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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 5

J >> Johann Wolfgang Von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 5

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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 5

Johann Wolfgang von Goethe




Fuenftes Buch

Erstes Kapitel

So hatte Wilhelm zu seinen zwei kaum geheilten Wunden abermals eine
frische dritte, die ihm nicht wenig unbequem war. Aurelie wollte
nicht zugeben, dass er sich eines Wundarztes bediente; sie selbst
verband ihn unter allerlei wunderlichen Reden, Zeremonien und
Spruechen und setzte ihn dadurch in eine sehr peinliche Lage. Doch
nicht er allein, sondern alle Personen, die sich in ihrer Naehe
befanden, litten durch ihre Unruhe und Sonderbarkeit; niemand aber
mehr als der kleine Felix. Das lebhafte Kind war unter einem solchen
Druck hoechst ungeduldig und zeigte sich immer unartiger, je mehr sie
es tadelte und zurechtwies.

Der Knabe gefiel sich in gewissen Eigenheiten, die man auch Unarten zu
nennen pflegt und die sie ihm keinesweges nachzusehen gedachte. Er
trank zum Beispiel lieber aus der Flasche als aus dem Glase, und
offenbar schmeckten ihm die Speisen aus der Schuessel besser als von
dem Teller. Eine solche Unschicklichkeit wurde nicht uebersehen, und
wenn er nun gar die Tuere aufliess oder zuschlug und, wenn ihm etwas
befohlen wurde, entweder nicht von der Stelle wich oder ungestuem
davonrannte, so musste er eine grosse Lektion anhoeren, ohne dass er
darauf je einige Besserung haette spueren lassen. Vielmehr schien die
Neigung zu Aurelien sich taeglich mehr zu verlieren; in seinem Tone
war nichts Zaertliches, wenn er sie Mutter nannte, er hing vielmehr
leidenschaftlich an der alten Amme, die ihm denn freilich allen Willen
liess.

Aber auch diese war seit einiger Zeit so krank geworden, dass man sie
aus dem Hause in ein stilles Quartier bringen musste, und Felix haette
sich ganz allein gesehen, waere nicht Mignon auch ihm als ein
liebevoller Schutzgeist erschienen. Auf das artigste unterhielten
sich beide Kinder miteinander; sie lehrte ihm kleine Lieder, und er,
der ein sehr gutes Gedaechtnis hatte, rezitierte sie oft zur
Verwunderung der Zuhoerer. Auch wollte sie ihm die Landkarten
erklaeren, mit denen sie sich noch immer sehr abgab, wobei sie jedoch
nicht mit der besten Methode verfuhr. Denn eigentlich schien sie bei
den Laendern kein besonderes Interesse zu haben, als ob sie kalt oder
warm seien. Von den Weltpolen, von dem schrecklichen Eise daselbst
und von der zunehmenden Waerme, je mehr man sich von ihnen entfernte,
wusste sie sehr gut Rechenschaft zu geben. Wenn jemand reiste, fragte
sie nur, ob er nach Norden oder nach Sueden gehe, und bemuehte sich,
die Wege auf ihren kleinen Karten aufzufinden. Besonders wenn Wilhelm
von Reisen sprach, war sie sehr aufmerksam und schien sich immer zu
betrueben, sobald das Gespraech auf eine andere Materie ueberging.
Sowenig man sie bereden konnte, eine Rolle zu uebernehmen oder auch
nur, wenn gespielt wurde, auf das Theater zu gehen, so gern und
fleissig lernte sie Oden und Lieder auswendig und erregte, wenn sie
ein solches Gedicht, gewoehnlich von der ernsten und feierlichen Art,
oft unvermutet wie aus dem Stegreife deklamierte, bei jedermann
Erstaunen.

Serlo, der auf jede Spur eines aufkeimenden Talentes zu achten gewohnt
war, suchte sie aufzumuntern; am meisten aber empfahl sie sich ihm
durch einen sehr artigen, mannigfaltigen und manchmal selbst muntern
Gesang, und auf ebendiesem Wege hatte sich der Harfenspieler seine
Gunst erworben.

