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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Die Leiden des jungen Werther Buch 1

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Die Leiden des jungen Werther Buch 1

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Ich will nun suchen, auch sie ehstens zu sehn, oder vielmehr, wenn
ich's recht bedenke, ich will's vermeiden. Es ist besser, ich sehe
sie durch die Augen ihres Liebhabers; vielleicht erscheint sie mir vor
meinen eigenen Augen nicht so, wie sie jetzt vor mir steht, und warum
soll ich mir das schoene Bild verderben?


Am 16. Junius

Warum ich dir nicht schreibe?--Fragst du das und bist doch auch der
Gelehrten einer. Du solltest raten, dass ich mich wohl befinde, und
zwar--kurz und gut, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz
naeher angeht. Ich habe--ich weiss nicht.

Dir in der Ordnung zu erzaehlen, wie's zugegangen ist, dass ich eins der
liebenswuerdigsten Geschoepfe habe kennen lernen, wird schwer halten.
Ich bin vergnuegt und gluecklich, und also kein guter Historienschreiber.


Einen Engel!--pfui! Das sagt jeder von der Seinigen, nicht wahr? Und
doch bin ich nicht imstande, dir zu sagen, wie sie vollkommen ist,
warum sie vollkommen ist; genug, sie hat allen meinen Sinn
gefangengenommen.

So viel Einfalt bei so viel Verstand, so viel Guete bei so viel
Festigkeit, und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben und der
Taetigkeit.--Das ist alles garstiges Gewaesch, was ich da von ihr sage,
leidige Abstraktionen, die nicht einen Zug ihres Selbst ausdruecken.
Ein andermal--nein, nicht ein andermal, jetzt gleich will ich dir's
erzaehlen. Tu' ich 's jetzt nicht, so geschaeh' es niemals. Denn,
unter uns, seit ich angefangen habe zu schreiben, war ich schon
dreimal im Begriffe, die Feder niederzulegen, mein Pferd satteln zu
lassen und hinauszureiten. Und doch schwur ich mir heute frueh, nicht
hinauszureiten, und gehe doch alle Augenblick' ans Fenster, zu sehen,
wie hoch die Sonne noch steht.--Ich hab's nicht ueberwinden koennen,
ich musste zu ihr hinaus. Da bin ich wieder, Wilhelm, will mein
Butterbrot zu Nacht essen und dir schreiben. Welch eine Wonne das fuer
meine Seele ist, sie in dem Kreise der lieben, muntern Kinder, ihrer
acht Geschwister, zu sehen!--Wenn ich so fortfahre, wirst du am Ende
so klug sein wie am Anfange. Hoere denn, ich will mich zwingen, ins
Detail zu gehen.

Ich schrieb dir neulich, wie ich den Amtmann S. habe kennen lernen,
und wie er mich gebeten habe, ihn bald in seiner Einsiedelei oder
vielmehr seinem kleinen Koenigreiche zu besuchen. Ich vernachlaessigte
das, und waere vielleicht nie hingekommen, haette mir der Zufall nicht
den Schatz entdeckt, der in der stillen Gegend verborgen liegt.

Unsere jungen Leute hatten einen Ball auf dem Lande angestellt, zu dem
ich mich denn auch willig finden liess. Ich bot einem hiesigen guten,
schoenen, uebrigens unbedeutenden Maedchen die Hand, und es wurde
ausgemacht, dass ich eine Kutsche nehmen, mit meiner Taenzerin und ihrer
Base nach dem Orte der Lustbarkeit hinausfahren und auf dem Wege
Charlotten S. mitnehmen sollte.--"Sie werden ein schoenes Frauenzimmer
kennenlernen", sagte meine Gesellschafterin, da wir durch den weiten,
ausgehauenen Wald nach dem Jagdhause fuhren.--"Nehmen Sie sich in
acht", versetzte die Base, "dass Sie sich nicht verlieben!"--"Wieso?"
sagte ich.--"Sie ist schon vergeben,"antwortete jene,"an einen sehr
braven Mann, der weggereist ist, seine Sachen in Ordnung zu bringen,
weil sein Vater gestorben ist, und sich um eine ansehnliche Versorgung
zu bewerben".--Die Nachricht war mir ziemlich gleichgueltig.

Die Sonne war noch eine Viertelstunde vom Gebirge, als wir vor dem
Hoftore anfuhren. Es war sehr schwuel, und die Frauenzimmer aeusserten
ihre Besorgnis wegen eines Gewitters, das sich in weissgrauen,
dumpfichten Woelkchen rings am Horizonte zusammenzuziehen schien. Ich
taeuschte ihre Furcht mit anmasslicher Wetterkunde, ob mir gleich selbst
zu ahnen anfing, unsere Lustbarkeit werde einen Stoss leiden.

