Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 1
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Wilhelm Meisters Wanderjahre--Buch 1
oder die Entsagenden
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Die Flucht nach AEgypten
Im Schatten eines maechtigen Felsen sass Wilhelm an grauser,
bedeutender Stelle, wo sich der steile Gebirgsweg um eine Ecke herum
schnell nach der Tiefe wendete. Die Sonne stand noch hoch und
erleuchtete die Gipfel der Fichten in den Felsengruenden zu seinen
Fuessen. Er bemerkte eben etwas in seine Schreibtafel, als Felix, der
umhergeklettert war, mit einem Stein in der Hand zu ihm kam. "Wie
nennt man diesen Stein, Vater?" sagte der Knabe.
"Ich weiss nicht", versetzte Wilhelm.
"Ist das wohl Gold, was darin so glaenzt?" sagte jener.
"Es ist keins!" versetzte dieser, "und ich erinnere mich, dass es die
Leute Katzengold nennen."
"Katzengold!" sagte der Knabe laechelnd, "und warum?"
"Wahrscheinlich weil es falsch ist und man die Katzen auch fuer
falsch haelt."
"Das will ich mir merken", sagte der Sohn und steckte den Stein in
die lederne Reisetasche, brachte jedoch sogleich etwas anderes hervor
und fragte: "Was ist das?" --"Eine Frucht", versetzte der Vater, "und
nach den Schuppen zu urteilen, sollte sie mit den Tannenzapfen
verwandt sein."--"Das sieht nicht aus wie ein Zapfen, es ist ja rund.
"--"Wir wollen den Jaeger fragen; die kennen den ganzen Wald und alle
Fruechte, wissen zu saeen, zu pflanzen und zu warten, dann lassen sie
die Staemme wachsen und gross werden, wie sie koennen."--"Die Jaeger
wissen alles; gestern zeigte mir der Bote, wie ein Hirsch ueber den Weg
gegangen sei, er rief mich zurueck und liess mich die Faehrte bemerken,
wie er es nannte; ich war darueber weggesprungen, nun aber sah ich
deutlich ein paar Klauen eingedrueckt; es mag ein grosser Hirsch
gewesen sein."--"Ich hoerte wohl, wie du den Boten ausfragtest."--"Der
wusste viel und ist doch kein Jaeger. Ich aber will ein Jaeger werden.
Es ist gar zu schoen, den ganzen Tag im Walde zu sein und die Voegel zu
hoeren, zu wissen, wie sie heissen, wo ihre Nester sind, wie man die
Eier aushebt oder die Jungen, wie man sie fuettert und wenn man die
Alten faengt: das ist gar zu lustig."
Kaum war dieses gesprochen, so zeigte sich den schroffen Weg herab
eine sonderbare Erscheinung. Zwei Knaben, schoen wie der Tag, in
farbigen Jaeckchen, die man eher fuer aufgebundene Hemdchen gehalten
haette, sprangen einer nach dem andern herunter, und Wilhelm fand
Gelegenheit, sie naeher zu betrachten, als sie vor ihm stutzten und
einen Augenblick stillhielten. Um des aeltesten Haupt bewegten sich
reiche blonde Locken, auf welche man zuerst blicken musste, wenn man
ihn sah, und dann zogen seine klarblauen Augen den Blick an sich, der
sich mit Gefallen ueber seine schoene Gestalt verlor. Der zweite, mehr
einen Freund als einen Bruder vorstellend, war mit braunen und
schlichten Haaren geziert, die ihm ueber die Schultern herabhingen und
wovon der Widerschein sich in seinen Augen zu spiegeln schien.
Wilhelm hatte nicht Zeit, diese beiden sonderbaren und in der
Wildnis ganz unerwarteten Wesen naeher zu betrachten, indem er eine
maennliche Stimme vernahm, welche um die Felsecke herum ernst, aber
freundlich herabrief. "Warum steht ihr stille? versperrt uns den Weg
nicht!"
