Die Leiden des jungen Werther Buch 1
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Johann Wolfgang von Goethe >> Die Leiden des jungen Werther Buch 1
Mein ganzes Herz war voll in diesem Augenblicke; die Erinnerung so
manches Vergangenen draengte sich an meine Seele, und die Traenen kamen
mir in die Augen.
"Wer sich das nur taeglich sagte",rief ich aus,"du vermagst nichts auf
deine Freunde, als ihnen ihre Freuden zu lassen und ihr Glueck zu
vermehren, indem du es mit ihnen geniessest. Vermagst du, wenn ihre
innere Seele von einer aengstigenden Leidenschaft gequaelt, vom Kummer
zerruettet ist, ihnen einen Tropfen Linderung zu geben?
Und wenn die letzte, bangste Krankheit dann ueber das Geschoepf herfaellt,
das du in bluehenden Tagen untergraben hast, und sie nun daliegt in
dem erbaermlichsten Ermatten, das Auge gefuehllos gen Himmel sieht, der
Todesschweiss auf der blassen Stirne abwechselt, und du vor dem Bette
stehst wie ein Verdammter, in dem innigsten Gefuehl, dass du nichts
vermagst mit deinem ganzen Vermoegen, und die Angst dich inwendig
krampft, dass du alles hingeben moechtest, dem untergehenden Geschoepfe
einen Tropfen Staerkung, einen Funken Mut einfloessen zu koennen".
Die Erinnerung einer solchen Szene, wobei ich gegenwaertig war, fiel
mit ganzer Gewalt bei diesen Worten ueber mich. Ich nahm das
Schnupftuch vor die Augen und verliess die Gesellschaft, und nur
Lottens Stimme, die mir rief, wir wollten fort, brachte mich zu mir
selbst. Und wie sie mich auf dem Wege schalt ueber den zu warmen
Anteil an allem, und dass ich drueber zugrunde gehen wuerde! Dass ich
mich schonen sollte!--O der Engel! Um deinetwillen muss ich leben!
Am 6. Julius
Sie ist immer um ihre sterbende Freundin, und ist immer dieselbe,
immer das gegenwaertige, holde Geschoepf, das, wo sie hinsieht,
Schmerzen lindert und Glueckliche macht. Sie ging gestern abend mit
Marianen und dem kleinen Malchen spazieren, ich wusste es und traf sie
an, und wir gingen zusammen. Nach einem Wege von anderthalb Stunden
kamen wir gegen die Stadt zurueck, an den Brunnen, der mir so wert und
nun tausendmal werter ist. Lotte setzte sich aufs Maeuerchen, wir
standen vor ihr. Ich sah umher, ach, und die Zeit, da mein Herz so
allein war, lebte wieder vor mir auf.--"Lieber Brunnen", sagte ich,
"seither hab' ich nicht mehr an deiner Kuehle geruht, hab' in eilendem
Voruebergehn dich manchmal nicht angesehn".--Ich blickte hinab und sah,
dass Malchen mit einem Glase Wasser sehr beschaeftigt heraufstieg.--Ich
sah Lotten an und fuehlte alles, was ich an ihr habe. Indem kommt
Malchen mit einem Glase. Mariane wollt' es ihr abnehmen: "nein!"
