Italienische Reise Teil 2
J >>
Johann Wolfgang Goethe >> Italienische Reise Teil 2
Pages:
1 |
2 |
3 | 4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17
Rom, den 23. August 1787
Euren lieben Brief Nr. 24 erhielt ich vorgestern, eben als ich nach
dem Vatikan ging, und habe ihn unterwegs und in der Sixtinischen
Kapelle aber--und abermals gelesen, sooft ich ausruhte von dem Sehen
und Aufmerken. Ich kann euch nicht ausdruecken, wie sehr ich euch zu
mir gewuenscht habe, damit ihr nur einen Begriff haettet, was ein
einziger und ganzer Mensch machen und ausrichten kann; ohne die
Sixtinische Kapelle gesehen zu haben, kann man sich keinen
anschauenden Begriff machen, was ein Mensch vermag. Man hoert und
liest von viel grossen und braven Leuten, aber hier hat man es noch
ganz lebendig ueber dem Haupte, vor den Augen. Ich habe mich viel mit
euch unterhalten und wollte, es stuende alles auf dem Blatte. Ihr
wollt von mir wissen! Wie vieles koennt' ich sagen! Denn ich bin
wirklich umgeboren und erneuert und ausgefuellt. Ich fuehle, dass sich
die Summe meiner Kraefte zusammenschliesst, und hoffe noch etwas zu tun.
UEber Landschaft und Architektur habe ich diese Zeit her ernstlich
nachgedacht, auch einiges versucht und sehe nun, wo es damit hinaus
will, auch wie weit es zu bringen waere.
Nun hat mich zuletzt das A und O aller uns bekannten Dinge, die
menschliche Figur, angefasst, und ich sie, und ich sage: "Herr, ich
lasse dich nicht, du segnest mich denn, und sollt' ich mich lahm
ringen." Mit dem Zeichnen geht es gar nicht, und ich habe also mich
zum Modellieren entschlossen, und das scheint ruecken zu wollen.
Wenigstens bin ich auf einen Gedanken gekommen, der mir vieles
erleichtert. Es waere zu weitlaeufig, es zu detaillieren, und es ist
besser zu tun als zu reden. Genug, es laeuft darauf hinaus, dass mich
nun mein hartnaeckig Studium der Natur, meine Sorgfalt, mit der ich in
der komparierenden Anatomie zu Werke gegangen bin, nunmehr in den
Stand setzen, in der Natur und den Antiken manches im ganzen zu sehen,
was den Kuenstlern im einzelnen aufzusuchen schwer wird, und das sie,
wenn sie es endlich erlangen, nur fuer sich besitzen und andern nicht
mitteilen koennen.
Ich habe alle meine physiognomischen Kunststueckchen, die ich aus Pik
auf den Propheten in den Winkel geworfen, wieder hervorgesucht, und
sie kommen mir gut zu passe. Ein Herkuleskopf ist angefangen; wenn
dieser glueckt, wollen wir weitergehen.
So entfernt bin ich jetzt von der Welt und allen weltlichen Dingen, es
kommt mir recht wunderbar vor, wenn ich eine Zeitung lese. Die
Gestalt dieser Welt vergeht, ich moechte mich nur mit dem beschaeftigen,
was bleibende Verhaeltnisse sind, und so nach der Lehre des *** meinem
Geiste erst die Ewigkeit verschaffen.
Gestern sah ich bei Ch. v. Worthley, der eine Reise nach Griechenland,
aegypten etc. gemacht hat, viele Zeichnungen. Was mich am meisten
interessierte, waren Zeichnungen nach Basreliefs, welche im Fries des
Tempels der Minerva zu Athen sind, Arbeiten des Phidias. Man kann
sich nichts Schoeneres denken als die wenigen einfachen Figuren.
UEbrigens war wenig Reizendes an den vielen gezeichneten Gegenstaenden;
die Gegenden waren nicht gluecklich, die Architektur besser.
Lebe wohl fuer heute. Es wird meine Bueste gemacht, und das hat mir
drei Morgen dieser Woche gekostet.
Den 28. August 1787.
