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Italienische Reise Teil 2

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Dienstag, den 31. Juli,

wurden einige Mondscheine aufs Papier gebracht, dann sonst allerlei
gute Kunst getrieben. Abends ging ich mit einem Landsmann spazieren,
und wir stritten ueber den Vorzug von Michelangelo und Raffael; ich
hielt die Partie des ersten, er des andern, und wir schlossen zuletzt
mit einem gemeinschaftlichen Lob auf Leonard da Vinci. Wie gluecklich
bin ich, dass nun alle diese Namen aufhoeren, Namen zu sein, und
lebendige Begriffe des Wertes dieser trefflichen Menschen nach und
nach vollstaendig werden.

Nachts in die komische Oper. Ein neues Intermezz, "L'Impresario in
angustie", ist ganz vortrefflich und wird uns manche Nacht unterhalten,
so heiss es auch im Schauspiele sein mag. Ein Quintett, da der Poeta
sein Stueck vorliest, der Impresar und die prima donna auf der einen
Seite ihm Beifall geben, der Komponist und die seconda donna auf der
andern ihn tadeln, worueber sie zuletzt in einen allgemeinen Streit
geraten, ist gar gluecklich. Die als Frauenzimmer verkleideten
Kastraten machen ihre Rollen immer besser und gefallen immer mehr.
Wirklich fuer eine kleine Sommertruppe, die sich nur so
zusammengefunden hat, ist sie recht artig. Sie spielen mit einer
grossen Natuerlichkeit und gutem Humor. Von der Hitze stehen die armen
Teufel erbaermlich aus.




Bericht

Juli

Um Nachstehendes, welches ich nunmehr einzufuehren gedenke,
schicklicherweise vorzubereiten, halte fuer noetig, einige Stellen aus
dem vorigen Bande, welche dort, im Lauf der Ereignisse, der
Aufmerksamkeit moechten entgangen sein, hier einzuschalten und die mir
so wichtige Angelegenheit den Freunden der Naturwissenschaft dadurch
abermals zu empfehlen.


Palermo, Dienstag, den 17. April 1787.

Es ist ein wahres Unglueck, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt
und versucht wird! Heute frueh ging ich mit dem festen, ruhigen
Vorsatz, meine dichterischen Traeume fortzusetzen, nach dem
oeffentlichen Garten, allein eh' ich mich's versah, erhaschte mich ein
anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen. Die
vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kuebeln und Toepfen, ja die groesste
Zeit des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen
hier froh und frisch unter freiem Himmel, und indem sie ihre
Bestimmung vollkommen erfuellen, werden sie uns deutlicher. Im
Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes fiel mir die alte
Grille wieder ein, ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze
entdecken koennte. Eine solche muss es denn doch geben! Woran wuerde
ich sonst erkennen, dass dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei,
wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet waeren?

Ich bemuehte mich, zu untersuchen, worin denn die vielen abweichenden
Gestalten voneinander unterschieden seien. Und ich fand sie immer
mehr aehnlich als verschieden, und wollte ich meine botanische
Terminologie anbringen, so ging das wohl, aber es fruchtete nicht, es
machte mich unruhig, ohne dass es mir weiterhalf. Gestoert war mein
guter poetischer Vorsatz, der Garten des Alcinous war verschwunden,
ein Weltgarten hatte sich aufgetan. Warum sind wir Neueren doch so
zerstreut, warum gereizt zu Forderungen, die wir nicht erreichen noch
erfuellen koennen!


Neapel, den 17. Mai 1787.

Ferner muss ich dir vertrauen, dass ich dem Geheimnis der
Pflanzenzeugung und -organisation ganz nahe bin, und dass es das
Einfachste ist, was nur gedacht werden kann. Unter diesem Himmel kann
man die schoensten Beobachtungen machen. Den Hauptpunkt, wo der Keim
steckt, habe ich ganz klar und zweifellos gefunden, alles uebrige seh'
ich auch schon im ganzen, und nur noch einige Punkte muessen bestimmter
werden. Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschoepf von der Welt,
um welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und
dem Schluessel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche
erfinden, die konsequent sein muessen, das heisst: die, wenn sie auch
nicht existieren, doch existieren koennten und nicht etwa malerische
oder dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche
Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles
uebrige Lebendige anwenden lassen.



