Der Tragoedie erster Teil
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8 Etext reformatted by Michael Pullen
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Faust: Der Tragoedie erster Teil
Johann Wolfgang von Goethe
Zueignung.
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die frueh sich einst dem trueben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fuehl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr draengt euch zu! nun gut, so moegt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fuehlt sich jugendlich erschuettert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.
Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,
Und manche liebe Schatten steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage
Kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
Und nennt die Guten, die, um schoene Stunden
Vom Glueck getaeuscht, vor mir hinweggeschwunden.
Sie hoeren nicht die folgenden Gesaenge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang;
Zerstoben ist das freundliche Gedraenge,
Verklungen, ach! der erste Widerklang.
Mein Lied ertoent der unbekannten Menge,
Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.
Und mich ergreift ein laengst entwoehntes Sehnen
Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,
Es schwebet nun in unbestimmten Toenen
Mein lispelnd Lied, der Aeolsharfe gleich,
Ein Schauer fasst mich, Traene folgt den Traenen,
Das strenge Herz, es fuehlt sich mild und weich;
Was ich besitze, seh ich wie im Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.
Vorspiel auf dem Theater
Direktor. Theatherdichter. Lustige Person:
DIREKTOR:
Ihr beiden, die ihr mir so oft,
In Not und Truebsal, beigestanden,
Sagt, was ihr wohl in deutschen Landen
Von unsrer Unternehmung hofft?
Ich wuenschte sehr der Menge zu behagen,
Besonders weil sie lebt und leben laesst.
Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,
Und jedermann erwartet sich ein Fest.
Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
Gelassen da und moechten gern erstaunen.
Ich weiss, wie man den Geist des Volks versoehnt;
Doch so verlegen bin ich nie gewesen:
Zwar sind sie an das Beste nicht gewoehnt,
Allein sie haben schrecklich viel gelesen.
Wie machen wir's, dass alles frisch und neu
Und mit Bedeutung auch gefaellig sei?
Denn freilich mag ich gern die Menge sehen,
Wenn sich der Strom nach unsrer Bude draengt,
Und mit gewaltig wiederholten Wehen
Sich durch die enge Gnadenpforte zwaengt;
Bei hellem Tage, schon vor vieren,
Mit Stoessen sich bis an die Kasse ficht
Und, wie in Hungersnot um Brot an Baeckertueren,
Um ein Billet sich fast die Haelse bricht.
Dies Wunder wirkt auf so verschiedne Leute
Der Dichter nur; mein Freund, o tu es heute!
DICHTER:
O sprich mir nicht von jener bunten Menge,
Bei deren Anblick uns der Geist entflieht.
Verhuelle mir das wogende Gedraenge,
Das wider Willen uns zum Strudel zieht.
Nein, fuehre mich zur stillen Himmelsenge,
Wo nur dem Dichter reine Freude blueht;
Wo Lieb und Freundschaft unsres Herzens Segen
Mit Goetterhand erschaffen und erpflegen.
Ach! was in tiefer Brust uns da entsprungen,
Was sich die Lippe schuechtern vorgelallt,
Missraten jetzt und jetzt vielleicht gelungen,
Verschlingt des wilden Augenblicks Gewalt.
Oft, wenn es erst durch Jahre durchgedrungen,
Erscheint es in vollendeter Gestalt.
Was glaenzt, ist fuer den Augenblick geboren,
Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.
LUSTIGE PERSON:
Wenn ich nur nichts von Nachwelt hoeren sollte.
Gesetzt, dass ich von Nachwelt reden wollte,
Wer machte denn der Mitwelt Spass?
Den will sie doch und soll ihn haben.
Die Gegenwart von einem braven Knaben
Ist, daecht ich, immer auch schon was.
Wer sich behaglich mitzuteilen weiss,
Den wird des Volkes Laune nicht erbittern;
Er wuenscht sich einen grossen Kreis,
Um ihn gewisser zu erschuettern.
Drum seid nur brav und zeigt euch musterhaft,
Lasst Phantasie, mit allen ihren Choeren,
Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft,
Doch, merkt euch wohl! nicht ohne Narrheit hoeren.
DIREKTOR:
Besonders aber lasst genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
So dass die Menge staunend gaffen kann,
Da habt Ihr in der Breite gleich gewonnen,
Ihr seid ein vielgeliebter Mann.
