Italienische Reise Teil 2
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Johann Wolfgang Goethe >> Italienische Reise Teil 2
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Nach einiger Zeit sah ich eine gar huebsche roemische Nachbarin, nicht
weit von uns im Korso wohnend, mit ihrer Mutter heraufkommen. Sie
hatten beide seit meiner Mylordschaft meine Begruessungen freundlicher
als sonst erwidert, doch hatte ich sie nicht angesprochen, ob ich
gleich an ihnen, wenn sie abends vor der Tuer sassen, oefters nah genug
vorbeiging; denn ich war dem Geluebde, mich durch dergleichen
Verhaeltnisse von meinem Hauptzwecke nicht abhalten zu lassen,
vollkommen treu geblieben. Nun aber fanden wir uns auf einmal wie
voellig alte Bekannte; jenes Konzert gab Stoff genug zur ersten
Unterhaltung, und es ist wohl nichts angenehmer als eine Roemerin der
Art, die sich in natuerlichem Gespraech heiter gehen laesst und ein
lebhaftes, auf die reine Wirklichkeit gerichtetes Aufmerken, eine
Teilnahme mit anmutigem Bezug auf sich selbst in der wohlklingenden
roemischen Sprache schnell, doch deutlich vortraegt; und zwar in einer
edlen Mundart, die auch die mittlere Klasse ueber sich selbst erhebt
und dem Allernatuerlichsten, ja dem Gemeinen einen gewissen Adel
verleiht. Diese Eigenschaften und Eigenheiten waren mir zwar bekannt,
aber ich hatte sie noch nie in einer so einschmeichelnden Folge
vernommen.
Zu gleicher Zeit stellten sie mich einer jungen Mailaenderin vor, die
sie mitgebracht hatten, der Schwester eines Kommis von Herrn Jenkins,
eines jungen Mannes, der wegen Fertigkeit und Redlichkeit bei seinem
Prinzipal in grosser Gunst stand. Sie schienen genau miteinander
verbunden und Freundinnen zu sein.
Diese beiden Schoenen, denn schoen durfte man sie wirklich nennen,
standen in einem nicht schroffen, aber doch entschiedenen Gegensatz;
dunkelbraune Haare die Roemerin, hellbraune die Mailaenderin; jene braun
von Gesichtsfarbe, diese klar, von zarter Haut; diese zugleich mit
fast blauen Augen, jene mit braunen; die Roemerin einigermassen ernst,
zurueckhaltend, die Mailaenderin von einem offnen, nicht sowohl
ansprechenden, als gleichsam anfragenden Wesen. Ich sass bei einer Art
Lottospiel zwischen beiden Frauenzimmern und hatte mit der Roemerin
Kasse zusammen gemacht; im Laufe des Spiels fuegte es sich nun, dass ich
auch mit der Mailaenderin mein Glueck versuchte durch Wetten oder sonst.
Genug, es entstand auch auf dieser Seite eine Art von Partnerschaft,
wobei ich in meiner Unschuld nicht gleich bemerkte, dass ein solches
geteiltes Interesse nicht gefiel, bis endlich nach aufgehobener Partie
die Mutter, mich abseits findend, zwar hoeflich, aber mit wahrhaftem
Matronenernst dem werten Fremden versicherte, dass, da er einmal mit
ihrer Tochter in solche Teilnahme gekommen sei, es sich nicht wohl
zieme, mit einer andern gleiche Verbindlichkeiten einzugehen; man
halte es in einer Villeggiatur fuer Sitte, dass Personen, die sich
einmal auf einen gewissen Grad verbunden, dabei in der Gesellschaft
verharrten und eine unschuldig anmutige Wechselgefaelligkeit
durchfuehrten. Ich entschuldigte mich aufs beste, jedoch mit der
Wendung, dass es einem Fremden nicht wohl moeglich sei, dergleichen
Verpflichtungen anzuerkennen, indem es in unsern Landen herkoemmlich
sei, dass man den saemtlichen Damen der Gesellschaft, einer wie der
andern, mit und nach der andern, sich dienstlich und hoeflich erweise,
und dass dieses hier um desto mehr gelten werde, da von zwei so eng
verbundenen Freundinnen die Rede sei.
