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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
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Hermann und Dorothea

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Hermann und Dorothea

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Hermann und Dorothea

Johann Wolfgang Goethe



Inhalt:

Erster Gesang: Kalliope. Schicksal und Anteil
Zweiter Gesang: Terpsichore. Hermann
Dritter Gesang: Thalia. Die Buerger
Vierter Gesang: Euterpe. Mutter und Sohn
Fuenfter Gesang: Polyhymnia. Der Weltbuerger
Sechster Gesang: Klio. Das Zeitalter
Siebenter Gesang: Erato. Dorothea
Achter Gesang: Melpomene. Hermann und Dorothea
Neunter Gesang: Urania. Aussicht




Kalliope
Schicksal und Anteil

"Hab ich den Markt und die Strassen doch nie so einsam gesehen! Ist doch
die Stadt wie gekehrt! wie ausgestorben! Nicht funfzig, Deucht mir,
blieben zurueck von allen unsern Bewohnern. Was die Neugier nicht tut!
So rennt und laeuft nun ein jeder, Um den traurigen Zug der armen
Vertriebnen zu sehen. Bis zum Dammweg, welchen sie ziehn, ist's immer
ein Stuendchen, Und da laeuft man hinab, im heissen Staube des Mittags.
Moecht' ich mich doch nicht ruehren vom Platz, um zu sehen das Elend Guter
fliehender Menschen, die nun, mit geretteter Habe, Leider, das
ueberrheinische Land, das schoene, verlassend, Zu uns herueberkommen und
durch den gluecklichen Winkel Dieses fruchtbaren Tals und seiner Kruemmungen
wandern. Trefflich hast du gehandelt, o Frau, dass du milde den Sohn fort
Schicktest, mit altem Linnen und etwas Essen und Trinken, Um es den Armen
zu spenden; denn Geben ist Sache des Reichen. Was der Junge doch faehrt!
und wie er baendigt die Hengste! Sehr gut nimmt das Kuetschchen sich aus,
das neue; bequemlich Saessen viere darin, und auf dem Bocke der Kutscher.
Diesmal fuhr er allein; wie rollt es leicht um die Ecke!" So sprach, unter
dem Tore des Hauses sitzend am Markte, Wohlbehaglich, zur Frau der Wirt
zum Goldenen Loewen.

Und es versetzte darauf die kluge verstaendige Hausfrau: "Vater, nicht
gerne verschenk ich die abgetragene Leinwand, Denn sie ist zu manchem
Gebrauch und fuer Geld nicht zu haben, Wenn man ihrer bedarf. Doch heute
gab ich so gerne Manches bessere Stueck an Ueberzuegen und Hemden, Denn ich
hoerte von Kindern und Alten, die nackend dahergehn. Wirst du mir aber
verzeihn? denn auch dein Schrank ist gepluendert. Und besonders den
Schlafrock mit indianischen Blumen, Von dem feinsten Kattun, mit feinem
Flanelle gefuettert, Gab ich hin; er ist duenn und alt und ganz aus der Mode."

Aber es laechelte drauf der treffliche Hauswirt und sagte: "Ungern vermiss
ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock, Echt ostindischen Stoffs;
so etwas kriegt man nicht wieder. Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man
will jetzt freilich, der Mann soll Immer gehn im Surtout und in der
Pekesche sich zeigen, Immer gestiefelt sein; verbannt ist Pantoffel und
Muetze."

"Siehe!" versetzte die Frau, "dort kommen schon einige wieder, Die den
Zug mit gesehn; er muss doch wohl schon vorbei sein. Seht, wie allen die
Schuhe so staubig sind! wie die Gesichter Gluehen! und jeglicher fuehrt
das Schnupftuch und wischt sich den Schweiss ab. Moecht' ich doch auch in
der Hitze nach solchem Schauspiel so weit nicht Laufen und leiden!
Fuerwahr, ich habe genug am Erzaehlten."

Und es sagte darauf der gute Vater mit Nachdruck: "Solch ein Wetter ist
selten zu solcher Ernte gekommen, Und wir bringen die Frucht herein, wie
das Heu schon herein ist, Trocken; der Himmel ist hell, es ist kein
Woelkchen zu sehen, Und von Morgen wehet der Wind mit lieblicher Kuehlung.
Das ist bestaendiges Wetter! und ueberreif ist das Korn schon; Morgen
fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte."