Die Masse koennt Ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
Gebt Ihr ein Stueck, so gebt es gleich in Stuecken!
Solch ein Ragout, es muss Euch gluecken;
Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.
Was hilft's, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht?
Das Publikum wird es Euch doch zerpfluecken.
DICHTER:
Ihr fuehlet nicht, wie schlecht ein solches Handwerk sei!
Wie wenig das dem echten Kuenstler zieme!
Der saubern Herren Pfuscherei
Ist. merk ich. schon bei Euch Maxime.
DIREKTOR:
Ein solcher Vorwurf laesst mich ungekraenkt:
Ein Mann, der recht zu wirken denkt,
Muss auf das beste Werkzeug halten.
Bedenkt, Ihr habet weiches Holz zu spalten,
Und seht nur hin, fuer wen Ihr schreibt!
Wenn diesen Langeweile treibt,
Kommt jener satt vom uebertischten Mahle,
Und, was das Allerschlimmste bleibt,
Gar mancher kommt vom Lesen der Journale.
Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten,
Und Neugier nur befluegelt jeden Schritt;
Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten
Und spielen ohne Gage mit.
Was traeumet Ihr auf Eurer Dichterhoehe?
Was macht ein volles Haus Euch froh?
Beseht die Goenner in der Naehe!
Halb sind sie kalt, halb sind sie roh.
Der, nach dem Schauspiel, hofft ein Kartenspiel,
Der eine wilde Nacht an einer Dirne Busen.
Was plagt ihr armen Toren viel,
Zu solchem Zweck, die holden Musen?
Ich sag Euch, gebt nur mehr und immer, immer mehr,
So koennt Ihr Euch vom Ziele nie verirren
Sucht nur die Menschen zu verwirren,
Sie zu befriedigen, ist schwer--
Was faellt Euch an? Entzueckung oder Schmerzen?
DICHTER:
Geh hin und such dir einen andern Knecht!
Der Dichter sollte wohl das hoechste Recht,
Das Menschenrecht, das ihm Natur vergoennt,
Um deinetwillen freventlich verscherzen!
Wodurch bewegt er alle Herzen?
Wodurch besiegt er jedes Element?
Ist es der Einklang nicht, der aus dem Busen dringt,
Und in sein Herz die Welt zuruecke schlingt?
Wenn die Natur des Fadens ew'ge Laenge,
Gleichgueltig drehend, auf die Spindel zwingt,
Wenn aller Wesen unharmon'sche Menge
Verdriesslich durcheinander klingt-
Wer teilt die fliessend immer gleiche Reihe
Belebend ab, dass sie sich rhythmisch regt?
Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe,
Wo es in herrlichen Akkorden schlaegt?
Wer laesst den Sturm zu Leidenschaften wueten?
Das Abendrot im ernsten Sinne gluehn?
Wer schuettet alle schoenen Fruehlingsblueten
Auf der Geliebten Pfade hin?
Wer flicht die unbedeutend gruenen Blaetter
Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?
Wer sichert den Olymp? vereinet Goetter?
Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart.
LUSTIGE PERSON:
So braucht sie denn, die schoenen Kraefte
Und treibt die dichtrischen Geschaefte
Wie man ein Liebesabenteuer treibt.
Zufaellig naht man sich, man fuehlt, man bleibt
Und nach und nach wird man verflochten;
Es waechst das Glueck, dann wird es angefochten
Man ist entzueckt, nun kommt der Schmerz heran,
Und eh man sich's versieht, ist's eben ein Roman.
Lasst uns auch so ein Schauspiel geben!
Greift nur hinein ins volle Menschenleben!
Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt,
Und wo ihr's packt, da ist's interessant.
In bunten Bildern wenig Klarheit,
Viel Irrtum und ein Fuenkchen Wahrheit,
So wird der beste Trank gebraut,
Der alle Welt erquickt und auferbaut.
Dann sammelt sich der Jugend schoenste Bluete
Vor eurem Spiel und lauscht der Offenbarung,
Dann sauget jedes zaertliche Gemuete
Aus eurem Werk sich melanchol'sche Nahrung,
Dann wird bald dies, bald jenes aufgeregt
Ein jeder sieht, was er im Herzen traegt.
Noch sind sie gleich bereit, zu weinen und zu lachen,
Sie ehren noch den Schwung, erfreuen sich am Schein;
Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen;
Ein Werdender wird immer dankbar sein.
