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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8

J >> Johann Wolfgang Von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8

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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 8

Johann Wolfgang von Goethe




Achtes Buch

Erstes Kapitel

Felix war in den Garten gesprungen, Wilhelm folgte ihm mit Entzuecken,
der schoenste Morgen zeigte jeden Gegenstand mit neuen Reizen, und
Wilhelm genoss den heitersten Augenblick. Felix war neu in der freien
und herrlichen Welt, und sein Vater nicht viel bekannter mit den
Gegenstaenden, nach denen der Kleine wiederholt und unermuedet fragte.
Sie gesellten sich endlich zum Gaertner, der die Namen und den
Gebrauch mancher Pflanzen hererzaehlen musste; Wilhelm sah die Natur
durch ein neues Organ, und die Neugierde, die Wissbegierde des Kindes
liessen ihn erst fuehlen, welch ein schwaches Interesse er an den
Dingen ausser sich genommen hatte, wie wenig er kannte und wusste. An
diesem Tage, dem vergnuegtesten seines Lebens, schien auch seine eigne
Bildung erst anzufangen; er fuehlte die Notwendigkeit, sich zu
belehren, indem er zu lehren aufgefordert ward.

Jarno und der Abbe hatten sich nicht wieder sehen lassen; abends kamen
sie und brachten einen Fremden mit. Wilhelm ging ihm mit Erstaunen
entgegen, er traute seinen Augen nicht: es war Werner, der gleichfalls
einen Augenblick anstand, ihn anzuerkennen. Beide umarmten sich aufs
zaertlichste, und beide konnten nicht verbergen, dass sie sich
wechselsweise veraendert fanden. Werner behauptete, sein Freund sei
groesser, staerker, gerader, in seinem Wesen gebildeter und in seinem
Betragen angenehmer geworden. "Etwas von seiner alten Treuherzigkeit
vermiss ich", setzte er hinzu. "Sie wird sich auch schon wieder
zeigen, wenn wir uns nur von der ersten Verwunderung erholt haben",
sagte Wilhelm.

Es fehlte viel, dass Werner einen gleich vorteilhaften Eindruck auf
Wilhelmen gemacht haette. Der gute Mann schien eher zurueck- als
vorwaertsgegangen zu sein. Er war viel magerer als ehemals, sein
spitzes Gesicht schien feiner, seine Nase laenger zu sein, seine Stirn
und sein Scheitel waren von Haaren entbloesst, seine Stimme hell,
heftig und schreiend, und seine eingedrueckte Brust, seine
verfallenden Schultern, seine farblosen Wangen liessen keinen Zweifel
uebrig, dass ein arbeitsamer Hypochondrist gegenwaertig sei.

Wilhelm war bescheiden genug, um sich ueber diese grosse Veraenderung
sehr maessig zu erklaeren, da der andere hingegen seiner
freundschaftlichen Freude voelligen Lauf liess. "Wahrhaftig!" rief er
aus, "wenn du deine Zeit schlecht angewendet und, wie ich vermute,
nichts gewonnen hast, so bist du doch indessen ein Persoenchen
geworden, das sein Glueck machen kann und muss; verschleudere und
verschleudere nur auch das nicht wieder: du sollst mir mit dieser
Figur eine reiche und schoene Erbin erkaufen."--"Du wirst doch",
versetzte Wilhelm laechelnd, "deinen Charakter nicht verleugnen! Kaum
findest du nach langer Zeit deinen Freund wieder, so siehst du ihn
schon als eine Ware, als einen Gegenstand deiner Spekulation an, mit
dem sich etwas gewinnen laesst."

