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This etext was prepared by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com.





Novelle

by Johann Wolfgang von Goethe




Novelle, Kapitel 1


Ein dichter Herbstnebel verhuellte noch in der Fruehe die weiten Raeume
des fuerstlichen Schlosshofes, als man schon mehr oder weniger durch den
sich lichtenden Schleier die ganze Jaegerei zu Pferde und zu Fuss
durcheinander bewegt sah.

Die eiligen Beschaeftigungen der Naechsten liessen sich erkennen: man
verlaengerte, man verkuerzte die Steigbuegel, man reichte sich Buechse und
Patrontaeschchen, man schob die Dachsranzen zurecht, indes die Hunde
ungeduldig am Riemen den Zurueckhaltenden mit fortzuschleppen drohten.

Auch hie und da gebaerdete ein Pferd sich mutiger, von feuriger Natur
getrieben oder von dem Sporn des Reiters angeregt, der selbst hier in
der Halbhelle eine gewisse Eitelkeit, sich zu zeigen, nicht verleugnen
konnte.

Alle jedoch warteten auf den Fuersten, der, von seiner jungen Gemahlin
Abschied nehmend, allzulange zauderte.

Erst vor kurzer Zeit zusammen getraut, empfanden sie schon das Glueck
uebereinstimmender Gemueter; beide waren von taetig lebhaftem Charakter,
eines nahm gern an des andern Neigungen und Bestrebungen Anteil.

Des Fuersten Vater hatte noch den Zeitpunkt erlebt und genutzt, wo es
deutlich wurde, dass alle Staatsglieder in gleicher Betriebsamkeit ihre
Tage zubringen, in gleichem Wirken und Schaffen jeder nach seiner Art
erst gewinnen und dann geniessen sollte.

Wie sehr dieses gelungen war, liess sich in diesen Tagen gewahr werden,
als eben der Hauptmarkt sich versammelte, den man gar wohl eine Masse
nennen konnte.

Der Fuerst hatte seine Gemahlin gestern durch das Gewimmel der
aufgehaeuften Waren zu Pferde gefuehrt und sie bemerken lassen, wie
gerade hier das Gebirgsland mit dem flachen Lande einen gluecklichen
Umtausch treffe; er wusste sie an Ort und Stelle auf die Betriebsamkeit
seines Laenderkreises aufmerksam zu machen.

Wenn sich nun der Fuerst fast ausschliesslich in diesen Tagen mit den
Seinigen ueber diese zudringenden Gegenstaende unterhielt, auch
besonders mit dem Finanzminister anhaltend arbeitete, so behielt doch
auch der Landjaegermeister sein Recht, auf dessen Vorstellung es
unmoeglich war, der Versuchung zu widerstehen, an diesen guenstigen
Herbsttagen eine schon verschobene Jagd zu unternehmen, sich selbst
und den vielen angekommenen Fremden ein eignes und seltnes Fest zu
eroeffnen.

Die Fuerstin blieb ungern zurueck; man hatte sich vorgenommen, weit in
das Gebirg hineinzudringen, um die friedlichen Bewohner der dortigen
Waelder durch einen unerwarteten Kriegszug zu beunruhigen.

Scheidend versaeumte der Gemahl nicht, einen Spazierritt vorzuschlagen,
den sie im Geleit Friedrichs, des fuerstlichen Oheims, unternehmen
sollte ".

Auch lasse ich", sagte er, "dir unsern Honorio als Stallund Hofjunker,
der fuer alles sorgen wird".

Und im Gefolg dieser Worte gab er im Hinabsteigen einem wohlgebildeten
jungen Mann die noetigen Auftraege, verschwand sodann bald mit Gaesten
und Gefolge.

Die Fuerstin, die ihrem Gemahl noch in den Schlosshof hinab mit dem
Schnupftuch nachgewinkt hatte, begab sich in die hintern Zimmer,
welche nach dem Gebirg eine freie Aussicht liessen, die um desto
schoener war, als das Schloss selbst von dem Flusse herauf in einiger
Hoehe stand und so vor- als hinterwaerts mannigfaltige bedeutende
Ansichten gewaehrte.

Sie fand das treffliche Teleskop noch in der Stellung, wo man es
gestern abend gelassen hatte, als man, ueber Busch, Berg und Waldgipfel
die hohen Ruinen der uralten Stammburg betrachtend, sich unterhielt,
die in der Abendbeleuchtung merkwuerdig hervortraten, indem alsdann die
groessten Licht- und Schattenmassen den deutlichsten Begriff von einem
so ansehnlichen Denkmal alter Zeit verleihen konnten.