Mir ist diese Tage manches Gute begegnet, und heute zum Feste kam mir
Herders Buechlein voll wuerdiger Gottesgedanken. Es war mir troestlich
und erquicklich, sie in diesem Babel, der Mutter so vieles Betrugs und
Irrtums, so rein und schoen zu lesen, und zu denken, dass doch jetzt die
Zeit ist, wo sich solche Gesinnungen, solche Denkarten verbreiten
koennen und duerfen. Ich werde das Buechlein in meiner Einsamkeit noch
oft lesen und beherzigen, auch Anmerkungen dazu machen, welche Anlass
zu kuenftigen Unterredungen geben koennen.
Ich habe diese Tage immer weiter um mich gegriffen in Betrachtung der
Kunst, und uebersehe nun fast das ganze Pensum, das mir zu absolvieren
bleibt; und wenn es absolviert ist, ist noch nichts getan. Vielleicht
gibt's andern Anlass, dasjenige leichter und besser zu tun, wozu Talent
und Geschick bestimmt.
Die franzoesische Akademie hat ihre Arbeiten ausgestellt; es sind
interessante Sachen drunter. Pindar, der die Goetter um ein
glueckliches Ende bittet, faellt in die Arme eines Knaben, den er sehr
liebt, und stirbt. Es ist viel Verdienst in dem Bilde. Ein Architekt
hat eine gar artige Idee ausgefuehrt, er hat das jetzige Rom von einer
Seite gezeichnet, wo es sich mit allen seinen Teilen gut ausnimmt.
Dann hat er auf einem andern Blatte das alte Rom vorgestellt, als wenn
man es aus demselben Standpunkt saehe. Die Orte, wo die alten
Monumente gestanden, weiss man, ihre Form auch meistens, von vielen
stehen noch die Ruinen. Nun hat er alles Neue weggetan und das Alte
wiederhergestellt, wie es etwa zu Zeiten Diokletians ausgesehen haben
mag, und mit ebensoviel Geschmack als Studium, und allerliebst gefaerbt.
Was ich tun kann, tu' ich, und haeufe so viel von allen diesen
Begriffen und Talenten auf mich, als ich schleppen kann, und bringe
auf diese Weise doch das Reellste mit.
Hab' ich dir schon gesagt, dass Trippel meine Bueste arbeitet? Der
Fuerst von Waldeck hat sie bei ihm bestellt. Er ist schon meist fertig,
und es macht ein gutes Ganze. Sie ist in einem sehr soliden Stil
gearbeitet. Wenn das Modell fertig ist, wird er eine Gipsform darueber
machen und dann gleich den Marmor anfangen, welchen er dann zuletzt
nach dem Leben auszuarbeiten wuenscht; denn was sich in dieser Materie
tun laesst, kann man in keiner andern erreichen.
Angelika malt jetzt ein Bild, das sehr gluecken wird: die Mutter der
Gracchen, wie sie einer Freundin, welche ihre Juwelen auskramte, ihre
Kinder als die besten Schaetze zeigt. Es ist eine natuerliche und sehr
glueckliche Komposition.
Wie schoen ist es, zu saeen, damit geerntet werde! Ich habe hier
durchaus verschwiegen, dass heute mein Geburtstag sei, und dachte beim
Aufstehen: sollte mir denn von Hause nichts zur Feier kommen? Und
siehe, da wird mir euer Paket gebracht, das mich unsaeglich erfreut.
Gleich setzte ich mich hin, es zu lesen, und bin nun zu Ende und
schreibe gleich meinen herzlichsten Dank nieder.
Nun moechte ich denn erst bei euch sein, da sollte es an ein Gespraech
gehen, zu Ausfuehrung einiger angedeuteten Punkte. Genug, das wird uns
auch werden, und ich danke herzlich, dass eine Saeule gesetzt ist, von
welcher an wir nun unsre Meilen zaehlen koennen. Ich wandle starken
Schrittes in den Gefilden der Natur und Kunst herum und werde dir mit
Freuden von da aus entgegenkommen.
Ich habe es heute nach Empfang deines Briefes noch einmal durchgedacht
und muss darauf beharren: mein Kunststudium, mein Autorwesen, alles
fordert noch diese Zeit. In der Kunst muss ich es so weit bringen, dass
alles anschauende Kenntnis werde, nichts Tradition und Name bleibe,
und ich zwinge es in diesem halben Jahre, auch ist es nirgends als in
Rom zu zwingen. Meine Saechelchen (denn sie kommen mir sehr im
Diminutiv vor) muss ich wenigstens mit Sammlung und Freudigkeit enden.
