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Italienische Reise Teil 2

J >> Johann Wolfgang Goethe >> Italienische Reise Teil 2

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Lebhaft vordringende Geister begnuegen sich nicht mit dem Genusse, sie
verlangen Kenntnis. Diese treibt sie zur Selbsttaetigkeit, und wie es
ihr nun auch gelingen moege, so fuehlt man zuletzt, dass man nichts
richtig beurteilt, als was man selbst hervorbringen kann. Doch
hierueber kommt der Mensch nicht leicht ins klare, und daraus entstehen
gewisse falsche Bestrebungen, welche um desto aengstlicher werden, je
redlicher und reiner die Absicht ist. Indes fingen mir in dieser Zeit
an Zweifel und Vermutungen aufzusteigen, die mich mitten in diesen
angenehmen Zustaenden beunruhigten; denn ich musste bald empfinden, dass
der eigentliche Wunsch und die Absicht meines Hierseins schwerlich
erfuellt werden duerfte.



Nunmehr aber, nach Verlauf einiger vergnuegter Tage, kehrten wir nach
Rom zurueck, wo wir durch eine neue, hoechst anmutige Oper im hellen,
vollgedraengten Saal fuer die vermisste Himmelsfreiheit entschaedigt
werden sollten. Die deutsche Kuenstlerbank, eine der vordersten im
Parterre, war wie sonst dicht besetzt, und auch diesmal fehlte es
nicht an Beifallklatschen und Rufen, um sowohl wegen der gegenwaertigen
als vergangenen Genuesse unsre Schuldigkeit abzutragen. Ja, wir hatten
es erreicht, dass wir durch ein kuenstliches, erst leiseres, dann
staerkeres, zuletzt gebietendes Zitti-Rufen jederzeit mit dem Ritornell
einer eintretenden beliebten Arie oder sonst gefaelligen Partie das
ganze laut schwaetzende Publikum zum Schweigen brachten, weshalb uns
denn unsere Freunde von oben die Artigkeit erwiesen, die
interessantesten Exhibitionen nach unsrer Seite zu richten.






Oktober

Korrespondenz

Frascati, den 2. Oktober.

Ich muss beizeiten ein Blaettchen anfangen, wenn ihr es zur rechten Zeit
erhalten sollt. Eigentlich hab' ich viel und nicht viel zu sagen. Es
wird immerfort gezeichnet, und ich denke dabei im stillen an meine
Freunde. Diese Tage empfand ich wieder viel Sehnsucht nach Hause,
vielleicht eben, weil es mir hier so wohl geht und ich doch fuehle, dass
mir mein Liebstes fehlt.

Ich bin in einer recht wunderlichen Lage und will mich eben
zusammennehmen, jeden Tag nutzen, tun, was zu tun ist, und so diesen
Winter durch arbeiten.

Ihr glaubt nicht, wie nuetzlich, aber auch wie schwer es mir war,
dieses ganze Jahr absolut unter fremden Menschen zu leben, besonders
da Tischbein--dies sei unter uns gesagt--nicht so einschlug, wie ich
hoffte. Es ist ein wirklich guter Mensch, aber er ist nicht so rein,
so natuerlich, so offen wie seine Briefe. Seinen Charakter kann ich
nur muendlich schildern, um ihm nicht unrecht zu tun, und was will eine
Schilderung heissen, die man so macht! Das Leben eines Menschen ist
sein Charakter. Nun hab' ich Hoffnung, Kaysern zu besitzen, dieser
wird mir zu grosser Freude sein. Gebe der Himmel, dass sich nichts
dazwischen stelle!

Meine erste Angelegenheit ist und bleibt, dass ich es im Zeichnen zu
einem gewissen Grade bringe, wo man mit Leichtigkeit etwas macht und
nicht wieder zuruecklernt, noch so lange still steht, wie ich wohl
leider die schoenste Zeit des Lebens versaeumt habe. Doch muss man sich
selbst entschuldigen. Zeichnen, um zu zeichnen, waere wie reden, um zu
reden. Wenn ich nichts auszudruecken habe, wenn mich nichts anreizt,
wenn ich wuerdige Gegenstaende erst muehsam aufsuchen muss, ja, mit allem
Suchen sie kaum finde, wo soll da der Nachahmungstrieb herkommen? In
diesen Gegenden muss man zum Kuenstler werden, so dringt sich alles auf,
man wird voller und voller und gezwungen, etwas zu machen. Nach
meiner Anlage und meiner Kenntnis des Weges bin ich ueberzeugt, dass ich
hier in einigen Jahren sehr weit kommen muesste.

