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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Die Leiden des jungen Werther Buch 1

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Die Leiden des jungen Werther Buch 1

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"Das ist ganz was anders", versetzte Albert, "weil ein Mensch, den
seine Leidenschaften hinreissen, alle Besinnungskraft verliert und als
ein Trunkener, als ein Wahnsinniger angesehen wird". "Ach ihr
vernuenftigen Leute!" rief ich laechelnd aus. "Leidenschaft!
Trunkenheit! Wahnsinn! Ihr steht so gelassen, so ohne Teilnehmung da,
ihr sittlichen Menschen, scheltet den Trinker, verabscheut den
Unsinnigen, geht vorbei wie der Priester und dankt Gott wie der
Pharisaeer, dass er euch nicht gemacht hat wie einen von diesen. Ich
bin mehr als einmal trunken gewesen, meine Leidenschaften waren nie
weit vom Wahnsinn, und beides reut mich nicht: denn ich habe in einem
Masse begreifen lernen, wie man alle ausserordentlichen Menschen, die
etwas Grosses, etwas Unmoeglichscheinendes wirkten, von jeher fuer
Trunkene und Wahnsinnige ausschreiten musste. Aber auch im gemeinen
Leben ist's unertraeglich, fast einem jeden bei halbweg einer freien,
edlen, unerwarteten Tat nachrufen zu hoeren: ' der Mensch ist trunken,
der ist naerrisch!' Schaemt euch, ihr Nuechternen! Schaemt euch, ihr
Weisen!" "Das sind nun wieder von deinen Grillen", sagte Albert, "du
ueberspannst alles und hast wenigstens hier gewiss unrecht, dass du den
Selbstmord, wovon jetzt die Rede ist, mit grossen Handlungen
vergleichst: da man es doch fuer nichts anders als eine Schwaeche halten
kann. Denn freilich ist es leichter zu sterben, als ein qualvolles
Leben standhaft zu ertragen". Ich war im Begriff abzubrechen; denn
kein Argument bringt mich so aus der Fessung, als wenn einer mit einem
unbedeutenden Gemeinspruche angezogen kommt, wenn ich aus ganzem
Herzen rede.

Doch fasste ich mich, weil ich's schon oft gehoert und mich oefter
darueber geaergert hatte, und versetzte ihm mit einiger Lebhaftigkeit:
"Du nennst das Schwaeche? Ich bitte dich, lass dich vom Anscheine nicht
verfuehren. Ein Volk, das unter dem unertraeglichen Joch eines Tyrannen
seufzt, darfst du das schwach heissen, wenn es endlich aufgaert und
seine Ketten zerreisst? Ein Mensch, der ueber dem Schrecken, dass Feuer
sein Haus ergriffen hat, alle Kraefte gespannt fuehlt und mit
Leichtigkeit Lasten wegtraegt, die er bei ruhigem Sinne kaum bewegen
kann; einer, der in der Wut der Beleidigung es mit sechsen aufnimmt
und sie ueberwaeltig, sind die schwach zu nennen? Und, mein Guter, wenn
Anstrengung Staerke ist, warum soll die UEberspannung das Gegenteil
sein?"--Albert sah mich an und sagte: "nimm mir's nicht uebel, die
Beispiele, die du gibst, scheinen hieher gar nicht zu gehoeren".--"Es
mag sein", sagte ich, "man hat mir schon oefters vorgeworfen, dass meine
Kombinationsart manchmal an Radotage grenze. Lasst uns denn sehen, ob
wir uns auf eine andere Weise vorstellen koennen, wie dem Menschen zu
Mute sein mag, der sich entschliesst, die sonst angenehme Buerde des
Lebens abzuwerfen. Denn nur insofern wir mitempfinden, haben wir die
Ehre, von einer Sache zu reden".

"Die menschliche Natur", fuhr ich fort, "hat ihre Grenzen: sie kann
Freude, Leid, Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht
zugrunde, sobald der ueberstiegen ist. Hier ist also nicht die Frage,
ob einer schwach oder stark ist, sondern ob er das Mass seines Leidens
ausdauern kann, es mag nun moralisch oder koerperlich sein. Und ich
finde es ebenso wunderbar zu sagen, der Mensch ist feige, der sich das
Leben nimmt, als es ungehorig waere, den einen Feigen zu nennen, der an
einem boesartigen Fieber stirbt".

