West oestlicher Divan
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Johann Wolfgang Goethe >> West oestlicher Divan
Mahoms Gattin auch, sie baute
Wohlfahrt ihm und Herrlichkeiten,
Und empfahl bei Lebenszeiten
Einen Gott und eine Traute.
Kommt Fatima dann, die Holde,
Tochter, Gattin sonder Fehle,
Englisch allerreinste Seele
In dem Leib von Honiggolde.
Diese finden wir alldorten;
Und wer Frauenlob gepriesen,
Der verdient an ewgen Orten
Lustzuwandeln wohl mit diesen.
Einlass
Huri
Heute steh ich meine Wache
Vor des Paradieses Thor;
Weiss nicht grade, wie ich's mache;
Kommst mir so verdaechtig vor!
Ob du unsern Mosleminen
Auch recht eigentlich verwandt?
Ob dein Kaempfen, dein Verdienen
Dich ans Paradies gesandt?
Zaehlst du dich zu jenen Helden?
Zeige deine Wunden an,
Die mir Ruehmliches vermelden,
Und ich fuehre dich heran.
Dichter
Nicht so vieles Federlesen!
Lass mich immer nur herein:
Denn ich bin ein Mensch gewesen
Und das heisst ein Kaempfer sein.
Schaerfe deine kraeftgen Blicke!
Hier durchschaue diese Brust,
Sieh der Lebenswunden Tuecke,
Sieh der Liebeswunden Lust!
Und doch sang ich glaeubger Weise,
Dass mir die Geliebte treu,
Dass die Welt, wie sie auch kreise,
Liebevoll und dankbar sei.
Mit den Trefflichsten zusammen
Wirkt ich, bis ich mir erlangt,
Dass mein Nam in Liebesflammen
Von den schoensten Herzen prangt.
Nein! du waehlst nicht den Geringern!
Gib die Hand, dass Tag fuer Tag
Ich an deinen zarten Fingern
Ewigkeiten zaehlen mag.
Anklang
Huri
Draussen am Orte,
Wo ich dich zuerst sprach,
Wacht ich oft an der Pforte,
Dem Gebote nach.
Da hoert ich ein wunderlich Gesaeusel,
Ein Ton- und Silbengekraeusel;
Das wollte herein,
Niemand aber liess sich sehen,
Da verklang es klein zu klein;
Es klang aber fast wie deine Lieder,
Das erinnr ich mich wieder.
Dichter
Ewig Geliebte! wie zart
Erinnerst du dich deines Trauten!
Was auch in irdischer Luft und Art
Fuer Toene lauten,
Die wollen alle herauf;
Viele verklingen da unten zu Hauf;
Andere mit Geistes Flug und Lauf,
Wie das Fluegel-Pferd des Propheten,
Steigen empor und floeten
Draussen an dem Tor.
Kommt deinen Gespielen so etwas vor,
So sollen sie's freundlich vermerken,
Das Echo lieblich verstaerken,
Dass es wieder hinunter halle,
Und sollen Acht haben,
Dass in jedem Falle,
Wenn er kommt, seine Gaben
Jedem zugute kommen:
Das wird beiden Welten frommen.
Sie moegen's ihm freundlich lohnen,
Auf liebliche Weise fuegsam;
Sie lassen ihn mit sich wohnen:
Alle Guten sind genuegsam.
Du aber bist mir beschieden,
Dich lass ich nicht aus dem ewigen Frieden;
Auf die Wache sollst du nicht ziehn.
Schick eine ledige Schwester dahin!
Dichter
Deine Liebe, dein Kuss mich entzueckt!
Geheimnisse mag ich nicht erfragen;
Doch sag mir, ob du an irdischen Tagen
Jemals teilgenommen!
Mir ist oft so vorgekommen.
Ich wollt es beschwoeren, ich wollt es beweisen:
Du hast einmal Suleika geheissen.
Huri
Wir sind aus den Elementen geschaffen,
Aus Wasser, Feuer, Erd und Luft,
Unmittelbar, und irdischer Duft
Ist unserm Wesen ganz zuwider.
