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Italienische Reise Teil 2

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ueberhaupt aber ist dies die entschiedenste Wirkung aller Kunstwerke,
dass sie uns in den Zustand der Zeit und der Individuen versetzen, die
sie hervorbrachten. Umgeben von antiken Statuen, empfindet man sich
in einem bewegten Naturleben, man wird die Mannigfaltigkeit der
Menschengestaltung gewahr und durchaus auf den Menschen in seinem
reinsten Zustande zurueckgefuehrt, wodurch denn der Beschauer selbst
lebendig und rein menschlich wird. Selbst die Bekleidung, der Natur
angemessen, die Gestalt gewissermassen noch hervorhebend, tut im
allgemeinen Sinne wohl. Kann man dergleichen Umgebung in Rom
tagtaeglich geniessen, so wird man zugleich habsuechtig darnach; man
verlangt, solche Gebilde neben sich aufzustellen, und gute Gipsabguesse
als die eigentlichsten Faksimiles geben hiezu die beste Gelegenheit.
Wenn man des Morgens die Augen aufschlaegt, fuehlt man sich von dem
Vortrefflichsten geruehrt; alles unser Denken und Sinnen ist von
solchen Gestalten begleitet, und es wird dadurch unmoeglich, in
Barbarei zurueckzufallen.

Den ersten Platz bei uns behauptete Juno Ludovisi, um desto hoeher
geschaetzt und verehrt, als man das Original nur selten, nur zufaellig
zu sehen bekam und man es fuer ein Glueck achten musste, sie immerwaehrend
vor Augen zu haben; denn keiner unsrer Zeitgenossen, der zum erstenmal
vor sie hintritt, darf behaupten, diesem Anblick gewachsen zu sein.

Noch einige kleinere Junonen standen zur Vergleichung neben ihr,
vorzueglich Buesten Jupiters und, um anderes zu uebergehen, ein guter
alter Abguss der Medusa Rondanini; ein wundersames Werk, das, den
Zwiespalt zwischen Tod und Leben, zwischen Schmerz und Wollust
ausdrueckend, einen unnennbaren Reiz wie irgendein anderes Problem ueber
uns ausuebt.

Doch erwaehn' ich noch eines Herkules Anax, so kraeftig und gross, als
verstaendig und mild; sodann eines allerliebsten Merkur, deren beider
Originale sich jetzt in England befinden.

Halberhobene Arbeiten, Abguesse von manchen schoenen Werken gebrannter
Erde, auch die aegyptischen, von dem Gipfel des grossen Obelisk genommen,
und was nicht sonst an Fragmenten, worunter einige marmorne waren,
standen wohl eingereiht umher.

Ich spreche von diesen Schaetzen, welche nur wenige Wochen in die neue
Wohnung gereiht standen, wie einer, der sein Testament ueberdenkt, den
ihn umgebenden Besitz mit Fassung, aber doch geruehrt ansehen wird.
Die Umstaendlichkeit, die Bemuehung und Kosten und eine gewisse
Unbehuelflichkeit in solchen Dingen hielten mich ab, das Vorzueglichste
sogleich nach Deutschland zu bestimmen. Juno Ludovisi war der edlen
Angelika zugedacht, weniges andere den naechsten Kuenstlern, manches
gehoerte noch zu den Tischbeinischen Besitzungen, anderes sollte
unangetastet bleiben und von Bury, der das Quartier nach mir bezog,
nach seiner Weise benutzt werden.

Indem ich dieses niederschreibe, werden meine Gedanken in die fruehsten
Zeiten hingefuehrt und die Gelegenheiten hervorgerufen, die mich
anfaenglich mit solchen Gegenstaenden bekannt machten, meinen Anteil
erregten, bei einem voellig ungenuegenden Denken einen ueberschwenglichen
Enthusiasmus hervorriefen und die grenzenlose Sehnsucht nach Italien
zur Folge hatten.