So viel aber sei hier, ferneres Verstaendnis vorzubereiten, kuerzlich
ausgesprochen: Es war mir naemlich aufgegangen, dass in demjenigen Organ
der Pflanze, welches wir als Blatt gewoehnlich anzusprechen pflegen,
der wahre Proteus verborgen liege, der sich in allen Gestaltungen
verstecken und offenbaren koenne. Vorwaerts und rueckwaerts ist die
Pflanze immer nur Blatt, mit dem kuenftigen Keime so unzertrennlich
vereint, dass man eins ohne das andere nicht denken darf. Einen
solchen Begriff zu fassen, zu ertragen, ihn in der Natur aufzufinden,
ist eine Aufgabe, die uns in einen peinlich suessen Zustand versetzt.




Stoerende Naturbetrachtungen

Wer an sich erfahren hat, was ein reichhaltiger Gedanke heissen will,
er sei nun aus uns selbst entsprungen oder von andern mitgeteilt und
eingeimpft, wird gestehen, was dadurch fuer eine leidenschaftliche
Bewegung in unserm Geiste hervorgebracht werde, wie wir uns begeistert
fuehlen, indem wir alles dasjenige in Gesamtheit vorausahnen, was in
der Folge sich mehr und mehr entwickeln, wozu das Entwickelte weiter
fuehren soll. Dieses bedenkend, wird man mir zugestehen, dass ich von
einem solchen Gewahrwerden wie von einer Leidenschaft eingenommen und
getrieben worden, und, wo nicht ausschliesslich, doch durch alles
uebrige Leben hindurch mich damit beschaeftigen muessen.

So sehr nun auch diese Neigung mich innerlichst ergriffen hatte, so
war doch an kein geregeltes Studium nach meiner Rueckkehr in Rom zu
denken; Poesie, Kunst und Altertum, jedes forderte mich gewissermassen
ganz, und ich habe in meinem Leben nicht leicht operosere, muehsamer
beschaeftigte Tage zugebracht. Maennern vom Fach wird es vielleicht gar
zu naiv vorkommen, wenn ich erzaehle, wie ich tagtaeglich in einem jeden
Garten, auf Spaziergaengen, kleinen Lustfahrten mich der neben mir
bemerkten Pflanzen bemaechtigte. Besonders bei der eintretenden
Samenreife war es mir wichtig, zu beobachten, wie manche davon an das
Tageslicht hervortraten. So wendete ich meine Aufmerksamkeit auf das
Keimen des waehrend seines Wachstums unfoermlichen Cactus opuntia und
sah mit Vergnuegen, dass er ganz unschuldig dikotyledonisch sich in zwei
zarten Blaettchen enthuellte, sodann aber bei fernerem Wuchse sich die
kuenftige Unform entwickelte.

Auch mit Samenkapseln begegnete mir etwas Auffallendes; ich hatte
derselben mehrere von Acanthus mollis nach Hause getragen und in einem
offenen Kaestchen niedergelegt; nun geschah es in einer Nacht, dass ich
ein Knistern hoerte und bald darauf das Umherspringen an Decke und
Waende, wie von kleinen Koerpern. Ich erklaerte mir's nicht gleich, fand
aber nachher meine Schoten aufgesprungen und die Samen umher zerstreut.
Die Trockne des Zimmers hatte die Reife bis zu solcher Elastizitaet
in wenigen Tagen vollendet.

Unter den vielen Samen, die ich auf diese Weise beobachtete, muss ich
einiger noch erwaehnen, weil sie zu meinem Andenken kuerzer oder laenger
in dem alten Rom fortwuchsen. Pinienkerne gingen gar merkwuerdig auf,
sie huben sich wie in einem Ei eingeschlossen empor, warfen aber diese
Haube bald ab und zeigten in einem Kranze von gruenen Nadeln schon die
Anfaenge ihrer kuenftigen Bestimmung.

Galt das Bisherige der Fortpflanzung durch Samen, so ward ich auf die
Fortpflanzung durch Augen nicht weniger aufmerksam gemacht, und zwar
durch Rat Reiffenstein, der auf allen Spaziergaengen, hier und dort
einen Zweig abreissend, bis zur Pedanterie behauptete, in die Erde
gesteckt, muesse jeder sogleich fortwachsen. Zum entscheidenden Beweis
zeigte er dergleichen Stecklinge gar wohl angeschlagen in seinem
Garten. Und wie bedeutend ist nicht in der Folgezeit eine solche
allgemein versuchte Vermehrung fuer die botanische Gaertnerei geworden,
die ich ihm wohl zu erleben gewuenscht haette.

