Die Wahlverwandtschaften
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"Der drollige Mann!" rief Eduard aus; "kommt er nicht gerade zur
rechten Zeit, Charlotte?"--"Geschwind zurueck!" befahl er dem
Bedienten; "sage ihm, es tue not, sehr not!
Er soll nur absteigen.
Versorgt sein Pferd; fuehrt ihn in den Saal, setzt ihm ein Fruehstueck
vor!
Wir kommen gleich".
"Lass uns den naechsten Weg nehmen!" sagte er zu seiner Frau und schlug
den Pfad ueber den Kirchhof ein, den er sonst zu vermeiden pflegte.
Aber wie verwundert war er, als er fand, dass Charlotte auch hier fuer
das Gefuehl gesorgt habe.
Mit moeglichster Schonung der alten Denkmaeler hatte sie alles so zu
vergleichen und zu ordnen gewusst, dass es ein angenehmer Raum erschien,
auf dem das Auge und die Einbildungskraft gerne verweilten.
Auch dem aeltesten Stein hatte sie seine Ehre gegoennt.
Den Jahren nach waren sie an der Mauer aufgerichtet, eingefuegt oder
sonst angebracht; der hohe Sockel der Kirche selbst war damit
vermannigfaltigt und geziert.
Eduard fuehlte sich sonderbar ueberrascht, wie er durch die kleine
Pforte hereintrat: er drueckte Charlotten die Hand, und im Auge stand
ihm eine Traene.
Aber der naerrische Gast verscheuchte sie gleich.
Denn dieser hatte keine Ruh im Schloss gehabt, war spornstreichs durchs
Dorf bis an das Kirchhoftor geritten, wo er still hielt und seinen
Freunden entgegenrief: "Ihr habt mich doch nicht zum besten?
Tuts wirklich not, so bleibe ich zu Mittage hier.
Haltet mich nicht auf!
Ich habe heute noch viel zu tun".
"Da Ihr Euch so weit bemueht habt", rief ihm Eduard entgegen, "so
reitet noch vollends herein; wir kommen an einem ernsthaften Orte
zusammen; und seht, wie schoen Charlotte diese Trauer ausgeschmueckt hat!"
"Hier herein", rief der Reiter, "komm ich weder zu Pferde, noch zu
Wagen, noch zu Fusse.
Diese da ruhen in Frieden, mit ihnen habe ich nichts zu schaffen.
Gefallen muss ich mirs lassen, wenn man mich einmal, die Fuesse voran,
hereinschleppt.
Also ists Ernst?" "Ja", rief Charlotte, "recht Ernst! Es ist das
erstemal, dass wir neuen Gatten in Not und Verwirrung sind, woraus wir
uns nicht zu helfen wissen".
"Ihr seht nicht darnach aus", versetzte er, "doch will ichs glauben.
Fuehrt ihr mich an, so lass ich euch kuenftig stecken.
Folgt geschwinde nach!
Meinem Pferde mag die Erholung zugut kommen".
Bald fanden sich die dreie im Saale zusammen; das Essen ward
aufgetragen, und Mittler erzaehlte von seinen heutigen Taten und
Vorhaben. Dieser seltsame Mann war frueherhin Geistlicher gewesen und
hatte sich bei einer rastlosen Taetigkeit in seinem Amte dadurch
ausgezeichnet, dass er alle Streitigkeiten, sowohl die haeuslichen als
die nachbarlichen, erst der einzelnen Bewohner, sodann ganzer
Gemeinden und mehrerer Gutsbesitzer zu stillen und zu schlichten wusste.
Solange er im Dienste war, hatte sich kein Ehepaar scheiden lassen,
und die Landeskollegien wurden mit keinen Haendeln und Prozessen von
dorther behelliget.
Wie noetig ihm die Rechtskunde sei, ward er zeitig gewahr.
Er warf sein ganzes Studium darauf und fuehlte sich bald den
geschicktesten Advokaten gewachsen.