Jarno und der Abbe schienen ueber diese Erkennung keinesweges
verwundert und liessen beide Freunde sich nach Belieben ueber das
Vergangene und Gegenwaertige ausbreiten. Werner ging um seinen Freund
herum, drehte ihn hin und her, so dass er ihn fast verlegen machte.
"Nein! nein!" rief er aus, "so was ist mir noch nicht vorgekommen, und
doch weiss ich wohl, dass ich mich nicht betriege. Deine Augen sind
tiefer, deine Stirn ist breiter, deine Nase feiner und dein Mund
liebreicher geworden. Seht nur einmal, wie er steht! wie das alles
passt und zusammenhaengt! Wie doch das Faulenzen gedeihet! Ich armer
Teufel dagegen"--er besah sich im Spiegel--"wenn ich diese Zeit her
nicht recht viel Geld gewonnen haette, so waere doch auch gar nichts
an mir."

Werner hatte Wilhelms letzten Brief nicht empfangen; ihre Handlung war
das fremde Haus, mit welchem Lothario die Gueter in Gemeinschaft zu
kaufen die Absicht hatte. Dieses Geschaeft fuehrte Wernern hierher;
er hatte keine Gedanken, Wilhelmen auf seinem Wege zu finden. Der
Gerichtshalter kam, die Papiere wurden vorgelegt, und Werner fand die
Vorschlaege billig. "Wenn Sie es mit diesem jungen Manne, wie es
scheint, gut meinen", sagte er, "so sorgen Sie selbst dafuer, dass
unser Teil nicht verkuerzt werde; es soll von meinem Freunde abhaengen,
ob er das Gut annehmen und einen Teil seines Vermoegens daran wenden
will." Jarno und der Abbe versicherten, dass es dieser Erinnerung
nicht beduerfe. Man hatte die Sache kaum im allgemeinen verhandelt,
als Werner sich nach einer Partie L'hombre sehnte, wozu sich denn auch
gleich der Abbe und Jarno mit hinsetzten; er war es nun einmal so
gewohnt, er konnte des Abends ohne Spiel nicht leben.

Als die beiden Freunde nach Tische allein waren, befragten und
besprachen sie sich sehr lebhaft ueber alles, was sie sich mitzuteilen
wuenschten. Wilhelm ruehmte seine Lage und das Glueck seiner Aufnahme
unter so trefflichen Menschen. Werner dagegen schuettelte den Kopf
und sagte: "Man sollte doch auch nichts glauben, als was man mit Augen
sieht! Mehr als ein dienstfertiger Freund hat mir versichert, du
lebtest mit einem liederlichen jungen Edelmann, fuehrtest ihm
Schauspielerinnen zu, haelfest ihm sein Geld durchbringen und seiest
schuld, dass er mit seinen saemtlichen Anverwandten gespannt sei.
"--"Es wuerde mich um meinet- und um der guten Menschen willen
verdriessen, dass wir so verkannt werden", versetzte Wilhelm, "wenn
mich nicht meine theatralische Laufbahn mit jeder uebeln Nachrede
versoehnt haette. Wie sollten die Menschen unsere Handlungen
beurteilen, die ihnen nur einzeln und abgerissen erscheinen, wovon sie
das wenigste sehen, weil Gutes und Boeses im verborgenen geschieht und
eine gleichgueltige Erscheinung meistens nur an den Tag kommt. Bringt
man ihnen doch Schauspieler und Schauspielerinnen auf erhoehte Bretter,
zuendet von allen Seiten Licht an, das ganze Werk ist in wenig
Stunden abgeschlossen, und doch weiss selten jemand eigentlich, was er
daraus machen soll."