Aber leider! indessen ich mich so auszureden suchte, empfand ich auf
die wundersamste Weise, dass meine Neigung fuer die Mailaenderin sich
schon entschieden hatte, blitzschnell und eindringlich genug, wie es
einem muessigen Herzen zu gehen pflegt, das in selbstgefaelligem ruhigem
Zutrauen nichts befuerchtet, nichts wuenscht, und das nun auf einmal dem
Wuenschenswertesten unmittelbar nahe kommt. UEbersieht man doch in
solchem Augenblicke die Gefahr nicht, die uns unter diesen
schmeichelhaften Zuegen bedroht.
Den naechsten Morgen fanden wir uns drei allein, und da vermehrte sich
denn das uebergewicht auf die Seite der Mailaenderin. Sie hatte den
grossen Vorzug vor ihrer Freundin, dass in ihren aeusserungen etwas
Strebsames zu bemerken war. Sie beklagte sich nicht ueber
vernachlaessigte, aber allzu aengstliche Erziehung: "Man lehrt uns nicht
schreiben", sagte sie, "weil man fuerchtet, wir wuerden die Feder zu
Liebesbriefen benutzen; man wuerde uns nicht lesen lassen, wenn wir uns
nicht mit dem Gebetbuch beschaeftigen muessten; uns in fremden Sprachen
zu unterrichten, daran wird niemand denken; ich gaebe alles darum,
Englisch zu koennen. Herrn Jenkins mit meinem Bruder, Mad. Angelika,
Herrn Zucchi, die Herren Volpato und Camuccini hoer' ich oft sich
untereinander englisch unterhalten mit einem Gefuehl, das dem Neid
aehnlich ist: und die ellenlangen Zeitungen da liegen vor mir auf dem
Tische, es stehen Nachrichten darin aus der ganzen Welt, wie ich sehe,
und ich weiss nicht, was sie bringen."
"Es ist desto mehr schade", versetzte ich, "da das Englische sich so
leicht lernen laesst; Sie muessten es in kurzer Zeit fassen und begreifen.
Machen wir gleich einen Versuch", fuhr ich fort, indem ich eins der
grenzenlosen englischen Blaetter aufhob, die haeufig umherlagen.
Ich blickte schnell hinein und fand einen Artikel, dass ein
Frauenzimmer ins Wasser gefallen, gluecklich aber gerettet und den
Ihrigen wiedergegeben worden. Es fanden sich Umstaende bei dem Falle,
die ihn verwickelt und interessant machten, es blieb zweifelhaft, ob
sie sich ins Wasser gestuerzt, um den Tod zu suchen, sowie auch,
welcher von ihren Verehrern, der Beguenstigte oder Verschmaehte, sich zu
ihrer Rettung gewagt. Ich wies ihr die Stelle hin und bat sie,
aufmerksam darauf zu schauen. Darauf uebersetzt' ich ihr erst alle
Substantiva und examinierte sie, ob sie auch ihre Bedeutung wohl
behalten. Gar bald ueberschaute sie die Stellung dieser Haupt--und
Grundworte und machte sich mit dem Platz bekannt, den sie im Perioden
eingenommen hatten. Ich ging darauf zu den einwirkenden, bewegenden,
bestimmenden Worten ueber und machte nunmehr, wie diese das Ganze
belebten, auf das heiterste bemerklich und katechisierte sie so lange,
bis sie mir endlich unaufgefordert die ganze Stelle, als stuende sie
italienisch auf dem Papiere, vorlas, welches sie nicht ohne Bewegung
ihres zierlichen Wesens leisten konnte. Ich habe nicht leicht eine so
herzlichgeistige Freude gesehen, als sie ausdrueckte, indem sie mir fuer
den Einblick in dieses neue Feld einen allerliebsten Dank aussprach.
Sie konnte sich kaum fassen, indem sie die Moeglichkeit gewahrte, die
Erfuellung ihres sehnlichsten Wunsches so nahe und schon versuchsweise
erreicht zu sehen.
Die Gesellschaft hatte sich vermehrt, auch Angelika war angekommen; an
einer grossen gedeckten Tafel hatte man ihr mich rechter Hand gesetzt,
meine Schuelerin stand an der entgegengesetzten Seite des Tisches und
besann sich keinen Augenblick, als die uebrigen sich um die Tafelplaetze
komplimentierten, um den Tisch herumzugehen und sich neben mir
niederzulassen. Meine ernste Nachbarin schien dies mit einiger
Verwunderung zu bemerken, und es bedurfte nicht des Blicks einer
klugen Frau, um zu gewahren, dass hier was vorgegangen sein muesse und
dass ein zeither bis zur trockenen Unhoeflichkeit von den Frauen sich
entfernender Freund wohl selbst sich endlich zahm und gefangen
ueberrascht gesehen habe.
