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Italienische Reise Teil 2

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Rom, den 24. November.

Du fragst in deinem letzten Brief wegen der Farbe der Landschaft
dieser Gegenden. Darauf kann ich dir sagen, dass sie bei heitern Tagen,
besonders des Herbstes, so farbig ist, dass sie in jeder Nachbildung
bunt scheinen muss. Ich hoffe, dir in einiger Zeit einige Zeichnungen
zu schicken, die ein Deutscher macht, der jetzt in Neapel ist; die
Wasserfarben bleiben so weit unter dem Glanz der Natur, und doch
werdet ihr glauben, es sei unmoeglich. Das Schoenste dabei ist, dass die
lebhaften Farben in geringer Entfernung schon durch den Luftton
gemildert werden, und dass die Gegensaetze von kalten und warmen Toenen
(wie man sie nennt) so sichtbar dastehn. Die blauen klaren Schatten
stechen so reizend von allem erleuchteten Gruenen, Gelblichen,
Roetlichen, Braeunlichen ab und verbinden sich mit der blaeulich duftigen
Ferne. Es ist ein Glanz und zugleich eine Harmonie, eine Abstufung im
ganzen, wovon man nordwaerts gar keinen Begriff hat. Bei euch ist
alles entweder hart oder trueb, bunt oder eintoenig. Wenigstens
erinnere ich mich selten, einzelne Effekte gesehen zu haben, die mir
einen Vorschmack von dem gaben, was jetzt taeglich und stuendlich vor
mir steht. Vielleicht faende ich jetzt, da mein Auge geuebter ist, auch
nordwaerts mehr Schoenheiten.

UEbrigens kann ich wohl sagen, dass ich nun fast die rechten geraden
Wege zu allen bildenden Kuensten vor mir sehe und erkenne, aber auch
nun ihre Weiten und Fernen desto klarer ermesse. Ich bin schon zu alt,
um von jetzt an mehr zu tun als zu pfuschen; wie es andre treiben,
seh' ich auch, finde manchen auf dem guten Pfade, keinen mit grossen
Schritten. Es ist also auch damit wie mit Glueck und Weisheit, davon
uns die Urbilder nur vorschweben, deren Kleidsaum wir hoechstens
beruehren.

Kaysers Ankunft, und bis wir uns ein wenig mit ihm in haeusliche
Ordnung setzten, hatte mich einigermassen zurueckgebracht, meine
Arbeiten stockten. Jetzt geht es wieder, und meine Opern sind nahe,
fertig zu sein. Er ist sehr brav, verstaendig, ordentlich, gesetzt, in
seiner Kunst so fest und sicher, als man sein kann, einer von denen
Menschen, durch deren Naehe man gesunder wird. Dabei hat er eine
Herzensguete, einen richtigen Lebens--und Gesellschaftsblick, wodurch
sein uebrigens strenger Charakter biegsamer wird und sein Umgang eine
eigene Grazie gewinnt.






Bericht November

Nun aber bei dem stillen Gedanken an ein allmaehliches Losloesen ward
ein neues Anknuepfen durch die Ankunft eines wackeren frueheren Freundes
vorbereitet, des Christoph Kayser, eines gebornen Frankfurters, der zu
gleicher Zeit mit Klingern und uns andern herangekommen war. Dieser,
von Natur mit eigentuemlichem musikalischem Talente begabt, hatte schon
vor Jahren, indem er "Scherz, List und Rache" zu komponieren unternahm,
auch eine zu "Egmont" passende Musik zu liefern begonnen. Ich hatte
ihm von Rom aus gemeldet, das Stueck sei abgegangen und eine Kopie in
meinen Haenden geblieben. Statt weitlaeufiger Korrespondenz darueber
ward taetlich gefunden, er solle selbst unverzueglich herankommen; da er
denn auch nicht saeumend mit dem Kurier durch Italien hindurchflog,
sehr bald bei uns eintraf und in den Kuenstlerkreis, der sein
Hauptquartier im Korso, Rondanini gegenueber, aufgeschlagen hatte, sich
freundlich aufgenommen sah.

Hier aber zeigte sich gar bald statt des so noetigen Sammelns und
Einens neue Zerstreuung und Zersplitterung.

