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Die Wahlverwandtschaften

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Die Wahlverwandtschaften

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Zuletzt gelang es Ottilien, alles sorgfaeltig wieder einzuschichten;
sie oeffnete hierauf ein verborgenes Fach, das im Deckel angebracht war.


Dort hatte sie kleine Zettelchen und Briefe Eduards, mancherlei
aufgetrocknete Blumenerinnerungen frueherer Spaziergaenge, eine Locke
ihres Geliebten und was sonst noch verborgen.

Noch eins fuegte sie hinzu--es war das Portraet ihres Vaters--und
verschloss das Ganze, worauf sie den zarten Schluessel an dem goldnen
Kettchen wieder um den Hals an ihre Brust hing.

Mancherlei Hoffnungen waren indes in dem Herzen der Freunde rege
geworden.

Charlotte war ueberzeugt, Ottilie werde auf jenen Tag wieder zu
sprechen anfangen; denn sie hatte bisher eine heimliche Geschaeftigkeit
bewiesen, eine Art von heiterer Selbstzufriedenheit, ein Laecheln, wie
es demjenigen auf dem Gesichte schwebt, der Geliebten etwas Gutes und
Erfreuliches verbirgt.

Niemand wusste, dass Ottilie gar manche Stunde in grosser Schwachheit
hinbrachte, aus der sie sich nur fuer die Zeiten, wo sie erschien durch
Geisteskraft emporhielt.

Mittler hatte sich diese Zeit oefters sehen lassen und war laenger
geblieben als sonst gewoehnlich.

Der hartnaeckige Mann wusste nur zu wohl, dass es einen gewissen Moment
gibt, wo allein das Eisen zu schmieden ist.

Ottiliens Schweigen sowie ihre Weigerung legte er zu seinen Gunsten
aus.

Es war bisher kein Schritt zu Scheidung der Gatten geschehen; er
hoffte das Schicksal des guten Maedchens auf irgendeine andere guenstige
Weise zu bestimmen; er horchte, er gab nach, er gab zu verstehen und
fuehrte sich nach seiner Weise klug genug auf.

Allein ueberwaeltigt war er stets, sobald er Anlass fand, sein
Raesonnement ueber Materien zu aeussern, denen er eine grosse Wichtigkeit
beilegte.

Er lebte viel in sich, und wenn er mit andern war, so verhielt er sich
gewoehnlich nur handelnd gegen sie.

Brach nun einmal unter Freunden seine Rede los, wie wir schon oefter
gesehen haben, so rollte sie ohne Ruecksicht fort, verletzte oder
heilte, nutzte oder schadete, wie es sich gerade fuegen mochte.

Den Abend vor Eduards Geburtstage sassen Charlotte und der Major
Eduarden, der ausgeritten war, erwartend beisammen; Mittler ging im
Zimmer auf und ab; Ottilie war auf dem ihrigen geblieben, den
morgenden Schmuck auseinanderlegend und ihrem Maedchen manches
andeutend, welches sie vollkommen verstand und die stummen Anordnungen
geschickt befolgte.

Mittler war gerade auf eine seiner Lieblingsmaterien gekommen. Er
pflegte gern zu behaupten, dass sowohl bei der Erziehung der Kinder als
bei der Leitung der Voelker nichts ungeschickter und barbarischer sei
als Verbote, als verbietende Gesetze und Anordnungen.

"Der Mensch ist von Hause aus taetig", sagte er; "und wenn man ihm zu
gebieten versteht, so faehrt er gleich dahinter her, handelt und
richtet aus.

Ich fuer meine Person mag lieber in meinem Kreise Fehler und Gebrechen
so lange dulden, bis ich die entgegengesetzte Tugend gebieten kann,
als dass ich den Fehler los wuerde und nichts Rechtes an seiner Stelle
saehe.

Der Mensch tut recht gern das Gute, das Zweckmaessige, wenn er nur dazu
kommen kann; er tut es, damit er was zu tun hat, und sinnt darueber
nicht weiter nach als ueber alberne Streiche, die er aus Muessiggang und
langer Weile vornimmt.