Am auffallendsten war mir jedoch ein strauchartig in die Hoehe
gewachsener Nelkenstock. Man kennt die gewaltige Lebens--und
Vermehrungskraft dieser Pflanze; Auge ist ueber Auge an ihren Zweigen
gedraengt, Knoten in Knoten hineingetrichtert; dieses wird nun hier
durch Dauer gesteigert und die Augen aus unerforschlicher Enge zur
hoechstmoeglichen Entwickelung getrieben, so dass selbst die vollendete
Blume wieder vier vollendete Blumen aus ihrem Busen hervorbrachte.

Zur Aufbewahrung dieser Wundergestalt kein Mittel vor mir sehend,
unternahm ich es, sie genau zu zeichnen, wobei ich immer zu mehrerer
Einsicht in den Grundbegriff der Metamorphose gelangte. Allein die
Zerstreuung durch so vielerlei Obliegenheiten ward nur desto
zudringlicher, und mein Aufenthalt in Rom, dessen Ende ich voraussah,
immer peinlicher und belasteter.



Nachdem ich mich nun so geraume Zeit ganz im stillen gehalten und von
aller hoeheren zerstreuenden Gesellschaft fern geblieben, begingen wir
einen Fehler, der die Aufmerksamkeit des ganzen Quartiers, nicht
weniger der nach neuen und seltsamen Vorfaellen sich umschauenden
Sozietaet auf uns richtete. Die Sache verhielt sich aber also:
Angelika kam nie ins Theater, wir untersuchten nicht, aus welcher
Ursache; aber da wir als leidenschaftliche Buehnenfreunde in ihrer
Gegenwart die Anmut und Gewandtheit der Saenger sowie die Wirksamkeit
der Musik unseres Cimarosa nicht genugsam zu ruehmen wussten und nichts
sehnlicher wuenschten, als sie solcher Genuesse teilhaftig zu machen, so
ergab sich eins aus dem andern, dass naemlich unsere jungen Leute,
besonders Bury, der mit den Saengern und Musikverwandten in dem besten
Vernehmen stand, es dahin brachte, dass diese sich in heiterer
Gesinnung erboten, auch vor uns, ihren leidenschaftlichen Freunden und
entschieden Beifall Gebenden, gelegentlich einmal in unserm Saale
Musik machen und singen zu wollen. Dergleichen Vorhaben, oefters
besprochen, vorgeschlagen und verzoegert, gelangte doch endlich nach
dem Wunsche der juengern Teilnehmer zur froehlichen Wirklichkeit.
Konzertmeister Kranz, ein geuebter Violinist, in herzogl. weimarischen
Diensten, der sich in Italien auszubilden Urlaub hatte, gab zuletzt
durch seine unvermutete Ankunft eine baldige Entscheidung. Sein
Talent legte sich auf die Waage der Musiklustigen, und wir sahen uns
in den Fall versetzt, Madam Angelika, ihren Gemahl, Hofrat
Reiffenstein, die Herren Jenkins, Volpato und wem wir sonst eine
Artigkeit schuldig waren, zu einem anstaendigen Feste einladen zu
koennen. Juden und Tapezier hatten den Saal geschmueckt, der naechste
Kaffeewirt die Erfrischungen uebernommen, und so ward ein glaenzendes
Konzert aufgefuehrt in der schoensten Sommernacht, wo sich grosse Massen
von Menschen unter den Fenstern versammelten und, als waeren sie im
Theater gegenwaertig, die Gesaenge gehoerig beklatschten.

Ja, was das Auffallendste war, ein grosser mit einem Orchester von
Musikfreunden besetzter Gesellschaftswagen, der soeben durch die
naechtliche Stadt seine Lustrunde zu machen beliebte, hielt unter
unsern Fenstern stille, und nachdem er den obern Bemuehungen lebhaften
Beifall geschenkt hatte, liess sich eine wackre Bassstimme vernehmen,
die eine der beliebtesten Arien eben der Oper, welche wir stueckweise
vortrugen, von allen Instrumenten begleitet, hinzugesellte. Wir
erwiderten den vollsten Beifall, das Volk klatschte mit drein, und
jedermann versicherte, an so mancher Nachtlust, niemals aber an einer
so vollkommenen, zufaellig gelungenen teilgenommen zu haben.