DICHTER:
So gib mir auch die Zeiten wieder,
Da ich noch selbst im Werden war,
Da sich ein Quell gedraengter Lieder
Ununterbrochen neu gebar,
Da Nebel mir die Welt verhuellten,
Die Knospe Wunder noch versprach,
Da ich die tausend Blumen brach,
Die alle Taeler reichlich fuellten.
Ich hatte nichts und doch genug:
Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug.
Gib ungebaendigt jene Triebe,
Das tiefe, schmerzenvolle Glueck,
Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,
Gib meine Jugend mir zurueck!
LUSTIGE PERSON:
Der Jugend, guter Freund, bedarfst du allenfalls,
Wenn dich in Schlachten Feinde draengen,
Wenn mit Gewalt an deinen Hals
Sich allerliebste Maedchen haengen,
Wenn fern des schnellen Laufes Kranz
Vom schwer erreichten Ziele winket,
Wenn nach dem heft'gen Wirbeltanz
Die Naechte schmausend man vertrinket.
Doch ins bekannte Saitenspiel
Mit Mut und Anmut einzugreifen,
Nach einem selbstgesteckten Ziel
Mit holdem Irren hinzuschweifen,
Das, alte Herrn, ist eure Pflicht,
Und wir verehren euch darum nicht minder.
Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht,
Es findet uns nur noch als wahre Kinder.
DIREKTOR:
Der Worte sind genug gewechselt,
Lasst mich auch endlich Taten sehn!
Indes ihr Komplimente drechselt,
Kann etwas Nuetzliches geschehn.
Was hilft es, viel von Stimmung reden?
Dem Zaudernden erscheint sie nie.
Gebt ihr euch einmal fuer Poeten,
So kommandiert die Poesie.
Euch ist bekannt, was wir beduerfen,
Wir wollen stark Getraenke schluerfen;
Nun braut mir unverzueglich dran!
Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan,
Und keinen Tag soll man verpassen,
Das Moegliche soll der Entschluss
Beherzt sogleich beim Schopfe fassen,
Er will es dann nicht fahren lassen
Und wirket weiter, weil er muss.
Ihr wisst, auf unsern deutschen Buehnen
Probiert ein jeder, was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen.
Gebraucht das gross, und kleine Himmelslicht,
Die Sterne duerfet ihr verschwenden;
An Wasser, Feuer, Felsenwaenden,
An Tier und Voegeln fehlt es nicht.
So schreitet in dem engen Bretterhaus
Den ganzen Kreis der Schoepfung aus,
Und wandelt mit bedaecht'ger Schnelle
Vom Himmel durch die Welt zur Hoelle.
Prolog im Himmel.
Der Herr. Die himmlischen Heerscharen. Nachher Mephistopheles.
Die drei Erzengel treten vor.
RAPHAEL:
Die Sonne toent, nach alter Weise,
In Brudersphaeren Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Staerke,
Wenn keiner Sie ergruenden mag;
die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.
GABRIEL:
Und schnell und unbegreiflich schnelle
Dreht sich umher der Erde Pracht;
Es wechselt Paradieseshelle
Mit tiefer, schauervoller Nacht.
Es schaeumt das Meer in breiten Fluessen
Am tiefen Grund der Felsen auf,
Und Fels und Meer wird fortgerissen
Im ewig schnellem Sphaerenlauf.
MICHAEL:
Und Stuerme brausen um die Wette
Vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer,
und bilden wuetend eine Kette
Der tiefsten Wirkung rings umher.
Da flammt ein blitzendes Verheeren
Dem Pfade vor des Donnerschlags.
Doch deine Boten, Herr, verehren
Das sanfte Wandeln deines Tags.
ZU DREI:
Der Anblick gibt den Engeln Staerke,
Da keiner dich ergruenden mag,
Und alle deine hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.
MEPHISTOPHELES:
Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst
Und fragst, wie alles sich bei uns befinde,
Und du mich sonst gewoehnlich gerne sahst,
So siehst du mich auch unter dem Gesinde.
Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
Und wenn mich auch der ganze Kreis verhoehnt;
Mein Pathos braechte dich gewiss zum Lachen,
Haettst du dir nicht das Lachen abgewoehnt.
Von Sonn' und Welten weiss ich nichts zu sagen,
Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser wuerd er leben,
Haettst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.
