Italienische Reise Teil 2
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Johann Wolfgang Goethe >> Italienische Reise Teil 2
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Rom, den 21. Dezember.
Dass ich zeichne und die Kunst studiere, hilft dem Dichtungsvermoegen
auf, statt es zu hindern; denn schreiben muss man nur wenig, zeichnen
viel. Dir wuensche ich nur den Begriff der bildenden Kunst mitteilen
zu koennen, den ich jetzt habe; so subordiniert er auch noch ist, so
erfreulich, weil er wahr ist und immer weiter deutet. Der Verstand
und die Konsequenz der grossen Meister ist unglaublich. Wenn ich bei
meiner Ankunft in Italien wie neu geboren war, so fange ich jetzt an,
wie neu erzogen zu sein.
Was ich bisher geschickt habe, sind nur leichtsinnige Versuche. Mit
Thurneisen schicke ich eine Rolle, worauf das Beste fremde Sachen sind,
die dich erfreuen werden.
Rom, den 25. Dezember.
Diesmal ist Christus unter Donner und Blitzen geboren worden, wir
hatten gerade um Mitternacht ein starkes Wetter.
Der Glanz der groessten Kunstwerke blendet mich nicht mehr, ich wandle
nun im Anschauen, in der wahren unterscheidenden Erkenntnis. Wieviel
ich hierin einem stillen, einsam fleissigen Schweizer, namens Meyer,
schuldig bin, kann ich nicht sagen. Er hat mir zuerst die Augen ueber
das Detail, ueber die Eigenschaften der einzelnen Formen aufgeschlossen,
hat mich in das eigentliche Machen initiiert. Er ist in wenigem
genuegsam und bescheiden. Er geniesst die Kunstwerke eigentlich mehr
als die grossen Besitzer, die sie nicht verstehen, mehr als andere
Kuenstler, die zu aengstlich von der Nachahmungsbegierde des
Unerreichbaren getrieben werden. Er hat eine himmlische Klarheit der
Begriffe und eine englische Guete des Herzens. Er spricht niemals mit
mir, ohne dass ich alles aufschreiben moechte, was er sagt, so bestimmt,
richtig, die einzige wahre Linie beschreibend sind seine Worte. Sein
Unterricht gibt mir, was mir kein Mensch geben konnte, und seine
Entfernung wird mir unersetzlich bleiben. In seiner Naehe, in einer
Reihe von Zeit hoffe ich noch auf einen Grad im Zeichnen zu kommen,
den ich mir jetzt selbst kaum denken darf. Alles, was ich in
Deutschland lernte, vornahm, dachte, verhaelt sich zu seiner Leitung
wie Baumrinde zum Kern der Frucht. Ich habe keine Worte, die stille,
wache Seligkeit auszudruecken, mit der ich nun die Kunstwerke zu
betrachten anfange; mein Geist ist erweitert genug, um sie zu fassen,
und bildet sich immer mehr aus, um sie eigentlich schaetzen zu koennen.
Es sind wieder Fremde hier, mit denen ich manchmal eine Galerie sehe;
sie kommen mir wie Wespen in meinem Zimmer vor, die gegen die Fenster
fahren und die helle Scheibe fuer Luft halten, dann wieder abprallen
und an den Waenden summen.
In den schweigenden zuruecktretenden Zustand mag ich einen Feind nicht
wuenschen. Und wie sonst fuer krank und borniert gehalten zu werden,
geziemt mir weniger als jemals. Denke also, mein Lieber, tue, wirke
das Beste fuer mich und erhalte mir mein Leben, das sonst, ohne
jemanden zu nutzen, zugrunde geht. Ja, ich muss sagen, ich bin dieses
Jahr moralisch sehr verwoehnt worden. Ganz abgeschnitten von aller
Welt, hab' ich eine Zeitlang allein gestanden. Nun hat sich wieder
ein enger Kreis um mich gezogen, die alle gut sind, alle auf dem
rechten Wege, und das ist nur das Kennzeichen, dass sie es bei mir
aushalten koennen, mich moegen, Freude in meiner Gegenwart finden, je
mehr sie denkend und handelnd auf dem rechten Wege sind. Denn ich bin
unbarmherzig, unduldsam gegen alle, die auf ihrem Wege schlendern oder
irren und doch fuer Boten und Reisende gehalten werden wollen. Mit
Scherz und Spott treib' ich's so lang, bis sie ihr Leben aendern oder
sich von mir scheiden. Hier, versteht sich, ist nur von guten, graden
Menschen die Rede, Halb--und Schiefkoepfe werden gleich ohne Umstaende
mit der Wanne gesondert. Zwei Menschen danken mir schon ihre
Sinnes--und Lebensaenderung, ja dreie, und werden sie mir zeitlebens
danken. Da, auf dem Punkte der Wirkung meines Wesens, fuehl' ich die
Gesundheit meiner Natur und ihre Ausbreitung; meine Fuesse werden nur
krank in engen Schuhen, und ich sehe nichts, wenn man mich vor eine
Mauer stellt.