Nun ging es an ein Fragen nach der Familie, nach den Jugendfreunden
und der Vaterstadt. Werner erzaehlte mit grosser Hast alles, was sich
veraendert hatte und was noch bestand und geschah. "Die Frauen im
Hause", sagte er, "Sind vergnuegt und gluecklich, es fehlt nie an Geld.
Die eine Haelfte der Zeit bringen sie zu, sich zu putzen, und die
andere Haelfte, sich geputzt sehen zu lassen. Haushaelterisch sind
sie soviel, als billig ist. Meine Kinder lassen sich zu gescheiten
Jungen an. Ich sehe sie im Geiste schon sitzen und schreiben und
rechnen, laufen, handeln und troedeln; einem jeden soll so bald als
moeglich ein eignes Gewerbe eingerichtet werden, und was unser
Vermoegen betrifft, daran sollst du deine Lust sehen. Wenn wir mit
den Guetern in Ordnung sind, musst du gleich mit nach Hause: denn es
sieht doch aus, als wenn du mit einiger Vernunft in die menschlichen
Unternehmungen eingreifen koenntest. Deine neuen Freunde sollen
gepriesen sein, da sie dich auf den rechten Weg gebracht haben. Ich
bin ein naerrischer Teufel und merke erst, wie lieb ich dich habe, da
ich mich nicht satt an dir sehen kann, dass du so wohl und so gut
aussiehst. Das ist doch noch eine andere Gestalt als das Portraet,
das du einmal an die Schwester schicktest und worueber im Hause
grosser Streit war. Mutter und Tochter fanden den jungen Herrn
allerliebst mit offnem Halse, halbfreier Brust, grosser Krause,
herumhaengendem Haar, rundem Hut, kurzem Westchen und schlotternden
langen Hosen, indessen ich behauptete, das Kostuem sei nur noch zwei
Finger breit vom Hanswurst. Nun siehst du doch aus wie ein Mensch,
nur fehlt der Zopf, in den ich deine Haare einzubinden bitte, sonst
haelt man dich denn doch einmal unterwegs als Juden an und fordert
Zoll und Geleite von dir."

Felix war indessen in die Stube gekommen und hatte sich, als man auf
ihn nicht achtete, aufs Kanapee gelegt und war eingeschlafen. "Was
ist das fuer ein Wurm?" fragte Werner. Wilhelm hatte in dem
Augenblicke den Mut nicht, die Wahrheit zu sagen, noch Lust, eine doch
immer zweideutige Geschichte einem Manne zu erzaehlen, der von Natur
nichts weniger als glaeubig war.

Die ganze Gesellschaft begab sich nunmehr auf die Gueter, um sie zu
besehen und den Handel abzuschliessen. Wilhelm liess seinen Felix
nicht von der Seite und freute sich um des Knaben willen recht lebhaft
des Besitzes, dem man entgegensah. Die Luesternheit des Kindes nach
den Kirschen und Beeren, die bald reif werden sollten, erinnerte ihn
an die Zeit seiner Jugend und an die vielfache Pflicht des Vaters, den
Seinigen den Genuss vorzubereiten, zu verschaffen und zu erhalten.
Mit welchem Interesse betrachtete er die Baumschulen und die Gebaeude!
Wie lebhaft sann er darauf, das Vernachlaessigte wiederherzustellen
und das Verfallene zu erneuern! Er sah die Welt nicht mehr wie ein
Zugvogel an, ein Gebaeude nicht mehr fuer eine geschwind
zusammengestellte Laube, die vertrocknet, ehe man sie verlaesst.
Alles, was er anzulegen gedachte, sollte dem Knaben entgegenwachsen,
und alles, was er herstellte, sollte eine Dauer auf einige
Geschlechter haben. In diesem Sinne waren seine Lehrjahre geendigt,
und mit dem Gefuehl des Vaters hatte er auch alle Tugenden eines
Buergers erworben. Er fuehlte es, und seiner Freude konnte nichts
gleichen. "O der unnoetigen Strenge der Moral!" rief er aus, "da die
Natur uns auf ihre liebliche Weise zu allem bildet, was wir sein
sollen. O der seltsamen Anforderungen der buergerlichen Gesellschaft,
die uns erst verwirrt und missleitet und dann mehr als die Natur
selbst von uns fordert! Wehe jeder Art von Bildung, welche die
wirksamsten Mittel wahrer Bildung zerstoert und uns auf das Ende
hinweist, anstatt uns auf dem Wege selbst zu begluecken!"

