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Italienische Reise Teil 2

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Hier liegt ein Blatt bei, das ich, abgeschrieben, den Freunden
mitzuteilen bitte. Auch darum ist der Aufenthalt in Rom so
interessant, weil es ein Mittelpunkt ist, nach dem sich so vieles
hinzieht. Die Sachen des Cassas sind ausserordentlich schoen. Ich habe
ihm manches in Gedanken gestohlen, das ich euch mitbringen will.

Ich bin immer fleissig. Nun hab' ich ein Koepfchen nach Gips gezeichnet,
um zu sehen, ob mein Prinzipium Stich haelt. Ich finde, es passt
vollkommen und erleichtert erstaunend das Machen. Man wollte nicht
glauben, dass ich's gemacht habe, und doch ist es noch nichts. Ich
sehe nun wohl, wie weit sich's mit Applikation bringen liesse.

Montag geht es wieder nach Frascati. Ich will sorgen, dass doch heute
ueber acht Tage ein Brief abgehen kann. Dann werd' ich wohl nach
Albano gehen. Es wird recht fleissig nach der Natur gezeichnet werden.
Ich mag nun von gar nichts mehr wissen, als etwas hervorzubringen und
meinen Sinn recht zu ueben. Ich liege an dieser Krankheit von Jugend
auf krank, und gebe Gott, dass sie sich einmal aufloese.


Den 22. September.

Gestern war eine Prozession, wo sie das Blut des heiligen Franziskus
herumtrugen; ich spekulierte auf Koepfe und Gesichter, indes die Reihen
von Ordensgeistlichen vorbeizogen.

Ich habe mir eine Sammlung von zweihundert der besten
Antikengemmen-Abdruecke angeschafft. Es ist das Schoenste, was man von
alter Arbeit hat, und zum Teil sind sie auch wegen der artigen
Gedanken gewaehlt. Man kann von Rom nichts Kostbareres mitnehmen,
besonders da die Abdruecke so ausserordentlich schoen und scharf sind.

Wie manches Gute werd' ich mitbringen, wenn ich mit meinem Schiffchen
zurueckkehre, doch vor allem ein froehliches Herz, faehiger, das Glueck,
was mir Liebe und Freundschaft zudenkt, zu geniessen. Nur muss ich
nichts wieder unternehmen, was ausser dem Kreise meiner Faehigkeit liegt,
wo ich mich nur abarbeite und nichts fruchte.


Den 22. September.

Noch ein Blatt, meine Lieben, muss ich euch mit dieser Post eilig
schicken. Heute war mir ein sehr merkwuerdiger Tag. Briefe von vielen
Freunden, von der Herzogin-Mutter, Nachricht von meinem gefeierten
Geburtsfeste und endlich meine Schriften.

Es ist mir wirklich sonderbar zumute, dass diese vier zarten Baendchen,
die Resultate eines halben Lebens, mich in Rom aufsuchen. Ich kann
wohl sagen: es ist kein Buchstabe drin, der nicht gelebt, empfunden,
genossen, gelitten, gedacht waere, und sie sprechen mich nun alle desto
lebhafter an. Meine Sorge und Hoffnung ist, dass die vier folgenden
nicht hinter diesen bleiben. Ich danke euch fuer alles, was ihr an
diesen Blaettern getan habt, und wuensche euch auch Freude bringen zu
koennen. Sorgt auch fuer die folgenden mit treuen Herzen!

Ihr vexiert mich ueber die Provinzen, und ich gestehe, der Ausdruck ist
sehr uneigentlich. Da kann man aber sehen, wie man sich in Rom
angewoehnt, alles grandios zu denken. Wirklich schein' ich mich zu
nationalisieren, denn man gibt den Roemern schuld, dass sie nur von cose
grosse wissen und reden moegen.

Ich bin immer fleissig und halte mich nun an die menschliche Figur. O
wie weit und lang ist die Kunst, und wie unendlich wird die Welt, wenn
man sich nur einmal recht ans Endliche halten mag.

Dienstag, den 25., geh' ich nach Frascati und werde auch dort muehen
und arbeiten. Es faengt nun an zu gehen. Wenn es nur einmal recht
ginge.

Mir ist aufgefallen, dass in einer grossen Stadt, in einem weiten Kreis
auch der aermste, der Geringste sich empfindet, und an einem kleinen
Orte der Beste, der Reichste sich nicht fuehlen, nicht Atem schoepfen
kann.


