Die Leiden des jungen Werther Buch 2
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Nach Tische hiess er den Knaben alles vollends einpacken, zerriss
viele Papiere, ging aus und brachte noch kleine Schulden in Ordnung.
Er kam wieder nach Hause, ging wieder aus vors Tor, ungeachtet des
Regens, in den graeflichen Garten, schweifte weiter in der Gegend
umher und kam mit anbrechender Nacht zurueck und schrieb.
"Wilhelm, ich habe zum letzten Male Feld und Wald und den Himmel
gesehen. Leb wohl auch du! Liebe Mutter, verzeiht mir! Troeste sie,
Wilhelm! Gott segne euch! Meine Sachen sind alle in Ordnung. Lebt
wohl! Wir sehen uns wieder und freudiger".
"Ich habe dir UEbel gelohnt, Albert, und du vergibst mir. Ich habe
den Frieden deines Hauses gestoert, ich habe Misstrauen zwischen euch
gebracht. Lebe wohl! Ich will es enden. O dass ihr gluecklich waeret
durch meinen Tod! Albert! Albert! Mache den Engel gluecklich! Und
so wohne Gottes Segen ueber dir!"
Er kannte den Abend noch viel in seinen Papieren, zerriss vieles und
warf es in den Ofen, versiegelte einige Paecke mit den Adressen an
Wilhelm. Sie enthielten kleine Aufsaetze, abgerissene Gedanken, deren
ich verschiedene gesehen habe; und nachdem er um zehn Uhr Feuer hatte
nachlegen und sich eine Flasche Wein geben lassen, schickte er den
Bedienten, dessen Kammer wie auch die Schlafzimmer der Hausleute weit
hinten hinaus waren, zu Bette, der sich dann in seinen Kleidern
niederlegte, um fruehe bei der Hand zu sein; denn sein Herr hatte
gesagt, die Postpferde wuerden vor sechse vors Haus kommen.
Nach Eilfe
Alles ist so still um mich her, und so ruhig meine Seele. Ich danke
dir, Gott, der du diesen letzten Augenblicken diese Waerme, diese
Kraft schenkest.
Ich trete an das Fenster, meine Beste, und sehe, und sehe noch
durch die stuermenden, vorueberfliehenden Wolken einzelne Sterne des
ewigen Himmels! Nein, ihr werdet nicht fallen! Der Ewige traegt euch
an seinem Herzen, und mich. Ich sehe die Deichselsterne des Wagens,
des liebsten unter allen Gestirnen. Wenn ich nachts von dir ging,
wie ich aus deinem Tore trat, stand er gegen mir ueber. Mit welcher
Trunkenheit habe ich ihn oft angesehen, oft mit aufgehabenen Haenden
ihn zum Zeichen, zum heiligen Merksteine meiner gegenwaertigen
Seligkeit gemacht! Und noch--o Lotte, was erinnert mich nicht an dich!
Umgibst du mich nicht! Und habe ich nicht, gleich einem Kinde,
ungenuegsam allerlei Kleinigkeiten zu mir gerissen, die du Heilige
beruehrt hattest!
Liebes Schatenbild! Ich vermache dir es zurueck, Lotte, und bitte
dich, es zu ehren. Tausend, tausend Kuesse habe ich darauf gedrueckt,
tausend Gruesse ihm zugewinkt, wenn ich ausging oder nach Hause kam.
Ich habe deinen Vater in einem Zettelchen gebeten, meine Leiche zu
schuetzen. Auf dem Kirchhofe sind zwei Lindenbaeume, hinten in der Ecke
nach dem Felde zu; dort wuensche ich zu ruhen. Er kann, er wird das
fuer seinen Freund tun. Bitte ihn auch. Ich will frommen Christen
nicht zumuten, ihren Koerper neben einen armen Ungluecklichen zu legen.
Ach, ich wollte, ihr begruebt mich am Wege, oder im einsamen Tale,
dass Priester und Levit vor dem bezeichneten Steine sich segnend
voruebergingen und der Samariter eine Traene weinte.
Hier, Lotte! Ich schaudre nicht, den kalten, schrecklichen Kelch zu
fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest
mir ihn, und zage nicht. All! All! So sind alle die Wuensche und
Hoffnungen meines Lebens erfuellt! So kalt, so starr an der ehernen
Pforte des Todes anzuklopfen.