Wilhelm sah aufwaerts, und hatten ihn die Kinder in Verwunderung
gesetzt, so erfuellte ihn das, was ihm jetzt zu Augen kam, mit
Erstaunen. Ein derber, tuechtiger, nicht allzu grosser junger Mann,
leicht geschuerzt, von brauner Haut und schwarzen Haaren, trat kraeftig
und sorgfaeltig den Felsweg herab, indem er hinter sich einen Esel
fuehrte, der erst sein wohlgenaehrtes und wohlgeputztes Haupt zeigte,
dann aber die schoene Last, die er trug, sehen liess. Ein sanftes,
liebenswuerdiges Weib sass auf einem grossen, wohlbeschlagenen Sattel;
in einem blauen Mantel, der sie umgab, hielt sie ein Wochenkind, das
sie an ihre Brust drueckte und mit unbeschreiblicher Lieblichkeit
betrachtete. Dem Fuehrer ging's wie den Kindern: er stutzte einen
Augenblick, als er Wilhelmen erblickte. Das Tier verzoegerte seinen
Schritt, aber der Abstieg war zu jaeh, die Vorueberziehenden konnten
nicht anhalten, und Wilhelm sah sie mit Verwunderung hinter der
vorstehenden Felswand verschwinden.
Nichts war natuerlicher, als dass ihn dieses seltsame Gesicht aus
seinen Betrachtungen riss. Neugierig stand er auf und blickte von
seiner Stelle nach der Tiefe hin, ob er sie nicht irgend wieder
hervorkommen saehe. Und eben war er im Begriff, hinabzusteigen und
diese sonderbaren Wandrer zu begruessen, als Felix heraufkam und sagte:
"Vater, darf ich nicht mit diesen Kindern in ihr Haus? Sie wollen
mich mitnehmen. Du sollst auch mitgehen, hat der Mann zu mir gesagt.
Komm! dort unten halten sie."
"Ich will mit ihnen reden", versetzte Wilhelm.
Er fand sich auf einer Stelle, wo der Weg weniger abhaengig war, und
verschlang mit den Augen die wunderlichen Bilder, die seine
Aufmerksamkeit so sehr an sich gezogen hatten. Erst jetzt war es ihm
moeglich, noch einen und den andern besondern Umstand zu bemerken. Der
junge, ruestige Mann hatte wirklich eine Polieraxt auf der Schulter
und ein langes, schwankes eisernes Winkelmass. Die Kinder trugen
grosse Schilfbueschel, als wenn es Palmen waeren; und wenn sie von
dieser Seite den Engeln glichen, so schleppten sie auch wieder kleine
Koerbchen mit Esswaren und glichen dadurch den taeglichen Boten, wie sie
ueber das Gebirg hin und her zu gehen pflegen. Auch hatte die Mutter,
als er sie naeher betrachtete, unter dem blauen Mantel ein roetliches,
zart gefaerbtes Unterkleid, so dass unser Freund die Flucht nach
AEgypten, die er so oft gemalt gesehen, mit Verwunderung hier vor
seinen Augen wirklich finden musste.
Man begruesste sich, und indem Wilhelm vor Erstaunen und
Aufmerksamkeit nicht zu Wort kommen konnte, sagte der junge Mann:
"Unsere Kinder haben in diesem Augenblicke schon Freundschaft gemacht.
Wollt Ihr mit uns, um zu sehen, ob auch zwischen den Erwachsenen ein
gutes Verhaeltnis entstehen koenne?"
Wilhelm bedachte sich ein wenig und versetzte dann: "Der Anblick
eures kleinen Familienzuges erregt Vertrauen und Neigung und, dass
ich's nur gleich gestehe, ebensowohl Neugierde und ein lebhaftes
Verlangen, euch naeher kennen zu lernen. Denn im ersten Augenblicke
moechte man bei sich die Frage aufwerfen, ob ihr wirkliche Wanderer
oder ob ihr nur Geister seid, die sich ein Vergnuegen daraus machen,
dieses unwirtbare Gebirg durch angenehme Erscheinungen zu beleben."
"So kommt mit in unsere Wohnung", sagte jener. "Kommt mit!" riefen
die Kinder, indem sie den Felix schon mit sich fortzogen. "Kommt mit!"
sagte die Frau, indem sie ihre liebenswuerdige Freundlichkeit von
dem Saeugling ab auf den Fremdling wendete.
Ohne sich zu bedenken, sagte Wilhelm: "Es tut mir leid, dass ich euch
nicht sogleich folgen kann. Wenigstens diese Nacht noch muss ich oben
auf dem Grenzhause zubringen. Mein Mantelsack, meine Papiere, alles
liegt noch oben, ungepackt und unbesorgt. Damit ich aber Wunsch und
Willen beweise, eurer freundlichen Einladung genugzutun, so gebe ich
euch meinen Felix zum Pfande mit. Morgen bin ich bei euch. Wie weit
ist's hin?"