Auf einmal nun zog unsere zwar anstaendige, aber doch stille Wohnung
dem Palast Rondanini gegenueber die Aufmerksamkeit des Korso auf sich.
Ein reicher Mylordo, hiess es, muesse da eingezogen sein, niemand aber
wusste ihn unter den bekannten Persoenlichkeiten zu finden und zu
entziffern. Freilich, haette ein dergleichen Fest sollen mit barem
Gelde geleistet werden, so wuerde dasjenige, was hier von Kuenstlern
Kuenstlern zuliebe geschah und mit maessigem Aufwand zur Ausfuehrung zu
bringen war, bedeutende Kosten verursacht haben. Wir setzten nun zwar
unser voriges stilles Leben fort, konnten aber das Vorurteil von
Reichtum und vornehmer Geburt nicht mehr von uns ablehnen.



Zu einer lebhaftern Geselligkeit gab die Ankunft des Grafen Fries
jedoch neuen Anlass. Er hatte den Abbate Casti bei sich, welcher durch
Vorlesung seiner damals noch ungedruckten galanten Erzaehlungen grosse
Lust erregte; sein heiterer freier Vortrag schien jene geistreichen,
uebermaessig genialen Darstellungen vollkommen ins Leben zu bringen. Wir
bedauerten nur, dass ein so gutgesinnter reicher Kunstliebhaber nicht
immer von den zuverlaessigsten Menschen bedient werde. Der Ankauf
eines untergeschobenen geschnittenen Steines machte viel Reden und
Verdruss. Er konnte sich indessen ueber den Ankauf einer schoenen Statue
gar wohl erfreuen, die einen Paris, nach der Auslegung anderer einen
Mithras, vorstellte. Das Gegenbild steht jetzt im Museo
Pio-Clementino, beide waren zusammen in einer Sandgrube gefunden
worden. Doch waren es nicht die Unterhaendler in Kunstgeschaeften
allein, die ihm auflauerten, er hatte manches Abenteuer zu bestehen;
und da er sich ueberhaupt in der heissen Jahrszeit nicht zu schonen
wusste, so konnt' es nicht fehlen, dass er von mancherlei uebeln
angefallen wurde, welche die letzten Tage seines Aufenthalts
verbitterten. Mir aber war es um so schmerzlicher, als ich seiner
Gefaelligkeit gar manches schuldig geworden; wie ich denn auch die
treffliche Gemmensammlung des Prinzen von Piombino mit ihm zu
betrachten guenstige Gelegenheit fand.



Beim Grafen Fries fanden sich ausser den Kunsthaendlern auch wohl derart
Literatoren, wie sie hier in Abbetracht herumwandern. Mit diesen war
kein angenehmes Gespraech. Kaum hatte man von nationaler Dichtung zu
sprechen angefangen und sich ueber ein und andern Punkt zu belehren
gesucht, so musste man unmittelbar und ohne weiteres die Frage
vernehmen, ob man Ariost oder Tasso, welchen von beiden man fuer den
groessten Dichter halte. Antwortete man: Gott und der Natur sei zu
danken, dass sie zwei solche vorzuegliche Maenner einer Nation gegoennt,
deren jeder uns nach Zeit und Umstaenden, nach Lagen und Empfindungen
die herrlichsten Augenblicke verliehen, uns beruhigt und
entzueckt--dies vernuenftige Wort liess niemand gelten. Nun wurde
derjenige, fuer den man sich entschieden hatte, hoch und hoeher gehoben,
der andere tief und tiefer dagegen herabgesetzt. Die ersten Male
sucht' ich die Verteidigung des Herabgesetzten zu uebernehmen und seine
Vorzuege geltend zu machen; dies aber verfing nicht, man hatte Partei
ergriffen und blieb auf seinem Sinne. Da nun ebendasselbe immerfort
und fort sich wiederholte und es mir zu ernst war, um dialektisch ueber
dergleichen Gegenstaende zu kontroversieren, so vermied ich ein solches
Gespraech, besonders da ich merkte, dass es nur Phrasen waren, die man,
ohne eigentliches Interesse an dem Gegenstande zu finden, aussprach
und behauptete.