Sein Wirkungskreis dehnte sich wunderbar aus; und man war im Begriff,
ihn nach der Residenz zu ziehen, um das von oben herein zu vollenden,
was er von unten herauf begonnen hatte, als er einen ansehnlichen
Lotteriegewinst tat, sich ein maessiges Gut kaufte, es verpachtete und
zum Mittelpunkt seiner Wirksamkeit machte, mit dem festen Vorsatz oder
vielmehr nach alter Gewohnheit und Neigung, in keinem Hause zu
verweilen, wo nichts zu schlichten und nichts zu helfen waere.
Diejenigen, die auf die Namensbedeutungen aberglaeubisch sind,
behaupten, der Name Mittler habe ihn genoetigt, diese seltsamste aller
Bestimmungen zu ergreifen.
Der Nachtisch war aufgetragen, als der Gast seine Wirte ernstlich
vermahnte, nicht weiter mit ihren Entdeckungen zurueckzuhalten, weil er
gleich nach dem Kaffee fort muesse.
Die beiden Eheleute machten umstaendlich ihre Bekenntnisse; aber kaum
hatte er den Sinn der Sache vernommen, als er verdriesslich vom Tische
auffuhr, ans Fenster sprang und sein Pferd zu satteln befahl.
"Entweder ihr kennt mich nicht", rief er aus, "ihr steht mich nicht,
oder ihr seid sehr boshaft.
Ist denn hier ein Streit?
Ist denn hier eine Huelfe noetig?
Glaubt ihr, dass ich in der Welt bin, um Rat zu geben?
Das ist das duemmste Handwerk, das einer treiben kann.
Rate sich jeder selbst und tue, was er nicht lassen kann.
Geraet es gut, so freue er sich seiner Weisheit und seines Gluecks;
laeufts uebel ab, dann bin ich bei der Hand.
Wer ein uebel los sein will, der weiss immer, was er will; wer was
Bessers will, als er hat, der ist ganz starblind--ja ja!
Lacht nur--er spielt Blindekuh, er ertappts vielleicht; aber was?
Tut, was ihr wollt: es ist ganz einerlei!
Nehmt die Freunde zu euch, lasst sie weg: alles einerlei!
Das Vernuenftigste habe ich misslingen sehen, das Abgeschmackteste
gelingen.
Zerbrecht euch die Koepfe nicht, und wenns auf eine oder die andre
Weise uebel ablaeuft, zerbrecht sie euch auch nicht!
Schickt nur nach mir, und euch soll geholfen werden.
Bis dahin euer Diener!" und so schwang er sich aufs Pferd, ohne den
Kaffee abzuwarten.
"Hier siehst du", sagte Charlotte, "wie wenig eigentlich ein Dritter
fruchtet, wenn es zwischen zwei nah verbundenen Personen nicht ganz im
Gleichgewicht steht.
Gegenwaertig sind wir doch wohl noch verworrner und ungewisser, wenns
moeglich ist, als vorher".
Beide Gatten wuerden auch wohl noch eine Zeitlang geschwankt haben,
waere nicht ein Brief des Hauptmanns im Wechsel gegen Eduards letzten
angekommen.
Er hatte sich entschlossen, eine der ihm angebotenen Stellen
anzunehmen, ob sie ihm gleich keineswegs gemaess war.
Er sollte mit vornehmen und reichen Leuten die Langeweile teilen,
indem man auf ihn das Zutrauen setzte, dass er sie vertreiben wuerde.
Eduard uebersah das ganze Verhaeltnis recht deutlich und malte es noch
recht scharf aus".
"Wollen wir unsern Freund in einem solchen Zustande wissen?" rief er.
"Du kannst nicht so grausam sein, Charlotte!" "der wunderliche Mann,
unser Mittler", versetzte Charlotte, "hat am Ende doch recht.
Alle solche Unternehmungen sind Wagestuecke.