Ich hielt zwar aeusserlich noch ziemlich gut stand, eine innere Bewegung
aber gab sich wohl eher kund durch eine gewisse Verlegenheit, in der
ich mein Gespraech zwischen den Nachbarinnen teilte, indem ich die
aeltere zarte, diesmal schweigsame Freundin belebend zu unterhalten und
jene, die sich immer noch in der fremden Sprache zu ergehen schien und
sich in dem Zustande befand desjenigen, der mit einem Mal, von dem
erwuenscht aufgehenden Lichte geblendet, sich nicht gleich in der
Umgebung zu finden weiss, durch eine freundlich ruhige, eher ablehnende
Teilnahme zu beschwichtigen suchte.
Dieser aufgeregte Zustand jedoch hatte sogleich die Epoche einer
merkwuerdigen Umwaelzung zu erleben. Gegen Abend die jungen
Frauenzimmer aufsuchend, fand ich die aelteren Frauen in einem Pavillon,
wo die herrlichste der Aussichten sich darbot; ich schweifte mit
meinem Blick in die Runde, aber es ging vor meinen Augen etwas anders
vor als das Landschaftlich-Malerische; es hatte sich ein Ton ueber die
Gegend gezogen, der weder dem Untergang der Sonne noch den Lueften des
Abends allein zuzuschreiben war. Die gluehende Beleuchtung der hohen
Stellen, die kuehlende blaue Beschattung der Tiefe schien herrlicher
als jemals in oel oder Aquarell; ich konnte nicht genug hinsehen, doch
fuehlte ich, dass ich den Platz zu verlassen Lust hatte, um in
teilnehmender kleiner Gesellschaft dem letzten Blick der Sonne zu
huldigen.
Doch hatte ich leider der Einladung der Mutter und Nachbarinnen nicht
absagen koennen, mich bei ihnen niederzulassen, besonders da sie mir an
dem Fenster der schoensten Aussicht Raum gemacht hatten. Als ich auf
ihre Reden merkte, konnt' ich vernehmen, dass von Ausstattung die Rede
sei, einem immer wiederkehrenden und nie zu erschoepfenden Gegenstande.
Die Erfordernisse aller Art wurden gemustert, Zahl und Beschaffenheit
der verschiedenen Gaben, Grundgeschenke der Familie, vielfache
Beitraege von Freunden und Freundinnen, teilweise noch ein Geheimnis,
und was nicht alles in genauer Hererzaehlung die schoene Zeit hinnahm,
musste von mir geduldig angehoert werden, weil die Damen mich zu einem
spaeteren Spaziergang festgenommen hatten.
Endlich gelangte denn das Gespraech zu den Verdiensten des Braeutigams,
man schilderte ihn guenstig genug, wollte sich aber seine Maengel nicht
verbergen, in getroster Hoffnung, dass diese zu mildern und zu bessern
die Anmut, der Verstand, die Liebenswuerdigkeit seiner Braut im
kuenftigen Ehstande hinreichen werde.
Ungeduldig zuletzt, als eben die Sonne sich in das entfernte Meer
niedersenkte und einen unschaetzbaren Blick durch die langen Schatten
und die zwar gedaempften, doch maechtigen Streiflichter gewaehrte, fragt'
ich auf das bescheidenste, wer denn aber die Braut sei. Mit
Verwunderung erwiderte man mir, ob ich denn das allgemein Bekannte
nicht wisse; und nun erst fiel es ihnen ein, dass ich kein Hausgenosse,
sondern ein Fremder sei.
Hier ist es freilich nun nicht noetig auszusprechen, welch Entsetzen
mich ergriff, als ich vernahm, es sei eben die kurz erst so
liebgewonnene Schuelerin. Die Sonne ging unter, und ich wusste mich
unter irgendeinem Vorwand von der Gesellschaft loszumachen, die, ohne
es zu wissen, mich auf eine so grausame Weise belehrt hatte.