Bericht
Dezember
Der Monat Dezember war mit heiterem, ziemlich gleichem Wetter
eingetreten, wodurch ein Gedanke rege ward, der einer guten frohen
Gesellschaft viel angenehme Tage verschaffen sollte. Man sagte
naemlich: Stellen wir uns vor, wir kaemen soeben in Rom an und muessten
als eilige Fremde geschwind von den vorzueglichsten Gegenstaenden uns
unterrichten. Beginnen wir einen Umgang in diesem Sinne, damit das
schon Bekannte moechte in Geist und Sinn wieder neu werden.
Die Ausfuehrung des Gedankens ward alsobald begonnen und mit einiger
Stetigkeit so ziemlich durchgesetzt; leider dass von manchem Guten,
welches bei dieser Gelegenheit bemerkt und gedacht worden, nur wenig
uebriggeblieben. Briefe, Notizen, Zeichnungen und Entwuerfe mangeln von
dieser Epoche fast gaenzlich, einiges werde jedoch hievon kuerzlich
mitgeteilt.
Unterhalb Roms, eine Strecke nicht weit von der Tiber, liegt eine
maessig grosse Kirche, "Zu den drei Bruennlein" genannt; diese sind, so
erzaehlt man, bei Enthauptung des heiligen Paulus durch sein Blut
hervorgerufen worden und quellen noch bis auf den heutigen Tag.
Ohnehin ist die Kirche niedrig gelegen, und da vermehren denn freilich
die in ihrem Innern hervordringenden Roehrbrunnen eine dunstige
Feuchtigkeit. Das Innere steht wenig geschmueckt und beinahe verlassen,
nur fuer einen seltenen Gottesdienst, reinlich, wenngleich moderhaft,
gehegt und besorgt. Was ihr aber zur groessten Zierde dient, sind
Christus und seine Apostel, die Reihe her an den Pfeilern des Schiffs,
nach Zeichnungen Raffaels farbig in Lebensgroesse gemalt. Dieser
ausserordentliche Geist hat jene frommen Maenner, die er sonst am
rechten Orte in versammelter Schar als uebereinstimmend gekleidet
vorgefuehrt, hier, da jeder Einzelne abgesondert auftritt, jeden auch
mit besonderer Auszeichnung abgebildet, nicht als wenn er im Gefolge
des Herrn sich befaende, sondern als wenn er nach der Heimfahrt
desselben, auf seine eignen Fuesse gestellt, nunmehr seinem Charakter
gemaess das Leben durchzuwirken und auszudulden habe.
Um uns aber von den Vorzuegen dieser Bilder auch in der Ferne zu
belehren, sind uns Nachbildungen der Originalzeichnungen von der
treuen Hand Mark Antons uebriggeblieben, welche uns oefters Gelegenheit
und Anlass gaben, unser Gedaechtnis aufzufrischen und unsere Bemerkungen
niederzuschreiben. Wir fuegen den Auszug eines Aufsatzes bei, der in
dem Jahre 1791 in den "Deutschen Merkur" aufgenommen worden.
"Die Aufgabe, einen verklaerten Lehrer mit seinen zwoelf ersten und
vornehmsten Schuelern, welche ganz an seinen Worten und an seinem
Dasein hingen und groesstenteils ihren einfachen Wandel mit einem
Maertyrertode kroenten, gebuehrend vorzustellen, hat er mit einer solchen
Einfalt, Mannigfaltigkeit, Herzlichkeit und mit so einem reichen
Kunstverstaendnis geloest, dass wir diese Blaetter fuer eins der schoensten
Monumente seines gluecklichen Daseins halten koennen.