Wir steigen nie zu euch hernieder;
Doch wenn ihr kommt, bei uns zu ruhn,
Da haben wir genug zu tun.
Denn, siehst du, wie die Glaeubigen kamen,
Von dem Propheten so wohl empfohlen,
Besitz vom Paradiese nahmen,
Da waren wir, wie er befohlen,
So liebenswuerdig, so charmant,
Wie uns die Engel selbst nicht gekannt.
Allein der erste, zweite, dritte,
Die hatten vorher eine Favorite;
Gegen uns waren's garstige Dinger,
Sie aber hielten uns doch geringer.
Wir waren reizend, geistig, munter,
Die Moslems wollten wieder hinunter.
Nun war uns himmlisch Hochgebornen
Ein solch Betragen ganz zuwider;
Wir aufgewiegelten Verschwornen
Besannen uns schon hin und wieder,
Als der Prophet durch alle Himmel fuhr,
Da passten wir auf seine Spur.
Rueckkehrend hatt' er sich's nicht versehn,
Das Fluegel-Pferd, es musste stehn.
Da hatten wir ihn in der Mitte!--
Freundlich ernst, nach Propheten-Sitte,
Wurden wir kuerzlich von ihm beschieden;
Wir aber waren sehr unzufrieden.
Denn seine Zwecke zu erreichen,
Sollten wir eben alles lenken;
So wie ihr daechtet, sollten wir denken,
Wir sollten euren Liebchen gleichen.
Unsre Eigenliebe ging verloren,
Die Maedchen krauten hinter den Ohren.
Doch, dachten wir, im ewigen Leben
Muss man sich eben in alles ergeben.
Nun sieht ein jeder, was er sah,
Und ihm geschieht, was ihm geschah.
Wir sind die Blonden, wir sind die Braunen,
Wir haben Grillen und haben Launen,
Ja, wohl auch manchmal eine Flause,
Ein jeder denkt, er sei zu Hause.
Und wir darueber sind frisch und froh,
Dass sie meinen, es waere so.
Du aber bist von freiem Humor,
Ich komme dir paradiesisch vor;
Du gibst dem Blick, dem Kuss die Ehre,
Und wenn ich auch nicht Suleika waere.
Doch da sie gar zu lieblich war,
So glich sie mir wohl auf ein Haar.
Dichter
Du blendest mich mit Himmelsklarheit;
Es sei nun Taeuschung oder Wahrheit,
Genug, ich bewundre dich vor allen.
Um ihre Pflicht nicht zu versaeumen,
Um einem Deutschen zu gefallen,
Spricht eine Huri in Knittelreimen.
Huri
Ja, reim auch du nur unverdrossen,
Wie es dir aus der Seele steigt!
Wir paradiesische Genossen
Sind Wort und Taten reinen Sinns geneigt.
Die Tiere, weisst du, sind nicht ausgeschlossen,
Die sich gehorsam, die sich treu erzeugt!
Ein derbes Wort kann Huri nicht verdriessen;
Wir fuehlen, was vom Herzen spricht,
Und was aus frischer Quelle bricht,
Das darf im Paradiese fliessen.
Huri
Wieder einen Finger schlaegst du mir ein!
Weisst du denn, wie viel aeonen
Wir vertraut schon zusammen wohnen?
Dichter
Nein!--Will's auch nicht wissen. Nein!
Mannigfaltiger frischer Genuss,
Ewig braeutlich keuscher Kuss!--
Wenn jeder Augenblick mich durchschauert,
Was soll ich fragen, wie lang es gedauert!
Huri
Abwesend bist denn doch auch einmal;
Ich merk es wohl, ohne Mass und Zahl.
Hast in dem Weltall nicht verzagt,
An Gottes Tiefen dich gewagt.
Nun sei der Liebsten auch gewaertig!
Hast du nicht schon das Liedchen fertig?
Wie klang es draussen an dem Tor?