Als er so sprach, vermehrten sich immer die Scharen der Maenner Und der
Weiber, die ueber den Markt sich nach Hause begaben; Und so kam auch zurueck
mit seinen Toechtern gefahren Rasch, an die andere Seite des Markts, der
begueterte Nachbar, An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes,
Im geoeffneten Wagen (er war in Landau verfertigt). Lebhaft wurden die
Gassen; denn wohl war bevoelkert das Staedtchen, Mancher Fabriken befliss man
sich da, und manches Gewerbes.

Und so sass das trauliche Paar, sich unter dem Torweg Ueber das wandernde
Volk mit mancher Bemerkung ergoetzend. Endlich aber begann die wuerdige
Hausfrau und sagte: "Seht! dort kommt der Prediger her, es kommt auch der
Nachbar Apotheker mit ihm: die sollen uns alles erzaehlen, Was sie draussen
gesehn und was zu schauen nicht froh macht."

Freundlich kamen heran die beiden und gruessten das Ehpaar, Setzten sich auf
die Baenke, die hoelzernen, unter dem Torweg, Staub von den Fuessen schuettelnd,
und Luft mit dem Tuche sich faechelnd. Da begann denn zuerst, nach
wechselseitigen Gruessen, Der Apotheker zu sprechen und sagte, beinahe
verdriesslich: "So sind die Menschen fuerwahr! und einer ist doch wie der
andre, Dass er zu gaffen sich freut, wenn den Naechsten ein Unglueck befaellet!
Laeuft doch jeder, die Flamme zu sehn, die verderblich emporschlaegt, Jeder
den armen Verbrecher, der peinlich zum Tode gefuehrt wird. Jeder spaziert
nun hinaus, zu schauen der guten Vertriebnen Elend, und niemand bedenkt,
dass ihn das aehnliche Schicksal Auch, vielleicht zunaechst, betreffen kann,
oder doch kuenftig. Unverzeihlich find ich den Leichtsinn; doch liegt er
im Menschen."

Und es sagte darauf der edle verstaendige Pfarrherr, Er, die Zierde der
Stadt, ein Juengling naeher dem Manne. Dieser kannte das Leben und kannte
der Hoerer Beduerfnis, War vom hohen Werte der heiligen Schriften
durchdrungen, Die uns der Menschen Geschick enthuellen und ihre Gesinnung;
Und so kannt' er auch wohl die besten weltlichen Schriften. Dieser
sprach: "Ich tadle nicht gern, was immer dem Menschen Fuer unschaedliche
Triebe die gute Mutter Natur gab; Denn was Verstand und Vernunft nicht
immer vermoegen, vermag oft Solch ein gluecklicher Hang, der unwiderstehlich
uns leitet. Lockte die Neugier nicht den Menschen mit heftigen Reizen,
Sagt! erfuehr' er wohl je, wie schoen sich die weltlichen Dinge
Gegeneinander verhalten? Denn erst verlangt er das Neue, Suchet das
Nuetzliche dann mit unermuedetem Fleisse; Endlich begehrt er das Gute, das
ihn erhebet und wert macht. In der Jugend ist ihm ein froher Gefaehrte
der Leichtsinn, Der die Gefahr ihm verbirgt und heilsam geschwinde die
Spuren Tilget des schmerzlichen Uebels, sobald es nur irgend vorbeizog.
Freilich ist er zu preisen, der Mann, dem in reiferen Jahren Sich der
gesetzte Verstand aus solchem Frohsinn entwickelt, Der im Glueck wie im
Unglueck sich eifrig und taetig bestrebet; Denn das Gute bringt er hervor
und ersetzet den Schaden."

Freundlich begann sogleich die ungeduldige Hausfrau: "Saget uns, was ihr
gesehn; denn das begehrt' ich zu wissen."