Wie verdriesslich ist mirs oft, mit anzuhoeren, wie man die Zehn Gebote
in der Kinderlehre wiederholen laesst.

Das vierte ist noch ein ganz huebsches, vernuenftiges, gebietendes Gebot.


'Du sollst Vater und Mutter ehren'. Wenn sich das die Kinder recht in
den Sinn schreiben, so haben sie den ganzen Tag daran auszuueben.

Nun aber das fuenfte, was soll man dazu sagen?

'Du sollst nicht toeten'.

Als wenn irgendein Mensch im mindesten Lust haette, den andern
totzuschlagen!

Man hasst einen, man erzuernt sich, man uebereilt sich, und in Gefolg von
dem und manchem andern kann es wohl kommen, dass man gelegentlich einen
totschlaegt.

Aber ist es nicht eine barbarische Anstalt, den Kindern Mord und
Totschlag zu verbieten?

Wenn es hiesse: 'sorge fuer des andern Leben, entferne, was ihm
schaedlich sein kann, rette ihn mit deiner eigenen Gefahr; wenn du ihn
beschaedigst, denke, dass du dich selbst beschaedigst': das sind Gebote,
wie sie unter gebildeten, vernuenftigen Voelkern statthaben und die man
bei der Katechismuslehre nur kuemmerlich in dem 'was ist das?'
nachschleppt.

Und nun gar das sechste, das finde ich ganz abscheulich!

Was?

Die Neugierde vorahnender Kinder auf gefaehrliche Mysterien reizen,
ihre Einbildungskraft zu wunderlichen Bildern und Vorstellungen
aufregen, die gerade das, was man entfernen will, mit Gewalt
heranbringen!

Weit besser waere es, dass dergleichen von einem heimlichen Gericht
willkuerlich bestraft wuerde, als dass man vor Kirch und Gemeinde davon
plappern laesst".

In dem Augenblick trat Ottilie herein.

"Du sollst nicht ehebrechen", fuhr Mittler fort.

"Wie grob, wie unanstaendig!

Klaenge es nicht ganz anders, wenn es hiesse: 'du sollst Ehrfurcht haben
vor der ehelichen Verbildung; wo du Gatten siehst, die sich lieben,
sollst du dich darueber freuen und teil daran nehmen wie an dem Glueck
eines heitern Tages.

Sollte sich irgend in ihrem Verhaeltnis etwas trueben, so sollst du
suchen, es aufzuklaeren; du sollst suchen, sie zu beguetigen, sie zu
besaenftigen, ihnen ihre wechselseitigen Vorteile deutlich zu machen,
und mit schoener Uneigennuetzigkeit das Wohl der andern foerdern, indem
du ihnen fuehlbar machst, was fuer ein Glueck aus jeder Pflicht und
besonders aus dieser entspringt, welche Mann und Weib unaufloeslich
verbindet?" Charlotte sass wie auf Kohlen, und der Zustand war ihr um
so aengstlicher, als sie ueberzeugt war, dass Mittler nicht wusste, was
und wo ers sagte, und ehe sie ihn noch unterbrechen konnte, sah sie
schon Ottilien, deren Gestalt sich verwandelt hatte, aus dem Zimmer
gehen.

"Sie erlassen uns wohl das siebente Gebot", sagte Charlotte mit
erzwungenem Laecheln.

"Alle die uebrigen", versetzte Mittler, "wenn ich nur das rette, worauf
die andern beruhen".

Mit entsetzlichem Schrei hereinstuerzend rief Nanny: "sie stirbt!

Das Fraeulein stirbt!

Kommen Sie!

Kommen Sie!" Als Ottilie nach ihrem Zimmer schwankend zurueckgekommen
war, lag der morgende Schmuck auf mehreren Stuehlen voellig ausgebreitet,
und das Maedchen, das betrachtend und bewundernd daran hin und her
ging, rief jubelnd aus: "sehen Sie nur, liebstes Fraeulein, das ist ein
Brautschmuck, ganz Ihrer wert!" Ottilie vernahm diese Worte und sank
auf den Sofa.