Viel schlimmer aber war es, wenn Dante zur Sprache kam. Ein junger
Mann von Stande und Geist und wirklichem Anteil an jenem
ausserordentlichen Manne nahm meinen Beifall und Billigung nicht zum
besten auf, indem er ganz unbewunden versicherte, jeder Auslaender
muesse Verzicht tun auf das Verstaendnis eines so ausserordentlichen
Geistes, dem ja selbst die Italiener nicht in allem folgen koennten.
Nach einigen Hin--und Widerreden verdross es mich denn doch zuletzt,
und ich sagte, ich muesse bekennen, dass ich geneigt sei, seinen
aeusserungen Beifall zu geben; denn ich habe nie begreifen koennen, wie
man sich mit diesen Gedichten beschaeftigen moege. Mir komme die
"Hoelle" ganz abscheulich vor, das "Fegefeuer" zweideutig und das
"Paradies" langweilig; womit er sehr zufrieden war, indem er daraus
ein Argument fuer seine Behauptung zog: dies eben beweise, dass ich
nicht die Tiefe und Hoehe dieser Gedichte zum Verstaendnis bringen koenne.
Wir schieden als die besten Freunde; er versprach mit sogar einige
schwere Stellen, ueber die er lange nachgedacht und ueber deren Sinn er
endlich mit sich einig geworden sei, mitzuteilen und zu erklaeren.

Leider war die Unterhaltung mit Kuenstlern und Kunstfreunden nicht
erbaulicher. Man verzieh jedoch endlich andern den Fehler, den man an
sich bekennen musste. Bald war es Raffael, bald Michelangelo, dem man
den Vorzug gab, woraus denn am Schluss nur hervorging, der Mensch sei
ein so beschraenktes Wesen, dass, wenn sein Geist sich auch dem Grossen
geoeffnet habe, er doch niemals die Grossheiten verschiedener Art
ebenmaessig zu wuerdigen und anzuerkennen Faehigkeit erlange.



Wenn wir Tischbeins Gegenwart und Einfluss vermissten, so hielt er uns
dagegen durch sehr lebendige Briefe moeglichst schadlos. Ausser manchen
geistreich aufgefassten wunderlichen Vorfaellen und genialen Ansichten
erfuhren wir das Naehere durch Zeichnung und Skizze von einem Gemaelde
mit welchem er sich daselbst hervortat. In halben Figuren sah man
darauf Oresten, wie er am Opferaltar von Iphigenien erkannt wird und
die ihn bisher verfolgenden Furien soeben entweichen. Iphigenie war
das wohlgetroffene Bildnis der Lady Hamilton, welche damals auf dem
hoechsten Gipfel der Schoenheit und des Ansehens glaenzte. Auch eine der
Furien war durch die aehnlichkeit mit ihr veredelt, wie sie denn
ueberhaupt als Typus fuer alle Heroinen, Musen und Halbgoettinnen gelten
musste. Ein Kuenstler, der dergleichen vermochte, war in dem
bedeutenden geselligen Kreise eines Ritter Hamilton sehr wohl
aufgenommen.






August

Korrespondenz

Den 1. August 1787.

Den ganzen Tag fleissig und still wegen der Hitze. Meine beste Freude
bei der grossen Waerme ist die ueberzeugung, dass ihr auch einen guten
Sommer in Deutschland haben werdet. Hier das Heu einfuehren zu sehen,
ist die groesste Lust, da es in dieser Zeit gar nicht regnet und so der
Feldbau nach Willkuer behandelt werden kann, wenn sie nur Feldbau
haetten.

Abends ward in der Tiber gebadet, in wohlangelegten sichern
Badhaeuschen; dann auf Trinita de' Monti spaziert und frische Luft im
Mondschein genossen. Die Mondscheine sind hier, wie man sie sich
denkt oder fabelt.

Der vierte Akt von "Egmont" ist fertig, im naechsten Brief hoff' ich
dir den Schluss des Stueckes anzukuendigen.


Den 11. August.