Auch zeigte sich heute frueh durch die annaehernden Glaeser recht
auffallend die herbstliche Faerbung jener mannigfaltigen Baumarten, die
zwischen dem Gemaeuer ungehindert und ungestoert durch lange Jahre
emporstrebten.

Die schoene Dame richtete jedoch das Fernrohr etwas tiefer nach einer
oeden, steinigen Flaeche, ueber welche der Jagdzug weggehen musste.

Sie erharrte den Augenblick mit Geduld und betrog sich nicht, denn bei
der Klarheit und Vergroesserungsfaehigkeit des Instruments erkannten ihre
glaenzenden Augen deutlich den Fuersten und den Oberstallmeister; ja sie
enthielt sich nicht, abermals mit dem Schnupftuche zu winken, als sie
ein augenblickliches Stillhalten und Rueckblicken mehr vermutete als
gewahr ward.

Fuerst Oheim, Friedrich mit Namen, trat sodann, angemeldet, mit seinem
Zeichner herein, der ein grosses Portefeuille unter dem Arm trug.

"Liebe Cousine", sagte der alte, ruestige Herr, "hier legen wir die
Ansichten der Stammburg vor, gezeichnet, um von verschiedenen Seiten
anschaulich zu machen, wie der maechtige Trutz- und Schutzbau von alten
Zeiten her dem Jahr und seiner Witterung sich entgegenstemmte und wie
doch hie und da sein Gemaeuer weichen, da und dort in wueste Ruinen
zusammenstuerzen musste.

Nun haben wir manches getan, um diese Wildnis zugaenglicher zu machen,
denn mehr bedarf es nicht, um jeden Wanderer, jeden Besuchenden in
Erstaunen zu setzen, zu entzuecken".

Indem nun der Fuerst die einzelnen Blaetter deutete, sprach er weiter:
"hier, wo man, den Hohlweg durch die aeussern Ringmauern heraufkommend,
vor die eigentliche Burg gelangt, steigt uns ein Felsen entgegen von
den festesten des ganzen Gebirgs; hierauf nun steht gemauert ein Turm,
doch niemand wuesste zu sagen, wo die Natur aufhoert, Kunst und Handwerk
aber anfangen.

Ferner sieht man seitwaerts Mauern angeschlossen und Zwinger
terrassenmaessig herab sich erstreckend.

Doch ich sage nicht recht, denn es ist eigentlich ein Wald, der diesen
uralten Gipfel umgibt.

Seit hundertundfunfzig Jahren hat keine Axt hier geklungen, und
ueberall sind die maechtigsten Staemme emporgewachsen.

Wo Ihr Euch an den Mauern andraengt, stellt sich der glatte Ahorn, die
rauhe Eiche, die schlanke Fichte mit Schaft und Wurzeln entgegen; um
diese muessen wir uns herumschlaengeln und unsere Fusspfade verstaendig
fuehren.

Seht nur, wie trefflich unser Meister dies Charakteristische auf dem
Papier ausgedrueckt hat, wie kenntlich die verschiedenen Stammund
Wurzelarten zwischen das Mauerwerk verflochten und die maechtigen aeste
durch die Luecken durchgeschlungen sind!

Es ist eine Wildnis wie keine, ein zufaellig einziges Lokal, wo die
alten Spuren laengst verschwundener Menschenkraft mit der ewig lebenden
und fortwirkenden Natur sich in dem ernstesten Streit erblicken
lassen".

Ein anderes Blatt aber vorlegend, fuhr er fort: "was sagt Ihr nun zum
Schlosshofe, der, durch das Zusammenstuerzen des alten Torturmes
unzugaenglich, seit und undenklichen Jahren von niemand betreten ward?

Wir suchten ihm von der Seite beizukommen, haben Mauern durchbrochen,
Gewoelbe gesprengt und so einen bequemen, aber geheimen Weg bereitet.

Inwendig bedurft es keines Aufraeumens, hier findet sich ein flacher
Felsgipfel von der Natur geplaettet, aber doch haben maechtige Baeume hie
und da zu wurzeln Glueck und Gelegenheit gefunden; sie sind sachte,
aber entschieden aufgewachsen, nun erstrecken sie ihre aeste bis in die
Galerien hinein, auf denen der Ritter sonst auf und ab schritt, ja
durch Tueren durch und Fenster in die gewoelbten Saele, aus denen wir sie
nicht vertreiben wollen; sie sind eben Herr geworden und moegens
bleiben.