"Paradox! Sehr paradox!" rief Albert aus.--"Nicht so sehr, als du
denkst", versetzte ich. "Du gibst mir zu, wir nennen das eine
Krankheit zum Tode, wodurch die Natur so angegriffen wird, dass teils
ihre Kraefte verzehrt, teils so ausser Wirkung gesetzt werden, dass sie
sich nicht wieder aufzuhelfen, durch keine glueckliche Revolution den
gewoehnlichen Umlauf des Lebens wieder herzustellen faehig ist.

Nun, mein Lieber, lass uns das auf den Geist anwenden. Sich den
Menschen an in seiner Eingeschraenktheit, wie Eindruecke auf ihn wirken,
Ideen sich bei ihm festsetzen, bis endlich eine wachsende Leidenschaft
ihn aller ruhigen Sinneskraft beraubt und ihn zugrunde richtet.

Vergebens, dass der gelassene, vernuenftige Mensch den Zustand
Ungluecklichen uebersieht, vergebens, dass er ihm zuredet! Ebenso wie
ein Gesunder, der am Bette des Kranken steht, ihm von seinen Kraeften
nicht das geringste einfloessen kann".

Alberten war das zu allgemein gesprochen. Ich erinnerte ihn an ein
Maedchen, das man vor weniger Zeit im Wasser tot gefunden, und
wiederholte ihm ihre Geschichte.--"Ein gutes, junges Geschoepf, das in
dem engen Kreise haeuslicher Beschaeftigungen, woechentlicher bestimmter
Arbeit herangewachsen war, das weiter keine Aussicht von Vergnuegen
kannte, als etwa Sonntags in einem nach und nach zusammengeschafften
Putz mit ihresgleichen um die Stadt spazierenzugehen, vielleicht alle
hohen Feste einmal zu tanzen und uebrigens mit aller Lebhaftigkeit des
herzlichsten Anteils manche Stunde ueber den Anlass eines Gezaenkes,
einer uebeln Nachrede mit einer Nachbarin zu verplaudern--deren feurige
Natur fuehlt nun endlich innigere Beduerfnisse, die durch die
Schmeicheleien der Maenner vermehrt werden; ihre vorigen Freuden werden
ihr nach und nach unschmackhaft, bis sie endlich einen Menschen
antrifft, zu dem ein unbekanntes Gefuehl sie unwiderstehlich hinreisst,
auf den sie nun alle ihre Hoffnungen wirft, die Welt rings um sich
vergisst, nichts hoert, nichts sieht, nichts fuehlt als ihn, den Einzigen,
sich nur sehnt nach ihm, dem Einzigen. Durch die leeren Vergnuegungen
einer unbestaendigen Eitelkeit nicht verdorben, zieht ihr Verlangen
gerade nach dem Zweck, sie will die Seinige werden, sie will in ewiger
Verbindung all das Glueck antreffen, das ihr mangelt, die Vereinigung
aller Freuden geniessen, nach denen sie sich sehnte. Wiederholtes
Versprechen, das ihr die Gewissheit aller Hoffnungen versiegelt, kuehne
Liebkosungen, die ihre Begierden vermehren, umfangen ganz ihre Seele;
sie schwebt in einem dumpfen Bewusstsein, in einem Vorgefuehl aller
Freuden, sie ist bis auf den hoechsten Grad gespannt, sie streckt
endlich ihre Arme aus, all ihre Wuensche zu umfassen--und ihr Geliebter
verlaesst sie.--Erstarrt, ohne Sinne steht sie vor einem Abgrunde; alles
ist Finsternis um sie her, keine Aussicht, kein Trost, keine Ahnung!
Denn der hat sie verlassen, in dem sie allein ihr Dasein fuehlte. Sie
sieht nicht die weite Welt, die vor ihr liegt, nicht die vielen, die
ihr de Verlust ersetzen koennten, sie fuehlt sich allein, verlassen von
aller Welt,--und blind, in die Enge gepresst von der entsetzlichen Not
ihres Herzens, stuerzt sie sich hinunter, um in einem rings umfangenden
Tode alle ihre Qualen zu ersticken.--Sieh, Albert, das ist die
Geschichte so manches Menschen! Und sag', ist das nicht der Fall der
Krankheit? Die Natur findet keinen Ausweg aus dem Labyrinthe der
verworrenen und widersprechenden Kraefte, und der Mensch muss sterben.
Wehe dem, der zusehen und sagen koennte: 'die Toerin! Haette sie
gewartet, haette sie die Zeit wirken lassen, die Verzweifelung wuerde
sich schon gelegt, es wuerde sich schon ein anderer sie zu troesten
vorgefunden haben.'--Das ist eben, als wenn einer sagte: 'der Tor,
stirbt am Fieber! Haette er gewartet, bis seine Kraefte sich erholt,
seine Saefte sich verbessert, der Tumult seines Blutes sich gelegt
haetten: alles waere gut gegangen, und er lebte bis auf den heutigen Tag!
'"