"Vor Sonnenuntergang erreichen wir noch unsere Wohnung", sagte der
Zimmermann, "und von dem Grenzhause habt Ihr nur noch anderthalb
Stunden. Euer Knabe vermehrt unsern Haushalt fuer diese Nacht; morgen
erwarten wir Euch."
Der Mann und das Tier setzten sich in Bewegung. Wilhelm sah seinen
Felix mit Behagen in so guter Gesellschaft, er konnte ihn mit den
lieben Engelein vergleichen, gegen die er kraeftig abstach. Fuer seine
Jahre war er nicht gross, aber staemmig, von breiter Brust und
kraeftigen Schultern; in seiner Natur war ein eigenes Gemisch von
Herrschen und Dienen; er hatte schon einen Palmzweig und ein Koerbchen
ergriffen, womit er beides auszusprechen schien. Schon drohte der Zug
abermals um eine Felswand zu verschwinden, als sich Wilhelm
zusammennahm und nachrief: "Wie soll ich euch aber erfragen?"
"Fragt nur nach Sankt Joseph!" erscholl es aus der Tiefe, und die
ganze Erscheinung war hinter den blauen Schattenwaenden verschwunden.
Ein frommer, mehrstimmiger Gesang toente verhallend aus der Ferne, und
Wilhelm glaubte die Stimme seines Felix zu unterscheiden.
Er stieg aufwaerts und verspaetete sich dadurch den Sonnenuntergang.
Das himmlische Gestirn, das er mehr denn einmal verloren hatte,
erleuchtete ihn wieder, als er hoeher trat, und noch war es Tag, als
er an seiner Herberge anlangte. Nochmals erfreute er sich der grossen
Gebirgsansicht und zog sich sodann auf sein Zimmer zurueck, wo er
sogleich die Feder ergriff und einen Teil der Nacht mit Schreiben
zubrachte.
Wilhelm an Natalien
Nun ist endlich die Hoehe erreicht, die Hoehe des Gebirgs, das eine
maechtigere Trennung zwischen uns setzen wird als der ganze Landraum
bisher. Fuer mein Gefuehl ist man noch immer in der Naehe seiner Lieben,
solange die Stroeme von uns zu ihnen laufen. Heute kann ich mir noch
einbilden, der Zweig, den ich in den Waldbach werfe, koennte fueglich zu
ihr hinabschwimmen, koennte in wenigen Tagen vor ihrem Garten landen;
und so sendet unser Geist seine Bilder, das Herz seine Gefuehle
bequemer abwaerts. Aber drueben, fuerchte ich, stellt sich eine
Scheidewand der Einbildungskraft und der Empfindung entgegen. Doch
ist das vielleicht nur eine voreilige Besorglichkeit: denn es wird
wohl auch drueben nicht anders sein als hier. Was koennte mich von dir
scheiden! von dir, der ich auf ewig geeignet bin, wenngleich ein
wundersames Geschick mich von dir trennt und mir den Himmel, dem ich
so nahe stand, unerwartet zuschliesst. Ich hatte Zeit, mich zu fassen,
und doch haette keine Zeit hingereicht, mir diese Fassung zu geben,
haette ich sie nicht aus deinem Munde gewonnen, von deinen Lippen in
jenem entscheidenden Moment. Wie haette ich mich losreissen koennen,
wenn der dauerhafte Faden nicht gesponnen waere, der uns fuer die Zeit
und fuer die Ewigkeit verbinden soll. Doch ich darf ja von allem dem
nicht reden. Deine zarten Gebote will ich nicht uebertreten; auf
diesem Gipfel sei es das letztemal, dass ich das Wort Trennung vor dir
ausspreche. Mein Leben soll eine Wanderschaft werden. Sonderbare
Pflichten des Wanderers habe ich auszuueben und ganz eigene Pruefungen
zu bestehen. Wie laechle ich manchmal, wenn ich die Bedingungen
durchlese, die mir der Verein, die ich mir selbst vorschrieb! Manches
wird gehalten, manches uebertreten; aber selbst bei der uebertretung
dient mir dies Blatt, dieses Zeugnis von meiner letzten Beichte,
meiner letzten Absolution statt eines gebietenden Gewissens, und ich
lenke wieder ein. Ich huete mich, und meine Fehler stuerzen sich nicht
mehr wie Gebirgswasser einer ueber den andern.