Novelle, Kapitel 2


Tiefe Blaetterschichten wegraeumend, haben wir den merkwuerdigsten Platz
geebnet gefunden, dessengleichen in der Welt vielleicht nicht wieder
zu sehen ist.

Nach allem diesem aber ist es immer noch bemerkenswert und an Ort und
Stelle zu beschauen, dass auf den Stufen, die in den Hauptturm
hinauffuehren, ein Ahorn Wurzel geschlagen und sich zu einem so
tuechtigen Baume gebildet hat, dass man nur mit Not daran vorbeidringen
kann, um die Zinne, der unbegrenzten Aussicht wegen, zu besteigen.

Aber auch hier verweilt man bequem im Schatten, denn dieser Baum ist
es, der sich ueber das Ganze wunderbar hoch in die Luft hebt.

Danken wir also dem wackern Kuenstler, der uns so loeblich in
verschiedenen Bildern von allem ueberzeugt, als wenn wir gegenwaertig
waeren; er hat die schoensten Stunden des Tages und der Jahrszeit dazu
angewendet und sich wochenlang um diese Gegenstaende herumbewegt.

In dieser Ecke ist fuer ihn und den Waechter, den wir ihm zugegeben,
eine kleine, angenehme Wohnung eingerichtet.

Sie sollten nicht glauben, meine Beste, welch eine schoene Aus- und
Ansicht er ins Land, in Hof und Gemaeuer sich dort bereitet hat! Nun
aber, da alles so rein und charakteristisch umrissen ist, wird er es
hier unten mit Bequemlichkeit ausfuehren.

wir wollen mit diesen Bildern unsern Gartensaal zieren, und niemand
soll ueber unsere regelmaessigen Parterre, Lauben und schattigen Gaenge
seine Augen spielen lassen, der nicht wuenschte, dort oben in dem
wirklichen Anschauen des Alten und Neuen, des Starren, Unnachgiebigen,
Unzerstoerlichen und des Frischen, Schmiegsamen, Unwiderstehlichen
seine Betrachtungen anzustellen".

Honorio trat ein und meldete, die Pferde seien vorgefuehrt; da sagte
die Fuerstin, zum Oheim gewendet: "reiten wir hinauf, und lassen Sie
mich in der Wirklichkeit sehen, was Sie mir hier im Bilde zeigten!

Seit ich hier bin, hoer ich von diesem Unternehmen und werde jetzt erst
recht verlangend, mit Augen zu sehen, was mir in der Erzaehlung
unmoeglich schien und in der Nachbildung unwahrscheinlich bleibt".
--"Noch nicht, meine Liebe", versetzte der Fuerst; "was Sie hier sahen,
ist, was es werden kann und wird; jetzt stockt noch manches, die Kunst
muss erst vollenden, wenn sie sich vor der Natur nicht schaemen soll".
--"Und so reiten wir wenigstens hinaufwaerts, und waer es nur bis an den
Fuss; ich habe grosse Lust, mich heute weit in der Welt umzusehen".
--"Ganz nach Ihrem Willen", versetzte der Fuerst.--"Lassen Sie uns
aber durch die Stadt reiten", fuhr die Dame fort, "ueber den grossen
Marktplatz, wo eine zahllose Menge von Buden die Gestalt einer kleinen
Stadt, eines Feldlagers angenommen hat.

Es ist, als waeren die Beduerfnisse und Beschaeftigungen saemtlicher
Familien des Landes umher nach aussen gekehrt, in diesem Mittelpunkt
versammelt, an das Tageslicht gebracht worden, denn hier sieht der
aufmerksame Beobachter alles, was der Mensch leistet und bedarf; man
bildet sich einen Augenblick ein, es sei kein Geld noetig, jedes
Geschaeft koenne hier durch Tausch abgetan werden, und so ist auch im
Grunde.

Seitdem der Fuerst gestern mir Anlass zu diesem uebersichten gegeben, ist
es mir gar angenehm zu denken, wie hier, wo Gebirg und flaches Land
aneinandergrenzen, beide so deutlich aussprechen, was sie brauchen und
was sie wuenschen.