Serlo, ohne selbst Genie zur Musik zu haben oder irgendein Instrument
zu spielen, wusste ihren hohen Wert zu schaetzen; er suchte sich sooft
als moeglich diesen Genuss, der mit keinem andern verglichen werden
kann, zu verschaffen. Er hatte woechentlich einmal Konzert, und nun
hatte sich ihm durch Mignon, den Harfenspieler und Laertes, der auf
der Violine nicht ungeschickt war, eine wunderliche kleine Hauskapelle
gebildet.

Er pflegte zu sagen: "Der Mensch ist so geneigt, sich mir dem
Gemeinsten abzugeben, Geist und Sinne stumpfen sich so leicht gegen
die Eindruecke des Schoenen und Vollkommenen ab, dass man die
Faehigkeit, es zu empfinden, bei sich auf alle Weise erhalten sollte.
Denn einen solchen Genuss kann niemand ganz entbehren, und nur die
Ungewohntheit, etwas Gutes zu geniessen, ist Ursache, dass viele
Menschen schon am Albernen und Abgeschmackten, wenn es nur neu ist,
Vergnuegen finden. Man sollte", sagte er, "alle Tage wenigstens ein
kleines Lied hoeren, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemaelde
sehen und, wenn es moeglich zu machen waere, einige vernuenftige Worte
sprechen."

Bei diesen Gesinnungen, die Serlo gewissermassen natuerlich waren,
konnte es den Personen, die ihn umgaben, nicht an angenehmer
Unterhaltung fehlen. Mitten in diesem vergnueglichen Zustande brachte
man Wilhelmen eines Tags einen schwarzgesiegelten Brief. Werners
Petschaft deutete auf eine traurige Nachricht, und er erschrak nicht
wenig, als er den Tod seines Vaters nur mit einigen Worten angezeigt
fand. Nach einer unerwarteten, kurzen Krankheit war er aus der Welt
gegangen und hatte seine haeuslichen Angelegenheiten in der besten
Ordnung hinterlassen.

Diese unvermutete Nachricht traf Wilhelmen im Innersten. Er fuehlte
tief, wie unempfindlich man oft Freunde und Verwandte, solange sie
sich mit uns des irdischen Aufenthaltes erfreuen, vernachlaessigt und
nur dann erst die Versaeumnis bereut, wenn das schoene Verhaeltnis
wenigstens fuer diesmal aufgehoben ist. Auch konnte der Schmerz ueber
das zeitige Absterben des braven Mannes nur durch das Gefuehl
gelindert werden, dass er auf der Welt wenig geliebt, und durch die
ueberzeugung, dass er wenig genossen habe.

Wilhelms Gedanken wandten sich nun bald auf seine eigenen
Verhaeltnisse, und er fuehlte sich nicht wenig beunruhigt. Der Mensch
kann in keine gefaehrlichere Lage versetzt werden, als wenn durch
aeussere Umstaende eine grosse Veraenderung seines Zustandes bewirkt
wird, ohne dass seine Art zu empfinden und zu denken darauf
vorbereitet ist. Es gibt alsdann eine Epoche ohne Epoche, und es
entsteht nur ein desto groesserer Widerspruch, je weniger der Mensch
bemerkt, dass er zu dem neuen Zustande noch nicht ausgebildet sei.

Wilhelm sah sich in einem Augenblicke frei, in welchem er mit sich
selbst noch nicht einig werden konnte. Seine Gesinnungen waren edel,
seine Absichten lauter, und seine Vorsaetze schienen nicht verwerflich.
Das alles durfte er sich mit einigem Zutrauen selbst bekennen;
allein er hatte Gelegenheit genug gehabt zu bemerken, dass es ihm an
Erfahrung fehle, und er legte daher auf die Erfahrung anderer und auf
die Resultate, die sie daraus mit ueberzeugung ableiteten, einen
uebermaessigen Wert und kam dadurch nur immer mehr in die Irre. Was
ihm fehlte, glaubte er am ersten zu erwerben, wenn er alles
Denkwuerdige, was ihm in Buechern und im Gespraech vorkommen mochte,
zu erhalten und zu sammeln unternaehme. Er schrieb daher fremde und
eigene Meinungen und Ideen, ja ganze Gespraeche, die ihm interessant
waren, auf und hielt leider auf diese Weise das Falsche so gut als das
Wahre fest, blieb viel zu lange an einer Idee, ja man moechte sagen an
einer Sentenz haengen und verliess dabei seine natuerliche Denk- und
Handelsweise, indem er oft fremden Lichtern als Leitsternen folgte.
Aureliens Bitterkeit und seines Freundes Laertes kalte Verachtung der
Menschen bestachen oefter als billig war sein Urteil: niemand aber war
ihm gefaehrlicher gewesen als Jarno, ein Mann, dessen heller Verstand
von gegenwaertigen Dingen ein richtiges, strenges Urteil faellte,
dabei aber den Fehler hatte, dass er diese einzelnen Urteile mit einer
Art von Allgemeinheit aussprach, da doch die Aussprueche des
Verstandes eigentlich nur einmal, und zwar in dem bestimmtesten Falle
gelten und schon unrichtig werden, wenn man sie auf den naechsten
anwendet.