Doch will ich dir gern gestehen, dass ich oft diejenigen Lehrer und
Menschenfuehrer bewundere, die ihren Schuelern nur aeussere, mechanische
Pflichten auflegen. Sie machen sich's und der Welt leicht. Denn
gerade diesen Teil meiner Verbindlichkeiten, der mir erst der
beschwerlichste, der wunderlichste schien, diesen beobachte ich am
bequemsten, am liebsten.
Nicht ueber drei Tage soll ich unter einem Dache bleiben. Keine
Herberge soll ich verlassen, ohne dass ich mich wenigstens eine Meile
von ihr entferne. Diese Gebote sind wahrhaft geeignet, meine Jahre
zu Wanderjahren zu machen und zu verhindern, dass auch nicht die
geringste Versuchung des Ansiedelns bei mir sich finde. Dieser
Bedingung habe ich mich bisher genau unterworfen, ja mich der
gegebenen Erlaubnis nicht einmal bedient. Hier ist eigentlich das
erstemal, dass ich stillhalte, das erstemal, dass ich die dritte Nacht
in demselben Bette schlafe. Von hier sende ich dir manches bisher
Vernommene, Beobachtete, Gesparte, und dann geht es morgen frueh auf
der andern Seite hinab, fuererst zu einer wunderbaren Familie, zu einer
heiligen Familie moechte ich wohl sagen, von der du in meinem
Tagebuche mehr finden wirst. Jetzt lebe wohl und lege dieses Blatt
mit dem Gefuehl aus der Hand, dass es nur eins zu sagen habe, nur eines
sagen und immer wiederholen moechte, aber es nicht sagen, nicht
wiederholen will, bis ich das Glueck habe, wieder zu deinen Fuessen zu
liegen und auf deinen Haenden mich ueber alle das Entbehren auszuweinen.
Morgens.
Es ist eingepackt. Der Bote schnuert den Mantelsack auf das Reff.
Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, die Nebel dampfen aus allen
Gruenden; aber der obere Himmel ist heiter. Wir steigen in die
duestere Tiefe hinab, die sich auch bald ueber unserm Haupte erhellen
wird. Lass mich mein letztes Ach zu dir hinuebersenden! Lass meinen
letzten Blick zu dir sich noch mit einer unwillkuerlichen Traene fuellen!
Ich bin entschieden und entschlossen. Du sollst keine Klagen mehr
von mir hoeren; du sollst nur hoeren, was dem Wanderer begegnet. Und
doch kreuzen sich, indem ich schliessen will, nochmals tausend
Gedanken, Wuensche, Hoffnungen und Vorsaetze. Gluecklicherweise treibt
man mich hinweg. Der Bote ruft, und der Wirt raeumt schon wieder auf
in meiner Gegenwart, eben als wenn ich hinweg waere, wie gefuehllose,
unvorsichtige Erben vor dem Abscheidenden die Anstalten, sich in
Besitz zu setzen, nicht verbergen.
Zweites Kapitel
Sankt Joseph der Zweite
Schon hatte der Wanderer, seinem Boten auf dem Fusse folgend, steile
Felsen hinter und ueber sich gelassen, schon durchstrichen sie ein
sanfteres Mittelgebirg und eilten durch manchen wohlbestandnen Wald,
durch manchen freundlichen Wiesengrund immer vorwaerts, bis sie sich
endlich an einem Abhange befanden und in ein sorgfaeltig bebautes, von
Huegeln rings umschlossenes Tal hinabschauten. Ein grosses, halb in
Truemmern liegendes, halb wohlerhaltenes Klostergebaeude zog sogleich
die Aufmerksamkeit an sich. "Dies ist Sankt Joseph", sagte der Bote;
"jammerschade fuer die schoene Kirche! Seht nur, wie ihre Saeulen und
Pfeiler durch Gebuesch und Baeume noch so wohlerhalten durchsehen, ob
sie gleich schon viele hundert Jahre im Schutt liegt."
"Die Klostergebaeude hingegen", versetzte Wilhelm, "sehe ich, sind
noch wohl erhalten."--"Ja", sagte der andere, "es wohnt ein Schaffner
daselbst, der die Wirtschaft besorgt, die Zinsen und Zehnten einnimmt,
welche man weit und breit hierher zu zahlen hat."