Wie klingt's?--Ich will nicht staerker in dich dringen,
Sing mir die Lieder an Suleika vor:
Denn weiter wirst du's doch im Paradies nicht bringen.
Beguenstigte Tiere
Vier Tieren auch verheissen war,
Ins Paradies zu kommen.
Dort leben sie das ew'ge Jahr
Mit Heiligen und Frommen.
Den Vortritt hier ein Esel hat;
Er kommt mit muntern Schritten:
Denn Jesus zur Prophetenstadt
Auf ihm ist eingeritten.
Halb schuechtern kommt ein Wolf sodann,
Dem Mahomet befohlen:
"Lass dieses Schaf dem armen Mann!
Dem Reichen magst du's holen."
Nun immer wedelnd, munter, brav,
Mit seinem Herrn, dem braven,
Das Huendlein, das den Siebenschlaf
So treulich mit geschlafen.
Abuherriras Katze hier
Knurrt um den Herrn und schmeichelt.
Denn immer ist's ein heilig Tier,
Das der Prophet gestreichelt.
Hoeheres und Hoechstes
Dass wir solche Dinge lehren,
Moege man uns nicht bestrafen:
Wie das alles zu erklaeren,
Duerft ihr euer Tiefstes fragen.
Und so werdet ihr vernehmen,
Dass der Mensch mit sich zufrieden,
Gern sein Ich gerettet saehe,
So dadroben wie hienieden.
Und mein liebes Ich beduerfte
Mancherlei Bequemlichkeiten;
Freuden, wie ich hier sie schluerfte,
Wuenscht ich auch fuer ewge Zeiten.
So gefallen seine Gaerten,
Blum und Frucht und huebsche Kinder,
Die uns allen hier gefielen,
Auch verjuengtem Geist nicht minder.
Und so moecht ich alle Freunde,
Jung und alt, in eins versammeln,
Gar zu gern in deutscher Sprache
Paradieses Worte stammeln.
Doch man horcht nun Dialekten,
Wie sich Mensch und Engel kosen,
Der Grammatik, der versteckten,
Deklinierend Mohn und Rosen.
Mag man ferner auch in Blicken
Sich rhetorisch gern ergehen
Und zu himmlischem Entzuecken
Ohne Klang und Ton erhoehen.
Ton und Klang jedoch entbindet
Sich dem Worte selbstverstaendlich,
Und entschiedener empfindet
Der Verklaerte sich unendlich.
Ist somit dem Fuenf der Sinne
Vorgesehn im Paradiese,
Sicher ist es, ich gewinne
Einen Sinn fuer alle diese.
Und nun dring ich aller Orten
Leichter durch die ewgen Kreise,
Die durchdrungen sind vom Worte
Gottes rein-lebendger Weise.
Ungehemmt mit heissem Triebe
Laesst sich da kein Ende finden,
Bis im Anschaun ewger Liebe
Wir verschweben, wir verschwinden.
Siebenschlaefer
Sechs Beguenstigte des Hofes
Fliehen vor des Kaisers Grimme,
Der als Gott sich laesst verehren,
Doch als Gott sich nicht bewaehret:
Denn ihn hindert eine Fliege,
Guter Bissen sich zu freuen.
Seine Diener scheuchen wedelnd,
Nicht verjagen sie die Fliege.
Sie umschwaermt ihn, sticht und irret
Und verwirrt die ganze Tafel,
Kehret wieder wie des haem'schen
Fliegengottes Abgesandter.
"Nun",--so sagen sich die Knaben--
"Sollt ein Flieglein Gott verhindern?
Sollt ein Gott auch trinken, speisen,
Wie wir andern? Nein, der Eine,
Der die Sonn erschuf, den Mond auch,
Und der Sterne Glut uns woelbte,
Dieser ist's, wir fliehn!"--Die zarten
Leicht beschuht-beputzten Knaben
Nimmt ein Schaefer auf, verbirgt sie
Und sich selbst in Felsenhoehle.
