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Die Wahlverwandtschaften

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Er zaudert, bis ihm gesetzte, verstaendige Leute, die ganz nahe
gegenwaertig gewesen, die selbst zur Rettung der einzelnen beigetragen,
auf das heiligste versichern, dass alle gerettet seien.

Charlotte sieht ihn nach Hause gehen, sie denkt, dass Wein und Tee und
was sonst noetig waere, verschlossen ist, dass ein solchen Faellen die
Menschen gewoehnlich verkehrt handeln; sie eilt durch die zerstreute
Gesellschaft, die sich noch unter den Platanen befindet.

Eduard ist beschaeftigt, jedermann zuzureden: man soll bleiben; in
kurzem gedenkt er das Zeichen zu geben, und das Feuerwerk soll
beginnen.

Charlotte tritt hinzu und bittet ihn, ein Vergnuegen zu verschieben,
das jetzt nicht am Platze sei, das in dem gegenwaertigen Augenblick
nicht genossen werden koenne; sie erinnert ihn, was man dem Geretteten
und dem Retter schuldig sei.

"Der Chirurgus wird schon seine Pflicht tun", versetzte Eduard.

"Er ist mit allem versehen, und unser Zudringen waere nur eine
hinderliche Teilnahme".

Charlotte bestand auf ihrem Sinne und winkte Ottilien, die sich
sogleich zum Weggehen anschickte.

Eduard ergriff ihre Hand und rief: "wir wollen diesen Tag nicht im
Lazarett endigen!

Zur barmherzigen Schwester ist sie zu gut.

Auch ohne uns werden die Scheintoten erwachen und die Lebendigen sich
abtrocknen".

Charlotte schwieg und ging.

Einige folgten ihr, andere diesen; endlich wollte niemand der Letzte
sein, und so folgten alle.

Eduard und Ottilie fanden sich allein unter den Platanen.

Er bestand darauf, zu bleiben, so dringend, so aengstlich sie ihn auch
bat, mit ihr nach dem Schlosse zurueckzukehren.

"Nein, Ottilie!" rief er, "das Ausserordentliche geschieht nicht auf
glattem, gewoehnlichem Wege.

Dieser ueberraschende Vorfall von heute abend bringt uns schneller
zusammen.

Du bist die Meine!

Ich habe dirs schon so oft gesagt und geschworen; wir wollen es nicht
mehr sagen und schwoeren, nun soll es werden".

Der Kahn von der andern Seite schwamm herueber.

Es war der Kammerdiener, der verlegen anfragte, was nunmehr mit dem
Feuerwerk werden sollte.

"Brennt es ab!" rief er ihm entgegen.

"Fuer dich allein war es bestellt, Ottilie, und nun sollst du es auch
allein sehen!

Erlaube mir, an deiner Seite sitzend, es mitzugeniessen".

Zaertlich bescheiden setzte er sich neben sie, ohne sie zu beruehren.

Raketen rauschten auf, Kanonenschlaege donnerten, Leuchtkugeln stiegen,
Schwaermer schlaengelten und platzten, Raeder gischten, jedes erst
einzeln, dann gepaart, dann alle zusammen und immer gewaltsamer
hintereinander und zusammen.

Eduard, dessen Busen brannte, verfolgte mit lebhaft zufriedenem Blick
diese feurigen Erscheinungen.

Ottiliens zartem, aufgeregtem Gemuet war dieses rauschende, blitzende
Entstehen und Verschwinden eher aengstlich als angenehm.

Sie lehnte sich schuechtern an Eduard, dem diese Annaeherung, dieses
Zutrauen das volle Gefuehl gab, dass sie ihm ganz angehoere.

Die Nacht war kaum in ihre Rechte wieder eingetreten, als der Mond
aufging und die Pfade der beiden Rueckkehrenden beleuchtete.

