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Die Wahlverwandtschaften

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Die Wahlverwandtschaften

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Sie springt in den Kahn, ergreift das Ruder und stoesst ab.

Sie muss Gewalt brauchen, sie wiederholt den Stoss, der Kahn schwankt
und gleitet eine Strecke seewaerts.

Auf dem linken Arme das Kind, in der linken Hand das Buch, in der
rechten das Ruder, schwankt auch sie und faellt in den Kahn.

Das Ruder entfaehrt ihr nach der einen Seite und, wie sie sich erhalten
will, Kind und Buch nach der andern, alles ins Wasser.

Sie ergreift noch des Kindes Gewand; aber ihre unbequeme Lage hindert
sie selbst am Aufstehen.

Die freie rechte Hand ist nicht hinreichend sich umzuwenden, sich
aufzurichten; endlich gelingts, sie zieht das Kind aus dem Wasser,
aber seine Augen sind geschlossen, es hat aufgehoert zu atmen.

In dem Augenblick kehrt ihre ganze Besonnenheit zurueck, aber um desto
groesser ist ihr Schmerz.

Der Kahn treibt fast in der Mitte des Sees, das Ruder schwimmt fern,
sie erblickt niemanden am Ufer, und auch was haette es ihr geholfen,
jemanden zu sehen!

Von allem abgesondert, schwebt sie auf dem treulosen, unzugaenglichen
Elemente.

Sie sucht Huelfe bei sich selbst.

So oft hatte sie von Rettung der Ertrunkenen gehoert.

Noch am Abend ihres Geburtstags hatte sie es erlebt.

Sie entkleidet das Kind und trocknets mit ihrem Musselingewand.




Sie reisst ihren Busen auf und zeigt ihn zum erstenmal dem freien
Himmel; zum erstenmal drueckt sie ein Lebendiges an ihre reine nackte
Brust, ach!

Und kein Lebendiges.

Die kalten Glieder des ungluecklichen Geschoepfs verkaelten ihren Busen
bis ins innerste Herz.

Unendliche Traenen entquellen ihren Augen und erteilen der Oberflaeche
des Erstarrten einen Schein von Waerme und Leben.

Sie laesst nicht nach, sie ueberhuellt es mit ihrem Schal, und durch
Streicheln, Andruecken, Anhauchen, Kuessen, Traenen glaubt sie jene
Huelfsmittel zu ersetzen, die ihr in dieser Abgeschnittenheit versagt
sind. Alles vergebens!

Ohne Bewegung liegt das Kind in ihren Armen, ohne Bewegung steht der
Kahn auf der Wasserflaeche; aber auch hier laesst ihr schoenes Gemuet sie
nicht huelflos.

Sie wendet sich nach oben.

Knieend sinkt sie in dem Kahne nieder und hebt das erstarrte Kind mit
beiden Armen ueber ihre unschuldige Brust, die an Weisse und leider auch
an Kaelte dem Marmor gleicht.

Mit feuchtem Blick sieht sie empor und ruft Huelfe von daher, wo ein
zartes Herz die groesste Fuelle zu finden hofft, wenn es ueberall mangelt.

Auch wendet sie sich nicht vergebens zu den Sternen, die schon einzeln
hervorzublinken anfangen.

Ein sanfter Wind erhebt sich und treibt den Kahn nach dem Platanen.

Sie eilt nach dem neuen Gebaeude, sie ruft den Chirurgus hervor, sie
uebergibt ihm das Kind.

Der auf alles gefasste Mann behandelt den zarten Leichnam stufenweise
nach gewohnter Art.