In meiner fruehsten Jugend ward ich nichts Plastisches in meiner
Vaterstadt gewahr; in Leipzig machte zuerst der gleichsam tanzend
auftretende, die Zimbeln schlagende Faun einen tiefen Eindruck, so dass
ich mir den Abguss noch jetzt in seiner Individualitaet und Umgebung
denken kann. Nach einer langen Pause ward ich auf einmal in das volle
Meer gestuerzt, als ich mich von der Mannheimer Sammlung in dem von
oben wohlbeleuchteten Saale ploetzlich umgeben sah.

Nachher fanden sich Gipsgiesser in Frankfurt ein, sie hatten sich mit
manchen Originalabguessen ueber die Alpen begeben, welche sie sodann
abformten und die Originale fuer einen leidlichen Preis abliessen. So
erhielt ich einen ziemlich guten Laokoons-Kopf, Niobes Toechter, ein
Koepfchen, spaeter fuer eine Sappho angesprochen, und noch sonst einiges.
Diese edlen Gestalten waren eine Art von heimlichem Gegengift, wenn
das Schwache, Falsche, Manierierte ueber mich zu gewinnen drohte.
Eigentlich aber empfand ich immer innerliche Schmerzen eines
unbefriedigten, sich aufs Unbekannte beziehenden, oft gedaempften und
immer wieder auflebenden Verlangens. Gross war der Schmerz daher, als
ich, aus Rom scheidend, von dem Besitz des endlich Erlangten,
sehnlichst Gehofften mich lostrennen sollte.



Die Gesetzlichkeit der Pflanzenorganisation, die ich in Sizilien
gewahr worden, beschaeftigte mich zwischen allem durch, wie es
Neigungen zu tun pflegen, die sich unsres Innern bemaechtigen und sich
zugleich unsern Faehigkeiten angemessen erzeigen. Ich besuchte den
botanischen Garten, welcher, wenn man will, in seinem veralteten
Zustande geringen Reiz ausuebte, auf mich aber doch, dem vieles, was er
dort vorfand, neu und unerwartet schien, einen guenstigen Einfluss hatte.
Ich nahm daher Gelegenheit, manche seltenere Pflanzen um mich zu
versammeln und meine Betrachtungen darueber fortzusetzen, sowie die von
mir aus Samen und Kernen erzogenen fernerhin pflegend zu beobachten.

In diese letzten besonders wollten bei meiner Abreise mehrere Freunde
sich teilen. Ich pflanzte den schon einigermassen erwachsenen
Piniensproessling, Vorbildchen eines kuenftigen Baumes, bei Angelika in
den Hausgarten, wo er durch manche Jahre zu einer ansehnlichen Hoehe
gedieh, wovon mir teilnehmende Reisende zu wechselseitigem Vergnuegen,
wie auch von meinem Andenken an jenem Platze, gar manches zu erzaehlen
wussten. Leider fand der nach dem Ableben jener unschaetzbaren Freundin
eintretende neue Besitzer es unpassend, auf seinen Blumenbeeten ganz
unoertlich Pinien hervorwachsen zu sehen. Spaeterhin fanden
wohlwollende, darnach forschende Reisende die Stelle leer und hier
wenigstens die Spur eines anmutigen Daseins ausgeloescht.

Gluecklicher waren einige Dattelpflanzen, die ich aus Kernen gezogen
hatte. Wie ich denn ueberhaupt die merkwuerdige Entwicklung derselben
durch Aufopferung mehrerer Exemplare von Zeit zu Zeit beobachtete; die
ueberbliebenen, frisch aufgeschossenen uebergab ich einem roemischen
Freunde, der sie in einen Garten der Sixtinischen Strasse pflanzte, wo
sie noch am Leben sind, und zwar bis zur Manneshoehe herangewachsen,
wie ein erhabener Reisende mir zu versichern die Gnade hatte. Moegen
sie den Besitzern nicht unbequem werden und fernerhin zu meinem
Andenken gruenen, wachsen und gedeihen!