Frascati, den 28. September 1787.

Ich bin hier sehr gluecklich, es wird den ganzen Tag bis in die Nacht
gezeichnet, gemalt, getuscht, geklebt, Handwerk und Kunst recht ex
professo getrieben. Rat Reiffenstein, mein Wirt, leistet Gesellschaft,
und wir sind munter und lustig. Abends werden die Villen im
Mondschein besucht, und sogar im Dunkeln die frappantesten Motive
nachgezeichnet. Einige haben wir aufgejagt, die ich nur einmal
auszufuehren wuensche. Nun hoff' ich, dass auch die Zeit des Vollendens
kommen wird. Die Vollendung liegt nur zu weit, wenn man weit sieht.

Gestern fuhren wir nach Albano und wieder zurueck; auch auf diesem Wege
sind viele Voegel im Fluge geschossen worden. Hier, wo man recht in
der Fuelle sitzt, kann man sich was zugute tun, auch brenne ich recht
vor Leidenschaft, mir alles zuzueignen, und ich fuehle, dass sich mein
Geschmack reinigt, nach dem Masse, wie meine Seele mehr Gegenstaende
fasst. Wenn ich nur statt all des Redens einmal etwas Gutes schicken
koennte! Einige Kleinigkeiten gehen mit einem Landsmann an euch ab.

Wahrscheinlich hab' ich die Freude, Kaysern in Rom zu sehen. So wird
sich denn auch noch die Musik zu mir gesellen, um den Reihen zu
schliessen, den die Kuenste um mich ziehen, gleichsam als wollten sie
mich verhindern, nach meinen Freunden zu sehen. Und doch darf ich
kaum das Kapitel beruehren, wie sehr allein ich mich oft fuehle, und
welche Sehnsucht mich ergreift, bei euch zu sein. Ich lebe doch nur
im Grunde im Taumel weg, will und kann nicht weiter denken.

Mit Moritz hab' ich recht gute Stunden, und habe angefangen, ihm mein
Pflanzensystem zu erklaeren, und jedesmal in seiner Gegenwart
aufzuschreiben, wie weit wir gekommen sind. Auf diese Art konnt' ich
allein etwas von meinen Gedanken zu Papier bringen. Wie fasslich aber
das Abstrakteste von dieser Vorstellungsart wird, wenn es mit der
rechten Methode vorgetragen wird und eine vorbereitete Seele findet,
seh' ich an meinem neuen Schueler. Er hat eine grosse Freude daran und
ruckt immer selbst mit Schluessen vorwaerts. Doch auf alle Faelle ist's
schwer zu schreiben und unmoeglich aus dem blossen Lesen zu begreifen,
wenn auch alles noch so eigentlich und scharf geschrieben waere.

So lebe ich denn gluecklich, weil ich in dem bin, was meines Vaters ist.
Gruesst alle, die mir's goennen und mir direkt oder indirekt helfen,
mich foerdern und erhalten!






Bericht

September

Der dritte September war mir heute doppelt und dreifach merkwuerdig, um
ihn zu feiern. Es war der Geburtstag meines Fuersten, welcher eine
treue Neigung mit so mannigfaltigem Guten zu erwidern wusste; es war
der Jahrestag meiner Hegire von Karlsbad, und noch durfte ich nicht
zurueckschauen, was ein so bedeutend durchlebter, voellig fremder
Zustand auf mich gewirkt, mir gebracht und verliehen; wie mir auch
nicht Raum zu vielem Nachdenken uebrigblieb.

Rom hat den eignen grossen Vorzug, dass es als Mittelpunkt
kuenstlerischer Taetigkeit anzusehen ist. Gebildete Reisende sprechen
ein, sie sind ihrem kuerzeren oder laengeren Aufenthalte hier gar vieles
schuldig; sie ziehen weiter, wirken und sammeln, und wenn sie
bereichert nach Hause kommen, so rechnen sie sich's zur Ehre und
Freude, das Erworbene auszulegen und ein Opfer der Dankbarkeit ihren
entfernten und gegenwaertigen Lehrern darzubringen.

Ein franzoesischer Architekt mit Namen Cassas kam von seiner Reise in
den Orient zurueck; er hatte die wichtigsten alten Monumente, besonders
die noch nicht herausgegebenen, gemessen, auch die Gegenden, wie sie
anzuschauen sind, gezeichnet, nicht weniger alte zerfallene und
zerstoerte Zustaende bildlich wiederhergestellt und einen Teil seiner
Zeichnungen, von grosser Praezision und Geschmack, mit der Feder
umrissen und mit Aquarellfarben belebt dem Auge dargestellt.