Ottilie steht ihm in allem bei; sie schafft, sie bringt, sie sorgt,
zwar wie in einer andern Welt wandelnd, denn das hoechste Unglueck wie
das hoechste Glueck veraendert die Ansicht aller Gegenstaende; und nur,
als nach allen durchgegangenen Versuchen der wackere Mann den Kopf
schuettelt, auf ihre hoffnungsvollen Fragen erst schweigend, dann mit
einem leisen Nein antwortet, verlaesst sie das Schlafzimmer Charlottens,
worin dies alles geschehen, und kaum hat sie das Wohnzimmer betreten,
so faellt sie, ohne den Sofa erreichen zu koennen, erschoepft aufs
Angesicht ueber den Teppich hin.

Eben hoert man Charlotten vorfahren.

Der Chirurg bittet die Umstehenden dringend, zurueckzubleiben, er will
ihr entgegnen, sie vorbereiten; aber schon betritt sie ihr Zimmer.

Sie findet Ottilien an der Erde, und ein Maedchen des Hauses stuerzt ihr
mit Geschrei und Weinen entgegen.

Der Chirurg tritt herein, und sie erfaehrt alles auf einmal.

Wie sollte sie aber jede Hoffnung mit einmal aufgeben!

Der erfahrne, kunstreiche, kluge Mann bittet sie nur, das Kind nicht
zu sehen; er entfernt sich, sie mit neuen Anstalten zu taeuschen.

Sie hat sich auf ihren Sofa gesetzt, Ottilie liegt noch an der Erde,
aber an der Freundin Kniee herangehoben, ueber die ihr schoenes Haupt
hingesenkt ist.

Der aerztliche Freund geht ab und zu; er scheint sich um das Kind zu
bemuehen, er bemueht sich um die Frauen.

So kommt die Mitternacht herbei, die Totenstille wird immer tiefer.

Charlotte verbirgt sichs nicht mehr, dass das Kind nie wieder ins Leben
zurueckkehre; sie verlangt es zu sehen.

Man hat es in warme wollne Tuecher reinlich eingehuellt, in einen Korb
gelegt, den man neben sie auf den Sofa setzt; nur das Gesichtchen ist
frei; ruhig und schoen liegt es da.

Von dem Unfall war das Dorf bald erregt worden und die Kunde sogleich
bis nach dem Gasthof erschollen.

Der Major hatte sich die bekannten Wege hinaufbegeben; er ging um das
Haus herum, und indem er einen Bedienten anhielt, der in dem Angebaeude
etwas zu holen lief, verschaffte er sich naehere Nachricht und liess den
Chirurgen herausrufen.

Dieser kam, erstaunt ueber die Erscheinung seines alten Goenners,
berichtete ihm die gegenwaertige Lage und uebernahm es, Charlotten auf
seinen Anblick vorzubereiten.

Er ging hinein, fing ein ableitendes Gespraech an und fuehrte die
Einbildungskraft von einem Gegenstand auf den andern, bis er endlich
den Freund Charlotten vergegenwaertigte, dessen gewisse Teilnahme,
dessen Naehe dem Geiste, der Gesinnung nach, die er denn bald in eine
wirkliche uebergehen liess.

Genug, sie erfuhr, der Freund stehe vor der Tuer, er wisse alles und
wuensche eingelassen zu werden.

Der Major trat herein; ihn begruesste Charlotte mit einem schmerzlichen
Laecheln.

Er stand vor ihr.

Sie hub die gruenseidne Decke auf, die den Leichnam verbarg, und bei
dem dunklen Schein einer Kerze erblickte er nicht ohne geheimes
Grausen sein erstarrtes Ebenbild.

Charlotte deutete auf einen Stuhl, und so sassen sie gegeneinader ueber,
schweigend, die Nacht hindurch.

Ottilie lag noch ruhig auf den Knieen Charlottens; sie atmete sanft;
sie schlief, oder sie schien zu schlafen.

Der Morgen daemmerte, das Licht verlosch, beide Freunde schienen aus
einem dumpfen Traum zu erwachen.