rief das Kind mit dem suessesten Ausdrucke,"nein, Lottchen, du sollst
zuerst trinken!"--ich ward ueber die Wahrheit, ueber die Guete, womit sie
das ausrief, so entzueckt, dass ich meine Empfindung mit nichts
ausdruecken konnte, als ich nahm das Kind von der Erde und kuesste es
lebhaft, das sogleich zu schreien und zu weinen anfing.--"Sie haben
uebel getan", sagte Lotte.--Ich war betroffen.--"komm, Malchen, "fuhr
sie fort, indem sie es bei der Hand nahm und die Stufen hinabfuehrte,
"da wasche dich aus der frischen Quelle geschwind, geschwind, da tut's
nichts".--Wie ich so dastand und zusah, mit welcher Emsigkeit das
Kleine seinen nassen Haendchen die Backen rieb, mit welchem Glauben,
dass durch die Wunderquelle alle Verunreinigung abgespuelt und die
Schmach abgetan wuerde, einen haesslichen Bart zu kriegen; wie Lotte
sagte:"es ist genug!"und das Kind doch immer eifrig fortwusch, als
wenn Viel mehr taete als Wenig--ich sage dir, Wilhelm, ich habe mit
mehr Respekt nie einer Taufhandlung beigewohnt; und als Lotte
heraufkam, haette ich mich gern vor ihr niedergeworfen wie vor einem
Propheten, der die Schulden einer Nation weggeweiht hat.
Des Abends konnte ich nicht umhin, in der Freude meines Herzens den
Vorfall einem Manne zu erzaehlen, dem ich Menschensinn zutraute, weil
er Verstand hat; aber wie kam ich an! Er sagte, das sei sehr uebel von
Lotten gewesen; man solle den Kindern nichts weis machen; dergleichen
gebe zu unzaehligen Irrtuemern und Aberglauben Anlass, wovor man die
Kinder fruehzeitig bewahren muesse.--nun fiel mir ein, dass der Mann vor
acht Tagen hatte taufen lassen, drum liess ich's vorbeigehen und blieb
in meinem Herzen der Wahrheit getreu: wir sollen es mit den Kindern
machen wie Gott mit uns, der uns am gluecklichsten macht, wenn er uns
in freundlichem Wahne so hintaumeln laesst.
Am 8. Julius
Was man ein Kind ist! Was man nach so einem Blicke geizt! Was man
ein Kind ist!--Wir waren nach Wahlheim gegangen. Die Frauenzimmer
fuhren hinaus, und waehrend unserer Spaziergaenge glaubte ich in Lottens
schwarzen Augen--ich bin ein Tor, verzeih mir's! Du solltest sie
sehen, diese Augen.--Dass ich kurz bin (denn die Augen fallen mir zu
vor Schlaf): siehe, die Frauenzimmer stiegen ein, da standen um die
Kutsche der junge W., Selstadt und Audran und ich. Da ward aus dem
Schlage geplaudert mit den Kerlchen, die freilich leicht und lueftig
genug waren.--ich suchte Lottens Augen: ach, sie gingen von einem zum
andern! Aber auf mich! Mich! Mich! Der ganz allein auf sie
resigniert dastand, fielen sie nicht!--Mein Herz sagte ihr tausend
Adieu! Und sie sah mich nicht! Die Kutsche fuhr vorbei, und eine
Traene stand mir im Auge. Ich sah ihr nach und sah Lottens Kopfputz
sich zum Schlage herauslehnen, und sie wandte sich um zu sehen, ach!
Nach mir?--Lieber! In dieser Ungewissheit schwebe ich; das ist mein
Trost: vielleicht hat sie sich nach mir umgesehen! Vielleicht!--Gute
Nacht! O, was ich ein Kind bin!
Am 10. Julius
Die alberne Figur, die ich mache, wenn in Gesellschaft von ihr
gesprochen wird, solltest du sehen! Wenn man mich nun gar fragt, wie
sie mir gefaellt?--gefaellt! Das Wort hasse ich auf den Tod. Was muss
das fuer ein Mensch sein, dem Lotte gefaellt, dem sie nicht alle Sinne,
alle Empfindungen ausfuellt! Gefaellt! {das Wort hasse ich auf den Tod.
Was muss das fuer ein Mensch sein, dem Lotte gefaellt, dem sie nicht
alle Sinne, alle Empfindungen ausfuellt!} Gefaellt! Neulich fragte mich
einer, wie mir Ossian gefiele!