Auf dem Verzeichnisse, was vor der Abreise von Rom allenfalls
nachzuholen sein moechte, fanden sich zuletzt sehr disparate
Gegenstaende, die Cloaca Massima und die Katakomben bei St. Sebastian.
Die erste erhoehte wohl noch den kolossalen Begriff, wozu uns Piranesi
vorbereitet hatte; der Besuch des zweiten Lokals geriet jedoch nicht
zum besten, denn die ersten Schritte in diese dumpfigen Raeume erregten
mir alsobald ein solches Missbehagen, dass ich sogleich wieder ans
Tageslicht hervorstieg und dort im Freien in einer ohnehin unbekannten,
fernen Gegend der Stadt die Rueckkunft der uebrigen Gesellschaft
abwartete, welche, gefasster als ich, die dortigen Zustaende getrost
beschauen mochte.

In dem grossen Werke "Roma sotterranea, di Antonio Bosio Romano"
belehrt' ich mich lange Zeit nachher umstaendlich von allem dem, was
ich dort gesehen oder auch wohl nicht gesehen haette, und glaubte mich
dadurch hinlaenglich entschaedigt.

Eine andere Wallfahrt wurde dagegen mit mehr Nutzen und Folge
unternommen: es war zu der Akademie S. Luca, dem Schaedel Raffaels
unsre Verehrung zu bezeigen, welcher dort als ein Heiligtum aufbewahrt
wird, seitdem er aus dem Grabe dieses ausserordentlichen Mannes, das
man bei einer baulichen Angelegenheit eroeffnet hatte, daselbst
entfernt und hierher gebracht worden.

Ein wahrhaft wundersamer Anblick! Eine so schoen als nur denkbar
zusammengefasste und abgerundete Schale, ohne eine Spur von jenen
Erhoehungen, Beulen und Buckeln, welche, spaeter an andern Schaedeln
bemerkt, in der Gallischen Lehre zu so mannigfaltiger Bedeutung
geworden sind. Ich konnte mich von dem Anblick nicht losreissen und
bemerkte beim Weggehen, wie bedeutend es fuer Natur--und Kunstfreunde
sein muesste, einen Abguss davon zu haben, wenn es irgend moeglich waere.
Hofrat Reiffenstein, dieser einflussreiche Freund, gab mir Hoffnung und
erfuellte sie nach einiger Zeit, indem er mir wirklich einen solchen
Abguss nach Deutschland sendete, dessen Anblick mich noch oft zu den
mannigfaltigsten Betrachtungen aufruft.

Das liebenswuerdige Bild von des Kuenstlers Hand, St. Lucas, dem die
Mutter Gottes erscheint, damit er sie in ihrer vollen goettlichen
Hoheit und Anmut wahr und natuerlich darstellen moege, gewaehrte den
heitersten Anblick. Raffael selbst, noch jung, steht in einiger
Entfernung und sieht dem Evangelisten bei der Arbeit zu. Anmutiger
kann man wohl nicht einen Beruf, zu dem man sich entschieden
hingezogen fuehlt, ausdruecken und bekennen.

Peter von Cortona war ehmals der Besitzer dieses Werks und hat solches
der Akademie vermacht. Es ist freilich an manchen Stellen beschaedigt
und restauriert, aber doch immer ein Gemaelde von bedeutendem Wert.