"Schwerlich", versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck, "Werd ich so
bald mich freun nach dem, was ich alles erfahren. Und wer erzaehlet es
wohl, das mannigfaltigste Elend! Schon von ferne sahn wir den Staub, noch
eh' wir die Wiesen Abwaerts kamen; der Zug war schon von Huegel zu Huegel
Unabsehlich dahin, man konnte wenig erkennen. Als wir nun aber den Weg,
der quer durchs Tal geht, erreichten, War Gedraeng und Getuemmel noch gross
der Wandrer und Wagen. Leider sahen wir noch genug der Armen vorbeiziehn,
Konnten einzeln erfahren, wie bitter die schmerzliche Flucht sei, Und wie
froh das Gefuehl des eilig geretteten Lebens. Traurig war es zu sehn, die
mannigfaltige Habe, Die ein Haus nur verbirgt, das wohlversehne, und die
ein Guter Wirt umher an die rechten Stellen gesetzt hat, Immer bereit zum
Gebrauche, denn alles ist noetig und nuetzlich, Nun zu sehen das alles, auf
mancherlei Wagen und Karren Durcheinander geladen, mit Uebereilung
gefluechtet. Ueber dem Schranke lieget das Sieb und die wollene Decke, In
dem Backtrog das Bett und das Leintuch ueber dem Spiegel. Ach! und es
nimmt die Gefahr, wie wir beim Brande vor zwanzig Jahren auch wohl gesehn,
dem Menschen alle Besinnung, Dass er das Unbedeutende fasst und das Teure
zuruecklaesst. Also fuehrten auch hier, mit unbesonnener Sorgfalt, Schlechte
Dinge sie fort, die Ochsen und Pferde beschwerend: Alte Bretter und Faesser,
den Gaensestall und den Kaefig. Auch so keuchten die Weiber und Kinder,
mit Buendeln sich schleppend, Unter Koerben und Butten voll Sachen keines
Gebrauches; Denn es verlaesst der Mensch so ungern das Letzte der Habe.
Und so zog auf dem staubigen Weg der draengende Zug fort, Ordnungslos und
verwirrt. Mit schwaecheren Tieren der eine Wuenschte langsam zu fahren, ein
andrer emsig zu eilen. Da entstand ein Geschrei der gequetschten Weiber
und Kinder, Und ein Bloeken des Viehes, dazwischen der Hunde Gebelfer, Und
ein Wehlaut der Alten und Kranken, die hoch auf dem schweren Uebergepackten
Wagen auf Betten sassen und schwankten. Aber, aus dem Gleise gedraengt,
nach dem Rande des Hochwegs Irrte das knarrende Rad; es stuerzt' in den
Graben das Fuhrwerk, Umgeschlagen, und weithin entstuerzten im Schwunge die
Menschen, Mit entsetzlichem Schrein, in das Feld hin, aber doch gluecklich.
Spaeter stuerzten die Kasten und fielen naeher dem Wagen. Wahrlich, wer
im Fallen sie sah, der erwartete nun sie Unter der Last der Kisten und
Schraenke zerschmettert zu schauen. Und so lag zerbrochen der Wagen und
huelflos die Menschen; Denn die uebrigen gingen und zogen eilig vorueber, Nur
sich selber bedenkend und hingerissen vom Strome. Und wir eilten hinzu
und fanden die Kranken und Alten, Die zu Haus und im Bett schon kaum ihr
dauerndes Leiden Truegen, hier auf dem Boden beschaedigt aechzen und jammern,
Von der Sonne verbrannt und erstickt vom wogenden Staube."

Und es sagte darauf geruehrt der menschliche Hauswirt: "Moege doch Hermann
sie treffen und sie erquicken und kleiden. Ungern wuerd' ich sie sehn;
mich schmerzt der Anblick des Jammers. Schon von dem ersten Bericht so
grosser Leiden geruehret, Schickten wir eilend ein Scherflein von unserm
Ueberfluss, dass nur Einige wuerden gestaerkt, und schienen uns selber beruhigt.
Aber lasst uns nicht mehr die traurigen Bilder erneuern; Denn es
beschleichet die Furcht gar bald die Herzen der Menschen, Und die Sorge,
die mehr als selbst mir das Uebel verhasst ist. Tretet herein in den
hinteren Raum, das kuehlere Saelchen. Nie scheint Sonne dahin, nie dringet
waermere Luft dort Durch die staerkeren Mauern; und Muetterchen bringt uns
ein Glaeschen Dreiundachtziger her, damit wir die Grillen vertreiben.
Hier ist nicht freundlich zu trinken; die Fliegen umsummen die Glaeser."
Und sie gingen dahin und freuten sich alle der Kuehlung.

Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines, In geschliffener
Flasche auf blankem zinnernem Runde, Mit den gruenlichen Roemern, den echten
Bechern des Rheinweins. Und so sitzend umgaben die drei den glaenzend
gebohnten Runden, braunen Tisch, er stand auf maechtigen Fuessen. Heiter
klangen sogleich die Glaeser des Wirtes und Pfarrers; Doch unbeweglich
hielt der dritte denkend das seine, Und es fordert' ihn auf der Wirt mit
freundlichen Worten:

"Frisch, Herr Nachbar, getrunken! denn noch bewahrte vor Unglueck Gott uns
gnaedig und wird auch kuenftig uns also bewahren. Denn wer erkennet es
nicht, dass seit dem schrecklichen Brande, Da er so hart uns gestraft, er
uns nun bestaendig erfreut hat Und bestaendig beschuetzt, so wie der Mensch
sich des Auges Koestlichen Apfel bewahrt, der vor allen Gliedern ihm lieb
ist. Sollt' er fernerhin nicht uns schuetzen und Huelfe bereiten? Denn man
sieht es erst recht, wie viel er vermag, in Gefahren; Sollt' er die
bluehende Stadt, die er erst durch fleissige Buerger Neu aus der Asche gebaut
und dann sie reichlich gesegnet, Jetzo wieder zerstoeren und alle Bemuehung
vernichten?"

Heiter sagte darauf der treffliche Pfarrer und milde: "Haltet am Glauben
fest und fest an dieser Gesinnung; Denn sie macht im Gluecke verstaendig und
sicher, im Unglueck Reicht sie den schoensten Trost und belebt die
herrlichste Hoffnung."

Da versetzte der Wirt mit maennlichen, klugen Gedanken: "Wie begruesst' ich
so oft mit Staunen die Fluten des Rheinstroms, Wenn ich, reisend nach
meinem Geschaeft, ihm wieder mich nahte! Immer schien er mir gross und erhob
mir Sinn und Gemuete; Aber ich konnte nicht denken, dass bald sein
liebliches Ufer Sollte werden ein Wall, um abzuwehren den Franken, Und
sein verbreitetes Bett ein allverhindernder Graben. Seht, so schuetzt die
Natur, so schuetzen die wackeren Deutschen Und so schuetzt uns der Herr; wer
wollte toericht verzagen? Muede schon sind die Streiter, und alles deutet
auf Frieden. Moege doch auch, wenn das Fest, das lang erwuenschte,
gefeiert Wird, in unserer Kirche, die Glocke dann toent zu der Orgel, Und
die Trompete schmettert, das hohe,Te Deum. begleitend Moege mein Hermann
doch auch an diesem Tage, Herr Pfarrer, Mit der Braut, entschlossen, vor
Euch am Altare sich stellen, Und das glueckliche Fest, in allen den Landen
begangen, Auch mir kuenftig erscheinen, der haeuslichen Freuden ein Jahrstag!
Aber ungern seh ich den Juengling, der immer so taetig Mir in dem Hause
sich regt, nach aussen langsam und schuechtern. Wenig findet er Lust, sich
unter Leuten zu zeigen; Ja, er vermeidet sogar der jungen Maedchen
Gesellschaft Und den froehlichen Tanz, den alle Jugend begehret."

Also sprach er und horchte. Man hoerte der stampfenden Pferde Fernes
Getoese sich nahn, man hoerte den rollenden Wagen, Der mit gewaltiger Eile
nun donnert' unter den Torweg.




Terpsichore
Hermann

Als nun der wohlgebildete Sohn ins Zimmer hereintrat, Schaute der Prediger
ihm mit scharfen Blicken entgegen Und betrachtete seine Gestalt und sein
ganzes Benehmen Mit dem Auge des Forschers, der leicht die Mienen
entraetselt, Laechelte dann und sprach zu ihm mit traulichen Worten: "Kommt
Ihr doch als ein veraenderter Mensch! Ich habe noch niemals Euch so munter
gesehn und Eure Blicke so lebhaft. Froehlich kommt Ihr und heiter; man
sieht, Ihr habet die Gaben Unter die Armen verteilt und ihren Segen
empfangen."