Am 11. Julius
Frau M. ist sehr schlecht; ich bete fuer ihr Leben, weil ich mit Lotten
dulde. Ich sehe sie selten bei einer Freundin, und heute hat sie mir
einen wunderbaren Vorfall erzaehlt.--der alte M. ist ein geiziger,
rangiger Filz, der seine Frau im Leben was Rechts geplagt und
eingeschraenkt hat; doch hat sich die Frau immer durchzuhelfen gewusst.
Vor wenigen Tagen, als der Arzt ihr das Leben abgesprochen hatte, liess
sie ihren Mann kommen (Lotte war im Zimmer) und redete ihn also an:
"ich muss dir eine Sache gestehen, die nach meinem Tode Verwirrung und
Verdruss machen koennte. Ich habe bisher die Haushaltung gefuehrt, so
ordentlich und sparsam als moeglich; allein du wirst mir verzeihen, dass
ich dich diese dreissig Jahre her hintergangen habe. Du bestimmtest im
Anfange unserer Heirat ein Geringes fuer die Bestreitung der Kueche und
anderer haeuslichen Ausgaben. Als unsere Haushaltung staerker wurde,
unser Gewerbe groesser, warst du nicht zu bewegen, mein Wochengeld nach
dem Verhaeltnisse zu vermehren; kurz, du weisst, dass du in den Zeiten,
da sie am groessten war, verlangtest, ich solle mit sieben Gulden die
Woche auskommen.
Die habe ich denn ohne Widerrede genommen und mir den UEberschuss
woechentlich aus der Losung geholt, da niemand vermutete, dass die Frau
die Kasse bestehlen wuerde. Ich habe nichts verschwendet und waere auch,
ohne es zu bekennen, getrost der Ewigkeit entgegengegangen, wenn
nicht diejenige, die nach mir das Hauswesen zu fuehren hat, sich nicht
zu helfen wissen wuerde, und du doch immer darauf bestehen koenntest,
deine erste Frau sei damit ausgekommen".
Ich redete mit Lotten ueber die unglaubliche Verblendung des
Menschensinns, dass einer nicht argwohnen soll, dahinter muesse was
anders stecken, wenn eins mit sieben Gulden hinreicht, wo man den
Aufwand vielleicht um zweimal so viel sieht. Aber ich habe selbst
Leute gekannt, die des Propheten ewiges OElkrueglein ohne Verwunderung
in ihrem Hause angenommen haetten.
Am 13. Julius
Nein, ich betruege mich nicht! Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre
Teilnehmung an mir und meinem Schicksal. Ja ich fuehle, und darin darf
ich meinem Herzen trauen, dass sie--o darf ich, kann ich den Himmel in
diesen Worten aussprechen?--dass sie mich liebt!
Mich liebt!--und wie wert ich mir selbst werde, wie ich--dir darf
ich's wohl sagen, du hast Sinn fuer so etwas--wie ich mich selbst
anbete, seitdem sie mich liebt!
Ob das Vermessenheit ist oder Gefuehl des wahren Verhaeltnisses?--ich
kenne den Menschen nicht, von dem ich etwas in Lottens Herzen
fuerchtete. Und doch--wenn sie von ihrem Braeutigam spricht, mit
solcher Waerme, solcher Liebe von ihm spricht--da ist mir's wie einem,
der aller seiner Ehren und Wuerden entsetzt und dem der Degen genommen
wird.
Am 16. Julius
Ach wie mir das durch alle Adern laeuft, wenn mein Finger unversehens
den ihrigen beruehrt, wenn unsere Fuesse sich unter dem Tische begegnen!
Ich ziehe zurueck wie vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht mich
wieder vorwaerts--mir wird's so schwindelig vor allen Sinnen.--O! Und
ihre Unschuld, ihre unbefangene Seele fuehlt nicht, wie sehr mich die
kleinen Vertraulichkeiten peinigen. Wenn sie gar im Gespraech ihre
Hand auf die meinige legt und im Interesse der Unterredung naeher zu
mir rueckt, dass der himmlische Atem ihres Mundes meine Lippen erreichen
kann:--ich glaube zu versinken, wie vom Wetter geruehrt.--und, Wilhelm!