Albert, dem die Vergleichung noch nicht anschaulich war, wandte noch
einiges ein, und unter andern: ich haette nur von einem einfaeltigen
Maedchen gesprochen; wie aber ein Mensch von Verstande, der nicht so
eingeschraenkt sei, der mehr Verhaeltnisse uebersehe, zu entschuldigen
sein moechte, koenne er nicht begreifen.--"Mein Freund", rief ich aus,
"der Mensch ist Mensch, und das bisschen Verstand, das einer haben mag,
kommt wenig oder nicht in Anschlag, wenn Leidenschaft wuetet und die
Grenzen der Menschheit einen draengen. Vielmehr--ein andermal davon",
sagte ich und griff nach meinem Hute. O mir war das Herz so voll--und
wir gingen auseinander, ohne einander verstanden zu haben. Wie denn
auf dieser Welt keiner leicht den andern versteht.


Am 15. August

Es ist doch gewiss, dass in der Welt den Menschen nichts notwendig macht
als die Liebe. Ich fuehl's an Lotten, dass sie mich ungern verloere, und
die Kinder haben keinen andern Begriff, als dass ich immer morgen
wiederkommen wuerde. Heute war ich hinausgegangen, Lottens Klavier zu
stimmen, ich konnte aber nicht dazu kommen, denn die Kleinen
verfolgten mich um ein Maerchen, und Lotte sagte selbst, ich sollte
ihnen den Willen tun. Ich schnitt ihnen das Abendbrot, das sie nun
fast so gern von mir als von Lotten annehmen, und erzaehlte ihnen das
Hauptstueckchen von der Prinzessin, die von Haenden bedient wird. Ich
lerne viel dabei, das versichre ich dich, und ich bin erstaunt, was es
auf sie fuer Eindruecke macht. Weil ich manchmal einen Inzidentpunkt
erfinden muss, den ich beim zweitenmal vergesse, sagen sie gleich, das
vorigemal waer' es anders gewesen, so dass ich mich jetzt uebe, sie
unveraenderlich in einem singenden Silbenfall an einem Schnuerchen weg
zu rezitieren. Ich habe daraus gelernt, wie ein Autor durch eine
zweite, veraenderte Ausgabe seiner Geschichte, und wenn ie poetisch
noch so besser geworden waere, notwendig seinem Buche schaden muss. Der
erste Eindruck findet uns willig, und der Mensch ist gemacht, dass man
ihn das Abenteuerlichste ueberreden kann; das haftet aber auch gleich
so fest, und wehe dem, der es wieder auskratzen und austilgen will!


Am 18. August

Musste denn das so sein, dass das, was des Menschen Glueckseligkeit macht,
wieder die Quelle seines Elendes wuerde?