So manches er auch in seinem Leben schon gesehen hatte, so schien ihm
doch die menschliche Natur erst durch die Beobachtung des Kindes
deutlich zu werden. Das Theater war ihm, wie die Welt, nur als eine
Menge ausgeschuetteter Wuerfel vorgekommen, deren jeder einzeln auf
seiner Oberflaeche bald mehr, bald weniger bedeutet und die allenfalls
zusammengezaehlt eine Summe machen. Hier im Kinde lag ihm, konnte man
sagen, ein einzelner Wuerfel vor, auf dessen vielfachen Seiten der
Wert und der Unwert der menschlichen Natur so deutlich eingegraben war.


Das Verlangen des Kindes nach Unterscheidung wuchs mit jedem Tage. Da
es einmal erfahren hatte, dass die Dinge Namen haben, so wollte es
auch den Namen von allem hoeren; es glaubte nicht anders, sein Vater
muesse alles wissen, quaelte ihn oft mit Fragen und gab ihm Anlass,
sich nach Gegenstaenden zu erkundigen, denen er sonst wenig
Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Auch der eingeborne Trieb, die
Herkunft und das Ende der Dinge zu erfahren, zeigte sich fruehe bei
dem Knaben. Wenn er fragte, wo der Wind herkomme und wo die Flamme
hinkomme, war dem Vater seine eigene Beschraenkung erst recht lebendig;
er wuenschte zu erfahren, wie weit sich der Mensch mit seinen
Gedanken wagen und wovon er hoffen duerfe sich und andern jemals
Rechenschaft zu geben. Die Heftigkeit des Kindes, wenn es irgendeinem
lebendigen Wesen Unrecht geschehen sah, erfreute den Vater hoechlich
als das Zeichen eines trefflichen Gemuets. Das Kind schlug heftig
nach dem Kuechenmaedchen, das einige Tauben abgeschnitten hatte.
Dieser schoene Begriff wurde denn freilich bald wieder zerstoert, als
er den Knaben fand, der ohne Barmherzigkeit Froesche totschlug und
Schmetterlinge zerrupfte. Es erinnerte ihn dieser Zug an so viele
Menschen, die hoechst gerecht erscheinen, wenn sie ohne Leidenschaft
sind und die Handlungen anderer beobachten.

Dieses angenehme Gefuehl, dass der Knabe so einen schoenen und wahren
Einfluss auf sein Dasein habe, ward einen Augenblick gestoert, als
Wilhelm in kurzem bemerkte, dass wirklich der Knabe mehr ihn als er
den Knaben erziehe. Er hatte an dem Kinde nichts auszusetzen, er war
nicht imstande, ihm eine Richtung zu geben, die es nicht selbst nahm,
und sogar die Unarten, gegen die Aurelie so viel gearbeitet hatte,
waren, so schien es, nach dem Tode dieser Freundin alle wieder in ihre
alten Rechte getreten. Noch machte das Kind die Tuere niemals hinter
sich zu, noch wollte er seinen Teller nicht abessen, und sein Behagen
war niemals groesser, als wenn man ihm nachsah, dass er den Bissen
unmittelbar aus der Schuessel nehmen, das volle Glas stehenlassen und
aus der Flasche trinken konnte. So war er auch ganz allerliebst, wenn
er sich mit einem Buche in die Ecke setzte und sehr ernsthaft sagte:
"Ich muss das gelehrte Zeug studieren!", ob er gleich die Buchstaben
noch lange weder unterscheiden konnte noch wollte.