In diesen Tagen jedoch ward ich durch eine ganz eigene Versuchung
geprueft, die meine Reise zu verhindern und mich in Rom aufs neue zu
fesseln drohte. Es kam naemlich von Neapel Herr Antonio Rega, Kuenstler
und ebenfalls Kunsthaendler, zu Freund Meyer, ihm vertraulich
ankuendigend, er sei mit einem Schiffe hier angekommen, welches draussen
an Ripa grande liege, wohin er ihn mitzugehen hiedurch einlade, denn
er habe auf demselben eine bedeutende antike Statue, jene Taenzerin
oder Muse, welche in Neapel im Hofe des Palasts Caraffa Colombrano
nebst andern in einer Nische seit undenklichen Jahren gestanden und
durchaus fuer ein gutes Werk gehalten worden sei. Er wuensche diese zu
verkaufen, aber in der Stille, und frage deshalb an, ob nicht etwa
Herr Meyer selbst oder einer seiner vertrauten Freunde sich zu diesem
Handel entschliessen koennte. Er biete das edle Kunstwerk zu einem auf
alle Faelle hoechst maessigen Preise von dreihundert Zechinen, welche
Forderung sich ohne Frage erhoehen moechte, wenn man nicht in Betracht
der Verkaeufer und des Kaeufers mit Vorsicht zu verfahren Ursache haette.

Mir ward die Sache sogleich mitgeteilt, und wir eilten selbdritte zu
dem von unsrer Wohnung ziemlich entfernten Landungsplatz. Rega hub
sogleich ein Brett von der Kiste, die auf dem Verdeck stand, und wir
sahen ein allerliebstes Koepfchen, das noch nie vom Rumpfe getrennt
gewesen, unter freien Haarlocken hervorblickend, und nach und nach
aufgedeckt eine lieblich bewegte Gestalt, im anstaendigsten Gewande,
uebrigens wenig versehrt und die eine Hand vollkommen gut erhalten.

Sogleich erinnerten wir uns recht gut, sie an Ort und Stelle gesehen
zu haben, ohne zu ahnen, dass sie uns je so nah kommen koennte.

Hier nun fiel uns ein, und wem haette es nicht einfallen sollen:
"Gewiss", sagten wir, "wenn man ein ganzes Jahr mit bedeutenden Kosten
gegraben haette und zuletzt auf einen solchen Schatz gestossen waere, man
haette sich hoechst gluecklich gefunden." Wir konnten uns kaum von der
Betrachtung losreissen, denn ein so reines, wohlerhaltenes Altertum in
einem leicht zu restaurierenden Zustande kam uns wohl niemals zu
Gesicht. Doch schieden wir zuletzt mit Vorsatz und Zusage, baldigste
Antwort vernehmen zu lassen.






Wir waren beiderseits in einem wahrhaften Kampf begriffen, es schien
uns in mancher Betrachtung unraetlich, diesen Ankauf zu machen; wir
entschlossen uns daher, den Fall der guten Frau Angelika zu melden,
als wohl vermoegend zum Ankauf und durch ihre Verbindung zu
Restauration und sonstigen Vorkommenheiten hinlaenglich geeignet.
Meyer uebernahm die Meldung, wie frueher die wegen des Bildes von Daniel
von Volterra, und wir hofften deshalb das beste Gelingen. Allein die
umsichtige Frau, mehr aber noch der oekonomische Gemahl lehnten das
Geschaeft ab, indem sie wohl auf Malereien bedeutende Summen
verwendeten, sich aber auf Statuen einzulassen keineswegs den
Entschluss fassen koennten.

Nach dieser ablehnenden Antwort wurden wir nun wieder zu neuer
ueberlegung aufgeregt; die Gunst des Glueckes schien ganz eigen; Meyer
betrachtete den Schatz noch einmal und ueberzeugte sich, dass das
Bildwerk nach seinen Gesamtzeichen wohl als griechische Arbeit
anzuerkennen sei, und zwar geraume Zeit vor Augustus hinauf,
vielleicht bis an Hiero II. geordnet werden koennte.

Den Kredit hatte ich wohl, dieses bedeutende Kunstwerk anzuschaffen,
Rega schien sogar auf Stueckzahlung eingehen zu wollen, und es war ein
Augenblick, wo wir uns schon im Besitz des Bildnisses und solches in
unserm grossen Saal wohlbeleuchtet aufgestellt zu sehen glaubten.