Ich war ausgestiegen, und eine Magd, die ans Tor kam, bat uns, einen
Augenblick zu verziehen, Mamsell Lottchen wuerde gleich kommen. Ich
ging durch den Hof nach dem wohlgebauten Hause, und da ich die
vorliegenden Treppen hinaufgestiegen war und in die Tuer trat, fiel mir
das reizendste Schauspiel in die Augen, das ich je gesehen habe. in
dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von eilf zu zwei Jahren um ein
Maedchen von schoener Gestalt, mittlerer Groesse, die ein simples weisses
Kleid, mit blassroten Schleifen an Arm und Brust, anhatte. Sie hielt
ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem sein
Stueck nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab's jedem mit
solcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekuenstelt sein "danke!",
indem es mit den kleinen Haendchen lange in die Hoehe gereicht hatte,
ehe es noch abgeschnitten war, und nun mit seinem Abendbrote vergnuegt
entweder wegsprang, oder nach seinem stillern Charakter gelassen
davonging nach dem Hoftore zu, um die Fremden und die Kutsche zu sehen,
darin ihre Lotte wegfahren sollte.--"Ich bitte um Vergebung", sagte
sie, "dass ich Sie hereinbemuehe und die Frauenzimmer warten lasse.
UEber dem Anziehen und allerlei Bestellungen fuers Haus in meiner
Abwesenheit habe ich vergessen, meinen Kindern ihr Vesperbrot zu geben,
und sie wollen von niemanden Brot geschnitten haben als von mir".

Ich machte ihr ein unbedeutendes Kompliment, meine ganze Seele ruhte
auf der Gestalt, dem Tone, dem Betragen, und ich hatte eben Zeit, mich
von der UEberraschung zu erholen, als sie in die Stube lief, ihre
Handschuhe und den Faecher zu holen. Die Kleinen sahen mich in einiger
Entfernung so von der Seite an, und ich ging auf das juengste los, das
ein Kind von der gluecklichsten Gesichtsbildung war. Es zog sich
zurueck, als eben Lotte zur Tuere herauskam und sagte:"Louis, gib dem
Herrn Vetter eine Hand".--das tat der Knabe sehr freimuetig, und ich
konnte mich nicht enthalten, ihn, ungeachtet seines kleinen
Rotznaeschens, herzlich zu kuessen.

"Vetter?"sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte," glauben Sie, dass
ich des Gluecks wert sei, mit Ihnen verwandt zu sein?"--"O", sagte sie
mit einem leichtfertigen Laecheln, "unsere Vetterschaft ist sehr
weitlaeufig, und es waere mir leid, wenn Sie der schlimmste drunter sein
sollten".--Im Gehen gab sie Sophien, der aeltesten Schwester nach ihr,
einem Maedchen von ungefaehr eilf Jahren, den Auftrag, wohl auf die
Kinder acht zu haben und den Papa zu gruessen, wenn er vom Spazierritte
nach Hause kaeme. Den Kleinen sagte sie, sie sollten ihrer Schwester
Sophie folgen, als wenn sie's selber waere, das denn auch einige
ausdruecklich versprachen. Eine kleine, naseweise Blondine aber, von
ungefaehr sechs Jahren, sagte: "du bist's doch nicht, Lottchen, wir
haben dich doch lieber".--die zwei aeltesten Knaben waren hinten auf
die Kutsche geklettert, und auf mein Vorbitten erlaubte sie ihnen, bis
vor den Wald mitzufahren, wenn sie verspraechen, sich nicht zu necken
und sich recht festzuhalten.

Wir hatten uns kaum zurecht gesetzt, die Frauenzimmer sich bewillkommt,
wechselsweise ueber den Anzug, vorzueglich ueber die Huete ihre
Anmerkungen gemacht und die Gesellschaft, die man erwartete, gehoerig
durchgezogen, als Lotte den Kutscher halten und ihre Brueder
herabsteigen liess, die noch einmal ihre Hand zu kuessen begehrten, das
denn der aelteste mit aller Zaertlichkeit, die dem Alter von fuenfzehn
Jahren eigen sein kann, der andere mit viel Heftigkeit und Leichtsinn
tat. Sie liess die Kleinen noch einmal gruessen, und wir fuhren weiter.

Die Base fragte, ob sie mit dem Buche fertig waere, das sie ihr neulich
geschickt haette.--"nein", sagte Lotte,"es gefaellt mir nicht, Sie
koennen's wiederhaben. Das vorige war auch nicht besser".--Ich
erstaunte, als ich fragte, was es fuer Buecher waeren, und sie mir
antwortete:--ich fand so viel Charakter in allem, was sie sagte, ich
sah mit jedem Wort neue Reize, neue Strahlen des Geistes aus ihren
Gesichtszuegen hervorbrechen, die sich nach und nach vergnuegt zu
entfalten schienen, weil sie an mir fuehlte, dass ich sie verstand.