Nanny sieht ihre Herrin erblassen, erstarren; sie laeuft zu Charlotten;
man kommt.

Der aerztliche Hausfreund eilt herbei; es scheint ihm nur eine
Erschoepfung.

Er laesst etwas Kraftbruehe bringen; Ottilie weist sie mit Abscheu weg,
ja sie faellt fast in Zuckungen, als man die Tasse dem Munde naehert.

Er fragt mit Ernst und Hast, wie es ihm der Umstand eingab, was
Ottilie heute genossen habe.

Das Maedchen stockt; er wiederholt seine Frage; das Maedchen bekennt,
Ottilie habe nichts genossen.

Nanny scheint ihm aengstlicher als billig.

Er reisst sie in ein Nebenzimmer, Charlotte folgt, das Maedchen wirft
sich auf die Kniee, sie gesteht, dass Ottilie schon lange so gut wie
nichts geniesse.

Auf Andringen Ottiliens habe sie die Speisen an ihrer Statt genossen;
verschwiegen habe sie es wegen bittender und drohender Gebaerden ihrer
Gebieterin, und auch, setzte sie unschuldig hinzu, weil es ihr gar so
gut geschmeckt.

Der Major und Mittler kamen heran; sie fanden Charlotten taetig in
Gesellschaft des Arztes.

Das bleiche himmlische Kind sass, sich selbst bewusst, wie es schien, in
der Ecke des Sofas.

Man bittet sie, sich niederzulegen; sie verweigerts, winkt aber, dass
man das Koefferchen herbeibringe.

Sie setzt ihre Fuesse darauf und findet sich in einer halb liegenden,
bequemen Stellung.

Sie scheint Abschied nehmen zu wollen, ihre Gebaerden druecken den
Umstehenden die zarteste Anhaenglichkeit aus, Liebe, Dankbarkeit,
Abbitte und das herzlichste Lebewohl.

Eduard, der vom Pferde steigt, vernimmt den Zustand, er stuerzt in das
Zimmer, er wirft sich an ihre Seite nieder, fasst ihre Hand und
ueberschwemmt sie mit stummen Traenen.

So bleibt er lange.

Endlich ruft er aus: "soll ich deine Stimme nicht wieder hoeren?

Wirst du nicht mit einem Wort fuer mich ins Leben zurueckkehren?

Gut, gut!

Ich folge dir hinueber; da werden wir mit andern Sprachen reden!" Sie
drueckt ihm kraeftig die Hand, sie blickt ihn lebevoll und liebevoll an,
und nach einem tiefen Atemzug, nach einer himmlischen, stummen
Bewegung der Lippen: "versprich mir zu leben!" ruft sie aus, mit
holder, zaertlicher Anstrengung; doch gleich sinkt sie zurueck.

"Ich versprech es!" rief er ihr entgegen, doch rief er es ihr nur nach;
sie war schon abgeschieden.

Nach einer traenenvollen Nacht fiel die Sorge, die geliebten Reste zu
bestatten, Charlotten anheim.




Der Major und Mittler standen ihr bei.

Eduards Zustand war zu bejammern.

Wie er sich aus seiner Verzweiflung nur hervorheben und einigermassen
besinnen konnte, bestand er darauf, Ottilie sollte nicht aus dem
Schlosse gebracht, sie sollte gewartet, gepflegt, als eine Lebende
behandelt werden; denn sie sei nicht tot, sie koenne nicht tot sein.

Man tat ihm seinen Willen, insofern man wenigstens das unterliess, was
er verboten hatte.

Er verlangte nicht, sie zu sehen.

Noch ein anderer Schreck ergriff, noch eine andere Sorge beschaeftigte
die Freunde.

Nanny, von dem Arzt heftig gescholten, durch Drohungen zum Bekenntnis
genoetigt und nach dem Bekenntnis mit Vorwuerfen ueberhaeuft, war
entflohen.