Unter diesen Worten waren sie durch das offene Tor in den geraeumigen
Hof gelangt, der, von ernsthaften, wohlerhaltenen Gebaeuden umgeben,
sich als Aufenthalt einer ruhigen Sammlung ankuendigte. Seinen Felix
mit den Engeln von gestern sah er sogleich beschaeftigt um einen
Tragkorb, den eine ruestige Frau vor sich gestellt hatte; sie waren im
Begriff, Kirschen zu handeln; eigentlich aber feilschte Felix, der
immer etwas Geld bei sich fuehrte. Nun machte er sogleich als Gast
den Wirt, spendete reichliche Fruechte an seine Gespielen, selbst dem
Vater war die Erquickung angenehm, mitten in diesen unfruchtbaren
Mooswaeldern, wo die farbigen, glaenzenden Fruechte noch einmal so schoen
erschienen. Sie trage solche weit herauf aus einem grossen Garten,
bemerkte die Verkaeuferin, um den Preis annehmlich zu machen, der den
Kaeufern etwas zu hoch geschienen hatte. Der Vater werde bald
zurueckkommen, sagten die Kinder, er solle nur einstweilen in den Saal
gehen und dort ausruhen.
Wie verwundert war jedoch Wilhelm, als die Kinder ihn zu dem Raume
fuehrten, den sie den Saal nannten. Gleich aus dem Hofe ging es zu
einer grossen Tuer hinein, und unser Wanderer fand sich in einer sehr
reinlichen, wohlerhaltenen Kapelle, die aber, wie er wohl sah, zum
haeuslichen Gebrauch des taeglichen Lebens eingerichtet war. An der
einen Seite stand ein Tisch, ein Sessel, mehrere Stuehle und Baenke, an
der andern Seite ein wohlgeschnitztes Geruest mit bunter Toepferware,
Kruegen und Glaesern. Es fehlte nicht an einigen Truhen und Kisten und,
so ordentlich alles war, doch nicht an dem Einladenden des haeuslichen,
taeglichen Lebens. Das Licht fiel von hohen Fenstern an der Seite
herein. Was aber die Aufmerksamkeit des Wanderers am meisten erregte,
waren farbige, auf die Wand gemalte Bilder, die unter den Fenstern
in ziemlicher Hoehe, wie Teppiche, um drei Teile der Kapelle
herumreichten und bis auf ein Getaefel herabgingen, das die uebrige
Wand bis zur Erde bedeckte. Die Gemaelde stellten die Geschichte des
heiligen Joseph vor. Hier sah man ihn mit einer Zimmerarbeit
beschaeftigt; hier begegnete er Marien, und eine Lilie sprosste zwischen
beiden aus dem Boden, indem einige Engel sie lauschend umschwebten.
Hier wird er getraut; es folgt der englische Gruss. Hier sitzt er
missmutig zwischen angefangener Arbeit, laesst die Axt ruhen und sinnt
darauf, seine Gattin zu verlassen. Zunaechst erscheint ihm aber der
Engel im Traum, und seine Lage aendert sich. Mit Andacht betrachtet er
das neugeborene Kind im Stalle zu Bethlehem und betet es an. Bald
darauf folgt ein wundersam schoenes Bild. Man sieht mancherlei Holz
gezimmert; eben soll es zusammengesetzt werden, und zufaelligerweise
bilden ein paar Stuecke ein Kreuz. Das Kind ist auf dem Kreuze
eingeschlafen, die Mutter sitzt daneben und betrachtet es mit inniger
Liebe, und der Pflegevater haelt mit der Arbeit inne, um den Schlaf
nicht zu stoeren. Gleich darauf folgt die Flucht nach AEgypten. Sie
erregte bei dem beschauenden Wanderer ein Laecheln, indem er die
Wiederholung des gestrigen lebendigen Bildes hier an der Wand sah.
Nicht lange war er seinen Betrachtungen ueberlassen, so trat der Wirt
herein, den er sogleich als den Fuehrer der heiligen Karawane
wiedererkannte. Sie begruessten sich aufs herzlichste, mancherlei
Gespraeche folgten; doch Wilhelms Aufmerksamkeit blieb auf die Gemaelde
gerichtet. Der Wirt merkte das Interesse seines Gastes und fing
laechelnd an: "Gewiss, Ihr bewundert die uebereinstimmung dieses
Gebaeudes mit seinen Bewohnern, die Ihr gestern kennenlerntet. Sie
ist aber vielleicht noch sonderbarer, als man vermuten sollte: das
Gebaeude hat eigentlich die Bewohner gemacht. Denn wenn das Leblose
lebendig ist, so kann es auch wohl Lebendiges hervorbringen."