Dass Neigungen, denen man eine Zeitlang unvorsichtig nachgegeben,
endlich aus dem Traume geweckt, in die schmerzlichsten Zustaende sich
umwandeln, ist herkoemmlich und bekannt, aber vielleicht interessiert
dieser Fall durch das Seltsame, dass ein lebhaftes wechselseitiges
Wohlwollen in dem Augenblicke des Keimens zerstoert wird und damit die
Vorahnung alles des Gluecks, das ein solches Gefuehl sich in kuenftiger
Entwickelung unbegrenzt vorspiegelt. Ich kam spaet nach Hause, und des
andern Morgens frueh machte ich, meine Mappe unter dem Arm, einen
weiteren Weg mit der Entschuldigung, nicht zur Tafel zu kommen.
Ich hatte Jahre und Erfahrungen hinreichend, um mich, obwohl
schmerzhaft, doch auf der Stelle zusammenzunehmen. "Es waere wunderbar
genug", rief ich aus, "wenn ein wertheraehnliches Schicksal dich in Rom
aufgesucht haette, um dir so bedeutende, bisher wohlbewahrte Zustaende
zu verderben."
Ich wendete mich abermals rasch zu der inzwischen vernachlaessigten
landschaftlichen Natur und suchte sie so treu als moeglich nachzubilden,
mehr aber gelang mir, sie besser zu sehen. Das wenige Technische,
was ich besass, reichte kaum zu dem unscheinbarsten Umriss hin, aber die
Fuelle der Koerperlichkeit, die uns jene Gegend in Felsen und Baeumen,
Aufund Abstiegen, stillen Seen, belebten Baechen entgegenbringt, war
meinem Auge beinahe fuehlbarer als sonst, und ich konnte dem Schmerz
nicht feind werden, der mir den innern und aeussern Sinn in dem Grade zu
schaerfen geeignet war.
Von nun an aber hab' ich mich kurz zu fassen; die Menge von
Besuchenden fuellte das Haus und die Haeuser der Nachbarschaft, man
konnte sich ohne Affektation vermeiden, und eine wohlempfundene
Hoeflichkeit, zu der uns eine solche Neigung stimmt, ist in der
Gesellschaft ueberall gut aufgenommen. Mein Betragen gefiel, und ich
hatte keine Unannehmlichkeiten, keinen Zwist ausser ein einziges Mal
mit dem Wirt, Herrn Jenkins. Ich hatte naemlich von einer weiten
Berg--und Waldtour die appetitlichsten Pilze mitgebracht und sie dem
Koch uebergeben, der, ueber eine zwar seltene, aber in jenen Gegenden
sehr beruehmte Speise hoechst vergnuegt, sie aufs schmackhafteste
zubereitet auf die Tafel gab. Sie schmeckten jedermann ganz herrlich,
nur als zu meinen Ehren verraten wurde, dass ich sie aus der Wildnis
mitgebracht, ergrimmte unser englischer Wirt, obgleich nur im
verborgenen, darueber, dass ein Fremder eine Speise zum Gastmahl
beigetragen habe, von welcher der Hausherr nichts wisse, die er nicht
befohlen und angeordnet; es zieme sich nicht wohl, jemanden an seiner
eignen Tafel zu ueberraschen, Speisen aufzusetzen, von denen er nicht
Rechenschaft geben koenne. Dies alles musste mir Rat Reiffenstein nach
Tafel diplomatisch eroeffnen, wogegen ich, der ich an ganz anderm Weh,
als das sich von Schwaemmen herleiten kann, innerlichst zu dulden hatte,
bescheidentlich erwiderte, ich haette vorausgesetzt, der Koch wuerde
das dem Herrn melden, und versicherte, wenn mir wieder dergleichen
Edulien unterwegs in die Haende kaemen, solche unserm trefflichen Wirte
selbst zur Pruefung und Genehmigung vorzulegen. Denn wenn man billig
sein will, muss man gestehen, sein Verdruss entsprang daher, dass diese
ueberhaupt zweideutige Speise ohne gehoerige Untersuchung auf die Tafel
gekommen war. Der Koch freilich hatte mir versichert und brachte auch
dem Herrn ins Gedaechtnis, dass dergleichen zwar nicht oft, aber doch
immer, als besondere Raritaet, mit grossem Beifall in dieser Jahrszeit
vorgesetzt worden.
Dieses kulinarische Abenteuer gab mir Anlass, in stillem Humor zu
bedenken, dass ich selbst, von einem ganz eignen Gifte angesteckt, in
Verdacht gekommen sei, durch gleiche Unvorsichtigkeit eine ganze
Gesellschaft zu vergiften.