"Wie ich juenger war", sagte sie, "liebte ich nichts so sehr als Romane.
Weiss Gott, wie wohl mir's war, wenn ich mich Sonntags in so ein
Eckchen setzen und mit ganzem Herzen an dem Glueck und Unstern einer
Miss Jonny teilnehmen konnte. Ich leugne auch nicht, dass die Art noch
einige Reize fuer mich hat. Doch da ich so selten an ein Buch komme,
so muss es auch recht nach meinem Geschmack sein. Und der Autor ist
mir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem es zugeht
wie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant und
herzlich wird als mein eigen haeuslich Leben, das freilich kein
Paradies, aber doch im ganzen eine Quelle umsaeglicher Glueckseligkeit
ist".

Ich bemuehte mich, meine Bewegungen ueber diese Worte zu verbergen. Das
ging freilich nicht weit: denn da ich sie mit solcher Wahrheit im
Vorbeigehen vom Landpriester von Wakefield, vom--reden hoerte, kam ich
ganz ausser mich, sagte ihr alles, was ich musste, und bemerkte erst
nach einiger Zeit, da Lotte das Gespraech an die anderen wendete, dass
diese die Zeit ueber mit offenen Augen, als saessen sie nicht da,
dagesessen hatten. Die Base sah mich mehr als einmal mit einem
spoettischen Naeschen an, daran mir aber nichts gelegen war.

Das Gespraech fiel aufs Vergnuegen am Tanze.--"wenn diese Leidenschaft
ein Fehler ist,"sagte Lotte, "so gestehe ich Ihnen gern, ich weiss mir
nichts uebers Tanzen. Und wenn ich was im Kopfe habe und mir auf
meinem verstimmten Klavier einen Contretanz vortrommle, so ist alles
wieder gut".

Wie ich mich unter dem Gespaeche in den schwarzen Augen weidete--wie
die lebendigen Lippen und die frischen, muntern Wangen meine ganze
Seele anzogen--wie ich, in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganz
versunken, oft gar die Worte nicht hoerte, mit denen sie sich
ausdrueckte--davon hast du eine Vorstellung, weil du mich kennst. Kurz,
ich stieg aus dem Wagen wie ein Traeumender, als wir vor dem Lusthause
stille hielten, und war so in Traeumen rings in der daemmernden Welt
verloren, dass ich auf die Musik kaum achtete, die uns von dem
erleuchteten Saal herunter entgegenschallte.

Die zwei Herren Audran und ein gewisser N. N.--wer behaelt alle die
Namen--, die der Base und Lottens Taenzer waren, empfingen uns am
Schlage, bemaechtigten sich ihrer Frauenzimmer, und ich fuehrte das
meinige hinauf.

Wir schlangen uns in Menuetts um einander herum; ich forderte ein
Frauenzimmer nach dem andern auf, und just die unleidlichsten konnten
nicht dazu kommen, einem die Hand zu reichen und ein Ende zu machen.
Lotte und ihr Taenzer fingen einen Englischen an, und wie wohl mir's
war, als sie auch in der Reihe die Figur mit uns anfing, magst du
fuehlen. Tanzen muss man sie sehen! Siehst du, sie ist so mit ganzem
Herzen und mit ganzer Seele dabei, ihr ganzer Koerper eine Harmonie, so
sorglos, so unbefangen, als wenn das eigentlich alles waere, als wenn
sie sonst nichts daechte, nichts empfaende; und in dem Augenblicke gewiss
schwindet alles andere vor ihr.

Ich bat sie um den zweiten Contretanz; sie sagte mit den dritten zu,
und mit der liebenswuerdigsten Freimuetigkeit von der Welt versicherte
sie mir, dass sie herzlich gern deutsch tanze.--"Es ist hier so Mode,
"fuhr sie fort,"dass jedes Paar, das zusammen gehoert, beim Deutschen
zusammenbleibt, und mein Chapeau walzt schlecht und dankt mir's, wenn
ich ihm die Arbeit erlasse. Ihr Frauenzimmer kann's auch nicht und
mag nicht, und ich habe im Englischen gesehen, dass Sie gut walzen;
wenn Sie nun mein sein wollen fuers Deutsche, so gehen Sie und bitten
sich's von meinem Herrn aus, und ich will zu Ihrer Dame gehen".--ich
gab ihr die Hand darauf, und wir machten aus, dass ihr Taenzer
inzwischen meine Taenzerin unterhalten sollte.

Nun ging's an, und wir ergetzten uns eine Weile an manigfaltigen
Schlingungen der Arme. Mit welchem Reize, mit welcher Fluechtigkeit
bewegte sie sich! Und da wir nun gar ans Walzen kamen und wie die
Sphaeren um einander herumrollten, ging's freilich anfangs, weil's die
wenigsten koennen, ein bisschen bunt durcheinander. Wir waren klug und
liessen sie austoben, und als die Ungeschicktesten den Plan geraeumt
hatten, fielen wir ein und hielten mit noch einem Paare, mit Audran
und seiner Taenzerin, wacker aus. Nie ist mir's so leicht vom Flecke
gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswuerdigste Geschoepf in
den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, dass alles
rings umher verging, und--Wilhelm, um ehrlich zu sein, tat ich aber
doch den Schwur, dass ein Maedchen, das ich liebte, auf das ich
Ansprueche haette, mir nie mit einem andern walzen sollte als mit mir,
und wenn ich drueber zugrunde gehen muesste. Du verstehst mich!