Er scheint mir, mit Verlaub von euer Gnaden,
Wie eine der langbeinigen Zikaden,
Die immer fliegt und fliegend springt
Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;
Und laeg er nur noch immer in dem Grase!
In jeden Quark begraebt er seine Nase.
DER HERR:
Hast du mir weiter nichts zu sagen?
Kommst du nur immer anzuklagen?
Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?
MEPHISTOPHELES:
Nein Herr! ich find es dort, wie immer, herzlich schlecht.
Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,
Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.
DER HERR:
Kennst du den Faust?
MEPHISTOPHELES:
Den Doktor?
DER HERR:
Meinen Knecht!
MEPHISTOPHELES:
Fuerwahr! er dient Euch auf besondre Weise.
Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Gaerung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewusst;
Vom Himmel fordert er die schoensten Sterne
Und von der Erde jede hoechste Lust,
Und alle Naeh und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.
DER HERR:
Wenn er mir auch nur verworren dient,
So werd ich ihn bald in die Klarheit fuehren.
Weiss doch der Gaertner, wenn das Baeumchen gruent,
Das Bluet und Frucht die kuenft'gen Jahre zieren.
MEPHISTOPHELES:
Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren!
Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,
Ihn meine Strasse sacht zu fuehren.
DER HERR:
Solang er auf der Erde lebt,
So lange sei dir's nicht verboten,
Es irrt der Mensch so lang er strebt.
MEPHISTOPHELES:
Da dank ich Euch; denn mit den Toten
Hab ich mich niemals gern befangen.
Am meisten lieb ich mir die vollen, frischen Wangen.
Fuer einem Leichnam bin ich nicht zu Haus;
Mir geht es wie der Katze mit der Maus.
DER HERR:
Nun gut, es sei dir ueberlassen!
Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
Und fuehr ihn, kannst du ihn erfassen,
Auf deinem Wege mit herab,
Und steh beschaemt, wenn du bekennen musst:
Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange,
Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.
MEPHISTOPHELES:
Schon gut! nur dauert es nicht lange.
Mir ist fuer meine Wette gar nicht bange.
Wenn ich zu meinem Zweck gelange,
Erlaubt Ihr mir Triumph aus voller Brust.
Staub soll er fressen, und mit Lust,
Wie meine Muhme, die beruehmte Schlange.
DER HERR:
Du darfst auch da nur frei erscheinen;
Ich habe deinesgleichen nie gehasst.
Von allen Geistern, die verneinen,
ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
Des Menschen Taetigkeit kann allzu leicht erschlaffen,
er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,
Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.
Doch ihr, die echten Goettersoehne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schoene!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfass euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestigt mit dauernden Gedanken!
(Der Himmel schliesst, die Erzengel verteilen sich.)
MEPHISTOPHELES (allein):
Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
Und huete mich, mit ihm zu brechen.
Es ist gar huebsch von einem grossen Herrn,
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.
FAUST: Der Tragoedie erster Teil
Nacht.
In einem hochgewoelbten, engen gotischen Zimmer Faust,
unruhig auf seinem Sessel am Pulte.
FAUST:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heissem Bemuehn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heisse Magister, heisse Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schueler an der Nase herum-
Und sehe, dass wir nichts wissen koennen!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
Fuerchte mich weder vor Hoelle noch Teufel-
Dafuer ist mir auch alle Freud entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich koennte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
Es moechte kein Hund so laenger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis wuerde kund;
Dass ich nicht mehr mit saurem Schweiss
Zu sagen brauche, was ich nicht weiss;
Dass ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhaelt,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.
O saehst du, voller Mondenschein,
Zum letzenmal auf meine Pein,
Den ich so manche Mitternacht
An diesem Pult herangewacht:
Dann ueber Buechern und Papier,
Truebsel'ger Freund, erschienst du mir!
Ach! koennt ich doch auf Bergeshoehn
In deinem lieben Lichte gehn,
Um Bergeshoehle mit Geistern schweben,
Auf Wiesen in deinem Daemmer weben,
Von allem Wissensqualm entladen,
In deinem Tau gesund mich baden!
Weh! steck ich in dem Kerker noch?
Verfluchtes dumpfes Mauerloch,
Wo selbst das liebe Himmelslicht
Trueb durch gemalte Scheiben bricht!