Ihr verlangt, meine Lieben, dass ich von mir selbst schreibe, und seht,
wie ich's tue; wenn wir wieder zusammenkommen, sollt ihr gar manches
hoeren. Ich habe Gelegenheit gehabt, ueber mich selbst und andre, ueber
Welt und Geschichte viel nachzudenken, wovon ich manches Gute,
wenngleich nicht Neue, auf meine Art mitteilen werde. Zuletzt wird
alles im "Wilhelm" gefasst und geschlossen.

Moritz ist bisher mein liebster Gesellschafter geblieben, ob ich
gleich bei ihm fuerchtete und fast noch fuerchte, er moechte aus meinem
Umgange nur klueger und weder richtiger, besser noch gluecklicher werden,
eine Sorge, die mich immer zurueckhaelt, ganz offen zu sein.

Auch im allgemeinen mit mehreren Menschen zu leben, geht mir ganz gut.
Ich sehe eines jeden Gemuetsart und Handelsweise. Der eine spielt
sein Spiel, der andre nicht, dieser wird vorwaerts kommen, jener
schwerlich. Einer sammelt, einer zerstreut. Einem genuegt alles, dem
andern nichts. Der hat Talent und uebt's nicht, jener hat keins und
ist fleissig etc. etc. Das alles sehe ich und mich mitten drin; es
vergnuegt mich und gibt mir, da ich keinen Teil an den Menschen, nichts
an ihnen zu verantworten habe, keinen boesen Humor. Nur alsdann, meine
Lieben, wenn jeder nach seiner Weise handelt und zuletzt noch
praetendiert, dass ein Ganzes werden, sein und bleiben solle, es
zunaechst von mir praetendiert, dann bleibt einem nichts uebrig, als zu
scheiden oder toll zu werden.


Albano, den 5. Oktober 1787.

Ich will sehen, dass ich diesen Brief noch zur morgenden Post nach Rom
schaffe, dass ich auf diesem Blatt nur den tausendsten Teil sage von
dem, was ich zu sagen habe.

Eure Blaetter hab' ich zu gleicher Zeit mit den "Zerstreuten", besser
"gesammelten Blaettern", den "Ideen" und den vier Saffianbaenden
erhalten, gestern, als ich im Begriff war, von Frascati abzufahren.
Es ist mir nun ein Schatz auf die ganze Villeggiatur.

"Persepolis" habe ich gestern nacht gelesen. Es freut mich unendlich,
und ich kann nichts dazusetzen, indem jene Art und Kunst nicht
heruebergekommen ist. Ich will nun die angefuehrten Buecher auf
irgendeiner Bibliothek sehen und euch aufs neue danken. Fahret fort,
ich bitte euch, oder fahret fort, weil ihr muesst, beleuchtet alles mit
eurem Lichte!

Die "Ideen", die Gedichte sind noch nicht beruehrt. Meine Schriften
moegen nun gehen, ich will treulich fortfahren. Die vier Kupfer zu den
letzten Baenden sollen hier werden.

Mit den Genannten war unser Verhaeltnis nur ein gutmuetiger
Waffenstillstand von beiden Seiten, ich habe das wohl gewusst, nur was
werden kann, kann werden. Es wird immer weitere Entfernung und
endlich, wenn's recht gut geht, leise, lose Trennung werden. Der eine
ist ein Narr, der voller Einfaltspraetensionen steckt. "Meine Mutter
hat Gaense" singt sich mit bequemerer Naivetaet als ein: "Allein Gott in
der Hoeh' sei Ehr." Er ist einmal auch ein--: "Sie lassen sich das Heu
und Stroh, das Heu und Stroh nicht irren" etc. etc. Bleibt von diesem
Volke! der erste Undank ist besser als der letzte. Der andere denkt,
er komme aus einem fremden Lande zu den Seinigen, und er kommt zu
Menschen, die sich selbst suchen, ohne es gestehn zu wollen. Er wird
sich fremd finden und vielleicht nicht wissen warum. Ich muesste mich
sehr irren, oder die Grossmut des Alcibiades ist ein
Taschenspielerstreich des Zuericher Propheten, der klug genug und
gewandt genug ist, grosse und kleine Kugeln mit unglaublicher
Behendigkeit einander zu substituieren, durcheinander zu mischen, um
das Wahre und Falsche nach seinem theologischen Dichtergemuet gelten
und verschwinden zu machen. Hole oder erhalte ihn der Teufel, der ein
Freund der Luegen, Daemonologie, Ahnungen, Sehnsuchten etc. Ist von
Anfang!