Ich bleibe noch bis kuenftige Ostern in Italien. Ich kann jetzt nicht
aus der Lehre laufen. Wenn ich aushalte, komme ich gewiss so weit, dass
ich meinen Freunden mit mir Freude machen kann. Ihr sollt immer
Briefe von mir haben, meine Schriften kommen nach und nach, so habt
ihr den Begriff von mir als eines abwesend Lebenden, da ihr mich so
oft als einen gegenwaertig Toten bedauert habt.

"Egmont" ist fertig und wird zu Ende dieses Monats abgehen koennen.
Alsdann erwarte ich mit Schmerzen euer Urteil.

Kein Tag vergeht, dass ich nicht in Kenntnis und Ausuebung der Kunst
zunehme. Wie eine Flasche sich leicht fuellt, die man oben offen unter
das Wasser stoesst, so kann man hier leicht sich ausfuellen, wenn man
empfaenglich und bereitet ist; es draengt das Kunstelement von allen
Seiten zu.

Den guten Sommer, den ihr habt, konnte ich hier voraussagen. Wir
haben ganz gleichen reinen Himmel und am hohen Tag entsetzliche Hitze,
der ich in meinem kuehlen Saale ziemlich entgehe. September und
Oktober will ich auf dem Lande zubringen und nach der Natur zeichnen.
Vielleicht geh' ich wieder nach Neapel, um Hackerts Unterricht zu
geniessen. Er hat mich in vierzehn Tagen, die ich mit ihm auf dem
Lande war, weiter gebracht, als ich in Jahren fuer mich wuerde
vorgerueckt sein. Noch schicke ich dir nichts und halte ein Dutzend
kleine Skizzchen zurueck, um dir auf mal etwas Gutes zu senden.

Diese Woche ist still und fleissig hingegangen. Besonders hab' ich in
der Perspektiv manches gelernt. Verschaffelt, ein Sohn des Mannheimer
Direktors, hat diese Lehre recht durchgedacht und teilt mir seine
Kunststuecke mit. Auch sind einige Mondscheine aufs Brett gekommen und
ausgetuscht worden, nebst einigen andern Ideen, die fast zu toll sind,
als dass man sie mitteilen sollte.


Rom, den 11. August 1787.

Ich habe der Herzogin einen langen Brief geschrieben und ihr geraten,
die Reise nach Italien noch ein Jahr zu verschieben. Geht sie im
Oktober, so kommt sie gerade zur Zeit in dies schoene Land, wenn sich
das Wetter umkehrt, und sie hat einen boesen Spass. Folgt sie mir in
diesem und andrem, so kann sie Freude haben, wenn das Glueck gut ist.
Ich goenne ihr herzlich diese Reise.

Es ist sowohl fuer mich als fuer andere gesorgt, und die Zukunft wollen
wir geruhig erwarten. Niemand kann sich umpraegen und niemand seinem
Schicksale entgehn. Aus eben diesem Briefe wirst du meinen Plan sehn
und ihn hoffentlich billigen. Ich wiederhole hier nichts.

Ich werde oft schreiben und den Winter durch immer im Geiste unter
euch sein. Tasso kommt nach dem neuen Jahre. Faust soll auf seinem
Mantel als Kurier meine Ankunft melden. Ich habe alsdann eine
Hauptepoche zurueckgelegt, rein geendigt, und kann wieder anfangen und
eingreifen, wo es noetig ist. Ich fuehle mir einen leichtern Sinn und
bin fast ein andrer Mensch als vorm Jahr.

Ich lebe in Reichtum und ueberfluss alles dessen, was mir eigens lieb
und wert ist, und habe erst diese paar Monate meine Zeit hier recht
genossen. Denn es legt sich nun auseinander, und die Kunst wird mir
wie eine zweite Natur, die gleich der Minerva aus dem Haupte Jupiters,
so aus dem Haupte der groessten Menschen geboren worden. Davon sollt
ihr in der Folge tagelang, wohl jahrelang unterhalten werden.

Ich wuensche euch allen einen guten September. Am Ende Augusts, wo
alle unsre Geburtstage zusammentreffen, will ich eurer fleissig
gedenken. Wie die Hitze abnimmt, geh' ich aufs Land, dort zu zeichnen,
indes tu' ich, was in der Stube zu tun ist, und muss oft pausieren.
Abends besonders muss man sich vor Verkaeltung in acht nehmen.