Bedachte nun Wilhelm, wie wenig er bisher fuer das Kind getan hatte,
wie wenig er zu tun faehig sei, so entstand eine Unruhe in ihm, die
sein ganzes Glueck aufzuwiegen imstande war. "Sind wir Maenner denn",
sagte er zu sich, "so selbstisch geboren, dass wir unmoeglich fuer ein
Wesen ausser uns Sorge tragen koennen? Bin ich mit dem Knaben nicht
eben auf dem Wege, auf dem ich mit Mignon war? Ich zog das liebe Kind
an, seine Gegenwart ergoetzte mich, und dabei hab ich es aufs
grausamste vernachlaessigt. Was tat ich zu seiner Bildung, nach der
es so sehr strebte? Nichts! Ich ueberliess es sich selbst und allen
Zufaelligkeiten, denen es in einer ungebildeten Gesellschaft nur
ausgesetzt sein konnte; und dann fuer diesen Knaben, der dir so
merkwuerdig war, ehe er dir so wert sein konnte, hat dich denn dein
Herz geheissen, auch nur jemals das geringste fuer ihn zu tun? Es ist
nicht mehr Zeit, dass du deine eigenen Jahre und die Jahre anderer
vergeudest; nimm dich zusammen, und denke, was du fuer dich und die
guten Geschoepfe zu tun hast, welche Natur und Neigung so fest an dich
knuepfte."

Eigentlich war dieses Selbstgespraech nur eine Einleitung, sich zu
bekennen, dass er schon gedacht, gesorgt, gesucht und gewaehlt hatte;
er konnte nicht laenger zoegern, sich es selbst zu gestehen. Nach oft
vergebens wiederholtem Schmerz ueber den Verlust Marianens fuehlte er
nur zu deutlich, dass er eine Mutter fuer den Knaben suchen muesse und
dass er sie nicht sichrer als in Theresen finden werde. Er kannte
dieses vortreffliche Frauenzimmer ganz. Eine solche Gattin und
Gehuelfin schien die einzige zu sein, der man sich und die Seinen
anvertrauen koennte. Ihre edle Neigung zu Lothario machte ihm keine
Bedenklichkeit. Sie waren durch ein sonderbares Schicksal auf ewig
getrennt, Therese hielt sich fuer frei und hatte von einer Heirat zwar
mit Gleichgueltigkeit, doch als von einer Sache gesprochen, die sich
von selbst versteht.

Nachdem er lange mit sich zu Rate gegangen war, nahm er sich vor, ihr
von sich zu sagen, soviel er nur wusste. Sie sollte ihn kennenlernen,
wie er sie kannte, und er fing nun an, seine eigene Geschichte
durchzudenken; sie schien ihm an Begebenheiten so leer und im ganzen
jedes Bekenntnis so wenig zu seinem Vorteil, dass er mehr als einmal
von dem Vorsatz abzustehn im Begriff war. Endlich entschloss er sich,
die Rolle seiner Lehrjahre aus dem Turme von Jarno zu verlangen;
dieser sagte: "Es ist eben zur rechten Zeit", und Wilhelm erhielt sie.

Es ist eine schauderhafte Empfindung, wenn ein edler Mensch mit
Bewusstsein auf dem Punkte steht, wo er ueber sich selbst aufgeklaert
werden soll. Alle uebergaenge sind Krisen, und ist eine Krise nicht
Krankheit? Wie ungern tritt man nach einer Krankheit vor den Spiegel!
Die Besserung fuehlt man, und man sieht nur die Wirkung des
vergangenen uebels. Wilhelm war indessen vorbereitet genug, die
Umstaende hatten schon lebhaft zu ihm gesprochen, seine Freunde hatten
ihn eben nicht geschont, und wenn er gleich das Pergament mit einiger
Hast aufrollte, so ward er doch immer ruhiger, je weiter er las. Er
fand die umstaendliche Geschichte seines Lebens in grossen, scharfen
Zuegen geschildert; weder einzelne Begebenheiten noch beschraenkte
Empfindungen verwirrten seinen Blick, allgemeine liebevolle
Betrachtungen gaben ihm Fingerzeige, ohne ihn zu beschaemen, und er
sah zum erstenmal sein Bild ausser sich, zwar nicht wie im Spiegel ein
zweites Selbst, sondern wie im Portraet ein anderes Selbst: man
bekennt sich zwar nicht zu allen Zuegen, aber man freut sich, dass ein
denkender Geist uns so hat fassen, ein grosses Talent uns so hat
darstellen wollen, dass ein Bild von dem, was wir waren, noch besteht
und dass es laenger als wir selbst dauern kann.