Wenn ich mich jemals unterstehe, diesen Himmel, dieses Vertrauen--!
Du verstehst mich. Nein, mein Herz ist so verderbt nicht! Schwach!
Schwach genug!--und ist das nicht Verderben?--sie ist mir heilig.
Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart. Ich weiss nie, wie mir ist,
wenn ich bei ihr bin; es ist, als wenn die Seele sich mir in allen
Nerven umkehrte.--sie hat eine Melodie, die sie auf dem Klaviere
spielet mit der Kraft eines Engels, so simpel und so geistvoll! Es
ist ihr Leiblied, und mich stellt es von aller Pein, Verwirrung und
Grillen her, wenn sie nur die erste Note davon greift.
Kein Wort von der Zauberkraft der alten Musik ist mir unwahrscheinlich.
Wie mich der einfache Gesang angreift! Und wie sie ihn anzubringen
weiss, oft zur Zeit, wo ich mir eine Kugel vor den Kopf schiessen moechte!
Die Irrung und Finsternis meiner Seele zerstreut sich, und ich atme
wieder freier.
Am 18. Julius
Wilhelm, was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine
Zauberlaterne ist ohne Licht! Kaum bringst du das Laempchen hinein, so
scheinen dir die buntesten Bilder an deine weisse Wand! Und wenn's
nichts waere als das, als voruebergehende Phantome, so macht's doch
immer unser Glueck, wenn wir wie frische Jungen davor stehen und uns
ueber die Wundererscheinungen entzuecken. Heute konnte ich nicht zu
Lotten, eine unvermeidliche Gesellschaft hielt mich ab. Was war zu
tun? Ich schickte meinen Diener hinaus, nur um einen Menschen um mich
zu haben, der ihr heute nahe gekommen waere. Mit welcher Ungeduld ich
ihn erwartete, mit welcher Freude ich ihn wiedersah! Ich haette ihn
gern beim Kopfe genommen und gekuesst, wenn ich mich nicht geschaemt
haette.
Man erzaehlt von dem Bononischen Steine, dass er, wenn man ihn in die
Sonne legt, ihre Strahlen anzieht und eine Weile bei Nacht leuchtet.
So war mir's mit dem Burschen. Das Gefuehl, dass ihre Augen auf seinem
Gesichte, seinen Backen, seinen Rockknoepfen und dem Kragen am Surtout
geruht hatten, machte mir das alles so heilig, so wert! Ich haette in
dem Augenblick den Jungen nicht um tausend Taler gegeben. Es war mir
so wohl in seiner Gegenwart.--bewahre dich Gott, dass du darueber
lachest. Wilhelm, sind das Phantome, wenn es uns wohl ist?
Den 19. Julius
"Ich werde sie sehen!" ruf' ich morgens aus, wenn ich mich ermuntere
und mit aller Heiterkeit der schoenen Sonne entgegenblicke; "ich werde
sie sehen!" und da habe ich fuer den ganzen Tag keinen Wunsch weiter.
Alles, alles verschlingt sich in dieser Aussicht.
Eure Idee will noch nicht die meinige weren, dass ich mit dem Gesandten
nach *** gehen soll. Ich liebe die Subordination nicht sehr, und wir
wissen alle, dass der Mann noch dazu ein widriger Mensch ist. Meine
Mutter moechte mich gern in Aktivitaet haben, sagst du, das hat mich zu
lachen gemacht. Bin ich jetzt nicht auch aktiv, und ist's im Grunde
nicht einerlei, ob ich Erbsen zaehle oder Linsen? Alles in der Welt
laeuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Mensch, der um anderer
willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Beduerfnis
ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet, ist immer ein
Tor.
Am 24. Julius
Da dir so sehr daran gelegen ist, dass ich mein Zeichnen nicht
vernachlaessige, moechte ich lieber die ganze Sache uebergehen als dir
sagen, dass zeither wenig getan wird.