Rom, den 18. August 1787.

Diese Woche hab' ich einigermassen von meiner nordischen Geschaeftigkeit
nachlassen muessen, die ersten Tage waren gar zu heiss. Ich habe also
nicht so viel getan, als ich wuenschte. Nun haben wir seit zwei Tagen
die schoenste Tramontane und eine gar freie Luft. September und
Oktober muessen ein paar himmlische Monate werden.

Gestern fuhr ich vor Sonnenaufgang nach Acqua acetosa; es ist wirklich
zum Naerrischwerden, wenn man die Klarheit, die Mannigfaltigkeit,
duftige Durchsichtigkeit und himmlische Faerbung der Landschaft,
besonders der Fernen ansieht.

Moritz studiert jetzt die Antiquitaeten und wird sie zum Gebrauch der
Jugend und zum Gebrauch eines jeden Denkenden vermenschlichen und von
allem Buechermoder und Schulstaub reinigen. Er hat eine gar glueckliche
richtige Art, die Sachen anzusehn, ich hoffe, dass er sich auch Zeit
nehmen wird, gruendlich zu sein. Wir gehen des Abends spazieren, und
er erzaehlt mir, welchen Teil er des Tags durchgedacht, was er in den
Autoren gelesen, und so fuellt sich auch diese Luecke aus, die ich bei
meinen uebrigen Beschaeftigungen lassen musste und nur spaet und mit Muehe
nachholen koennte. Ich sehe indes Gebaeude, Strassen, Gegend, Monumente
an, und wenn ich abends nach Hause komme, wird ein Bild, das mir
besonders aufgefallen, unterm Plaudern aufs Papier gescherzt. Ich
lege dir eine solche Skizze von gestern abend bei. Es ist die
ungefaehre Idee, wenn man von hinten das Kapitol heraufkommt.

Mit der guten Angelika war ich Sonntags die Gemaelde des Prinzen
Aldobrandini, besonders einen trefflichen Leonard da Vinci zu sehen.
Sie ist nicht gluecklich, wie sie es zu sein verdiente bei dem wirklich
grossen Talent und bei dem Vermoegen, das sich taeglich mehrt. Sie ist
muede, auf den Kauf zu malen, und doch findet ihr alter Gatte es gar zu
schoen, dass so schweres Geld fuer oft leichte Arbeit einkommt. Sie
moechte nun sich selbst zur Freude, mit mehr Musse, Sorgfalt und Studium
arbeiten und koennte es. Sie haben keine Kinder, koennen ihre
Interessen nicht verzehren, und sie verdient taeglich auch mit maessiger
Arbeit noch genug hinzu. Das ist nun aber nicht und wird nicht. Sie
spricht sehr aufrichtig mit mir, ich hab' ihr meine Meinung gesagt,
hab' ihr meinen Rat gegeben und muntre sie auf, wenn ich bei ihr bin.
Man rede von Mangel und Unglueck, wenn die, welche genug besitzen, es
nicht brauchen und geniessen koennen! Sie hat ein unglaubliches und als
Weib wirklich ungeheures Talent. Man muss sehen und schaetzen, was sie
macht, nicht das, was sie zuruecklaesst. Wie vieler Kuenstler Arbeiten
halten Stich, wenn man rechnen will, was fehlt!

Und so, meine Lieben, wird mir Rom, das roemische Wesen, Kunst und
Kuenstler immer bekannter, und ich sehe die Verhaeltnisse ein, sie
werden mir nah und natuerlich, durchs Mitleben und Hin--und Herwandeln.
Jeder blosse Besuch gibt falsche Begriffe. Sie moechten mich auch hier
aus meiner Stille und Ordnung bringen und in die Welt ziehen, ich
wahre mich, so gut ich kann. Verspreche, verzoegre, weiche aus,
versprach wieder und spiele den Italiener mit den Italienern. Der
Kardinal Staatssekretaer, Buoncompagni, hat mir es gar zu nahe legen
lassen, ich werde aber ausweichen, bis ich halb September aufs Land
gehe. Ich scheue mich vor den Herren und Damen wie vor einer boesen
Krankheit, es wird mir schon weh, wenn ich sie fahren sehe.

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