Ruhig erwiderte drauf der Sohn, mit ernstlichen Worten: "Ob ich loeblich
gehandelt? ich weiss es nicht; aber mein Herz hat Mich geheissen zu tun, so
wie ich genau nun erzaehle. Mutter, Ihr kramtet so lange, die alten
Stuecke zu suchen Und zu waehlen; nur spaet war erst das Buendel zusammen,
Auch der Wein und das Bier ward langsam, sorglich gepacket. Als ich nun
endlich vors Tor und auf die Strasse hinauskam, Stroemte zurueck die Menge
der Buerger mit Weibern und Kindern, Mir entgegen; denn fern war schon der
Zug der Vertriebnen. Schneller hielt ich mich dran und fuhr behende dem
Dorf zu, Wo sie, wie ich gehoert, heut uebernachten und rasten. Als ich
nun meines Weges die neue Strasse hinanfuhr, Fiel mir ein Wagen ins Auge,
von tuechtigen Baeumen gefueget, Von zwei Ochsen gezogen, den groessten und
staerksten des Auslands, Nebenher aber ging mit starken Schritten ein
Maedchen, Lenkte mit langem Stabe die beiden gewaltigen Tiere, Trieb sie an
und hielt sie zurueck, sie leitete klueglich. Als mich das Maedchen
erblickte, so trat sie den Pferden gelassen Naeher und sagte zu mir: "Nicht
immer war es mit uns so Jammervoll, als Ihr uns heut auf diesen Wegen
erblicket. Noch nicht bin ich gewohnt, vom Fremden die Gabe zu heischen,
Die er oft ungern gibt, um los zu werden den Armen; Aber mich draenget die
Not, zu reden. Hier auf dem Strohe Liegt die erst entbundene Frau des
reichen Besitzers, Die ich mit Stieren und Wagen noch kaum, die Schwangre,
gerettet. Spaet nur kommen wir nach, und kaum das Leben erhielt sie.
Nun liegt, neugeboren, das Kind ihr nackend im Arme, Und mit wenigem nur
vermoegen die Unsern zu helfen, Wenn wir im naechsten Dorf, wo wir heute zu
rasten gedenken, Auch sie finden, wiewohl ich fuerchte, sie sind schon
vorueber. Waer' Euch irgend von Leinwand nur was Entbehrliches, wenn Ihr
Hier aus der Nachbarschaft seid, so spendet's guetig den Armen."

Also sprach sie, und matt erhob sich vom Strohe die bleiche Woechnerin,
schaute nach mir; ich aber sagte dagegen: "Guten Menschen fuerwahr spricht
oft ein himmlischer Geist zu, Dass sie fuehlen die Not, die dem armen Bruder
bevorsteht; Denn so gab mir die Mutter, im Vorgefuehle von eurem Jammer,
ein Buendel, sogleich es der nackten Notdurft zu reichen." Und ich loeste
die Knoten der Schnur und gab ihr den Schlafrock Unsers Vaters dahin, und
gab ihr Hemden und Leintuch. Und sie dankte mit Freuden und rief: "Der
Glueckliche glaubt nicht, Dass noch Wunder geschehn; denn nur im Elend
erkennt man Gottes Hand und Finger, der gute Menschen zum Guten Leitet.
Was er durch Euch an uns tut, tu er Euch selber." Und ich sah die
Woechnerin froh die verschiedene Leinwand, Aber besonders den weichen
Flanell des Schlafrocks befuehlen. "Eilen wir", sagte zu ihr die Jungfrau,
"dem Dorf zu, in welchem Unsre Gemeine schon rastet und diese Nacht durch
sich aufhaelt; Dort besorg ich sogleich das Kinderzeug, alles und jedes."
Und sie gruesste mich noch und sprach den herzlichsten Dank aus, Trieb die
Ochsen; da ging der Wagen. Ich aber verweilte, Hielt die Pferde noch an;
denn Zwiespalt war mir im Herzen, Ob ich mit eilenden Rossen das Dorf
erreichte, die Speisen Unter das uebrige Volk zu spenden, oder sogleich
hier Alles dem Maedchen gaebe, damit sie es weislich verteilte. Und ich
entschied mich gleich in meinem Herzen und fuhr ihr Sachte nach und
erreichte sie bald und sagte behende: "Gutes Maedchen, mir hat die Mutter
nicht Leinwand alleine Auf den Wagen gegeben, damit ich den Nackten
bekleide, Sondern sie fuegte dazu noch Speis' und manches Getraenke, Und es
ist mir genug davon im Kasten des Wagens. Nun bin ich aber geneigt, auch
diese Gaben in deine Hand zu legen, und so erfuell ich am besten den
Auftrag; Du verteilst sie mit Sinn, ich muesste dem Zufall gehorchen." Drauf
versetzte das Maedchen: "Mit aller Treue verwend ich Eure Gaben; der
Duerftige soll sich derselben erfreuen." Also sprach sie. Ich oeffnete
schnell die Kasten des Wagens, Brachte die Schinken hervor, die schweren,
brachte die Brote, Flaschen Weines und Biers, und reicht' ihr alles und
jedes. Gerne haett' ich noch mehr ihr gegeben; doch leer war der Kasten.
Alles packte sie drauf zu der Woechnerin Fuessen und zog so Weiter; ich
eilte zurueck mit meinen Pferden der Stadt zu."