Und ich muss ein neues Blatt nehmen und bitten, dass ihr lest, wie ich
schreibe, mit dem Geiste mehr als den Augen, wie ich mit der Seele
mehr als den Haenden.

Fahre du fort, lieber Bruder, zu finden, zu vereinigen, zu dichten, zu
schreiben, ohne dich um andre zu bekuemmern. Man muss schreiben, wie
man lebt, erst um sein selbst willen, und dann existiert man auch fuer
verwandte Wesen.

Plato wollte keinen agewmetrhton in seiner Schule leiden; waere ich
imstande, eine zu machen, ich litte keinen, der sich nicht irgendein
Naturstudium ernst und eigentlich gewaehlt. Neulich fand ich in einer
leidig apostolisch-kapuzinermaessigen Deklamation des Zuercher Propheten
die unsinnigen Worte: "Alles, was Leben hat, lebt durch etwas ausser
sich." Oder so ungefaehr klang's. Das kann nun so ein Heidenbekehrer
hinschreiben, und bei der Revision zupft ihn der Genius nicht beim
aermel. Nicht die ersten, simpelsten Naturwahrheiten haben sie gefasst
und moechten doch gar zu gern auf den Stuehlen um den Thron sitzen, wo
andre Leute hingehoeren oder keiner hingehoert. Lasst das alles gut sein,
wie ich auch tue, der ich es freilich jetzt leichter habe!

Ich moechte von meinem Leben keine Beschreibung machen, es sieht gar zu
lustig aus. Vor allem beschaeftigt mich das Landschaftszeichnen, wozu
dieser Himmel und diese Erde vorzueglich einlaedt. Sogar hab' ich
einige Idyllen gefunden. Was werd' ich nicht noch alles machen! Das
seh' ich wohl, unsereiner muss nur immer neue Gegenstaende um sich haben,
dann ist er geborgen.

Lebt wohl und vergnuegt, und wenn es euch weh werden will, so fuehlt nur
recht, dass ihr beisammen seid und was ihr einander seid, indes ich,
durch eignen Willen exiliert, mit Vorsatz irrend, zweckmaessig unklug,
ueberall fremd und ueberall zu Hause, mein Leben mehr laufen lasse als
fuehre und auf alle Faelle nicht weiss, wo es hinaus will.

Lebt wohl, empfehlt mich der Frau Herzogin. Ich habe mit Rat
Reiffenstein in Frascati ihren ganzen Aufenthalt projektiert. Wenn
alles gelingt, so ist's ein Meisterstueck. Wir sind jetzt in
Negotiation wegen einer Villa begriffen, welche gewissermassen
sequestriert ist und also vermietet wird, anstatt dass die andern
entweder besetzt sind oder von den grossen Familien nur aus
Gefaelligkeit abgetreten wuerden, dagegen man in Obligationen und
Relationen geraet. Ich schreibe, sobald nur etwas Gewisseres zu sagen
ist. In Rom ist auch ein schoenes freiliegendes Quartier mit einem
Garten fuer sie bereit. Und so wuenscht' ich, dass sie sich ueberall zu
Hause faende, denn sonst geniesst sie nichts; die Zeit verstreicht, das
Geld ist ausgegeben, und man sieht sich um wie nach einem Vogel, der
einem aus der Hand entwischt ist. Wenn ich ihr alles einrichten kann,
dass ihr Fuss an keinen Stein stosse, so will ich es tun.

Nun kann ich nicht weiter, wenngleich noch Raum da ist. Lebt wohl und
verzeiht die Eilfertigkeit dieser Zeilen.


Castel Gandolfo, den 8. Oktober, eigentlich den 12ten,

denn diese Woche ist hingegangen, ohne dass ich zum Schreiben kommen
konnte. Also geht dieses Blaettchen nur eilig nach Rom, dass es noch zu
euch gelange.

Wir leben hier, wie man in Baedern lebt, nur mache ich mich des Morgens
beiseite, um zu zeichnen, dann muss man den ganzen Tag der Gesellschaft
sein, welches mir denn auch ganz recht ist fuer diese kurze Zeit; ich
sehe doch auch einmal Menschen ohne grossen Zeitverlust und viele auf
einmal.