Wie aber denn doch zwischen einer leidenschaftlichen Liebesneigung und
einem abzuschliessenden Heiratskontrakt noch manche Gedanken sich
einzudringen pflegen, so war es auch hier, und wir durften ohne Rat
und Zustimmung unsrer edlen Kunstverwandten, des Herrn Zucchi und
seiner wohlmeinenden Gattin, eine solche Verbindung nicht unternehmen,
denn eine Verbindung war es im ideell-pygmalionischen Sinne, und ich
leugne nicht, dass der Gedanke, dieses Wesen zu besitzen, bei mir tiefe
Wurzel gefasst hatte. Ja, als ein Beweis, wie sehr ich mir hierin
schmeichelte, mag das Bekenntnis gelten, dass ich dieses Ereignis als
einen Wink hoeherer Daemonen ansah, die mich in Rom festzuhalten und
alle Gruende, die mich zum Entschluss der Abreise vermocht, auf das
taetigste niederzuschlagen gedaechten.

Gluecklicherweise waren wir schon in den Jahren, wo die Vernunft dem
Verstand in solchen Faellen zu Huelfe zu kommen pflegt, und so musste
denn Kunstneigung, Besitzeslust und was ihnen sonst beistand,
Dialektik und Aberglaube, vor den guten Gesinnungen weichen, welche
die edle Freundin Angelika mit Sinn und Wohlwollen an uns zu wenden
die Geneigtheit hatte. Bei ihren Vorstellungen traten daher aufs
klarste die saemtlichen Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten an den Tag,
die sich einem solchen Unternehmen entgegenstellten. Ruhige, bisher
den Kunst--und Altertumstudien sich widmende Maenner griffen auf einmal
in den Kunsthandel ein und erregten die Eifersucht der zu solchem
Geschaeft herkoemmlich Berechtigten. Die Schwierigkeiten der
Restauration seien mannigfaltig, und es frage sich, inwiefern man
dabei werde billig und redlich bedient werden. Wenn ferner bei der
Absendung auch alles in moeglichster Ordnung gehe, so koennten doch
wegen der Erlaubnis der Ausfuhr eines solchen Kunstwerkes am Schluss
noch Hindernisse entstehen, und was alsdann noch wegen der ueberfahrt
und des Anlandens und Ankommens zu Hause alles noch fuer
Widerwaertigkeiten zu befuerchten seien. UEber solche Betrachtungen,
hiess es, gehe der Handelsmann hinaus, sowohl Muehe als Gefahr setze
sich in einem grossen Ganzen ins Gleichgewicht, dagegen sei ein
einzelnes Unternehmen dieser Art auf jede Weise bedenklich.

Durch solche Vorstellungen wurde denn nach und nach Begierde, Wunsch
und Vorsatz gemildert, geschwaecht, doch niemals ganz ausgeloescht,
besonders da sie endlich zu grossen Ehren gelangte; denn sie steht
gegenwaertig im Museo Pio-Clementino in einem kleinen angebauten, aber
mit dem Museum in Verbindung stehenden Kabinett, wo im Fussboden die
wunderschoenen Mosaiken von Masken und Laubgewinden eingesetzt sind.
Die uebrige Gesellschaft von Statuen in jenem Kabinett besteht 1) aus
der auf der Ferse sitzenden Venus, an deren Base der Name des Bupalus
eingegraben steht; 2) ein sehr schoener kleiner Ganymedes; 3) die
schoene Statue eines Juenglings, dem, ich weiss nicht ob mit Recht, der
Name Adonis beigelegt wird; 4) ein Faun aus Rosso Antico; 5) der ruhig
stehende Discobolus.

Visconti hat im dritten, gedachtem Museum gewidmeten Bande dieses
Denkmal beschrieben, nach seiner Weise erklaert und auf der dreissigsten
Tafel abbilden lassen; da denn jeder Kunstfreund mit uns bedauern kann,
dass es uns nicht gelungen, sie nach Deutschland zu schaffen und sie
irgendeiner vaterlaendischen grossen Sammlung hinzuzugesellen.