Was uns von ihrem Charakter, Stande, Beschaeftigung, Wandel und Tode in
Schriften oder durch Traditionen uebriggeblieben, hat er auf das
zarteste benutzt und dadurch eine Reihe von Gestalten hervorgebracht,
welche, ohne einander zu gleichen, eine innere Beziehung aufeinander
haben. Wir wollen sie einzeln durchgehen, um unsre Leser auf die
interessante Sammlung aufmerksam zu machen.
Petrus. Er hat ihn gerad von vorne gestellt und ihm eine feste
gedrungene Gestalt gegeben. Die Extremitaeten sind bei dieser wie bei
einigen andern Figuren ein wenig gross gehalten, wodurch die Figur
etwas kuerzer scheint. Der Hals ist kurz, und die kurzen Haare sind
unter allen dreizehn Figuren am staerksten gekraust. Die Hauptfalten
des Gewandes laufen in der Mitte des Koerpers zusammen, das Gesicht
sieht man wie die uebrige Gestalt ganz von vorn. Die Figur ist in sich
fest zusammengenommen und steht da wie ein Pfeiler, der eine Last zu
tragen imstande ist.
Paulus ist auch stehend abgebildet, aber abgewendet, wie einer, der
gehen will und nochmals zuruecksieht; der Mantel ist aufgezogen und
ueber den Arm, in welchem er das Buch haelt, geschlagen; die Fuesse sind
frei, es hindert sie nichts am Fortschreiten; Haare und Bart bewegen
sich wie Flammen, und ein schwaermerischer Geist glueht auf dem Gesichte.
Johannes. Ein edler Juengling mit langen, angenehmen, nur am Ende
krausen Haaren. Er scheint zufrieden, ruhig, die Zeugnisse der
Religion, das Buch und den Kelch, zu besitzen und vorzuzeigen. Es ist
ein sehr gluecklicher Kunstgriff, dass der Adler, indem er die Fluegel
hebt, das Gewand sogleich mit in die Hoehe nimmt, und durch dieses
Mittel die schoen angelegten Falten in die vollkommenste Lage gesetzt
werden.
Matthaeus. Ein wohlhabender, behaglicher, auf seinem Dasein beruhender
Mann. Die allzugrosse Ruhe und Bequemlichkeit ist durch einen
ernsthaften, beinahe scheuen Blick ins Gleichgewicht gebracht; die
Falten, die ueber den Leib geschlagen sind, und der Geldbeutel geben
einen unbeschreiblichen Begriff von behaglicher Harmonie.
Thomas ist eine der schoensten, in der groessten Einfalt ausdruckvollsten
Figuren. Er steht in seinen Mantel zusammengenommen, der auf beiden
Seiten fast symmetrische Falten wirft, die aber durch ganz leise
Veraenderungen einander voellig unaehnlich gemacht worden sind. Stiller,
ruhiger, bescheidner kann wohl kaum eine Gestalt gebildet werden. Die
Wendung des Kopfes, der Ernst, der beinahe traurige Blick, die
Feinheit des Mundes harmonieren auf das schoenste mit dem ruhigen
Ganzen. Die Haare allein sind in Bewegung, ein unter einer sanften
Aussenseite bewegtes Gemuet anzuzeigen.
Jakobus major. Eine sanfte, eingehuellte, vorbeiwandelnde
Pilgrimsgestalt.
Philippus. Man lege diesen zwischen die beiden vorhergehenden und
betrachte den Faltenwurf aller drei nebeneinander, und es wird
auffallen, wie reich, gross, breit die Falten dieser Gestalt gegen jene
gehalten sind. So reich und vornehm sein Gewand ist, so sicher steht
er, so fest haelt er das Kreuz, so scharf sieht er darauf, und das
Ganze scheint eine innere Groesse, Ruhe und Festigkeit anzudeuten.
Andreas umarmt und liebkoset sein Kreuz mehr, als er es traegt; die
einfachen Falten des Mantels sind mit grossem Verstande geworfen.
Thaddaeus. Ein Juengling, der, wie es die Moenche auf der Reise zu tun
pflegen, sein langes ueberkleid in die Hoehe nimmt, dass es ihn nicht im
Gehen hindere. Aus dieser einfachen Handlung entstehen sehr schoene
Falten. Er traegt die Partisane, das Zeichen seines Maertyrertodes, als
einen Wanderstab in der Hand.
Matthias. Ein munterer Alter in einem durch hoechst verstandene Falten
vermannigfaltigten einfachen Kleide lehnt sich auf einen Spiess, sein
Mantel faellt hinterwaerts herunter.