Es war leicht, meinen gefassten Vorsatz fortzufuehren. Ich suchte
sogleich den englischen Studien auszuweichen, indem ich mich morgens
entfernte und meiner heimlich geliebten Schuelerin niemals anders als
im Zusammentritt von mehrern Personen zu naehern wusste.
Gar bald legte sich auch dieses Verhaeltnis in meinem so viel
beschaeftigten Gemuete wieder zurechte, und zwar auf eine sehr anmutige
Weise; denn indem ich sie als Braut, als kuenftige Gattin ansah, erhob
sie sich vor meinen Augen aus dem trivialen Maedchenzustande, und indem
ich ihr nun eben dieselbe Neigung, aber in einem hoehern
uneigennuetzigen Begriff zuwendete, so war ich als einer, der ohnehin
nicht mehr einem leichtsinnigen Juengling glich, gar bald gegen sie in
dem freundlichsten Behagen. Mein Dienst, wenn man eine freie
Aufmerksamkeit so nennen darf, bezeichnete sich durchaus ohne
Zudringlichkeit und beim Begegnen eher mit einer Art von Ehrfurcht.
Sie aber, welche nun auch wohl wusste, dass ihr Verhaeltnis mir bekannt
geworden, konnte mit meinem Benehmen vollkommen zufrieden sein. Die
uebrige Welt aber, weil ich mich mit jedermann unterhielt, merkte
nichts oder hatte kein Arges daran, und so gingen Tage und Stunden
einen ruhigen behaglichen Gang.
Von der mannigfaltigsten Unterhaltung waere viel zu sagen. Genug, es
war auch ein Theater daselbst, wo der von uns so oft im Karneval
beklatschte Pulcinell, welcher die uebrige Zeit sein Schusterhandwerk
trieb und auch uebrigens hier als ein anstaendiger kleiner Buerger
erschien, uns mit seinen pantomimisch-mimisch-lakonischen Absurditaeten
aufs beste zu vergnuegen und uns in die so hoechst behagliche Nullitaet
des Daseins zu versetzen wusste.
Briefe von Haus hatten mich indessen bemerken lassen, dass meine nach
Italien so lang projektierte, immer verschobene und endlich so rasch
unternommene Reise bei den Zurueckgelassenen einige Unruhe und Ungeduld
erregt, ja sogar den Wunsch, mir nachzufolgen und das gleiche Glueck zu
geniessen, von dem meine heitern, auch wohl unterrichtenden Briefe den
guenstigsten Begriff gaben. Freilich in dem geistreichen und
kunstliebenden Kreise unserer Herzogin Amalie war es herkoemmlich, dass
Italien jederzeit als das neue Jerusalem wahrer Gebildeten betrachtet
wurde und ein lebhaftes Streben dahin, wie es nur Mignon ausdruecken
konnte, sich immer in Herz und Sinn erhielt. Der Damm war endlich
gebrochen, und es ergab sich nach und nach ganz deutlich, dass Herzogin
Amalie mit ihrer Umgebung von einer, Herder und der juengere Dalberg
von der andern Seite ueber die Alpen zu gehen ernstliche Anstalt
machten. Mein Rat war, sie moechten den Winter voruebergehen lassen, in
der mittleren Jahreszeit bis Rom gelangen und sodann weiter nach und
nach alles des Guten geniessen, was die Umgegend der alten Weltstadt u.
s. w., der untere Teil von Italien darbieten koennte.
Dieser mein Rat, redlich und sachgemaess, wie er war, bezog sich denn
doch auch auf meinen eigenen Vorteil. Merkwuerdige Tage meines Lebens
hatte ich bisher in dem fremdesten Zustande mit ganz fremden Menschen
gelebt und mich eigentlich wieder frisch des humanen Zustands erfreut,
dessen ich in zwar zufaelligen, aber doch natuerlichen Bezuegen seit
langer Zeit erst wieder gewahr wurde, da ein geschlossener
heimatlicher Kreis, ein Leben unter voellig bekannten und verwandten
Personen uns am Ende in die wunderlichste Lage versetzt. Hier ist es,
wo durch ein wechselseitiges Dulden und Tragen, Teilnehmen und
Entbehren ein gewisses Mittelgefuehl von Resignation entsteht, dass
Schmerz und Freude, Verdruss und Behagen sich in herkoemmlicher
Gewohnheit wechselseitig vernichten. Es erzeugt sich gleichsam eine
Mittelzahl, die den Charakter der einzelnen Ergebnisse durchaus
aufhebt, so dass man zuletzt im Streben nach Bequemlichkeit weder dem
Schmerz noch der Freude sich mit freier Seele hingeben kann.