1. Das Serail von Konstantinopel von der Seeseite mit einem Teil der
Stadt und der Sophienmoschee. Auf der reizendsten Spitze von Europa
ist der Wohnort des Grossherrn so lustig angebaut, als man es nur
denken kann. Hohe und immer respektierte Baeume stehen in grossen,
meist verbundenen Gruppen hintereinander, darunter sieht man nicht
etwa grosse Mauern und Palaeste, sondern Haeuschen, Gitterwerke, Gaenge,
Kiosken, ausgespannte Teppiche, so haeuslich, klein und freundlich
durcheinander gemischt, dass es eine Lust ist. Da die Zeichnung mit
Farben ausgefuehrt ist, macht es einen gar freundlichen Effekt. Eine
schoene Strecke Meer bespuelt die so bebaute Kueste. Gegenueber liegt
Asien, und man sieht in die Meerenge, die nach den Dardanellen fuehrt.
Die Zeichnung ist bei sieben Fuss lang und drei bis vier hoch.

2. Generalaussicht der Ruinen von Palmyra, in derselben Groesse.

Er zeigte uns vorher einen Grundriss der Stadt, wie er ihn aus den
Truemmern herausgesucht.

Eine Kolonnade, auf eine italienische Meile lang, ging vorn Tore durch
die Stadt bis zum Sonnentempel, nicht in ganz gerader Linie, sie macht
in der Mitte ein sanftes Knie. Die Kolonnade war von vier
Saeulenreihen, die Saeule zehn Diameter hoch. Man sieht nicht, dass sie
oben bedeckt gewesen; er glaubt, es sei durch Teppiche geschehen. Auf
der grossen Zeichnung erscheint ein Teil der Kolonnade noch aufrecht
stehend im Vordergrunde. Eine Karawane, die eben quer durchzieht, ist
mit vielem Glueck angebracht. Im Hintergrunde steht der Sonnentempel,
und auf der rechten Seite zieht sich eine grosse Flaeche hin, auf
welcher einige Janitscharen in Karriere forteilen. Das sonderbarste
Phaenomen ist: eine blaue Linie wie eine Meereslinie schliesst das Bild.
Er erklaerte es uns, dass der Horizont der Wueste, der in der Ferne blau
werden muss, so voellig wie das Meer den Gesichtskreis schliesst, dass es
ebenso in der Natur das Auge truegt, wie es uns im Bilde anfangs
getrogen, da wir doch wussten, dass Palmyra vom Meer entfernt genug sei.

3. Graeber von Palmyra.

4. Restauration des Sonnentempels zu Balbeck, auch eine Landschaft mit
den Ruinen, wie sie stehen.

5. Die grosse Moschee zu Jerusalem, auf den Grund des Salomonischen
Tempels gebaut.

6. Ruinen eines kleinen Tempels in Phoenizien.

7. Gegend am Fusse des Bergs Libanon, anmutig, wie man sich denken mag.
Ein Pinienwaeldchen, ein Wasser, daran Haengeweiden und Graeber drunter,
der Berg in der Entfernung.

8. Tuerkische Graeber. Jeder Grabstein traegt den Hauptschmuck des
Verstorbenen, und da sich die Tuerken durch den Kopfschmuck
unterscheiden, so sieht man gleich die Wuerde des Begrabenen. Auf den
Graebern der Jungfrauen werden Blumen mit grosser Sorgfalt erzogen.

9. AEgyptische Pyramide mit dem grossen Sphinxkopfe. Er sei, sagt
Cassas, in einen Kalkfelsen gehauen, und weil derselbe Spruenge gehabt
und Ungleichheiten, habe man den Koloss mit Stuck ueberzogen und gemalt,
wie man noch in den Falten des Kopfschmuckes bemerke. Eine
Gesichtspartie ist etwa zehn Schuh hoch. Auf der Unterlippe hat er
bequem spazieren koennen.

10. Eine Pyramide, nach einigen Urkunden, Anlaessen und Mutmassungen
restauriert. Sie hat von vier Seiten vorspringende Hallen mit
danebenstehenden Obelisken; nach den Hallen gehen Gaenge hin, mit
Sphinxen besetzt, wie sich solche noch in Oberaegypten befinden. Es
ist diese Zeichnung die ungeheuerste Architekturidee, die ich
zeitlebens gesehen, und ich glaube nicht, dass man weiter kann.