Charlotte blickte den Major an und sagte gefasst: "erklaeren Sie mir,
mein Freund, durch welche Schickung kommen Sie hieher, um teil an
dieser Trauerszene zu nehmen?" "Es ist hier", antwortete der Major
ganz leise, wie sie gefragt hatte--als wenn sie Ottilien nicht
aufwecken wollten -, "es ist hier nicht Zeit und Ort, zurueckzuhalten,
Einleitungen zu machen und sachte heranzutreten.

Der Fall, in dem ich Sie finde, ist so ungeheuer, dass das Bedeutende
selbst, weshalb ich komme, dagegen seinen Wert verliert".

Er gestand ihr darauf ganz ruhig und einfach den Zweck seiner Sendung,
insofern Eduard ihn abgeschickt hatte, den Zweck seines Kommens,
insofern sein freier Wille, sein eigenes Interesse dabei war.

Er trug beides sehr zart, doch aufrichtig vor; Charlotte hoerte
gelassen zu und schien weder darueber zu staunen noch unwillig zu sein.

Als der Major geendigt hatte, antwortete Charlotte mit ganz leiser
Stimme, sodass er genoetigt war, seinen Stuhl heranzuruecken: in einem
Falle, wie dieser ist, habe ich mich noch nie befunden, aber in
aehnlichen habe ich mir immer gesagt: 'wie wird es morgen sein?'

Ich fuehle recht wohl, dass das Los von mehreren jetzt in meinen Haenden
liegt; und was ich zu tun habe, ist bei mir ausser Zweifel und bald
ausgesprochen.




Ich willige in die Scheidung.

Ich haette mich frueher dazu entschliessen sollen; durch mein Zaudern,
mein Widerstreben habe ich das Kind getoetet.

Es sind gewisse Dinge, die sich das Schicksal hartnaeckig vornimmt.

Vergebens, dass Vernunft und Tugend, Pflicht und alles Heilige sich ihm
in den Weg stellen: es soll etwas geschehen, was ihm recht ist, was
uns nicht recht scheint; und so greift es zuletzt durch, wir moegen uns
gebaerden, wie wir wollen.

Doch was sag ich!

Eigentlich will das Schicksal meinen eigenen Wunsch, meinen eigenen
Vorsatz, gegen die ich unbedachtsam gehandelt, wieder in den Weg
bringen.

Habe ich nicht selbst schon Ottilien und Eduarden mir als das
schicklichste Paar zusammengedacht?

Habe ich nicht selbst beide einander zu naehern gesucht?

Waren Sie nicht selbst, mein Freund, Mitwisser dieses Plans?

Und warum konnte ich den Eigensinn eines Mannes nicht von wahrer Liebe
unterscheiden?

Warum nahm ich seine Hand an, da ich als Freundin ihn und eine andre
Gattin gluecklich gemacht haette?

Und betrachten Sie nur diese unglueckliche Schlummernde!

Ich zittere vor dem Augenblicke, wenn sie aus ihrem halben
Totenschlafe zum Bewusstsein erwacht.

Wie soll sie leben, wie soll sie sich troesten, wenn sie nicht hoffen
kann, durch ihre Liebe Eduarden das zu ersetzen, was sie ihm als
Werkzeug des wunderbarsten Zufalls geraubt hat?

Und sie kann ihm alles wiedergeben nach der Neigung, nach der
Leidenschaft, mit der sie ihn liebt.

Vermag die Liebe, alles zu dulden, so vermag sie noch viel mehr, alles
zu ersetzen.

An mich darf in diesem Augenblick nicht gedacht werden.

Entfernen Sie sich in der Stille, lieber Major.

Sagen Sie Eduarden, dass ich in die Scheidung willige, dass ich ihm,
Ihnen, Mittlern die ganze Sache einzuleiten ueberlasse, dass ich um
meine kuenftige Lage unbekuemmert bin und es in jedem Sinne sein kann.

Ich will jedes Papier unterschreiben, das man mir bringt; aber man
verlange nur nicht von mir, dass ich mitwirke, dass ich bedenke, dass ich
berate".