Eine Figur, den Hut in der Hand, vertrat ihnen den Weg und sprach sie
um ein Almosen an, da er an diesem Festlichen Tage versaeumt worden sei.


Der Mond schien ihm ins Gesicht, und Eduard erkannte die Zuege jenes
zudringlichen Bettlers.

Aber so gluecklich wie er war, konnte er nicht ungehalten sein, konnte
es ihm nicht einfallen, dass besonders fuer heute das Betteln hoechlich
verpoent worden.

Er forschte nicht lange in der Tasche und gab ein Goldstueck hin.

Er haette jeden gern gluecklich gemacht, da sein Glueck ohne Grenzen
schien.

Zu Hause war indes alles erwuenscht gelungen.

Die Taetigkeit des Chirurgen, die Bereitschaft alles Noetigen, der
Beistand Charlottens, alles wirkte zusammen, und der Knabe ward wieder
zum Leben hergestellt.

Die Gaeste zerstreuten sich, sowohl um noch etwas vom Feuerwerk aus der
Ferne zu sehen, als auch um nach solchen verworrnen Szenen ihre ruhige
Heimat wieder zu betreten.

Auch hatte der Hauptmann, geschwind umgekleidet, an der noetigen
Vorsorge taetigen Anteil genommen; alles war beruhigt, und er fand sich
mit Charlotten allein.




Mit zutraulicher Freundlichkeit erklaerte er nun, dass seine Abreise
nahe bevorstehe.

Sie hatte diesen Abend so viel erlebt, dass diese Entdeckung wenig
Eindruck auf sie machte; sie hatte gesehen, wie der Freund sich
aufopferte, wie er rettete und selbst gerettet war.

Diese wunderbaren Ereignisse schienen ihr eine bedeutende Zukunft,
aber keine unglueckliche zu weissagen.

Eduarden, der mit Ottilien hereintrat, wurde die bevorstehende Abreise
des Hauptmanns gleichfalls angekuendigt.

Er argwohnte, dass Charlotte frueher um das Naehere gewusst habe, war aber
viel zu sehr mit sich und seinen Absichten beschaeftigt, als dass er es
haette uebel empfinden sollen.

Im Gegenteil vernahm er aufmerksam und zufrieden die gute und
ehrenvolle Lage, in die der Hauptmann versetzt werden sollte.

Unbaendig drangen seine geheimen Wuensche den Begebenheiten vor. Schon
sah er jenen mit Charlotten verbunden, sich mit Ottilien.

Man haette ihm zu diesem Fest kein groesseres Geschenk machen koennen.

Aber wie erstaunt war Ottilie, als sie auf ihr Zimmer trat und den
koestlichen kleinen Koffer auf ihrem Tische fand!

Sie saeumte nicht, ihn zu eroeffnen.

Da zeigte sich alles so schoen gepackt und geordnet, dass sie es nicht
auseinanderzunehmen, ja kaum zu lueften wagte.

Musselin, Batist, Seide, Schals und Spitzen wetteiferten an Feinheit,
Zierlichkeit und Kostbarkeit.

Auch war der Schmuck nicht vergessen.

Sie begriff wohl die Absicht, sie mehr als einmal vom Kopf bis auf den
Fuss zu kleiden; es war aber alles so kostbar und fremd, dass sie sichs
in Gedanken nicht zuzueignen getraute.

Des andern Morgens war der Hauptmann verschwunden und ein dankbar
gefuehltes Blatt an die Freunde von ihm zurueckgeblieben.

Er und Charlotte hatten abends vorher schon halben und einsilbigen
Abschied genommen.

Sie empfand eine ewige Trennung und ergab sich darein; denn in dem
zweiten Briefe des Grafen, den ihr der Hauptmann zuletzt mitteilte,
war auch von einer Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat die Rede, und
obgleich er diesem Punkt keine Aufmerksamkeit schenkte, so hielt sie
doch die Sache schon fuer gewiss und entsagte ihm rein und voellig.