Noch nie war ich gluecklicher, noch nie war meine Empfindung an der
Natur, bis aufs Steinchen, aufs Graeschen herunter, voller und inniger,
und doch--ich weiss nicht, wie ich mich ausdruecken soll, meine
vorstellende Kraft ist so schwach, alles schwimmt und schwankt so vor
meiner Seele, dass ich keinen Umriss packen kann; aber ich bilde mir ein,
wenn ich Ton haette oder Wachs, so wollte ich's wohl herausbilden.
Ich werde auch Ton nehmen, wenn's laenger waehrt, und kneten, uns
sollten's Kuchen werden!
Lottens Portraet habe ich dreimal angefangen, und habe mich dreimal
prostituiert; das mich um so mehr verdriesst, weil ich vor einiger Zeit
sehr gluecklich im Treffen war. Darauf habe ich denn ihren Schattenriss
gemacht, und damit soll mir g'nuegen.
Ja, liebe Lotte, ich will alles besorgen und bestellen; geben Sie mir
nur mehr Auftraege, nur recht oft. Um eins bitte ich Sie: keinen Sand
mehr auf die Zettelchen, die Sie mir schreiben. Heute fuehrte ich es
schnell nach der Lippe, und die Zaehne knisterten mir.
Am 26. Julius
Ich habe mir schon manchmal vorgenommen, sie nicht so oft zu sehn. Ja
wer das halten koennte! Alle Tage unterlieg' ich der Versuchung und
verspreche mir heilig: morgen willst du einmal wegbleiben. Und wenn
der Morgen kommt, finde ich doch wieder eine unwiderstehliche Ursache,
und ehe ich mich's versehe, bin ich bei ihr. Entweder sie hat des
Abends gesagt: "Sie kommen doch morgen?"--wer koennte da wegbleiben?
Oder sie gibt mir einen Auftrag, und ich finde schicklich, ihr selbst
die Antwort zu bringen; oder der Tag ist gar zu schoen, ich gehe nach
Wahlheim, und wenn ich nun da bin, ist's nur noch eine halbe Stunde zu
ihr!--ich bin zu nah in der Atmosphaere--zuck! So bin ich dort. Meine
Grossmutter hatte ein Maerchen vom Magnetenberg: die Schiffe, die zu
nahe kamen, wurden auf einmal alles Eisenwerks beraubt, die Naegel
flogen dem Berge zu, und die armen Elenden scheiterten zwischen den
uebereinander stuerzenden Brettern.
Am 30. Julius
Albert ist angekommen, und ich werde gehen; und wenn er der beste, der
edelste Mensch waere, unter den ich mich in jeder Betrachtung zu
stellen bereit waere, so waer's unertraeglich, ihn vor meinem Angesicht
im Besitz so vieler Vollkommenheit zu sehen.--Besitz!--genug, Wilhelm,
der Braeutigam ist da! Ein braver, lieber Mann, dem man gut sein muss.
Gluecklicherweise war ich nicht beim Empfange! Das haette mir das Herz
zerrissen. Auch ist er so ehrlich und hat Lotten in meiner Gegenwart
noch nicht ein einzigmal gekuesst. Das lohn' ihm Gott! Um des Respekts
willen, den er vor dem Maedchen hat, muss ich ihn lieben. Er will mir
wohl, und ich vermute, das ist Lottens Werk mehr als seiner eigenen
Empfindung; denn darin sind die Weiber fein und haben recht; wenn sie
zwei Verehrer in gutem Vernehmen mit einander erhalten koennen, ist der
Vorteil immer ihr, so selten es auch angeht.
Indes kann ich Alberten meine Achtung nicht versagen. Seine gelassene
Aussenseite sticht gegen die Unruhe meines Charakters sehr lebhaft ab,
die sich nicht verbergen laesst. Er hat viel Gefuehl und weiss, was er an
Lotten hat. Erscheint wenig ueble Laune zu haben, und du weisst, das
ist die Suende, die ich aerger hasse am Menschen als alle andre.