Dass ich des Glueckes haette teilhaftig werden koennen, fuer dich zu
sterben! Lotte, fuer dich mich hinzugeben! Ich wollte mutig, ich
wollte freudig sterben, wenn ich dir die Ruhe, die Wonne deines
Lebens wiederschaffen koennte. Aber ach! Das ward nur wenigen Edeln
gegeben, ihr Blut fuer die Ihrigen zu vergiessen und durch ihren Tod
ein neues, hundertfaeltiges Leben ihren Freunden anzufachen.
In diesen Kleidern, Lotte, will ich begraben sein, du hast sie
beruehrt, geheiligt; ich habe auch deinen Vater darum gebeten. Meine
Seele schwebt ueber dem Sarge. Man soll meine Taschen nicht aussuchen.
Diese blassrote Schleife, die du am Busen hattest, als ich dich zum
ersten Male unter deinen Kindern fand--o kuesse sie tausendmal und
erzaehle ihnen das Schicksal ihres ungluecklichen Freundes. Die Lieben!
Sie wimmeln um mich. Ach wie ich mich an dich schloss! Seit dem
ersten Augenblicke dich nicht lassen konnte!--diese Schleife soll
mit mir begraben werden. An meinem Geburtstage schenktest du sie mir!
Wie ich das alles verschlang!--ach, ich dachte nicht, dass mich der
Weg hierher fuehren sollte!--sei ruhig! Ich bitte dich, sei ruhig!
--Sie sind geladen--es schlaegt zwoelfe! So sei es denn!--Lotte!
Lotte, lebe wohl! Lebe wohl!"
Ein Nachbar sah den Blick vom Pulver und hoerte den Schuss fallen; da
aber alles stille blieb, achtete er nicht weiter drauf.
Morgens um sechse tritt der Bediente herein mit dem Lichte. Er
findet seinen Herrn an der Erde, die Pistole und Blut. Er ruft, er
fasst ihn an; keine Antwort, er roechelt nur noch. Er laeuft nach den
AErzten, nach Alberten. Lotte hoert die Schelle ziehen, ein Zittern
ergreift alle ihre Glieder. Sie weckt ihren Mann, sie stehen auf,
der Bediente bringt heulend und stotternd die Nachricht, Lotte sinkt
ohnmoechtig vor Alberten nieder.
Als der Midikus zu dem Ungluecklichen kam, fand er ihn an der Erde
ohne Rettung, der Puls schlug, die Glieder waren alle gelaehmt. ueber
dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehirn
war herausgetrieben. Man liess ihm zum UEberfluss eine Ader am Arme, das
Blut lief, er holte noch immer Atem.
Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte man schliessen, er
habe sitzend vor dem Schreibtische die Tat vollbracht, dann ist er
heruntergesunken, hat sich konvulsivisch um den Stuhl herumgewaelzt.
Er lag gegen das Fenster entkraeftet auf dem Ruecken, war in voelliger
Kleidung, gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste.
Das Haus, die Nachbarschaft, die Stadt kam in Aufruhr. Albert trat
herein. Werthern hatte man auf das Bett gelegt, die Stirn verbunden,
sein Gesicht schon wie eines Toten, er ruehrte kein Glied. Die Lunge
roechelte noch fuerchterlich, bald schwach, bald staerker; man erwartete
sein Ende.
Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken". Emilia Galotti"lag
auf dem Pulte aufgeschlagen.
Von Alberts Bestuerzung, von Lottens Jammer lasst mich nichts sagen.
Der alte Amtmann kam auf die Nachricht hereingesprengt, er kuesste
den Sterbenden unter den heissesten Traenen. Seine aeltesten Soehne kamen
bald nach ihm zu Fusse, sie fielen neben dem Bette nieder im Ausdrucke
des unbaendigsten Schmerzens, kuessten ihm die Haende und den Mund, und
der aelteste, den er immer am meisten geliebt, hing an seinen Lippen,
bis er verschieden war und man den Knaben mit Gewalt wegriss. Um
zwoelfe mittags starb er. Die Gegenwart des Amtmannes und seine
Anstalten tuschten einen Auflauf. Nachts gegen eilfe liess er ihn an
die Staette begraben, die er sich erwaehlt hatte. Der Alte folgte der
Leiche und die Soehne, Albert vermocht's nicht. Man fuerchtete fuer
Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn
begleitet.
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