Der Major stand auf.

Sie reichte ihm ihre Hand ueber Ottilien weg.

Er drueckte seine Lippen auf diese liebe Hand.

"Und fuer mich, was darf ich hoffen?" lispelte er leise.

"Lassen Sie mich Ihnen die Antwort schuldig bleiben", versetzte
Charlotte.

"Wir haben nicht verschuldet, ungluecklich zu werden, aber durch nicht
verdient, zusammen gluecklich zu sein".

Der Major entfernte sich, Charlotten tief im Herzen beklagend, ohne
jedoch das arme abgeschiedene Kind bedauern zu koennen.

Ein solches Opfer schien ihm noetig zu ihrem allseitigen Glueck. Er
dachte sich Ottilien mit einem eignen Kind auf dem Arm, als den
vollkommensten Ersatz fuer das, was sie Eduarden geraubt; er dachte
sich einen Sohn auf dem Schosse, der mit mehrerem Recht sein Ebenbild
truege als der abgeschiedene.

So schmeichelnde Hoffnungen und Bilder gingen ihm durch die Seele, als
er auf dem Rueckwege nach dem Gasthofe Eduarden fand, der die ganze
Nacht im Freien den Major erwartet hatte, da ihm kein Feuerzeichen,
kein Donnerlaut ein glueckliches Gelingen verkuenden wollte.

Er wusste bereits von dem Unglueck, und auch er, anstatt das arme
Geschoepf zu bedauern, sah diesen Fall, ohne sichs ganz gestehen zu
wollen, als eine Fuegung an, wodurch jedes Hindernis an seinem Glueck
auf einmal beseitigt waere.

Gar leicht liess er sich daher durch den Major bewegen, der ihm schnell
den Entschluss seiner Gattin verkuendigte, wieder nach jenem Dorfe und
sodann nach der kleinen Stadt zurueckzukehren, wo sie das Naechste
ueberlegen und einleiten wollten.

Charlotte sass, nachdem der Major sie verlassen hatte, nur wenige
Minuten in ihre Betrachtungen versenkt; denn sogleich richtete Ottilie
sich auf, ihre Freundin mit grossen Augen anblickend.

Erst erhob sich von dem Schosse, dann von der Erde und stand vor
Charlotten.

"Zum zweitenmal"--so begann das herrliche Kind mit einem
unueberwindlichen, anmutigen Ernst -"zum zweitenmal widerfaehrt mir
dasselbe.

Du sagtest mir einst, es begegne den Menschen in ihrem Leben oft
aehnliches auf aehnliche Weise und immer in bedeutenden Augenblicken.

Ich finde nun die Bemerkung wahr und bin gedrungen, dir ein Bekenntnis
zu machen.

Kurz nach meiner Mutter Tode, als ein kleines Kind, hatte ich meinen
Schemel an dich gerueckt; du sassest auf dem Sofa wie jetzt; mein Haupt
lag auf deinen Knieen, ich schlief nicht, ich wachte nicht; ich
schlummerte.

Ich vernahm alles, was um mich vorging, besonders alle Reden sehr
deutlich; und doch konnte ich mich nicht regen, mich nicht aeussern und,
wenn ich auch gewollt haette, nicht andeuten, dass ich meiner selbst
mich bewusst fuehlte.

Damals sprachst du mit einer Freundin ueber mich; du bedauertest mein
Schicksal, als eine arme Waise in der Welt geblieben zu sein; du
schuildertest meine abhaengige Lage und wie misslich es um mich stehen
koenne, wenn nicht ein besondrer Gluecksstern ueber mich walte.

Ich fasste alles wohl und genau, vielleicht zu streng, was du fuer mich
zu wuenschen, was du von mir zu fordern schienst.