Vorerst gingen mehrere Tage hin, bis ein Klavier beigeschafft,
probiert, gestimmt und nach des eigensinnigen Kuenstlers Willen und
Wollen zurechtgerueckt war, wobei denn immer noch etwas zu wuenschen und
zu fordern uebrigblieb. Indessen belohnte sich baldigst der Aufwand
von Muehe und Versaeumnis durch die Leistungen eines sehr gewandten,
seiner Zeit voellig gemaessen, die damaligen schwierigsten Werke leicht
vortragenden Talentes. Und damit der musikalische Geschichtskenner
sogleich wisse, wovon die Rede sei, bemerke ich, dass zu jener Zeit
Schubart fuer unerreichbar gehalten, sodann auch, dass als Probe eines
geuebten Klavierspielers die Ausfuehrungen von Variationen geachtet
wurde, wo ein einfaches Thema, auf die kuenstlichste Weise durchgefuehrt,
endlich durch sein natuerliches Wiedererscheinen den Hoerer zu Atem
kommen liess.

Die Symphonie zu "Egmont" brachte er mit, und so belebte sich von
dieser Seite mein ferneres Bestreben, welches gegenwaertig mehr als
jemals aus Notwendigkeit und Liebhaberei gegen das musikalische
Theater gerichtet war.

"Erwin und Elmire" sowie "Claudine von Villa Bella" sollten nun auch
nach Deutschland abgesendet werden; ich hatte mich aber durch die
Bearbeitung "Egmonts" in meinen Forderungen gegen mich selbst
dergestalt gesteigert, dass ich nicht ueber mich gewinnen konnte, sie in
ihrer ersten Form dahinzugeben. Gar manches Lyrische, das sie
enthalten, war mir lieb und wert; es zeugte von vielen zwar toericht,
aber doch gluecklich verlebten Stunden, wie von Schmerz und Kummer,
welchen die Jugend in ihrer unberatenen Lebhaftigkeit ausgesetzt
bleibt. Der prosaische Dialog dagegen erinnerte zu sehr an jene
franzoesischen Operetten, denen wir zwar ein freundliches Andenken zu
goennen haben, indem sie zuerst ein heiteres singbares Wesen auf unser
Theater herueberbrachten, die mir aber jetzt nicht mehr genuegen wollten
als einem eingebuergerten Italiener, der den melodischen Gesang durch
einen rezitierenden und deklamatorischen wenigstens wollte verknuepft
sehen.

In diesem Sinne wird man nunmehr beide Opern bearbeitet finden; ihre
Kompositionen haben hie und da Freude gemacht, und so sind sie auf dem
dramatischen Strom auch zu ihrer Zeit mit voruebergeschwommen.

Gewoehnlich schilt man auf die italienischen Texte, und das zwar in
solchen Phrasen, wie einer dem andern nachsagen kann, ohne was dabei
zu denken; sie sind freilich leicht und heiter, aber sie machen nicht
mehr Forderungen an den Komponisten und an den Saenger, als inwieweit
beide sich hinzugeben Lust haben. Ohne hierueber weitlaeufig zu sein,
erinnere ich an den Text der "Heimlichen Heirat"; man kennt den
Verfasser nicht, aber es war einer der geschicktesten, die in diesem
Fache gearbeitet haben, wer er auch mag gewesen sein. In diesem Sinne
zu handeln, in gleicher Freiheit nach bestimmten Zwecken zu wirken,
war meine Absicht, und ich wusste selbst nicht zu sagen, inwiefern ich
mich meinem Ziel genaehert habe.

Leider aber war ich mit Freund Kayser seit geraumer Zeit schon in
einem Unternehmen befangen, das nach und nach immer bedenklicher und
weniger ausfuehrbar schien. Man vergegenwaertige sich jene sehr
unschuldige Zeit des deutschen Opernwesens, wo noch ein einfaches
Intermezzo, wie die "Serva Padrona" von Pergolese, Eingang und Beifall
fand. Damals nun produzierte sich ein deutscher Buffo namens Berger,
mit einer huebschen, stattlichen, gewandten Frau, welche in deutschen
Staedten und Ortschaften mit geringer Verkleidung und schwacher Musik
im Zimmer mancherlei heitere aufregende Vorstellungen gaben, die denn
freilich immer auf Betrug und Beschaemung eines alten verliebten Gecken
auslaufen mochten.