Wir machten einige Touren gehend im Saale, um zu verschnaufen. Dann
setzte sie sich, und die Orangen, die ich beiseite gebracht hatte, die
nun die einzigen noch uebrigen waren, taten vortreffliche Wirkung, nur
dass mir mit jedem Schnittchen, das sie einer unbescheidenen Nachbarin
ehrenhalben zuteilte, ein Stich durchs Herz ging.

Beim dritten englischen Tanz waren wir das zweite Paar. Wie wir die
Reihe durchtanzten und ich, weiss Gott mit wieviel Wonne, an ihrem Arm
und Auge hing, das voll vom wahrsten Ausdruck des offensten, reinsten
Vergnuegens war, kommen wir an eine Frau, die mit wegen ihrer
liebenswuerdigen Miene auf einem nicht mehr ganz jungen Gesichte
merkwuerdig gewesen war. Sie sieht Lotten laechelnd an, hebt einen
drohenden Finger auf und nennt den Namen Albert zweimal im
Vorbeifliegen mit viel Bedeutung.

"wer ist Albert?" sagte ich zu Lotten, "wenn's nicht Vermessenheit
ist zu fragen".--Sie war im Begriff zu antworten, als wir uns scheiden
mussten, um die grosse Achte zu machen, und mich duenkte einiges
Nachdenken auf ihrer Stirn zu sehen, als wir so vor einander
vorbeikreuzten.--"Was soll ich's Ihnen leugnen," sagte sie, indem sie
mir die Hand zur Promenade bot. "Albert ist ein braver Mensch, dem
ich so gut als verlobt bin".--nun war mir das nichts Neues (denn die
Maedchen hatten mir's auf dem Wege gesagt) und war mir doch so ganz neu,
weil ich es noch nicht im Verhaeltnis auf sie, die mir in so wenig
Augenblicken so wert geworden war, gedacht hatte. Genug, ich
verwirrte mich, vergass mich und kam zwischen das unrechte Paar hinein,
dass alles drunter und drueber ging und Lottens ganze Gegenwart und
Zerren und Ziehen noetig war, um es schnell wieder in Ordnung zu
bringen.

Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die Blitze, die wir schon lange
am Horizonte leuchten gesehn und die ich immer fuer Wetterkuehlen
ausgegeben hatte, viel staerker zu werden anfingen und der Donner die
Musik ueberstimmte. Drei Frauenzimmer liefen aus der Reihe, denen ihre
Herren folgten; die Unordnung wurde allgemein, und die Musik hoerte auf.
Es ist natuerlich, wenn uns ein Unglueck oder etwas Schreckliches im
Vergnuegen ueberrascht, dass es staerkere Eindruecke auf uns macht als
sonst, teils wegen des Gegensatzes, der sich so lebhaft empfinden laesst,
teils und noch mehr, weil unsere Sinne einmal der Fuehlbarkeit
geoeffnet sind und also desto schneller einen Eindruck annehmen.
Diesen Ursachen muss ich die wunderbaren Grimassen zuschreiben, in die
ich mehrere Frauenzimmer ausbrechen sah. Die kluegste setzte sich in
eine Ecke, mit dem Ruecken gegen vor ihr nieder und verbarg den Kopf in
der ersten Schoss. Eine dritte schob sich zwischen beide hinein und
umfasste ihre Schwesterchen mit tausend Traenen. Einige wollten nach
Hause; andere, die noch weniger wussten, was sie taten, hatten nicht so
viel Besinnungskraft, den Keckheiten unserer jungen Schlucker zu
steuern, die sehr beschaeftigt zu sein schienen, alle die aengstlichen
Gebete, die dem Himmel bestimmt waren, von den Lippen der schoenen
Bedraengten wegzufangen. Einige unserer Herren hatten sich
hinabbegeben, um ein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen; und die uebrige
Gesellschaft schlug es nicht aus, als die Wirtin auf den klugen
Einfall kam, uns ein Zimmer anzuweisen, das Laeden und Vorhaenge haette.
Kaum waren wir da angelangt, als Lotte beschaeftigt war, einen Kreis
von Stuehlen zu stellen und, als sich die Gesellschaft auf ihre Bitte
gesetzt hatte, den Vortrag zu einem Spiele zu tun.