Dagegen glaubte sie nun auch die Gewalt, die sie ueber sich selbst
ausgeuebt, von andern fordern zu koennen.

Ihr war es nicht unmoeglich gewesen, andern sollte das gleiche moeglich
sein.

In diesem Sinne begann sie das Gespraech mit ihrem Gemahl, um so mehr
offen und zuversichtlich, als sie empfand, dass die Sache ein fuer
allemal abgetan werden muesse.

"Unser Freund hat uns verlassen", sagte sie; "wir sind nun wieder
gegeneinander ueber wie vormals, und es kaeme nun wohl auf uns an, ob
wir wieder voellig in den alten Zustand zurueckkehren wollten".

Eduard, der nichts vernahm, als was seiner Leidenschaft schmeichelte,
glaubte, dass Charlotte durch diese Worte den frueheren Witwenstand
bezeichnen und, obgleich auf unbestimmte Weise, zu einer Scheidung
Hoffnung machen wolle.

Er antwortete deshalb mit Laecheln: "warum nicht?

Es kaeme nur darauf an, dass man sich verstaendigte".

Er fand sich daher gar sehr betrogen, als Charlotte versetzte: "auch
Ottilien in eine andere Lage zu bringen, haben wir gegenwaertig nur zu
waehlen; denn es findet sich eine doppelte Gelegenheit, ihr
Verhaeltnisse zu geben, die fuer sie wuenschenswert sind.

Sie kann in die Pension zurueckkehren, da meine Tochter zur Grosstante
gezogen ist; sie kann in ein angesehenes Haus aufgenommen werden, um
mit einer einzigen Tochter alle Vorteile einer standesmaessigen
Erziehung zu geniessen".

"Indessen", versetzte Eduard ziemlich gefasst, "hat Ottilie sich in
unserer freundlichen Gesellschaft so verwoehnt, dass ihr eine andere
wohl schwerlich willkommen sein moechte".

"Wir haben uns alle verwoehnt", sagte Charlotte, "und du nicht zum
letzten.

Indessen ist es eine Epoche, die uns zur Besinnung auffordert, die uns
ernstlich ermahnt, an das Beste saemtlicher Mitglieder unseres kleinen
Zirkels zu denken und auch irgendeine Aufopferung nicht zu versagen".

"Wenigstens finde ich es nicht billig", versetzte Eduard, "dass Ottilie
aufgeopfert werde, und das geschaehe doch, wenn man sie gegenwaertig
unter fremde Menschen hinunterstiesse.

Den Hauptmann hat sein gutes Geschick hier aufgesucht; wir duerfen ihn
mit Ruhe, ja mit Behagen von uns wegscheiden lassen.

Wer weiss, was Ottilien bevorsteht; warum sollten wir uns uebereilen?"
"Was uns bevorsteht, ist ziemlich klar", versetzte Charlotte mit
einiger Bewegung, und da sie die Absicht hatte, ein fuer allemal sich
auszusprechen, fuhr sie fort: "du liebst Ottilien, du gewoehnst dich an
sie.

Neigung und Leidenschaft entspringt und naehrt sich auch von ihrer
Seite.

Warum sollen wir nicht mit Worten aussprechen, was uns jede Stunde
gesteht und bekennt?

Sollen wir nicht soviel Vorsicht haben, uns zu fragen, was das werden
wird?" "Wenn man auch sogleich nicht darauf antworten kann",
versetzte Eduard, der sich zusammennahm, "so laesst sich doch soviel
sagen, dass man eben alsdann sich am ersten entschliesst abzuwarten, was
uns die Zukunft lehren wird, wenn man gerade nicht sagen kann, was aus
einer Sache werden soll".

"Hier vorauszusehen", versetzte Charlotte, "bedarf es wohl keiner
grossen Weisheit, und soviel laesst sich auf alle Faelle gleich sagen, dass
wir beide nicht mehr jung genug sind, um blindlings dahin zu gehen,
wohin man nicht moechte oder nicht sollte.