Er haelt mich fuer einen Menschen von Sinn; und meine Anhaenglichkeit zu
Lotten, meine warme Freude, die ich an allen ihren Handlungen habe,
vermehrt seinen Triumph, und er liebt sie nur desto mehr. Ob er sie
nicht einmal mit keiner Eifersuechtelei peinigt, das lasse ich
dahingestellt sein, wenigstens wuerd' ich an seinem Platz nicht ganz
sicher vor diesem Teufel bleiben.
Dem sei nun wie ihm wolle, meine Freude, bei Lotten zu sein, ist hin.
Soll ich das Torheit nennen oder Verblendung?--was braucht's Namen!
Erzaehlt die Sache an sich!--ich wusste alles, was ich jetzt weiss, ehe
Albert kam; ich wusste, dass ich keine Praetension an sie zu machen hatte,
machte auch keine--das heisst, insofern es moeglich ist, bei so viel
Liebenswuerdigkeit nicht zu begehren--und jetzt macht der Fratze grosse
Augen, da der andere nun wirklich kommt und ihm das Maedchen wegnimmt.
Ich beisse die Zaehne auf einander und spott ueber mein Elend, und
spottete derer doppelt und dreifach, die sagen koennten, ich sollte
mich resignieren, und weil es nun einmal nicht anders sein koennte.
--schafft mir diese Strohmaenner vom Halse!--ich laufe in den Waeldern
herum, und wenn ich zu Lotten komme, und Albert bei ihr sitzt im
Gaertchen unter der Laube, und ich nicht weiter kann, so bin ich
ausgelassen naerrisch und fange viel Possen, viel verwirrtes Zeug an.
-"um Gottes willen", sagte mir Lotte heut, "ich bitte Sie, keine Szene
wie die von gestern abend! Sie sind fuerchterlich, wenn Sie so lustig
sind".--Unter uns, ich passe die Zeit ab, wenn er zu tun hat; wutsch!
Bin ich drauss, und da ist mir's immer wohl, wenn ich sie allein finde.
Am 8. August
Ich bitte dich, lieber Wilhelm, es war gewiss nicht auf dich geredet,
wenn ich die Menschen unertraeglich schalt, die von uns Ergebung in
unvermeidliche Schicksale fordern. Ich dachte wahrlich nicht daran,
dass du von aehnlicher Meinung sein koenntest. Und im Grunde hast du
recht. Nur eins, mein Bester! In der Welt ist es sehr selten mit dem
Entweder-Oder getan; die Empfindungen und Handlungsweisen schattieren
sich so mannigfaltig, als Abfaelle zwischen einer Habichts--und
Stumpfnase sind.
Du wirst mir also nicht uebelnehmen, wenn ich dir dein ganzes Argument
einraeume und mich doch zwischen dem Entweder-Oder durchzustehlen suche.
Entweder, sagst du, hast du Hoffnung auf Lotten, oder du hast keine.
Gut, im ersten Fall suche sie durchzutreiben, suche die Erfuellung
deiner Wuensche zu umfassen: im anderen Fall ermanne dich und suche
einer elenden Empfindung los zu werden, die alle deine Kraefte
verzehren muss.--Bester! Das ist wohl gesagt, und--bald gesagt.
Und kannst du von dem Ungluecklichen, dessen Leben unter einer
schleichenden Krankheit unaufhaltsam allmaehlich abstirbt, kannst du
von ihm verlangen, er solle durch einen Dolchstoss der Qual auf einmal
ein Ende machen? Und raubt das UEbel, das ihm die Kraefte verzehrt, ihm
nicht auch zugleich den Mut, sich davon zu befreien?