Castel Gandolfo. Radierung von Mechau

Angelika ist auch hier und wohnt in der Naehe, dann sind einige muntere
Maedchen, einige Frauen, Herr von Maron, Schwager von Mengs, mit der
seinigen, teils im Hause, teils in der Nachbarschaft; die Gesellschaft
ist lustig, und es gibt immer was zu lachen. Abends geht man in die
Komoedie, wo Pulcinell die Hauptperson ist, und traegt sich dann einen
Tag mit den bonmots des vergangnen Abends. Tout comme chez nous--nur
unter einem heitern, koestlichen Himmel. Heute hat sich ein Wind
erhoben, der mich zu Hause haelt. Wenn man mich ausser mir selbst
herausbringen koennte, muessten es diese Tage tun, aber ich falle immer
wieder in mich zurueck, und meine ganze Neigung ist auf die Kunst
gerichtet. Jeden Tag geht mir ein neues Licht auf, und es scheint,
als wenn ich wenigstens wuerde sehen lernen.

"Erwin und Elmire" ist so gut als fertig; es kommt auf ein paar
schreibselige Morgen an; gedacht ist alles.

Herder hat mich aufgefordert, Forstern auf seine Reise um die Welt
auch Fragen und Mutmassungen mitzugeben. Ich weiss nicht, wo ich Zeit
und Sammlung hernehmen soll, wenn ich es auch von Herzen gerne taete.
Wir wollen sehen.

Ihr habt wohl schon kalte, truebe Tage, wir hoffen noch einen ganzen
Monat zum Spazierengehn. Wie sehr mich Herders "Ideen" freuen, kann
ich nicht sagen. Da ich keinen Messias zu erwarten habe, so ist mir
dies das liebste Evangelium. Gruesst alles, ich bin in Gedanken immer
mit euch, und liebt mich.



Den letzten Posttag, meine Lieben, habt ihr keinen Brief erhalten, die
Bewegung in Castello war zuletzt gar zu arg, und ich wollte doch auch
zeichnen. Es war wie bei uns im Bade, und da ich in einem Hause
wohnte, das immer Zuspruch hat, so musste ich mich drein geben. Bei
dieser Gelegenheit habe ich mehr Italiener gesehen als bisher in einem
Jahre, und bin auch mit dieser Erfahrung zufrieden.

Eine Mailaenderin interessierte mich die acht Tage ihres Bleibens, sie
zeichnete sich durch ihre Natuerlichkeit, ihren Gemeinsinn, ihre gute
Art sehr vorteilhaft vor den Roemerinnen aus. Angelika war, wie sie
immer ist, verstaendig, gut, gefaellig, zuvorkommend. Man muss ihr
Freund sein, man kann viel von ihr lernen, besonders arbeiten, denn es
ist unglaublich, was sie alles endigt.

Diese letzten Tage war das Wetter kuehl, und ich bin recht vergnuegt,
wieder in Rom zu sein.

Gestern abend, als ich zu Bette ging, fuehlt' ich recht das Vergnuegen,
hier zu sein. Es war mir, als wenn ich mich auf einen recht breiten,
sichern Grund niederlegte.

ueber seinen "Gott" moecht' ich gern mit Herdern sprechen. Zu bemerken
ist mir ein Hauptpunkt: man nimmt dieses Buechlein, wie andre, fuer
Speise, da es eigentlich die Schuessel ist. Wer nichts hineinzulegen
hat, findet sie leer. Lasst mich ein wenig weiter allegorisieren, und
Herder wird meine Allegorie am besten erklaeren. Mit Hebel und Walzen
kann man schon ziemliche Lasten fortbringen; die Stuecke des Obelisks
zu bewegen, brauchen sie Erdwinden, Flaschenzuege und so weiter. Je
groesser die Last oder je feiner der Zweck (wie z. E. bei einer Uhr),
desto zusammengesetzter, desto kuenstlicher wird der Mechanismus sein
und doch im Innern die groesste Einheit haben. So sind alle Hypothesen
oder vielmehr alle Prinzipien.--Wer nicht viel zu bewegen hat, greift
zum Hebel und verschmaeht meinen Flaschenzug, was will der Steinhauer
mit einer Schraube ohne Ende? Wenn L. seine ganze Kraft anwendet, um
ein Maerchen wahr zu machen, wenn J. sich abarbeitet, eine hohle
Kindergehirnempfindung zu vergoettern, wenn C. aus einem Fussboten ein
Evangelist werden moechte, so ist offenbar, dass sie alles, was die
Tiefen der Natur naeher aufschliesst, verabscheuen muessen. Wuerde der
eine ungestraft sagen: Alles, was lebt, lebt durch etwas ausser sich?
Wuerde der andere sich der Verwirrung der Begriffe, der Verwechslung
der Worte von Wissen und Glauben, von ueberlieferung und Erfahrung
nicht schaemen? Wuerde der dritte nicht um ein paar Baenke tiefer
hinunter muessen, wenn sie nicht mit aller Gewalt die Stuehle um den
Thron des Lamms aufzustellen bemueht waeren; wenn sie nicht sich
sorgfaeltig hueteten, den festen Boden der Natur zu betreten, wo jeder
nur ist, was er ist, wo wir alle gleiche Ansprueche haben?