Dann zieht mich alles nach dem Vaterlande zurueck. Und wenn ich auch
ein isoliertes, privates Leben fuehren sollte, habe ich so viel
nachzuholen und zu vereinigen, dass ich fuer zehn Jahre keine Ruhe sehe.
In der Naturgeschichte bring' ich dir Sachen mit, die du nicht
erwartest. Ich glaube dem Wie der Organisation sehr nahe zu ruecken.
Du sollst diese Manifestationen (nicht Fulgurationen) unsres Gottes
mit Freuden beschauen und mich belehren, wer in der alten und neuen
Zeit dasselbe gefunden, gedacht, es von eben der Seite oder aus einem
wenig abweichenden Standpunkte betrachtet.
Bericht
August
Zu Anfang dieses Monats reifte bei mir der Vorsatz, noch den naechsten
Winter in Rom zu bleiben; Gefuehl und Einsicht, dass ich aus diesem
Zustande noch voellig unreif mich entfernen, auch dass ich nirgends
solchen Raum und solche Ruhe fuer den Abschluss meiner Werke finden
wuerde, bestimmten mich endlich; und nun, als ich solches nach Hause
gemeldet hatte, begann ein Zeitraum neuer Art.
Die grosse Hitze, welche sich nach und nach steigerte und einer allzu
raschen Taetigkeit Ziel und Mass gab, machte solche Raeume angenehm und
wuenschenswert, wo man seine Zeit nuetzlich in Ruh' und Kuehlung
zubringen konnte. Die Sixtinische Kapelle gab hiezu die schoenste
Gelegenheit. Gerade zu dieser Zeit hatte Michelangelo aufs neue die
Verehrung der Kuenstler gewonnen; neben seinen uebrigen grossen
Eigenschaften sollt' er sogar auch im Kolorit nicht uebertroffen worden
sein, und es wurde Mode, zu streiten, ob er oder Raffael mehr Genie
gehabt. Die Transfiguration des letzteren wurde mitunter sehr strenge
getadelt und die Disputa das beste seiner Werke genannt; wodurch sich
denn schon die spaeter aufgekommene Vorliebe fuer Werke der alten Schule
ankuendigte, welche der stille Beobachter nur fuer ein Symptom halber
und unfreier Talente betrachten und sich niemals damit befreunden
konnte.
Es ist so schwer, ein grosses Talent zu fassen, geschweige denn zwei
zugleich. Wir erleichtern uns dieses durch Parteilichkeit; deshalb
denn die Schaetzung von Kuenstlern und Schriftstellern immer schwankt
und einer oder der andere immer ausschliesslich den Tag beherrscht.
Mich konnten dergleichen Streitigkeiten nicht irremachen, da ich sie
auf sich beruhen liess und mich mit unmittelbarer Betrachtung alles
Werten und Wuerdigen beschaeftigte. Diese Vorliebe fuer den grossen
Florentiner teilte sich von den Kuenstlern gar bald auch den Liebhabern
mit, da denn auch gerade zu jener Zeit Bury und Lips Aquarellkopien in
der Sixtinischen Kapelle fuer Grafen Fries zu fertigen hatten. Der
Kustode ward gut bezahlt, er liess uns durch die Hintertuer neben dem
Altar hinein, und wir hauseten darin nach Belieben. Es fehlte nicht
an einiger Nahrung, und ich erinnere mich, ermuedet von grosser
Tageshitze, auf dem paepstlichen Stuhle einem Mittagsschlaf nachgegeben
zu haben.
Sorgfaeltige Durchzeichnungen der unteren Koepfe und Figuren des
Altarbildes, die man mit der Leiter erreichen konnte, wurden gefertigt,
erst mit weisser Kreide auf schwarze Florrahmen, dann mit Roetel auf
grosse Papierbogen durchgezeichnet.
Ebnermassen ward denn auch, indem man sich nach dem Altern hinwendete,
Leonard da Vinci beruehmt, dessen hochgeschaetztes Bild, Christus unter
den Pharisaeern, in der Galerie Aldobrandini ich mit Angelika besuchte.
Es war herkoemmlich geworden, dass sie Sonntag um Mittag mit ihrem
Gemahl und Rat Reiffenstein bei mir vorfuhr und wir sodann mit
moeglichster Gemuetsruhe uns durch eine Backofenhitze in irgendeine
Sammlung begaben, dort einige Stunden verweilten und sodann zu einer
wohlbesetzten Mittagstafel bei ihr einkehrten. Es war vorzueglich
belehrend, mit diesen drei Personen, deren eine jede in ihrer Art
theoretisch, praktisch, aesthetisch und technisch gebildet war, sich in
Gegenwart so bedeutender Kunstwerke zu besprechen.