So entfernte sich Wilhelm, indem er mit sich selbst einig zu werden
strebte, immer mehr von der heilsamen Einheit, und bei dieser
Verwirrung ward es seinen Leidenschaften um so leichter, alle
Zuruestungen zu ihrem Vorteil zu gebrauchen und ihn ueber das, was er
zu tun hatte, nur noch mehr zu verwirren.

Serlo benutzte die Todespost zu seinem Vorteil, und wirklich hatte er
auch taeglich immer mehr Ursache, an eine andere Einrichtung seines
Schauspiels zu denken. Er musste entweder seine alten Kontrakte
erneuern, wozu er keine grosse Lust hatte, indem mehrere Mitglieder,
die sich fuer unentbehrlich hielten, taeglich unleidlicher wurden;
oder er musste, wohin auch sein Wunsch ging, der Gesellschaft eine
ganz neue Gestalt geben.

Ohne selbst in Wilhelmen zu dringen, regte er Aurelien und Philinen
auf; und die uebrigen Gesellen, die sich nach Engagement sehnten,
liessen unserm Freunde gleichfalls keine Ruhe, so dass er mit
ziemlicher Verlegenheit an einem Scheidewege stand. Wer haette
gedacht, dass ein Brief von Wernern, der ganz im entgegengesetzten
Sinne geschrieben war, ihn endlich zu einer Entschliessung hindraengen
sollte. Wir lassen nur den Eingang weg und geben uebrigens das
Schreiben mit weniger Veraenderung.




V. Buch, 2. Kapitel




Zweites Kapitel

"--So war es, und so muss es denn auch wohl recht sein, dass jeder bei
jeder Gelegenheit seinem Gewerbe nachgeht und seine Taetigkeit zeigt.
Der gute Alte war kaum verschieden, als auch in der naechsten
Viertelstunde schon nichts mehr nach seinem Sinne im Hause geschah.
Freunde, Bekannte und Verwandte draengten sich zu, besonders aber alle
Menschenarten, die bei solchen Gelegenheiten etwas zu gewinnen haben.
Man brachte, man trug, man zahlte, schrieb und rechnete; die einen
holten Wein und Kuchen, die andern tranken und assen; niemanden sah
ich aber ernsthafter beschaeftigt als die Weiber, indem sie die Trauer
aussuchten.

Du wirst mir also verzeihen, mein Lieber, wenn ich bei dieser
Gelegenheit auch an meinen Vorteil dachte, mich deiner Schwester so
hilfreich und taetig als moeglich zeigte und ihr, sobald es nur
einigermassen schicklich war, begreiflich machte, dass es nunmehr
unsre Sache sei, eine Verbindung zu beschleunigen, die unsre Vaeter
aus allzugrosser Umstaendlichkeit bisher verzoegert hatten.

Nun musst du aber ja nicht denken, dass es uns eingefallen sei, das
grosse, leere Haus in Besitz zu nehmen. Wir sind bescheidner und
vernuenftiger; unsern Plan sollst du hoeren. Deine Schwester zieht
nach der Heirat gleich in unser Haus herueber, und sogar auch deine
Mutter mit.

"Wie ist das moeglich?" wirst du sagen; "ihr habt ja selbst in dem
Neste kaum Platz." Das ist eben die Kunst, mein Freund! Die
geschickte Einrichtung macht alles moeglich, und du glaubst nicht,
wieviel Platz man findet, wenn man wenig Raum braucht. Das grosse
Haus verkaufen wir, wozu sich sogleich eine gute Gelegenheit darbietet;
das daraus geloeste Geld soll hundertfaeltige Zinsen tragen.