Ich sah manchen, der in Hoffnung auf ein saftiges Pfand sein Maeulchen
spitzte und seine Glieder reckte.--"Wir spielen Zaehlens!"sagte sie".
Nun gebt acht! Ich geh' im Kreise herum von der Rechten zur Linken,
und so zaehlt ihr auch rings herum, jeder die Zahl, die an ihn kommt,
und das muss gehen wie ein Lauffeuer, und wer stockt oder sich irrt,
kriegt eine Ohrfeige, und so bis tausend".--nun war das lustig
anzusehen: sie ging mit ausgestrecktem Arm im Kreise herum. "Eins",
fing der erste an, der Nachbar "zwei", "drei" der folgende, und so
fort. Dann fing sie an, geschwinder zu gehen, immer geschwinder; da
versah's einer: Patsch! Eine Ohrfeige, und ueber das Gelaechter der
folgende auch: Patsch! Und immer geschwinder. Ich selbst kriegte
zwei Maulschellen und glaubte mit innigem Vergnuegen zu bemerken, dass
sie staerker seien, als sie den uebrigen zuzumessen pflegte. Ein
allgemeines Gelaechter und Geschwaerm endigte das Spiel, ehe noch das
Tausend ausgezaehlt war. Die Vertrautesten zogen einander beiseite,
das Gewitter war vorueber, und ich folgte Lotten in den Saal.
Unterwegs sagte sie:"ueber die Ohrfeigen haben sie Wetter und alles
vergessen!"--ich konnte ihr nichts antworten.--"ich war", fuhr sie
fort, "eine der Furchtsamsten, und indem ich mich herzhaft stellte, um
den andern Mut zu geben, bin ich mutig geworden".--Wir traten ans
Fenster. Es donnerte abseitwaerts, und der herrliche Regen saeuselte
auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fuelle
einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestuetzt,
ihr Blick durchdrang die Gegend; sie sah gen Himmel und auf mich, ich
sah ihr Auge traenenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte:
"Klopstock!"--Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr
in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie
in dieser Losung ueber mich ausgoss. Ich ertrug's nicht, neigte mich
auf ihre Hand und kuesste sie unter den wonnevollsten Traenen. Und sah
nach ihrem Auge wieder--Edler! Haettest du deine Vergoetterung in
diesem Blicke gesehen, und moecht' ich nun deinen so oft entweihten
Namen nie wieder nennen hoeren!


Am 19. Junius

Wo ich neulich mit meiner Erzaehlung geblieben bin, weiss ich nicht mehr;
das weiss ich, dass es zwei Uhr des Nachts war, als ich zu Bette kam,
und dass, wenn ich dir haette vorschwatzen koennen, statt zu schreiben,
ich dich vielleicht bis an den Morgen aufgehalten haette.

Was auf unserer Hereinfahrt vom Balle geschehen ist, habe ich noch
nicht erzaehlt, habe auch heute keinen Tag dazu.

Es war der herrlichste Sonnenaufgang. Der troepfelnde Wald und das
erfrischte Feld umher! Unsere Gesellschafterinnen nickten ein. Sie
fragte mich, ob ich nicht auch von der Partie sein wollte; ihretwegen
sollt' ich unbekuemmert sein.--"So lange ich diese Augen offen sehe",
sagte ich und sah sie fest an,"so lange hat's keine Gefahr".--Und wir
haben beide ausgehalten bis an ihr Tor, da ihr die Magd leise
aufmachte und auf ihr Fragen versicherte, dass Vater und Kleine wohl
seien und alle noch schliefen. Da verliess ich sie mit der Bitte, sie
selbigen Tags noch sehen zu duerfen; sie gestand mir's zu, und ich bin
gekommen--und seit der Zeit koennen Sonne, Mond und Sterne geruhig ihre
Wirtschaft treiben, ich weiss weder dass Tag noch dass Nacht ist, und die
ganze Welt verliert sich um mich her.


Am 21. Junius

Ich lebe so glueckliche Tage, wie sie Gott seinen Heiligen ausspart;
und mit mir mag werden was will, so darf ich nicht sagen, dass ich die
Freuden, die reinsten Freuden des Lebens nicht genossen habe.--du
kennst mein Wahlheim; dort bin ich voellig etabliert, von da habe ich
nur eine halbe Stunde zu Lotten, dort fuehl' ich mich selbst und alles
Glueck, das dem Menschen gegeben ist.

Haett' ich gedacht, als ich mir Wahlheim zum Zwecke meiner Spaziergaenge
waehlte, dass es so nahe am Himmel laege! Wie oft habe ich das Jagdhaus,
das nun alle meine Wuensche einschliesst, auf meinen weiten Wanderungen,
bald vom Berge, bald von der Ebne ueber den Fluss gesehn!

Lieber Wilhelm, ich habe allerlei nachgedacht, ueber die Begier im
Menschen, sich auszubreiten, neue Entdeckungen zu machen,
herumzuschweifen; und dann wieder ueber den inneren Trieb, sich der
Einschraenkung willig zu ergeben, in dem Gleise der Gewohnheit so
hinzufahren und sich weder um Rechts noch um Links zu bekuemmern.