Ritter Worthley, der aus Griechenland zurueckgekommen war, liess uns
wohlwollend seine mitgebrachten Zeichnungen sehen, unter welchen die
Nachbildungen der Arbeiten des Phidias im Fronton der Akropolis einen
entschiedenen und unausloeschlichen Eindruck in mir zurueckliessen, der
um desto staerker war, als ich, durch die maechtigen Gestalten des
Michelangelo veranlasst, dem menschlichen Koerper mehr als bisher
Aufmerksamkeit und Studium zugewendet hatte.
Eine bedeutende Epoche jedoch in dem regsamen Kunstleben machte die
Ausstellung der franzoesischen Akademie zu Ende des Monats. Durch
Davids "Horatier" hatte sich das uebergewicht auf die Seite der
Franzosen hingeneigt. Tischbein wurde dadurch veranlasst, seinen
"Hektor, der den Paris in Gegenwart der Helena auffordert", lebensgross
anzufangen. Durch Drouais, Gagneraux, Desmarais, Gauffier, St. Ours
erhaelt sich nunmehr der Ruhm der Franzosen, und Boquet erwirbt als
Landschaftsmaler im Sinne Poussins einen guten Namen.
Indessen hatte Moritz sich um die alte Mythologie bemueht; er war nach
Rom gekommen, um nach frueherer Art durch eine Reisebeschreibung sich
die Mittel einer Reise zu verschaffen. Ein Buchhaendler hatte ihm
Vorschuss geleistet; aber bei seinem Aufenthalt in Rom wurde er bald
gewahr, dass ein leichtes loses Tagebuch nicht ungestraft verfasst
werden koenne. Durch tagtaegliche Gespraeche, durch Anschauen so vieler
wichtiger Kunstwerke regte sich in ihm der Gedanke, eine Goetterlehre
der Alten in rein menschlichem Sinne zu schreiben und solche mit
belehrenden Umrissen nach geschnittenen Steinen kuenftig herauszugeben
Er arbeitete fleissig daran, und unser Verein ermangelte nicht, sich
mit demselben einwirkend darueber zu unterhalten.
Eine hoechst angenehme, belehrende Unterhaltung, mit meinen Wuenschen
und Zwecken unmittelbar zusammentreffend, knuepfte ich mit dem
Bildhauer Trippel in seiner Werkstatt an, als er meine Bueste
modellierte, welche er fuer den Fuersten von Waldeck in Marmor
ausarbeiten sollte. Gerade zum Studium der menschlichen Gestalt, und
um ueber ihre Proportionen als Kanon und als abweichender Charakter
aufgeklaert zu werden, war nicht wohl unter andern Bedingungen zu
kommen. Dieser Augenblick ward auch doppelt interessant dadurch, dass
Trippel von einem Apollokopf Kenntnis erhielt, der sich in der
Sammlung des Palasts Giustiniani bisher unbeachtet befunden hatte. Er
hielt denselben fuer eins der edelsten Kunstwerke und hegte Hoffnung,
ihn zu kaufen, welches jedoch nicht gelang. Diese Antike ist seitdem
beruehmt geworden und spaeter an Herrn von Pourtales nach Neufchatel
gekommen.
Aber wie derjenige, der sich einmal zur See wagt, durch Wind und
Wetter bestimmt wird, seinen Lauf bald dahin, bald dorthin zu nehmen,
so erging es auch mir. Verschaffelt eroeffnete einen Kurs der
Perspektive, wo wir uns des Abends versammelten und eine zahlreiche
Gesellschaft auf seine Lehren horchte und sie unmittelbar ausuebte.
Das Vorzueglichste war dabei, dass man gerade das Hinreichende und nicht
zuviel lernte.
Aus dieser kontemplativ taetigen, geschaeftigen Ruhe haette man mich
gerne herausgerissen. Das unglueckliche Konzert war in Rom, wo das
Hin--und Widerreden des Tags wie an kleinen Orten herkoemmlich ist,
vielfach besprochen; man war auf mich und meine schriftstellerischen
Arbeiten aufmerksam geworden; ich hatte die "Iphigenie" und sonstiges
unter Freunden vorgelesen, worueber man sich gleichfalls besprach.