Abends, nachdem wir alle diese schoenen Sachen mit behaglicher Musse
betrachtet, gingen wir in die Gaerten auf dem Palatin, wodurch die
Raeume zwischen den Ruinen der Kaiserpalaeste urbar und anmutig gemacht
worden. Dort auf einem freien Gesellschaftsplatze, wo man unter
herrlichen Baeumen die Fragmente verzierter Kapitaeler, glatter und
kannelierter Saeulen, zerstueckte Basreliefe und was noch der Art im
weiten Kreise umhergelegt hatte, wie man sonsten Tische, Stuehle und
Baenke zu heiterer Versammlung im Freien anzubringen pflegt--dort
genossen wir der reizenden Zeit nach Herzenslust, und als wir die
mannigfaltigste Aussicht mit frisch gewaschenen und gebildeten Augen
bei Sonnenuntergang ueberschauten, mussten wir gestehen, dass dieses Bild
auf alle die andern, die man uns heute gezeigt, noch recht gut
anzusehen sei. In demselbigen Geschmack von Cassas gezeichnet und
gefaerbt, wuerde es ueberall Entzuecken erregen. Und so wird uns durch
kuenstlerische Arbeiten nach und nach das Auge so gestimmt, dass wir fuer
die Gegenwart der Natur immer empfaenglicher und fuer die Schoenheiten,
die sie darbietet, immer offener werden.



Der Palatin. Zeichnung von Goethe

Nun aber musste des naechsten Tages uns zu scherzhaften Unterhaltungen
dienen, dass gerade das, was wir bei dem Kuenstler Grosses und
Grenzenloses gesehen, uns in eine niedrige, unwuerdige Enge zu begeben
veranlassen sollte. Die herrlichen aegyptischen Denkmale erinnerten
uns an den maechtigen Obelisk, der auf dem Marsfelde, durch August
errichtet, als Sonnenweiser diente, nunmehr aber in Stuecken, umzaeunt
von einem Bretterverschlag, in einem schmutzigen Winkel auf den kuehnen
Architekten wartete, der ihn aufzuerstehen berufen moechte. (NB. Jetzt
ist er auf dem Platz Monte Citorio wieder aufgerichtet und dient wie
zur Roemerzeit abermals als Sonnenweiser.) Er ist aus dem echtesten
aegyptischen Granit gehauen, ueberall mit zierlichen naiven Figuren,
obgleich in dem bekannten Stil, uebersaeet. Merkwuerdig war es, als wir
neben der sonst in die Luft gerichteten Spitze standen, auf den
Zuschaerfungen derselben Sphinx nach Sphinxen auf das zierlichste
abgebildet zu sehen, frueher keinem menschlichen Auge, sondern nur den
Strahlen der Sonne erreichbar. Hier tritt der Fall ein, dass das
Gottesdienstliche der Kunst nicht auf einen Effekt berechnet ist, den
es auf den menschlichen Anblick machen soll. Wir machten Anstalt,
diese heiligen Bilder abgiessen zu lassen, um das bequem nah vor Augen
zu sehen, was sonst gegen die Wolkenregion hinaufgerichtet war.

In dem widerwaertigen Raume, worin wir uns mit dem wuerdigsten Werke
befanden, konnten wir uns nicht entbrechen, Rom als ein Quodlibet
anzusehen, aber als ein einziges in seiner Art: denn auch in diesem
Sinne hat diese ungeheure Lokalitaet die groessten Vorzuege. Hier brachte
der Zufall nichts hervor, er zerstoerte nur; alles auf den Fuessen
Stehende ist herrlich, alles Zertruemmerte ist ehrwuerdig, die Unform
der Ruinen deutet auf uralte Regelmaessigkeit, welche sich in neuen
grossen Formen der Kirchen und Palaeste wieder hervortat.

Jene bald gefertigten Abguesse brachten in Erinnerung, dass in der
grossen Dehnischen Pastensammlung, wovon die Abdruecke im ganzen und
teilweise verkaeuflich waren, auch einiges aegyptische zu sehen sei; und
wie sich denn eins aus dem andern ergibt, so waehlte ich aus gedachter
Sammlung die vorzueglichsten und bestellte solche bei den Inhabern.
Solche Abdruecke sind der groesste Schatz und ein Fundament, das der in
seinen Mitteln beschraenkte Liebhaber zu kuenftigem grossen
mannigfaltigen Vorteil bei sich niederlegen kann.