Als nun Hermann geendet, da nahm der gespraechige Nachbar Gleich das Wort
und rief: "O gluecklich, wer in den Tagen Dieser Flucht und Verwirrung in
seinem Haus nur allein lebt, Wem nicht Frau und Kinder zur Seite bange
sich schmiegen! Gluecklich fuehl ich mich jetzt; ich moecht' um vieles nicht
heute Vater heissen und nicht fuer Frau und Kinder besorgt sein. Oefters
dacht' ich mir auch schon die Flucht und habe die besten Sachen
zusammengepasst, das alte Geld und die Ketten Meiner seligen Mutter, das
alles noch heilig verwahrt liegt. Freilich bliebe noch vieles zurueck,
das so leicht nicht geschafft wird. Selbst die Kraeuter und Wurzeln, mit
vielem Fleisse gesammelt, Misst' ich ungern, wenn auch der Wert der Ware
nicht gross ist. Bleibt der Provisor zurueck, so geh ich getroestet von
Hause. Hab ich die Barschaft gerettet und meinen Koerper, so hab ich
Alles gerettet; der einzelne Mann entfliehet am leichtsten."

"Nachbar", versetzte darauf der junge Hermann mit Nachdruck, "Keinesweges
denk ich wie Ihr und tadle die Rede. Ist wohl der ein wuerdiger Mann, der
im Glueck und im Unglueck Sich nur allein bedenkt und Leiden und Freuden zu
teilen Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird? Lieber
moecht' ich als je mich heute zur Heirat entschliessen; Denn manch gutes
Maedchen bedarf des schuetzenden Mannes Und der Mann des erheiternden Weibs,
wenn ihm Unglueck bevorsteht."

Laechelnd sagte darauf der Vater: "So hoer ich dich gerne! Solch ein
vernuenftiges Wort hast du mir selten gesprochen."

Aber es fiel sogleich die gute Mutter behend ein: "Sohn, fuerwahr! du hast
recht; wir Eltern gaben das Beispiel. Denn wir haben uns nicht an
froehlichen Tagen erwaehlet, Und uns knuepfte vielmehr die traurigste Stunde
zusammen. Montag morgens--ich weiss es genau, denn Tages vorher war Jener
schreckliche Brand, der unser Staedtchen verzehrte--Zwanzig Jahre sind's
nun; es war ein Sonntag wie heute, Heiss und trocken die Zeit und wenig
Wasser im Orte. Alle Leute waren, spazierend in festlichen Kleidern, Auf
den Doerfern verteilt und in den Schenken und Muehlen. Und am Ende der
Stadt begann das Feuer. Der Brand lief Eilig die Strassen hindurch,
erzeugend sich selber den Zugwind. Und es brannten die Scheunen der
reich gesammelten Ernte, Und es brannten die Strassen bis zu dem Markt, und
das Haus war Meines Vaters hierneben verzehrt und dieses zugleich mit.
Wenig fluechteten wir. Ich sass, die traurige Nacht durch, Vor der Stadt
auf dem Anger, die Kasten und Betten bewahrend; Doch zuletzt befiel mich
der Schlaf, und als nun des Morgens Mich die Kuehlung erweckte, die vor der
Sonne herabfaellt, Sah ich den Rauch und die Glut und die hohlen Mauern und
Essen. Da war beklemmt mein Herz; allein die Sonne ging wieder
Herrlicher auf als je und floesste mir Mut in die Seele. Da erhob ich mich
eilend. Es trieb mich, die Staette zu sehen, Wo die Wohnung gestanden, und
ob sich die Huehner gerettet, Die ich besonders geliebt; denn kindisch war
mein Gemuet noch. Als ich nun ueber die Truemmer des Hauses und Hofes
daherstieg, Die noch rauchten, und so die Wohnung wuest und zerstoert sah,
Kamst du zur andern Seite herauf und durchsuchtest die Staette. Dir war
ein Pferd in dem Stalle verschuettet; die glimmenden Balken Lagen darueber
und Schutt, und nichts zu sehn war vom Tiere. Also standen wir
gegeneinander, bedenklich und traurig: Denn die Wand war gefallen, die
unsere Hoefe geschieden. Und du fasstest darauf mich bei der Hand an und
sagtest: "Lieschen, wie kommst du hieher? Geh weg! du verbrennest die
Sohlen; Denn der Schutt ist heiss, er sengt mir die staerkeren Stiefeln."
Und du hobest mich auf und trugst mich herueber durch deinen Hof weg. Da
stand noch das Tor des Hauses mit seinem Gewoelbe, Wie es jetzt steht; es
war allein von allem geblieben. Und du setztest mich nieder und kuesstest
mich und ich verwehrt' es. Aber du sagtest darauf mit freundlich
bedeutenden Worten: "Siehe, das Haus liegt nieder. Bleib hier, und hilf
mir es bauen, Und ich helfe dagegen auch deinem Vater an seinem." Doch ich
verstand dich nicht, bis du zum Vater die Mutter Schicktest und schnell
das Geluebd' der froehlichen Ehe vollbracht war. Noch erinnr' ich mich
heute des halbverbrannten Gebaelkes Freudig und sehe die Sonne noch immer
so herrlich heraufgehn; Denn mir gab der Tag den Gemahl, es haben die
ersten Zeiten der wilden Zerstoerung den Sohn mir der Jugend gegeben.
Darum lob ich dich, Hermann, dass du mit reinem Vertrauen Auch ein Maedchen
dir denkst in diesen traurigen Zeiten Und es wagtest zu frein im Krieg und
ueber den Truemmern."

