Briefe aus der Schweiz
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Johann Wolfgang von Goethe >> Briefe aus der Schweiz
Nein, es bleibt der allerheiligsten Kirche allein, die Schrift
auszulegen und die Regel zu bestimmen, wornach wir unsere
Seelenfuehrung einzurichten haben. Und wer ist diese Kirche? Es ist
nicht etwa ein oder das andere Oberhaupt, ein oder das andere Glied
derselben, nein! Es sind die heiligsten, gelehrtesten, erfahrensten
Maenner aller Zeiten, die sich zusammen vereiniget haben, nach und nach,
unter dem Beistand des heil. Geistes, dieses uebereinstimmende grosse
und allgemeine Gebaeude aufzufuehren; die auf den grossen Versammlungen
ihre Gedanken einander mitgetheilet, sich wechselseitig erbaut, die
Irrthuemer verbannt und eine Sicherheit, eine Gewissheit unserer
allerheiligsten Religion gegeben, deren sich keine andre ruehmen kann;
ihr einen Grund gegraben und eine Brustwehr aufgefuehret, die die Hoelle
selbst nicht ueberwaeltigen kann. Eben so ist es auch mit dem Texte der
heil. Schrift. Wir haben die Vulgata, wir haben eine approbirte
UEbersetzung der Vulgata, und zu jedem Spruche eine Auslegung, welche
von der Kirche gebilliget ist. Daher kommt die UEbereinstimmung, die
einen jeden erstaunen muss. Ob Sie mich hier reden hoeren an diesem
entfernten Winkel der Welt, oder in der groessten Hauptstadt in einem
entferntesten Lande, den ungeschicktesten oder den faehigsten; alle
werden Eine Sprache fuehren, ein katholischer Christ wird immer
dasselbige hoeren, ueberall auf dieselbige Weise unterrichtet und
erbauet werden: und das ist's was die Gewissheit unsers Glaubens macht,
was uns die suesse Zufriedenheit und Versicherung gibt, in der wir einer
mit dem andern fest verbunden leben, und in der Gewissheit, uns
gluecklicher wieder zu finden, von einander scheiden koennen. Er hatte
diese Rede, wie im Discurs, eins auf das andre, folgen lassen, mehr in
dem innern behaglichen Gefuehl, dass er sich uns von einer
vortheilhaften Seite zeige, als mit dem Ton einer bigotten
Belehrungssucht. Er wechselte theils mit den Haenden dabei ab, schob
sie einmal in die Kuttenaermel zusammen, liess sie ueber dem Bauch ruhen,
bald holte er mit gutem Anstand seine Dose aus der Kapuze und warf sie
nach dem Gebrauch wieder hinein. Wir hoerten ihm aufmerksam zu, und er
schien mit unserer Art, seine richte.
Den 13. Nov., oben auf dem Gipfel
des Gotthards bei den Kapuzinern.
Morgens um Zehn.
Endlich sind wir auf dem Gipfel unserer Reise gluecklich angelangt!
Hier, ist's beschlossen, wollen wir stille stehen und uns wieder nach
dem Vaterlande zuwenden.
Ich komme mir sehr wunderbar hier oben vor; wo ich mich vor vier
Jahren mit ganz andern Sorgen, Gesinnungen, Planen und Hoffnungen, in
einer andern Jahrszeit, einige Tage aufhielt, und mein kuenftiges
Schicksal unvorahnend durch ein ich weiss nicht was bewegt Italien den
Ruecken zukehrte und meiner jetzigen Bestimmung unwissend entgegen ging.
Ich erkannte das Haus nicht wieder. Vor einiger Zeit ist es durch
eine Schneelauwine stark beschaedigt worden; die Patres haben diese
Gelegenheit ergriffen, und eine Beisteuer im Lande eingesammelt, um
ihre Wohnung zu erweitern und bequemer zu machen. Beide Patres, die
hier oben wohnen, sind nicht zu Hause, doch, wie ich hoere, noch eben
dieselben die ich vor vier Jahren antraf. Pater Seraphim, der schon
dreizehn Jahre auf diesem Posten aushaelt, ist gegenwaertig in Mailand,
den andern erwarten sie noch heute von Airolo herauf. In dieser
reinen Luft ist eine ganz grimmige Kaelte. Sobald wir gegessen haben,
will ich weiter fortfahren, denn vor die Thuere, merk' ich schon,
werden wir nicht viel kommen. Nach Tische.