Ich hoffe, du bist damit einverstanden, und wuensche, dass du nichts
von den unfruchtbaren Liebhabereien deines Vaters und Grossvaters
geerbt haben moegest. Dieser setzte seine hoechste Glueckseligkeit in
eine Anzahl unscheinbarer Kunstwerke, die niemand, ich darf wohl sagen
niemand, mit ihm geniessen konnte: jener lebte in einer kostbaren
Einrichtung, die er niemand mit sich geniessen liess. Wir wollen es
anders machen, und ich hoffe deine Beistimmung.

Es ist wahr, ich selbst behalte in unserm ganzen Hause keinen Platz
als den an meinem Schreibepulte, und noch seh ich nicht ab, wo man
kuenftig eine Wiege hinsetzen will; aber dafuer ist der Raum ausser
dem Hause desto groesser. Die Kaffeehaeuser und Klubs fuer den Mann,
die Spaziergaenge und Spazierfahrten fuer die Frau, und die schoenen
Lustoerter auf dem Lande fuer beide. Dabei ist der groesste Vorteil,
dass auch unser runder Tisch ganz besetzt ist und es dem Vater
unmoeglich wird, Freunde zu sehen, die sich nur desto leichtfertiger
ueber ihn aufhalten, je mehr er sich Muehe gegeben hat, sie zu
bewirten.

Nur nichts ueberfluessiges im Hause! nur nicht zu viel Moebeln,
Geraetschaften, nur keine Kutsche und Pferde! Nichts als Geld, und
dann auf eine vernuenftige Weise jeden Tag getan, was dir beliebt.
Nur keine Garderobe, immer das Neueste und Beste auf dem Leibe; der
Mann mag seinen Rock abtragen und die Frau den ihrigen vertroedeln,
sobald er nur einigermassen aus der Mode koemmt. Es ist mir nichts
unertraeglicher als so ein alter Kram von Besitztum. Wenn man mir den
kostbarsten Edelstein schenken wollte mit der Bedingung, ihn taeglich
am Finger zu tragen, ich wuerde ihn nicht annehmen; denn wie laesst
sich bei einem toten Kapital nur irgendeine Freude denken? Das ist
also mein lustiges Glaubensbekenntnis: seine Geschaefte verrichtet,
Geld geschafft, sich mit den Seinigen lustig gemacht und um die
uebrige Welt sich nicht mehr bekuemmert, als insofern man sie nutzen
kann.

Nun wirst du aber sagen: wie ist denn in eurem saubern Plane an mich
gedacht? Wo soll ich unterkommen, wenn ihr mir das vaeterliche Haus
verkauft und in dem eurigen nicht der mindeste Raum uebrigbleibt?'

Das ist freilich der Hauptpunkt, Bruederchen, und auf den werde ich
dir gleich dienen koennen, wenn ich dir vorher das gebuehrende Lob
ueber deine vortrefflich angewendete Zeit werde entrichtet haben.

Sage nur, wie hast du es angefangen, in so wenigen Wochen ein Kenner
aller nuetzlichen und interessanten Gegenstaende zu werden? Soviel
Faehigkeiten ich an dir kenne, haette ich dir doch solche
Aufmerksamkeit und solchen Fleiss nicht zugetraut. Dein Tagebuch hat
uns ueberzeugt, mit welchem Nutzen du die Reise gemacht hast; die
Beschreibung der Eisen- und Kupferhaemmer ist vortrefflich und zeigt
von vieler Einsicht in die Sache. Ich habe sie ehemals auch besucht;
aber meine Relation, wenn ich sie dagegenhalte, sieht sehr
stuempermaessig aus. Der ganze Brief ueber die Leinwandfabrikation
ist lehrreich und die Anmerkung ueber die Konkurrenz sehr treffend.
An einigen Orten hast du Fehler in der Addition gemacht, die jedoch
sehr verzeihlich sind.

Was aber mich und meinen Vater am meisten und hoechsten freut, sind
deine gruendlichen Einsichten in die Bewirtschaftung und besonders in
die Verbesserung der Feldgueter. Wir haben Hoffnung, ein grosses Gut,
das in Sequestration liegt, in einer sehr fruchtbaren Gegend zu
erkaufen. Wir wenden das Geld, das wir aus dem vaeterlichen Hause
loesen, dazu an; ein Teil wird geborgt, und ein Teil kann
stehenbleiben; und wir rechnen auf dich, dass du dahin ziehst, den
Verbesserungen vorstehst, und so kann, um nicht zuviel zu sagen, das
Gut in einigen Jahren um ein Drittel an Wert steigen; man verkauft es
wieder, sucht ein groesseres, verbessert und handelt wieder, und dazu
bist du der Mann. Unsere Federn sollen indes zu Hause nicht muessig
sein, und wir wollen uns bald in einen beneidenswerten Zustand
versetzen.