Man wird es natuerlich finden, dass ich bei meinen Abschiedsbesuchen
jene anmutige Mailaenderin nicht vergass. Ich hatte die Zeit her von
ihr manches Vergnuegliche gehoert: wie sie mit Angelika immer vertrauter
geworden und sich in der hoehern Gesellschaft, wohin sie dadurch
gelangt, gar gut zu benehmen wisse. Auch konnte ich die Vermutung
naehren und den Wunsch, dass ein wohlhabender junger Mann, welcher mit
Zucchis im besten Vernehmen stand, gegen ihre Anmut nicht
unempfindlich und ernstere Absichten durchzufuehren nicht abgeneigt sei.


Nun fand ich sie im reinlichen Morgenkleide, wie ich sie zuerst in
Castel Gandolfo gesehen; sie empfing mich mit offner Anmut und drueckte
mit natuerlicher Zierlichkeit den wiederholten Dank fuer meine Teilnahme
gar liebenswuerdig aus. "Ich werd' es nie vergessen", sagte sie, "dass
ich, aus Verwirrung mich wieder erholend, unter den anfragenden
geliebten und verehrten Namen auch den Eurigen nennen hoerte; ich
forschte mehrmals, ob es denn auch wahr sei. Ihr setztet Eure
Erkundigungen durch mehrere Wochen fort, bis endlich mein Bruder Euch
besuchend fuer uns beide danken konnte. Ich weiss nicht, ob er's
ausgerichtet hat, wie ich's ihm auftrug, ich waere gern mitgegangen,
wenn sich's geziemte." Sie fragte nach dem Weg, den ich nehmen wollte,
und als ich ihr meinen Reiseplan vorerzaehlte, versetzte sie: "Ihr
seid gluecklich, so reich zu sein, dass Ihr Euch dies nicht zu versagen
braucht; wir andern muessen uns in die Stelle finden, welche Gott und
seine Heiligen uns angewiesen. Schon lange seh' ich vor meinem
Fenster Schiffe kommen und abgehen, ausladen und einladen; das ist
unterhaltend, und ich denke manchmal, woher und wohin das alles?" Die
Fenster gingen gerade auf die Treppen von Ripetta, die Bewegung war
eben sehr lebhaft.

Sie sprach von ihrem Bruder mit Zaertlichkeit, freute sich, seine
Haushaltung ordentlich zu fuehren, ihm moeglich zu machen, dass er bei
maessiger Besoldung noch immer etwas zurueck in einem vorteilhaften
Handel anlegen koenne; genug, sie liess mich zunaechst mit ihren
Zustaenden durchaus vertraut werden. Ich freute mich ihrer
Gespraechigkeit; denn eigentlich macht' ich eine gar wunderliche Figur,
indem ich schnell alle Momente unsres zarten Verhaeltnisses vom ersten
Augenblick an bis zum letzten mir wieder vorzurollen gedraengt war.
Nun trat der Bruder herein, und der Abschied schloss sich in
freundlicher, maessiger Prosa.

Als ich vor die Tuere kam, fand ich meinen Wagen ohne den Kutscher, den
ein geschaeftiger Knabe zu holen lief. Sie sah heraus zum Fenster des
Entresols, den sie in einem stattlichen Gebaeude bewohnten; es war
nicht gar hoch, man haette geglaubt, sich die Hand reichen zu koennen.

"Man will mich nicht von Euch wegfuehren, seht Ihr", rief ich aus, "man
weiss, so scheint es, dass ich ungern von Euch scheide."

Was sie darauf erwiderte, was ich versetzte, den Gang des anmutigsten
Gespraeches, das, von allen Fesseln frei, das Innere zweier sich nur
halbbewusst Liebenden offenbarte, will ich nicht entweihen durch
Wiederholung und Erzaehlung; es war ein wunderbares, zufaellig
eingeleitetes, durch innern Drang abgenoetigtes lakonisches
Schlussbekenntnis der unschuldigsten und zartesten wechselseitigen
Gewogenheit, das mir auch deshalb nie aus Sinn und Seele gekommen ist.