Die vier ersten Baende meiner Schriften bei Goeschen waren angekommen
und das Prachtexemplar sogleich in die Haende Angelikas gegeben, die
daran ihre Muttersprache aufs neue zu beloben Ursach' zu finden
glaubte.

Ich aber durfte den Betrachtungen nicht nachhaengen, die sich mir bei
dem Rueckblick auf meine frueheren Taetigkeiten lebhaft aufdraengen. Ich
wusste nicht, wie weit der eingeschlagene Weg mich fuehren wuerde, ich
konnte nicht einsehen, inwiefern jenes fruehere Bestreben gelingen und
wiefern der Erfolg dieses Sehnens und Wandelns die aufgewendete Muehe
belohnen wuerde.

Aber es blieb mir auch weder Zeit noch Raum, rueckwaerts zu schauen und
zu denken. Die ueber organische Natur, deren Bilden und Umbilden mir
gleichsam eingeimpften Ideen erlaubten keinen Stillstand, und indem
mir Nachdenkendem eine Folge nach der andern sich entwickelte, so
bedurfte ich zu eigner Ausbildung taeglich und stuendlich irgendeiner
Art von Mitteilung. Ich versuchte es mit Moritz und trug ihm, soviel
ich vermochte, die Metamorphose der Pflanzen vor; und er, ein
seltsames Gefaess, das, immer leer und inhaltsbeduerftig, nach
Gegenstaenden lechzte, die er sich aneignen koennte, griff redlich mit
ein, dergestalt wenigstens, dass ich meine Vortraege fortzusetzen Mut
behielt.

Hier aber kam uns ein merkwuerdiges Buch, ich will nicht fragen, ob
zustatten, aber doch zu bedeutender Anregung: Herders Werk, das, unter
einem lakonischen Titel, ueber Gott und goettliche Dinge die
verschiedenen Ansichten in Gespraechsform vorzutragen bemueht war. Mich
versetzte diese Mitteilung in jene Zeiten, wo ich an der Seite des
trefflichen Freundes ueber diese Angelegenheiten mich muendlich zu
unterhalten oft veranlasst war. Wundersam jedoch kontrastierte dieser
in den hoechsten frommen Betrachtungen versierende Band mit der
Verehrung, zu der uns das Fest eines besondern Heiligen aufrief.

Am 21. September ward das Andenken des heiligen Franziskus gefeiert
und sein Blut in langgedehnter Prozession von Moenchen und Glaeubigen in
der Stadt umhergetragen. Aufmerksam ward ich bei dem Vorbeiziehen so
vieler Moenche, deren einfache Kleidung das Auge nur auf die
Betrachtung des Kopfes hinzog. Es war mir auffallend, dass eigentlich
Haar und Bart dazu gehoeren, um sich von dem maennlichen Individuum
einen Begriff zu machen. Erst mit Aufmerksamkeit, dann mit Erstaunen
musterte ich die vor mir vorueberziehende Reihe und war wirklich
entzueckt, zu sehen, dass ein Gesicht, von Haar und Bart in einen Rahmen
eingefasst, sich ganz anders ausnahm, als das bartlose Volk umher. Und
ich konnte nun wohl finden, dass dergleichen Gesichter, in Gemaelden
dargestellt, einen ganz unnennbaren Reiz auf den Beschauer ausueben
mussten.

Hofrat Reiffenstein, welcher sein Amt, Fremde zu fuehren und zu
unterhalten, gehoerig ausstudiert hatte, konnte freilich im Laufe
seines Geschaefts nur allzubald gewahr werden, dass Personen, welche
wenig mehr nach Rom bringen als Lust zu sehen und sich zu zerstreuen,
mitunter an der grimmigsten Langweile zu leiden haben, indem ihnen die
gewohnte Ausfuellung muessiger Stunden in einem fremden Lande durchaus zu
fehlen pflegt. Auch war dem praktischen Menschenkenner gar wohl
bekannt, wie sehr ein blosses Beschauen ermuede, und wie noetig es sei,
seine Freunde durch irgendeine Selbsttaetigkeit zu unterhalten und zu
beruhigen. Zwei Gegenstaende hatte er sich deshalb ausersehn, worauf
er ihre Geschaeftigkeit zu richten pflegte: die Wachsmalerei und die
Pastenfabrikation. Jene Kunst, eine Wachsseife zum Bindemittel der
Farben anzuwenden, war erst vor kurzem wieder in den Gang gekommen,
und da es in der Kunstwelt hauptsaechlich darum zu tun ist, die
Kuenstler auf irgendeine Weise zu beschaeftigen, so gibt eine neue Art,
das Gewohnte zu tun, immer wieder frische Aufmerksamkeit und lebhaften
Anlass, etwas, was man auf die alte Weise zu unternehmen nicht Lust
haette, in einer neuen zu versuchen.