Niemand kann mehr fuer uns sorgen; wir muessen unsre eigenen Freunde
sein, unsre eigenen Hofmeister.

Niemand erwartet von uns, dass wir uns in ein aeusserstes verlieren
werden, niemand erwartet, uns tadelnswert oder gar laecherlich zu
finden".

"Kannst du mirs verdenken", versetzte Eduard, der die offne, reine
Sprache seiner Gattin nicht zu erwidern vermochte, "kannst du mich
schelten, wenn mir Ottiliens Glueck am Herzen liegt?

Und nicht etwa ein kuenftiges, das immer nicht zu berechnen ist,
sondern ein gegenwaertiges?

Denke dir aufrichtig und ohne Selbstbetrug Ottilien aus unserer
Gesellschaft gerissen und fremden Menschen untergeben--ich wenigstens
fuehle mich nicht grausam genug, ihr eine solche Veraenderung zuzumuten".


Charlotte ward gar wohl die Entschlossenheit ihres Gemahls hinter
seiner Verstellung gewahr.




Erst jetzt fuehlte sie, wie weit er sich von ihr entfernt hatte.

Mit einiger Bewegung rief sie aus: "kann Ottilie gluecklich sein, wenn
sie uns entzweit, wenn sie mir einen Gatten, seinen Kindern einen
Vater entreisst?" "Fuer unsere Kinder, daechte ich, waere gesorgt", sagte
Eduard laechelnd und kalt; etwas freundlicher aber fuegte er hinzu: "wer
wird auch gleich das aeusserste denken!" "Das aeusserste liegt der
Leidenschaft zu allernaechst", bemerkte Charlotte.

"Lehne, solange es noch Zeit ist, den guten Rat nicht ab, nicht die
Huelfe, die ich uns biete.

In trueben Faellen muss derjenige wirken und helfen, der am klarsten
sieht.

Diesmal bin ichs.

Lieber, liebster Eduard, lass mich gewaehren!

Kannst du mir zumuten, dass ich auf mein wohlerworbenes Glueck, auf die
schoensten Rechte, auf dich so geradehin Verzicht leisten soll?" "Wer
sagt das?" versetzte Eduard mit einiger Verlegenheit.

"Du selbst", versetzte Charlotte; "indem du Ottilien in der Naehe
behalten willst, gestehst du nicht alles zu, was daraus entspringen
muss?

Ich will nicht in dich dringen; aber wenn du dich nicht ueberwinden
kannst, so wirst du wenigstens dich nicht lange mehr betriegen koennen".


Eduard fuehlte, wie recht sie hatte.

Ein ausgesprochenes Wort ist fuerchterlich, wenn es das auf einmal
ausspricht, was das Herz lange sich erlaubt hat; und um nur fuer den
Augenblick auszuweichen, erwiderte Eduard: "es ist mir ja noch nicht
einmal klar, was du vorhast".

"Meine Absicht war", versetzte Charlotte, "mit dir die beiden
Vorschlaege zu ueberlegen.

Beide haben viel Gutes.

Die Pension wuerde Ottilien am gemaessesten sein, wenn ich betrachte, wie
das Kind jetzt ist.

Jene groessere und weitere Lage verspricht aber mehr, wenn ich bedenke,
was sie werden soll".

Sie legte darauf umstaendlich ihrem Gemahl die beiden Verhaeltnisse dar
und schloss mit den Worten: "was meine Meinung betrifft, so wuerde ich
das Haus jener Dame der Pension vorziehen aus mehreren Ursachen,
besonders aber auch, weil ich die Neigung, ja die Leidenschaft des
jungen Mannes, den Ottilie dort fuer sich gewonnen, nicht vermehren
will".

Eduard schien ihr Beifall zu geben, nur aber, um einigen Aufschub zu
suchen.