Jetzt lebe wohl! Geniesse das Leben auf der Reise und ziehe hin, wo
du es vergnueglich und nuetzlich findest. Vor dem ersten halben Jahre
beduerfen wir deiner nicht; du kannst dich also nach Belieben in der
Welt umsehen: denn die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf
Reisen. Lebe wohl, ich freue mich, so nahe mit dir verbunden, auch
nunmehr im Geist der Taetigkeit mit dir vereint zu werden."

So gut dieser Brief geschrieben war und soviel oekonomische Wahrheiten
er enthalten mochte, missfiel er doch Wilhelmen auf mehr als eine
Weise. Das Lob, das er ueber seine fingierten statistischen,
technologischen und ruralischen Kenntnisse erhielt, war ihm ein
stiller Vorwurf; und das Ideal, das ihm sein Schwager vom Glueck des
buergerlichen Lebens vorzeichnete, reizte ihn keineswegs; vielmehr
ward er durch einen heimlichen Geist des Widerspruchs mit Heftigkeit
auf die entgegengesetzte Seite getrieben. Er ueberzeugte sich, dass
er nur auf dem Theater die Bildung, die er sich zu geben wuenschte,
vollenden koenne, und schien in seinem Entschlusse nur desto mehr
bestaerkt zu werden, je lebhafter Werner, ohne es zu wissen, sein
Gegner geworden war. Er fasste darauf alle seine Argumente zusammen
und bestaetigte bei sich seine Meinung nur um desto mehr, je mehr er
Ursache zu haben glaubte, sie dem klugen Werner in einem guenstigen
Lichte darzustellen, und auf diese Weise entstand eine Antwort, die
wir gleichfalls einruecken.




V. Buch, 3. Kapitel




Drittes Kapitel

"Dein Brief ist so wohl geschrieben und so gescheit und klug gedacht,
dass sich nichts mehr dazusetzen laesst. Du wirst mir aber verzeihen,
wenn ich sage, dass man gerade das Gegenteil davon meinen, behaupten
und tun und doch auch recht haben kann. Deine Art, zu sein und zu
denken, geht auf einen unbeschraenkten Besitz und auf eine leichte,
lustige Art zu geniessen hinaus, und ich brauche dir kaum zu sagen,
dass ich daran nichts, was mich reizte, finden kann.

Zuerst muss ich dir leider bekennen, dass mein Tagebuch aus Not, um
meinem Vater gefaellig zu sein, mit Huelfe eines Freundes aus mehreren
Buechern zusammengeschrieben ist und dass ich wohl die darin
enthaltenen Sachen und noch mehrere dieser Art weiss, aber keineswegs
verstehe noch mich damit abgeben mag. Was hilft es mir, gutes Eisen
zu fabrizieren, wenn mein eigenes Inneres voller Schlacken ist? und
was, ein Landgut in Ordnung zu bringen, wenn ich mit mir selber uneins
bin?

Dass ich dir's mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin,
auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine
Absicht. Noch hege ich ebendiese Gesinnungen, nur dass mir die Mittel,
die mir es moeglich machen werden, etwas deutlicher sind. Ich habe
mehr Welt gesehen, als du glaubst, und sie besser benutzt, als du
denkst. Schenke deswegen dem, was ich sage, einige Aufmerksamkeit,
wenn es gleich nicht ganz nach deinem Sinne sein sollte.