Nach langem Suchen fand man sie wieder, sie schien ausser sich zu sein.

Ihre Eltern nahmen sie zu sich.

Die beste Begegnung schien nicht anzuschlagen, man musste sie
einsperren, weil sie wieder zu entfliehen drohte.

Stufenweise gelang es, Eduarden der heftigsten Verzweiflung zu
entreissen, aber nur zu seinem Unglueck; denn es ward ihm deutlich, es
ward ihm gewiss, dass er das Glueck seines Lebens fuer immer verloren habe.


Man wagte es ihm vorzustellen, dass Ottilie, in jener Kapelle
beigesetzt, noch immer unter den Lebendigen bleiben und einer
freundlichen, stillen Wohnung nicht entbehren wuerde.

Es fiel schwer, seine Einwilligung zu erhalten, und nur unter der
Bedingung, dass sie im offenen Sarge hinausgetragen und in dem Gewoelbe
allenfalls nur mit einem Glasdeckel zugedeckt und eine immerbrennende
Lampe gestiftet werden sollte, liess er sichs zuletzt gefallen und
schien sich in alles ergeben zu haben.

Man kleidete den holden Koerper in jenen Schmuck, den sie sich selbst
vorbereitet hatte; man setzte ihr einen Kranz von Asterblumen auf das
Haupt, die wie traurige Gestirne ahnungsvoll glaenzten.

Die Bahre, die Kirche, die Kapelle zu schmuecken, wurden alle Gaerten
ihres Schmucks beraubt.

Sie lagen veroedet, als wenn bereits der Winter alle Freude aus den
Beeten weggetilgt haette.

Beim fruehsten Morgen wurde sie im offnen Sarge aus dem Schloss getragen,
und die aufgehende Sonne roetete nochmals das himmlische Gesicht. Die
Begleitenden draengten sich um die Traeger, niemand wollte vorausgehn,
niemand folgen, jedermann sie umgeben, jedermann noch zum letztenmale
ihre Gegenwart geniessen.

Knaben, Maenner und Frauen, keins blieb ungeruehrt.

Untroestlich waren die Maedchen, die ihren Verlust am unmittelbarsten
empfanden.

Nanny fehlte.

Man hatte sie zurueckgehalten, oder vielmehr man hatte ihr den Tag und
die Stunde des Begraebnisses verheimlicht.

Man bewachte sie bei ihren Eltern in einer Kammer, die nach dem Garten
ging.

Als sie aber die Glocken laeuten hoerte, ward sie nur allzubald inne,
was vorging, und da ihre Waechterin aus Neugierde, den Zug zu sehen,
sie verliess, entkam sie zum Fenster hinaus auf einen Gang und von da,
weil sie alle Tueren verschlossen fand, auf den Oberboden.

Eben schwankte der Zug den reinlichen, mit Blaettern bestreuten Weg
durchs Dorf hin.

Nanny sah ihre Gebieterin deutlich unter sich, deutlicher,
vollstaendiger, schoener als alle, die dem Zuge folgten.

ueberirdisch, wie auf Wolken oder Wogen getragen, schien sie ihrer
Dienerin zu winken, und diese, verworren, schwankend, taumelnd,
stuerzte hinab.

Auseinander fuhr die Menge mit einem entsetzlichen Schrei nach allen
Seiten.

Vom Draengen und Getuemmel waren die Traeger genoetigt, die Bahre
niederzusetzen.

Das Kind lag ganz nahe daran; es schien an allen Gliedern
zerschmettert.

Man hob es auf; und zufaellig oder aus besonderer Fuegung lehnte man es
ueber die Leiche, ja es schien selbst noch mit dem letzten Lebensrest
seine geliebte Herrin erreichen zu wollen.

Kaum aber hatten ihre schlotternden Glieder Ottiliens Gewand, ihre
kraftlosen Finger Ottiliens gefaltete Haende beruehrt, als das Maedchen
aufsprang, Arme und Augen zuerst gen Himmel erhob, dann auf die Kniee
vor dem Sarge niederstuerzte und andaechtig entzueckt zu der Herrin
hinaufstaunte.