"O ja!" versetzte Wilhelm. "Es sollte mich wundern, wenn der Geist,
der vor Jahrhunderten in dieser Bergoede so gewaltig wirkte und einen
so maechtigen Koerper von Gebaeuden, Besitzungen und Rechten an sich zog
und dafuer mannigfaltige Bildung in der Gegend verbreitete, es sollte
mich wundern, wenn er nicht auch aus diesen Truemmern noch seine
Lebenskraft auf ein lebendiges Wesen ausuebte. Lasst uns jedoch nicht
im Allgemeinen verharren, macht mich mit Eurer Geschichte bekannt,
damit ich erfahre, wie es moeglich war, dass ohne Spielerei und
Anmassung die Vergangenheit sich wieder in Euch darstellt und das, was
vorueberging, abermals herantritt."
Eben als Wilhelm belehrende Antwort von den Lippen seines Wirtes
erwartete, rief eine freundliche Stimme im Hofe den Namen Joseph.
Der Wirt hoerte darauf und ging nach der Tuer.
"Also heisst er auch Joseph!" sagte Wilhelm zu sich selbst. "Das ist
doch sonderbar genug und doch eben nicht so sonderbar, als dass er
seinen Heiligen im Leben darstellt." Er blickte zu gleicher Zeit
nach der Tuere und sah die Mutter Gottes von gestern mit dem Manne
sprechen. Sie trennten sich endlich: die Frau ging nach der
gegenueberstehenden Wohnung. "Marie!" rief er ihr nach, "nur noch ein
Wort!"--"Also heisst sie auch Marie!" dachte Wilhelm; "es fehlt nicht
viel, so fuehle ich mich achtzehnhundert Jahre zurueckversetzt." Er
dachte sich das ernsthaft eingeschlossene Tal, in dem er sich befand,
die Truemmer und die Stille, und eine wundersam altertuemliche Stimmung
ueberfiel ihn. Es war Zeit, dass der Wirt und die Kinder hereintraten.
Die letzteren forderten Wilhelm zu einem Spaziergange auf, indes der
Wirt noch einigen Geschaeften vorstehen wollte. Nun ging es durch die
Ruinen des saeulenreichen Kirchengebaeudes, dessen hohe Giebel und
Waende sich in Wind und Wetter zu befestigen schienen, indessen sich
starke Baeume von alters her auf den breiten Mauerruecken eingewurzelt
hatten und in Gesellschaft von mancherlei Gras, Blumen und Moos kuehn
in der Luft haengende Gaerten vorstellten. Sanfte Wiesenpfade fuehrten
einen lebhaften Bach hinan, und von einiger Hoehe konnte der Wanderer
nun das Gebaeude nebst seiner Lage mit so mehr Interesse ueberschauen,
als ihm dessen Bewohner immer merkwuerdiger geworden und durch die
Harmonie mit ihrer Umgebung seine lebhafte Neugier erregt hatten.
Man kehrte zurueck und fand in dem frommen Saal einen Tisch gedeckt.
Obenan stand ein Lehnsessel, in den sich die Hausfrau niederliess.
Neben sich hatte sie einen hohen Korb stehen, in welchem das kleine
Kind lag; den Vater sodann zur linken Hand und Wilhelm zur rechten.
Die drei Kinder besetzten den untern Raum des Tisches. Eine alte Magd
brachte ein wohlzubereitetes Essen. Speise--und Trinkgeschirr
deuteten gleichfalls auf vergangene Zeit. Die Kinder gaben Anlass zur
Unterhaltung, indessen Wilhelm die Gestalt und das Betragen seiner
heiligen Wirtin nicht genugsam beobachten konnte.