Ich machte mir nach meinen beschraenkten Einsichten hierueber Gesetze;
nach diesen habe ich lange gelebt, nach ihnen war mein Tun und Lassen
eingerichtet zu der Zeit, da du mich liebtest, fuer mich sorgtest, da
du mich in dein Haus aufnahmst, und auch noch eine Zeit hernach.

Aber ich bin aus meiner Bahn geschritten, ich habe meine Gesetze
gebrochen, ich habe sogar das Gefuehl derselben verloren, und nach
einem schrecklichen Ereignis klaerst du mich wieder ueber meinen Zustand
auf, der jammervoller ist als der erste.

Auf deinem Schosse ruhend, halb erstarrt, wie aus einer fremden Welt
vernehm ich abermals deine leise Stimme ueber meinem Ohr; ich vernehme,
wie es mit mir selbst aussieht; ich schaudere ueber mich selbst; aber
wie damals habe ich auch diesmal in meinem halben Totenschlaf mir
meine neue Bahn vorgezeichnet.

Ich bin entschlossen, wie ichs war, und wozu ich entschlossen bin,
musst du gleich erfahren.




Eduards werd ich nie!

Auf eine schreckliche Weise hat Gott mir die Augen geoeffnet, in
welchem Verbrechen ich befangen bin.

Ich will es buessen; und niemand gedenke mich von meinem Vorsatz
abzubringen!

Darnach, Liebe, Beste, nimm deine Massregeln.

Lass den Major zurueckkommen; schreibe ihm, dass keine Schritte geschehen.


Wie aengstlich war mir, dass ich mich nicht ruehren und regen konnte, als
er ging.

Ich wollte auffahren, aufschreien: du solltest ihn nicht mit so
frevelhaften Hoffnungen entlassen".

Charlotte sah Ottiliens Zustand, sie empfand ihn; aber sie hoffte
durch Zeit und Vorstellungen etwas ueber sie zu gewinnen.

Doch als sie einige Worte aussprach, die auf eine Zukunft, auf eine
Milderung des Schmerzes, auf Hoffnung deuteten: "nein!" rief Ottilie
mit Erhebung; "sucht mich nicht zu bewegen, nicht zu hintergehen!

In dem Augenblick, in dem ich erfahre, du habest in die Scheidung
gewilligt, buesse ich in demselbigen See mein Vergehen, mein Verbrechen".


Wenn sich in einem gluecklichen, friedlichen Zusammenleben Verwandte,
Freunde, Hausgenossen, mehr als noetig und billig ist, von dem
unterhalten, was geschieht oder geschehen soll, wenn sie sich einander
ihre Vorsaetze, Unternehmungen, Beschaeftigungen wiederholt mitteilen
und, ohne gerade wechselseitigen Rat anzunehmen, doch immer das ganze
Leben gleichsam ratschlagend behandeln, so findet man dagegen in
wichtigen Momenten, eben da, wo es scheinen sollte, der Mensch beduerfe
fremden Beistandes, fremder Bestaetigung am allermeisten, dass sich die
einzelnen auf sich selbst zurueckziehen, jedes fuer sich zu handeln,
jedes auf seine Weise zu wirken strebt und, indem man sich einander
die einzelnen Mittel verbirgt, nur erst der Ausgang, die Zwecke, das
Erreichte wieder zum Gemeingut werden.

Nach so viel wundervollen und ungluecklichen Ereignissen war denn auch
ein gewisser stiller Ernst ueber die Freundinnen gekommen, der sich in
einer liebenswuerdigen Schonung aeusserte.

Ganz in der Stille hatte Scharlotte das Kind nach der Kapelle gesendet.


Es ruhte dort als das erste Opfer eines ahnungsvollen Verhaengnisses.

Charlotte kehrte sich, soviel es ihr moeglich war, gegen das Leben
zurueck, und hier fand sie Ottilien zuerst, die ihres Beistandes
bedurfte.

Sie beschaeftigte sich vorzueglich mit ihr, ohne es jedoch merken zu
lassen.