Kardinal Buoncompagni verlangte, mich zu sehen, ich aber hielt fest in
meiner wohlbekannten Einsiedelei, und ich konnte dies um so eher, als
Rat Reiffenstein fest und eigensinnig behauptete, da ich mich durch
ihn nicht habe praesentieren lassen, so koenne es kein anderer tun.
Dies gereichte mir sehr zum Vorteil, und ich benutzte immer sein
Ansehn, um mich in einmal gewaehlter und ausgesprochener
Abgeschiedenheit zu erhalten.
September
Korrespondenz
Den 1. September 1787
Heute, kann ich sagen, ist "Egmont" fertig geworden; ich habe diese
Zeit her immer noch hier und da daran gearbeitet. Ich schicke ihn
ueber Zuerich, denn ich wuensche, dass Kayser Zwischenakte dazu und was
sonst von Musik noetig ist, komponieren moege. Dann wuensch' ich euch
Freude daran.
Meine Kunststudien gehen sehr vorwaerts, mein Prinzip passt ueberall und
schliesst mir alles auf. Alles, was Kuenstler nur einzeln muehsam
zusammensuchen muessen, liegt nun zusammen offen und frei vor mir. Ich
sehe jetzt, wie viel ich nicht weiss, und der Weg ist offen, alles zu
wissen und zu begreifen.
Moritzen hat Herders Gotteslehre sehr wohl getan, er zaehlt gewiss
Epoche seines Lebens davon, er hat sein Gemuet dahin geneigt und war
durch meinen Umgang vorbereitet, er schlug gleich wie wohl getrocknet
Holz in lichte Flammen.
Rom, den 3. September.
Heute ist es jaehrig, dass ich mich aus Karlsbad entfernte. Welch ein
Jahr! und welch eine sonderbare Epoche fuer mich dieser Tag, des
Herzogs Geburtstag und ein Geburtstag fuer mich zu einem neuen Leben.
Wie ich dieses Jahr genutzt, kann ich jetzt weder mir noch andern
berechnen; ich hoffe, es wird die Zeit kommen, die schoene Stunde, da
ich mit euch alles werde summieren koennen.
Jetzt gehn hier erst meine Studien an, und ich haette Rom gar nicht
gesehen, wenn ich frueher weggegangen waere. Man denkt sich gar nicht,
was hier zu sehen und zu lernen ist; auswaerts kann man keinen Begriff
davon haben.
Ich bin wieder in die aegyptischen Sachen gekommen. Diese Tage war ich
einigemal bei dem grossen Obelisk, der noch zerbrochen zwischen Schutt
und Kot in einem Hofe liegt. Es war der Obelisk des Sesostris, in Rom
zu Ehren des Augusts aufgerichtet, und stand als Zeiger der grossen
Sonnenuhr, die auf dem Boden des Campus Martius gezeichnet war.
Dieses aelteste und herrlichste vieler Monumente liegt nun da
zerbrochen, einige Seiten (wahrscheinlich durchs Feuer) verunstaltet.
Und doch liegt es noch da, und die unzerstoerten Seiten sind noch
frisch, wie gestern gemacht und von der schoensten Arbeit (in ihrer
Art). Ich lasse jetzt eine Sphinx der Spitze und die Gesichter von
Sphinxen, Menschen, Voegeln abformen und in Gips giessen. Diese
unschaetzbaren Sachen muss man besitzen, besonders da man sagt, der
Papst wolle ihn aufrichten lassen, da man denn die Meroglyphen nicht
mehr erreichen kann. So will ich es auch mit den besten hetrurischen
Sachen tun u. s. w. Nun modelliere ich nach diesen Bildungen in Ton,
um mir alles recht eigen zu machen.
Den 5. September.
Ich muss an einem Morgen schreiben, der ein festlicher Morgen fuer mich
wird. Denn heute ist "Egmont" eigentlich recht voellig fertig geworden.
Der Titel und die Personen sind geschrieben und einige Luecken, die
ich gelassen hatte, ausgefuellt worden; nun freu' ich mich schon zum
voraus auf die Stunde, in welcher ihr ihn erhalten und lesen werdet.
Es sollen auch einige Zeichnungen beigelegt werden.
Den 6. September.