Nach Tische zerstreute sich die Gesellschaft; der Wirt fuehrte seinen
Gast an eine schattige Stelle der Ruine, wo man von einem erhoehten
Platze die angenehme Aussicht das Tal hinab vollkommen vor sich hatte
und die Berghoehen des untern Landes mit ihren fruchtbaren Abhaengen
und waldigen Ruecken hintereinander hinausgeschoben sah. "Es ist
billig", sagte der Wirt, "dass ich Ihre Neugierde befriedige, um so
mehr, als ich an Ihnen fuehle, dass Sie imstande sind, auch das
Wunderliche ernsthaft zu nehmen, wenn es auf einem ernsten Grunde
beruht. Diese geistliche Anstalt, von der Sie noch die Reste sehen,
war der heiligen Familie gewidmet und vor alters als Wallfahrt wegen
mancher Wunder beruehmt. Die Kirche war der Mutter und dem Sohne
geweiht. Sie ist schon seit mehreren Jahrhunderten zerstoert. Die
Kapelle, dem heiligen Pflegevater gewidmet, hat sich erhalten, so auch
der brauchbare Teil der Klostergebaeude. Die Einkuenfte bezieht schon
seit geraumen Jahren ein weltlicher Fuerst, der seinen Schaffner hier
oben haelt, und der bin ich, Sohn des vorigen Schaffners, der
gleichfalls seinem Vater in dieser Stelle nachfolgte.
Der heilige Joseph, obgleich jede kirchliche Verehrung hier oben
lange aufgehoert hatte, war gegen unsere Familie so wohltaetig gewesen,
dass man sich nicht verwundern darf, wenn man sich besonders gut gegen
ihn gesinnt fuehlte; und daher kam es, dass man mich in der Taufe
Joseph nannte und dadurch gewissermassen meine Lebensweise bestimmte.
Ich wuchs heran, und wenn ich mich zu meinem Vater gesellte, indem er
die Einnahmen besorgte, so schloss ich mich ebenso gern, ja noch
lieber an meine Mutter an, welche nach Vermoegen gern ausspendete und
durch ihren guten Willen und durch ihre Wohltaten im ganzen Gebirge
bekannt und geliebt war. Sie schickte mich bald da-, bald dorthin,
bald zu bringen, bald zu bestellen, bald zu besorgen, und ich fand
mich sehr leicht in diese Art von frommem Gewerbe.
ueberhaupt hat das Gebirgsleben etwas Menschlicheres als das Leben
auf dem flachen Lande. Die Bewohner sind einander naeher und, wenn
man will, auch ferner; die Beduerfnisse geringer, aber dringender.
Der Mensch ist mehr auf sich gestellt, seinen Haenden, seinen Fuessen
muss er vertrauen lernen. Der Arbeiter, der Bote, der Lasttraeger, alle
vereinigen sich in einer Person; auch steht jeder dem andern naeher,
begegnet ihm oefter und lebt mit ihm in einem gemeinsamen Treiben.
Da ich noch jung war und meine Schultern nicht viel zu schleppen
vermochten, fiel ich darauf, einen kleinen Esel mit Koerben zu
versehen und vor mir her die steilen Fusspfade hinauf und hinab zu
treiben. Der Esel ist im Gebirg kein so veraechtlich Tier als im
flachen Lande, wo der Knecht, der mit Pferden pfluegt, sich fuer besser
haelt als den andern, der den Acker mit Ochsen umreisst. Und ich ging
um so mehr ohne Bedenken hinter meinem Tiere her, als ich in der
Kapelle frueh bemerkt hatte, dass es zur Ehre gelangt war, Gott und
seine Mutter zu tragen. Doch war diese Kapelle damals nicht in dem
Zustande, in welchem sie sich gegenwaertig befindet. Sie ward als ein
Schuppen, ja fast wie ein Stall behandelt. Brennholz, Stangen,
Geraetschaften, Tonnen und Leitern, und was man nur wollte, war
uebereinander geschoben. Gluecklicherweise, dass die Gemaelde so hoch
stehen und die Taefelung etwas aushaelt. Aber schon als Kind erfreute
ich mich besonders, ueber alles das Gehoelz hin und her zu klettern und
die Bilder zu betrachten, die mir niemand recht auslegen konnte.
Genug, ich wusste, dass der Heilige, dessen Leben oben gezeichnet war,
mein Pate sei, und ich erfreute mich an ihm, als ob er mein Onkel
gewesen waere. Ich wuchs heran, und weil es eine besondere Bedingung
war, dass der, welcher an das eintraegliche Schaffneramt Anspruch
machen wollte, ein Handwerk ausueben musste, so sollte ich, dem Willen
meiner Eltern gemaess, welche wuenschten, dass kuenftig diese gute Pfruende
auf mich erben moechte, ein Handwerk lernen, und zwar ein solches, das
zugleich hier oben in der Wirtschaft nuetzlich waere.
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