Es ist wunderbar: wie ich hierher kam und vom Huegel in das schoene Tal
schaute, wie es mich rings umher anzog.--dort das Waeldchen!--ach
koenntest du dich in seine Schatten mischen!--dort die Spitze des
Berges!--ach koenntest du von da die weite Gegend ueberschauen!--die in
einander geketteten Huegel und vertraulichen Taeler!--o koennte ich mich
in ihnen verlieren!--ich eilte hin, und kehrte zurueck, und hatte nicht
gefunden, was ich hoffte. O es ist mit der Ferne wie mit der Zukunft!
Ein grosses daemmerndes Ganze ruht vor unserer Seele, unsere Empfindung
verschwimmt darin wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach! Unser
ganzes Wesen hinzugeben, uns mit aller Wonne eines einzigen, grossen,
herrlichen Gefuehls ausfuellen zu lassen.--und ach! Wenn wir hinzueilen,
wenn das Dort nun Hier wird, ist alles vor wie nach, und wir stehen
in unserer Armut, in unserer Eingeschraenktheit, und unsere Seele
lechzt nach entschluepftem Labsale.

So sehnt sich der unruhigste Vagabund zuletzt wieder nach seinem
Vaterlande und findet in seiner Huette, an der Brust seiner Gattin, in
dem Kreise seiner Kinder, in den Geschaeften zu ihrer Erhaltung die
Wonne, die er in der weiten Welt vergebens suchte.

Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgange hinausgehe nach meinem
Wahlheim und dort im Wirtsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pfluecke,
mich hinsetze, sie abfaedne und dazwischen in meinem Homer lese; wenn
ich in der kleinen Kueche mir einen Topf waehle, mir Butter aussteche,
Schoten ans Feuer stelle, zudecke und mich dazusetze, sie manchmal
umzuschuetteln: da fuehl' ich so lebhaft, wie die uebermuetigen Freier der
Penelope Ochsen und Schweine schlachten, zerlegen und braten. Es ist
nichts, das mich so mit einer stillen, wahren Empfindung ausfuellte als
die Zuege patriarchalischen Lebens, die ich, Gott sei Dank, ohne
Affektation in meine Lebensart verweben kann.

Wie wohl ist mir's, dass mein Herz die simple, harmlose Wonne des
Menschen fuehlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt, das
er selbst gezogen, und nun nicht den Kohl allein, sondern all die
guten Tage, den schoenen Morgen, da er ihn pflanzte, die lieblichen
Abende, da er ihn begoss, und da er an dem fortschreitenden Wachstum
seine Freude hatte, alle in einem Augenblicke wieder mitgeniesst.


Am 29. Junius

Vorgestern kam der Medikus hier aus der Stadt hinaus zum Amtmann und
fand mich auf der Erde unter Lottens Kindern, wie einige auf mir
herumkrabbelten, andere mich neckten, und wie ich sie kitzelte und ein
grosses Geschrei mit ihnen erregte. Der Doktor, der eine sehr
dogmatische Drahtpuppe ist, unterm Reden seine Manschetten in Falten
legt und einen Kraeusel ohne Ende herauszupft, fand dieses unter der
Wuerde eines gescheiten Menschen; das merkte ich an seiner Nase. Ich
liess mich aber in nichts stoeren, liess ihn sehr vernuenftige Sachen
abhandeln und baute den Kindern ihre Kartenhaeuser wieder, die sie
zerschlagen hatten. Auch ging er darauf in der Stadt herum und
beklagte, des Amtmanns Kinder waeren so schon ungezogen genug, der
Werther verderbe sie nun voellig.

Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am naechsten auf der
Erde. Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller
Tugenden, aller Kraefte sehe, die sie einmal so noetig brauchen werden;
wenn ich in dem Eigensinne kuenftige Standhaftigkeit und Festigkeit des
Charakters, in dem Mutwillen guten Humor und Leichtigkeit, ueber die
Gefahren der Welt hinzuschluepfen, erblicke, alles so unverdorben, so
ganz!--immer, immer wiederhole ich dann die goldenen Worte des Lehrers
der Menschen:"wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen!" und nun,
mein Bester, sie, die unseresgleichen sind, die wir als unsere Muster
ansehen sollten, behandeln wir als Untertanen. Sie sollen keinen
Willen haben!--haben wir denn keinen? Und wo liegt das
Vorrecht?--weil wir aelter sind und gescheiter!--guter Gott von deinem
Himmel, alte Kinder siehst du und junge Kinder, und nichts weiter; und
an welchen du mehr Freude hast, das hat dein Sohn schon lange
verkuendigt. Aber sie glauben an ihn und hoeren ihn nicht--das ist auch
was Altes!--und bilden ihre Kinder nach sich und--Adieu, Wilhelm! Ich
mag darueber nicht weiter radotieren.