Das volle, warme Gefuehl meines Herzens an der lebendigen Natur, das
mich mit so vieler Wonne ueberstroemte, das rings umher die Welt mir zu
einem Paradiese schuf, wird mir jetzt zu einem unertraeglichen Peiniger,
zu einem quaelenden Geist, der mich auf allen Wegen verfolgt. Wenn
ich sonst vom Felsen ueber den Fluss bis zu jenen Huegeln das fruchtbare
Tal ueberschaute und alles um mich her keimen und quellen sah; wenn ich
jene Berge, vom Fusse bis auf zum Gipfel, mit hohen, dichten Baeumen
bekleidet, jene Taeler in ihren mannigfaltigen Kruemmungen von den
lieblichsten Waeldern beschattet sah, und der sanfte Fluss zwischen den
lispelnden Rohren dahingleitete und die lieben Wolken abspiegelte, die
der sanfte Abendwind am Himmel herueberwiegte; wenn ich dann die Voegel
um mich den Wald beleben hoerte, und die Millionen Mueckenschwaerme im
letzten roten Strahle der Sonne mutig tanzten, und ihr letzter
zuckender Blick den summenden Kaefer aus seinem Grase befreite, und das
Schwirren und Weben um mich her mich auf den Boden aufmerksam machte,
und das Moos, das meinem harten Felsen seine Nahrung abzwingt, und das
Geniste, das den duerren Sandhuegel hinunter waechst, mir das innere,
gluehende, heilige Leben der Natur eroeffnete: wie fasste ich das alles
in mein warmes Herz, fuehlte mich in der ueberfliessenden Fuelle wie
vergoettert, und die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegten
sich allbelebend in meiner Seele. Ungeheure Berge umgaben mich,
Abgruende lagen vor mir, und Wetterbaeche stuerzten herunter, die Fluesse
stroemten unter mir, und Wald und Gebirg erklang; und ich sah sie
wirken und schaffen ineinander in den Tiefen der Erde, alle die
unergruendlichen Kraefte; und nun ueber der Erde und unter dem Himmel
wimmeln die Geschlechter der mannigfaltigen Geschoepfe. Ales, alles
bevoelkert mit tausendfachen Gestalten; und die Menschen dann sich in
Haeuslein zusammen sichern und sich annisten und herrschen in ihrem
Sinne ueber die weite Welt! Armer Tor! Der du alles so gering achtest,
weil du so klein bist.--vom unzugaenglichen Gebirge ueber die Einoede,
die kein Fuss betrat, bis ans Ende des unbekannten Ozeans weht der
Geist des Ewigschaffenden und freut sich jedes Staubes, der ihn
vernimmt und lebt.--ach damals, wie oft habe ich mich mit Fittichen
eines Kranichs, der ueber mich hin flog, zu dem Ufer des ungemessenen
Meeres gesehnt, aus dem schaeumenden Becher des Unendlichen jene
schwellende Lebenswonne zu trinken und nur einen Augenblick in der
eingeschraenkten Kraft meines Busens einen Tropfen der Seligkeit des
Wesens zu fuehlen, das alles in sich und durch sich hervorbringt.

Bruder, nur die Erinnerung jener Stunden macht mir wohl. Selbst diese
Anstrengung, jene unsaeglichen Gelueste zurueckzurufen, wieder
auszusprechen, hebt meine Seele ueber sich selbst und laesst mich dann
das Bange des Zustandes doppelt empfinden, der mich jetzt umgibt.

Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der
Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den
Abgrund des ewig offenen Grabes. Kannst du sagen: Das ist! Da alles
voruebergeht? Da alles mit der Wetterschnelle vorueberrollt, so selten
die ganze Kraft seines Daseins ausdauert, ach, in den Strom
fortgerissen, untergetaucht und an Felsen zerschmettert wird? Da ist
kein Augenblick, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her,
kein Augenblick, da du nicht ein Zerstoerer bist, sein musst; der
harmloseste Spaziergang kostet tausend armen Wuermchen das Leben, es
zerruettet ein Fusstritt die muehseligen Gebaeude der Ameisen und stampft
eine kleine Welt in ein schmaehliches Grab. Ha! Nicht die grosse,
seltne Not der Welt, diese Fluten, die eure Doerfer wegspuelen, diese
Erdbeben, die eure Staedte verschlingen, ruehren mich; mir untergraebt
das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgen
liegt; die nichts gebildet hat, das nicht seinen Nachbar, nicht sich
selbst zerstoerte. Und so taumle ich beaengstigt. Himmel und Erde und
ihre webenden Kraefte um mich her: ich sehe nichts als ein ewig
verschlingendes, ewig wiederkaeuendes Ungeheuer.


Am 21. August

Umsonst strecke ich meine Arme nach ihr aus, morgens, wenn ich von
schweren Traeumen aufdaemmere, vergebens suche ich sie nachts in meinem
Bette, wenn mich ein gluecklicher, unschuldiger Traum getaeuscht hat,
als saess' ich neben ihr auf der Wiese und hielt' ihre Hand und deckte
sie mit tausend Kuessen. Ach, wenn ich dann noch halb im Taumel des
Schlafes nach ihr tappe und drueber mich ermuntere--ein Strom von
Traenen bricht aus meinem gepressten Herzen, und ich weine trostlos
einer finstern Zukunft entgegen.