Ich hatte mir zu ihnen eine dritte mittlere, leicht zu besetzende
Stimme gedacht, und so war denn schon vor Jahren das Singspiel "Scherz,
List und Rache" entstanden, das ich an Kaysern nach Zuerich schickte,
welcher aber als ein ernster, gewissenhafter Mann das Werk zu redlich
angriff und zu ausfuehrlich behandelte. Ich selbst war ja schon ueber
das Mass des Intermezzo hinausgegangen, und das kleinlich scheinende
Sujet hatte sich in so viel Singstuecke entfaltet, dass selbst bei einer
voruebergehenden sparsamen Musik drei Personen kaum mit der Darstellung
waeren zu Ende gekommen. Nun hatte Kayser die Arien ausfuehrlich nach
altem Schnitt behandelt, und man darf sagen, stellenweise gluecklich
genug, wie nicht ohne Anmut des Ganzen.

Allein wie und wo sollte das zur Erscheinung kommen?
Ungluecklicherweise litt es nach fruehern Maessigkeitsprinzipien an einer
Stimmenmagerkeit; es stieg nicht weiter als bis zum Terzett, und man
haette zuletzt die Theriaksbuechsen des Doktors gern beleben moegen, um
ein Chor zu gewinnen. Alles unser Bemuehen daher, uns im Einfachen und
Beschraenkten abzuschliessen, ging verloren, als Mozart auftrat. Die
"Entfuehrung aus dem Serail" schlug alles nieder, und es ist auf dem
Theater von unserm so sorgsam gearbeiteten Stueck niemals die Rede
gewesen.



Die Gegenwart unseres Kaysers erhoehete und erweiterte nun die Liebe
zur Musik, die sich bisher nur auf theatralische Exhibitionen
eingeschraenkt hatte. Er war sorgfaeltig, die Kirchenfeste zu bemerken,
und wir fanden uns dadurch veranlasst, auch die an solchen Tagen
aufgefuehrten solennen Musiken mit anzuhoeren. Wir fanden sie freilich
schon sehr weltlich mit vollstaendigstem Orchester, obgleich der Gesang
noch immer vorwaltete. Ich erinnere mich, an einem Caecilientage zum
ersten Male eine Bravourarie mit eingreifendem Chor gehoert zu haben;
sie tat auf mich eine ausserordentliche Wirkung, wie sie solche auch
noch immer, wenn dergleichen in den Opern vorkommt, auf das Publikum
ausuebt.

Naechst diesem hatte Kayser noch eine Tugend, dass er naemlich, weil ihm
sehr um alte Musik zu tun war, ihm auch die Geschichte der Tonkunst
ernstlich zu erforschen oblag, sich in Bibliotheken umsah; wie denn
sein treuer Fleiss besonders in der Minerva gute Aufnahme und Foerdernis
gefunden hatte. Dabei aber hatte sein Buecherforschen den Erfolg, dass
er uns auf die aeltern Kupferwerke des sechzehnten Jahrhunderts
aufmerksam machte und z. B. das "Speculum romanae magnificentiae",
die "Architekturen" von Lomazzo, nicht weniger die spaeteren "Admiranda
Romae" und was sonst noch dergleichen sein mochte, in Erinnerung zu
bringen nicht unterliess. Diese Buecher--und Blaettersammlungen, zu
denen wir andere denn auch wallfahrteten, haben besonders einen grossen
Wert, wenn man sie in guten Abdruecken vor sich sieht: sie
vergegenwaertigen jene fruehere Zeit, wo das Altertum mit Ernst und
Scheu betrachtet und die ueberbleibsel in tuechtigem Charakter
ausgedrueckt wurden. So naeherte man sich z. B. den Kolossen, wie sie
noch auf dem alten Fleck im Garten Colonna standen; die Halbruine des
Septizoniums Severi gab noch den ungefaehren Begriff von diesem
verschwundenen Gebaeude; die Peterskirche ohne Fassade, das grosse
Mittel ohne Kuppel, der alte Vatikan, in dessen Hof noch Turniere
gehalten werden konnten, alles zog in die alte Zeit zurueck und liess
zugleich aufs deutlichste bemerken, was die zwei folgenden
Jahrhunderte fuer Veraenderungen hervorgerufen und ungeachtet
bedeutender Hindernisse das Zerstoerte herzustellen, das Versaeumte
nachzuholen getrachtet.