Ich hatte mir vorgenommen, euch recht viel zu schreiben und auf den
letzten Brief allerlei zu sagen, nun bin ich unterbrochen worden, und
morgen geh' ich nach Frascati. Dieser Brief muss Sonnabends fort, und
nun sag' ich nur noch zum Abschied wenige Worte. Wahrscheinlich habt
ihr jetzt auch schoenes Wetter, wie wir es unter diesem freieren Himmel
geniessen. Ich habe immer neue Gedanken, und da die Gegenstaende um
mich tausendfach sind, so wecken sie mich bald zu dieser, bald zu
jener Idee. Von vielen Wegen rueckt alles gleichsam auf einen Punkt
zusammen, ja, ich kann sagen, dass ich nun Licht sehe, wo es mit mir
und meinen Faehigkeiten hinaus will; so alt muss man werden, um nur
einen leidlichen Begriff von seinem Zustande zu haben. Es sind also
die Schwaben nicht allein, die vierzig Jahre brauchen, um klug zu
werden.
Ich hoere, dass Herder nicht wohl ist, und bin darueber in Sorge, ich
hoffe bald bessere Nachrichten zu vernehmen.
Mir geht es immer an Leib und Seele gut, und fast kann ich hoffen,
radikaliter kuriert zu werden; alles geht mir leicht von der Hand, und
manchmal kommt ein Hauch der Jugendzeit, mich anzuwehen. "Egmont"
geht mit diesem Brief ab, wird aber spaeter kommen, weil ich ihn auf
die fahrende Post gebe. Recht neugierig und verlangend bin ich, was
ihr dazu sagen werdet.
Vielleicht waere gut, mit dem Druck bald anzufangen. Es wuerde mich
freuen, wenn das Stueck so frisch ins Publikum kaeme. Seht, wie ihr das
einrichtet, ich will mit dem Rest des Bandes nicht zurueckbleiben.
Der "Gott" leistet mir die beste Gesellschaft. Moritz ist dadurch
wirklich aufgebaut worden, es fehlte gleichsam nur an diesem Werke,
das nun als Schlussstein seine Gedanken schliesst, die immer auseinander
fallen wollten. Es wird recht brav. Mich hat er aufgemuntert, in
natuerlichen Dingen weiter vorzudringen, wo ich denn, besonders in der
Botanik, auf ein en kai pan gekommen bin, das mich in Erstaunen setzt;
wie weit es um sich greift, kann ich selbst noch nicht sehn.
Mein Prinzip, die Kunstwerke zu erklaeren und das auf einmal
aufzuschliessen, woran Kuenstler und Kenner sich schon seit der
Wiederherstellung der Kunst zersuchen und zerstudieren, find' ich bei
jeder Anwendung richtiger. Eigentlich ist's auch ein Kolumbisches Ei.
Ohne zu sagen, dass ich einen solchen Kapitalschluessel besitze,
sprech' ich nun die Teile zweckmaessig mit den Kuenstlern durch und sehe,
wie weit sie gekommen sind, was sie haben und wo es widerstoesst. Die
Tuere hab' ich offen und stehe auf der Schwelle und werde leider mich
von da aus nur im Tempel umsehen koennen und wieder scheiden.
So viel ist gewiss, die alten Kuenstler haben ebenso grosse Kenntnis der
Natur und einen ebenso sichern Begriff von dem, was sich vorstellen
laesst und wie es vorgestellt werden muss, gehabt als Homer. Leider ist
die Anzahl der Kunstwerke der ersten Klasse gar zu klein. Wenn man
aber auch diese sieht, so hat man nichts zu wuenschen, als sie recht zu
erkennen und dann in Friede hinzufahren. Diese hohen Kunstwerke sind
zugleich als die hoechsten Naturwerke von Menschen nach wahren und
natuerlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkuerliche,
Eingebildete faellt zusammen, da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.
In einigen Tagen werde ich die Arbeiten eines geschickten Architekten
sehen, der selbst in Palmyra war und die Gegenstaende mit grossem
Verstand und Geschmack gezeichnet hat. Ich gebe gleich Nachricht
davon und erwarte mit Verlangen eure Gedanken ueber diese wichtigen
Ruinen.
Freut euch mit mir, dass ich gluecklich bin, ja, ich kann wohl sagen,
ich war es nie in dem Masse: mit der groessten Ruhe und Reinheit eine
eingeborne Leidenschaft befriedigen zu koennen und von einem
anhaltenden Vergnuegen einen dauernden Nutzen sich versprechen zu
duerfen, ist wohl nichts Geringes. Koennte ich meinen Geliebten nur
etwas von meinem Genuss und meiner Empfindung mitteilen.