Am 22. August

E ist ein Unglueck, Wilhelm, meine taetigen Kraefte sind zu einer
unruhigen Laessigkeit verstimmt, ich kann nicht muessig sein und kann
doch auch nichts tun. Ich habe keine Vorstellungskraft, kein Gefuehl
an der Natur, und die Buecher ekeln mich an. Wenn wir uns selbst
fehlen, fehlt uns doch alles. Ich schwoere dir, manchmal wuenschte ich,
ein Tageloehner zu sein, um nur des Morgens beim Erwachen eine Aussicht
auf den kuenftigen Tag, einen Drang, eine Hoffnung zu haben. Oft
beneide ich Alberten, den ich ueber die Ohren in Akten begraben sehe,
und bilde mir ein, mir waere wohl, wenn ich an seiner Stelle waere!
Schon etlichemal ist mir's so aufgefahren, ich wollte dir schreiben
und dem Minister, um die Stelle bei der Gesandtschaft anzuhalten, die,
wie du versicherst, mir nicht versagt werden wuerde. Ich glaube es
selbst. Der Minister liebt mich seit langer Zeit, hatte lange mir
angelegen, ich sollte mich irgendeinem Geschaefte widmen; und eine
Stunde ist mir's auch wohl drum zu tun. Hernach, wenn ich wieder dran
denke und mir die Fabel vom Pferde einfaellt, das, seiner Freiheit
ungeduldig, sich Sattel und Zeug auflegen laesst und zuschanden geritten
wird--ich weiss nicht, was ich soll.--und, mein Lieber! Ist nicht
vielleicht das Sehnen in mir nach Veraenderung des Zustands eine innere,
unbehagliche Ungeduld, die mich ueberallhin verfolgen wird?


Am 28. August

Es ist wahr, wenn meine Krankheit zu heilen waere, so wuerden diese
Menschen es tun. Heute ist mein Geburtstag, und in aller Fruehe
empfange ich ein Paeckchen von Alberten. Mir faellt beim Eroeffnen
sogleich eine der blassroten Schleifen in die Augen, die Lotte vor
hatte, als ich sie kennen lernte, und um die ich sie seither
etlichemal gebeten hatte. Es waren zwei Buechelchen in Duodez dabei,
der kleine Wetsteinische Homer, eine Ausgabe, nach der ich so oft
verlangt, um mich auf dem Spaziergange mit dem Ernestischen nicht zu
schleppen. Sieh! So kommen sie meinen Wuenschen zuvor, so suchen sie
alle die kleinen Gefaelligkeiten der Freundschaft auf, die tausendmal
werter sind als jene blendenden Geschenke, wodurch uns die Eitelkeit
des Gebers erniedrigt. Ich kuesse diese Schleife tausendmal, und mit
jedem Atemzuge schluerfe ich die Erinnerung jener Seligkeiten ein, mit
denen mich jene wenigen, gluecklichen, unwiederbringlichen Tage
ueberfuellten. Wilhelm, es ist so, und ich murre nicht, die Blueten des
Lebens sind nur Erscheinungen! Wie viele gehn vorueber, ohne eine Spur
hinter sich zu lassen, wie wenige setzen Frucht an, und wie wenige
dieser Fruechte werden reif! Und doch sind deren noch genug da; und
doch--o mein Bruder!--koennen wir gereifte Fruechte vernachlaessigen,
verachten, ungenossen verfaulen lassen?

Lebe wohl! Es ist ein herrlicher Sommer; ich sitze oft auf den
Obstbaeumen in Lottens Baumstueck mit dem Obstbrecher, der langen Stange,
und hole die Birnen aus dem Gipfel. Sie steht unten und nimmt sie ab,
wenn ich sie ihr herunterlasse.