Charlotte, die darauf ausging, etwas Entscheidendes zu tun, ergriff
sogleich die Gelegenheit, als Eduard nicht unmittelbar widersprach,
die Abreise Ottiliens, zu der sie schon alles im stillen vorbereitet
hatte, auf die naechsten Tage festzusetzen.

Eduard schauderte, er hielt sich fuer verraten und die liebevolle
Sprache seiner Frau fuer ausgedacht, kuenstlich und planmaessig, um ihn
auf ewig von seinem Gluecke zu trennen.

Er schien ihr die Sache ganz zu ueberlassen; allein schon war innerlich
sein Entschluss gefasst.

Um nur zu Atem zu kommen, um das bevorstehende unabsehliche Unheil der
Entfernung Ottiliens abzuwenden, entschied er sich, sein Haus zu
verlassen, und zwar nicht ganz ohne Vorbewusst Charlottens, die er
jedoch durch die Einleitung zu taeuschen verstand, dass er bei Ottiliens
Abreise nicht gegenwaertig sein, ja sie von diesem Augenblick an nicht
mehr sehen wolle.

Charlotte, die gewonnen zu haben glaubte, tat ihm allen Vorschub.

Er befahl seine Pferde, gab dem Kammerdiener die noetige Anweisung, was
er einpacken und wie er ihm folgen solle, und so, wie schon im
Stegreife, setzte er sich hin und schrieb.

"Das uebel, meine Liebe, das uns befallen hat, mag heilbar sein oder
nicht, dies nur fuehle ich: wenn ich im Augenblicke nicht verzweifeln
soll, so muss ich Aufschub finden fuer mich, fuer uns alle.

Indem ich mich aufopfre, kann ich fordern.

Ich verlasse mein Haus und kehre nur unter guenstigern, ruhigern
Aussichten zurueck.

Du sollst es indessen besitzen, aber mit Ottilien.

Bei dir will ich sie wissen, nicht unter fremden Menschen.

Sorge fuer sie, behandle sie wie sonst, wie bisher, ja nur immer
liebevoller, freundlicher und zarter.

Ich verspreche, kein heimliches Verhaeltnis zu Ottilien zu suchen.

Lasst mich lieber eine Zeitlang ganz unwissend, wie ihr lebt; ich will
mir das Beste denken.

Denkt auch so von mir.

Nur, was ich dich bitte, auf das innigste, auf das lebhafteste: mache
keinen Versuch, Ottilien sonst irgendwo unterzugeben, in neue
Verhaeltnisse zu bringen!

Ausser dem Bezirk deines Schlosses, deines Parks, fremden Menschen
anvertraut, gehoert sie mir, und ich werde mich ihrer bemaechtigen.

Ehrst du aber meine Neigung, meine Wuensche, meine Schmerzen,
schmeichelst du meinem Wahn, meinen Hoffnungen, so will ich auch der
Genesung nicht widerstreben, wenn sie sich mir anbietet".

Diese letzte Wendung floss ihm aus der Feder, nicht aus dem Herzen.

Ja, wie er sie auf dem Papier sah, fing er bitterlich an zu weinen.

Er sollte auf irgendeine Weise dem Glueck, ja dem Unglueck, Ottilien zu
lieben, entsagen!

Jetzt fuehlte er, was er tat.

Er entfernte sich, ohne zu wissen, was daraus entstehen konnte.

Er sollte sie wenigstens jetzt nicht wiedersehen; ob er sie je
widersaehe, welche Sicherheit konnte er sich darueber versprechen?

Aber der Brief war geschrieben; die Pferde standen vor der Tuer; jeden
Augenblick musste er fuerchten, Ottilien irgendwo zu erblicken und
zugleich seinen Entschluss vereitelt zu sehen.

Er fasste sich; er dachte, dass es ihm doch moeglich sei, jeden
Augenblick zurueckzukehren und durch die Entfernung gerade seinen
Wuenschen naeher zu kommen.