Endlich sprang sie wie begeistert auf und rief mit heiliger Freude:
"ja, sie hat mir vergeben!

Was mir kein Mensch, was ich mir selbst nicht vergeben konnte, vergibt
mir Gott durch ihren Blick, ihre Gebaerde, ihren Mund.

Nun ruht sie wieder so still und sanft; aber ihr habt gesehen, wie sie
sich aufrichtete und mit entfalteten Haenden mich segnete, wie sie mich
freundlich anblickte!

Ihr habt es alle gehoert, ihr seid Zeugen, dass sie zu mir sagte: 'dir
ist vergeben!'

Ich bin nun keine Moerderin mehr unter euch, sie hat mir verziehen,
Gott hat mir verziehen, und niemand kann mir mehr etwas anhaben".

Umhergedraengt stand die Menge; sie waren erstaunt, sie horchten und
sahen hin und wider, und kaum wusste jemand, was er beginnen sollte.

"Tragt sie nun zur Ruhe!" sagte das Maedchen; "sie hat das Ihrige getan
und gelitten und kann nicht mehr unter uns wohnen".

Die Bahre bewegte sich weiter, Nanny folgte zuerst, und man gelangte
zur Kirche, zur Kapelle.

So stand nun der Sarg Ottiliens, zu ihren Haeupten der Sarg des Kindes,
zu ihren Fuessen das Koefferchen, in ein starkes eichenes Behaeltnis
eingeschlossen.

Man hatte fuer eine Waechterin gesorgt, welche in der ersten Zeit des
Leichnams wahrnehmen sollte, der unter seiner Glasdecke gar
liebenswuerdig dalag.

Aber Nanny wollte sich dieses Amt nicht nehmen lassen; sie wollte
allein, ohne Gesellin bleiben und der zum erstenmal angezuendeten Lampe
fleissig warten.

Sie verlangte dies so eifrig und hartnaeckig, dass man ihr nachgab, um
ein groesseres Gemuetsuebel, das sich befuerchten liess, zu verhueten.




Aber sie blieb nicht lange allein; denn gleich mit sinkender Nacht,
als das schwebende Licht, sein volles Recht ausuebend, einen helleren
Schein verbreitete, oeffnete sich die Tuere, und es trat der Architekt
in die Kapelle, deren fromm verzierte Waende bei so mildem Schimmer
altertuemlicher und ahnungsvoller, als er je haette glauben koennen, ihm
entgegendrangen.

Nanny sass an der einen Seite des Sarges.

Sie erkannte ihn gleich; aber schweigend deutete sie auf die
verblichene Herrin.

Und so stand er auf der andern Seite, in jugendlicher Kraft und Anmut,
auf sich selbst zurueckgewiesen, starr, in sich gekehrt, mit
niedergesenkten Armen, gefalteten, mitleidig gerungenen Haenden, Haupt
und Blick nach der Entseelten hingeneigt.

Schon einmal hatte er so vor Belisar gestanden.

Unwillkuerlich geriet er jetzt in die gleiche Stellung; und wie
natuerlich war sie auch diesmal!

Auch hier war etwas unschaetzbar Wuerdiges von seiner Hoehe herabgestuerzt;
und wenn dort Tapferkeit, Klugheit, Macht, Rang und Vermoegen in einem
Manne als unwiederbringlich verloren bedauert wurden, wenn
Eigenschaften, die der Nation, dem Fuersten in entscheidenden Momenten
unentbehrlich sind, nicht geschaetzt, vielmehr verworfen und
ausgestossen worden, so waren hier soviel andere stille Tugenden, von
der Natur erst kurz aus ihren gehaltreichen Tiefen hervorgerufen,
durch ihre gleichgueltige Hand schnell wieder ausgetilgt, seltene,
schoene, liebenswuerdige Tugenden, deren friedliche Einwirkung die
beduerftige Welt zu jeder Zeit mit wonnevollem Genuegen umfaengt und mit
sehnsuechtiger Trauer vermisst.