Heinrich Meyer von Zuerich, dessen ich schon oft zu gedenken Ursach
hatte, so zurueckgezogen er lebte, so fleissig er war, fehlte doch nicht
leicht, wo etwas Bedeutendes zu schauen, zu erfahren, zu lernen war;
denn auch die uebrigen suchten und wuenschten ihn, indem er sich in
Gesellschaft so bescheiden als lehrreich erwies. Er ging den sichern,
von Winckelmann und Mengs eroeffneten Pfad ruhig fort, und weil er in
der Seidelmannischen Manier antike Buesten mit Sepia gar loeblich
darzustellen wusste, so fand niemand mehr Gelegenheit als er, die
zarten Abstufungen der fruehern und spaetern Kunst zu pruefen und kennen
zu lernen.

Als wir nun einen von allen Fremden, Kuenstlern, Kennern und Laien
gleich gewuenschten Besuch bei Fackelschein dem Museum sowohl des
Vatikans als auch des Kapitols abzustatten Anstalt machten, so
gesellte er sich uns zu; und ich finde unter meinen Papieren einen
seiner Aufsaetze, wodurch ein solcher genussreicher Umgang durch die
herrlichsten Reste der Kunst, welcher meistenteils wie ein
entzueckender, nach und nach verloeschender Traum vor der Seele schwebt,
auch in seinen vorteilhaften Einwirkungen auf Kenntnis und Einsicht
eine bleibende Bedeutung erhaelt.



"Der Gebrauch, die grossen roemischen Museen, z. B. das Museo
Pio-Clementino im Vatikan, das Kapitolinische etc., beim Licht von
Wachsfackeln zu besehen, scheinet in den Achtziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts noch ziemlich neu gewesen zu sein, indessen ist mir nicht
bekannt, wann er eigentlich seinen Anfang genommen.

Vorteile der Fackelbeleuchtung: jedes Stueck wird nur einzeln,
abgeschlossen von allen uebrigen betrachtet, und die Aufmerksamkeit des
Beschauers bleibt lediglich auf dasselbe gerichtet; dann erscheinen in
dem gewaltigen wirksamen Fackellicht alle zarten Nuancen der Arbeit
weit deutlicher, alle stoerenden Widerscheine (zumal bei glaenzend
polierten Statuen beschwerlich) hoeren auf, die Schatten werden
entschiedener, die beleuchteten Teile treten heller hervor. Ein
Hauptvorteil aber ist unstreitig der, dass unguenstig aufgestellte
Stuecke hierdurch das ihnen gebuehrende Recht erhalten. So konnte man z.
B. den Laokoon in der Nische, wo er stand, nur bei Fackellicht recht
sehen, weil kein unmittelbares Licht auf ihn fiel, sondern bloss ein
Widerschein aus dem kleinen runden, mit einer Saeulenhalle umgebenen
Hof des Belvedere; dasselbe war der Fall mit dem Apollo und dem
sogenannten Antinous (Merkur). Noch noetiger war Fackelbeleuchtung, um
den Nil wie auch den Meleager zu sehen und ihre Verdienste schaetzen zu
koennen. Keiner andern Antike ist Fackelbeleuchtung so vorteilhaft als
bei dem sogenannten Phocion, weil man nur dann, nicht aber bei
gewoehnlichem Licht, indem er unguenstig aufgestellt ist, die wundersam
zart durch das einfache Gewand durchscheinenden Teile des Koerpers
wahrnehmen kann. Schoen nimmt sich auch der vortreffliche Sturz eines
sitzenden Bacchus aus, ebenso das obere Teil einer Bacchusstatue mit
schoenem Kopf und die Halbfigur eines Triton, vor allen aber das Wunder
der Kunst, der nie genug zu preisende beruehmte Torso.



Eingang zum Museo Pio-Clementino im Vatican. Kupferstich

Die Denkmale im Kapitolinischen Museum sind zwar ueberhaupt weniger
wichtig als die im Museo Pio-Clementino, doch gibt es einige von
grosser Bedeutung, und man tut wohl, um sich von ihren Verdiensten
gehoerig zu unterrichten, solche bei Fackelbeleuchtung zu sehen. Der
sogenannte Pyrrhus, vortrefflich gearbeitet, steht auf der Treppe und
erhaelt gar kein Tageslicht; auf der Galerie vor den Saeulen steht eine
schoene halbe Figur, die fuer eine bekleidete Venus gehalten wird,
welche von drei Seiten schwaches Licht erhaelt. Die nackte Venus, die
schoenste Statue dieser Art in Rom, erscheint bei Tageslicht nicht zu
ihrem Vorteil, da sie in einem Eckzimmer aufgestellt ist, und die
sogenannte schoen bekleidete Juno steht an der Wand zwischen Fenstern,
wo sie bloss ein wenig Streiflicht erhaelt; auch der so beruehmte
Ariadnekopf im Miszellaneenzimmer wird ausser bei Fackellicht nicht in
seiner ganzen Herrlichkeit gesehen. Und so sind noch mehrere Stuecke
dieses Museums unguenstig aufgestellt, so dass Fackelbeleuchtung
durchaus notwendig wird, wenn man solche recht sehen und nach
Verdiensten schaetzen soll.