Halte man dagegen ein Buch wie den dritten Teil der "Ideen", sehe erst,
was es ist, und frage sodann, ob der Autor es haette schreiben koennen,
ohne jenen Begriff von Gott zu haben? Nimmermehr; denn eben das Echte,
Grosse, Innerliche, was es hat, hat es in, aus und durch jenen Begriff
von Gott und der Welt.

Wenn es also irgendwo fehlt, so mangelt's nicht an der Ware, sondern
an Kaeufern, nicht an der Maschine, sondern an denen, die sie zu
brauchen wissen. Ich habe immer mit stillem Laecheln zugesehen, wenn
sie mich in metaphysischen Gespraechen nicht fuer voll ansahen; da ich
aber ein Kuenstler bin, so kann mir's gleich sein. Mir koennte vielmehr
dran gelegen sein, dass das Prinzipium verborgen bliebe, aus dem und
durch das ich arbeite. Ich lasse einem jeden seinen Hebel und bediene
mich der Schraube ohne Ende schon lange, und nun mit noch mehr Freude
und Bequemlichkeit.








Castel Gandolfo, den 12. Oktober 1787.

An Herder

Nur ein fluechtig Wort, und zuerst den lebhaftesten Dank fuer die
"Ideen"! Sie sind mir als das liebenswerteste Evangelium gekommen,
und die interessantesten Studien meines Lebens laufen alle da zusammen.
Woran man sich so lange geplackt hat, wird einem nun so vollstaendig
vorgefuehrt. Wie viel Lust zu allem Guten hast du mir durch dieses
Buch gegeben und erneut! Noch bin ich erst in der Haelfte. Ich bitte
dich, lass mir so bald als moeglich die Stelle aus Camper, die du pag.
159 anfuehrst, ganz ausschreiben, damit ich sehe welche Regeln des
griechischen Kuenstlerideals er ausgefunden hat. Ich erinnere mich nur
an den Gang seiner Demonstration des Profils aus dem Kupfer. Schreibe
mir dazu und exzerpiere mir sonst, was du mir nuetzlich duenkst, dass ich
das Ultimum wisse, wie weit man in dieser Spekulation gekommen ist;
denn ich bin immer das neugeborne Kind. Hat Lavaters "Physiognomik"
etwas Kluges darueber? Deinem Aufruf wegen Forsters will ich gerne
gehorchen, wenn ich gleich noch nicht recht sehe, wie es moeglich ist;
denn ich kann keine einzelnen Fragen tun, ich muss meine Hypothesen
voellig auseinandersetzen und vortragen. Du weisst, wie sauer mir das
schriftlich wird. Schreibe mir nur den letzten Termin, wann es fertig
sein, und wohin es geschickt werden soll. Ich sitze jetzt im Rohre
und kann vor Pfeifenschneiden nicht zum Pfeifen kommen. Wenn ich es
unternehme, muss ich zum Diktieren mich wenden; denn eigentlich seh'
ich es als einen Wink an. Es scheint, ich soll von allen Seiten mein
Haus bestellen und meine Buecher schliessen.

Was mir am schwersten sein wird, ist: dass ich absolut alles aus dem
Kopfe nehmen muss, ich habe doch kein Blaettchen meiner Kollektaneen,
keine Zeichnung, nichts hab' ich bei mir, und alle neusten Buecher
fehlen hier ganz und gar.