Im Gegenteil stellte er sich Ottilien vor, aus dem Hause gedraengt,
wenn er bliebe.

Er siegelte den Brief, eilte die Treppe hinab und schwang sich aufs
Pferd.

Als er beim Wirtshause vorbeitritt, sah er den Bettler in der Laube
sitzen, den er gestern nacht so reichlich beschenkt hatte.




Dieser sass behaglich an seinem Mittagsmahle, stand auf und neigte
sich ehrerbietig, ja anbetend vor Eduarden.

Eben diese Gestalt war ihm gestern erschienen, als er Ottilien am Arm
fuehrte; nun erinnerte sie ihn schmerzlich an die gluecklichste Stunde
seines Lebens.

Seine Leiden vermehrten sich; das Gefuehl dessen, was er zurueckliess,
war ihm unertraeglich; nochmals blickte er nach dem Bettler: "o du
Beneidenswerter!" rief er aus; "du kannst noch am gestrigen Almosen
zehren und ich nicht mehr am gestrigen Gluecke!" Ottilie trat ans
Fenster, als sie jemanden wegreiten hoerte, und sah Eduarden noch im
Ruecken.

Es kam ihr wunderbar vor, dass er das Haus verliess, ohne sie gesehen,
ohne ihr einen Morgengruss geboten zu haben.

Sie ward unruhig und immer nachdenklicher, als Charlotte sie auf einen
weiten Spaziergang mit sich zog und von mancherlei Gegenstaenden sprach,
aber des Gemahls, und wie es schien vorsaetzlich, nicht erwaehnte.
Doppelt betroffen war sie daher, bei ihrer Zurueckkunft den Tisch nur
mit zwei Gedecken besetzt zu finden.

Wir vermissen ungern gering scheinende Gewohnheiten, aber schmerzlich
empfinden wir erst ein solches Entbehren in bedeutenden Faellen.
Eduard und der Hauptmann fehlten, Charlotte hatte seit langer Zeit zum
erstenmal den Tisch selbst angeordnet, und es wollte Ottilien scheinen,
als wenn sie abgesetzt waere.

Die beiden Frauen sassen gegeneinander ueber; Charlotte sprach ganz
unbefangen von der Anstellung des Hauptmanns und von der wenigen
Hoffnung, ihn bald wiederzusehen.

Das einzige troestete Ottilien in ihrer Lage, dass sie glauben konnte,
Eduard sei, um den Freund noch eine Strecke zu begleiten, ihm
nachgeritten.

Allein da sie von Tische aufstanden, sahen sie Eduards Reisewagen
unter dem Fenster, und als Charlotte einigermassen unwillig fragte, wer
ihn hieher bestellt habe, so antwortete man ihr, es sei der
Kammerdiener, der hier noch einiges aufpacken wolle.

Ottilie brauchte ihre ganze Fassung, um ihre Verwunderung und ihren
Schmerz zu verbergen.

Der Kammerdiener trat herein und verlangte noch einiges.

Es war eine Mundtasse des Herrn, ein paar silberne Loeffel und
mancherlei, was Ottilien auf eine weitere Reise, auf ein laengeres
Aussenbleiben zu deuten schien.

Charlotte verwies ihm sein Begehren ganz trocken: sie verstehe nicht,
was er damit sagen wolle; denn er habe ja alles, was sich auf den
Herrn beziehe, selbst im Beschluss.

Der gewandte Mann, dem es freilich nur darum zu tun war, Ottilien zu
sprechen und sie deswegen unter irgendeinem Vorwande aus dem Zimmer zu
locken, wusste sich zu entschuldigen und auf seinem Verlangen zu
beharren, das ihm Ottilie auch zu gewaehren wuenschte; allein Charlotte
lehnte es ab, der Kammerdiener musste sich entfernen, und der Wagen
rollte fort.