Wie uebrigens so vieles, was geschieht, um die Mode mitzumachen, zum
Missbrauch wird, so ist es auch mit der Fackelbeleuchtung. Sie kann
nur in dem Falle Gewinn bringen, wenn verstanden wird, wozu sie nuetze
ist. Monumente zu sehen, die, wie vorhin von einigen berichtet worden,
bloss verkuemmertes Tageslicht erhalten, ist sie notwendig, indem
alsdann Hoehen und Tiefen und uebergang der Teile ineinander richtiger
erkannt werden. Vornehmlich aber wird sie Werken aus der allerbesten
Zeit der Kunst guenstig sein (wenn naemlich der, welcher die Fackel
fuehrt, und der Beschauer wissen, worauf es ankoemmt); sie wird die
Massen derselben besser zeigen und die zartesten Nuancen der Arbeit
hervorheben. Werke des alten Kunststils hingegen, die vom maechtigen,
und selbst die vom hohen, haben nicht viel zu gewinnen, wenn sie
anders sonst in hellem Lichte stehen. Denn da die Kuenstler damals
noch des Lichts und Schattens nicht kundig waren, wie sollten sie fuer
ihre Arbeiten auf Licht und Schatten gerechnet haben? So ist es auch
mit spaet gearbeiteten Werken, als die Kuenstler anfingen, nachlaessiger
zu werden, der Geschmack schon so weit gesunken war, dass auf Licht und
Schatten in plastischen Werken nicht weiter geachtet, die Lehre von
den Massen vergessen war. Wozu sollte Fackelbeleuchtung an Monumenten
dieser Art dienen?"



Bei einer so feierlichen Gelegenheit ist es der Erinnerung gemaess, auch
Herrn Hirts zu gedenken, der unserem Verein auf mehr als eine Weise
nuetzlich und foerderlich gewesen. Im Fuerstenbergischen 1759 geboren,
fand er nach zurueckgelegten Studien der alten Schriftsteller einen
unwiderstehlichen Trieb, sich nach Rom zu verfuegen. Er war einige
Jahre frueher daselbst angekommen als ich und hatte sich auf die
ernstlichste Weise mit alten und neuern Bau--und Bildwerken jeder Art
bekannt gemacht und sich zu einem unterrichtenden Fuehrer von
wissbegierigen Fremden geeignet. Auch mir erwies er diese Gefaelligkeit
mit aufopfernder Teilnahme.

Sein Hauptstudium war die Baukunst, ohne dass er den klassischen
Lokalitaeten und so viel andern Merkwuerdigkeiten seine Beachtung
entzogen haette. Seine theoretischen Ansichten ueber Kunst gaben in dem
streit--und parteisuechtigen Rom vielfaeltige Gelegenheit zu lebhaften
Diskussionen. Aus der Verschiedenheit der Ansichten kommen besonders
dort, wo immer und ueberall von Kunst die Rede ist, gar mannigfaltig
Hin--und Widerreden, wodurch der Geist in der Naehe so bedeutender
Gegenstaende lebhaftest angeregt und gefoerdert wird. Unsres Hirts
Maxime ruhte auf Ableitungen griechischer und roemischer Architektur
von der aeltesten notwendigsten Holzkonstruktion, worauf er denn Lob
und Tadel der neuern Ausfuehrung gruendete und sich dabei der Geschichte
und Beispiele geschickt zu bedienen wusste. Andere behaupteten dagegen,
dass in der Baukunst wie in jeder andern geschmackvolle Fiktionen
stattfaenden, auf welche der Baukuenstler niemals Verzicht tun duerfe,
indem er sich in den mannigfaltigsten Faellen, die ihm vorkommen, bald
auf diese, bald auf jene Weise zu helfen habe und von der strengen
Regel abzuweichen genoetigt sei.