Ergriffen von diesen Gefuehlen und Ahnungen, fuehlte ich mich ganz
entschieden, die Ankunft der Freunde in Italien nicht abzuwarten.
Denn dass meine Art, die Dinge zu sehen, nicht sogleich die ihrige sein
wuerde, konnte ich um so deutlicher wissen, als ich mich selbst seit
einem Jahre jenen kimmerischen Vorstellungen und Denkweisen des
Nordens zu entziehen gesucht und unter einem himmelblauen Gewoelbe mich
freier umzuschauen und zu atmen gewoehnt hatte. In der mittlern Zeit
waren mir aus Deutschland kommende Reisende immerfort hoechst
beschwerlich; sie suchten das auf, was sie vergessen sollten, und
konnten das, was sie schon lange gewuenscht hatten, nicht erkennen,
wenn es ihnen vor Augen lag. Ich selbst fand es noch immer muehsam
genug, durch Denken und Tun mich auf dem Wege zu erhalten, den ich als
den rechten anzuerkennen mich entschieden hatte.
Fremde Deutsche konnt' ich vermeiden, so nah verbundene, verehrte,
geliebte Personen aber haetten mich durch eignes Irren und
Halbgewahrwerden, ja, selbst durch Eingehen in meine Denkweise gestoert
und gehindert. Der nordische Reisende glaubt, er komme nach Rom, um
ein Supplement seines Daseins zu finden, auszufuellen, was ihm fehlt;
allein er wird erst nach und nach mit grosser Unbehaglichkeit gewahr,
dass er ganz den Sinn aendern und von vorn anfangen muesse.
So deutlich nun auch ein solches Verhaeltnis mir erschien, so erhielt
ich mich doch ueber Tag und Stunde weislich im ungewissen und fuhr
unablaessig fort in der sorgfaeltigsten Benutzung der Zeit.
Unabhaengiges Nachdenken, Anhoeren von andern, Beschauen kuenstlerischen
Bestrebens, eigene praktische Versuche wechselten unaufhoerlich oder
griffen vielmehr wechselseitig ineinander ein.
Hiebei foerderte mich besonders die Teilnahme Heinrich Meyers von
Zuerich, dessen Unterhaltung mir, obgleich seltener, guenstig zustatten
kam, indem er als ein fleissiger und gegen sich selbst strenger
Kuenstler die Zeit besser anzuwenden wusste als der Kreis von juengeren,
die einen ernsten Fortschritt in Begriffen und Technik mit einem
raschen lustigen Leben leichtmuetig zu verbinden glaubten.
November
Korrespondenz
Rom, den 3. November 1787.
Kayser ist angekommen, und ich habe drueber die ganze Woche nicht
geschrieben. Er ist erst am Klavierstimmen, und nach und nach wird
die Oper vorgetragen werden. Es macht seine Gegenwart wieder eine
sonderbare anschliessende Epoche, und ich sehe, man soll seinen Weg nur
ruhig fortgehn, die Tage bringen das Beste wie das Schlimmste.
Die Aufnahme meines "Egmont" macht mich gluecklich; und ich hoffe, er
soll beim Wiederlesen nicht verlieren, denn ich weiss, was ich
hineingearbeitet habe, und dass sich das nicht auf einmal herauslesen
laesst. Das, was ihr daran lobt, habe ich machen wollen; wenn ihr sagt,
dass es gemacht ist, so habe ich meinen Endzweck erreicht. Es war eine
unsaeglich schwere Aufgabe, die ich ohne eine ungemessene Freiheit des
Lebens und des Gemuets nie zustande gebracht haette. Man denke, was das
sagen will: ein Werk vornehmen, was zwoelf Jahre frueher geschrieben ist,
es vollenden, ohne es umzuschreiben. Die besondern Umstaende der Zeit
haben mir die Arbeit erschwert und erleichtert. Nun liegen noch so
zwei Steine vor mir: "Faust" und "Tasso". Da die barmherzigen Goetter
mir die Strafe des Sisyphus auf die Zukunft erlassen zu haben scheinen,
hoffe ich, auch diese Klumpen den Berg hinauf zu bringen. Bin ich
einmal damit oben, dann soll es aufs neue angehn, und ich will mein
moeglichstes tun, euren Beifall zu verdienen, da ihr mir eure Liebe
ohne mein Verdienst schenkt und erhaltet.