Wie nun der Hochlaender das Holz seiner Waelder in hundert Formen
umzubilden weiss, das Eisen zu einem jeden Gebrauch zu
vermannigfaltigen, so kommen jene drueben mit den vielfaeltigsten Waren
ihm entgegen, an denen man den Stoff kaum unterscheiden und den Zweck
oft nicht erkennen mag".

"Ich weiss", versetzte der Fuerst, "dass mein Neffe hierauf die groesste
Aufmerksamkeit wendet, denn gerade zu dieser Jahrszeit kommt es
hauptsaechlich darauf an, dass man mehr empfange als gebe; dies zu
bewirken, ist am Ende die Summe des ganzen Staatshaushaltes so wie der
kleinsten haeuslichen Wirtschaft.

Verzeihen Sie aber, meine Beste, ich reite niemals gern durch den
Markt und Messe; bei jedem Schritt ist man gehindert und aufgehalten,
und dann flammt mir das ungeheure Unglueck wieder in die
Einbildungskraft, das sich mir gleichsam in die Augen eingebrannt, als
ich eine solche Gueter- und Warenbreite in Feuer aufgehen sah.

Ich hatte mich kaum--".

"Lassen Sie uns die schoenen Stunden nicht versaeumen!" fiel ihm die
Fuerstin ein, da der wuerdige Mann sie schon einigemal mit ausfuehrlicher
Beschreibung jenes Unheils geaengstigt hatte, wie er sich naemlich, auf
einer grossen Reise begriffen, abends im besten Wirtshause auf dem
Markte, der eben von einer Hauptmesse wimmelte, hoechst ermuedet zu
Bette gelegt und nachts durch Geschrei und Flammen, die sich gegen
seine Wohnung waelzten, graesslich aufgeweckt worden.

Die Fuerstin eilte, das Lieblingspferd zu besteigen, und fuehrte, statt
zum Hintertore bergauf, zum Vordertore bergunter ihren widerwillig
bereiten Begleiter; denn wer waere nicht gern an ihrer Seite geritten,
wer waere ihr nicht gern gefolgt!

Und so war auch Honorio von der sonst so ersehnten Jagd willig
zurueckgeblieben, um ihr ausschliesslich dienstbar zu sein.

Wie vorauszusehen, durften sie auf dem Markte nur Schritt vor Schritt
reiten; aber die schoene Liebenswuerdige erheiterte jeden Aufenthalt
durch eine geistreiche Bemerkung.

"Ich wiederhole", sagte sie, "meine gestrige Lektion, da denn doch die
Notwendigkeit unsere Geduld pruefen will".

Und wirklich draengte sich die ganze Menschenmasse dergestalt an die
Reitenden heran, dass sie ihren Weg nur langsam fortsetzen konnten.
Das Volk schaute mit Freuden die junge Dame, und auf so viel
laechelnden Gesichtern zeigte sich das entschiedene Behagen, zu sehen,
dass die erste Frau im Lande auch die schoenste und anmutigste sei.

Untereinander gemischt standen Bergbewohner, die zwischen Felsen,
Fichten und Foehren ihre stillen Wohnsitze hegten, Flachlaender von
Huegeln, Auen und Wiesen her, Gewerbsleute der kleinen Staedte, und was
sich alles versammelt hatte.

Nach einem ruhigen ueberblick bemerkte die Fuerstin ihrem Begleiter, wie
alle diese, woher sie auch seien, mehr Stoff als noetig zu ihren
Kleidern genommen, mehr Tuch und Leinwand, mehr Band zum Besatz.

"Ist es doch, als ob die Weiber nicht brauschig und die Maenner nicht
pausig genug sich gefallen koennten!"

"Wir wollen ihnen das ja lassen", versetzte der Oheim; "wo auch der
Mensch seinen ueberfluss hinwendet, ihm ist wohl dabei, am wohlsten,
wenn er sich damit schmueckt und aufputzt".

Die schoene Dame winkte Beifall.

So waren sie nach und nach auf einen freiern Platz gelangt, der zur
Vorstadt hinfuehrte, wo am Ende vieler kleiner Buden und Kramstaende ein
groesseres Brettergebaeude in die Augen fiel, das sie kaum erblickten,
als ein ohrzerreissendes Gebruelle ihnen entgegentoente.