Was daraus werden kann, sieht kein Mensch voraus.
Solche neue Verhaeltnisse koennen fruchtbar sein an Glueck und an Unglueck,
ohne dass wir uns dabei Verdienst oder Schuld sonderlich zurechnen
duerfen.
Ich fuehle mich nicht stark genug, dir laenger zu widerstehen. Lass uns
den Versuch machen!
Das einzige, was ich dich bitte: es sei nur auf kurze Zeit angesehen.
Erlaube mir, dass ich mich taetiger als bisher fuer ihn verwende und
meinen Einfluss, meine Verbindungen eifrig benutze und aufrege, ihm
eine Stelle zu verschaffen, die ihm nach seiner Weise einige
Zufriedenheit gewaehren kann".
Eduard versicherte seine Gattin auf die anmutigste Weise der
lebhaftesten Dankbarkeit.
Er eilte mit freiem, frohem Gemuet, seinem Freunde Vorschlaege
schriftlich zu tun.
Charlotte musste in einer Nachschrift ihren Beifall eigenhaendig
hinzufuegen, ihre freundschaftlichen Bitten mit den seinen vereinigen.
Sie schrieb mit gewandter Feder gefaellig und verbindlich, aber doch
mit einer Art von Hast, die ihr sonst nicht gewoehnlich war; und was
ihr nicht leicht begegnete, sie verunstaltete das Papier zuletzt mit
einem Tintenfleck, der sie aergerlich machte und nur groesser wurde,
indem sie ihn wegwischen wollte.
Eduard scherzte darueber, und weil noch Platz war, fuegte er eine zweite
Nachschrift hinzu: der Freund solle aus diesen Zeichen die Ungeduld
sehen, womit er erwartet werde, und nach der Eile, womit der Brief
geschrieben, die Eilfertigkeit seiner Reise einrichten.
Der Bote war fort, und Eduard glaubte seine Dankbarkeit nicht
ueberzeugender ausdruecken zu koennen, als indem er aber--und abermals
darauf bestand, Charlotte solle zugleich Ottilien aus der Pension
holen lassen.
Sie bat um Aufschub und wusste diesen Abend bei Eduard die Lust zu
einer musikalischen Unterhaltung aufzuregen.
Charlotte spielte sehr gut Klavier, Eduard nicht ebenso bequem die
Floete; denn ob er sich gleich zuzeiten viel Muehe gegeben hatte, so war
ihm doch nicht die Geduld, die Ausdauer verliehen, die zur Ausbildung
eines solchen Talentes gehoert.
Er fuehrte deshalb seine Partie sehr ungleich aus, einige Stellen gut,
nur vielleicht zu geschwind; bei andern wieder hielt er an, weil sie
ihm nicht gelaeufig waren, und so waer es fuer jeden andern schwer
gewesen, ein Duett mit ihm durchzubringen.
Aber Charlotte wusste sich darein zu finden; sie hielt an und liess sich
wieder von ihm fortreissen und versah also die doppelte Pflicht eines
guten Kapellmeisters und einer klugen Hausfrau, die im ganzen immer
das Mass zu erhalten wissen, wenn auch die einzelnen Passagen nicht
immer im Takt bleiben sollten.
Der Hauptmann kam.
Er hatte einen sehr verstaendigen Brief vorausgeschickt, der Charlotten
voellig beruhigte.
Soviel Deutlichkeit ueber sich selbst, soviel Klarheit ueber seinen
eigenen Zustand, ueber den Zustand seiner Freunde gab eine heitere und
froehliche Aussicht.
Die Unterhaltungen der ersten Stunden waren, wie unter Freunden zu
geschehen pflegt, die sich eine Zeitlang nicht gesehen haben, lebhaft,
ja fast erschoepfend.
Gegen Abend veranlasste Charlotte einen Spaziergang auf die neuen
Anlagen.