Simon. Die Falten des Mantels sowohl als des uebrigen Gewandes, womit
diese mehr von hinten als von der Seite zu sehende Figur bekleidet ist,
gehoeren mit unter die schoensten der ganzen Sammlung, wie ueberhaupt in
der Stellung, in der Miene, in dem Haarwuchse eine unbeschreibliche
Harmonie zu bewundern ist.
Bartholomaeus steht in seinen Mantel wild und mit grosser Kunst kunstlos
eingewickelt; seine Stellung, seine Haare, die Art, wie er das Messer
haelt, moechte uns fast auf die Gedanken bringen, er sei eher bereit,
jemanden die Haut abzuziehen, als eine solche Operation zu dulden.
Christus zuletzt wird wohl niemanden befriedigen, der die
Wundergestalt eines Gottmenschen hier suchen moechte. Er tritt einfach
und still hervor, um das Volk zu segnen. Von dem Gewand, das von
unten herausgezogen ist, in schoenen Falten das Knie sehen laesst und
wider dem Leibe ruht, wird man mit Recht behaupten, dass es sich keinen
Augenblick so erhalten koenne, sondern gleich herunterfallen muesse.
Wahrscheinlich hat Raffael supponiert, die Figur habe mit der rechten
Hand das Gewand herausgezogen und angehalten und lasse es in dem
Augenblicke, indem sie den Arm zum Segnen aufhebt, los, so dass es eben
niederfallen muss. Es waere dieses ein Beispiel von dem schoenen
Kunstmittel, die kurz vorhergegangene Handlung durch den
ueberbleibenden Zustand der Falten anzudeuten."
Von diesem kleinen bescheidenen Kirchlein ist jedoch nicht weit zu dem
groesseren, dem hohen Apostel gewidmeten Denkmal: es ist die Kirche St.
Paul vor den Mauern genannt, ein aus alten herrlichen Resten gross und
kunstreich zusammengestelltes Monument. Der Eintritt in diese Kirche
verleiht einen erhabenen Eindruck, die maechtigsten Saeulenreihen tragen
hohe gemalte Waende, welche, oben durch das verschraenkte Zimmerwerk des
Dachs geschlossen, zwar jetzt unserm verwoehnten Auge einen
scheunenartigen Anblick geben, obschon das Ganze, waere die
Kontignation an festlichen Tagen mit Teppichen ueberspannt, von
unglaublicher Wirkung sein muesste. Mancher wundersame Rest kolossaler
hoechst verzierter Architektur an Kapitaelen findet sich hier anstaendig
aufbewahrt, aus den Ruinen von dem ehmals nahe gelegenen, jetzo fast
ganz verschwundenen Palast des Caracalla entnommen und gerettet.
Die Rennbahn sodann, die von diesem Kaiser noch jetzt den Namen fuehrt,
gibt uns, wennschon grossenteils verfallen, doch noch einen Begriff
eines solchen immensen Raumes. Stellte sich der Zeichner an den
linken Fluegel der zum Wettlauf Ausfahrenden, so haette er rechts in der
Hoehe ueber den zertruemmerten Sitzen der Zuschauer das Grab der Caecilia
Metella mit dessen neueren Umgebungen, von wo aus die Linie der
ehemaligen Sitze ins Grenzenlose hinauslaeuft und in der Ferne
bedeutende Villen und Lusthaeuser sich sehen lassen. Kehrt das Auge
zurueck, so kann es gerade vor sich die Ruinen der Spina noch gar wohl
verfolgen, und derjenige, dem architektonische Phantasie gegeben ist,
kann sich den uebermut jener Tage einigermassen vergegenwaertigen. Der
Gegenstand in Truemmern, wie er jetzt vor unsern Augen liegt, wuerde auf
jeden Fall, wenn ein geistreicher und kenntnisgewandter Kuenstler es
unternehmen wollte, immer noch ein angenehmes Bild geben, das freilich
um das Doppelte laenger als hoch sein muesste.