Schaeferhund, er will nicht weichen;
Weggescheucht, den Fuss zerschmettert,
Draengt er sich an seinen Herrn
Und gesellt sich zum Verborgnen,
Zu den Lieblingen des Schlafes.
Und der Fuerst, dem sie entflohen,
Liebentruestet, sinnt auf Strafen,
Weiset ab so Schwert als Feuer;
In die Hoehle sie mit Ziegeln
Und mit Kalk sie laesst vermauern.
Aber jene schlafen immer,
Und der Engel, ihr Beschuetzer,
Sagt vor Gottes Thron berichtend:
"So zur Rechten, so zur Linken
Hab ich immer sie gewendet,
Dass die schoenen jungen Glieder
Nicht des Moders Qualm verletze.
Spalten riss ich in die Felsen,
Dass die Sonne steigend, sinkend,
Junge Wangen frisch erneute:
Und so liegen sie beseligt.
Auch, auf heilen Vorderpfoten,
Schlaeft das Huendlein suessen Schlummer."
Jahre fliehen, Jahre kommen,
Wachen endlich auf die Knaben,
Und die Mauer, die vermorschte,
Altershalber ist gefallen.
Und Jamblika sagt, der Schoene,
Ausgebildete vor allen,
Als der Schaefer fuerchtend zaudert:
"Lauf ich hin und hol euch Speise,
Leben wag ich und das Goldstueck!"--
Ephesus gar manches Jahr schon
Ehrt die Lehre des Propheten
Jesus. (Friede sei dem Guten!)
Und er lief, da war der Tore
Wart' und Turm und alles anders.
Doch zum naechsten Baeckerladen
Wandt er sich nach Brot in Eile.
"Schelm!" so rief der Baecker, "hast du,
Juengling, einen Schatz gefunden?
Gib mir, dich verraet das Goldstueck,
Mir die Haelfte zum Versoehnen!"
Und sie hadern.--Vor den Koenig
Kommt der Handel; auch der Koenig
Will nur teilen wie der Baecker.
Nun betaetigt sich das Wunder
Nach und nach aus hundert Zeichen.
An dem selbsterbauten Palast
Weiss er sich sein Recht zu sichern;
Denn ein Pfeiler durchgegraben
Fuehrt zu scharfbenamsten Schaetzen.
Gleich versammeln sich Geschlechter,
Ihre Sippschaft zu beweisen.
Und als Ururvater prangend
Steht Jamblikas Jugendfuelle.
Wie von Ahnherrn hoert er sprechen
Hier von seinem Sohn und Enkeln;
Der Urenkel Schar umgibt ihn,
Als ein Volk von tapfern Maennern,
Ihn, den juengsten, zu verehren.
Und ein Merkmal uebers andre
Dringt sich auf, Beweis vollendend,
Sich und den Gefaehrten hat er
Die Persoenlichkeit bestaetigt.
Nun zur Hoehle kehrt er wieder;
Volk und Koenig ihn geleiten.--
Nicht zum Koenig, nicht zum Volke
Kehrt der Auserwaehlte wieder;
Denn die Sieben, die von lang her
(Achte waren's mit dem Hunde)
Sich von aller Welt gesondert,
Gabriels geheim Vermoegen
Hat, gemaess dem Willen Gottes,
Sie dem Paradies geeignet,
Und die Hoehle schien vermauert.
Gute Nacht!
Nun, so legt euch, liebe Lieder,
An den Busen meinem Volke!
Und in einer Moschuswolke
Huete Gabriel die Glieder
Des Ermuedeten gefaellig,
Dass er frisch und wohlerhalten,
Froh, wie immer, gern gesellig,
Moege Felsenkluefte spalten,
Um des Paradieses Weiten
Mit Heroen aller Zeiten
Im Genusse zu durchschreiten,
Wo das Schoene, stets das Neue,
Immer waechst nach allen Seiten,
Dass die Unzahl sich erfreue.
Ja, das Huendlein gar, das treue,
Darf die Herren hinbegleiten.