Das kuehne Unternehmen, fuer die Kaiserin Katharine die Raffaelschen
Logen in einer Kopie zu verwirklichen und die Wiederholung saemtlicher
Architektur mit der Fuelle ihrer Zieraten in Petersburg moeglich zu
machen, ward durch diese neue Technik beguenstigt, ja, waere vielleicht
ohne dieselbe nicht auszufuehren gewesen. Man liess dieselben Felder,
Wandteile, Sockel, Pilaster, Kapitaeler, Gesimse aus den staerksten
Bohlen und Kloetzen eines dauerhaften Kastanienholzes verfertigen,
ueberzog sie mit Leinwand, welche grundiert sodann der Enkaustik zur
sichern Unterlage diente. Dieses Werk, womit sich besonders
Unterberger nach Anleitung Reiffensteins mehrere Jahre beschaeftigt
hatte, mit grosser Gewissenhaftigkeit ausgefuehrt, war schon abgegangen,
als ich ankam, und es konnte mir nur, was von jenem grossen Unternehmen
uebrigblieb, bekannt und anschaulich werden.

Nun aber war durch eine solche Ausfuehrung die Enkaustik zu hohen Ehren
gelangt; Fremde von einigem Talent sollten praktisch damit bekannt
werden; zugerichtete Farbengarnituren waren um leichten Preis zu haben;
man kochte die Seife selbst, genug, man hatte immer etwas zu tun und
zu kramen, wo sich nur ein muessiger loser Augenblick zeigte. Auch
mittlere Kuenstler wurden als Lehrende und Nachhelfende beschaeftigt,
und ich habe wohl einigemal Fremde gesehen, welche ihre roemischen
enkaustischen Arbeiten hoechst behaglich als selbstverfertigt
einpackten und mit zurueck ins Vaterland nahmen.

Die andere Beschaeftigung, Pasten zu fabrizieren, war mehr fuer Maenner
geeignet. Ein grosses altes Kuechengewoelbe im Reiffensteinischen
Quartier gab dazu die beste Gelegenheit. Hier hatte man mehr als
noetigen Raum zu einem solchen Geschaeft. Die refraktaere, in Feuer
unschmelzbare Masse wurde aufs zarteste pulverisiert und durchgesiebt,
der daraus geknetete Teig in Pasten eingedruckt, sorgfaeltig getrocknet
und sodann, mit einem eisernen Ring umgeben, in die Glut gebracht,
ferner die geschmolzene Glasmasse darauf gedruckt, wodurch doch immer
ein kleines Kunstwerk zum Vorschein kam, das einen jeden freuen musste,
der es seinen eignen Fingern zu verdanken hatte.