Es war fuer Ottilien ein schrecklicher Augenblick.

Sie verstand es nicht, sie begriff es nicht; aber dass ihr Eduard auf
geraume Zeit entrissen war, konnte sie fuehlen.

Charlotte fuehlte den Zustand mit und liess sie allein.

Wir wagen nicht, ihren Schmerz, ihre Traenen zu schildern.

Sie litt unendlich.

Sie bat nur Gott, dass er ihr nur ueber diesen Tag weghelfen moechte; sie
ueberstand den Tag und die Nacht, und als sie sich wiedergefunden,
glaubte sie, ein anderes Wesen anzutreffen.

Sie hatte sich nicht gefasst, sich nicht ergeben, aber sie war nach so
grossem Verluste noch da und hatte noch mehr zu befuerchten.

Ihre naechste Sorge, nachdem das Bewusstsein wiedergekehrt, war sogleich,
sie moechte nun, nach Entfernung der Maenner, gleichfalls entfernt
werden.

Sie ahnte nichts von Eduards Drohungen, wodurch ihr der Aufenthalt
neben Charlotten gesichert war; doch diente ihr das Betragen
Charlottens zu einiger Beruhigung.

Diese suchte das gute Kind zu beschaeftigen und liess sie nur selten,
nur ungern von sich; und ob sie gleich wohl wusste, dass man mit Worten
nicht viel gegen eine entschiedene Leidenschaft zu wirken vermag, so
kannte sie doch die Macht der Besonnenheit, des Bewusstseins, und
brachte daher manches zwischen sich und Ottilien zur Sprache.

So war es fuer diese ein grosser Trost, als jene gelegentlich mit
Bedacht und Vorsatz die weise Betrachtung anstellte: "wie lebhaft ist",
sagte sie, "die Dankbarkeit derjenigen, denen wir mit Ruhe ueber
leidenschaftliche Verlegenheiten hinaushelfen!

Lass uns freudig und munter in das eingreifen, was die Maenner
unvollendet zurueckgelassen haben; so bereiten wir uns die schoenste
Aussicht auf ihre Rueckkehr, indem wir das, was ihr stuermendes,
ungeduldiges Wesen zerstoeren moechte, durch unsre Maessigung erhalten und
foerdern".

"Da Sie von Maessigung sprechen, liebe Tante", versetzte Ottilie, "so
kann ich nicht bergen, dass mir dabei die Unmaessigkeit der Maenner,
besonders was den Wein betrifft, einfaellt.

Wie oft hat es mich betruebt und geaengstigt, wenn ich bemerken musste,
dass reiner Verstand, Klugheit, Schonung anderer, Anmut und
Liebenswuerdigkeit selbst fuer mehrere Stunden verlorengingen und oft
statt alles des Guten, was ein trefflicher Mann hervorzubringen und zu
gewaehren vermag, Unheil und Verwirrung hereinzubrechen drohte!

Wie oft moegen dadurch gewaltsame Entschliessungen veranlasst werden!"
Charlotte gab ihr recht, doch setzte sie das Gespraech nicht fort; denn
sie fuehlte nur zu wohl, dass auch hier Ottilie bloss Eduarden wieder im
Sinne hatte, der zwar nicht gewoehnlich, aber doch oefter, als es
wuenschenswert war, sein Vergnuegen, seine Gespraechigkeit, seine
Taetigkeit durch einen gelegentlichen Weingenuss zu steigern pflegte.

Hatte bei jener aeusserung Charlottens sich Ottilie die Maenner,
besonders Eduarden, wieder herandenken koennen, so war es ihr um desto
auffallender, als Charlotte von einer bevorstehenden Heirat des
Hauptmanns wie von einer ganz bekannten und gewissen Sache sprach,
wodurch denn alles ein andres Ansehn gewann, als sie nach Eduards
fruehern Versicherungen sich vorstellen mochte.