Wilhelm beschaeftigte sich nunmehr, indem alle Umstaende durch dies
Manuskript in sein Gedaechtnis zurueckkamen, die Geschichte seines
Lebens fuer Theresen aufzusetzen, und er schaemte sich fast, dass er
gegen ihre grossen Tugenden nichts aufzustellen hatte, was eine
zweckmaessige Taetigkeit beweisen konnte. So umstaendlich er in dem
Aufsatze war, so kurz fasste er sich in dem Briefe, den er an sie
schrieb; er bat sie um ihre Freundschaft, um ihre Liebe, wenn's
moeglich waere; er bot ihr seine Hand an und bat sie um baldige
Entscheidung.

Nach einigem innerlichen Streit, ob er diese wichtige Sache noch erst
mit seinen Freunden, mit Jarno und dem Abbe, beraten solle, entschied
er sich zu schweigen. Er war zu fest entschlossen, die Sache war fuer
ihn zu wichtig, als dass er sie noch haette dem Urteil des
vernuenftigsten und besten Mannes unterwerfen moegen; ja sogar
brauchte er die Vorsicht, seinen Brief auf der naechsten Post selbst
zu bestellen. Vielleicht hatte ihm der Gedanke, dass er in so vielen
Umstaenden seines Lebens, in denen er frei und im verborgenen zu
handeln glaubte, beobachtet, ja sogar geleitet worden war, wie ihm aus
der geschriebenen Rolle nicht undeutlich erschien, eine Art von
unangenehmer Empfindung gegeben, und nun wollte er wenigstens zu
Theresens Herzen rein vom Herzen reden und ihrer Entschliessung und
Entscheidung sein Schicksal schuldig sein, und so machte er sich kein
Gewissen, seine Waechter und Aufseher in diesem wichtigen Punkte
wenigstens zu umgehen.




VIII. Buch, 2. Kapitel--1




Zweites Kapitel

Kaum war der Brief abgesendet, als Lothario zurueckkam. Jedermann
freuete sich, die vorbereiteten wichtigen Geschaefte abgeschlossen und
bald geendigt zu sehen, und Wilhelm erwartete mit Verlangen, wie so
viele Faeden teils neu geknuepft, teils aufgeloest und nun sein eignes
Verhaeltnis auf die Zukunft bestimmt werden sollte. Lothario
begruesste sie alle aufs beste; er war voellig wiederhergestellt und
heiter, er hatte das Ansehen eines Mannes, der weiss, was er tun soll,
und dem in allem, was er tun will, nichts im Wege steht.

Wilhelm konnte ihm seinen herzlichen Gruss nicht zurueckgeben. "Dies
ist", musste er zu sich selbst sagen, "der Freund, der Geliebte, der
Braeutigam Theresens, an dessen Statt du dich einzudraengen denkst.
Glaubst du denn jemals einen solchen Eindruck auszuloeschen oder zu
verbannen?" Waere der Brief noch nicht fort gewesen, er haette
vielleicht nicht gewagt, ihn abzusenden. Gluecklicherweise war der
Wurf schon getan, vielleicht war Therese schon entschieden, nur die
Entfernung deckte noch eine glueckliche Vollendung mit ihrem Schleier.
Gewinn und Verlust mussten sich bald entscheiden. Er suchte sich
durch alle diese Betrachtungen zu beruhigen, und doch waren die
Bewegungen seines Herzens beinahe fieberhaft. Nur wenig
Aufmerksamkeit konnte er auf das wichtige Geschaeft wenden, woran
gewissermassen das Schicksal seines ganzen Vermoegens hing. Ach! wie
unbedeutend erscheint dem Menschen in leidenschaftlichen Augenblicken
alles, was ihn umgibt, alles, was ihm angehoert!