Zwar koenntest du mir mit einem verwandten Gleichnisse antworten: wer
liesse sich nicht lieber den Arm abnehmen, als dass er durch Zaudern und
Zagen sein Leben aufs Spiel setzte?--Ich weiss nicht!--Und wir wollen
uns nicht in Gleichnissen herumbeissen. Genug--ja, Wilhelm, ich habe
manchmal so einen Augenblick aufspringenden, abschuettelnden Muts, und
da--wenn ich nur wuesste wohin, ich ginge wohl.
Abends
Mein Tagesuch, das ich seit einiger Zeit vernachlaessiget, fiel mir
heut wieder in die Haende, und ich bin erstaunt, wie ich so wissentlich
in das alles, Schritt vor Schritt, hineingegangen bin! Wie ich ueber
meinen Zustand immer so klar gesehen und doch gehandelt habe wie ein
Kind, jetzt noch so klar sehe, und es noch keinen Anschein zur
Besserung hat.
Am 10. August
Ich koennte das beste, gluecklichste Leben fuehren, wenn ich nicht ein
Tor waere. So schoene Umstaende vereinigen sich nicht leicht, eines
Menschen Seele zu ergetzen, als die sind, in denen ich mich jetzt
befinde. Ach so gewiss ist's, dass unser Herz allein sein Glueck macht.
--ein Glied der liebenswuerdigen Familie zu sein, von dem Alten geliebt
zu werden wie ein Sohn, von den Kleinen wie ein Vater, und von Lotten!
--dann der ehrliche Albert, der durch keine launische Unart mein Glueck
stoert; der mich mit herzlicher Freundschaft umfasst; dem ich nach
Lotten das Liebste auf der Welt bin!--Wilhelm, es ist eine Freude, uns
zu hoeren, wenn wir spazierengehen und uns einander von Lotten
unterhalten: es ist in der Welt nichts Laecherlichers erfunden worden
als dieses Verhaeltnis, und doch kommen mir oft darueber die Traenen in
die Augen.
Wenn er mir von ihrer rechtschaffenen Mutter erzaehlt: wie sie auf
ihrem Todbette Lotten ihr Haus und ihre Kinder uebergeben und ihm
Lotten anbefohlen habe, wie seit der Zeit ein ganz anderer Geist
Lotten belebt habe, wie sie, in der Sorge fuer ihre Wirtschaft und in
dem Ernste, eine wahre Mutter geworden, wie kein Augenblick ihrer Zeit
ohne taetige Liebe, ohne Arbeit verstrichen, und dennoch ihre
Munterkeit, ihr leichter Sinn sie nie dabei verlassen habe.--Ich gehe
so neben ihm hin und pfluecke Blumen am Wege, fuege sie sehr sorgfaeltig
in einen Strauss und--werfe sie in den vorueberfliessenden Strom und sehe
ihnen nach, wie sie leise hinunterwallen.--Ich weiss nicht, ob ich dir
geschrieben habe, dass Albert hier bleiben und ein Amt mit einem
artigen Auskommen vom Hofe erhalten wird, wo er sehr beliebt ist. In
Ordnung und Emsigkeit in Geschaeften habe ich wenig seinesgleichen
gesehen.