Am 1. Julius

Was Lotte einem Kranken sein muss, fuehl' ich an meinem eigenen Herzen,
das uebler dran ist als manches, das auf dem Siechbette verschmachtet.
Sie wird einige Tage in der Stadt bei einer rechtschaffnen Frau
zubringen, die sich nach der Aussage der AErzte ihrem Ende naht und in
diesen letzten Augenblicken Lotten um sich haben will. Ich war vorige
Woche mir ihr, den Pfarrer von St. zu besuchen; ein OErtchen, das eine
Stunde seitwaerts im Gebirge liegt. Wir kamen gegen vier dahin. Lotte
hatte ihre zweite Schwester mitgenommen. Als wir in den mit zwei
hohen Nussbaeumen ueberschatteten Pfarrhof traten, sass der gute alte Mann
auf einer Bank vor der Haustuer, und da er Lotten sah, ward er wie neu
belebt, vergass seinen Knotenstock und wagte sich auf, ihr entgegen.
Sie lief hin zu ihm, noetigte ihn sich niederzulassen, indem sie sich
zu ihm setzte, brachte viele Gruesse von ihrem Vater, herzte seinen
garstigen, schmutzigen juengsten Buben, das Quakelchen seines Alters.
Du haettest sie sehen sollen, wie sie den Alten beschaeftigte, wie sie
ihre Stimme erhob, um seinen halb tauben Ohren vernehmlich zu werden,
wie sie ihm von jungen, robusten Leuten erzaehlte, die unvermutet
gestorben waeren, von der Vortrefflichkeit des Karlsbades, und wie sie
seinen Entschluss lobte, kuenftigen Sommer hinzugehen, wie sie fand, dass
er viel besser aussaehe, viel munterer sei als das letztemal, da sie
ihn gesehn.--ich hatte indes der Frau Pfarrerin meine Hoeflichkeiten
gemacht. Der Alte wurde ganz munter, und da ich nicht umhin konnte,
die schoenen Nussbaeume zu loben, die uns so lieblich beschatteten, fing
er an, uns, wiewohl mit einiger Beschwerlichkeit, die Geschichte davon
zu geben.--"den alten", sagte er,"wissen wir nicht, wer den gepflanzt
hat; einige sagen dieser, andere jener Pfarrer. Der juengere aber dort
hinten ist so alt als meine Frau, im Oktober funfzig Jahr. Ihr Vater
pflanzte ihn des Morgens, als sie gegen Abend geboren wurde. Er war
mein Vorfahr im Amt, und wie lieb ihm der Baum war, ist nicht zu sagen;
mir ist er's gewiss nicht weniger. Meine Frau sass darunter auf einem
Balken und strickte, da ich vor siebenundzwanzig Jahren als ein armer
Student zum erstenmale hier in den Hof kam".--Lotte fragte nach seiner
Tochter; es hiess, sie sei mit Herrn Schmidt auf die Wiese hinaus zu
den Arbeitern, und der Alte fuhr in seiner Erzaehlung fort: wie sein
Vorfahr ihn liebgewonnen und die Tochter dazu, und wie er erst sein
Vikar und dann sein Nachfolger geworden. Die Geschichte war nicht
lange zu Ende, als die Jungfer Pfarrerin mit dem sogenannten Herrn
Schmidt durch den Garten herkam: sie bewillkommte Lotten mit
herzlicher Waerme, und ich muss sagen, sie gefiel mir nicht uebel; eine
rasche, wohlgewachsene Bruenette, die einen die kurze Zeit ueber auf dem
Lande wohl unterhalten haette. Ihr Liebhaber (denn als solchen stellte
sich Herr Schmidt gleich dar), ein feiner, doch stiller Mensch, der
sich nicht in unsere Gespraeche mischen wollte, ob ihn gleich Lotte
immer hereinzog. Was mich am meisten betruebte, war, dass ich an seinen
Gesichtszuegen zu bemerken schien, es sei mehr Eigensinn und uebler
Humor als Eingeschraenktheit des Verstandes, der ihn sich mitzuteilen
hinderte. In der Folge ward dies leider nur zu deutlich; denn als
Friederike beim Spazierengehen mit Lotten und gelegentlich auch mit
mir ging, wurde des Herrn Angesicht, das ohnedies einer braeunlichen
Farbe war, so sichtlich verdunkelt, dass es Zeit war, dass Lotte mich
beim AErmel zupfte und mir zu verstehn gab, dass ich mit Friederiken zu
artig getan. Nun verdriesst mich nichts mehr, als wenn die Menschen
einander plagen, am meisten, wenn junge Leute in der Bluete des Lebens,
da sie am offensten fuer alle Freuden sein koennten, einander die paar
guten Tage mit Fratzen verderben und nur erst zu spaet das
Unersetzliche ihrer Verschwendung einsehen. Mich wurmte das, und ich
konnte nicht umhin, da wir gegen Abend in den Pfarrhof zurueckkehrten