Der Juengling schwieg, auch das Maedchen eine Zeitlang; als sie ihm aber
die Traenen haeufig aus dem Auge quellen sah, als er sich im Schmerz
ganz aufzuloesen schien, sprach sie mit so viel Wahrheit und Kraft, mit
so viel Wohlwollen und Sicherheit ihm zu, dass er, ueber den Fluss ihrer
Rede erstaunt, sich zu fassen vermochte und seine schoene Freundin ihm
in einer hoehern Region lebend und wirkend vorschwebte.

Seine Traenen trockneten, seine Schmerzen linderten sich, knieend nahm
er von Ottilien, mit einem herzlichen Haendedruck von Nanny Abschied,
und noch in der Nacht ritt er vom Orte weg, ohne jemand weiter gesehen
zu haben.

Der Wundarzt war die Nacht ueber ohne des Maedchens Wissen in der Kirche
geblieben und fand, als er sie des Morgens besuchte, sie heiter und
getrosten Mutes.

Er war auf mancherlei Verirrungen gefasst; er dachte schon, sie werde
ihm von naechtlichen Unterredungen mit Ottilien und von andern solchen
Erscheinungen sprechen, aber sie war natuerlich, ruhig und sich voellig
selbstbewusst.

Sie erinnerte sich vollkommen aller frueheren Zeiten, aller Zustaende
mit grosser Genauigkeit, und nichts in ihren Reden schritt aus dem
gewoehnlichen Gange des Wahren und Wirklichen heraus als nur die
Begebenheit beim Leichenbegaengnis, die sie mit Freudigkeit oft
wiederholte: wie Ottilie sich aufgerichtet, sie gesegnet, ihr
verziehen und sie dadurch fuer immer beruhigt habe.

Der fortdauernd schoene, mehr schlaf--als todaehnliche Zustand Ottiliens
zog mehrere Menschen herbei.

Die Bewohner und Anwohner wollten sie noch sehen, und jeder mochte
gern aus Nannys Munde das Unglaubliche hoeren; manche, um darueber zu
spotten, die meisten, um daran zu zweifeln, und wenige, um sich
glaubend dagegen zu verhalten.

Jedes Beduerfnis, dessen wirkliche Befriedigung versagt ist, noetigt zum
Glauben.

Die vor den Augen aller Welt zerschmetterte Nanny war durch Beruehrung
des frommen Koerpers wieder gesund geworden; warum sollte nicht auch
ein aehnliches Glueck hier andern bereitet sein?

Zaertliche Muetter brachten zuerst heimlich ihre Kinder, die von
irgendeinem uebel behaftet waren, und sie glaubten eine ploetzliche
Besserung zu spueren.

Das Zutrauen vermehrte sich, und zuletzt war niemand so alt und so
schwach, der sich nicht an dieser Stelle eine Erquickung und
Erleichterung gesucht haette.

Der Zudrang wuchs, und man sah sich genoetigt, die Kapelle, ja ausser
den Stunden des Gottesdienstes die Kirche zu verschliessen.

Eduard wagte sich nicht wieder zu der Abgeschiedenen.

Er lebte nur vor sich hin, er schien keine Traene mehr zu haben, keines
Schmerzes weiter faehig zu sein.

Seine Teilnahme an der Unterhaltung, sein Genuss von Speis und Trank
vermindert sich mit jedem Tage.

Nur noch einige Erquickung scheint er aus dem Glase zu schluerfen, das
ihm freilich kein wahrhafter Prophet gewesen.

Er betrachtet noch immer gern die verschlungenen Namenszuege, und sein
ernstheiterer Blick dabei scheint anzudeuten, dass er auch jetzt noch
auf eine Vereinigung hoffe.

Und wie den Gluecklichen jeder Nebenumstand zu beguenstigen, jedes
Ungefaehr mit emporzuheben scheint, so moegen sich auch gern die
kleinsten Vorfaelle zur Kraenkung, zum Verderben des Ungluecklichen
vereinigen.