Die Pyramide des Cestius ward fuer diesmal mit den Augen von aussen
begruesst, und die Truemmer der Antoninischen oder Caracallischen Baeder,
von denen uns Piranesi so manches Effektreiche vorgefabelt, konnten
auch dem malerisch gewoehnten Auge in der Gegenwart kaum einige
Zufriedenheit geben. Doch sollte bei dieser Gelegenheit die
Erinnerung an Hermann von Schwanefeld lebendig werden, welcher mit
seiner zarten, das reinste Natur--und Kunstgefuehl ausdrueckenden Nadel
diese Vergangenheiten zu beleben, ja, sie zu den anmutigsten Traegern
des lebendig Gegenwaertigen umzuschauen wusste.
Auf dem Platze vor St. Peter in Montorio begruessten wir den
Wasserschwall der Acqua Paola, welcher durch eines Triumphbogens
Pforten und Tore in fuenf Stroemen ein grosses verhaeltnismaessiges Becken
bis an den Rand fuellt. Durch einen von Paul V. wiederhergestellten
Aquaedukt macht diese Stromfuelle einen Weg von fuenfundzwanzig Miglien
hinter dem See Bracciano her durch ein wunderliches, von abwechselnden
Hoehen gebotenes Zickzack bis an diesen Ort, versieht die Beduerfnisse
verschiedener Muehlen und Fabriken, um sich zugleich in Trastevere zu
verbreiten.
Hier nun ruehmten Freunde der Baukunst den gluecklichen Gedanken, diesen
Wassern einen offen schaubaren triumphierenden Eintritt verschafft zu
haben. Man wird durch Saeulen und Bogen, durch Gesims und Attiken an
jene Prachttore erinnert, wodurch ehmals kriegerische ueberwinder
einzutreten pflegten; hier tritt der friedlichste Ernaehrer mit
gleicher Kraft und Gewalt ein und empfaengt fuer die Muehen seines weiten
Laufes sogleich Dank und Bewunderung. Auch sagen uns die Inschriften,
dass Vorsehung und Wohltaetigkeit eines Papstes aus dem Hause Borghese
hier gleichsam einen ewigen ununterbrochenen stattlichen Einzug halten.
Ein kurz vorher eingetroffener Ankoemmling aus Norden fand jedoch, man
wuerde besser getan haben, rohe Felsen hier aufzutuermen, um diesen
Fluten einen natuerlichen Eintritt ans Tageslicht zu verschaffen. Man
entgegnete ihm, dass dies kein Natur-, sondern ein Kunstwasser sei,
dessen Ankunft man auf eine gleichartige Weise zu schmuecken gar wohl
berechtigt gewesen waere.
Raffael Transfiguration. Kupferstich von Prestel
Doch hierueber vereinigte man sich ebensowenig als ueber das herrliche
Bild der Transfiguration, welches man in dem zunaechst gelegenen
Kloster gleich darauf anzustaunen Gelegenheit fand. Da war denn des
Redens viel; der stillere Teil jedoch aergerte sich, den alten Tadel
von doppelter Handlung wiederholt zu sehen. Es ist aber nicht anders
in der Welt, als dass eine wertlose Muenze neben einer gehaltigen auch
immer eine gewisse Art von Kurs behaelt, besonders da, wo man in der
Kuerze aus einem Handel zu scheiden und ohne viel ueberlegung und
Zaudern gewisse Differenzen auszugleichen gedenkt. Wundersam bleibt
es indes immer, dass man an der grossen Einheit einer solchen Konzeption
jemals hat maekeln duerfen. In Abwesenheit des Herren stellen trostlose
Eltern einen besessenen Knaben den Juengern des Heiligen dar; sie moegen
schon Versuche gemacht haben, den Geist zu bannen; man hat sogar ein
Buch aufgeschlagen, um zu forschen, ob nicht etwa eine ueberlieferte
Formel gegen dieses uebel wirksam koenne gefunden werden; aber vergebens.
In diesem Augenblick erscheint der einzig Kraeftige, und zwar
verklaert, anerkannt von seinen grossen Vorfahren, eilig deutet man
hinauf nach solcher Vision als der einzigen Quelle des Heils. Wie
will man nun das Obere und Untere trennen? Beides ist eins: unten das
Leidende, Beduerftige, oben das Wirksame, Huelfreiche, beides
aufeinander sich beziehend, ineinander einwirkend. Laesst sich denn, um
den Sinn auf eine andere Weise auszusprechen, ein ideeller Bezug aufs
Wirkliche von diesem lostrennen?