und an einem Tische Milch assen und das Gespraech auf Freude und Leid
der Welt sich wendete, den Faden zu ergreifen und recht herzlich gegen
die ueble Laune zu reden.--"wir Menschen beklagen uns oft", fing ich an,
"dass der guten Tage so wenig sind und der schlimmen so viel, und, wie
mich duenkt, meist mit Unrecht. Wenn wir immer ein offenes Herz haetten,
das Gute zu geniessen, das uns Gott fuer jeden Tag bereitet, wir wuerden
alsdann auch Kraft genug haben, das UEbel zu tragen, wenn es kommt".
-"Wir haben aber unser Gemuet nicht in unserer Gewalt", versetzte die
Pfarrerin, "wie viel haengt vom Koerper ab! Wenn einem nicht wohl ist,
ist's einem ueberall nicht recht".--Ich gestand ihr das ein.--"Wir
wollen es also", fuhr ich fort,"als eine Krankheit ansehen und fragen,
ob dafuer kein Mittel ist?"--"Das laesst sich hoeren", sagte Lotte, "ich
glaube wenigstens, dass viel von uns abhaengt. Ich weiss es an mir.
Wenn mich etwas neckt und mich verdriesslich machen will, spring' ich
auf und sing' ein paar Contretaenze den Garten auf und ab, gleich ist's
weg".--"das war's, was ich sagen wollte,"versetzte ich,"es ist mit der
ueblen Laune voellig wie mit der Traegheit, denn es ist eine Art von
Traegheit. Unsere Natur haengt sehr dahin, und doch, wenn wir nur
einmal die Kraft haben, uns zu ermannen, geht uns die Arbeit frisch
von der Hand, und wir finden in der Taetigkeit ein wahres Vergnuegen".
--Friederike war sehr aufmerksam, und der junge Mensch wandte mir ein,
dass man nicht Herr ueber sich selbst sei und am wenigsten ueber seine
Empfindungen gebieten koenne.--"es ist hier die Frage von einer
unangenehmen Empfindung", versetzte ich, "die doch jedermann gerne los
ist; und niemand weiss, wie weit seine Kraefte gehen, bis er sie
versucht hat. Gewiss, wer krank ist, wird bei allen AErzten herumfragen,
und die groessten Resignationen, die bittersten Arzeneien wird er nicht
abweisen, um seine gewuenschte Gesundheit zu erhalten".--ich bemerkte,
dass der ehrliche Alte sein Gehoer anstrengte, um an unserm Diskurse
teilzunehmen, ich erhob die Stimme, indem ich die Rede gegen ihn
wandte". Man predigt gegen so viele Laster", sagte ich, "ich habe
noch nie gehoert, dass man gegen die ueble Laune vom Predigtstuhle
gearbeitet haette.--"Das muessten die Stadtpfarrer tun", sagte er, "die
Bauern haben keinen boesen Humor; doch koennte es auch zuweilen nicht
schaden, es waere eine Lektion fuer seine Frau wenigstens und fuer den
Herrn Amtmann".--Die Gesellschaft lachte, und er herzlich mit, bis er
in einen Husten verfiel, der unsern Diskurs eine Zeitlang unterbrach;
darauf denn der junge Mensch wieder das Wort nahm: "Sie nannten den
boesen Humor ein Laster; mich deucht, das ist uebertrieben".--"Mit
nichten", gab ich zur Antwort, "wenn das, womit man sich selbst und
seinem Naechsten schadet, diesen Namen verdient. Ist es nicht genug,
dass wir einander nicht gluecklich machen koennen, muessen wir auch noch
einander das Vergnuegen rauben, das jedes Herz sich noch manchmal
selbst gewaehren kann? Und nennen Sie mir den Menschen, der uebler
Laune ist und so brav dabei, sie zu verbergen, sie allein zu tragen,
ohne die Freude um sich her zu zerstoeren! Oder ist sie nicht vielmehr
ein innerer Unmut ueber unsere eigene Unwuerdigkeit, ein Missfallen an
uns selbst, das immer mit einem Neide verknuepft ist, der durch eine
toerichte Eitelkeit aufgehetzt wird? Wir sehen glueckliche Menschen,
die wir nicht gluecklich machen, und das ist unertraeglich".--Lotte
laechelte mich an, da sie die Bewegung sah, mit der ich redete, und
eine Traene in Friederikens Auge spornte mich fortzufahren.--"Wehe
denen", sagte ich, "die sich der Gewalt bedienen, die sie ueber ein
Herz haben, um ihm die einfachen Freuden zu rauben, die aus ihm selbst
hervorkeimen. Alle Geschenke, alle Gefaelligkeiten der Welt ersetzen
nicht einen Augenblick Vergnuegen an sich selbst, den uns eine
neidische Unbehaglichkeit unsers Tyrannen vergaellt hat".

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