Waere ich ein Edelmann, so waere unser Streit bald abgetan; da ich
aber nur ein Buerger bin, so muss ich einen eigenen Weg nehmen, und
ich wuensche, dass du mich verstehen moegest. Ich weiss nicht, wie es
in fremden Laendern ist, aber in Deutschland ist nur dem Edelmann eine
gewisse allgemeine, wenn ich sagen darf personelle Ausbildung moeglich.
Ein Buerger kann sich Verdienst erwerben und zur hoechsten Not
seinen Geist ausbilden; seine Persoenlichkeit geht aber verloren, er
mag sich stellen, wie er will. Indem es dem Edelmann, der mit den
Vornehmsten umgeht, zur Pflicht wird, sich selbst einen vornehmen
Anstand zu geben, indem dieser Anstand, da ihm weder Tuer noch Tor
verschlossen ist, zu einem freien Anstand wird, da er mit seiner Figur,
mit seiner Person, es sei bei Hofe oder bei der Armee, bezahlen muss:
so hat er Ursache, etwas auf sie zu halten und zu zeigen, dass er
etwas auf sie haelt. Eine gewisse feierliche Grazie bei gewoehnlichen
Dingen, eine Art von leichtsinniger Zierlichkeit bei ernsthaften und
wichtigen kleidet ihn wohl, weil er sehen laesst, dass er ueberall im
Gleichgewicht steht. Er ist eine oeffentliche Person, und je
ausgebildeter seine Bewegungen, je sonorer seine Stimme, je gehaltner
und gemessener sein ganzes Wesen ist, desto vollkommner ist er. Wenn
er gegen Hohe und Niedre, gegen Freunde und Verwandte immer
ebenderselbe bleibt, so ist nichts an ihm auszusetzen, man darf ihn
nicht anders wuenschen. Er sei kalt, aber verstaendig; verstellt,
aber klug. Wenn er sich aeusserlich in jedem Momente seines Lebens zu
beherrschen weiss, so hat niemand eine weitere Forderung an ihn zu
machen, und alles uebrige, was er an und um sich hat, Faehigkeit,
Talent, Reichtum, alles scheinen nur Zugaben zu sein.

Nun denke dir irgendeinen Buerger, der an jene Vorzuege nur einigen
Anspruch zu machen gedaechte; durchaus muss es ihm misslingen, und er
muesste desto ungluecklicher werden, je mehr sein Naturell ihm zu
jener Art zu sein Faehigkeit und Trieb gegeben haette.

Wenn der Edelmann im gemeinen Leben gar keine Grenzen kennt, wenn man
aus ihm Koenige oder koenigaehnliche Figuren erschaffen kann, so darf
er ueberall mit einem stillen Bewusstsein vor seinesgleichen treten;
er darf ueberall vorwaertsdringen, anstatt dass dem Buerger nichts
besser ansteht als das reine, stille Gefuehl der Grenzlinie, die ihm
gezogen ist. Er darf nicht fragen: "Was bist du?" sondern nur: "Was
hast du? welche Einsicht, welche Kenntnis, welche Faehigkeit, wieviel
Vermoegen?" Wenn der Edelmann durch die Darstellung seiner Person
alles gibt, so gibt der Buerger durch seine Persoenlichkeit nichts und
soll nichts geben. Jener darf und soll scheinen; dieser soll nur sein,
und was er scheinen will, ist laecherlich oder abgeschmackt. Jener
soll tun und wirken, dieser soll leisten und schaffen; er soll
einzelne Faehigkeiten ausbilden, um brauchbar zu werden, und es wird
schon vorausgesetzt, dass in seinem Wesen keine Harmonie sei noch sein
duerfe, weil er, um sich auf eine Weise brauchbar zu machen, alles
uebrige vernachlaessigen muss.

An diesem Unterschiede ist nicht etwa die Anmassung der Edelleute und
die Nachgiebigkeit der Buerger, sondern die Verfassung der
Gesellschaft selbst schuld; ob sich daran einmal etwas aendern wird
und was sich aendern wird, bekuemmert mich wenig; genug, ich habe, wie
die Sachen jetzt stehen, an mich selbst zu denken und wie ich mich
selbst und das, was mir ein unerlaessliches Beduerfnis ist, rette und
erreiche.