Es wird immer kaelter, man mag gar nicht von dem Ofen weg. Ja es ist
die groesste Lust sich oben drauf zu setzen, welches in diesen Gegenden,
wo die OEfen von steinernen Platten zusammen gesetzt sind, gar wohl
angeht. Zuvoerderst also wollen wir an den Abschied von Realp und
unsern Weg hieher. Noch gestern Abend, ehe wir zu Bette gingen,
fuehrte uns der Pater in sein Schlafzimmer, wo alles auf einen sehr
kleinen Platz zusammen gestellt war. Sein Bett, das aus einem
Strohsack und einer wollenen Decke bestund, schien uns, die wir uns an
ein gleiches Lager gewoehnt, nichts Verdienstliches zu haben. Er
Zufriedenheit, seinen Buecherschrank und andere Dinge. Wir lobten ihm
alles und schieden sehr zufrieden von einander, um zu Bette zu gehen.
Bei der Einrichtung des Zimmers hatte man, um zwei Betten an Eine Wand
anzubringen, beide kleiner als gehoerig gemacht. Diese
Unbequemlichkeit hielt mich vom Schlaf ab, bis ich mir durch
zusammengestellte Stuehle zu helfen suchte. Erst heute frueh bei hellem
Tage erwachten wir wieder und gingen hinunter, da wir denn durchaus
vergnuegte und freundliche Gesichter antrafen. Unsere Fuehrer, im
Begriff den lieblichen gestrigen Weg wieder zurueck zu machen, schienen
es als Epoche anzusehn und als Geschichte, mit der sie sich in der
Folge gegen andere Fremde was zu Gute thun koennten; und da sie gut
bezahlt wurden, schien bei ihnen der Begriff von Abenteuer vollkommen
zu werden. Wir nahmen noch ein starkes Fruehstueck zu uns und schieden.
Unser Weg ging nunmehr durch's Ursner Thal, das merkwuerdig ist, weil
es in so grosser Hoehe schoene Matten und Viehzucht hat. Es werden hier
Kaese gemacht, denen ich einen besondern Vorzug gebe. Hier wachsen
keine Baeume; Buesche von Saalweiden fassen den Bach ein, und an den
Gebirgen flechten sich kleine Straeucher durch einander. Mir ist's
unter allen Gegenden, die ich kenne, die liebste und interessanteste;
es sei nun dass alte Erinnerungen sie werth machen, oder dass mir das
Gefuehl von so viel zusammengeketteten Wundern der Natur ein heimliches
und unnennbares Vergnuegen erregt. Ich setze zum voraus, die ganze
Gegend, durch die ich Sie fuehre, ist mit Schnee bedeckt, Fels und
Matte und Weg sind alle ueberein verschneit. Der Himmel war ganz klar
ohne irgend eine Wolke, das Blau viel tiefer als man es in dem platten
Lande gewohnt ist, die Ruecken der Berge, die sich weiss davon
abschnitten, theils hell im Sonnenlicht, theils blaulich im Schatten.
In anderthalb Stunden waren wir in Hospital; ein OErtchen das noch im
Ursner Thal am Weg auf den Gotthard liegt. Hier betrat ich zum
erstenmal wieder die Bahn meiner vorigen Reise. Wir kehrten ein,
bestellten uns auf Morgen ein Mittagessen und stiegen den Berg hinauf.
Ein grosser Zug von Mauleseln machte mit seinen Glocken die ganze
Gegend lebendig. Es ist ein Ton, der alle Berg-Erinnerungen rege
macht. Der groesste Theil war schon vor uns aufgestiegen, und hatte den
glatten Weg mit den scharfen Eisen schon ziemlich aufgehauen. Wir
fanden auch einige Wegeknechte, die bestellt sind, das Glatteis mit
Erde zu ueberfahren, um den Weg practicabel zu erhalten. Der Wunsch,
den ich in vorigen Zeiten gethan hatte, diese Gegend einmal im Schnee
zu sehen, ist mir nun auch gewaehrt. Der Weg geht an der, ueber Felsen
sich immer hinabstuerzenden, Reuss hinauf, und die Wasserfaelle bilden
hier die schoensten Formen. Wir verweilten lange bei der Schoenheit des
einen, der ueber schwarze Felsen in ziemlicher Breite herunterkam.
Hier und da hatten sich, in den Ritzen und auf den Flaechen, Eismassen
angesetzt, und das Wasser schien ueber schwarz und weiss gesprengten
Marmor herzulaufen. Das Eis blinkte wie Krystall-Adern und Strahlen
in der Sonne, und das Wasser lief rein und frisch dazwischen hinunter.