Der Hauptmann gefiel sich sehr in der Gegend und bemerkte jede
Schoenheit, welche durch die neuen Wege erst sichtbar und geniessbar
geworden.
Er hatte ein geuebtes Auge und dabei ein genuegsames; und ob er gleich
das Wuenschenswerte sehr wohl kannte, machte er doch nicht, wie es
oefters zu geschehen pflegt, Personen, die ihn in dem Ihrigen
herumfuehrten, dadurch einen ueblen Humor, dass er mehr verlangte, als
die Umstaende zuliessen, oder auch wohl gar an etwas Vollkommneres
erinnerte, das er anderswo gesehen.
Als sie die Mooshuette erreichten, fanden sie solche auf das lustige
ausgeschmueckt, zwar nur mit kuenstlichen Blumen und Wintergruen, doch
darunter so schoene Bueschel natuerlichen Weizens und anderer Feld--und
Baumfruechte angebracht, dass sie dem Kunstsinn der Anordnenden zur Ehre
gereichten.
"Obschon mein Mann nicht liebt, dass man seinen Geburts--oder Namenstag
feire, so wird er mir doch heute nicht verargen, einem dreifachen
Feste diese wenigen Kraenze zu widmen".
"Ein dreifaches?" rief Eduard.
-"Ganz gewiss!" versetzte Charlotte; "unseres Freundes Ankunft
behandeln wir billig als ein Fest; und dann habt ihr beide wohl nicht
daran gedacht, dass heute euer Namenstag ist.
Heisst nicht einer Otto so gut als der andere?" Beide Freunde reichten
sich die Haende ueber den kleinen Tisch.
"Du erinnerst mich", sagte Eduard, "an dieses jugendliche
Freundschaftsstueck.--Als Kinder hiessen wir beide so; doch als wir in
der Pension zusammenlebten und manche Irrung daraus entstand, so trat
ich ihm freiwillig diesen huebschen, lakonischen Namen ab".
"Wobei du denn doch nicht gar zu grossmuetig warst", sagte der Hauptmann.
"Denn ich erinnere mich recht wohl, dass dir der Name Eduard besser
gefiel, wie er denn auch, von angenehmen Lippen ausgesprochen, einen
besonders guten Klang hat".
Nun sassen sie also zu dreien um dasselbe Tischchen, wo Charlotte so
eifrig gegen die Ankunft des Gastes gesprochen hatte.
Eduard in seiner Zufriedenheit wollte die Gattin nicht an jene Stunden
erinnern, doch enthielt er sich nicht zu sagen: "fuer ein Viertes waere
auch noch recht gut Platz".
Waldhoerner liessen sich in diesem Augenblick vom Schloss herueber
vernehmen, bejahten gleichsam und bekraeftigten die guten Gesinnungen
und Wuensche der beisammen verweilenden Freunde.
Stillschweigend hoerten sie zu, indem jedes in sich selbst zurueckkehrte
und sein eigenes Glueck in so schoener Verbindung doppelt empfand.
Eduard unterbrach die Pause zuerst, indem er aufstand und vor die
Mooshuette hinaustrat.
"Lass uns", sagte er zu Charlotten, "den Freund gleich voellig auf die
Hoehe fuehren, damit er nicht glaube, dieses beschraenkte Tal nur sei
unser Erbgut und Aufenthalt; der Blick wird oben freier und die Brust
erweitert sich".
"So muessen wir diesmal noch", versetzte Charlotte, "den alten, etwas
beschwerlichen Fusspfad erklimmen; doch, hoffe ich, sollen meine Stufen
und Steige naechstens bequemer bis ganz hinauf leiten".
Und so gelangte man denn ueber Felsen, durch Busch und Gestraeuch zur
letzten Hoehe, die zwar keine Flaeche, doch fortlaufende, fruchtbare
Ruecken bildete.
Dorf und Schloss hinterwaerts waren nicht mehr zu sehen.