Die Fuetterungsstunde der dort zur Schau stehenden wilden Tiere schien
herangekommen; der Loewe liess seine Wald- und Wuestenstimme aufs
kraeftigste hoeren, die Pferde schauderten, und man konnte der Bemerkung
nicht entgehen, wie in dem friedlichen Wesen und Wirken der gebildeten
Welt der Koenig der Einoede sich so furchtbar verkuendige.

Zur Bude naeher gelangt, durften sie die bunten, kolossalen Gemaelde
nicht uebersehen, die mit heftigen Farben und kraeftigen Bildern jene
fremden Tiere darstellten, welche der friedliche Staatsbuerger zu
schauen unueberwindliche Lust empfinden sollte.




Novelle, Kapitel 3


Der grimmig ungeheure Tiger sprang auf einen Mohren los, im Begriff
ihn zu zerreissen, ein Loewe stand ernsthaft majestaetisch, als wenn er
keine Beute seiner wuerdig vor sich saehe; andere wunderliche, bunte
Geschoepfe verdienten neben diesen maechtigen weniger Aufmerksamkeit.

"Wir wollen", sagte die Fuerstin, "bei unserer Rueckkehr absteigen und
die seltenen Gaeste naeher betrachten!"--"Es ist wunderbar", versetzte
der Fuerst, "dass der Mensch durch Schreckliches immer aufgeregt sein
will.

Drinnen liegt der Tiger ganz ruhig in seinem Kerker, und hier muss er
grimmig auf einen Mohren losfahren, damit man glaube, dergleichen
inwendig ebenfalls zu sehen; es ist an Mord und Totschlag noch nicht
genug, an Brand und Untergang: die Baenkelsaenger muessen es an jeder
Ecke wiederholen.

Die guten Menschen wollen eingeschuechtert sein, um hinterdrein erst
recht zu fuehlen, wie schoen und loeblich es sei, frei Atem zu holen".

Was denn aber auch Baengliches von solchen Schreckensbildern mochte
uebriggeblieben sein, alles und jedes war sogleich ausgeloescht, als man,
zum Tore hinausgelangt, in die heiterste Gegend eintrat.

Der Weg fuehrte zuerst am Flusse hinan, an einem zwar noch schmalen,
nur leichte Kaehne tragenden Wasser, das aber nach und nach als groesster
Strom seinen Namen behalten und ferne Laender beleben sollte.

Dann ging es weiter durch wohlversorgte Frucht- und Lustgaerten sachte
hinaufwaerts, und man sah sich nach und nach in der aufgetanen,
wohlbewohnten Gegend um, bis erst ein Busch, sodann ein Waeldchen die
Gesellschaft aufnahm und die anmutigsten oertlichkeiten ihren Blick
begrenzten und erquickten.

Ein aufwaerts leitendes Wiesental, erst vor kurzem zum zweiten Male
gemaeht, sammetaehnlich anzusehen, von einer oberwaerts lebhaft auf
einmal reich entspringenden Quelle gewaessert, empfing sie freundlich,
und so zogen sie einem hoeheren, freieren Standpunkt entgegen, den sie,
aus dem Walde sich bewegend, nach einem lebhaften Stieg erreichten,
alsdann aber vor sich noch in bedeutender Entfernung ueber neuen
Baumgruppen das alte Schloss, den Zielpunkt ihrer Wallfahrt, als Fels-
und Waldgipfel hervorragen sahen.

Rueckwaerts aber--denn niemals gelangte man hierher, ohne sich
umzukehren--erblickten sie durch zufaellige Luecken der hohen Baeume das
fuerstliche Schloss links, von der Morgensonne beleuchtet, den
wohlgebauten hoehern Teil der Stadt, von leichten Rauchwolken gedaempft,
und so fort nach der Rechten zu die untere Stadt, den Fluss in einigen
Kruemmungen mit seinen Wiesen und Muehlen, gegenueber eine weite
nahrhafte Gegend.

nachdem sie sich an dem Anblick ersaettigt oder vielmehr, wie es uns
bei dem Umblick auf so hoher Stelle zu geschehen pflegt, erst recht
verlangend geworden nach einer weitern, weniger begrenzten Aussicht,
ritten sie eine steinige, breite Flaeche hinan, wo ihnen die maechtige
Ruine als ein gruengekroenter Gipfel entgegenstand, wenig alte Baeume
tief unten um seinen Fuss; sie ritten hindurch, und so fanden sie sich
gerade vor der steilsten, unzugaenglichsten Seite.