Sie wusste, wie sehr das himmlische Kind Eduarden liebte; sie hatte
nach und nach die Szene, die dem Unglueck vorhergegangen war,
herausgeforscht und jeden Umstand teils von Ottilien selbst, teils
durch Briefe des Majors erfahren.

Ottilie von ihrer Seite erleichterte Charlotten sehr das
augenblickliche Leben.

Sie war offen, ja gespraechig, aber niemals war von dem Gegenwaertigen
oder kurz Vergangenen die Rede.

Sie hatte stets aufgemerkt, stets beobachtet, sie wusste viel; das kam
jetzt alles zum Vorschein.

Sie unterhielt, sie zerstreute Charlotten, die noch immer die stille
Hoffnung naehrte, ein ihr so wertes Paar verbunden zu sehen.

Allein bei Ottilien hing es anders zusammen.

Sie hatte das Geheimnis ihres Lebensganges der Freundin entdeckt; sie
war von ihrer fruehen Einschraenkung, von ihrer Dienstbarkeit entbunden.

Durch ihre Reue, durch ihren Entschluss fuehlte sie sich auch befreit
von der Last jenes Vergehens, jenes Missgeschicks.

Sie bedurfte keiner Gewalt mehr ueber sich selbst; sie hatte sich in
der Tiefe ihres Herzens nur unter der Bedingung des voelligen Entsagens
verziehen, und diese Bedingung war fuer alle Zukunft unerlaesslich. So
verfloss einige Zeit, und Charlotte fuehlte, wie sehr Haus und Park,
Seen, Felsen--und Baumgruppen nur traurige Empfindungen taeglich in
ihnen beiden erneuerten.

Dass man den Ort veraendern muesse, war allzu deutlich, wie es geschehen
solle, nicht so leicht zu entscheiden.

Sollten die beiden Frauen zusammenbleiben?

Eduards frueherer Wille schien es zu gebieten, seine Erklaerung, seine
Drohung es noetig zu machen; allein wie war es zu verkennen, dass beide
Frauen mit allem guten Willen, mit aller Vernunft, mit aller
Anstrengung sich in einer peinlichen Lage nebeneinander befanden?

Ihre Unterhaltungen waren vermeidend.

Manchmal mochte man gern etwas nur halb verstehen, oefters wurde aber
doch ein Ausdruck, wo nicht durch den Verstand, wenigstens durch die
Empfindung missdeutet.

Man fuerchtet sich zu verletzen, und gerade die Furcht war am ersten
verletzbar und verletzte am ersten.

Wollte man den Ort veraendern und sich zugleich, wenigstens auf einige
Zeit, voneinander trennen, so trat die alte Frage wieder hervor, wo
sich Ottilie hinbegeben solle.

Jenes grosse, reiche Haus hatte vergebliche Versuche gemacht, einer
hoffnungsvollen Erbtochter unterhaltende und wetteifernde Gespielinnen
zu verschaffen.

Schon bei der letzten Anwesenheit der Baronesse und neuerlich durch
Briefe war Charlotte aufgefordert worden, Ottilien dorthin zu senden;
jetzt brachte sie es abermals zur Sprache.

Ottilie verweigerte aber ausdruecklich, dahin zu gehen, wo sie
dasjenige finden wuerde, was man grosse Welt zu nennen pflegt.

"Lassen Sie mich, liebe Tante", sagte sie, "damit ich nicht
eingeschraenkt und eigensinnig erscheine, dasjenige aussprechen, was zu
verschweigen, zu verbergen in einem andern Falle Pflicht waere.

Ein seltsam ungluecklicher Mensch, und wenn er auch schuldlos waere, ist
auf eine fuerchterliche Weise gezeichnet.

Seine Gegenwart erregt in allen, die ihn sehen, die ihn gewahr werden,
eine Art von Entsetzen.

Jeder will das Ungeheure ihm ansehen, was ihm auferlegt ward; jeder
ist neugierig und aengstlich zugleich.