Am 30. August

Ungluecklicher! Bist du nicht ein Tor? Betriegst du dich nicht
selbst? Was soll diese tobende, endlose Leidenschaft? Ich habe kein
Gebet mehr als an sie; meiner Einbildungskraft erscheint keine andere
Gestalt als die ihrige, und alles in der Welt um mich her sehe ich nur
im Verhaeltnisse mit ihr. Und das macht mir denn so manche glueckliche
Stunde--bis ich mich wieder von ihr losreissen muss! Ach Wilhelm! Wozu
mich mein Herz oft draengt!--wenn ich bei ihr gesessen bin, zwei, drei
Stunden, und mich an ihrer Gestalt, an ihrem Betragen, an dem
himmlischen Ausdruck ihrer Worte geweidet habe, und nun nach und nach
alle meine Sinne aufgespannt werden, mir es duester vor den Augen wird,
ich kaum noch hoere, und es mich an die Gurgel fasst wie ein
Meuchelmoerder, dann mein Herz in wilden Schlaegen den bedraengten Sinnen
Luft zu machen sucht und ihre Verwirrung nur vermehrt--Wilhelm, ich
weiss oft nicht, ob ich auf der Welt bin! Und--wenn nicht manchmal die
Wehmut das UEbergewicht nimmt und Lotte mir den elenden Trost erlaubt,
auf ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen,--so muss ich fort, muss
hinaus, und schweife dann weit im Felde umher; einen jaehen Berg zu
klettern ist dann meine Freude, durch einen unwegsamen Wald einen Pfad
durchzuarbeiten, durch die Hecken, die mich verletzen, durch die
Dornen, die mich zerreissen! Da wird mir's etwas besser! Etwas! Und
wenn ich vor Muedigkeit und Durst manchmal unterwegs liegen bleibe,
manchmal in der tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond ueber mir steht,
im einsamen Walde auf einen krumm gewachsenen Baum mich setze, um
meinen verwundeten Sohlen nur einige Linderung zu verschaffen, und
dann in einer ermattenden Ruhe in dem Daemmerschein hinschlummre! O
Wilhelm! Die einsame Wohnung einer Zelle, das haerene Gewand und der
Stachelguertel waeren Labsale, nach denen meine Seele schmachtet. Adieu!
Ich sehe dieses Elendes kein Ende als das Grab.


Am 3. September

Ich muss fort! Ich danke dir, Wilhelm, dass du meinen wankenden
Entschluss bestimmt hast. Schon vierzehn Tage gehe ich mit dem
Gedanken um, sie zu verlassen. Ich muss fort. Sie ist wieder in der
Stadt bei einer Freundin. Und Albert--und--ich muss fort!


Am 10. September

Das war eine Nacht! Wilhelm! Nun ueberstehe ich alles. Ich werde sie
nicht wiedersehn! O dass ich nicht an deinen Hals fliegen, dir mit
tausend Traenen und Entzueckungen ausdruecken kann, mein Bester, die
Empfindungen, die mein Herz bestuermen. Hier sitze ich und schnappe
nach Luft, suche mich zu beruhigen, erwarte den Morgen, und mit
Sonnenaufgang sind die Pferde bestellt.

Ach, sie schlaeft ruhig und denkt nicht, dass sie mich nie wieder sehen
wird. Ich habe mich losgerissen, bin stark genug gewesen, in einem
Gespraech von zwei Stunden mein Vorhaben nicht zu verraten. Und Gott,
welch ein Gespraech!

Albert hatte mir versprochen, gleich nach dem Nachtessen mit Lotten im
Garten zu sein. Ich stand auf der Terrasse unter den hohen
Kastanienbaeumen und sah der Sonne nach, die mir nun zum letztenmale
ueber dem lieblichen Tale, ueber dem sanften Fluss unterging. So oft
hatte ich hier gestanden mit ihr und eben dem herrlichen Schauspiele
zugesehen, und nun--ich ging in der Allee auf und ab, die mir so lieb
war; ein geheimer sympathetischer Zug hatte mich hier so oft gehalten,
ehe ich noch Lotten kannte, und wie freuten wir uns, als wir im Anfang
unserer Bekanntschaft die wechselseitige Neigung zu diesem Plaetzchen
entdeckten, das wahrhaftig eins von den romantischsten ist, die ich
von der Kunst hervorgebracht gesehen habe.

Erst hast du zwischen den Kastanienbaeumen die weite Aussicht--Ach, ich
erinnere mich, ich habe dir, denk' ich, schon viel davon geschrieben,
wie hohe Buchenwaende einen endlich einschliessen und durch ein
daranstossendes Boskett die Allee immer duesterer wird, bis zuletzt
alles sich in ein geschlossenes Plaetzchen endigt, das alle Schauer der
Einsamkeit umschweben. Ich fuehle es noch, wie heimlich mir's ward,
als ich zum erstenmale an einem hohen Mittage hineintrat; ich ahnete
ganz leise, was fuer ein Schauplatz das noch werden sollte von
Seligkeit und Schmerz.