Beschraenkt mit diesem Buecherhauf,
den Wuerme nagen, Staub bedeckt,
Den bis ans hohe Gewoelb hinauf
Ein angeraucht Papier umsteckt;
Mit Glaesern, Buechsen rings umstellt,
Mit Instrumenten vollgepfropft,
Urvaeter Hausrat drein gestopft-
Das ist deine Welt! das heisst eine Welt!
Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang in deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklaerter Schmerz
Dir alle Lebensregung hemmt?
Statt der lebendigen Natur,
Da Gott die Menschen schuf hinein,
Umgibt in Rauch und Moder nur
Dich Tiergeripp und Totenbein.
Flieh! auf! hinaus ins weite Land!
Und dies geheimnisvolle Buch,
Von Nostradamus' eigner Hand,
Ist dir es nicht Geleit genug?
Erkennest dann der Sterne Lauf,
Und wenn Natur dich Unterweist,
Dann geht die Seelenkraft dir auf,
Wie spricht ein Geist zum andren Geist.
Umsonst, dass trocknes Sinnen hier
Die heil'gen Zeichen dir erklaert:
Ihr schwebt, ihr Geister, neben mir;
Antwortet mir, wenn ihr mich hoert!
(Er schlaegt das Buch auf und erblickt das Zeichen des Makrokosmus.)
Ha! welche Wonne fliesst in diesem Blick
Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!
Ich fuehle junges, heil'ges Lebensglueck
Neugluehend mir durch Nerv' und Adern rinnen.
War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,
Die mir das innre Toben stillen,
Das arme Herz mit Freude fuellen,
Und mit geheimnisvollem Trieb
Die Kraefte der Natur rings um mich her enthuellen?
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!
Ich schau in diesen reinen Zuegen
Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen.
Jetzt erst erkenn ich, was der Weise spricht:
"Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf, bade, Schueler, unverdrossen
Die ird'sche Brust im Morgenrot!"
(er beschaut das Zeichen.)
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskraefte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!
Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur!
Wo fass ich dich, unendliche Natur?
Euch Brueste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,
An denen Himmel und Erde haengt,
Dahin die welke Brust sich draengt-
Ihr quellt, ihr traenkt, und schmacht ich so vergebens?
(er schlaegt unwillig das Buch um und erblickt das Zeichen des Erdgeistes.)
Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!
Du, Geist der Erde, bist mir naeher;
Schon fuehl ich meine Kraefte hoeher,
Schon glueh ich wie von neuem Wein.
Ich fuehle Mut, mich in die Welt zu wagen,
Der Erde Weh, der Erde Glueck zu tragen,
Mit Stuermen mich herumzuschlagen
Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen.
Es woelkt sich ueber mir-
Der Mond verbirgt sein Licht-
Die Lampe schwindet!
Es dampft! Es zucken rote Strahlen
Mir um das Haupt- Es weht
Ein Schauer vom Gewoelb herab
Und fasst mich an!
Ich fuehl's, du schwebst um mich, erflehter Geist
Enthuelle dich!
Ha! wie's in meinem Herzen reisst!
Zu neuen Gefuehlen
All meine Sinnen sich erwuehlen!
Ich fuehle ganz mein Herz dir hingegeben!
Du musst! du musst! und kostet es mein Leben!
(Er fasst das Buch und spricht das Zeichen des Geistes geheimnisvoll aus.
Es zuckt eine roetliche Flamme, der Geist erscheint in der Flamme.)
GEIST:
Wer ruft mir?
FAUST (abgewendet):
Schreckliches Gesicht!
GEIST:
Du hast mich maechtig angezogen,
An meiner Sphaere lang gesogen,
Und nun-
FAUST:
Weh! ich ertrag dich nicht!
GEIST:
Du flehst, eratmend mich zu schauen,
Meine Stimme zu hoeren, mein Antlitz zu sehn;
Mich neigt dein maechtig Seelenflehn,
Da bin ich!- Welch erbaermlich Grauen
Fasst Uebermenschen dich! Wo ist der Seele Ruf?
Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf
Und trug und hegte, die mit Freudebeben
Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben?
Wo bist du, Faust, des Stimme mir erklang,
Der sich an mich mit allen Kraeften drang?
Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,
In allen Lebenslagen zittert,
Ein furchtsam weggekruemmter Wurm?
FAUST:
Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bin's, bin Faust, bin deinesgleichen!