So bleibt ein Haus, eine Stadt, worin eine ungeheure Tat geschehen,
jedem furchtbar, der sie betritt.

Dort leuchtet das Licht des Tages nicht so hell, und die Sterne
scheinen ihren Glanz zu verlieren.

Wie gross und hoch vielleicht zu entschuldigen ist gegen solche
Unglueckliche die Indiskretion der Menschen, ihre alberne
Zudringlichkeit und ungeschickte Gutmuetigkeit!




Verzeihen Sie mir, dass ich so rede; aber ich habe unglaublich mit
jenem armen Maedchen gelitten, als es Luciane aus den verborgenen
Zimmern des Hauses hervorzog, sich freundlich mit ihm beschaeftigte, es
in der besten Absicht zu Spiel und Tanz noetigen wollte.

als das arme Kind bange und immer baenger zuletzt floh und in Ohnmacht
sank, ich es in meine Arme fasste, die Gesellschaft erschreckt,
aufgeregt und jeder erst recht neugierig auf die Unglueckselige ward,
da dachte ich nicht, dass mir ein gleiches Schicksal bevorstehe; aber
mein Mitgefuehl, so wahr und lebhaft, ist noch lebendig.

Jetzt kann ich mein Mitleiden gegen mich selbst wenden und mich hueten,
dass ich nicht zu aehnlichen Auftritt Anlass gebe".

"Du wirst aber, liebes Kind", versetzte Charlotte, "dem Anblick der
Menschen dich nirgends entziehen koennen.

Kloester haben wir nicht, in denen sonst eine Freistatt fuer solche
Gefuehle zu finden war".

"Die Einsamkeit macht nicht die Freistatt, liebe Tante", versetzte
Ottilie.

"Die schaetzenswerteste Freistatt ist da zu suchen, wo wir taetig sein
koennen.

Alle Buessungen, alle Entbehrungen sind keineswegs geeignet, uns einem
ahnungsvollen Geschick zu entziehen, wenn es uns zu verfolgen
entschieden ist.

Nur wenn ich im muessigen Zustande der Welt zur Schau dienen soll, dann
ist sie mir widerwaertig und aengstigt mich.

Findet man mich aber freudig bei der Arbeit, unermuedet in meiner
Pflicht, dann kann ich die Blicke eines jeden aushalten, weil ich die
goettlichen nicht zu scheuen brauche".

"Ich muesste mich sehr irren", versetzte Charlotte, "wenn deine Neigung
dich nicht zur Pension zurueckzoege".

"Ja", versetzte Ottilie, "ich leugne es nicht; ich denke es mir als
eine glueckliche Bestimmung, andre auf dem gewoehnlichen Wege zu
erziehen, wenn wir auf dem sonderbarsten erzogen worden.

Und sehen wir nicht in der Geschichte, dass Menschen, die wegen grosser
sittlicher Unfaelle sich in die Wuesten zurueckzogen, dort keineswegs,
wie sie hofften, verborgen und gedeckt waren?

Sie wurden zurueckgerufen in die Welt, um die Verirrten auf den rechten
Weg zu fuehren; und wer konnte es besser als die in den Irrgaengen des
Lebens schon Eingeweihten!

Sie wurden berufen, den Ungluecklichen beizustehen; und wer vermochte
das eher als sie, denen kein irdisches Unheil mehr begegnen konnte!"
"Du waehlst eine sonderbare Bestimmung", versetzte Charlotte. "Ich
will dir nicht widerstreben; es mag sein, wenn auch nur, wie ich hoffe,
auf kurze Zeit".

"Wie sehr danke ich Ihnen", sagte Ottilie, "dass Sie mir diesen Versuch,
diese Erfahrung goennen wollen.

Schmeichle ich mir nicht zu sehr, so soll es mir gluecken.

An jenem Orte will ich mich erinnern, wie manche Pruefungen ich
ausgestanden und wie klein, wie nichtig sie waren gegen die, die ich
nachher erfahren musste.