Ich hoffe, die trueben Wolken am politischen Himmel sollen sich
zerstreuen. Unsre modernen Kriege machen viele ungluecklich, indessen
sie dauern, und niemand gluecklich, wenn sie vorbei sind.
Den 17. September 1787
Es bleibt wohl dabei, meine Lieben, dass ich ein Mensch bin, der von
der Muehe lebt. Diese Tage her habe ich wieder mehr gearbeitet als
genossen. Nun geht die Woche zu Ende und ihr sollt ein Blatt haben.
Es ist ein Leid, dass die Aloe in Belvedere eben das Jahr meiner
Abwesenheit waehlt, um zu bluehen. In Sizilien war ich zu frueh, hier
blueht dies Jahr nur eine, nicht gross, und sie steht so hoch, dass man
nicht dazu kann. Es ist allerdings ein indianisch Gewaechs auch in
diesen Gegenden nicht recht zu Hause.
Des Englaenders Beschreibungen machen mir wenig Freude. Die
Geistlichen muessen sich in England sehr in acht nehmen, dagegen haben
sie auch das uebrige Publikum in der Flucht. Der freie Englaender muss
in sittlichen Schriften sehr eingeschraenkt einhergehn.
Die Schwanzmenschen wundern mich nicht, nach der Beschreibung ist es
etwas sehr Natuerliches. Es stehen weit wunderbarere Sachen taeglich
vor unsern Augen, die wir nicht achten, weil sie nicht so nah mit uns
verwandt sind.
Dass B. wie mehr Menschen, die kein Gefuehl echter Gottesverehrung
waehrend ihres Lebens gehabt haben, in ihrem Alter fromm werden, wie
man's heisst, ist auch recht gut, wenn man nur sich nicht mit ihnen
erbauen soll.
Einige Tage war ich in Frascati mit Rat Reiffenstein, Angelika kam
Sonntags, uns abzuholen. Es ist ein Paradies.
"Erwin und Elmire" ist zur Haelfte schon umgeschrieben. Ich habe
gesucht dem Stueckchen mehr Interesse und Leben zu verschaffen und habe
den aeusserst platten Dialog ganz weggeschmissen. Es ist Schuelerarbeit
oder vielmehr Sudelei. Die artigen Gesaenge, worauf sich alles dreht,
bleiben alle, wie natuerlich.
Die Kuenste werden auch fortgetrieben, dass es saust und braust.
Meine Bueste ist sehr gut geraten; jedermann ist damit zufrieden.
Gewiss ist sie in einem schoenen und edlen Stil gearbeitet, und ich habe
nichts dagegen, dass die Idee, als haette ich so ausgesehen, in der Welt
bleibt. Sie wird nun gleich in Marmor angefangen und zuletzt auch in
den Marmor nach der Natur gearbeitet. Der Transport ist so laestig,
sonst schickte ich gleich einen Abguss; vielleicht einmal mit einem
Schiffstransport, denn einige Kisten werd' ich doch zuletzt
zusammenpacken.
Ist denn Kranz noch nicht angekommen, dem ich eine Schachtel fuer die
Kinder mitgab?
Sie haben jetzt wieder eine gar graziose Operette auf dem Theater in
Valle, nachdem zwei jaemmerlich verunglueckt waren. Die Leute spielen
mit viel Lust, und es harmoniert alles zusammen. Nun wird es bald
aufs Land gehen. Es hat einigemal geregnet, das Wetter ist abgekuehlt,
und die Gegend macht sich wieder gruen.
Von der grossen Eruption des aetna werden euch die Zeitungen gesagt
haben oder sagen.
Den 15. September.
Nun hab' ich auch Trencks Leben gelesen. Es ist interessant genug,
und lassen sich Reflexionen genug darueber machen.
Mein naechster Brief wird meine Bekanntschaft mit einem merkwuerdigen
Reisenden erzaehlen, die ich morgen machen soll.
Freuet euch uebrigens meines hiesigen Aufenthalts! Rom ist mir nun
ganz familiaer, und ich habe fast nichts mehr drin, was mich
ueberspannte. Die Gegenstaende haben mich nach und nach zu sich
hinaufgehoben. Ich geniesse immer reiner, immer mit mehr Kenntnis, das
gute Glueck wird immer weiter helfen.
Pages:
1 |
2 |
3 | 4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17