In Absicht auf Schoenheit geriet er auch oft mit andern Kuenstlern in
Diskrepanz, indem er den Grund derselben ins Charakteristische legte,
da ihm denn insofern diejenigen beipflichteten, welche sich ueberzeugt
hielten, dass freilich der Charakter jedem Kunstwerk zum Grunde liegen
muesse, die Behandlung aber dem Schoenheitssinne und dem Geschmack
anempfohlen sei, welche einen jeden Charakter in seiner Angemessenheit
sowohl als in seiner Anmut darzustellen haben.

Weil aber die Kunst im Tun und nicht im Reden besteht, man aber
dennoch immerfort mehr reden als tun wird, so begreift man leicht, dass
dergleichen Unterhaltungen damals grenzenlos waren, wie sie es bis in
die neusten Zeiten geblieben sind.



Wenn die differierenden Meinungen der Kuenstler zu gar mancherlei
Unannehmlichkeiten, ja Entfernungen untereinander Gelegenheit gaben,
so traf es sich auch wohl, obgleich selten, dass heitere Vorfaelle sich
bei solcher Gelegenheit ereigneten. Nachstehendes mag davon ein
Beispiel sein.

Eine Anzahl Kuenstler hatten den Nachmittag im Vatikan zugebracht und
gingen spaet, um nicht den langen Weg durch die Stadt zu ihrem Quartier
zu nehmen, zu dem Tor an der Kolonnade hinaus, an den Weinbergen her
bis an die Tiber. Sie hatten sich unterwegs gestritten, kamen
streitend ans Ufer und setzten auf der ueberfahrt die Unterhaltung
lebhaft fort. Nun waeren sie, bei Ripetta aussteigend, in den Fall
gekommen, sich zu trennen und die von beiden Seiten noch ueberfluessig
vorhandenen Argumente in der Geburt erstickt zu sehen. Sie wurden
also einig, beisammen zu bleiben und wieder hinueber und herueber zu
fahren und auf der schwankenden Faehre ihrer Dialektik den ferneren
Lauf zu lassen. Einmal aber fand sich diese Bewegung nicht
hinreichend; sie waren einmal im Zuge und verlangten von dem Faehrmann
mehrmalige Wiederholung. Dieser auch liess es sich wohl gefallen,
indem ein jedesmaliges Herueber und Hinueber ihm von der Person einen
Bajocco eintrug, einen ansehnlichen Gewinn, den er so spaet nicht mehr
zu erwarten hatte. Deshalb erfuellte er ganz stillschweigend ihr
Verlangen; und da ihn sein Soehnchen mit Verwunderung fragte: "Was
wollen sie denn damit?", antwortet' er ganz ruhig: "Ich weiss nicht,
aber sie sind toll."



Ungefaehr in dieser Zeit erhielt ich in einem Paket von Hause
nachstehenden Brief:



"Monsieur, je ne suis pas etonne que vous ayez de mauvais lecteurs;
tant de gens aiment mieux parler que sentir, mais il faut les plaindre
et se fe1iciter de ne pas leur ressembler.--Oui, Monsieur, je vous
dois la meilleure action de ma vie, par consequent la racine de
plusieurs autres, et pour moi votre livre est bon. Si j'avois le
bonheur d'habiter le meme pays que vous, j'irois vous embrasser et
vous dire mon secret, mais malheureusement j'en habite un ou personne
ne croiroit au motif qui vient de me determiner a cette demarche.
Soyez satisfait, Monsieur, d'avoir pu, a 300 lieues de votre demeure,
ramener le coeur d'un jeune homme a l'honnetete et a la vertu, toute
une famille va etre tranquille, et mon coeur jouit d'une bonne action.
Si j'avais des talens, des lumieres ou un rang qui me fit influer sur
le sort des hommes, je vous dirois mon nom, mais je ne suis rien et je
sais ce que je ne voudrois etre. Je souhaite, Monsieur, que vous
soyez jeune, que vous ayez le gout d'ecrire, que vous soyez l'epoux
d'une Charlotte qui n'avait point vu de Werther, et vous serez le plus
heureux des hommes, car je crois que vous aimez la vertu."






Dezember

Korrespondenz

Rom, den 1. Dezember.