Auf den Gebirgen ist keine beschwerlichere Reisegesellschaft als
Maulthiere. Sie halten einen ungleichen Schritt, indem sie, durch
einen sonderbaren Instinct, unten an einem steilen Orte erst stehen
bleiben, dann denselben schnell hinauf schreiten und oben wieder
ausruhen. Sie halten auch auf geraden Flaechen, die hier und da
vorkommen, manchmal inne, bis sie durch den Treiber, oder durch die
nachfolgenden Thiere vom Platze bewegt werden. Und so, indem man
einen gleichen Schritt haelt, draengt man sich an ihnen auf dem schmalen
Wege vorbei, und gewinnt ueber solche ganze Reihen den Vortheil. Steht
man still, um etwas zu betrachten, so kommen sie einem wieder zuvor,
und man ist von dem betaeubenden Laut ihrer Klingeln und von ihrer
breit wir endlich auf dem Gipfel des Berges an, den Sie sich wie einen
kahlen Scheitel, mit einer Krone umgeben, denken muessen. Man ist hier
auf einer Flaeche, ringsum wieder von Gipfeln umgeben, und die Aussicht
wird in der Naehe und Ferne von kahlen und auch meistens mit Schnee
bedeckten Rippen und Klippen eingeschraenkt. Man kann sich kaum
erwaermen, besonders da sie nur mit Reissig heizen koennen, und auch
dieses sparen muessen, weil sie es fast drei Stunden herauf zu
schleppen haben, und oberwaerts, wie gesagt, fast gar kein Holz waechs't.
Der Pater ist von Airolo herauf gekommen, so erfroren, dass er bei
seiner Ankunft kein Wort hervorbringen konnte. Ob sie gleich hier
oben sich bequemer als die uebrigen vom Orden tragen duerfen, so ist es
doch immer ein Anzug, der fuer dieses Klima nicht gemacht ist. Er war
von Airolo herauf den sehr glatten Weg gegen den Wind gestiegen; der
Bart war ihm eingefroren, und es waehrte eine ganze Weile, bis er sich
besinnen konnte. Wir unterhielten uns von der Beschwerlichkeit dieses
Aufenthalts; er erzaehlte, wie es ihnen das Jahr ueber zu gehen pflege,
ihre Bemuehungen und haeuslichen Umstaende. Er sprach nichts als
Italiaenisch, und wir fanden hier Gelegenheit von den UEbungen, die wir
uns das Fruehjahr in dieser Sprache gegeben, Gebrauch zu machen. Gegen
Abend traten wir einen Augenblick vor die Hausthuere heraus, um uns vom
Pater denjenigen Gipfel zeigen zu lassen, den man fuer den hoechsten des
Gotthards haelt; wir konnten aber kaum einige Minuten dauern, so
durchdringend und angreifend kalt ist es. Wir bleiben also wohl fuer
diessmal in dem Hause eingeschlossen, bis wir morgen fortgehen, und
haben Zeit genug das Merkwuerdige dieser Gegend in Gedanken zu
durchreisen.
Aus einer kleinen geographischen Beschreibung werden Sie sehen, wie
merkwuerdig der Punct ist, auf dem wir uns jetzt befinden. Der
Gotthard ist zwar nicht das hoechste Gebirg der Schweiz, und in Savoyen
uebertrifft ihn der Montblanc an Hoehe um sehr vieles; doch behauptet er
den Rang eines koeniglichen Gebirges ueber alle andere, weil die groessten
Gebirgsketten bei ihm zusammen laufen und sich an ihn lehnen. Ja,
wenn ich mich nicht irre, so hat mir Herr Wyttenbach zu Bern, der von
dem hoechsten Gipfel die Spitzen der uebrigen Gebirge gesehen, erzaehlt,
dass sich diese alle gleichsam gegen ihn zu neigen schienen. Die
Gebirge von Schweiz und Unterwalden, gekettet an die von Uri, steigen
von Mitternacht, von Morgen die Gebirge des Graubuendter Landes, von
Mittag die der italiaenischen Vogteien herauf, und von Abend draengt
sich durch die Furka das doppelte Gebirg, welches Wallis einschliesst,
an ihn heran. Nicht weit vom Hause hier sind zwei kleine Seen, davon
der eine den Tessin durch Schluchten und Thaeler nach Italien, der
andere gleicherweise die Reuss nach dem Vier-Waldstaedtersee ausgiesst.
Nicht fern von hier entspringt der Rhein und laeuft gegen Morgen, und
wenn man alsdann die Rhone dazu nimmt, die an einem Fuss der Furka
entspringt, und nach Abend durch das Wallis laeuft; so befindet man
sich hier auf einem Kreuzpuncte, von dem aus Gebirge und Fluesse in
alle vier Himmels-Gegenden auslaufen.