Ich habe nun einmal gerade zu jener harmonischen Ausbildung meiner
Natur, die mir meine Geburt versagt, eine unwiderstehliche Neigung.
Ich habe, seit ich dich verlassen, durch Leibesuebung viel gewonnen;
ich habe viel von meiner gewoehnlichen Verlegenheit abgelegt und
stelle mich so ziemlich dar. Ebenso habe ich meine Sprache und Stimme
ausgebildet, und ich darf ohne Eitelkeit sagen, dass ich in
Gesellschaften nicht missfalle. Nun leugne ich dir nicht, dass mein
Trieb taeglich unueberwindlicher wird, eine oeffentliche Person zu
sein und in einem weitern Kreise zu gefallen und zu wirken. Dazu
koemmt meine Neigung zur Dichtkunst und zu allem, was mit ihr in
Verbindung steht, und das Beduerfnis, meinen Geist und Geschmack
auszubilden, damit ich nach und nach auch bei dem Genuss, den ich
nicht entbehren kann, nur das Gute wirklich fuer gut, und das Schoene
fuer schoen halte. Du siehst wohl, dass das alles fuer mich nur auf
dem Theater zu finden ist und dass ich mich in diesem einzigen
Elemente nach Wunsch ruehren und ausbilden kann. Auf den Brettern
erscheint der gebildete Mensch so gut persoenlich in seinem Glanz als
in den obern Klassen; Geist und Koerper muessen bei jeder Bemuehung
gleichen Schritt gehen, und ich werde da so gut sein und scheinen
koennen als irgend anderswo. Suche ich daneben noch Beschaeftigungen,
so gibt es dort mechanische Quaelereien genug, und ich kann meiner
Geduld taegliche uebung verschaffen.

Disputiere mit mir nicht darueber; denn eh du mir schreibst, ist der
Schritt schon geschehen. Wegen der herrschenden Vorurteile will ich
meinen Namen veraendern, weil ich mich ohnehin schaeme, als Meister
aufzutreten. Lebe wohl. Unser Vermoegen ist in so guter Hand, dass
ich mich darum gar nicht bekuemmere; was ich brauche, verlange ich
gelegentlich von dir; es wird nicht viel sein, denn ich hoffe, dass
mich meine Kunst auch naehren soll."

Der Brief war kaum abgeschickt, als Wilhelm auf der Stelle Wort hielt
und zu Serlos und der uebrigen grossen Verwunderung sich auf einmal
erklaerte: dass er sich zum Schauspieler widme und einen Kontrakt auf
billige Bedingungen eingehen wolle. Man war hierueber bald einig,
denn Serlo hatte schon frueher sich so erklaert, dass Wilhelm und die
uebrigen damit gar wohl zufrieden sein konnten. Die ganze
verunglueckte Gesellschaft, mit der wir uns so lange unterhalten haben,
ward auf einmal angenommen, ohne dass jedoch, ausser etwa Laertes,
sich einer gegen Wilhelmen dankbar erzeigt haette. Wie sie ohne
Zutrauen gefordert hatten, so empfingen sie ohne Dank. Die meisten
wollten lieber ihre Anstellung dem Einflusse Philinens zuschreiben und
richteten ihre Danksagungen an sie. Indessen wurden die
ausgefertigten Kontrakte unterschrieben, und durch eine unerklaerliche
Verknuepfung von Ideen entstand vor Wilhelms Einbildungskraft in dem
Augenblicke, als er seinen fingierten Namen unterzeichnete, das Bild
jenes Waldplatzes, wo er verwundet in Philinens Schoss gelegen. Auf
einem Schimmel kam die liebenswuerdige Amazone aus den Bueschen, nahte
sich ihm und stieg ab. Ihr menschenfreundliches Bemuehen hiess sie
gehen und kommen; endlich stand sie vor ihm. Das Kleid fiel von ihren
Schultern; ihr Gesicht, ihre Gestalt fing an zu glaenzen, und sie
verschwand. So schrieb er seinen Namen nur mechanisch hin, ohne zu
wissen, was er tat, und fuehlte erst, nachdem er unterzeichnet hatte,
dass Mignon an seiner Seite stand, ihn am Arm hielt und ihm die Hand
leise wegzuziehen versucht hatte.




V. Buch, 4. Kapitel




Viertes Kapitel

Eine der Bedingungen, unter denen Wilhelm sich aufs Theater begab, war
von Serlo nicht ohne Einschraenkung zugestanden worden. Jener
verlangte, dass "Hamlet" ganz und unzerstueckt aufgefuehrt werden
sollte, und dieser liess sich das wunderliche Begehren insofern
gefallen, als es moeglich sein wuerde. Nun hatten sie hierueber
bisher manchen Streit gehabt; denn was moeglich oder nicht moeglich
sei und was man von dem Stueck weglassen koenne, ohne es zu
zerstuecken, darueber waren beide sehr verschiedener Meinung.

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