Noch vierzehn Tage bleib' ich wohl in Castello und treibe ein
Badeleben. Morgens zeichne ich, dann gibt's Menschen auf Menschen.
Es ist mir lieb, dass ich sie beisammen sehe, einzeln waere es eine
grosse Sekkatur. Angelika ist hier und hilft alles uebertragen.

Der Papst soll Nachricht haben, Amsterdam sei von den Preussen
eingenommen. Die naechsten Zeitungen werden uns Gewissheit bringen.
Das waere die erste Expedition, wo sich unser Jahrhundert in seiner
ganzen Groesse zeigt. Das heiss' ich eine sodezza! Ohne Schwertstreich,
mit ein paar Bomben, und niemand, der sich der Sache weiter annimmt!
Lebt wohl. Ich bin ein Kind des Friedens und will Friede halten fuer
und fuer, mit der ganzen Welt, da ich ihn einmal mit mir selbst
geschlossen habe.


Rom, den 27. Oktober 1787.

Ich bin in diesem Zauberkreise wieder angelangt und befinde mich
gleich wieder wie bezaubert, zufrieden, stille hinarbeitend,
vergessend alles, was ausser mir ist, und die Gestalten meiner Freunde
besuchen mich friedlich und freundlich. Diese ersten Tage hab' ich
mit Briefschreiben zugebracht, habe die Zeichnungen, die ich auf dem
Lande gemacht, ein wenig gemustert, die naechste Woche soll es an neue
Arbeit gehn. Es ist zu schmeichelhaft, als dass ich es sagen duerfte,
was mir Angelika fuer Hoffnungen ueber mein Landschaftszeichnen unter
gewissen Bedingungen gibt. Ich will wenigstens fortfahren, um mich
dem zu naehern, was ich wohl nie erreiche.

Ich erwarte mit Verlangen Nachricht, dass "Egmont" angelangt und wie
ihr ihn aufgenommen. Ich habe doch schon geschrieben, dass Kayser
herkommt? Ich erwarte ihn in einigen Tagen, mit der nun vollendeten
Partitur unsrer Scapinereien. Du kannst denken, was das fuer ein Fest
sein wird! Sogleich wird Hand an eine neue Oper gelegt, und
"Claudine" mit "Erwin" in seiner Gegenwart, mit seinem Beirat
verbessert.

Herders "Ideen" hab' ich nun durchgelesen und habe mich des Buches
ausserordentlich gefreut. Der Schluss ist herrlich, wahr und
erquicklich, und er wird, wie das Buch selbst, erst mit der Zeit und
vielleicht unter fremdem Namen den Menschen wohltun. Je mehr diese
Vorstellungsart gewinnt, je gluecklicher wird der nachdenkliche Mensch
werden. Auch habe ich dieses Jahr unter fremden Menschen achtgegeben
und gefunden, dass alle wirklich kluge Menschen mehr oder weniger,
zaerter oder groeber, darauf kommen und bestehen: dass der Moment alles
ist, und dass nur der Vorzug eines vernuenftigen Menschen darin bestehe:
sich so zu betragen, dass sein Leben, insofern es von ihm abhaengt, die
moeglichste Masse von vernuenftigen, gluecklichen Momenten enthalte.

Ich muesste wieder ein Buch schreiben, wenn ich sagen sollte, was ich
bei dem und jenem Buch gedacht habe. Ich lese jetzt wieder Stellen,
so wie ich sie aufschlage, um mich an jeder Seite zu ergoetzen, denn es
ist durchaus koestlich gedacht und geschrieben.

Besonders schoen find' ich das griechische Zeitalter; dass ich am
roemischen, wenn ich mich so ausdruecken darf, etwas Koerperlichkeit
vermisse, kann man vielleicht denken, ohne dass ich es sage. Es ist
auch natuerlich. Gegenwaertig ruht in meinem Gemuet die Masse des, was
der Staat war, an und fuer sich; mir ist er wie Vaterland etwas
Ausschliessendes. Und ihr muesstet im Verhaeltnis mit dem ungeheuern
Weltganzen den Wert dieser einzelnen Existenz bestimmen, wo denn
freilich vieles zusammenschrumpfte und in Rauch aufgehn mag.

So bleibt mir das Coliseo immer imposant, wenn ich gleich denke, zu
welcher Zeit es gebaut worden, und dass das Volk, welches diesen
ungeheuren Kreis ausfuellte, nicht mehr das altroemische Volk war.