In der Tiefe erblickte man ausgebreitete Teiche, drueben bewachsene
Huegel, an denen sie sich hinzogen, endlich steile Felsen, welche
senkrecht den letzten Wasserspiegel entschieden begrenzten und ihre
bedeutenden Formen auf der Oberflaeche desselben abbildeten.
Dort in der Schlucht, wo ein starker Bach den Teichen zufiel, lag
eine Muehle halb versteckt, die mit ihren Umgebungen als ein
freundliches Ruheplaetzchen erschien.
Mannigfaltig wechselten im ganzen Halbkreise, den man uebersah, Tiefen
und Hoehen, Buesche und Waelder, deren erstes Gruen fuer die Folge den
fuellereichsten Anblick versprach.
Auch einzelne Baumgruppen hielten an mancher Stelle das Auge fest.
Besonders zeichnete zu den Fuessen der schauenden Freunde sich eine
Masse Pappeln und Platanen zunaechst an dem Rande des mittleren Teiches
vorteilhaft aus.
Sie stand in ihrem besten Wachstum, frisch, gesund, empor und in die
Breite strebend.
Eduard lenkte besonders auf diese die Aufmerksamkeit seines Freundes.
"Diese habe ich", rief er aus, "in meiner Jugend selbst gepflanzt.
Es waren junge Staemmchen, die ich rettete, als mein Vater, bei der
Anlage zu einem neuen Teil des grossen Schlossgartnens, sie mitten im
Sommer ausroden liess.
Ohne Zweifel werden sie auch dieses Jahr sich durch neue Triebe wieder
dankbar hervortun".
Man kehrte zufrieden und heiter zurueck.
Dem Gaste ward auf dem rechten Fluegel des Schlosses ein freundliches,
geraeumiges Quartier angewiesen, wo er sehr bald Buecher, Papiere und
Instrumente aufgestellt und geordnet hatte, um in seiner gewohnten
Taetigkeit fortzufahren.
Aber Eduard liess ihm in den ersten Tagen keine Ruhe; er fuehrte ihn
ueberall herum, bald zu Pferde, bald zu Fusse, und machte ihn mit der
Gegend, mit dem Gute bekannt; wobei er ihm zugleich die Wuensche
mitteilte, die er zu besserer Kenntnis und vorteilhafterer Benutzung
desselben seit langer Zeit bei sich hegte.
"Das erste, was wir tun sollten", sagte der Hauptmann, "waere, dass ich
die Gegend mit der Magnetnadel aufnaehme.
Es ist das ein leichtes, heiteres Geschaeft, und wenn es auch nicht die
groesste Genauigkeit gewaehrt, so bleibt es doch immer nuetzlich und fuer
den Anfang erfreulich; auch kann man es ohne grosse Beihuelfe leisten
und weiss gewiss, dass man fertig wird.
Denkst du einmal an eine genauere Ausmessung, so laesst sich dazu wohl
auch noch Rat finden".
Der Hauptmann war in dieser Art des Aufnehmens sehr geuebt.
Er hatte die noetige Geraetschaft mitgebracht und fing sogleich an.
Er unterrichtete Eduarden, einige Jaeger und Bauern, die ihm bei dem
Geschaeft behuelflich sein sollten.
Die Tage waren guenstig; die Abende und die fruehsten Morgen brachte er
mit Aufzeichnen und Schraffieren zu.
Schnell war auch alles laviert und illuminiert, und Eduard sah seine
Besitzungen auf das deutlichste aus dem Papier wie eine neue Schoepfung
hervorwachsen.
Er glaubte sie jetzt erst kennenzulernen, sie schienen ihm jetzt erst
recht zu gehoeren.
Es gab Gelegenheit, ueber die Gegend, ueber Anlagen zu sprechen, die man
nach einer solchen uebersicht viel besser zustande bringe, als wenn man
nur einzeln, nach zufaelligen Eindruecken, an der Natur herumversuche.