GEIST:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Wehe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselndes Wehen,
Ein gluehend Leben,
So schaff ich am laufenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
FAUST:
Der du die weite Welt umschweifst,
Geschaeftiger Geist, wie nah fuehl ich mich dir!
GEIST:
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!
(verschwindet)
FAUST (zusammenstuerzend):
Nicht dir?
Wem denn?
Ich Ebenbild der Gottheit!
Und nicht einmal dir!
(es klopft)
O Tod! ich kenn's- das ist mein Famulus-
Es wird mein schoenstes Glueck zunichte!
Dass diese Fuelle der Geschichte
Der trockne Schleicher stoeren muss!
(Wagner im Schlafrock und der Nachtmuetze, eine Lampe in der Hand.
Faust wendet sich unwillig.)
WAGNER:
Verzeiht! ich hoer euch deklamieren;
Ihr last gewiss ein griechisch Trauerspiel?
In dieser Kunst moecht ich was profitieren,
Denn heutzutage wirkt das viel.
Ich hab es oefters ruehmen hoeren,
Ein Komoediant koennt einen Pfarrer lehren.
FAUST:
Ja, wenn der Pfarrer ein Komoediant ist;
Wie das denn wohl zuzeiten kommen mag.
WAGNER:
Ach! wenn man so in sein Museum gebannt ist,
Und sieht die Welt kaum einen Feiertag,
Kaum durch ein Fernglas, nur von weitem,
Wie soll man sie durch Ueberredung leiten?
FAUST:
Wenn ihr's nicht fuehlt, ihr werdet's nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkraeftigem Behagen
Die Herzen aller Hoerer zwingt.
Sitzt ihr nur immer! leimt zusammen,
Braut ein Ragout von andrer Schmaus
Und blast die kuemmerlichen Flammen
Aus eurem Aschenhaeuschen 'raus!
Bewundrung von Kindern und Affen,
Wenn euch darnach der Gaumen steht-
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
Wenn es euch nicht von Herzen geht.
WAGNER:
Allein der Vortrag macht des Redners Glueck;
Ich fuehl es wohl, noch bin ich weit zurueck.
FAUST:
Such Er den redlichen Gewinn!
Sei Er kein schellenlauter Tor!
Es traegt Verstand und rechter Sinn
Mit wenig Kunst sich selber vor!
Und wenn's euch Ernst ist, was zu sagen,
Ist's noetig, Worten nachzujagen?
Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
In denen ihr der Menschheit Schnitzel kraeuselt,
Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
Der herbstlich durch die duerren Blaetter saeuselt!
WAGNER:
Ach Gott! die Kunst ist lang;
Und kurz ist unser Leben.
Mir wird, bei meinem kritischen Bestreben,
Doch oft um Kopf und Busen bang.
Wie schwer sind nicht die Mittel zu erwerben,
Durch die man zu den Quellen steigt!
Und eh man nur den halben Weg erreicht,
Muss wohl ein armer Teufel sterben.
FAUST:
Das Pergament, ist das der heil'ge Bronnen,
Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?
Erquickung hast du nicht gewonnen,
Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.
WAGNER:
Verzeiht! es ist ein gross Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.
FAUST:
O ja, bis an die Sterne weit!
Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heisst,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
Da ist's denn wahrlich oft ein Jammer!
Man laeuft euch bei dem ersten Blick davon.
Ein Kehrichtfass und eine Rumpelkammer
Und hoechstens eine Haupt- und Staatsaktion
Mit trefflichen pragmatischen Maximen,
Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!
WAGNER:
Allein die Welt! des Menschen Herz und Geist!
Moecht jeglicher doch was davon erkennen.
FAUST:
Ja, was man so erkennen heisst!
Wer darf das Kind beim Namen nennen?
Die wenigen, die was davon erkannt,
Die toericht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Poebel ihr Gefuehl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.
Ich bitt Euch, Freund, es ist tief in der Nacht,
Wir muessen's diesmal unterbrechen.
WAGNER:
Ich haette gern nur immer fortgewacht,
Um so gelehrt mit Euch mich zu besprechen.
Doch morgen, als am ersten Ostertage,
Erlaubt mir ein' und andre Frage.
Mit Eifer hab' ich mich der Studien beflissen;
Zwar weiss ich viel, doch moecht' ich alles wissen.
(Ab.)
FAUST (allein):
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier'ger Hand nach Schaetzen graebt,
Und froh ist, wenn er Regenwuermer findet!
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