Maechtige Felsen standen von Urzeiten her, jedem Wechsel unangetastet,
fest, wohlgegruendet voran, und so tuermte sichs aufwaerts; das
sazwischen Herabgestuerzte lag in maechtigen Platten und Truemmern
unregelmaessig uebereinander und schien dem Kuehnsten jeden Angriff zu
verbieten.

Aber das Steile, Jaehe scheint der Jugend zuzusagen; dies zu
unternehmen, zu erstuermen, zu erobern, ist jungen Gliedern ein Genuss.

Die Fuerstin bezeigte Neigung zu einem Versuch, Honorio war bei der
Hand, der fuerstliche Oheim, wenn schon bequemer, liess sichs gefallen
und wollte sich doch auch nicht unkraeftig zeigen; die Pferde sollten
am Fuss unter den Baeumen halten, und man wollte bis zu einem gewissen
Punkte gelangen, wo ein vorstehender maechtiger Fels einen Flaechenraum
darbot, von wo man eine Aussicht hatte, die zwar schon in den Blick
des Vogels ueberging, aber sich doch noch malerisch genug
hintereinander schob.

Die Sonne, beinahe auf ihrer hoechsten Stelle, verlieh die klarste
Beleuchtung; das fuerstliche Schloss mit seinen Teilen, Hauptgebaeuden,
Fluegeln, Kuppeln und Tuermen erschien gar stattlich, die obere Stadt in
ihrer voelligen Ausdehnung; auch in die untere konnte man bequem
hineinsehen, ja durch das Fernrohr auf dem Markte sogar die Buden
unterscheiden.

Honorio war immer gewohnt, ein so foerderliches Werkzeug
ueberzuschnallen; man schaute den Fluss hinauf und hinab, diesseits das
bergartig terrassenweis unterbrochene, jenseits das aufgleitende
flache und in maessigen Huegeln abwechselnde fruchtbare Land, Ortschaften
unzaehlige; denn es war laengst herkoemmlich, ueber die Zahl zu streiten,
wieviel man deren von hier oben gewahr werde.

ueber die grosse Weite lag eine heitere Stille, wie es am Mittag zu sein
pflegt, wo die Alten sagten, Pan schlafe und alle Natur halte den Atem
an, um ihn nicht aufzuwecken.

"Es ist nicht das erstemal", sagte die Fuerstin, "dass ich auf so hoher,
weitumschauender Stelle die Betrachtung machte, wie doch die klare
Natur so reinlich und friedlich aussieht und den Eindruck verleiht,
als wenn gar nichts Widerwaertiges in der Welt sein koenne, und wenn man
denn wieder in die Menschenwohnung zurueckkehrt, sie sei hoch oder
niedrig, weit oder eng, so gibts immer etwas zu kaempfen, zu streiten,
zu schlichten und zurechtzulegen".

Honorio, der indessen durch das Sehrohr nach der Stadt geschaut hatte,
rief: "seht hin! Seht hin! Auf dem Markte faengt es an zu brennen!".
Sie sahen hin und bemerkten wenigen Rauch; die Flamme daempfte der Tag.

"Das Feuer greift weiter um sich!" rief man, immer durch die Glaeser
schauend; auch wurde das Unheil den guten, unbewaffneten Augen der
Fuerstin bemerklich.

Von Zeit zu Zeit erkannte man eine rote Flammenglut, der Dampf stieg
empor, und Fuerst Oheim sprach: "lasst uns zurueckkehren! Das ist nicht
gut! Ich fuerchtete immer, das Unglueck zum zweiten Male zu erleben".

Als sie, herabgekommen, den Pferden wieder zugingen, sagte die Fuerstin
zu dem alten Herrn: "reiten Sie hinein, eilig, aber nicht ohne den
Reitknecht! Lassen Sie mir Honorio! Wir folgen sogleich".

Der Oheim fuehlte das Vernuenftige, ja das Notwendige dieser Worte und
ritt, so eilig als der Boden erlaubte, den wuesten, steinigen Hang
hinunter.

Als die Fuerstin aufsass, sagte Honorio: "reiten Euer Durchlaucht, ich
bitte, langsam!

In der Stadt wie auf dem Schloss sind die Feueranstalten in bester
Ordnung, man wird sich durch einen so unerwartet ausserordentlichen
Fall nicht irre machen lassen.