Die Gleichgesinnten bestaerkten sich auch diesmal in ihrer ueberzeugung;
"Raffael", sagten sie zueinander, "zeichnete sich eben durch die
Richtigkeit des Denkens aus, und der gottbegabte Mann, den man eben
hieran durchaus erkennt, soll in der Bluete seines Lebens falsch
gedacht, falsch gehandelt haben? Nein! er hat wie die Natur jederzeit
recht, und gerade da am gruendlichsten, wo wir sie am wenigsten
begreifen."
Eine Verabredung wie die unsrige, einen fluechtigen ueberblick von Rom
sich in guter vereinigter Gesellschaft zu verschaffen, konnte nicht
ganz, wie es wohl der Vorsatz gewesen, in voelliger Abgesondertheit
durchgefuehrt werden; ein und der andere fehlte, vielleicht zufaellig
abgehalten, wieder andere schlossen sich an, auf ihrem Wege dieses
oder jenes Sehenswuerdige zu betrachten. Dabei hielt jedoch der Kern
zusammen und wusste bald aufzunehmen, bald abzusondern, bald
zurueckzubleiben, bald vorzueilen. Gelegentlich hatte man freilich gar
wunderliche aeusserungen zu vernehmen. Es gibt eine gewisse Art von
empirischem Urteil, welches seit laengerer Zeit zumal durch englische
und franzoesische Reisende besonders in den Gang gekommen; man spricht
sein augenblickliches unvorbereitetes Urteil aus, ohne nur irgend zu
bedenken, dass jeder Kuenstler auf gar vielfache Weise bedingt ist,
durch sein besonderes Talent, durch Vorgaenger und Meister, durch Ort
und Zeit, durch Goenner und Besteller. Nichts von allem dem, welches
freilich zu einer reinen Wuerderung noetig waere, kommt in Betrachtung,
und so entsteht daraus ein graessliches Gemisch von Lob und Tadel, von
Bejahen und Verneinen, wodurch jeder eigentuemliche Wert der fraglichen
Gegenstaende ganz eigentlich aufgehoben wird.
Unser guter Volkmann, sonst so aufmerksam und als Fuehrer nuetzlich
genug, scheint sich durchaus an jene fremden Urteiler gehalten zu
haben, deswegen denn seine eigenen Schaetzungen gar wunderlich
hervortreten. Kann man sich z. B. ungluecklicher ausdruecken, als er
sich in der Kirche Maria della Pace vernehmen laesst?
"ueber der ersten Kapelle hat Raffael einige Sibyllen gemalt, die sehr
gelitten haben. Die Zeichnung ist richtig, aber die Zusammensetzung
schwach, welches vermutlich dem unbequemen Platz beigemessen werden
muss. Die zwote Kapelle ist nach des Michael Angelo Zeichnungen mit
Arabesken geziert, die hoch geschaetzt werden, aber nicht simpel genug
sind. Unter der Kuppel bemerkt man drei Gemaelde, das erste stellt die
Heimsuchung der Maria von Karl Maratti vor, ist frostig gemalt, aber
gut angeordnet; das andere die Geburt der Maria vom Kavalier Vanni, in
der Manier des Peter von Cortona, und das dritte den Tod der Maria von
Maria Morandi. Die Anordnung ist etwas verwirrt und faellt ins Rohe.
Am Gewoelbe ueber dem Chor hat Albani mit einem schwachen Kolorit die
Himmelfahrt der Maria abgebildet. Die von ihm herruehrenden Malereien
an den Pfeilern unter der Kuppel sind besser geraten. Den Hof des zu
dieser Kirche gehoerigen Klosters hat Bramante angegeben."
Dergleichen unzulaengliche, schwankende Urteile verwirren durchaus den
Beschauer, der ein solches Buch zum Leitfaden erwaehlt. Manches ist
denn aber auch ganz falsch, z. B. was hier von den Sibyllen gesagt
ist. Raffael war niemals von dem Raume geniert, den ihm die
Architektur darbot, vielmehr gehoert zu der Grossheit und Eleganz seines
Genies, dass er jeden Raum auf das zierlichste zu fuellen und zu
schmuecken wusste, wie er augenfaellig in der Farnesine dargetan hat.
Selbst die herrlichen Bilder der "Messe von Bolsena", der "Befreiung
des gefangenen Petrus", des "Parnasses" waeren ohne die wunderliche
Beschraenkung des Raumes nicht so unschaetzbar geistreich zu denken.