Zu seinem Gluecke behandelte Lothario die Sache gross, und Werner mit
Leichtigkeit. Dieser hatte bei seiner heftigen Begierde zum Erwerb
eine lebhafte Freude ueber den schoenen Besitz, der ihm oder vielmehr
seinem Freunde werden sollte. Lothario von seiner Seite schien ganz
andere Betrachtungen zu machen. "Ich kann mich nicht sowohl ueber
einen Besitz freuen", sagte er, "als ueber die Rechtmaessigkeit
desselben."

"Nun, beim Himmel!" rief Werner, "wird denn dieser unser Besitz nicht
rechtmaessig genug?"

"Nicht ganz!" versetzte Lothario.

"Geben wir denn nicht unser bares Geld dafuer?"

"Recht gut!" sagte Lothario, "auch werden Sie dasjenige, was ich zu
erinnern habe, vielleicht fuer einen leeren Skrupel halten. Mir kommt
kein Besitz ganz rechtmaessig, ganz rein vor, als der dem Staate
seinen schuldigen Teil abtraegt."

"Wie?" sagte Werner, "so wollten Sie also lieber, dass unsere frei
gekauften Gueter steuerbar waeren?"

"Ja", versetzte Lothario, "bis auf einen gewissen Grad: denn durch
diese Gleichheit mit allen uebrigen Besitzungen entsteht ganz allein
die Sicherheit des Besitzes. Was hat der Bauer in den neuern Zeiten,
wo so viele Begriffe schwankend werden, fuer einen Hauptanlass, den
Besitz des Edelmanns fuer weniger gegruendet anzusehen als den
seinigen? Nur den, dass jener nicht belastet ist und auf ihn lastet."

"Wie wird es aber mit den Zinsen unseres Kapitals aussehen?" versetzte
Werner.

"Um nichts schlimmer!" sagte Lothario, "wenn uns der Staat gegen eine
billige, regelmaessige Abgabe das Lehns-Hokuspokus erlassen und uns
mit unsern Guetern nach Belieben zu schalten erlauben wollte, dass wir
sie nicht in so grossen Massen zusammenhalten muessten, dass wir sie
unter unsere Kinder gleicher verteilen koennten, um alle in eine
lebhafte, freie Taetigkeit zu versetzen, statt ihnen nur die
beschraenkten und beschraenkenden Vorrechte zu hinterlassen, welche zu
geniessen wir immer die Geister unserer Vorfahren hervorrufen muessen.
Wieviel gluecklicher waeren Maenner und Frauen, wenn sie mit freien
Augen umhergehen und bald ein wuerdiges Maedchen, bald einen
trefflichen Juengling ohne andere Ruecksichten durch ihre Wahl erheben
koennten. Der Staat wuerde mehr, vielleicht bessere Buerger haben und
nicht so oft um Koepfe und Haende verlegen sein."

"Ich kann Sie versichern", sagte Werner, "dass ich in meinem Leben nie
an den Staat gedacht habe; meine Abgaben, Zoelle und Geleite habe ich
nur so bezahlt, weil es einmal hergebracht ist."

"Nun", sagte Lothario, "ich hoffe Sie noch zum guten Patrioten zu
machen: denn wie der nur ein guter Vater ist, der bei Tische erst
seinen Kindern vorlegt, so ist der nur ein guter Buerger, der vor
allen andern Ausgaben das, was er dem Staate zu entrichten hat,
zuruecklegt."

