodurch er oft ohne eigentlich boesen Willen andere
zu Schaden und Unlust brachte. So erging es mir nun auch in diesem
Falle; ich musste, wenn er zurueckkehrte, um uns alle bequem logiert zu
sehen, das Quartier veraendern, und da die obere Etage unsers Hauses
eben leer ward, saeumte ich nicht, sie zu mieten und sie zu beziehen,
damit er bei seiner Ankunft in der untern alles bereit faende.
Die oberen Raeume waren den unteren gleich, die hintere Seite jedoch
hatte den Vorteil einer allerliebsten Aussicht ueber den Hausgarten und
die Gaerten der Nachbarschaft, welche, da unser Haus ein Eckhaus war,
sich nach allen Seiten ausdehnte.
Hier sah man nun die verschiedensten Gaerten, regelmaessig durch Mauern
getrennt, in unendlicher Mannigfaltigkeit gehalten und bepflanzt;
dieses gruenende und bluehende Paradies zu verherrlichen, trat ueberall
die einfach edle Baukunst hervor: Gartensaele, Balkone, Terrassen, auch
auf den hoehern Hinterhaeuschen eine offne Loge, dazwischen alle
Baum--und Pflanzenarten der Gegend.
In unserm Hausgarten versorgte ein alter Weltgeistlicher eine Anzahl
wohlgehaltener Zitronenbaeume von maessiger Hoehe in verzierten Vasen von
gebrannter Erde, welche im Sommer der freien Luft genossen, im Winter
jedoch im Gartensaale verwahrt standen. Nach vollkommen gepruefter
Reife wurden die Fruechte sorgfaeltig abgenommen, jede einzeln in
weiches Papier gewickelt, so zusammengepackt und versendet. Sie sind
wegen besonderer Vorzuege im Handel beliebt. Eine solche Orangerie
wird als ein kleines Kapital in buergerlichen Familien betrachtet,
wovon man alle Jahre die gewissen Interessen zieht.
Dieselbigen Fenster, aus welchen man so viel Anmut beim klarsten
Himmel ungestoert betrachtete, gaben auch ein vortreffliches Licht zu
Beschauung malerischer Kunstwerke. Soeben hatte Kniep verschiedene
Aquarellzeichnungen, ausgefuehrt nach Umrissen, die er auf unsrer Reise
durch Sizilien sorgfaeltig zog, verabredetermassen eingesendet, die
nunmehr bei dem guenstigsten Licht allen Teilnehmenden zu Freude und
Bewunderung gereichten. Klarheit und luftige Haltung ist vielleicht
in dieser Art keinem besser gelungen als ihm, der sich mit Neigung
gerade hierauf geworfen hatte. Die Ansicht dieser Blaetter bezauberte
wirklich, denn man glaubte, die Feuchte des Meers, die blauen Schatten
der Felsen, die gelbroetlichen Toene der Gebirge, das Verschweben der
Ferne in dem glanzreichsten Himmel wieder zu sehen, wieder zu
empfinden. Aber nicht allein diese Blaetter erschienen in solchem
Grade guenstig, jedes Gemaelde, auf dieselbe Staffelei, an denselben Ort
gestellt, erschien wirksamer und auffallender; ich erinnere mich, dass
einigemal, als ich ins Zimmer trat, mir ein solches Bild wie
zauberisch entgegenwirkte.
Das Geheimnis einer guenstigen oder unguenstigen, direkten oder
indirekten atmosphaerischen Beleuchtung war damals noch nicht entdeckt,
sie selbst aber durchaus gefuehlt, angestaunt und als nur zufaellig und
unerklaerbar betrachtet.
Diese neue Wohnung gab nun Gelegenheit, eine Anzahl von Gipsabguessen,
die sich nach und nach um uns gesammelt hatten, in freundlicher
Ordnung und gutem Lichte aufzustellen, und man genoss jetzt erst eines
hoechst wuerdigen Besitzes. Wenn man, wie in Rom der Fall ist, sich
immerfort in Gegenwart plastischer Kunstwerke der Alten befindet, so
fuehlt man sich wie in Gegenwart der Natur vor einem Unendlichen,
Unerforschlichen. Der Eindruck des Erhabenen, des Schoenen, so
wohltaetig er auch sein mag, beunruhigt uns, wir wuenschen unsre Gefuehle,
unsre Anschauung in Worte zu fassen: dazu muessten wir aber erst
erkennen, einsehen, begreifen; wir fangen an zu sondern, zu
unterscheiden, zu ordnen, und auch dieses finden wir, wo nicht
unmoeglich, doch hoechst schwierig, und so kehren wir endlich zu einer
schauenden und geniessenden Bewunderung zurueck.
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