Hofrat Reiffenstein, welcher mich zwar willig und geschaeftig in diese
Taetigkeiten eingefuehrt hatte, merkte gar bald, dass mir eine
fortgesetzte Beschaeftigung der Art nicht zusagte, dass mein
eigentlicher Trieb war, durch Nachbildung von Natur--und
Kunstgegenstaenden Hand und Augen moeglichst zu steigern. Auch war die
grosse Hitze kaum voruebergegangen, als er mich schon in Gesellschaft
von einigen Kuenstlern nach Frascati fuehrte, wo man in einem
wohleingerichteten Privathause Unterkommen und das naechste Beduerfnis
fand und nun, den ganzen Tag im Freien, sich abends gern um einen
grossen Ahorntisch versammelte. Georg Schuetz, ein Frankfurter,
geschickt, ohne eminentes Talent, eher einem gewissen anstaendigen
Behagen als anhaltender kuenstlerischer Taetigkeit ergeben, weswegen ihn
die Roemer auch il Barone nannten, begleitete mich auf meinen
Wanderungen und ward mir vielfach nuetzlich. Wenn man bedenkt, dass
Jahrhunderte hier im hoechsten Sinne architektonisch gewartet, dass auf
uebriggebliebenen maechtigen Substruktionen die kuenstlerischen Gedanken
vorzueglicher Geister sich hervorgehoben und den Augen dargestellt, so
wird man begreifen, wie sich Geist und Aug' entzuecken muessen, wenn man
unter jeder Beleuchtung diese vielfachen horizontalen und tausend
vertikalen Linien unterbrochen und geschmueckt wie eine stumme Musik
mit den Augen auffasst, und wie alles, was klein und beschraenkt in uns
ist, nicht ohne Schmerz erregt und ausgetrieben wird. Besonders ist
die Fuelle der Mondscheinbilder ueber alle Begriffe, wo das einzeln
Unterhaltende, vielleicht stoerend zu Nennende durchaus zuruecktritt und
nur die grossen Massen von Licht und Schatten ungeheuer anmutige,
symmetrisch harmonische Riesenkoerper dem Auge entgegentragen. Dagegen
fehlte es denn auch abends nicht an unterrichtender, oft aber auch
neckischer Unterhaltung.

So darf man nicht verschweigen, dass junge Kuenstler, die Eigenheiten
des wackern Reiffensteins, die man Schwachheiten zu nennen pflegt,
kennend und bemerkend, darueber sich oft im stillen scherzhaft und
spottend unterhielten. Nun war eines Abends der Apoll von Belvedere
als eine unversiegbare Quelle kuenstlerischer Unterhaltung wieder zum
Gespraech gelangt, und bei der Bemerkung, dass die Ohren an diesem
trefflichen Kopfe doch nicht sonderlich gearbeitet seien, kam die Rede
ganz natuerlich auf die Wuerde und Schoenheit dieses Organs, die
Schwierigkeit, ein schoenes in der Natur zu finden und es kuenstlerisch
ebenmaessig nachzubilden. Da nun Schuetz wegen seiner huebschen Ohren
bekannt war, ersuchte ich ihn, mir bei der Lampe zu sitzen, bis ich
das vorzueglich gut gebildete, es war ohne Frage das rechte, sorgfaeltig
abgezeichnet haette. Nun kam er mit seiner starren Modellstellung
gerade dem Rat Reiffenstein gegenueber zu sitzen, von welchem er die
Augen nicht abwenden konnte noch durfte. Jener fing nun an, seine
wiederholt angepriesenen Lehren vorzutragen: man muesste sich naemlich
nicht gleich unmittelbar an das Beste wenden, sondern erst bei den
Carraccis anfangen, und zwar in der Farnesischen Galerie, dann zum
Raffael uebergehen und zuletzt den Apoll von Belvedere so oft zeichnen,
bis man ihn auswendig kenne, da denn nicht viel Weiteres zu wuenschen
und zu hoffen sein wuerde.

Der gute Schuetz ward von einem solchen innerlichen Anfall von Lachen
ergriffen, den er aeusserlich kaum zu bergen wusste, welche Pein sich
immer vermehrte, je laenger ich ihn in ruhiger Stellung zu halten
trachtete. So kann sich der Lehrer, der Wohltaeter immer wegen seines
individuellen, unbillig aufgenommenen Zustandes einer spoettischen
Undankbarkeit erwarten.

Eine herrliche, obgleich nicht unerwartete Aussicht ward uns aus den
Fenstern der Villa des Fuersten Aldobrandini, der, gerade auf dem Lande
gegenwaertig, uns freundlich einlud und uns in Gesellschaft seiner
geistlichen und weltlichen Hausgenossen an einer gut besetzten Tafel
festlich bewirtete. Es laesst sich denken, dass man das Schloss
dergestalt angelegt hat, die Herrlichkeit der Huegel und des flachen
Landes mit einem Blick uebersehen zu koennen. Man spricht viel von
Lusthaeusern; aber man muesste von hier aus umherblicken, um sich zu
ueberzeugen, dass nicht leicht ein Haus lustiger gelegen sein koenne.



Hier aber finde ich mich gedraengt, eine Betrachtung einzufuegen, deren
ernste Bedeutung ich wohl empfehlen darf. Sie gibt Licht ueber das
Vorgetragene und verbreitet's ueber das Folgende; auch wird mancher
gute, sich heranbildende Geist Anlass daher zur Selbstpruefung gewinnen.

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