"Das muessen wir meiner Frau deutlich machen", sagte Eduard. "Tue das
nicht!" versetzte der Hauptmann, der die ueberzeugungen anderer nicht
gern mit den seinigen durchkreuzte, den die Erfahrung gelehrt hatte,
dass die Ansichten der Menschen viel zu mannigfaltig sind, als dass sie,
selbst durch die vernuenftigsten Vorstellungen, auf Einen Punkt
versammelt werden koennten.
"Tue es nicht!" rief er, "sie duerfte leicht irre werden.
Es ist ihr wie allen denen, die sich nur aus Liebhaberei mit solchen
Dingen beschaeftigen, mehr daran gelegen, dass sie etwas tue, als dass
etwas getan werde.
Man tastet an der Natur, man hat Vorliebe fuer dieses oder jenes
Plaetzchen; man wagt nicht, dieses oder jenes Hindernis wegzuraeumen,
man ist nicht kuehn genug, etwas aufzuopfern; man kann sich voraus
nicht vorstellen, was entstehen soll, man probiert, es geraet, es
missraet, man veraendert, veraendert vielleicht, was man lassen sollte,
laesst, was man veraendern sollte, und so bleibt es zuletzt immer ein
Stueckwerk, das gefaellt und anregt, aber nicht befriedigt".
"Gesteh mir aufrichtig", sagte Eduard, "du bist mit ihren Anlagen
nicht zufrieden".
"Wenn die Ausfuehrung den Gedanken erschoepfte, der sehr gut ist, so
waere nichts zu erinnern.
Sie hat sich muehsam durch das Gestein hinaufgequaelt und quaelt nun
jeden, wenn du willst, den sie hinauffuehrt.
Weder nebeneinander noch hintereinander schreitet man mit einer
gewissen Freiheit.
Der Takt des Schrittes wird jeden Augenblick unterbrochen; und was
liesse sich nicht noch alles einwenden!" "Waere es denn leicht anders
zu machen gewesen?" fragte Eduard.
"Gar leicht", versetzte der Hauptmann; "sie durfte nur die eine
Felsenecke, die noch dazu unscheinbar ist, weil sie aus kleinen Teilen
besteht, wegbrechen, so erlangte sie eine schoen geschwungene Wendung
zum Aufstieg und zugleich ueberfluessige Steine, um die Stellen
heraufzumauern, wo der Weg schmal und verkrueppelt geworden waere.
Doch sei dies im engsten Vertrauen unter uns gesagt; sie wird sonst
irre und verdriesslich.
Auch muss man, was gemacht ist, bestehen lassen.
Will man weiter Geld und Muehe aufwenden, so waere von der Mooshuette
hinaufwaerts und ueber die Anhoehe noch mancherlei zu tun und viel
Angenehmes zu leisten".
Hatten auf diese Weise die beiden Freunde am Gegenwaertigen manche
Beschaeftigung, so fehlte es nicht an lebhafter und vergnueglicher
Erinnerung vergangener Tage, woran Charlotte wohl teilzunehmen pflegte.
Auch setzte man sich vor, wenn nur die naechsten Arbeiten erst getan
waeren, an die Reisejournale zu gehen und auch auf diese Weise die
Vergangenheit hervorzurufen.
uebrigens hatte Eduard mit Charlotten allein weniger Stoff zur
Unterhaltung, besonders seitdem er den Tadel ihrer Parkanlagen, der
ihm so gerecht schien, auf dem Herzen fuehlte.
Lange verschwieg er, was ihm der Hauptmann vertraut hatte; aber als er
seine Gattin zuletzt beschaeftigt sah, von der Mooshuette hinauf zur
Anhoehe wieder mit Stuefchen und Pfaedchen sich emporzuarbeiten, so hielt
er nicht laenger zurueck, sondern machte sie nach einigen Umschweifen
mit seinen neuen Einsichten bekannt.