Auf eine besonders feierliche Weise sollte jedoch mein Abschied aus
Rom vorbereitet werden; drei Naechte vorher stand der volle Mond am
klarsten Himmel, und ein Zauber, der sich dadurch ueber die ungeheure
Stadt verbreitet, so oft empfunden, ward nun aufs eindringlichste
fuehlbar. Die grossen Lichtmassen, klar, wie von einem milden Tage
beleuchtet, mit ihren Gegensaetzen von tiefen Schatten, durch Reflexe
manchmal erhellt, zur Ahnung des Einzelnen, setzen uns in einen
Zustand wie von einer andern, einfachern, groessern Welt.

Nach zerstreuenden, mitunter peinlich zugebrachten Tagen macht' ich
den Umgang mit wenigen Freunden einmal ganz allein. Nachdem ich den
langen Korso, wohl zum letztenmal, durchwandert hatte, bestieg ich das
Kapitol, das wie ein Feenpalast in der Wueste dastand. Die Statue Mark
Aurels rief den Kommandeur in "Don Juan" zur Erinnerung und gab dem
Wanderer zu verstehen, dass er etwas Ungewoehnliches unternehme.
Dessenungeachtet ging ich die hintere Treppe hinab. Ganz finster,
finstern Schatten werfend, stand mir der Triumphbogen des Septimius
Severus entgegen; in der Einsamkeit der Via Sacra erschienen die sonst
so bekannten Gegenstaende fremdartig und geisterhaft. Als ich aber den
erhabenen Resten des Koliseums mich naeherte und in dessen
verschlossenes Innere durchs Gitter hineinsah, darf ich nicht leugnen,
dass mich ein Schauer ueberfiel und meine Rueckkehr beschleunigte.

Alles Massenhafte macht einen eignen Eindruck zugleich als erhaben und
fasslich, und in solchen Umgaengen zog ich gleichsam ein unuebersehbares
Summa Summarum meines ganzen Aufenthaltes. Dieses, in aufgeregter
Seele tief und gross empfunden, erregte eine Stimmung, die ich
heroisch-elegisch nennen darf, woraus sich in poetischer Form eine
Elegie zusammenbilden wollte.

Und wie sollte mir gerade in solchen Augenblicken Ovids Elegie nicht
ins Gedaechtnis zurueckkehren, der, auch verbannt, in einer Mondnacht
Rom verlassen sollte. "Cum repeto noctem!" seine Rueckerinnerung, weit
hinten am Schwarzen Meere, im trauer--und jammervollen Zustande, kam
mir nicht aus dem Sinn, ich wiederholte das Gedicht, das mir teilweise
genau im Gedaechtnis hervorstieg, aber mich wirklich an eigner
Produktion irre werden liess und hinderte; die auch, spaeter unternommen,
niemals zustande kommen konnte.


Wandelt von jener Nacht mir das traurige Bild vor die Seele,
Welche die letzte fuer mich ward in der roemischen Stadt,
Wiederhol' ich die Nacht, wo des Teuren soviel mir zurueckblieb,
Gleitet vom Auge mir noch jetzt eine Traene herab.
Und schon ruhten bereits die Stimmen der Menschen und Hunde,
Luna, sie lenkt' in der Hoeh' naechtliches Rossegespann.
Zu ihr schaut' ich hinan, sah dann kapitolische Tempel,
Welchen umsonst so nah unsere Laren gegrenzt.--




Cum subit illius tristissima noctis imago,
Quae mihi supremum tempus in Urbe fuit;
Cum repeto noctem, qua tot mihi cara reliqui;
Labitur ex oculis nunc quoque gutta meis.
Iamque quiescebant voces hominumque canumque:
Lunaque nocturnos alta regebat equos.
Hanc ego suspiciens, et ab hac Capitolia cernens,
Quae nostro frustra iuncta fuere Lari.--




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