Ein Buch ueber Malerei und Bildhauerkunst in Rom ist auch zu uns
gekommen. Es ist ein deutsches Produkt und, was schlimmer ist, eines
deutschen Kavaliers. Es scheint ein junger Mann zu sein, der Energie
hat, aber voller Praetension steckt, der sich Muehe gegeben hat,
herumzulaufen, zu notieren, zu hoeren, zu horchen, zu lesen. Er hat
gewusst, dem Werke einen Anschein von Ganzheit zu geben, es ist darin
viel Wahres und Gutes, gleich darneben Falsches und Albernes,
Gedachtes und Nachgeschwaetztes, Longueurs und Echappaden. Wer es auch
in der Entfernung durchsieht, wird bald merken, welch monstroses
Mittelding zwischen Kompilation und eigen gedachtem Werk dieses
voluminose Opus geworden sei.

Die Ankunft "Egmonts" erfreut und beruhigt mich, und ich verlange auf
ein Wort darueber, das nun wohl unterwegs ist. Das Saffianexemplar ist
angelangt, ich hab' es der Angelika gegeben. Mit Kaysers Oper wollen
wir es klueger machen, als man uns geraten hat; euer Vorschlag ist sehr
gut, wenn Kayser kommt, sollt ihr mehr hoeren.

Die Rezension ist recht im Stil des Alten, zuviel und zu wenig. Mir
ist jetzt nur dran gelegen, zu machen, seitdem ich sehe, wie sich am
Gemachten, wenn es auch nicht das Vollkommenste ist, Jahrtausende
rezensieren, das heisst, etwas von seinem Dasein hererzaehlen laesst.

Jedermann verwundert sich, wie ich ohne Tribut durchgekommen bin; man
weiss aber auch nicht, wie ich mich betragen habe. Unser Oktober war
nicht der schoenste, ob wir gleich himmlische Tage gehabt haben.

Es geht mit mir jetzt eine neue Epoche an. Mein Gemuet ist nun durch
das viele Sehen und Erkennen so ausgeweitet, dass ich mich auf
irgendeine Arbeit beschraenken muss. Die Individualitaet eines Menschen
ist ein wunderlich Ding, die meine hab' ich jetzt recht kennen lernen,
da ich einerseits dieses Jahr bloss von mir selbst abgehangen habe und
von der andern Seite mit voellig fremden Menschen umzugehen hatte.






Bericht

Oktober

Zu Anfang dieses Monats bei mildem, durchaus heiterem, herrlichem
Wetter genossen wir eine foermliche Villeggiatur in Castel Gandolfo,
wodurch wir uns denn in die Mitte dieser unvergleichlichen Gegend
eingeweiht und eingebuergert sahen. Herr Jenkins, der wohlhabende
englische Kunsthaendler, bewohnte daselbst ein sehr stattliches Gebaeude,
den ehemaligen Wohnsitz des Jesuitergenerals, wo es einer Anzahl von
Freunden weder an Zimmern zu bequemer Wohnung, noch an Saelen zu
heiterem Beisammensein, noch an Bogengaengen zu munterem Lustwandel
fehlte.

Man kann sich von einem solchen Herbstaufenthalte den besten Begriff
machen, wenn man sich ihn wie den Aufenthalt an einem Badorte gedenkt.
Personen ohne den mindesten Bezug aufeinander werden durch Zufall
augenblicklich in die unmittelbarste Naehe versetzt. Fruehstueck und
Mittagessen, Spaziergaenge, Lustpartien, ernst--und scherzhafte
Unterhaltung bewirken schnell Bekanntschaft und Vertraulichkeit; da es
denn ein Wunder waere, wenn, besonders hier, wo nicht einmal Krankheit
und Kur eine Art von Diversion macht, hier im vollkommensten
Muessiggange, sich nicht die entschiedensten Wahlverwandtschaften
zunaechst hervortun sollten. Hofrat Reiffenstein hatte fuer gut
befunden, und zwar mit Recht, dass wir zeitig hinausgehen sollten, um
zu unseren Spaziergaengen und sonstigen artistischen Wanderungen ins
Gebirg die noetige Zeit zu finden, ehe noch der Schwall der
Gesellschaft sich herandraengte und uns zur Teilnahme an
gemeinschaftlicher Unterhaltung aufforderte. Wir waren die ersten und
versaeumten nicht, uns in der Gegend, nach Anleitung des erfahrenen
Fuehrers, zweckmaessig umzusehen, und ernteten davon die schoensten
Genuesse und Belehrungen.

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