Da versetzte sogleich der Vater lebhaft und sagte: "Die Gesinnung ist
loeblich, und wahr ist auch die Geschichte, Muetterchen, die du erzaehlst;
denn so ist alles begegnet. Aber besser ist besser. Nicht einen jeden
betrifft es, Anzufangen von vorn sein ganzes Leben und Wesen; Nicht soll
jeder sich quaelen, wie wir und andere taten, Oh, wie gluecklich ist der,
dem Vater und Mutter das Haus schon Wohlbestellt uebergeben und der mit
Gedeihen es ausziert! Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang
der Wirtschaft. Mancherlei Dinge bedarf der Mensch, und alles wird
taeglich Teurer; da seh er sich vor, des Geldes mehr zu erwerben. Und so
hoff ich von dir, mein Hermann, dass du mir naechstens In das Haus die Braut
mit schoener Mitgift hereinfuehrst; Denn ein wackerer Mann verdient ein
beguetertes Maedchen, Und es behaget so wohl, wenn mit dem gewuenscheten
Weibchen Auch in Koerben und Kasten die nuetzliche Gabe hereinkommt. Nicht
umsonst bereitet durch manche Jahre die Mutter Viele Leinwand der Tochter,
von feinem und starkem Gewebe; Nicht umsonst verehren die Paten ihr
Silbergeraete, Und der Vater sondert im Pulte das seltene Goldstueck: Denn
sie soll dereinst mit ihren Guetern und Gaben Jenen Juengling erfreun, der
sie vor allen erwaehlt hat. Ja, ich weiss, wie behaglich ein Weibchen im
Hause sich findet, Das ihr eignes Geraet in Kuech' und Zimmern erkennet Und
das Bette sich selbst und den Tisch sich selber gedeckt hat. Nur wohl
ausgestattet moecht' ich im Hause die Braut sehn; Denn die Arme wird doch
nur zuletzt vom Manne verachtet, Und er haelt sie als Magd, die als Magd
mit dem Buendel hereinkam. Ungerecht bleiben die Maenner, und die Zeiten
der Liebe vergehen. Ja, mein Hermann, du wuerdest mein Alter hoechlich
erfreuen, Wenn du mir bald ins Haus ein Schwiegertoechterchen braechtest Aus
der Nachbarschaft her, aus jenem Hause, dem gruenen. Reich ist der Mann
fuerwahr: sein Handel und seine Fabriken Machen ihn taeglich reicher: denn
wo gewinnt nicht der Kaufmann? Nur drei Toechter sind da; sie teilen allein
das Vermoegen. Schon ist die aeltste bestimmt, ich weiss es; aber die
zweite Wie die dritte sind noch, und vielleicht nicht lange, zu haben.
Waer' ich an deiner Statt, ich haette bis jetzt nicht gezaudert, Eins mir
der Maedchen geholt, so wie ich das Muetterchen forttrug."

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