Durch alles dies vermehrte sich die Aufmerksamkeit Ottiliens auf jede
aeusserung, jeden Wink, jede Handlung, jeden Schritt Charlottens.
Ottilie war klug, scharfsinnig, argwoehnisch geworden, ohne es zu
wissen.

Charlotte durchdrang indessen das einzelne ihrer ganzen Umgebung mit
scharfem Blick und wirkte darin mit ihrer klaren Gewandtheit, wobei
sie Ottilien bestaendig teilzunehmen noetigte.

Sie zog ihren Haushalt ohne Baenglichkeit ins Enge; ja, wenn sie alles
genau betrachtete, so hielt sie den leidenschaftlichen Vorfall fuer
eine Art von gluecklicher Schickung.

Denn auf den bisherigen Wege waere man leicht ins Grenzenlose geraten
und haette den schoenen Zustand reichlicher Gluecksgueter, ohne sich
zeitig genug zu besinnen, durch ein vordringliches Leben und Treiben,
wo nicht zerstoert, doch erschuettert.

Was von Parkanlagen im Gange war, stoerte sie nicht.

Sie liess vielmehr dasjenige fortsetzen, was zum Grunde kuenftiger
Ausbildung liegen musste; aber dabei hatte es auch sein Bewenden. Ihr
zurueckkehrender Gemahl sollte noch genug erfreuliche Beschaeftigung
finden.




Bei diesen Arbeiten und Vorsaetzen konnte sie nicht genug das
Verfahren des Architekten loben.

Der See lag in kurzer Zeit ausgebreitet vor ihren Augen und die
neuentstandenen Ufer zierlich und mannigfaltig bepflanzt und beraset.

An dem neuen Hause ward alle rauhe Arbeit vollbracht, was zur
Erhaltung noetig war, besorgt, und dann machte sie einen Abschluss da,
wo man mit Vergnuegen wieder von vorn anfangen konnte.

Dabei war sie ruhig und heiter; Ottilie schien es nur; denn in allem
beobachtete sie nichts als Symptome, ob Eduard wohl bald erwartet
werde oder nicht.

Nichts interessierte sie an allem als diese Betrachtung.

Willkommen war ihr daher eine Anstalt, zu der man die Bauerknaben
versammelte und die darauf abzielte, den weitlaeufig gewordenen Park
immer rein zu erhalten.

Eduard hatte schon den Gedanken gehegt.

Man liess den Knaben eine Art von heiterer Montierung machen, die sie
in den Abendstunden anzogen, nachdem sie sich durchaus gereinigt und
gesaeubert hatten.

Die Garderobe war im Schloss; dem verstaendigsten, genausten Knaben
vertraute man die Aufsicht an; der Architekt leitete das Ganze, und
ehe man sichs versah, so hatten die Knaben alle ein gewisses Geschick.
Man fand an ihnen eine bequeme Dressur, und sie verrichteten ihr
Geschaeft nicht ohne eine Art von Manoever.

Gewiss, wenn sie mit ihren Scharreisen, gestielten Messerklingen,
Rechen, kleinen Spaten und Hacken und wedelartigen Besen einherzogen,
wenn andre mit Koerben hinterdrein kamen, um Unkraut und Steine
beiseitezuschaffen, andre das hohe, grosse, eiserne Walzenrad hinter
sich herzogen, so gab es einen huebschen, erfreulichen Aufzug, in
welchem der Architekt eine artige Folge von Stellungen und Taetigkeiten
fuer den Fries eines Gartenhauses sich anmerkte; Ottilie hingegen sah
darin nur eine Art von Parade, welche den rueckkehrenden Hausherrn bald
begruessen sollte.

Dies gab ihr Mut und Lust, ihn mit etwas aehnlichem zu empfangen.

Man hatte zeither die Maedchen des Dorfes im Naehen, Stricken, Spinnen
und andern weiblichen Arbeiten zu ermuntern gesucht.

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