Durch solche allgemeine Betrachtungen wurden ihre besondern Geschaefte
nicht aufgehalten, vielmehr beschleunigt. Als sie ziemlich damit
zustande waren, sagte Lothario zu Wilhelmen: "Ich muss Sie nun an
einen Ort schicken, wo Sie noetiger sind als hier: meine Schwester
laesst Sie ersuchen, so bald als moeglich zu ihr zu kommen; die arme
Mignon scheint sich zu verzehren, und man glaubt, Ihre Gegenwart
koennte vielleicht noch dem uebel Einhalt tun. Meine Schwester
schickte mir dieses Billett noch nach, woraus Sie sehen koennen,
wieviel ihr daran gelegen ist." Lothario ueberreichte ihm ein
Blaettchen. Wilhelm, der schon in der groessten Verlegenheit
zugehoert hatte, erkannte sogleich an diesen fluechtigen
Bleistiftzuegen die Hand der Graefin und wusste nicht, was er
antworten sollte.

"Nehmen Sie Felix mit", sagte Lothario, "damit die Kinder sich
untereinander aufheitern. Sie muessten morgen frueh beizeiten weg;
der Wagen meiner Schwester, in welchem meine Leute hergefahren sind,
ist noch hier, ich gebe Ihnen Pferde bis auf halben Weg, dann nehmen
Sie Post. Leben Sie recht wohl und richten viele Gruesse von mir aus.
Sagen Sie dabei meiner Schwester, ich werde sie bald wiedersehen, und
sie soll sich ueberhaupt auf einige Gaeste vorbereiten. Der Freund
unseres Grossoheims, der Marchese Cipriani, ist auf dem Wege,
hierherzukommen; er hoffte, den alten Mann noch am Leben anzutreffen,
und sie wollten sich zusammen an der Erinnerung frueherer
Verhaeltnisse ergoetzen und sich ihrer gemeinsamen Kunstliebhaberei
erfreuen. Der Marchese war viel juenger als mein Oheim und verdankte
ihm den besten Teil seiner Bildung; wir muessen alles aufbieten, um
einigermassen die Luecke auszufuellen, die er finden wird, und das
wird am besten durch eine groessere Gesellschaft geschehen."

Lothario ging darauf mit dem Abbe in sein Zimmer, Jarno war vorher
weggeritten; Wilhelm eilte auf seine Stube; er hatte niemand, dem er
sich vertrauen, niemand, durch den er einen Schritt, vor dem er sich
so sehr fuerchtete, haette abwenden koennen. Der kleine Diener kam
und ersuchte ihn einzupacken, weil sie noch diese Nacht aufbinden
wollten, um mit Anbruch des Tages wegzufahren. Wilhelm wusste nicht,
was er tun sollte; endlich rief er aus: "Du willst nur machen, dass du
aus diesem Hause kommst; unterweges ueberlegst du, was zu tun ist, und
bleibst allenfalls auf der Haelfte des Weges liegen, schickst einen
Boten zurueck, schreibst, was du dir nicht zu sagen getraust, und dann
mag werden, was will." Ungeachtet dieses Entschlusses brachte er eine
schlaflose Nacht zu; nur ein Blick auf den so schoen ruhenden Felix
gab ihm einige Erquickung. "Oh!" rief er aus, "wer weiss, was noch
fuer Pruefungen auf mich warten, wer weiss, wie sehr mich begangene
Fehler noch quaelen, wie oft mir gute und vernuenftige Plane fuer die
Zukunft misslingen sollen; aber diesen Schatz, den ich einmal besitze,
erhalte mir, du erbittliches oder unerbittliches Schicksal! Waere es
moeglich, dass dieser beste Teil von mir selbst vor mir zerstoert,
dass dieses Herz von meinem Herzen gerissen werden koennte, so lebe
wohl, Verstand und Vernunft, lebe wohl, jede Sorgfalt und Vorsicht,
verschwinde, du Trieb zur Erhaltung! Alles, was uns vom Tiere
unterscheidet, verliere sich! Und wenn es nicht erlaubt ist, seine
traurigen Tage freiwillig zu endigen, so hebe ein fruehzeitiger
Wahnsinn das Bewusstsein auf, ehe der Tod, der es auf immer zerstoert,
die lange Nacht herbeifuehrt!"

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