Denn eines Tages, als Eduard das geliebte Glas zum Munde brachte,
entfernte er es mit Entsetzen wieder; es war dasselbe und nicht
dasselbe; er vermisst ein kleines Kennzeichen.

Man dringt in den Kammerdiener, und dieser muss gestehen, das echte
Glas sei unlaengst zerbrochen und ein gleiches, auch aus Eduards
Jugendzeit, untergeschoben worden.

Eduard kann nicht zuernen, sein Schicksal ist ausgesprochen durch die
Tat; wie soll ihn das Gleichnis ruehren?

Aber doch drueckt es ihn tief.

Der Trank scheint ihm von nun an zu widerstehen; er scheint sich mit
Vorsatz der Speise, des Gespraechs zu enthalten.

Aber von Zeit zu Zeit ueberfaellt ihn eine Unruhe.

Er verlangt wieder etwas zu geniessen, er faengt wieder an zu sprechen.

"Ach!" sagte er einmal zu dem Major, der ihm wenig von der Seite kam,
"was bin ich ungluecklich, dass mein ganzes Bestreben nur immer eine
Nachahmung, ein falsches Bemuehen bleibt!

Was ihr Seligkeit gewesen, wird mir Pein; und doch, um dieser
Seligkeit willen bin ich genoetigt, diese Pein zu uebernehmen.

Ich muss ihr nach, auf diesem Wege nach; aber meine Natur haelt mich
zurueck und mein Versprechen.

Es ist eine schreckliche Aufgabe, das Unnachahmliche nachzuahmen.

Ich fuehle wohl, Bester, es gehoert Genie zu allem, auch zum
Maertyrertum".

Was sollen wir bei diesem hoffnungslosen Zustande der ehegattlichen,
freundschaftlichen, aerztlichen Bemuehungen gedenken, in welchen sich
Eduards Angehoerige eine Zeitlang hin und her wogten?

Endlich fand man ihn tot.




Mittler machte zuerst diese traurige Entdeckung.

Er berief den Arzt und beobachtete, nach seiner gewoehnlichen Fassung,
genau die Umstaende, in denen man den Verdacht des getroffen hatte.

Charlotte stuerzte herbei; ein Verdacht des Selbstmordes regte sich in
ihr; sie wollte sich, sie wollte die andern einer unverzeihlichen
Unvorsichtigkeit anklagen.

Doch der Arzt aus natuerlichen und Mittler aus sittlichen Gruenden
wussten sie bald vom Gegenteil zu ueberzeugen.

Ganz deutlich war Eduard von seinem Ende ueberrascht worden.

Er hatte, was er bisher sorgfaeltig zu verbergen pflegte, das ihm von
Ottilien uebriggebliebene in einem stillen Augenblick vor sich aus
einem Kaestchen, aus einer Brieftasche ausgebreitet: eine Locke, Blumen,
in gluecklicher Stunde gepflueckt, alle Blaettchen, die sie ihm
geschrieben, von jenem ersten an, das ihm seine Gattin so zufaellig
ahnungsreich uebergeben hatte.

Das alles konnte er nicht einer ungefaehren Entdeckung mit Willen
preisgeben.

Und so lag denn auch dieses vor kurzem zu unendlicher Bewegung
aufgeregte Herz in unstoerbarer Ruhe; und wie er in Gedanken an die
Heilige eingeschlafen war, so konnte man wohl ihn selig nennen.

Charlotte gab ihm seinen Platz neben Ottilien und verordnete, dass
niemand weiter in diesem Gewoelbe beigesetzt werde.

Unter dieser Bedingung machte sie fuer Kirche und Schule, fuer den
Geistlichen und den Schullehrer ansehnliche Stiftungen.

So ruhen die Liebenden nebeneinander.

Friede schwebt ueber ihrer Staette, heitere, verwandte Engelsbilder
schauen vom Gewoelbe auf sie herab, und welch ein freundlicher
Augenblick wird es sein, wenn sie dereinst wieder zusammen erwachen.



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