Ebenso ist auch hier in den Sibyllen die verheimlichte Symmetrie,
worauf bei der Komposition alles ankommt, auf eine hoechst geniale
Weise obwaltend; denn wie in dem Organismus der Natur, so tut sich
auch in der Kunst innerhalb der genausten Schranke die Vollkommenheit
der Lebensaeusserung kund.
Wie dem aber auch sei, so mag einem jeden die Art und Weise,
Kunstwerke aufzunehmen, voellig ueberlassen bleiben. Mir ward bei
diesem Umgang das Gefuehl, der Begriff, die Anschauung dessen, was man
im hoechsten Sinne die Gegenwart des klassischen Bodens nennen duerfte.
Ich nenne dies die sinnlich geistige ueberzeugung, dass hier das Grosse
war, ist und sein wird. Dass das Groesste und Herrlichste vergehe, liegt
in der Natur der Zeit und der gegeneinander unbedingt wirkenden
sittlichen und physischen Elemente. Wir konnten in allgemeinster
Betrachtung nicht traurig an dem Zerstoerten voruebergehen, vielmehr
hatten wir uns zu freuen, dass so viel erhalten, so viel
wiederhergestellt war, praechtiger und uebermaessiger, als es je gestanden.
Innenansicht von St. Peter. Gouache von Desprez
Die Peterskirche ist gewiss so gross gedacht und wohl groesser und kuehner
als einer der alten Tempel, und nicht allein was zweitausend Jahre
vernichten sollten, lag vor unsern Augen, sondern zugleich was eine
gesteigerte Bildung wieder hervorzubringen vermochte.
Selbst das Schwanken des Kunstgeschmackes, das Bestreben zum einfachen
Grossen, das Wiederkehren zum vervielfachten Kleineren, alles deutete
auf Leben und Bewegung; Kunst--und Menschengeschichte standen
synchronistisch vor unseren Augen.
Es darf uns nicht niederschlagen, wenn sich uns die Bemerkung
aufdringt, das Grosse sei vergaenglich; vielmehr wenn wir finden, das
Vergangene sei gross gewesen, muss es uns aufmuntern, selbst etwas von
Bedeutung zu leisten, das fortan unsre Nachfolger, und waer' es auch
schon in Truemmer zerfallen, zu edler Taetigkeit aufrege, woran es unsre
Vorvordern niemals haben ermangeln lassen.
Diese hoechst belehrenden und geisterhebenden Anschauungen wurden, ich
darf nicht sagen gestoert und unterbrochen, aber doch mit einem
schmerzlichen Gefuehl durchflochten, das mich ueberallhin begleitete;
ich erfuhr naemlich, dass der Braeutigam jener artigen Mailaenderin, unter
ich weiss nicht welchem Vorwande, sein Wort zurueckgenommen und sich von
seiner Versprochenen losgesagt habe. Wenn ich mich nun einerseits
gluecklich pries, meiner Neigung nicht nachgehangen und mich sehr bald
von dem lieben Kinde zurueckgezogen zu haben, wie denn auch nach
genauster Erkundigung unter den Vorwaenden jener Villeggiatur auch
nicht im mindesten gedacht worden, so war es mir doch hoechst
empfindlich, das artige Bild, das mich bisher so heiter und freundlich
begleitet hatte, nunmehr getruebt und entstellt zu sehen; denn ich
vernahm sogleich, das liebe Kind sei aus Schrecken und Entsetzen ueber
dieses Ereignis in ein gewaltsames Fieber verfallen, welches fuer ihr
Leben fuerchten lasse. Indem ich mich nun tagtaeglich und die erste
Zeit zweimal erkundigen liess, hatte ich die Pein, dass meine
Einbildungskraft sich etwas Unmoegliches hervorzubringen bemueht war,
jene heitern, dem offnen, frohen Tag allein gehoerigen Zuege, diesen
Ausdruck unbefangenen, stillvorschreitenden Lebens nunmehr durch
Traenen getruebt, durch Krankheit entstellt und eine so frische Jugend
durch inneres und aeusseres Leiden so fruehzeitig blass und schmaechtig zu
denken.
In solcher Stimmung war freilich ein so grosses Gegengewicht als eine
Reihenfolge des Bedeutendsten, das teils dem Auge durch sein Dasein,
teils der Einbildungskraft durch nie verschollene Wuerde genug zu tun
gab, hoechst ersehnt und nichts natuerlicher, als das meiste davon mit
inniger Trauer anzublicken.
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