Charlotte stand betroffen.
Sie war geistreich genug, um schnell einzusehen, dass jene recht
hatten; aber das Getane widersprach, es war nun einmal so gemacht; sie
hatte es recht, sie hatte es wuenschenswert gefunden, selbst das
Getadelte war ihr in jedem einzelnen Teile lieb; sie widerstrebte der
ueberzeugung, sie verteidigte ihre kleine Schoepfung, sie schalt auf die
Maenner, die gleich ins Weite und Grosse gingen, aus einem Scherz, aus
einer Unterhaltung gleich ein Werk machen wollten, nicht an die Kosten
denken, die ein erweiterter Plan durchaus nach sich zieht.
Sie war bewegt, verletzt, verdriesslich; sie konnte das Alte nicht
fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen; aber entschlossen wie sie
war, stellte sie sogleich die Arbeit ein und nahm sich Zeit, die Sache
zu bedenken und bei sich reif werden zu lassen.
Indem sie nun auch diese taetige Unterhaltung vermisste, da indes die
Maenner ihr Geschaeft immer geselliger betrieben und besonders die
Kunstgaerten und Glashaeuser mit Eifer besorgten, auch dazwischen die
gewoehnlichen ritterlichen uebungen fortsetzten, als Jagen, Pferdekaufen,
-tauschen, -bereiten und -einfahren, so fuehlte sich Charlotte taeglich
einsamer.
Sie fuehrte ihren Briefwechsel auch um des Hauptmanns willen lebhafter,
und doch gab es manche einsame Stunde.
Desto angenehmer und unterhaltender waren ihr die Berichte, die sie
aus der Pensionsanstalt erhielt.
Einem weitlaeufigen Briefe der Vorsteherin, welcher sich wie gewoehnlich
ueber der Tochter Fortschritte mit Behagen verbreitete, war eine kurze
Nachschrift hinzugefuegt nebst einer Beilage von der Hand eines
maennlichen Gehuelfen am Institut, die wir beide mitteilen.
"Von Ottilien, meine Gnaedige, haette ich eigentlich nur zu wiederholen,
was in meinen vorigen Berichten enthalten ist.
Ich wuesste sie nicht zu schelten, und doch kann ich nicht zufrieden mit
ihr sein.
Sie ist nach wie vor bescheiden und gefaellig gegen andere; aber dieses
Zuruecktreten, diese Dienstbarkeit will mir nicht gefallen.
Euer Gnaden haben ihr neulich Geld und verschiedene Zeuge geschickt.
Das erste hat sie nicht angegriffen, die andern liegen auch noch da,
unberuehrt.
Sie haelt freilich ihre Sachen sehr reinlich und gut und scheint nur in
diesem Sinn die Kleider zu wechseln.
Auch kann ich ihre grosse Maessigkeit im Essen und Trinken nicht loben.
An unserm Tisch ist kein ueberfluss; doch sehe ich nichts lieber, als
wenn die Kinder sich an schmackhaften und gesunden Speisen satt essen.
Was mit Bedacht und ueberzeugung aufgetragen und vorgelegt ist, soll
auch aufgegessen werden.
Dazu kann ich Ottilien niemals bringen.
Ja, sie macht sich irgendein Geschaeft, um eine Luecke auszufuellen, wo
die Dienerinnen etwas versaeumen, nur um eine Speise oder den Nachtisch
zu uebergehen.
Bei diesem allen kommt jedoch in Betrachtung, dass sie manchmal, wie
ich erst spaet erfahren habe, Kopfweh auf der linken Seite hat, das
zwar voruebergeht, aber schmerzlich und bedeutend sein mag.
Soviel von diesem uebrigens so schoenen und lieben Kinde".
"Unsere vortreffliche Vorsteherin laesst mich gewoehnlich die Briefe
lesen, in welchen sie Beobachtungen ueber ihre Zoeglinge den Eltern und
Vorgesetzten mitteilt.