Am 12. August
Gewiss, Albert ist der beste Mensch unter dem Himmel. Ich habe gestern
eine wunderbare Szene mit ihm gehabt. Ich kam zu ihm, um Abschied von
ihm zu nehmen; denn mich wandelte die Lust an, ins Gebirge zu reiten,
von woher ich dir auch jetzt schreibe, und wie ich in der Stube auf
und ab gehe, fallen mir seine Pistolen in die Augen.--"Borge mir die
Pistolen", sagte ich, "zu meiner Reise".--"Meinetwegen", sagte er,
"wenn du dir die Muehe nehmen willst, sie zu laden; bei mir haengen sie
nur pro forma".--Ich nahm eine herunter, und er fuhr fort: "seit mir
meine Vorsicht einen so unartigen Streich gespielt hat, mag ich mit
dem Zeuge nichts mehr zu tun haben".--Ich war neugierig, die
Geschichte zu wissen.--"Ich hielt mich", erzaehlte er, "wohl ein
Vierteljahr auf dem Lande bei einem Freunde auf, hatte ein paar
Terzerolen ungeladen und schlief ruhig. Einmal an einem regnichten
Nachmittage, da ich muessig sitze, weiss ich nicht, wie mir einfaellt: wir
koennten ueberfallen werden, wir koennten die Terzerolen noetig haben und
koennten--du weisst ja, wie das ist.--ich gab sie dem Bedienten, sie zu
putzen und zu laden; und der dahlt mit den Maedchen, will sie schrecken,
und Gott weiss wie, das Gewehr geht los, da der Ladstock noch drin
steckt, und schiesst den Ladstock einem Maedchen zur Maus herein an der
rechten Hand und zerschlaegt ihr den Daumen. Da hatte ich das
Lamentieren, und die Kur zu bezahlen obendrein, und seit der Zeit
lass' ich alles Gewehr ungeladen. Lieber Schatz, was ist Vorsicht?
Die Gefahr laesst sich nicht auslernen! Zwar.--Nun weisst du, dass ich
den Menschen sehr lieb habe bis auf seine Zwar; denn versteht sich's
nicht von selbst, dass jeder allgemeine Satz Ausnahmen leidet? Aber so
rechtfertig ist der Mensch! Wenn er glaubt, etwas UEbereiltes,
Allgemeines, Halbwahres gesagt zu haben, so hoert er dir nicht auf zu
limitieren, zu modifizieren und ab--und zuzutun, bis zuletzt gar
nichts mehr an der Sache ist.
Und bei diesem Anlass kam er sehr tief in Text: ich hoerte endlich gar
nicht weiter auf ihn, verfiel in Grillen, und mit einer auffahrenden
Gebaerde drueckte ich mir die Muendung der Pistole uebers rechte Aug' an
die Stirn.--"Pfui!" sagte Albert, indem er mir die Pistole herabzog,
"was soll das?"--"Sie ist nicht geladen", sagte ich.--"Und auch so,
was soll's?" versetzte er ungeduldig. "Ich kann mir nicht vorstellen,
wie ein Mensch so toericht sein kann, sich zu erschiessen; der blosse
Gedanke erregt mir Widerwillen".
"Dass ihr Menschen", rief ich aus, "um von einer Sache zu reden, gleich
sprechen muesst: 'das ist toericht, das ist klug, das ist gut, das ist
boes!' und was will das alles heissen? Habt ihr deswegen die innern
Verhaeltnisse einer Handlung erforscht? Wisst ihr mit Bestimmtheit die
Ursachen zu entwickeln, warum sie geschah, warum sie geschehen musste?
Haettet ihr das, ihr wuerdet nicht so eilfertig mit euren Urteilen sein".
"Du wirst mir zugeben", sagte Albert, "dass gewisse Handlungen
lasterhaft bleiben, sie moegen geschehen, aus welchem Beweggrunde sie
wollen". Ich zuckte die Achseln und gab's ihm zu.--"Doch, mein
Lieber", fuhr ich fort, "finden sich auch hier einige Ausnahmen. Es
ist wahr, der Diebstahl ist ein Laster: aber der Mensch, der, um sich
und die Seinigen vom gegenwaertigen Hungertode zu erretten, auf Raub
ausgeht, verdient der Mitleiden oder Strafe? Wer hebt den ersten
Stein auf gegen den Ehemann, der im gerechten Zorne sein untreues Weib
und ihren nichtswuerdigen Verfuehrer aufopfert? Gegen das Maedchen, das
in einer wonnevollen Stunde sich in den unaufhaltsamen Freuden der
Liebe verliert? Unsere Gesetze selbst, diese kaltbluetigen Pedanten,
lassen sich ruehren und halten ihre Strafe zurueck".