Ich hatte mich etwa eine halbe Stunde in den schmachtenden, suessen
Gedanken des Abscheidens, des Wiedersehens geweidet, als ich sie die
Terrasse heraufsteigen hoerte. Ich lief ihnen entgegen, mit einem
Schauer fasste ich ihre Hand und kuesste sie. Wir waren eben
heraufgetreten, als der Mond hinter dem buschigen Huegel aufging; wir
redeten mancherlei und kamen unvermerkt dem duestern Kabinette naeher.
Lotte trat hinein und setzte sich, Albert neben sie, ich auch; doch
meine Unruhe liess mich nicht lange sitzen; ich stand auf, trat vor sie,
ging auf und ab, setzte mich wieder: es war ein aengstlicher Zustand.
Sie machte uns aufmerksam auf die schoene Wirkung des Mondenlichtes,
das am Ende der Buchenwaende die ganze Terrasse vor uns erleuchtete:
ein herrlicher Anblick, der um so viel frappanter war, weil uns rings
eine tiefe Daemmerung einschloss. Wir waren still, und sie fing nach
einer Weile an: "niemals gehe ich im Mondenlichte spazieren, niemals,
dass mir nicht der Gedanke an meine Verstorbenen begegnete, dass nicht
das Gefuehl von Tod, von Zukunft ueber mich kaeme". "Wir werden sein!"
fuhr sie mit der Stimme des herrlichsten Gefuehls fort; "aber, Werther,
sollen wir uns wieder finden? Wieder erkennen? Was ahnen Sie? Was
sagen Sie?"

"Lotte", sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte und mir die Augen
voll Traenen wurden,"wir werden uns wiedersehn! Hier und dort
wiedersehn!"--ich konnte nicht weiter reden--Wilhelm, musste sie mich
das fragen, da ich diesen aengstlichen Abschied im Herzen hatte!

"Und ob die lieben Abgeschiednen von uns wissen", fuhr sie fort, "ob
sie fuehlen, wann's uns wohl geht, dass wir mit warmer Liebe uns ihrer
erinnern? O! Die Gestalt meiner Mutter schwebt immer um mich, wenn
ich am stillen Abend unter ihren Kindern, unter meinen Kindern sitze
und sie um mich versammelt sind, wie sie um sie versammelt waren.
Wenn ich dann mit einer sehnenden Traene gen Himmel sehe und wuensche,
dass sie hereinschauen koennte einen Augenblick, wie ich mein Wort halte,
das ich ihr in der des Todes gab: die Mutter ihrer Kinder zu sein.
Mit welcher Empfindung rufe ich aus: 'verzeihe mir's, Teuerste, wenn
ich ihnen nicht bin, was du ihnen warst. Ach! Tue ich doch alles,
was ich kann; sind sie doch gekleidet, genaehrt, ach, und, was mehr ist
als das alles, gepflegt und geliebt. Koenntest du unsere Eintracht
sehen, liebe Heilige! Du wuerdest mit dem heissesten Danke den Gott
verherrlichen, den du mit den letzten, bittersten Traenen um die
Wohlfahrt deiner Kinder batest.'"--Sie sagte das! O Wilhelm, wer
kann wiederholen, was sie sagte! Wie kann der kalte, tote Buchstabe
diese himmlische Bluete des Geistes darstellen! Albert fiel ihr sanft
in die Rede: "es greift zu stark an, liebe Lotte! Ich weiss, Ihre
Seele haengt sehr nach diesen Ideen, aber ich bitte Sie".--"O Albert",
sagte sie, "ich weiss, du vergissest nicht die Abende, da wir
zusammensassen an dem kleinen, runden Tischchen, wenn der Papa verreist
war, und wir die Kleinen schlafen geschickt hatten. Du hattest oft
ein gutes Buch und kannst so selten dazu, etwas zu lesen--war der
Umgang dieser herrlichen Seele nicht mehr als alles? Die schoene,
sanfte, muntere und immer taetige Frau! Gott kennt meine Traenen, mit
denen ich mich oft in meinem Bette vor ihn hinwarf: er moechte mich ihr
gleich machen".

"Lotte!" rief ich aus, indem ich mich vor sie hinwarf, ihre Hand nahm
und mit tausend Traenen netzte, "Lotte! Der Segen Gottes ruht ueber dir
und der Geist deiner Mutter!" "Wenn Sie sie gekannt haetten", sagte
sie, indem sie mir die Hand drueckte,--"sie war wert, von Ihnen gekannt
zu sein!"--ich glaubte zu vergehen.

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