Diejenigen, die an Euer Gnaden gerichtet sind, lese ich immer mit
doppelter Aufmerksamkeit, mit doppeltem Vergnuegen; denn indem wir
Ihnen zu einer Tochter Glueck zu wuenschen haben, die alle jene
glaenzenden Eigenschaften vereinigt, wodurch man in der Welt
emporsteigt, so muss ich wenigstens Sie nicht minder gluecklich preisen,
dass Ihnen in Ihrer Pflegetochter ein Kind beschert ist, das zum Wohl,
zur Zufriedenheit anderer und gewiss auch zu seinem eigenen Glueck
geboren ward. Ottilie ist fast unser einziger Zoegling, ueber den ich
mit unserer so verehrten Vorsteherin nicht einig werden kann.
Ich verarge dieser taetigen Frau keinesweges, dass sie verlangt, man
soll die Fruechte ihrer Sorgfalt aeusserlich und deutlich sehen; aber es
gibt auch verschlossene Fruechte, die erst die rechten, kernhaften sind
und die sich frueher oder spaeter zu einem schoenen Leben entwickeln.
Dergleichen ist gewiss Ihre Pflegetochter.
Solange ich sie unterrichte, sehe ich sie immer gleichen Schrittes
gehen, langsam, langsam vorwaerts, nie zurueck.
Wenn es bei einem Kinde noetig ist, vom Anfange anzufangen, so ist es
gewiss bei ihr.
Was nicht aus dem Vorhergehenden folgt, begreift sie nicht.
Sie steht unfaehig, ja stoeckisch vor einer leicht fasslichen Sache, die
fuer sie mit nichts zusammenhaengt.
Kann man aber die Mittelglieder finden und ihr deutlich machen, so ist
ihr das Schwerste begreiflich.
Bei diesem langsamen Vorschreiten bleibt sie gegen ihre
Mitschuelerinnen zurueck, die mit ganz andern Faehigkeiten immer
vorwaertseilen, alles, auch das Unzusammenhaengende, leicht fassen,
leicht behalten und bequem wieder anwenden.
So lernt sie, so vermag sie bei einem beschleunigten Lehrvortrage gar
nichts; wie es der Fall in einigen Stunden ist, welche von trefflichen,
aber raschen und ungeduldigen Lehrern gegeben werden.
Man hat ueber ihre Handschrift geklagt, ueber ihre Unfaehigkeit, die
Regeln der Grammatik zu fassen.
Ich habe diese Beschwerde naeher untersucht: es ist wahr, sie schreibt
langsam und steif, wenn man so will, doch nicht zaghaft und ungestalt.
Was ich ihr von der franzoesischen Sprache, die zwar mein Fach nicht
ist, schrittweise mitteilte, begriff sie leicht.
Freilich ist es wunderbar: sie weiss vieles und recht gut; nur wenn man
sie fragt, scheint sie nichts zu wissen.
Soll ich mit einer allgemeinen Bemerkung schliessen, so moechte ich
sagen: sie lernt nicht als eine, die erzogen werden soll, sondern als
eine, die erziehen will; nicht als Schuelerin, sondern als kuenftige
Lehrerin.
Vielleicht kommt es Euer Gnaden sonderbar vor, dass ich selbst als
Erzieher und Lehrer jemanden nicht mehr zu loben glaube, als wenn ich
ihn fuer meinesgleichen erklaere.
Euer Gnaden bessere Einsicht, tiefere Menschen--und Weltkenntnis wird
aus meinen beschraenkten, wohlgemeinten Worten das Beste nehmen.
Sie werden sich ueberzeugen, dass auch an diesem Kinde viel Freude zu
hoffen ist.
Ich empfehle mich zu Gnaden und bitte um die Erlaubnis, wieder zu
schreiben, sobald ich glaube, dass mein Brief etwas Bedeutendes und
Angenehmes enthalten werde".
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