Hier aber ist ein boeser Boden, kleine Steine und kurzes Gras,
schnelles Reiten ist unsicher; ohnehin, bis wir hineinkommen, wird das
Feuer schon nieder sein".

Die Fuerstin glaube nicht daran; sie sah den Rauch sich verbreiten, sie
glaubte einen aufflammenden Blitz gesehen, einen Schlag gehoert zu
haben, und nun bewegten sich in ihrer Einbildungskraft alle die
Schreckbilder, welche des trefflichen Oheims wiederholte Erzaehlung von
dem erlebten Jahrmarktsbrande leider nur zu tief eingesenkt hatte.

Fuerchterlich wohl war jener Fall, ueberraschend und eindringlich genug,
um zeitlebens eine Ahnung und Vorstellung wiederkehrenden Ungluecks
aengstlich zurueckzulassen, als zur Nachtzeit auf dem grossen,
budenreichen Marktraum ein ploetzlicher Brand Laden auf Laden ergriffen
hatte, ehe noch die in und an diesen leichten Huetten Schlafenden aus
tiefen Traeumen geschuettelt wurden, der Fuerst selbst als ein ermuedet
angelangter, erst eingeschlafener Fremder ans Fenster sprang, alles
fuerchterlich erleuchtet sah, Flamme nach Flamme, rechts und links sich
ueberspringend, ihm entgegenzuengelte.




Novelle, Kapitel 4


Die Haeuser des Marktes, vom Widerschein geroetet, schienen schon zu
gluehen, drohend sich jeden Augenblick zu entzuenden und in Flammen
aufzuschlagen; unten wuetete das Element unaufhaltsam, die Bretter
prasselten, die Latten knackten, Leinwand flog auf, und ihre duestern,
an den Enden flammend ausgezackten Fetzen trieben in der Hoehe sich
umher, als wenn die boesen Geister in ihrem Elemente, um und um
gestaltet, sich mutwillig tanzend verzehren und da und dort aus den
Gluten wieder auftauchen wollten.

Dann aber mit kreischendem Geheul rettete jeder, was zur Hand lag;
Diener und Knechte mit den Herren bemuehten sich, von Flammen
ergriffene Ballen fortzuschleppen, von dem brennenden Gestell noch
einiges wegzureissen, um es in die Kiste zu packen, die sie denn doch
zuletzt den eilenden Flammen zum Raube lassen mussten.

Wie mancher wuenschte nur einen Augenblick Stillstand dem
heranprasselnden Feuer, nach der Moeglichkeit einer Besinnung sich
umsehend, und er war mit aller seiner Habe schon ergriffen; an der
einen Seite brannte, gluehte schon, was an der andern noch in finsterer
Nacht stand.

Hartnaeckige Charaktere, willensstarke Menschen widersetzten sich
grimmig dem grimmigen Feinde und retteten manches mit Verlust ihrer
Augenbraunen und Haare.

Leider nun erneuerte sich vor dem schoenen Geiste der Fuerstin der wueste
Wirrwarr, nun schien der heitere morgendliche Gesichtskreis umnebelt,
ihre Augen verduestert; Wald und Wiese hatten einen wunderbaren,
baenglichen Anschein.

In das friedliche Tal einreitend, seiner labenden Kuehle nicht achtend,
waren sie kaum einige Schritte von der lebhaften Quelle des nahen
fliessenden Baches herab, als die Fuerstin ganz unten im Gebuesche des
Wiesentals etwas Seltsames erblickte, das sie alsobald fuer den Tiger
erkannte; heranspringend, wie sie ihn vor kurzem gemalt gesehen, kam
er entgegen, und dieses Bild zu den furchtbaren Bildern, die sie
soeben beschaeftigten, machte den wundersamsten Eindruck.

"Flieht! Gnaedige Frau", rief Honorio, "flieht!". Sie wandte das
Pferd um, dem steilen Berg zu, wo sie herabgekommen waren.

Der Juengling aber, dem Untier entgegen, zog die Pistole und schoss, als
er sich nahe genug glaubte.

Leider jedoch war gefehlt; der Tiger sprang seitwaerts, das Pferd
stutzte, das ergrimmte Tier aber verfolgte seinen Weg aufwaerts,
unmittelbar der Fuerstin nach.

Sie sprengte, was das Pferd vermochte, die steile, steinige Strecke
hinan, kaum fuerchtend, dass ein zartes Geschoepf, solcher Anstrengung
ungewohnt, sie nicht aushalten werde.

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