So viel versichre ich dir: ich bin ueber die wichtigsten Punkte mehr
als gewiss, und obgleich die Erkenntnis sich ins Unendliche erweitern
koennte, so hab' ich doch vom Endlich-Unendlichen einen sichern, ja
klaren und mitteilbaren Begriff.

Ich habe noch die wunderlichsten Sachen vor und halte mein
Erkenntnisvermoegen zurueck, dass nur meine taetige Kraft einigermassen
fortkomme. Denn da sind herrliche Sachen und so begreiflich wie die
Flachhand, wenn man sie nur gefasst hat.


Rom, den 7. Dezember 1787.

Diese Woche ist mit Zeichnen zugebracht worden, da es mit der Dichtung
nicht fort wollte; man muss sehen und suchen, alle Epochen zu nutzen.
Unsere Hausakademie geht immer fort, und wir sind bemueht, den alten
Aganthyr aus dem Schlafe zu wecken; die Perspektiv beschaeftigt uns des
Abends, und ich suche immer dabei einige Teile des menschlichen
Koerpers besser und sichrer zeichnen zu lernen. Es ist nur alles
Gruendliche gar zu schwer und verlangt grosse Applikation in der
Ausuebung.

Angelika ist gar lieb und gut, sie macht mich auf alle Weise zu ihrem
Schuldner. Den Sonntag bringen wir zusammen zu, und in der Woche sehe
ich sie abends einmal. Sie arbeitet so viel und so gut, dass man gar
keinen Begriff hat, wie's moeglich ist, und glaubt doch immer, sie
mache nichts.


Rom, den 8. Dezember.

Wie sehr es mich ergoetzt, dass dir mein Liedchen gefallen hat, glaubst
du nicht, wie sehr es mich freut, einen Laut hervorzubringen, der in
deine Stimmung trifft. Eben das wuenscht' ich "Egmonten", von dem du
so wenig sagst und eher, dass dir daran etwas weh als wohl tut. O, wir
wissen genug, dass wir eine so grosse Komposition schwer ganz rein
stimmen koennen, es hat doch im Grunde niemand einen rechten Begriff
von der Schwierigkeit der Kunst als der Kuenstler selbst.

Es ist weit mehr Positives, das heisst Lehrbares und ueberlieferbares in
der Kunst, als man gewoehnlich glaubt; und der mechanischen Vorteile,
wodurch man die geistigsten Effekte (versteht sich immer mit Geist)
hervorbringen kann, sind sehr viele. Wenn man diese kleinen
Kunstgriffe weiss, ist vieles ein Spiel, was nach wunder was aussieht,
und nirgends glaub' ich, dass man mehr lernen kann in Hohem und Niedrem
als in Rom.


Rom, den 15. Dezember.

Ich schreibe dir spaete, um nur etwas zu schreiben. Diese Woche hab'
ich sehr vergnuegt zugebracht. Es wollte die vorige Woche nicht gehen,
weder mit einer noch andrer Arbeit, und da es am Montage so schoen
Wetter war und meine Kenntnis des Himmels mich gute Tage hoffen liess,
machte ich mich mit Kaysern und meinem zweiten Fritz auf die Beine und
durchging von Dienstag bis heute abend die Plaetze, die ich schon
kannte, und verschiedene Seiten, die ich noch nicht kannte.

Dienstag abend erreichten wir Frascati, Mittwoch besuchten wir die
schoensten Villen und besonders den koestlichen Antinous auf Monte
Dragone. Donnerstag gingen wir von Frascati auf Monte Cavo ueber Rocca
di Papa, wovon du einmal Zeichnungen haben sollst, denn Worte und
Beschreibungen sind nichts; dann nach Albano herunter. Freitag schied
Kayser von uns, dem es nicht ganz wohl war, und ich ging mit Fritz dem
zweiten auf Aricia, Genzano, am See von Nemi her wieder auf Albano
zurueck. Heute sind wir auf Castel Gandolfo und Marino gegangen und
von da nach Rom zurueck. Das Wetter hat uns unglaublich beguenstigt, es
war fast das schoenste Wetter des ganzen Jahrs. Ausser den immergruenen
Baeumen haben noch einige Eichen ihr Laub, auch junge Kastanien noch
das Laub, wenngleich gelb. Es sind Toene in der Landschaft von der
groessten Schoenheit, und die herrlichen grossen Formen im naechtlichen
Dunkel! Ich habe grosse Freude gehabt, die ich dir in der Ferne
mitteile. Ich war sehr vergnuegt und wohl.

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