Was du von Klaerchen sagst, verstehe ich nicht ganz und erwarte deinen
naechsten Brief. Ich sehe wohl, dass dir eine Nuance zwischen der Dirne
und der Goettin zu fehlen scheint. Da ich aber ihr Verhaeltnis zu
Egmont so ausschliesslich gehalten habe; da ich ihre Liebe mehr in den
Begriff der Vollkommenheit des Geliebten, ihr Entzuecken mehr in den
Genuss des Unbegreiflichen, dass dieser Mann ihr gehoert, als in die
Sinnlichkeit setze; da ich sie als Heldin auftreten lasse; da sie im
innigsten Gefuehl der Ewigkeit der Liebe ihrem Geliebten nachgeht und
endlich vor seiner Seele durch einen verklaerenden Traum verherrlicht
wird: so weiss ich nicht, wo ich die Zwischennuance hinsetzen soll, ob
ich gleich gestehe, dass aus Notdurft des dramatischen Pappen--und
Lattenwerks die Schattierungen, die ich oben hererzaehle, vielleicht zu
abgesetzt und unverbunden, oder vielmehr durch zu leise Andeutungen
verbunden sind; vielleicht hilft ein zweites Lesen, vielleicht sagt
mir dein folgender Brief etwas Naeheres.
Angelika hat ein Titelkupfer zum "Egmont" gezeichnet, Lips gestochen,
das wenigstens in Deutschland nicht gezeichnet, nicht gestochen worden
waere.
Rom, den 3. November.
Leider muss ich jetzt die bildende Kunst ganz zuruecksetzen, denn sonst
werde ich mit meinen dramatischen Sachen nicht fertig, die auch eine
eigne Sammlung und ruhige Bearbeitung fordern, wenn etwas daraus
werden soll. "Claudine" ist nun in der Arbeit, wird sozusagen ganz
neu ausgefuehrt und die alte Spreu meiner Existenz herausgeschwungen.
Rom, den 10. November.
Kayser ist nun da, und es ist ein dreifach Leben, da die Musik sich
anschliesst. Es ist ein trefflich guter Mann und passt zu uns, die wir
wirklich ein Naturleben fuehren, wie es nur irgend auf dem Erdboden
moeglich ist. Tischbein kommt von Neapel zurueck, und da muss leider
Quartier und alles veraendert werden, doch bei unsern guten Naturen
wird alles in acht Tagen wieder im Gleis sein.
Ich habe der Herzogin-Mutter den Vorschlag getan, sie soll mir
erlauben, die Summe von zweihundert Zechinen nach und nach fuer sie in
verschiedenen kleinen Kunstwerken auszugeben. Unterstuetze diesen
Vorschlag, wie du ihn in meinem Briefe findest, ich brauche das Geld
nicht gleich, nicht auf einmal. Es ist dieses ein wichtiger Punkt,
dessen ganzen Umfang du ohne grosse Entwicklung empfinden wirst, und du
wuerdest die Notwendigkeit und Nuetzlichkeit meines Rats und Erbietens
noch mehr erkennen, wenn du die Verhaeltnisse hier wuesstest, die vor mir
liegen wie meine Hand. Ich bereite ihr durch Kleinigkeiten grosses
Vergnuegen, und wenn sie die Sachen, die ich nach und nach machen lasse,
hier findet, so stille ich die Begierde zu besitzen, die bei jedem
Ankoemmling, er sei, wer er wolle, entsteht, und welche sie nur mit
einer schmerzlichen Resignation unterdruecken oder mit Kosten und
Schaden befriedigen koennte. Es liessen sich davon noch Blaetter
vollschreiben.
Rom, den 10. November.
Dass mein "Egmont" Beifall erhaelt, freut mich herzlich. Kein Stueck
hab' ich mit mehr Freiheit des Gemuets und mit mehr Gewissenhaftigkeit
vollbracht als dieses; doch faellt es schwer, wenn man schon anderes
gemacht hat, dem Leser genugzutun; er verlangt immer etwas, wie das
vorige war.
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