Wie heiter werde ich die Verlegenheiten der jungen Auschoesslinge
betrachten, bei ihren kindlichen Schmerzen laecheln und sie mit leiser
Hand aus allen kleinen Verirrungen herausfuehren.

Der Glueckliche ist nicht geeignet, Gluecklichen vorzustehen; es liegt
in der menschlichen Natur, immer mehr von sich und von andern zu
fordern, je mehr man empfangen hat.

Nur der Unglueckliche, der sich erholt, weiss fuer sich und andere das
Gefuehl zu naehren, dass auch ein maessiges Gute mit Entzuecken genossen
werden soll".

"Lass mich gegen deinen Vorsatz", sagte Charlotte zuletzt nach einigem
Bedenken, "noch einen Einwurf anfuehren, der mir der wichtigste scheint.


Es ist nicht von dir, es ist von einem Dritten die Rede.

Die Gesinnungen des guten, vernuenftigen, frommen Gehuelfen sind dir
bekannt; auf dem Wege, den du gehst, wirst du ihm jeden Tag werter und
unentbehrlicher sein.

Da er schon jetzt seinem Gefuehl nach nicht gern ohne dich leben mag,
so wird er auch kuenftig, wenn er einmal deine Mitwirkung gewohnt ist,
ohne dich sein Geschaeft nicht mehr verwalten koennen.

Du wirst ihm anfangs darin beistehen, um es ihm hernach zu verleiden".

"Das Geschick ist nicht sanft mit mir verfahren", versetzte Ottilie,
"und wer mich liebt, hat vielleicht nicht viel Besseres zu erwarten.

So gut und verstaendig als der Freund ist, ebenso, hoffe ich, wird sich
in ihm auch die Empfindung eines reinen Verhaeltnisses zu mir
entwickeln; er wird in mir eine geweihte Person erblicken, die nur
dadurch ein ungeheures uebel fuer sich und andre vielleicht aufzuwiegen
vermag, wenn sie sich dem Heiligen widmet, das, uns unsichtbar
umgebend, allein gegen die ungeheuren zudringenden Maechte beschirmen
kann".

Charlotte nahm alles, was das liebe Kind so herzlich geaeussert, zur
stillen ueberlegung.

Sie hatte verschiedentlich, obgleich auf das leiseste, angeforscht, ob
nicht eine Annaeherung Ottiliens zu Eduard denkbar sei; aber auch nur
die leiseste Erwaehnung, die mindeste Hoffnung, der kleinste Verdacht
schien Ottilien aufs tiefste zu ruehren, ja sie sprach sich einst, da
sie es nicht umgehen konnte, hierueber ganz deutlich aus.

"Wenn dein Entschluss", entgegnete ihr Charlotte, "Eduarden zu entsagen,
so fest und unveraenderlich ist, so huete dich nur vor der Gefahr des
Wiedersehens.

In der Entfernung von dem geliebten Gegenstande scheinen wir, je
lebhafter unsere Neigung ist, desto mehr Herr von uns selbst zu werden,
indem wir die ganze Gewalt der Leidenschaft, wie sie sich nach aussen
erstreckte, nach innen wenden; aber wie bald, wie geschwind sind wir
aus diesem Irrtum gerissen, wenn dasjenige, was wir entbehren zu
koennen glaubten, auf einmal wieder als unentbehrlich vor unsern Augen
steht.

Tue jetzt, was du deinen Zustaenden am gemaessesten haeltst; pruefe dich,
ja veraendre lieber deinen gegenwaertigen Entschluss: aber aus dir selbst,
aus freiem, wollendem Herzen.

Lass dich nicht zufaellig, nicht durch ueberraschung in die vorigen
Verhaeltnisse wieder hineinziehen; dann gibt es erst einen Zwiespalt im
Gemuet, der unertraeglich ist.

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